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Full text of "Aus Moscheles Leben"

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AUS 



MOSCHELES' LEBEN. 



NACH BRIEFEN UND TAGEBUCHERN 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



SEINER FRAU. 



ERSTER BAND. 




LEIPZIG, 

VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT. 
[872. 



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Das Recht der Uebersetzung sowie alle anderen Reclite vor- 
behalten. 

Die Verlagshandlung. 



VORBERICHT DER HERAUSGEBERIN. 



Die Leser finden in diesen Blattern eine treue und 
wahre Skizze von Moscheles' Lebenund Wirken, sowie von 
der Musikgeschichte seiner Zeit, da er vom Jahre 1814 bis 
an sein Lebensende alles, was ihm begegnete, rait sehr 
geringen Unterbrechungen in sein Tagebuch eintrug. Diese 
Notizen dienen als Grundlage und sind durch Briefe von 
ihm und seiner Prau an Verwandte und Freunde vervoll- 
standigt. 

Es war stets Moscheles' Wunsch, dass die Kunst- 
erfahrungen, die er in seiner beinahe 6ojahrigen Laufbahn 
gemacht, sowie die Beziehungen zu seinen Kunstbriidern 
nach seinem Tode veroffentlicht wiirden; er liess deshalb 
seine Frau, unter seinen Augen, eine Reihe von Jahr- 
gangen im Tagebuche iiberarbeiten, manches mit eigner 
Hand hinzufiigend. Auch pflegte er ihr seine Ueber- 
zeugungen und Anschauungen iiber alles, was ihn bewegte, 
mitzutheilen und zu begriinden, so dass sie gar manches 
nicht Aufgeschriebene treu im Gedachtniss bewahrt. Er 
wollte sie auf diese Weise — falls er ihr voranginge — zur 
Erfiillung dieses Lieblingswunsches vorbereiten. 

Moscheles' Lcbeo. i 



., — 2 — . 

Der Wiile eines geliebten Todten ist heilig, 1st iiber 
personliche Gefuhle und kleinliche Riicksichten erhaben, 
und so iibernimmt die Herausgeberin, wenn auch zaghaft, 
die schwierige Arbeit als sein Vermachtniss. Andere 
hatten sie wohl besser gemacht, Niemand mit so viel 
Liebe. Soil sie ganz in Moscheles* Sinne ausgefiihrt wer- 
den, so muss die grosste Unparteilichkeit vorherrachen. 
Er war streng gegen sich, mild im Urtheil iiber Andere, 
und' wer ihn und sein Wirken treu schildern und erfassen 
will, muss dies stets im Auge behalten. 

Dies Buch will und soil nichts anderes sein, als ein 
Gedenkbuch, das den Kunstgenossen das Streben und 
Schaffen des Kiinstlers Moscheles vorfuhren, den Freunden 
das Bild des Freundes in die Seele zuriickrufen soil. 



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ERSTER ABSCHNITT. 

JUGENDERINNERUNGEN. 

(PRAG UND WrEN. 1794—1814.) 



Die Liicke von seinem ersten Sichbewusst werden bis 
zum Beginn des Tagebuchs (1814) hat Moscheles durch Auf- 
zeichnungen ausgefiillt, die hier grosstentheils ihrem Wort- 
laut nach folgen: 

„Mein Geburtstag fallt auf den 30. Mai 1794, meine 
Vaterstadt 1st Prag. Meine Erinnerungen reichen bis zum 
Beginne des Jahrhunderts zuriick. Ich horte damals viel , 
von der grossen blutigen Revolution in Frankreich reden. 
Militarische Neigungen hatten sich auch der Knabenwelt 
bemsichtigt und das Soldatenspielen nahm kein Ende. 
Selten fehlte ich, wenn die Militar-Musikbande auf dem 
Ring vor der Hauptwache ihre Paradestiicke spielte. Die 
Blaser pflegten sich kleine Jungen zum Halten ihrer Noten 
herbeizurufen, und immer war ich bei der Hand, dies Amt 
zu ubernehmen. „Ich will auch Spielmann werden", 
pilegte ich zu sagen, wenn ich von diesen Strassencon- 
certen begeistert nach Hause kam. 

Meine Mutter war die Giite, Liebe und Freundlichkeit 
selbst; stets thatig fiir den Vater, mit dem sie eine gliick- 
liche Ehe fiihrte und fur uns fiinf Kinder. Der Vater, ein 
Tuchhandler, fand bei aller Geschaftsthatigkeit Musse genug, 
fiir Musik zu schwarmen, Guitarre zu spielen und zu singen. 
Ihm verdanke ich die erste Anregung zu meiner Kiinstler- 
laufbahn; derm er sagte oft: „Eins meiner Kinder muss 
ordentlich musikalisch werden". Das liess mich schon da- 
mals wiinschen, dass ich wohl das Eine sein mb'chte! Aber 
der Vater iing mit der altesten Schwester an. Wenn sie 
Clavierstunde hatte, stand ich gaffend und horchend am 
3 gestrichenen c, womit das kleine Instrument endete, und 
bemerkte, dass der Schwester die Arbeit recht sauer 



— 6 — 

wurde, denn nie konnte sie ihre Sttickchen richtig heraus- 
bringen. Da ich, wenn ich allein war, schon versucht 
hatte, sie mir zusammen zu buchstabiren, — was* ich gar 
nicht schwer fand, — so argerte mich ihre Ungeschick- 
lichkeit und ich vergass mich so weit, einmal in der Lec- 
tion auszurufen: „0 wie dumm! das konnte ich besser 
machen." Der alte Lehrer Zadrakha lachte in den Bart, 
liess mich aber doch auf den Stuhl springen und statt 
meiner Schwester spielen. Sein Bericht an den Vater 
muss giinstig ausgefallen sein, denn einige Tage darauf 
wurde mir plotzlich eroffnet, dass nun statt meiner 
Schwester mit mir ein Versuch gemacht werden solle. 

Wer war froher als ich! Die Clavierstunden begannen 
sofort und ich riickte rasch vor, vielleicht zu rasch fur 
den alten Lehrer, in dessen eintonige Uebungen ich mich 
nicht fugen wollte. Ich abonnirte mich aus meinem Taschen- 
gelde in einer_ musikalischen Leihbibliothek und holte mir 
nicht weniger als ein halbes Dutzend Stiicke auf Einmal, von 
Kozeluch, Eberl, Pleyel u. A., die ich eilig durchfiog. Ob der 
Lehrer dieses Verfahrens iiberdrussig' wurde oder ob der 
Vater ihn entliess, weiss ich nicht; genug, er blieb aus- 

Hausfreunde glaubten meinem Vater und mir einen 
Dienst zu erweisen, wenn sie mich dann und wann in be- 
freundete Familien fiihrten, wo ich ob meiner Leistungen, 
die erbarmlich genug sein mochten, als ein rares Pflanz- 
chen bewundert und gehatschelt wurde. Naturlich schmeck- 
ten mir die Lobeserhebungen, Kiisse und sonstigen Siissig- 
keiten, mit denen mich die Damen ftitterten, doch mein 
Vater setzte diesem Unfuge bald Schranken, indem er ihn 
den leichtsinnigen Freunden verwies. Er hatte die richtige 
Ahnung, dass solches Gebahren nicht geeignet sei, mich 
vorwarts zu bringen. Je mehr sich der musikalische 
Instinct in mir regte, desto zartlicher wurde er mit mir; 
schlich ich mich aber von den verhassten Fingeriibungen 
fort, um Sabelscheiden, Helme und sonstiges Soldatenspiel- 
werk aus Pappe anzufertigen und unter meine Compagnie 
zu vertheilen, so machte ich ihm und mir bittere Momente. 
Ich hatte doch als Hauptmann meine Pflichten, urid es er- 



— 7 .— 

schien mir ungerecht, dass ich meine Rotte nicht mit 
neuen Monturen versorgen sollte. 

Unter meinem neuen Musiklehrer, Horzelsky, war ich 
inzwischen (in den Mussestunden, welche der Besuch der 
Teinschule mir iibrig liess) zum Studium grosserer Stiicke 
vorgeschritten. Der kaum siebenjahrige Knabe wagte sich 
sogar an Beethoven's Sonate pathetique. Man denke sich, 
wie er sie spielte, denke sich auch das Beethoven-Fieber, 
das mich damals befiel, und mich antrieb, auch die iibrigen 
Hauptwerke des grossen Meisters zu radbrechen. 

Auch diesem Unfug steuerte mein Vater, indem er 
mich zu Dionys Weber fuhrte. „Ich komme zu Ihnen, 
unserm ersten Musiker", redete er ihn an, „um.mir auf- 
richtige Wahrheit statt Lobhudelei zu holen, um zu er- 
mitteln, ob mein Junge wirklich so viel Talent hat, dass 
Sie einen toichtigen Musiker aus ihm machen konnen!" 

Natiirhch sollte ich nun vorspielen, und ich war Stum- 
per genug, um es mit einigem Stolz zu thun. Die Mutter 
hatte mich in meinen besten Staat geworfen, ich spielte 
mein bestes Stuck, Beethoven's Sonate pathetique. Wie- 
war ich aber erstaunt, weder durch Bravo's unterbrochen, 
noch mit Lob iiberschiittet zu werden; ja, wie ward mir 
erst bei Weber's Ausspruch zu Muthe: „Aufrichtig gesagt, 
der Junge ist auf ganz falschem Wege; denn er hudelt 
grosse Werke herunter, denen er nicht gewachsen ist, die 
er nicht versteht. Aber Talent ist da, und ich konnte 
schon etwas aus ihm machen, wennSie ihn mirauf drei Jahre 
ubergeben und meinen Plan buchstablich befolgen. Er muss 
das erste Jahr Mozart, das zweite Clementi und das dritte 
Bach spielen, aber nur das — von Beethoven noch keine 
Note; und fahrt er fort, aus Leihbibliotheken zu lesen, so 
sind wir geschiedene Leute." 

Mein Vater ging auf alles ein, und ich bekam auf 
dem Heimwege noch manche goldene Lehre, den nunmehr 
beginnenden Ernst meiner Studien betreffend. Machte ich 
sie gewissenhaft durch, so wiirde ich Ehre auf mich selbst, 
den Vater und die ganze Familie haufen, hiess es. 

Ich hatte diese weit entfernte Aussicht nur zu gern 



— 8 — 

fur meinen Beethoven und die stets wechselnden Geniisse 
meiner Leihbibliothek hingegeben. Doch war ich nun ein- 
mal aus dem Garten Eden hinausgejagt und musste an- 
fangen, im Schweisse meines Angesichts zu arbeiten. Mein 
Vater hielt strenge Nachfrage bei Weber, aus dessen 
Lectionen er mich meistens selbst abholte, und hatte ich 
ein recht gutes Zeugniss, so war allemal ein Besuch beim 
Conditor raeine Belohnung. "Weber und sein Zeitgenosse 
Tomaschek standen einander feindlich geg-cniiber, da 
Ersterer die Deutsche, Letzterer die italienische Richtung 
vertrat. .,Wen giebt es denn noch ausser Mozart, de- 
menti und Bach?" meinte Ersterer. „Lauter verriickte 
Narren, die den jungen Leuten die Kopfe verdrehen; der 
Beethoven, geschickt wie er ist, schreibt auch viel tolles 
Zeug, — bringt dieSchiiler auf Abwege". Fiir Mozart's Schon- 
heiten konnte er sich mit jugendlichem Feuer begeistern; 
in Bach's geniale Verkettungen ging er gern mit mir ein 
und erkiarte sie aus dem Schatze seines theoretischen 
Wissens. Seine eigenen Compositionen machten kein 
Gliick. Es fand sich kein Verleger dafiir; er liess sie auf 
eigene Kosten lithographiren, und so lagen sie stossweise 
in seinem Studirzimmer. Als er anfing, sich iiber meine 
Fortschritte zu freuen, liess er sie mich bei den Grafen 
Clam-Gallas undSchlick in seiner Gegenwart spielen; doch 
verschafFte ihnen das eben so wenig Popularitat, als meine 
spateren Bemiihungen fur ihn in Wien. Tomaschek dagegen 
war ganz verschiedener Ansicht; bekanntlich haben auch 
seine Compositionen nie durchgegriffen.- 

Eines Tages , als Weber meinem Vater wiederholt 
versichert hatte: es konne etwas aus mir werden, belohnte 
mich dieser, indem er mich zum ersten Mai in's Theater 
fiihrte. Es wurde der „ Achilles" von Paer gegeben, eine 
Oper, die eben damals neu war und in der mir der Trauer- 
marsch besonders wohl gefiel. Ich spielte ihn beim Nach- 
hausekommen richtig nach und entlockte dem, guten Vater 
Freudenthranen. Der Opernbesuch, der mir nun ofters ge- 
stattet war, wurde mir eine Quelle der herrlichsten Geniisse. 

Wollte Gott, ich hatte den vortrefflichen, einsichtsvollen 



\:r-iym 



— g — 

Vater noch langebesessen! Aber ein Nervenfieber raffteihn 
plotzlich dahin, und im vierzehnten Jahre stand ich wei- 
nend an seinem Sarge. Die Zeit hat meinen Schmerz ge- 
mildert, nicht aber meine Dankbarkeit und Liebe erkalten 
lassen. Sein Wunsch, meine erste Composition zu horen, 
den er noch wiederholt wahrend seiner Krankheit aus- 
sprach, sollte unerfullt bleiben; aber sein, Tod und die 
wenig gunstigen Umstande, in denen er seine Familie zu- 
riickliess, wurden die Ursache meines erst en of fen t- 
lichen Auftretens in Prag. 

Weber meinte, ich konne und diirfe nun auf eigenen 
Fiissen stehen; er Hess mich das Concert, das ich in Ar- 
beit hatte, beenden, und dann eine musikalische Abend- 
unterhaltung geben, die. mir viel Beifall und einige Sub- 
sistenzmittel eintrug". Die Mutter fand darin den grossten 
Trost. Ein alter Onkel aber behauptete, ich ginge meinem 
Ruin entgegen, wiirde doch nur zum Tanz aufspielen; ja, 
ware ich Kaufmann geworden und hatte das Gliick mich 
vielleicht nach der reichen Handelsstadt Hamburg gefiihrt, 
wer konnte wissen, ob mir nicht ein grosser Kaufmann 
seine Tochter zur Frau gegeben hatte! Nun, ich bin kein 
„Bierfiedler" geworden, wie der gute Alte mich zuweilen 
auch zu nennen pflegte, bin auch nicht auf s Comptoir ge- 
kommen. Der zweite Theil seines Wunsch es aber ist spater 
doch in Erfullung gegangen: ich bin in Hamburg gewesen 
und habe eine Hamburgerin heimgefiihrt." 

Nicht lange nach dem Tode des Vaters sandte die 
Mutter den kleinen Virtuosen, wie schwer es ihr auch an- 
kommen mochte, auf den Rath der Freunde, nach Wien, 
wo er sich weiter fortbilden und sich eine selbstandige 
Existenz begriinden sollte. Dankbar gedenkt er der he*rz- 
Iichen Aufhahme und zartlichen Obsorge, die er bei den 
Familien Lewinger und Eskeles und im Hause des Italieners 
Artaria fand (der spater seine ersten Compositionen ver- 
legte). Weniger liebenswiirdig nahm ihn eine Verwandte 
des Eskeles'schen Hauses, Frau v. Pereira auf. 

„Wie die Baronin Eskeles, so gab auch sie grosse mu- 
sikalische G-esellschaften, in denen auch ich mitwirken 



— io 

durfte. Die Tochter des Hauses hatte bei Streicher Un- 
terricht gehabt, beide —? Lehrer und Schulerin — bil- 
deten sich ein, sie allein seien die echten und rechten 
Clavierspieler. Frau von Pereira rieth mir, ihre Tochter 
recht oft zu horen, und von ihr zu lernen, dann aber auch 
bei Streicher Lection zu ' nehmen. Ersteres erschien mir 
ihrerseits anmassend, letzteres meinerseits undankbar. Ich 
hatte meinem Weber so viel zu verdanken; nun sollte ich 
als Ueberlaufer zu einer anderen Fahne schworen? Das 
konnte ich nicht. Nein, ich wollte auf der Grundlage, die 
Weber so miihsam zusammengetragen, allein weiter bauen, 
Alles horen und prufen, mir das Gute nach besten Kraften 
aneignen, aber immer sein dankbarer Schiiler bleiben." 

So unterliess er denn nicht, Streicher aufzusuchen, 
und gern bekennt er, dass er manches von ihm gelernt 
habe, ohne sich jedoch an seine Vortragsweise zu binden. 
Ebenso ging er aber auch in die musikalischen Abend- 
unterhaltungen der namhaftesten Dilettantinnen, an denen 
damals die Wiener Gesellschaft reich war. Viele dieserDamen 
waren trefflich geschult und hatten an Zartheit und Aus- 
druck im Anschlag gar manche Vorziige vor dem jungen 
Moscheles voraus, die dieser bescheiden anerkannte undschon 
nach kurzer Zeit ihnen abzulauschen wusste. Gleichzeitig 
studirte er eifrig die Theorie der Musik beim Domkapell- 
meister Albrechtsberger, der ihm zum Schluss folgendes 
curiose Zeugniss ausstellte: 

ATTESTATUM. 

Endesunterschriebener bezeuget hiermit, dass der Ignatz 
Moscheles durch einige Monate bei mir die Musikalische Satz- 
ktlnst so gut erlernet habe, dass er im Stande ist (indem er 
auch auf dem Eortepiano und auf der Orgel meisterlich 
spielt) sein Brod mit beyden Kiinsten uberall zu verdienen. 

Und da er jetzt Willens ist Reysen zu machen, so 
fmde ich's fur billig ihn aller Orten bestens anzuempfehlen. 

Wien den 28. September 1808. 

(Siegel.) Georgius Albrechtsberger, 

Kapellmeister in der Domkirche 
zu St. Stephan. 



"i?.; 



— II — 

„Es versteht sich von selbst" (fahrt Moscheles fort), 
„dass der grosse Beethoven der Gegenstand meiner heilig- 
sten Verehrung war. Bei meiner hohen Meinung von ihm 
konnte ich es nicht begreifen, wie die (eben erwahnten) 
Damen der Wiener Gesellschaft den Muth fanden, ihn zu 
ihren musikalischen Vorfiihrungen einzuladen und ihm 
seine Compositionen vorzuspielen. Ihm muss es aber ge- 
fallen haben; derm er war damals oft in solchen Abend- 
unterhaltungen anzutreffen. Sein unseliges Gehorleiden 
mochte ihm schon damals das Selbstspielen verkummern, 
und so vertraute er diesen Frauenhanden seine neuen Com- 
positionen an. Wie erstaunte ich aber erst, als ich eines 
Tages beim Hofkapellmeister Salieri , den ich nicht zu 
Hause traf, einen Zettel auf dem Tische liegen sah, auf 
welchem in Lapidarschrift zu Iesen war: „Der Schuler 
Beethoven war da!" Das gab mir zu denken. Ein Beet- 
hoven kann noch von einem Salieri lernen? Um wieviel 
mehr ich. Salieri war der Schuler und warmste Verehrer 
Gluck's gewesen, nur Mozart und seine Werke wollte er 
nicht gelten lassen, das wusste man. Aber dennoch ging 
ich zu ihm, wurde sein Schuler, auch drei Jahre lang sein 
Adjunct in der Oper, und erhielt dadurch die Befugniss, 
alle Theater unentgeltlich zu besuchen. Es war ein heite- 
res vielbewegtes Leben in dem lieben Wien." 



ZWEITER ABSCHNITT. 

W I E N. 

(1814— 1816.) 



•^m 



1814. 

Das Tagebuch, das am i. April 1814 beginnt, fiihrt 
tins in ein frohlich angeregtes, schaffenslustiges Leben ein. 
Der nunmehr zwanzigjahrige Jiingling hilft sich bereits 
selbstandig fort und erntet, zu grosseren G-esellschaften 
und offentlichen Auffiihrungen hinzugezogen. seine ersten 
Lorbern als Virtuos wie als Componist. 

Am 8, April hort er zum ersten Mai Meyerbeer, der 
ein von ihm selbst componirtes Rondo vortragt. „Ganz 
iiberzeugt von seiner Virtuositat, war ich dennocb begierig, 
welchen Effect sein Spiel in einer gemischten Gesel]schaft 
machen wurde, und bemerkte, dass Stellen, die vielleicht 
nicht verstanden wurden, doch grosses Staunen erregten, 
hauptsachlich wegen der so sehr gewagten Schwierig- 
keiten und der so sicheren Ueberwindung derselben." 

Am 10. April trifft die Nachricht von der Einnahme 
von Paris ein. Das Tagebuch verzeichnet den grossen 
Jubel, den diese Kunde in der Kaiser stadt hervorruft. 
Das Volk durchzieht in erregter Stimmung, VolkslLeder 
singend, die Strassen. 

11. April. „In einer musikalischen Unterhaltung im 
Romischen Kaiser in der Mittagsstunde ein neues Trio 
von Beethoven in B-dur gehort, von ihm selbst g-e- 
spielt. Bei wie vielen Compositionen steht das Wortchen 
„neu" am unrechten Platze! Doch bei Beethoven's Com- 
positionen nie, und am wenigstens bei dieser, welche 
wieder voll Originalitat ist. Sein Spiel, den Geist ab- 
gerechnet, befr'iedigte mich weniger, weil es keine Rein- 
heit und Precision hat; doch bemerkte ich viele Spuren 



— i6 — 

eines gross en Spieles, welches ich in seinen Compositionen 
schon langst erkannt hatte." 



Das grosse Ereigniss, die Befreiung Deutschlands 
durchzittert auch das sorglose "Wiener Volkchen und nicht 
nur seine Dichter, sondern auch die Musiker wetteifern in 
seinem Preise. Spohr schreibt sein „befreitesDeutschland", — 
Hummel besingt die Riickkehr des Kaisers, — Moscheles 
schreibt den „Einzug in Paris",- spater eine Sonate: „Die 
Riickkunft des Kaisers". Die jiidische Gemeinde, zu 
welcher er damals noch geho'rte, bestellt bei ihm fiir 
diese Gelegenheit eine Cantate, welche mit grossem Pomp 
aufgefiihrt wird. Spater , wahrend des Wiener Con- 
gresses, iiberarbeitete er dieses "Werk fur die Zoglinge 
des Guntz'schen Institutes, die es in Gegenwart des Hofes 
und der fremden Monarchen „vortrefflich auffuhrten". 
Ausserdem schreibt er im Laufe dieses Jahres sechs 
Scherzo's, Variationen iiber ein Handel'sches Thema, sein 
vierhandiges Rondo in A -moll, Menuett's und Trio's fur 
Artaria's Sammlung von Nation altanzen, mehrere oster- 
reichische Landler u. s. w. Um diese Zeit entsteht ferher 
die Polonaise inEs, — eine Sonate fur Clavier undVioline, — 
eine andere fur Clavier und Fagott, die er fur den vor- 
trefflichen Fagottisten A. Romberg schreibt und haufig 
mit ihm zusammen vortragt, endlich das Thema der So- 
nate melancholique, von ihm selbst, sowie von Kunstkennern 
als eines seiner besten Werke genannt. Dieses Thema 
steigt ihm in einer Lection auf, die er der Grafin Haug- 
witz giebt, und wird mit besonderer Lust verarbeitet, wie 
mehrere Notizen im Tagebuch besagen. Dort ist auch 
seine Schiilerreihe verzeichnet, die nun schon aus Grafen 
und Fursten besteht und gegen Ende des Jahres so gross 
ist, dass er jede Vermehrung derselben ablehnen muss. 

Die zahlreichen glanzenden Gesellschaften, zu denen 
er geladen wird (beim Fursten Ester hazy, beim Grafen 
Palffy, beim Erzherzog Carl u. s. w.) halten ihn nicht vom 
Arbeiten ab. Er sucht die versaumte Zeit wieder ein- 



zubringen, indem er bis z, auch bis 3 Uhr Morgens com- 
p'onirt. „Schon ura 7 Uhr eroffnen englische Lectionen 
das Tagewerk und nie werden die Clavier-Exercitien ver- 
saumt, auch Violinstudien nehmen Zeit in Anspruch." 
Dabei ist er ewig unzufrieden mit seinen Leisturigen. 
„Heute wurde ich viel gelobt, besonders vom Grafen P., 
der sich enthusiasmirte, aber ich war nicht mit mir zu- 
frieden." Und wieder-. „Die Gesellschaft war entziiekt, 
aber ich nicht, es muss noch viel besser werden," und 
ein ander Mai: „Ich Hess mich nicht zum Spielen bereden, 
denn ich hatte heute nichts Tiichtiges geleistet und immer 
bereue ich es hinterher, wenn ich ohne Lust spiele." 

Am gliicklichsten fuhlte sich Moscheles in dem heite- 
ven ungezwungenen Kunstlerkreise der Familie Lewinger in 
Dornbach beiWien. Dorthin kamenSalieri, Meyerbeer, Hum- 
mel und andere Freunde, dort wurden „an gottlich schonen 
Abenden Spaziergange unternommen, spater Tableaux ge- 
stellt oder allerlei Kindereien componirt und sogleich auf- 
gefiihrt". 

Urn dieselbe Zeit tritt er in nahere . Beruhrung mit 
Beethoven. „Es ist mir der Antrag gemacht, den Clavier- 
auszug des Meisterwerks Fidelio zu bear bei ten. Was kann 
erwiinschter sein?" 

Nun finden wir wiederholte Tagebuchnotizen, wie er 
zwei und wieder zwei Stiicke zu Beethoven brachte, der sie 
durchsah; und dazu abwechselnd die Bemerkung: „er an- 
derte wenig" oder „er anderte nichts", auch wieder „er 
vereinfachte" oder „er verstarkte." 

Einmal heisst es: „Als ich friih zu Beethoven kam, 
lag er noch im Bette; er war heute besonders lustig, 
sprang gleich heraus und stellte sich, so wie er war, an's 
Fenster, das auf die Schottenbastei ging, um die arrangir- 
ten Stiicke durchzusehen. Naturlich versammelte sich die 
Hebe Strassenjugend unter dem Fenster, bis er ausrief: 

„Die verd n Jungen, was sie nur wollen?" Ich deutete 

lachelnd auf ihn, ,Ja, ja, Sie haben recht", rief er jetzt 
und warf rasch einen Schlafrock iiber. 

Als wir an das grosse letzte Duett „Namenlose Freude" 

Moscheles' Lcbnn. z 






■•■.or 



18 



kamen und ich den Text .,Ret-terin des Gat-ten" unter- 
gelegt hatte, strich er es aus und schrieb „Rett-erin des 
Gatt-en;" denn auf t konne man nicht singen. Unter das 
letzte Stuck hatte ich „fine mit Gottes Iitilfe" geschrieben. 
Er war nicht zu Hause, als ich es hintrug; und als er es 
mir zuriickschickte, stand darunter: „„0 Mensch hilf dir 
selber."" Am '29. November heisst es: „In Beethoven's 
Concert in der Mittagszeit im grossen Redoutensaal. Er 
gab seine herrliche A-dur-Symphonie, die Gelegenheits- 
cantate „Der glorreiche Augenbliqk" und „Die Schlacht 
bei Vittoria" — Alles seiner wiirdig." 

Im Winter wird Moscheles der Auftrag, die Carroussel- 
musik bei Anwesenheit der fremden Monarchen zu schreiben. 
,,Die Reitsclmle war bei festlicher Beleuchtung durch mittel- 
alterllche Verzierungen zu einer Art von Kampfbahn um- 
geschaffen. Vierundzwanzig Turnierritter machten ihre 
Sache vortrefflich und ihre Dam en waren prachtvoll co- 
stiimirt. So viel Schmuck sah ich noch. nie vereinigt." 

Die classischen Schuppanzigh'schenQuartettauffuhrungen 
werden natiirlich regelmassig von Moscheles besucht, und 
jedes mal riihmt er die vortreffliche Ausfuhrung. hesonders 
der Beethoven'schen Quartette. Einmal heisst es: „Ich 
sass neben Spolir, wir tauschten unsere Meinungen iiber das 
Gehorte aus; Spohr sprach mit viel em Eifer gegen Beet- 
hoven und seine Nachahmer." 

Das Heranrucken des Congresses begleitet dasTagebuch 
mit Notizen iiber den Einzug der Monarchen, die stets vom 
Kaiser und seinem Hofstaat empfangen werden; eine enthu- 
siastische Volksmehge geleitet sie, und unter dieser Moscheles 
mitseinen jungenFreunden, mitunter bis zwei und drei Uhr 
Morgens. Erst kommj: der Konig von Wtirtemberg in 
"VVien an, dann der von Danemark, endlich der Konig von 
Preussen und der Kaiser von Russland, zu deren Be- 
griissung das Regiment Hiller einen von Moscheles com- 
ponirten Marsch spielt. „Der Anblick des Burgplatzes wird 
mir unvergesslich bleiben, die kaiserliche FamiUe an den 
Fenstern, unten die fremden Monarchen und Alles in 
grosster Gala. Abends im Theater war es noch brillanter, 






— 19 — 

Alle war en dort versammelt, grosser Jubel und festliclie 
Beleuchtung. Man gab das Ballet „Zephyr und Flora" 
mit den aus Paris verschriebenen Tanzern". 

Einige Tage spater ist Hof-Redoute fiir die Fremden-.' 
„Sie war in der grossen Reitschule, diese aber mit dem 
grossen ttnd kleinen Redoutensaal in Verbindung gesetzt; 
letzterer zu einem Garten umgeschaffen , die Beleuchtung 
tageshell. Plotzlich trat unser Kaiser allein in schlichter 
Kleidung ein, sich wie ein Hausvater umschauend, ob 
Alles fur die hohen Herrschaften bereit sei. Dann er- 
schienen sie, die Monarchen meist in Uniform. Ich sah 
Alle und Alles und blieb bis drei Uhr Morgens". 

Zwei Tage spater berichtet das Tagebuch iiber das 
Volksfest im Augarten: „Das Schonste war der Stephans- 
thurm im Feuerwerk, dann der kunstliche Regenbogen 
die Nachahmungen des Brandenburger Thores und der 
russischen Kanonensaule. Eine der Festvorstellungen war 
die „Vestalin" von Spontini, eine andere Rossini's „Mos6 fl . 
Audi in Schonbrunn war Volksfest und im dortigen 
Theater ward fiir die Monarchen „Johann von Paris" ge- 
geben. Die Orangerie war kostlich beleuchtet, der Tem- 
pel der Flora ausserordentlich schon." 

Am 16. October wird in der Reitschule der Handel'sche 
Samson aufgefiihrt. „ Handel's Samson", ruft Moscheles 
mit jugendlichem Enthusiasmus aus, „der mir immer die 
Seelenkrafte starkt. Das erste. Mai zerschmolz ich bei 
seinem Anhoren ganz in Wonne, seitdem habe ich jede 
Probe und Auffiihrung des Meisterwerks gehort und mich 
immer von neuem daran erquickt". 

A'uch mancher tolle Streich wurde verubt, manch 
heiterer Schwank in Scene gesetzt mit den Kunstbriidern 
Merck und Giuliani, den Dichtern Castelli und Carpani und 
anderen lustigen Gesellen. Forderlich wirkte Meyerbeer's 
Umgang auf seine kiinstlerische Entwickelung ein, mit 
dem er damals viel zusammen spielte und den er nicht 
miide werden kann, zu bewundern. Ein Mai iiber das 
andere heisst es: „Seine Bravour ist unerhort. Sein Spiel 
ist unubertrefflich. Ich bewundere seine ganz eigene Art, 



W&$*' 



T5ST, j!~: ■ 



20 



das Instrument zu behandeln." Stundenlang sassen sie 
phantasirend und improvisirend zusammen vor einem In- 
strument; so entstand eine „Punscheinladung" und andere 
Duette. Schwer wurde es natiirlich Moscheles, sich von 
Meyerbeer zu trennen, als dieser sich. endlich anschickte, 
Wien zu verlassen. Meyerbeer war damals in einem Ueber- 
gangsstadium. Er fing an, sich der dramatischen Musik 
zuzuwenden, schrieb eine Operette ffir Berlin und ging 
bald darauf nach Paris, wo sich die Richtung seines Ta- 
lents dauernd entschied. 

Noch mancher anderen Kiinstler und Virtuosen, die 
in den zahlreichen offentlichen und Privatconcerten mit- 
wirkten, erwahnt das Tagebuch in diesen letzten Monaten 
des Jahres 1814; aber nur wenige Namen sind darunter, 
die ihren damaligen Klang bis auf den heutigen Tag be- 
wahrt haben. 



1815. 



Das neue Jahr beginnt , wie das alte geendet. 
Das Tagebuch wimmelt von Notizen fiber offentliche und 
private Musikauffuhrungen, die aus <Anlass des Congresses 
roeist in sehr grossem Stile und mit mannigfaltigen und 
bedeutenden Kraften in Scene gesetzt werden. Fast iiberall 
1st Moscheles dabei, theils anregend und unterweisend, theils 
auch selbst mitwirkend. 

Das Wichtigste und fiir Moscheles Folgenreichste imer- 
sten Monat dieses Jahres bleibt aber wol sein Besuch bei 
der Stiftsdame Grafin Hardegg. 

„Sie Hess mich rufen", berichtet er, ,,um mich zu fra- 
gen, ob ich am Aschermittwoch in einem Concert fur die 
'WohJthatigkeits-AnstaJten spielen wolle. Ich spiirte nicht 
viel Lust, weil ich keine neuen Compositionen hatte, aber 
sie liess nicht nach. „„Machen Sie schnell etwas, Mosche- 
les, aber recht brillant."" Ja, aber was? Endlich wurde 
ausgemacht, ich sollte Variationen fiber den Marsch schrei- 



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— 21 — 

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ben, welchen das dem Kaiser Alexander von Russland 
zugewiesene Regiment spielte." 

Er beginnt sie am 29. Januar — am 5. Februar sind sie be- 
endet, Es sind dies eben dieselben Alexander- Variationen, 
von denen es durch viele Jahre hiess, nur Moscheles konne 
sie spielen, und die in Wien wie auf Kunstreisen seiner 
Bravour die Krone aufsetzten. Es gab gewisse Stellen 
darin, bei denen noch 20 Jahre spater ein Zug 1 von Er- 
staunen und Entziicken durch das Auditorium ging; ja, 
als er selbst sie gem „in eine dunkle Ecke gesperrt" hatte, 
damit man „so ein jugendliches Machwerk" vergesse, wur- 
den sie ihm noch abverlangt, und wer sie in den zwan- 
ziger Jahren gehort, der woilte sie in den vierziger Jahren 
wieder hervorgesucht haben. ^J 

Das Tagebuch berichtet am 8. Februar: „Heuter/ 
Aschermittwoch, hatte ich Probe zur Auffiihrung meiner 
Alexander- Variationen im Karntnerthor-Theater ; sie gingen 
gut mit dem Orchester zusammen und hatten schon da viel 
Beifall. Abends spielte ich sie in der Akademie, welche 
die adeligen Frauen zum Besten der Wohlthatigkeits-An- 
stalten gaben; die verbiindeten Monarchen waren zugegen. 
Die Variationen wurden mir unerwartet gut aufgenommen ; 
sie scheinen in dieser Akademie. am meisten Gunst ge- ' 
funden zu haben." 

In einem Concert, das er am folgenden Tage im Ver-^ 
ein mit Hummel gibt, ist die Grossherzogin von Weimar 
zugegen; sie sagt ihm viel Freundliches fiber sein Spiel 
und seine Compositionen und muntert inn auf, nach Wei- 
mar zu kommen. Weit mehr aber freut ihn, dass Salieri 
sein Concert besucht und mit seinen Leistungen zufrieden 
war. Wie anhanglich Moscheles diesem Meister war, be- 
weist eine spatere Notiz des Tagebuchs: „Mein geliebter 
Lehrer Salieri schwebt heute in grosser Gefahr; er hat 
eine Lungenentzundung. Gott gebe, dass seine Krankheit 
eine gltickliche Wendung nehmel" Nach mehreren Tagen 
der Besorgniss darf er ihn endlich sehen, aber noch nicht 
sprechen, und dann folgt die Freude iiber seine Wieder- 
herstellung. 






22 



Das lustige Wien fahrt fort, die freraden Monarchal zu 
unterhalten. Glanzende Auffahrten zuWagen und Schlitten 
wechseln mit Concerten, Theaterauffiihrungen und Maskera- 
den, Moscheles betheiligt sich hier und dort, und findet bei 
allem „Studiren, Componiren und Lectionisiren" noch Zeit, 
lustige Abendstunden im Freundesverkehr zu verbringen. 

Kam irgend eine neue Composition heraus, so wurde 
sie von den jungen Kiinstlern sofort in Beschlag genom- 
men, gehort, probirt, durchgesprochen. Leider begniigt 
sich das Tagebuch, gerade in Betreff der bedeutenclsten 
Sachen mit einerkurzenNotiz. Beethoven's erhabene Grosse, 
Spohr's Meisterschaft standen ihm und den Genossen so 
fest, dass sie ihm keines Commentars zu bediirfen schienen. 

In ahnlicher Weise verlauft der Sommer in stetem 
Wechsel zwischen strenger Arbeit und frohlicher Unge- 
bundenheit. Ein Ausflug jagt den andern. Eines selt- 
samen Concertes wird am 7. Mai erwahnt. Sie hatten 
einen Spaziergang hinaus nach Modling (bei Wien) ge- 
macht. Moscheles arrangirte im Freien die Tafelmusik. 
„Um Alles ins Feuer zu bringen, nahm ich dem Pauker 
die Schlagel aus der Hand, donnerte und wirbelte, wah- 
rend die Violinen zwitscherten, die Clarinetten dudelten, 
die Trompeten schmetterten, der Bass brummte. Alles 
das zusammen machte ein merkwiirdiges Ganzes." 

Nicht immer ist die autgeregt heitre Laune ohne 
Reaction; dem Tagebuche vertraut Moscheles an, dass 
er „ubel aufgelegt, lieber die Gesellschaft verliess, urn sich 
keine Blosse zu geben." Haufig wiederholt sich auch die 
Bemerkung: „Gespielt und gefallen, nur mir nicht." Dann 
arbeitet er nur um so fleissiger, und das Bewusstsein ste- 
tigen Fortschrittes und der fast immer ungetrxibte Verkehr 
mit den Freunden ermuntert ihn. 

Die Composition seiner Es-dur-Polonaise, s pater das 
letzte Stuck des Es-dur-Concerts, beschaftigt ihn; aber 
schon als sie probirt wird, klagt er iiber die nicht rein 
gestimmten 3 Pauken (es, b, ces) und diese Klage wieder- 
holt sich fast bei jeder Auffuhrung, auch in spateren 
Jahren, so dass endlich im Jahr 1832 Mendelssohn sie in 



— 2 3 — 

einen Scherz verflicht, mit dem Bemerken: „Respect, sie 
sind eingestimmt!" Kaum ist die Polonaise beendet, so 
beginnt er sein Sextett In spateren Jahren pftegte er zu 
erzahlen, wie es ihn damals gedrangt habe, etwas in der 
Art des Hummel'schen Septetts zu schreiben. Doch endete 
er stets mit der Bemerkung: „Mein Bestreben blieb aber 
eine leichte Jugendarbeit, mit dem Septett nicht zu ver- 
gleiehen." 

Von Interesse sind die Notizen, die das Tagebuch 
hier iiber die damals iiblichen Serenaden („Nachtmusiken") 
einflicht. Graf Palffy gab in diesem Winter deren sechs 
(im botanischen Garten). Als Mitwirkende sind ausser 
Moscheles Mayseder, Merck, Giuliani und Hummel genannt. 
Gleich bei der ersten sind zugegen die Kaiserin Marie 
Louise, die Erzherzoge Rainer und Rudolf u. s. w, und 
das Programm enthalt ein Arrangement der Ouverture zu 
Fidelio (die Hauptstimmen von Moscheles und Mayseder), 
Sonate von Beethoven mit Horn (Moscheles und Radezki), 
Polonaise von Mayseder, Rondo von Hummel mit Quartett- 
Begleitung, gespielt von Moscheles. Dazwischen lustige 
Jodler, die aus den Gebiischen hervorklangen und ein 
noch lustigeres Souper. Die iibrigen fiinf Serenaden, die 
sich bis in den September hinein vertagen, sind nicht 
minder interessant. Dazwischen liegt noch eine fur die 
Kaiserin Marie Louise veranstaltete, und wohl ein halbes 
Dutzend, welche Privatleute den Ihrigen zu ihren Namens- 
tagen geben. 

Wahrend eines Ausflugs nach Dornbach treibt einGe- 
witter Alles insHaus zuriick, und Moscheles soil spielen, um 
die Gesellschaft fiir den Spaziergang zu entschadigen. „Ich 
improvisirte", sagte er, „aber mit den Elementen im Verein, 
denn bei jedem Blitz brachte ich mein Spiel zu einer Fer- 
mate, die den Donner selbststandig auftreten liess." 

Dass er dann im Herbst und Winter das Theater 
wieder fleissig besuchte und namentlich die Oper so regel- 
massig wie moglich, versteht sich von selbst. Aber auch 
auf andern Feldern sah er sich nach Anregung um. Von 
OehlenschlJigers Correggio heisst es um diese Zeit im Tage- 



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— • 24 — 

buch: „Es wird so viel Schones in Bezug auf Maler und 
Malerei darin gesagt, dass ich mir es Alles fur meine 
Kunst iibersetzte, um es mir bleibend einzupragen." 

In den Herbst fallt ein vierzehhtagiger Besuch der 
Mutter, der er sich ganz widmet, um nach deren Abreise, 
beim Nahen des Winters, das alte arbeitsvolle und lustige 
Leben von vorn zu beginnen. 



1816. 



In diesem Jahre spinnt sich unser Kiinstlerleben in der 
Hauptsache, wenige Unterbrechungen abgerechnet, in der 
geschilderten Weise thatig und heiter fort. Zu diesen Un- 
terbrechungen gehort zunachst eine Reise nach seiner 
Vaterstadt Prag, wo er glanzend aufgenommen wird und 
ein Concert fur die Armen giebt, das eine Einnahme von 
2400 Gulden liefert. Von da begab er sich nach Pesth, 
wo er unter grossem Zuspruch und Beifall mehrere Con- 
certe veranstaltete, alte Freunde vorfand und neue Ver- 
bindungen ankniipft. Die Batthyanyi'sche und andereAdels- 
. familien luden ihn auf ihre Landsitze ein, und er kann 
den Kunstsinn und die Gastfreundschaft dieser Leute 
nicht genug riihmen. Hieran schloss sich spater eine 
Reise nach Steiermark, iiber welche das Tagebuch leider 
sehr wortkarg hinweggeht. 

Kaum nach Wien zuriickgekehrt, lebt er sich rasch 
in das fruhere Treiben wieder ein. Er verkehrte damals 
fleissig in der „Ludlamsh6hle", einer Kunstlerkneipe , in 
der Dichter, Musiker, Maler und Schauspieler sich noch 
spat am Abend zu zwangloser Unterhaltung zusammen- 
fanden und in der beim Klang der Glaser manch lustiger 
Schwank ausgefiihrt wurde. Jedes Mitglied hatte seinen 
■d*-iU*A Spitznamen: Castelli hiess „der Hollenzote", der Schau- 
spieler Schwarz, ein sehr starker Raucher, war „Rauchmar, 
. ' der Zigaringer" benamst, und Moscheles selbst, wegen 

seiner Vorliebe fiir Kalbsfiisse, die er ofters dort als 



— ?5 — 

Abendbrot verzehrte, „Tasto der Kalberfuss". Tasto com- 
ponirte der lustigen Gesellschaft einen Chor, in den alle 
diese Namen verflochten waren, und noch in spaten Jahren 
erlnnerte er sich mit lebhafter Freude der gliicklichen 
Stunden, die er in diesem Kreise verlebt. 

Inzwischen war Moscheles in seiner Kunst durch an- 
haltendes Studiura und durch bescheidenes Aufmerken auf 
die Vorziige Anderer zu immer grosserer Sicherheit und 
Fertigkeit gelangt, sodass sich unter den Pianisten, wie 
das so oft geschieht, bald zweiParteien bildeten, deren eine 
Hummel, die andere Moscheles den Vorzug gab. Glaub- 
wiirdige Zeitgenossen meinen, Hummel's Legato sei da- v. 
mals noch nicht von Moscheles erreicht worden; Hummel 
habe „Sammet unter den Fingern gehabt, von dem sich 
seine laufenden Passagen gleich Perlenschniiren abrollten", 
wogegen Moscheles durch eine ubersprudelnde Bravour 
und den jugendlichen Enthusiasmus seines Spiels Alles 
unwillkurlich mit sich fortgerissen habe. Unter beiden 
Kiinstlefn'selbst fand keine Rivalifat statt. Wir haben 
gesehen, wie Moscheles das Hummel 'sche Septett seinen 
eigenen Compositionen dieser Art voranstellte. Umgekehrt 
gab Hummel Moscheles Zeichen der aufrichtigsten An- 
erkennung. Beim Antritt einer Kunstreise vertraute er 
■. ihm einen Schiiler, auf den er grosse Stiicke hielt, zum 
Unterricht an, der denn auch unter Moscheles' Leitung 
rasche Fortschritte machte und bald mit grossem Erfolg 
vor die Oeffentlichkeit trat. Noch vieler anderer Kiinstler 
und seines Zusammenlebens mit ihnen erwahnt Moscheles 
(Czerny*), Reichardt u. a.), fugt aber einmal hinzu: „Wir 
Musiker, wie wir auch heissen mogen, sind doch nur kleine 
unscheinbare Trabanten, Beethoven allein das grosse blen- 
dende Himmelslicht." — In diese Zeit fallt auch die Com- 
position seiner vierhandigen Es-dur Sonate, die er dem 



*) Von Czerny sagt das Tagebucli: Niemand hat es wolil besser ver- 
standen, die schwichsten Finger zu starlcen und in heilsamer Tongymnastik 
die Studien zu erleiclitern , olme den Geachraack zu vernachlassigen , als 
eben dieser Componist. 



— 2b — 

Erzherzog-Cardinal Rudolf dedicirte, der sie mit Moscheles 
gut vom Blatt spielte. 

Ein Concert verdrangt das andere; sie alle aufzuzahlen 
erlasse uns der Leser. Bei einem Concert, das er selbst 

"""gab, erwahnt Moscheles der Schwierigkeiten, die ihm die 
-— ' Censurbehorde in den Weg legte. Ja, die Censur er- 

\ streckte sich auch auf die Concertzettel. War irgend ein 
verponter Liedertext, ein aufregender Titel (wie etwa 
„Freiheitsmarsch") darauf zu lesen, so passirte er nicht. 
Moscheles' Ruf ist im Aufsteigen. Trotz der Huldi- 
gung, die ihm von vielen Seiten in "Wort und That 

-- entgegenkommt, lasst er im Eifer nicht nach und be- 
treibt nach wie vor seine Studien in regelmassigem 
Gleichmaasse fort. Dem Drangen seiner Freunde, sein 
Gliick nun auch in der weiten "Welt zu versuchen, setzte 
er anfangs "Widerstand entgegen. Kein "Wunder! Er 
fiihlte sich so behaglich in seinem "Wien, wo er sich von 
Freunden umgeben und von der Gunst des Publikums ge- 
tragen sah. Wahrend seine hohen Gonner und Gonnerin- 
nen in "Wien nichtsdestoweniger alles in Bewegung setz- 
ten, um ihm eine grosser e Kunstreise zu ermoglichen und 
alle entgegenstehenden Hindernisse aus dem Wege zu 
raumen, folgte er vorlaufig einer Einladung nach Prag, 
wo er ein frohliches "Wiedersehen mit den Seinen feierte. 
„Wie es prachtig ist", schrieb er ins Tagebuch, „wieder 
mit Mutter und Schwestern zu sein, und wie gern ich 
ihnen vorspiele! So hort doch Niemand zu, wie die." 
Und ein andermal: „Heute trieb ich wieder die alten Kin- 
derspasse mit den Schwestern, wir war en recht ausge- 
lassen; ich glaube die Mutter hat es gern." Aber auch 
dem noch immer treu verehrten Lehrer Dionys "Weber, 
wie nicht minder dessen fruherem Rivalen Tomaschek, 
Kunstbriidern und Freunden, die sich um ihn schaarten, 
musste er vorspielen und Alle waren von seinen Fort- 
schritten freudig iiberrascht. Alle Familien ; die den 
Knaben gekannt und Hoffnungen auf seine Zukunft ge- 
setzt, zeigten ihm durch ihre herzliche Aufhahme, wie sie 
den fortgeschrittenen Jiingling ehrten und sich selbst 



— 27 — 

durch ihn geehrt fuhlten. Ausfliige aufs Land fiihrten 
manchen neuen Erfolg, manches neue urid erheiternde 
Abenteuer mit sich, und endlich folgte er der Einladung 
der graflichen Famiiie Wallis, den Somraer mit ihr in 
Karlsbad zuzubringen. 

Karlsbad war in jenem Sommer der Sammelpunkt 
einer glanzenden Gesellschaft von Fiirsten und hohen 
Adeligen, bedeutenden Staatsmannern und Kunstlern. Dort 
waren ausser Konig Friedrich Wilhelm III. von Preussen 
i Hardenberg und Gneisenau, Wittgenstein, Rostopschin 
u. A. Der preussische, osterreichische und russische Adel 
iiberbot sich in glanzenden Festen und dabei gab es die 
angenehmste Mischung der Stande, da sich die hohen 
Herrschaften gern um die Kunstler gruppirten und mit 
ihnen Musik machten. Die russische Baron esse Lunin 
sang vortrefflich und Fiirst Galizin, der sich der Compo- 
sition ergeben hatte, componirte ihr Romanzen, die Mo- 
scheles revidirte und ihr beim Vortrag am Clavier be- 
gleitete. Moscheles machte auch hier namentlich mit 
seinen Alexander- Variationen und seinen Phantasien Fu- 
rore. Die Zeichen der Anerkennung, die ihm von alien 
Seiten entgegengebracht wurden, und die Gastfreundschaft, 
der er tiberall begegnete, ermunterten ihn, und oft hat er 
sie in spateren Jahrzehnten gepriesen, im Gegensatze zu 
der Niichternheit und Gleichgiiltigkeit, mit der man in 
unseren Tagen aufstrebenden Talenten entgegenzukommen 
pflegt.*) 

*) In Karlsbad war es auch, wo Robert Schumann zum ersten 
Male den Pianisten Moscheles horte und hier einen unvergesslichen, seine 
Laufbahn mit bestimmenden Eindruck erhielt. R. Schumann sagt in 
einem Brief ah Moscheles dariiber Folgendes: 

„Freude und Ehre haben Sie mir bereitet durch die Widmung Ihrcr 
Sonate (Opus 121, fur Pianoforte und Violoncello); sie gilt mir zugleich 
als eine Ermunterung meines eigenen Strebens, an dem Sie von jeher 
freuudlich Antlieil nahmen. Als ich, Ihnen ganzlich unbekannt, vor 
mehr als dreissig Jahren in Karlsbad mir einen Concertzettel , den Sie 
beriibi-t hatten, wie eine Reliquic lange Zeit aufbewahrte, wie hatte ich da 
getraumt von so beruhmtem Meister auf diese Weise geehrt zu werden. 
Nehmen Sie meinen innigsten Dank dafiir!'' 



«?"'■; ■<'::-* J'- •■.:-:■ ■' ■■ ■■- ;•-■■"'-- -^/ -..^r 



— 28 



Von Karlsbad wurde' ein Abstecher nach Eger ge- 
macht. Moscheles sab das Haus, worin Wallenstein er- 
tnordet worden, ebenso die alte verfallene Veste mit ihren 
merkwiirdigen Saulen, endlich das „Mordgasscben", wo in 
den Zeiten der Finsterniss alle Juden bis auf die Familie 
Seligsberg, deren Nacbkommen nocb dort wohnten, grau- 
sam geschlachtet worden waren. Von hier gings nach 
Franzensbrunn und Mariakulm, ein Punkt, an den sich ro- 
mantische Erinnerungen kniipfen. 

Nach Karlsbad zuriickgekehrt , findet er die Stadt 
noch in dera Festjubel, dessen Mittelpunkt der Konig 
von Preussen und seine Umgebung ist, Er betheiligt 
sich noch hier und dort und nimmt dann iiberall Ab- 
schied, um nach Wien zu eilen. Auch dort machte er 
die Runde bei den Freunden und rustete sich zu der 
grossen Reise, zu der er sich inzwischen endlich entschlossen 
hatte. Die Grafin Hardegg und andere Freunde versehen 
ihn mit Empfehlungen an jedenHof, dessen Residenz er be- 
rfihren wird, an jede diplomatische oder kunstliebende Grosse. 
Das Haus F.skeles fuhrt ihn in die Banquierwelt ein. Und 
es sind keine kalten formlichen Briefe; nein, Jedem wird 
der junge Mann besonders ans Herz gelegt, sein Talent 
sowie seine Personlichkeit ins glanzendste Licht gesetzt, 
seine Erfolge als unzweifelhaft hingestellt. In jener Zeit 
aber batten Empfehlungsbriefe noch ihre Geltung, und so 
erklart sich zum Theil das GKick, das Moscheles iiberall- 
hin begleitete. Man nahm ihn zuerst auf Treu und Glau- 
ben an, dann kamen seine Kunstleistungen und seine 
auspruchslose Personlichkeit hinzu, und machte den frem- 
den Empfohlenen zum gerngesehenen Gast, zum Haus- 
freunde, oft zum Busenfreund furs Leben. 

Folgen wir nun Moscheles auf- diesen Wanderungen, 
die seinen Kiinstlernamen bald weit hinaustrugen und zu 
einem europaischen machen sollten. 



■ , i-O. 



M 



DRITTER ABSCHNITT. 



KUNSTREISEN. 



1816 — 1821. 



kM^'^y 



im Herbste 1816 verlasst Moscheles Wien, indem er 

Ider „schonen Kaiserstadt" noch einmal ein wehmiithiges 

lAde in seinem Tagebuche zuruft und begibt sich iiber 

Prag zunachst nach Leipzig. Er fahrt mit einem sogenann- 

ten Hauderer und notirt einige Stossseufzer iiber die schlep- 

pende Langsamkeit der Fahrt. Weder die Reiselecture, 

noch eine stumme Claviatur, die er mit sich fuhrt, um seine J ^* t 

Finger wenigstens zum Schein zu beschaftigen, vermogen 

; seine Ungeduld zu massigen. Endlich langt er an. „Begierig 

Alleszusehen, lief ich gleich aus, besah mir die Promenaden, 

' den alter thumlichen Marktplatz und ging dann ins Theater. 

Die Studenten setzten mich, den Oesterreicher, mit ihrem 

larmenden Ton und dern Trommeln ihrer Stocke, wenn sie 

j ungeduldig den Fortgang des Stiickes verlangten, in Er- 

[staunen. Noch mehr verdross es mich, dass man gerade 

leine Parodie auf KLiinstlers Erdenwallen gab, worin sich 

|der Autor Julius Voss in beissender Satire iiber alle die- 

Jjenigen erging, die mit irgend einer Schaustellung zur 

. Leipziger Messe gekommen waren, um dort ihren Vortheil 

zu suchen. War denn das Stuck fur mich mitgeschrieben? 

Naturlich lachte ich mich bald iiber solche Gedanken aus 

und liess mir mein Abendbrod im Joachimsthal vortreff- 

lich schmecken." "Weiter bliitternd fmden wir manche 

Notiz fiber das Gewogc in den Strassen, die fremdlandi- 

schen Trachten, die polnischen Juden im Briihl und die 

itberfullten offentlichen Locale. Dann heisst es: „Das erste 

Concert, das ich in Leipzig horte, ward von der Sessi ge- 

geben; die Ouvertiire ging recht solide. Den Contra- 

bassisten Wach muss ich mir besonders notiren, weil er 

mit seinem energischen Spiel und seiner Kraft das ganze 



— 32 — 

Orchester zusamrr.en zu halten schien/' Und wieder einige 
Tage spater lesen wir: „Heute war ich bei Schicht, dem 
Cantor der Thomasschule, wir hatten ein langes Gesprach 
iiber Kunst, Kuh'stfreiheit und Kiinstler, worin er mir 
seine ganze Meinung von Beethoven kund that. Unter 
andern wollte er behaupten, der „Christus am Oelberg" 
sei nicht im Oratorienstyl geschrieben, und erzahlte, dass, 
als Beethoven das Werk hieher an seinen Verleger ge- 
schickt habe, dieser den Chor „Welchen Weg fliehen wir" 
wegzylassen fiir gut befunden habe. Beethoven, hochst 
beleidigt, habe dies eigenmachtig genannt und einen sehr 
derben Brief an den Verleger abgehen lassen. Schicht 
schien dies merkwurdig zu linden, worauf ich ihm den 
Standpunkt griindlich klar machte." 

„Beim Musikdirector Schulze horte ich von seinen 
Schiilern verschiedene Chore und Motetten ohne Beglei- 
tung recht brav ausfuhren, und zwar in Gegenwart des 
gerade anwesenden strengen Richters Zelter, Auch horte 
ich in der Thorn askirche die Schiiler unter Leitung des 
Cantors Schicht achtstimmige Motetten und Fugen mit 
vieler Kraft singen". 

Am 6. October wurden die Gewandhausconcerte er- 
offhet. Moscheles gingnatiirlichhin. Es mag" Leser geben, 
fiir die das Programm dieses Gewandhausconcerts Interesse 
hat; deshalb sei es hier aus dem Tagebuche copirt. 

[. Theil. 1. Theil. 

Symphonic, Mozart. Ouvert, Andr. Romberg. 

Arie, Mme. Sessi, Arte v. AViid. 

Pianoforte-Cone, comp. u. gespielt Cavatine — rait Guitarie. 

von Zenner aus Petersburg. Lied „Vergissmeinniclit". 

Duett, Mine. Sessi u. Hr. Bergmann. Schweizer-Rondo v. Zenner. 

Zum Beschluss ein Clior aus 'Winter's „Gewalt d. Musik 1 '. 

Das Leben in Leipzig findet Moscheles „ recht ange- 
nehm". In Classig's Kaffeehaus „trifft er taglich die an- 
genehmste Gesellschaft, er hort Arrangements der besten 
Symphonieen, Ouverturen und Opern mit einem fast com- 
pleten Orchester, das vortrefflich spielt." Aber die Thor- 
sperre, eine ihm ganz unbekannte Institution, stort ihn 



— 33 — ^ :V \ 

regelmassig, wenn er von Wieck's (die vor dem Halle'- 
schen Thore wohnten) in seine Behausung zuriickkehrt. ■■■'^\ 

Am 8, October sollte sein eigenes Concert in Scene (f^O.-ftf V; 
gehen. „Ich war in grosser Aufregung; gut also, dass • .."?- 

meine dringenden Geschafte schonum 7 Uhr fruh anfingen. '.'; 

Ich zahlte, hiesiger Sitte zufolge, dem Cassirer im Voraus j- ; 

eine voni Directorium quittirte Rechnung von 66 Thlr. .,, 

12 Ngr. fur Saal und Beleuchtung. Urn 9 Uhr Vormittags .■ i-v 

jbegann die Probe. Meine Ouvertiire zu dem Ballet „Die ^ : 

ortraits" kam schon das erste Mai gelungen zur Aus- ' '}y 

fiihrung; doch verlangte das Orchester, sie noch ein Mai \'i 

zu probiren , wo sie meine Erwartungen iibertraf. Die 
Horner und Posaunen, vor Allem aber die vortreffliche .' .-.;-A 

Leitung des ersten Geigers Matthai kann ich nicht genug 
ruhmen. Das kleine, im Saale versarnmelte Auditorium , .'■ 

gab mir seinen ungetheilten Beifall zu erkennen, und die . _'; ; 

Alexander-Variationen lockten sogar manche der Mit- .A{ 

spiel enden von ihren Pulten weg an's Clavier, um die - 

Ausfiihrung der Schwierigkeiten zu sehen. Trotz dieses . : ; 

Erfolgs war meine Nervenerschiitterung in Erwartung des 4 ,. 

heutigen Abends so gross, dass ich keinen Bissen essen ,"■*■' 

konnte. Nachmittags fand ich mein Instrument im Saale ; .*. 

gut gestimmt, als ich ihm den Puis fuhlte; der meinige ' ; 

ing unruhig. Um 5 Uhr wurde der Saal eroffnet und '; 

Ibeleuchtet und gewahrte einen pomposen Anblick, und 
eine halbe Stunde spater fanden sich schon die elegan- ■ _ i ■..._< 
testen Damen ein, um gute Platze zu bekommen. Man 
kann sich nicht leicht einen schoneren, zweckmassigeren Saal 
denken, als diesen; auch fand ich das Arrangement der Sitze 
in einer mir ganz neuen Weise praktisch eingerichtet. Um . '■-■- 

6 T / 2 Uhr, nachdem ich eine Tasse Thee mit Rum g'etrun- 
ken hatte, liess ich anfangen und wurde schon beim Vor- - 
treten ehrenvoll empfangen — eine Auszeichnung, die hier " ,, v ' 

nicht Jedem zu Theil wird Meine Ouverture iibertraf 
durch die eifrige Mitwirkung jedes Einzelnen meine Er- ■< ■-■'■■ 

wartungen. Das Publicum war so - enthusiastisch und 
ungetheilt im Beifall, dass ich diese Momente zu den 
schonsten meines Lebens rechne. Ein Chor von Schicht 

Moschelcs* Leben. i ■.,, 



— 34 — 

folgte. Meine Concert-Polonaise, durch die zarte Beglei- 
tung" der drei ausnehmend reingestimmten Pauken gehoben, 
wird vielleicht nirgends, besser zur Wirkung koramen, als 
hier, und nirgends wird auch grdsserer Beifall mich be- 
lohnen. Im Zwischenact bezeigten mir die Directoren ihre 
vollkommenste Zufriedenheit, Zweite Abtheilung: Capriccio 
fiir Violine, von Romberg, gespielt von Matthai, Alexan- 
_ der-Variationen mit demselben stiirmisclien Beifall, Hymne 
von Mozart und dann einige Minuten Pause, nach denen ich 
meine Fantasie begann. Das Publicum, mehr und mehr 
gespannt, kam naher und naher und engte mich zuletzt 
fdrmlich ein, so dass ich der Mittelpunkt eines grossen 
Kreises war; als ich geendet, ergoss sich das vollste 
Maass der Zufriedenheit iiber mich." 

Solch ein Erfolg auf so schwierigem Boden musste 
doppelt uberraschend und ermunternd auf Moscheles wirken. 

Es miisse bald ein zweites Concert folgen, hiess es 
nun allgemein, und der 14. October ward dazu bestimmt. 
In der Zwischenzeit lesen wi'r von Einladungen und Be- 
suchen ohne Ende, und finden Ausziige aus den Tages- 
blattern, die einstimmig in die Lobesposaune stossen. 

Im 2. Concert wiederholt sich der Beifall. „Ich hatte 
mir vorgenommen," schreibt er, ,,heute nichts Fremdes in 
meine Improvisation zu mischen, als sich mir bei einer 
Fermate das Motiv „das klinget so herrlich" (Zauberfldte) 
beinah aufdrang. Zwei Applaus-Salven lohnten mir meine 
Durchfiihrung desselben," 

Am nachsten Morgen giebt er Kunstlern und Kunst- 
freunden ein Dejeuner mit Austern und guten Weinen, 
wobei jedoch das Musiciren nicht vergessen wird. In 
den folgenden Tagen trieb er sich unter den Wunder- 
menschen der Messbuden umher, besuchte interessante 
Theatervorstellungen und besichtigte das Schlachtfeld, die 
Garten, Strassen und Dorfer, durch die sich das Kriegs- 
getummel gewalzt hatte. Ein Rath Ludwig aus Altenburg 
wusste ihn zu einem Aufenthalt in seinem Hause zu be- 
reden, iibergab ihm seine Liedertexte zur Composition und 
veranstaltete ein Concert, „in welchem sich der Leipziger 



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— 35 — " 

[Enthusiasmus pflichtschuldigst wiederholte". Jene Lieder, 
[sowie das Sextett nahm Hofmeister in Verlag. 

Mit seinen Erfolgen in der Musikstadt Leipzig unge- 

[mein zufrieden, tritt er nun getrost die Weiterreise nach 

(Dresden an. Ein anfanga unbedeutendes, spater aher 

immer heftiger werdendes Halsubel macht ihm den lang- 

samen Fortgang der Reise nur noch peinlicher. In Dres- 

|en angrekommen, sucht er sich durch Musik.zu zerstreuen. 

Er hort Spontini's ,;Vestalin", von einer italienischen 

Truppe. „Der Director heisst Polledro, die Sanger M, 

sandrini, Benelli u. s. w. Ihre echt italienische Manier und 

frosse Kehlfertigkeit erfreuten mich zwar, ihr bestandiges 

Letardiren am Schlusse jeder melodischen Phrase und das 

/erspatete Nachhinken des Orchesters belastigten mich 

iber so, dass ich nur an mein Uebel dachte und die 

Irei Akte mit Anstrengung aushielt, Bei einer klassischen 

dassisch aufgefiihrten Oper hatte ich mich selbst und 

tnein Leiden vergessen. Das Orchester, auf das ich sehr 

fespannt war, liess auch viel zu wunschen ubrig, beson- 

lers der erste Hornist. Eine Stelle im Andante der 

)uverture war ganz unkenntlich". 

Es folgte nun ein vierwochentlicher Zimmerarrest, den 
im die Aerzte, die er wegen seines Leidens zu Rathe 
3g, auferlegten. In dieser etwas triiben Zeit instrumen- 
irte er seine vier heroischen Marsche, schrieb das Andante 
ler E-dur-Sonate, die er Beethoven dedicirte, iiberarbeitete 
pich die anderen Stiicke derselben, und las viel in Goethe, 
Eendelssohn's „Phadon" u. s. w. 

Endlich ist er wieder hergestellt, und sofort benutzt 
sr seine wiedergewonnene Freiheit, um sich in die Dres- 
£tener Kunstwelt einzufiihren. Auf dem Chor der katholi- 
schen Kirche lernt er wahrend der Messe Morlacchi, 
'olledro, Dotzauer, Benelli und andere KLiinstler kennen. 
|,Den Effect der Messe fand ich grossartig", sagt das 
fagebuch, ,,20 Violinen, 6 Violen, 4 Basse und Cello's, 
Slasinstrumente bis auf 4 Fagotte einfach besetzt, die 
lauptsolos von Sassaroli gesungen". Spater heisst es: 
l,Die Bekanntschaft von August Klengel war mir interessant, 






— 3 D — ■ 

sein Spiel Clementi'sch, seine Toccaten, Fugen und Giguen 
so solide, als kuristvoll und griindlich." Er und Zenner 
kommen oft zu ihm und sie spielen einander abwech- 
selnd vor. 

Beim Besuche des nachsten grossen Concerts findet 
er den Concertsaal dem Leipziger in vielen Punkten nach- 
stehend; aber „auch der Inhalt war mager und die Aus- 
fiihrung hatte die Abzehrung." „Ouverture von Humann 
anfangerisch, Arie gesungen von Lobl execrable, Fagott- 
Concert plump, aber gut geblasen von Humann, Symphonie 
in D von Mozart leidlich, Hr. Lobl wurde bei seiner 
zweiten Arie ausgelacht." 

Es folgen nun im Tagebuche mehrere nicht streng 
hierher gehorige Notlzen, aus den en folgende ausgehoben 
seien: „ Goethe schreibt in der „neuen Melusine": „Ich 
will nur gestehen, dass ich mir aus der Musik niemals 
babe viel machen konnen." „Was ich natiirlich nicht be- 
greifen kann", setzt Moscheles hinzu. 

Ferner: „Einen Beweis fiir die Gerechtigkeitsliebe 
Haydn's, von dem ich eben horte, muss ich mir doch no- 
tiren. Haydn erfuhr, dass Beethoven sich missfallig uber 
„die Schopfung" geaussert habe. „Das ist unrecht von 
ihm," sagte Haydn, „was hat denn er geschrieben? Etwa 
sein Septett? Aber freilich, das ist schon, ja herrlich! 
setzte er mit inniger Bewunderung hinzu, die Bitterkeit 
des ihn treffenden Tadels vergessend." 

Doch zuriick zu den Dresdener Angelegenheiten. Sie 
gingen nicht schnell vorwarts. Erst die Krankheit, dann 
allerlei Intriguen des Polledro, der selbst Concerte geben 
wollte, • und dazu die Alles erschwerende Hof etiquette. 
„Endlich," sagt das Tagebuch, „fasste ich Fuss — nein 
Hand; denn ich spielte und gen el, erst beim osterreichi- 
schen Gesandten Graf en Bombelles, dann beim Oberhof- 
meister Graf Piatti und beim Ober-Stallmeister Graf Vitz- 
thum und so kam es endlich dazu, dass ich am 20. De- 
cember mit entschiedenem Beifall bei Hof spielte. Es 
klingt barbarisch, dass die Herrschaften speisten und der 
Hofstaat auf den Galerien zuhorte, wahrend ich und das 









Kapell-Orchestor ihnen Musik vormachten, und barbarisch 
bleibt es auchj doch muss ich der "Wahrheit gemass hie- 
herschreiben, dass Herrschaften und Lakaien sich mog- 
lichst ruhig verhielten und dass erstere sich sogar bis zu 

Seiner freundlichen Unterhaltung - mit mir herabliessen." 
Sein Erfolg bringt ihm die bisher vergeblich angestrebte 

jtErlaubniss zur Mitwirkurig der k. Kapelle in dem von 
ihm projectirten Concert; sie werde jedermann verweigert, 
liess es, ihm aber aus Anerkennung seiner Verdienste 
igestanden. Nun fingen auch die Musiker an, mehr Ge- 
bchmack an ihm zu finden. Morlacchi und Schubert ver- 
sitelten die Intriguen des Polledro, der ihm die schwach- 
sten Mitglieder der Kapelle geben wollte, Graf Piatti un- 

|terhandelte mit dem „unangenehmen" Besitzer des Hotel 
le Pologne wegen des Saales, und am 28. December kam 
ier Concerttag heran. . „Ich vertheilte nach hiesigem Brauch 

Ke ein und zwei Billette an die Mitglieder der. Kapelle, 

|T,vir probirten und Abends ging das Concert vor einem 
jlanzenden, lebhaften Beifall zollenden Publicum vor sich." 
lin Vergleich, den Moscheles bei einigen bereits in Leip- 
zig aufgefiihrten Nummern zu machen Gelegenheit hatte, 
lei nicht zu Gunsten der Dresdener Krafte aus. 



1817—1820. 

( In diesen Jahren, in die jedenfalls weitere Kunstreisen 
[fallen, ist (bis zur Ankunft Moscheles* in Paris) das Tage- 
buch nur luckenhaft gefuhrt. Hier einige Notizen iiber 
las Jahr 1820. Moscheles beginnt das Jahr in Wien, von 
[wo aus er sich zunachst nach Miinchen wendet. Er be- 
theiligt sich dort an grosseren Auffiihrungen und lasst 
dann selbst zwei Concerte folgen. Seine Briefe fiihren ihn 
beim Prinzen Eugen von Leuchtenberg und bei Ho'fe ein. 
Der alte Konig Max ist gut und liebenswiirdig gegen 
Bhn; erst hat er Audienz, dann spielt er vor den Majestaten 



H- ' i 



- 38 - 

im Hofzirkel, wird nochmals in einer Audienz empfangen 
und mit einem Brillantring beschenkt. Eine Nadel mit 
einem brillantenem E. auf griinem von Brillanten ein- 
gefassten Grunde (ein Geschenk des Prinzen von Leuchten- 
berg) wird noch mit Pietat bewahrt. 

Nachdem er in Augsburg bei der Exkonigin Hortense 
gespielt, macht er einen Abstecher nach Holland. In 
Amsterdam giebt er vier Concerte, im Haag eins. Dort 
sah er zuerst die herrliche Nordsee und verzeichnete in 
sein Tagebuch die gewaltigen Eindriicke, die ihm dieser 
grossartige Anblick erweckt. Dort war es auch, wo er 
sein G-moll-Concert in Angriff nahm und gliicklich be- 
endete. Er sagt: „Da ich taglich [das melancholische 
Glockengelaute des nahen Kirchthurms horte, so-war es 
natiirlich, dass ich die Moll-Tonart wahlte und das erste 
Stuck als Malinconia bezeichnete." Die erste Probe des 
Concerts. fand in der „Liebhaber-Gesellschaft" statt, und 
es gefiel; aber gewiss hat keiner der damals Anwesenden 
dieser Composition das lange Leben prophezeiht, dem sie ent- 
gegenging, ohne dass der Autor selbst es zu hoffen wagte. 

Es folgen als weitere Concerts tationen Aachen, Frank- 
furt , Mainz und Coblenz. Ueberall wird musicirt und 
Musik gehort; Bekanntschaften mit Kiinstlern werden 
angeknupft und erneuert. Dann geht's in's belgische 
Land hinein, nach Brussel; „das ist die Vorbereitung fur 
Paris, in Sprache und Sitte." Das musikalische Leben in 
Brussel war damals ein sehr reges; Moscheles wurde freu- 
dig begrusst und haufjg zu Concerten herangezogen. 

Am 29. December 1820 erreicht er endlich Paris und 
steigt im Hotel de Bretagne ab. „Der Eindruck, durch das 
Gewoge von Menschen zu fahren, die die Strassen anfiillten 
und in den schimmernden Gewolben einkauften, wird mir un- 
vergesslich bleiben. Als ich am Morgen des 30. December 
ausging, wer trat mir entgegen? Freund Spohr. Gute 
Vorbedeutung! Die Freude war beiderseits gross, wir ver- 
liessen uns lange nicht und schlenderten selbander fiber 
den Boulevard des Italiens. Spater ging ich mit ihm in's 
Palais royal, und am Abend in die italienische Oper, wo 



— 39 ^ 

wir Don Juan horten, und, was mich wunderte, unzer- 
stiickelt; die Mainville-Fodor war eine reizende Zerline, 
alles Andere brav. Es war aber auch schwer gewesen, 
Eintritt zu erhalten. Das Gedrange war so gross, dass wir 
einen Mann anstellten, urn uns Karten zu nehmen." 



1821. 

In den ersten Wochen dieses pariser Aufenthalts 

Fwird die Stadt nach alien Richtungen durchlaufen und der 

I Genuss an" dem Neuen, nie Gesehenen in's Tagebuch ver- 

zeichnet. Ausserdem beschaftigt sich dasselbe hauptsachlich 

mit Spohr, Notizen, die wir jedoch grosstentheils uribenutzt 

lassen, da die seit Spphr's Tode publicirte Autobiographie 

uber sein Leben und "Wirken in der musikalischen Welt so 

eingehend wie moglich Aufschluss giebt. Moscheles traf 

ziemlich regelmassig mit Spohr im Hause des Baron 

Poifere de Cere zusammen. Letzterer gab allsonntagliche 

;Morgerranterhaltungen, bei denen die Aristokratie der 

Kiinstler ebenso sehr wie der grossen Welt zahlreich ver- 

jtreten war. Dort spielte Spohr sein Nonett mit folgender 

luntadelhafter Besetzung: 



Guillon: Flote, 
Doprat: Horn, 
Voigt: Oboe, 



Baudioi.: Cello, 
Eouffet: Clarinette, • 
Laimes: Contrabass. 



Spohr hatte Moscheles fur eine dieser Matin^en sein 
Clavier -Quintett in Es mit Blasinstrumenten anvertraut, 
:das mit grossem Enthusiasmus angehort wurde. Ausser- 
dem musste Moscheles improvisiren und that es mit be- 
sonderer Inspiration, da er auch Kreutzer und Reicha zum 
ersten Male unter seinen Zuhorern wusste. Spohr besuchte 
mit Moscheles die Reicha'schen Quintett-Unterhaltungen 
und Sina'schen Quartette, und beide freuten sich, in der 
franzosischen Weltstadt unsere grossen Meister Haydn, 
Mozart und Beethoven gut ausgefiihrt und sehr bewundert 
zu horen. Wie sehr es Moscheles am Herzen lag, die von 



*.-*- jr.jrt-^,: 



— ■ 40 — 

i 

ihm verehrten Kunstbriider auch von der Welt anerkannt 
zu sehen, zeigt folgende Stelle im Tagebuch: „Warum 
kann Spohr hier keine allgemeine Begeisterung erregen? 
Will der franzosische Nation alstolz nur die eigene Geiger- 
schule als die erste in der Welt gelten lassen? Oder ist 
Spohr zu wenig mittheilend, zu abgeschlossen fiir den 
pariser Weltton? Genug, er hat heute seine projectirte 
Abendunterhaltung wegen Mangel an Theilnahme auf- 
geben miissen, was mich. wirklich verdriesst. Gestern hat 
er in einer Soiree (im Valentin'schen Hause) sein E-dur- 
Quartett ganz ohne den verdienten Beifall gespielt, ein 
Mann wie Spohr!" Spater heisst cs: „Bei Baillot, der fiir 
Spohr und mich eine echte Kiinstlersoiree veranstaltete, 
ward ihm der echteste Enthusiasmus zu Theil. Er spielte 
Quintett von Boccherini, Quartett von Haydn, sein 9. Concert 
und Capricen, und wir beide theilten uns, nachdem auch 
ich viel gespielt und zunl Schluss improvisirt hatte, in 
dieser, so wie in einigen anderen Kiinstlersoireen briider- 
lich in den Beifall." Es mag aber nichts Geringes um 
diesen Beifall gewesen sein; denn wir lesen im Tagebuche 
die Namen: Cherubim, Auber, Herold, Adam, Lesueur, 
Pacini, Paer, Mazas, Habeneck, Plantade, Blangini, Lafont, 
Pleyel, Jvan Miiller, Strunz, Viotti, Ponchard, Pellegrini, 
Gebriider Bohrer, die Sanger Nadermann, Garcia u. a. m. 
als Zuhorer. Martinville, Mangin, Bertin, die Haupt- 
journalisten, fehlten nicht bei solchen Gelegenheiten, auch 
die Verleger Schlesinger, Boieldieu, Lemoine sowie die In- 
strumentenmacher Pape, Petzold, Erard und Freudenthaler 
waren oft zugegen. Was diese Herren betrifft, so ward 
Moscheles oft unangenehm von ihren Rivalitaten beriihrt. 
Pape's Fliigel sagten ihm am meisten zu, bei denen Erard's 
hatte er damals durch den leichten Anschlag der Wiener 
Instrumente verwohnt, mit der Schwere der Hammeraus- 
losung zu kampfen. 

Die grosse Welt zog Moscheles immer mehr in ihre 
Kreise, theils, um sich Lectionen geben zu lassen, theils, 
um ihn bei ihren Soirtien thatig zu sehen. Stets aber 
hielt er fest an seinen allmorgendlichen Clavieriibungen 



— 41 — ' 

und an den Compositionen, die ihn eben beschaftigten. 
„Ist diese Arbeit gethan", sagt er, „dann stiirze ich mich 
gern in die Freuden dieser Weltstadt." Einladungen zu 
Diners, Ballen und sonstigen Festen stromten ihm zu. 
Besonders musikalische Hauser waren die der Princesse 
rVaudemont, der Marquise de Montgerault, die selbst spielte, 
ja sogar eine gediegene Clavierschule herausgab, der Fiir- 
tin Ouwaroff, der Mme. Bonnemaison, welche „hiibsch 
iang", und des M. Mesny, dessen Tochter Moscheles 
jeine Variationen iiber das „Au clair de la nine" dedicirte. 
ber auch beim preussischen Gesandten Baron Goltz und 
nderen Diplomaten und Hochadeligen wurde musicirt und 
inirt, und was die Finanzwelt betrifft, so wetteiferten 
ie Hauser Lafitte, Rothschild, Rougemont, Fould, 
orms u. s. w. in einer Gastfreiheit, die mit fiirstlichem 
.uxus- auftrat. Auch die Familien d'Hervilly, Matthias 
nd Valentin machten schone Hauser. „Dort ist es 
Lveniger grossartig, dafur aber gemuthlicher", sagt Mo- 
icheles. Bei Valentins lernte er deren Schwager August 
eo, den Freund und Beschiitzer vieler Kiinstler intim 
ennen, ohne zu ahnen, in welche verwandtschaftlichen 
eziehungen er spater zu Beiden treten wurde. 

Pankouke, der erste Herausgeber eines Goethe in fran- 

sischer Sprache, sowie seine Frau nahmen ihn besonders 

erzlich auf. „Sie waren so enthusiastisch fiir mich, dass 

e mich bei meinem Eintreten in ihre zahlreiche Gesell- 

fchaft am i. Februar mit Handeklatschen, wie bei einer 

ffentlichen Production, empfingen". 

Auch mit dem beruhmten Phrenologen Gall kam er 
lamals in nahere Beruhrung. „Er kannte mich nicht, 
ntersuchte aber meinen Schadel auf Veranlassung einiger 
Treunde und fand ausser bedeutendem musikalischen Or- 
ran noch Mathematik, Lust zum Reisen, Orts- und Per- 
lonengedachtniss ! ! " 

Entnehmen wir hier dem Tagebuch die Beschreibung 
iines Tages (des 28. Januar), der in seiner Geschaftigkeit 
™hl als richtiger Massstab fiir manche andere Tage dieses 
jariser Aufenthalts gelten kann. „Morgens fiihrte Herr 



— 42 — 

Strunz den Clavierspieler Rigel zu mir, dem ich vorspielte. 
Um ii Uhr probirte ich. bei Paer fur heute Abend mit 
Baillot mein Caprice und Potpourri, auch Variationen, die ich 
ihm begleitete. Nachher ging ich mit ihrn, oder vielmehr 
wir liefen en carriere zur Hofkapelle in den Tuilerien, wo 
wir eine herrliche Messe von Cherubini meisterlich auf- 
fiihren horten. Die Aufftihrung, unter Mitwirkung eines 
Kreutzer, Baillot, Habeneck, konnte nur ausgezeichnet sein. 
Plantade dirigirte, und Cherubini, den ich sprach, war 
unter den Zuhorern. Von da aus ging ich mit Spohr zur 
Probe von Lafont's heutigem Concert im Theatre Favart. 
Ich begleitete Spohr nach Hause und wir discutirten lange 
und eifrig mit einander. Mit Schlesinger speiste ich in 
dem beriihmten, aber theuren Restaurant Freres Provencaux 
(so luxurios bin ich aber nicht immer). Dann machte ich 
Toilette zur Soiree bei der Herzogin v. Orleans, zu welcher ich 
mit;Paer, Levasseur und Mr. und Mme. Rigaud-Pallard fuhr. 
Es war grosser Hofzirkel. Ausser den Vocalsachen von 
obengenannten Sangern ausgefuhrt, spielte ich mit Baillot 
mein Potpourri und musste meiner ersten Improvisation 
noch eine zweite nachfolgen lassen. Die Aufnahme war 
-eine ausserst gunstige." 

"Was nun Moscheles' offentliche Unternehmungen be- 
trifit, so machten sie ihm manche Schwierigkeit. Es wurde 
viel mit dem Marquis Lauriston und Mr. de la Ferte ver- 
handelt, ehe es dazu kam, den 25. Februar zu seinem Con- 
cert im Theatre Favart bestimmen zu konnen. Ueber den 
Concerttag (25. Februar) findet sich im Tagebuche folgende 
Notiz: „*Vormittags war ich noch beschaftigt, Posaunen zu 
meinem Concerte zuzusetzen. Mit Vertheilung der Logen 
und Freibillette war ich auch sehr beschaftigt. Nach- 
mittags ging ich in's Theatre Favart, um mein Instrument 
von Pape zu probiren. Es war seit der Probe durch einen 
eigenen "Wachter gehutet worden, damit der Neid der 
anderen Instrumentenmacher ihm keinen iiblen Streich 
spieled konnte. Das Concert ging glucklich von Statten. 
Der Besuch und die Einnahroen waren ebenso glanzend, 
als der kiinstlerische Erfolg. Ein besonderer Vorfall, der 



■■■ y.\,P 



— 43 ~ 

sich heute ereignete, liess mich die G-efahr wahrnehmen, 
der ein Kunstler hier ausgesetzt ist, wenn er die Formen 
der Artigkeit 6'ffentlich verletzt. Der Sanger Bordogni 
wurde namlich ausgepfiffen , weil er aus Vergesslichkeit 
oder Absicht, nach. seinem Duett mit Dlle. Cinti ihr nicht 
die Hand reichte, um sie zuriickzufuhren". 

Ausser diesem Concert gab Moscheles noch eins mit 
afont in der Salle Favart (18. Marz) und spater noch vier 
soir^en mit ihm, die vierte und letzte am 20. Mai zum Besten 
iner armen Familie. Sie spielten wiederholt ein Pot- 
ourri iiber Gluck'sche, Mozart'sche und Rossini'sche The- 
en, welches sie zusammen componirt hatten, und dieses 
brfiihren und Verschmelzen von Gedanken aus so ver- 
chiedenen Kunstschulen machte grosses Gliick. Die feine 
elt patronisirte die Unternehmungen beider Kunstler in 
aris so sehr, dass sie auch in Versailles zusammen Con- 
ert gaben und hochst zufrieden mit dem Erfolg waren. 
er Graf Senzillon hatte dort Alles ftir sie arrangirt, sie 
amen mit Clavier und Geige an, hielten Probe, wander- 
en dann in Schloss und Park umher, spielten mit dem 
rossten Beifall und strichen ihre Einnahme ein. Ueber 
font bemerkt Moscheles: „Er war ein siisslich sentimen- 
aler Sanger, nicht nur auf seiner Geige, sondern auch 
it der Kehle, und wusste durch seine Romanze „La 
rme" den Augen der Schonen gar manche Thrane zu 
intlocken. Seine Frau sang auch Romanzen, und da sie 
o schon als stimmlos war, so schrieb die spitzige Feder 
ines Kritikers nach einem Concert, in dem sie aufgetreten 
|war: „Mme. Lafont a chante; elle a de beaux yeux." 

Manchmal versammelte Moscheles das lustige Kiinstler- 
volkchen in seiner Wohnung, „wo denn bis 3 Uhr musicirt, 
punschirt und soupirt wurde; wer nur spielen, blasen oder 
singen konnte, war da, und Alles spielte, blies und sang 
nach Herzenslust" „Ueberhaupt ist's eine lustige Zeit", 
schreibt er einmal: „Freilich bei dem letzten Rothschild'- 
schen Staatsdiner, in Gegenwart von solchen Notabilitaten, 
vvie Canning oder Narischkin, musste ich sehr bescheiden 
uftreten." Die Einladung zu ihrem grossen, brillanten, 






— 44 — - 

aber steifen Ball erscheint ihm als eine „hochst fragliche 
Ehrenbezeigung." „Schon das Hinfahren in der unabseh- 
baren Queue langweilte mich", sagt er; zuletzt stieg ich aus 
und lief hin. Dort hatte icb auch keine Freuden. Da- 
gegen riihmt er die Auffuhrungen Gluck'scher Opern im 
Erard'schen Hause; die Concerts spirituels entziicken ihn. 
„Wer wiirde mich nicht um diesen Genuss beneiden. Sie 
sind mit Recht weltberiihmt; dort bore ich mit dem ge- 
messensten Ernst zu." 

Aber auch an heiteren Episoden feblt es nicht: „Mein 
Essen mit Carl Blum und Schlesinger beim Restaurant 
Lemelle ist immer lustig genug. Gestern ging Schlesinger 
in seinen Neckereien iiber meine Langsamkeit beim Essen 
so weit, dass er die dumme "Wette mit mir machte, er 
werde drei Dutzend Austern essen, wahrend ich eins ver- 
zehrte, und er hatte Recht. Als ich aber sah, wie nahe 
er daran "war, zu gewinnen, legte ich mich aufs Gesichter- 
schneiden, und wusste ihn durch meine albernen Fratzen 
so in's Gelachter zu bringen, dass er 'nicht weiter essen 
konnte; ich gewann und er zahlte die Zeche." 

Am 20. Marz finden wir eine interessante Notiz. „Ich 
brachte den Abend bei Ciceri, dem Schwiegersohn des 
beruhmten Malers Isabey zu, wodurch ich in einen der 
interessantesten Kunstlerkreise eingef iihrt wurde. Im ersten 
Zimmer waren die beriihmtesten Maler versammelt, die zu 
ihrer Unterhaltung Verschiedenes zeichneten, mitten unter 
■ ihnen Cherubini, ebenfalls zeichnend. Mir, wie jedem neu 
Eingefiihrten, ward die Ehre, sich in Carricatur portraitirt 
zu sehn; Begasse iibernahm mich und fuhrte sein Bild 
gelungen aus. Im andern Zimmer waren Musiker und 
Schauspieler, unter ihnen Ponchard, Levasseur, Dugazon, 
Panseron, Mile, de Mirack, Dlle. Livere vom Theatre f rancais. 
Das Interessanteste unter, ihren Leistungen, bei denen ich 
nur den Zuhorer machte, war ein-Singquartett von Cheru- 
bini, unter seiner Leitung ausgefuhrt. Spater bewaffnete 
sich die ganze Gesellschaft mit grosseren und kleineren 
Mir li tons und fuhrte auf diesen eintonigen, aus hart em 
Holze, ja zuweilen aus Zucker fabricirten Pfeifchen, nach 



— 45 — 

Art der russischen Horntnusik die Ouvertiire zu Demophon 

auf, wobei zwei Backpfannen die Pauken vertraten." Am 

27. Marz wiederholte sich dieses Mirliton-Concert bei Ciceri, 

und diesmal -betheiligte sich Cherubini activ daran. Mo- 

scheles berichtet Tiber jenen Abend: „Horace Vernet unter- 

hielt uns mit seinem Bauchrednertalent, M. Salmon mit 

em nachgeahmten Horn und Dugazon sogar mit einem 

lirliton-Solo. Lafont und ich vertraten die ernste Musik, 

er schliesslich auch ihr Recht wurde." 

Ueber die Theater, die Moscheles der Reihe nach fast 

lie besuchte, firiden wir manche interessante Notiz. In 

ranconi's Cirque olympique, im Faubourg du Temple, sah 

r Ugolino's haarstraubende Geschichte, in der ein Thurm 

instiirzt und sonstige grausige Dinge vorgefuhrt worden, 

ie die Maschinerie in Bewegung setzen. In der Porte 

t. Martin machte die Parodie „Les petites Dana'ides" und 

esonders Potier's ultirakomisches Spiel Furore. In den 

arietes lachte man bei den Stiicken aus Scribe's erster und 

ester Zeit (L'ours et le Pacha, die Champenoise, die 

bitures versees u. a.) Im Gymnase dramatique bezaubert 

hn die Erscheiming und das Spiel der' schonen Schau- 

pieler in Esther; Perlet's Komik ist „zum Todtlachen"; und 

:,fiir Talma's Mithridates giebt es keine Worte". Die jeune 

brnme colere der Mars entlockt ihmdieBemerkung: „Diese 

osse Kunstlerin muss innig verehrt in der Erinnerung 

es Gliicklichen leben, der sie gesehen hat". 

Mit dem grossten Interesse besuchte er die Graber 
ousseau's, Voltaire's; mit jugendlichem Enthusiasmus be- 
trachtete er die zahlreichen Denkwiirdigkeiten und Kunst- 
schatze der Weltstadt, sowie ihre Umgebungen bei heran- 
nahendem Friihling. Das Alles ist im Tagebuch nur kurz 
angedeutet. Ganz Musiker, macht er immer wieder mu- 
sikalische Notizen. So z. B. „Fruh fuhr ich mit Lafont 
in's Hotel de Ville, wo die neue Cantate von Cherubini und 
das Intermede von Boieldieu und Berton, fur die Taufe 
des Herzogs von Bordeaux geschrieben, probirt wurden, 
Erstere unter der Leitung des grossen Meisters. Sein 
schneidendes Stimmchen unterbrach wahrend des Tactirens 



^ 46 - 

zuweilen die Begeistefung, in die ich durch seine Nahe 
und Composition versetzt ward. Die ganze herrliche Ka- 
pelle mit all ihren Notabilitaten fungirte. Der Prafect 
Graf Chabrol und Gemahlin, die ich bei dieser Probe traf. 
waren iiberaus freundllch gegen mich und boten mtr auf 
die schmeichelhaf teste Art ein Billet zum Festball bei 
Gelegenheit der Taufe an. Abends wohnte ich der Ge- 
neralprobe der Oper bei, welche Cherubini, Paer, Berton, 
Boieldieu und Kreutzer fur die Taufe componirt hatten. 
Der Schlusschor von Cherubini machte einen unauslosch- 
lichen Eindruck auf mich. Jeder Meister leitete seine 
eigenen Stiicke und Cherubini wurde jubelnd applaudirt. 

30. April. „Vormittags wieder bei der Probe des Inter- 
mede zur Taufe im Hotel de "Ville unter Leitung der 
Verfasser Boieldieu und Berton. Die Damen Rigaud- 
Pallard und Boulanger, M. M. Ponchard und Huet sangen. 
Ein ungeheures Gewiihl von Menschen und Equipagen 
zeigt heute schon auf interessante Weise den Beginn 
der grossen Festivitaten an." 

1. Mai. „Heute wurde der kleine Herzog v. Bordeaux 
getauft und da sich ganz Paris auf den Strassen befand, 
konnte auch ich wenig zu Hause bleiben. Ich sah den 
Zug wie er sich nach der Kirche Notre Dame begab, dann 
war ich in den Tuilerien, wo die Herzogin auf dem Balcon 
den Taufling dem enthusiasmirten Publicum zeigte, Abends 
in Gesellschaft von Freunden bei der Illumination, die be- 
sonders im Garten der Tuilerien feenartig erschien." 

„Am z, Mai geht endlich die Auffiihrung des Inter- 
mede in der Salle au St. Esprit im Hotel de Ville in glan- 
zender Weise vor sich." 

9. Mai. „Heute spielte ich im Hotel de Ville, wo die 
Stadt Paris den Deputirten der Provinzen {des bonnes 
villes) ein grosses Bankett gab. Cherubini, Boieldieu und 
Berton hatten die Direction des Ganzen. Das Intermede 
wurde wiederholt; audi Lafont wirkte mit." 

r3- Mai. ,,Heute ging ich mit Freunden nach der 
Villette, wo die Einweihung des Canals St. Denis als Fort- 
setzung der Feierlichkeiten stattfand. Der Hof fuhr in 



— 47 — 

buntgeschmiickten Gondeln und kleinen Segelschiffen dar- 
auf hin und her, und Alles drangte sich herzu und ju- 
bilirte." Dieser Hof mit seinem Jubel, dem angebeteten 
Taufling und der gliicklich stolzen Mutter solltel wie so 
manche andere franzosische Dynastie, in Nebel zerfliessen. 

Mit den Festlichkeiten naherte sich audi Moscheles' 
Aufenthalt in Paris dem Ende. „Zum Abschluss kann 
ich," sagt er, „meiner Mutter das giinstigste Resultat dieses 
pariser Aufentbalts in kunstlerischer wie in materieller 
Hinsicht melden. Die soil es mit geniessen". 

Wir haben schon erwahnt, wie der fruhe Tod des 
Vaters seine Witwe und die funf jungen Kinder ganz un- 
versorgt zuriickliess. Von diesem pariser Aufenthalte an 
zieht sich durch Moscheles' Leben wie ein rother Faden die 
Freude, fiir seine Mutter und seine Schwestern zu sorgen; 
auch um den Bruder, dessen schwachliche Gesundheit ihn 
zu keiner ganzlichen Unabhangigkeit koraraen liess und 
um dessen Geschaft war Moscheles unausgesetzt bemiiht. 
. Die intimsten pariser Freunde wetteiferten noch in 
Freundlichkeiten und Abschiedsdiners; Moscheles selbst gab 
ihnen eins bei den Freres Provencaux und traf dann seine 
Anstalten zur Abreise. Diese Abreise fand am Morgen des 
23, Mai statt, und erst am 24, Abends erreichte die Mes- 
sagerie Calais bei ungiinstigem Wetter, Der Wind war con- 
trair, so contrair, dass kein Segelschiff den Hafen verlassen 
konnte, und so durfte er sich erst am* 26. einschiflen. „Ein mir 
unvergesslicher Tag!" erzahlter. „Wir verbrachten vierzehn 
voile Stunden auf dem bewegten Meer, ich mit allem Leid 
der Seekrankheit beschwert. Alswir uns endllch um Mitter- 
nacht Dover naherten und der Steward das Geld fur die 
Ueberfahrt von mir verlangte, hatte ich nur noch die Kraft, 
ilim den Weg zu meiner gefiillten Tasche anzudeuten." 
„For shame (welche Schande), rief der Mann aus, ein Courier 
und so seekrank!" Und woher ward mir dieser Titel 
eines Couriers? Man hatte mir auf der osterreichischen 
Gesandtschaft das grosse Packet meiner Musikalien mit 
dem kaiserlichen Siegel und der Aufschrift „Depeschen" 
versehen, damit ich steuerfrei reisen und uberall schnell 



- 4 8 - 

expedirt werden konne; so hielt mich der Steward fiir 
einen oft hinuber- und heriiberrelsenden Depeschentrager. 
Als wir in Dover landeten, erholte ich mich schnell und 
fuhr am folgenden Morgen in der Mail ab, die mich in 
zwolf Stunden nach London brachte. Er ahnte nicht, dass 
London in nicht langer Zeit seine zweite Hsimat werden 
sollte. 






VIERTER ABSCHNITT. 

LONDON UND PARIS. 



3 821 — IS25. 



Moschek's' Lebc-n. 



-'',V^ ■■?,K:\ 






^',4 



1821. 



„Gestern", erzahlt das Tagebuch am 28. Mai, „erreichte 
ich Abends den Golden Cross Gasthof in Charing Cross. 
Als ich heute friih den Platz bewunderte und dies dem 
Kellner mittheilte, meinte er ganz gelehrt, es sei auch ein 
historisch merkwiirdiger Ort. Als man den Leichnam der 
Konigin Eleonore, der Gemahlin K6nig Eduard's I., In die 
Westminster- Abteigetragen, um ihn dort beizusetzen, habe 
man an alien Stationen, wo der Trauerzug gehalten, 
Kreuze errichtet; so sei aus dem Dorfe Charing, das da- 
mals diesen Platz und seine Umgebungen einnahm, Charing 
Cross geworden. Mir war das neu, denn ich hatte mich. 
damals noch nicht viel um die Geschichte Englands ge- 
kummert." 

Aber auch das wusste Moscheles nicht — konnte er 
sich nicht traumen lassen, dass London kiinftig seine zweite 
Heimath werden sollte. Fiir's erste stiirzte er sich hier 
in der Metropofe des grossen Inselreichs, wie in der Welt- 
stadt Paris, voll jugendlichen Feuers in das Musik- und 
Salonleben. Er wollte vor^Allem horen und gehort wer- 
den — und dazu fand sich in London ebensoviel Gelegen- 
heit, wie in Paris. Kiinstler auf seinem Instrument, wie 
J. B. Cramer, F. Ries, Kalkbrenner traten mit ihm in die 
Schranken; Manner wie Clementi sassen unter den Preis- 
richtern. (Moscheles spielte damals vorzugsweise auf 
Clementi'schen Fliigeln. Die Fabrik fiihrte den Namen 

4* 



— 52 — 

Qementi & Co., und dieser Name burgle fur die Giite der 
Claviere, wahrend zwei Briider Collard die Geschafte des- 
Hauses betrieben). 

Ueber den Collegen Cramer schreibt Moscheles: „Er 
sauselt seinen Mozart und seine eigenen Mozartahnlichen. 
Compositionen , ohne mich und meine Bravour anzufein- 
den; ja, er zollt mir vielmehr offentlich und privatim 
die aufricbtigste Anerkennung, die ich ihm ebenso auf- 
richtig vergelte. Ich bin Hausfreund bei ihrn, und bin 
ihm sehr dankbar Fur das Interesse, welches er meinem 
qffentlichen Auftreten und dessen Vorbereitungen schenkt.. 
Cramer ist geistreich und unterhaltend und gleich vielen 
derart begabten Menschen, beissend satyrisch; ja er 
verschont seine eigene Schwache nicht, indem er seine- 
Vorliebe fur geistige Getranke dadurch persiflirt, dass er 
-von einer, sich iiber seine Nase schlangelnden, verdachtig 
rothblauen Ader sagt: „C'est Bacchus qui m'a mis son 
pouce la; ce diable de Bacchus!" Er spricht namlich vor- 
z.ugsweise franzosisch, weil er lange in Frankreich gelebt 
bat, zeigt auch in seinem Wesen, dass er einen Theil seiner 
Jugend in diesem Lande zugebracht hat." Er hatte seine 
schone Frau in ihrer friihesten Jugend geheirathet, nach 
ihrem Tode aber ein zweites Ehebiindniss gekniipft, welches 
bis ill seinen Lebensabencl hinein ein gliickliches blieb. 
Dieser war ein hdchst bescheidener, weil er in seinem 
Alter mit seiner Frau viele Jahre von einer sehr kleinen 
Pension leben musste, die ihm das Haus Cramer, Beale 
and Co. auszahlte. Sein beruhmter Name war fur das- 
Musikgeschaft ein werthvolles Kapital. 

„Zur Warnung", fahrt das Tagebuch fort, „will ich 
hier anfiihren, dass Cramer einer der leidenschaftlichsten 
Schnupfer ist. Gute Hausfrauen behaupten, man musse- 
nach jedem Besuch des grossen Meisters den Boden sau- 
bern, wahrend ich al's Clavierspieler es ihm nicht ver- 
zeihen kann, dass er seine aristokratisch langen schmalen 
Finger mit ihren schongeformten Nageln durch den Ge- 
brauch des braunen Krautes verunziert, ja durch das 
Uebermass dieses Gebrauches die Tasten nicht selten in's. 



- — 53 — ■ 

Stocken . bringt, Diese schlanken gut gebildeten Finger 
spielen vorzugsweise legato; sie pflegen bindend von einer 
Taste zur andern zu gleiten, und Oktaven- wie Staccato- 
Passagen womoglich zu vermeiden. Cramer singt auf dem 
Clavier so, dass er ein Mozart'sches Andante beinahe in 
-einen Vocalsatz umwandelt; ich muss es riigen, dass er 
.sich die Freiheit nimmt, seine eigenen oft recht kleinlichen 
"Verzierungen hineinzuweben." 

Spater heisst es: „Seine neu componirte Sonate in 
D-moll macht mir grosse Freude und unser freundschaft- 
liches Verhaltniss kniipft sich fester durch das aufrichtige 
Lob, das ich ihm dafur spende." 

UeberRies lesen wir: „Auch mit Ferdinand Ries habe 
ich sehr gluckliche musikalische Stunden, da ich be- 
gierig die Gelegenheit erfasste, den Mann kennen zu ler- 
nen, dessen herrliches Cis-moll-Concert ich in Wien der 
Oeffentlichkeit vorfiihrte." 

Einer will nun immer den Andern horen, sich an 
seinen friiheren und neuesten Werken erfreuen, und in 
vierhandigen Stiicken die, beiderseitigen Krafte erproben. 
Die grosse Verehrung vor dem Meister Beethoven, dessen 
Schiiler Ries war, musste sie zu einander ziehen und ein 
dauerndes Freundschaftsband zwischen ihnen kniipfen. 
Oeffentlich spielte Ries damals nicht mehr; er lebte ganz 
.seinem Beruf des Musikunterrichts und des Componirens; 
Beides trug ihm Geld und Ehre ein, sodass er sich schon 
im Jahre 1824 als wohlhabender Mann und geachteter 
Kiinstler mit seiner liebenswiirdigen Familie auf ein Gut 
J* in der Nahe von Bonn zuriickzog. Auch dort componirte 
er viel, und seine Claviersachen, besonders die Sonaten mit 
Violine, waren in Wien sowie in anderen deutschen mu- 
sikalischen Stadten sehr beliebt. Was aber Orchester- 
werke betrifft, so war er darin nicht gliicklicher, als Cle- 
men ti. Symphonieen von Beiden wurden in Philharnaoni- 
schen Concerten in London ganz erfolglos aufgefiihrt; sie 
verschwanden spurlos voni Repertoire und wussten sich 
auch in anderen Landern keine Heimath zu griinden. 

Den grossten Theil seiner Erholungsstunden brachte 



— 54 — 

Moscheles mit Kalkbrenner, dem Harf en spieler Dizi urict 
dem Musikhandler Latour, Associe des Hauses Chappell, zu. 
„Dizi", erzahlt er, „hat ein allerliebstes Haus in Crabtree 
in der Nahe von London; eine hubsche Themsenfahrt 
fiihrt dahin, und da mich die schwere Stadtluft plagt- und 
mir einen nie gekannten bosen Kopfschmerz verursacht, 
so veranlassen mich Dizi und seine Frau zu ofteren Be- 
suchen, bei denen sie mir ein freundliches Schlafzimmer zu 
Gebote stellen." Dort waren auch Kalkbrenner und Latour 
als Stammgaste eingebiirgert, und dort wurde nach Herzens- 
lust musicirt. Dizi war ein tiichtiger Kunstler auf seinem 
Instrument, Latour ein eben?o eifriger Clavierlehrer als 
Coraponist kleiner Stiickchen, die er in seinem eigenen 
Verlag erscheinen liess. 

Und Kalkbrenner? Die Welt kennt ihn als einen der 
brillantesten Virtuosen seiner Zeit, und auch Moscheles 
riihmt ihn als „Octavenhelden"; doch kannte er ihn 
schon von Wien her als einen leichten, honigsussen,. 
wenig zuverlassigen Menschen, im Umgang nicht un- 
angenehm, zur Freundschaft untauglich. Er hatte da- 

mals den duramen Streich gemacht, die Baronesse 

die Tochter eines der ersten Hauser Wiens, in das Mo- 
scheles ihn eingefuhrt, auf kurze Bekanntschaft hin mit 
einem Heirathsantrag zu beehren, War natiirlich abgewiesen 
worden und hatte nun Moscheles gerathen, „es doch auch 
bei ihr zu versuchen", woruber dieser „nur lachen konnte".. 
In London stellte Kalkbrenner eine Dame, mit der er ein 
Landgut bewohne, als seine Frau vor. Das Landgut lag 
in Frankreich und gehorte ihr, sie aber gehorte, wie man. 
hinterher erfuhr, ihrem rechtmassigenEhemann, und spater 
wollte sie nur dem Himmel angehoren, da sie ihre Tage- 
reuig in einem Kloster beschloss. Damals — 1821 ward 
sie Mme. Kalkbrenner genannt, und Moscheles hatte gern 
eine Einladung auf das Gut nach beendeter Saison an- 
genommen. Schon im nachsten Jahre indessen efschien 
Kalkbrenner in London in der tiefsten Trauer und be- 
weinte den Tod der im Kloster Biissenden mit alien 
Zeichen des tiefsten Schmerzes vor seinen Freunden. Viele 



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— 55 



sprachen dem trauernden Gatten Muth zu, Viele sahen ihn 
heisse Thranen vergiessen; einer seiner ausgezeichneten 
Schiilerinnen schien es vorbehalten, ihn dauernd zu trosten; 
doch erwiesen sich seine Absichten als sehr schwahkend, 
er verliess England und da ihr Vater in gerechtem Zorn 
drohte, Kalkbrenner'n vor Gericht zu belangen, sobald er sieh 
in Albion sehen liesse, so ist er nie wieder erschienen, und 
hat spater in Paris die vermogende Tochter eines fran- 
zosischen Generals geheirathet, mit der er ein elegantes, 
aber nicht sehr gemuthliches Haus fiihrte. Aus diesef 
Ehe ging ein Sohn hervor, der Musiker ist und in Siid- 
Frankreich lebt. Der Vater starb wohl friiher als noth- 
wendig in Folge seiner Marotte, sich selbst homoopathisch 
zu behandeln, statt einen der Wissenschaft kundigen Mann 
zu Rathe zu ziehen. 

Kehren wir zu den Tagebuchnotizen iiber Kalkbren- 
ner aus dem Jahre 1821 zuruck. „Wir spielen oft vier- 
handig mit einander, zeigen uns gegenseitig unsere Com- 
positionen und leben kiinstlerisch kameradschaftlich. Ich 
ehre in ihm, den Octavenhelden, wenn ich gleich seine 
Manier, Octavenpassagen mit dem losen Gelenk zu machen, 
nur schadlich finden kann," An einer anderen Stelle heisst 
es: „Das Logiersche System (das zwei Schiller ein und 
dasselbe Stuck einiiben lasst) macht hier einiges Aufsehen, 
und gem lasse ich es mir auf Kalkbrenner's Wunsch, der 
es sehr lobt, von dem verdienstvollen Erfinder und seiner 
gescliickten Gattin praktisch exponiren. Ob ich es an- 
wenden mochte? Ich glaube nicht. Der Geist soil mehr 
iiben als die Finger; das ist die Hauptsache." Damals 
drangten sich in London die verschiedensten Kunstler- 
grossen zusammen. Da war Kiesewetter, der treffliche 
Geiger, die sehr grosse Mara und die noch grossere 
Catalani, ferner Dragonetti, der viele Jahre hindurch 
den ersten Platz als Contrabassist mit Glanz behaup- 
tete. Letzterer war ein Original vom reinsten "Wasser. 
Moscheles erzahlt von ihm: „In seinem Salon in Leicester 
Square hat er eine grosse Gesellschaft verschiedener 
Puppen sitzen, worunter auch eine Mohrin ist. Kommt 



_ 5 6 - 

nun Besuch, so sagt er, diese odef jene der Damen 
werde dem Eintreteiiden schon Platz maclien, er moge nur 
naher kornmen, fragt auch wohl die naheren Bekannten 
nach dem besseren oder schlechteren Aussehen der Lieb- 
lingspuppen seit ihrem letzten Besuch, und was der Thor- 
heiten mehr sind. Er schnupft entsetzlich viel aUs einer 
Riesendose und hat auch erne Riesensammlung anderer 
Dosen. Das Sonderbarste an ihm ist aber seine Sprache 
— ein wahres Kauderwelsch, in dem sich sein eingebore- 
nes Bergamasco mit schlechtem Franzosisch und noch 
schlechterem Englisch mischt". 

Gleich in den ersten Tagen seines Aufenthalts be- 
sucbte Moscheles His Majesty's Theatre (Haymarket), und 
war nicht wenig frappirt, dass man der lastigen Sitte ge- 
mass, in Schuhen und Striimpfen und naturlich in Frack 
und weisser Cravatte erscheinen musste. „Es war gut, 
dass ich zum ersten mal nur den „Turco in Italia" mit seiner 
leichten seichten Musik zu horen bekam, denn nunkonnte ich 
mich ganz meinem Entzucken uber den herrlichen Gesang 
einer Camporese, eines Ambrogetti hingeben, konnte meine 
AUgen von meinem Parterresitz aus an der glanzenden 
Gesellschaft in den Logen weiden. Der Kreis reizend 
schoner Damen in eleganter Toilette, in prachtigem Ge- 
schmeide, bei fast tagesheller Beleuchtung nahm sich aus, 
wie ein blendender Strahlenkranz". 

Die englischen Opern, welche. im Drury lane-Theater 
gegeben werden, interessiren ihn sehr, besonders. der San- 
ger Braham, dessen wunderbar schoner Tenor durch die 
Bildung, welche ihm seine Freundin Mme. Camporese ge- 
geben, einen eignen Schmelz erhalten hatte. Aber auch 
die meisten iibrigen Sanger rindet er vortrefflich geschult, 
nur Miss Wilson, die Primadonna, weniger anziehend und 
die Besucher des Drurylane-Theaters weniger elegant und 
fashionable als die der italienischen Oper. 

Die Theater-Scala herniedersteigend, besuchte er nun 
das Surrey in der City und sah dort ein haarstraubendes 
Melodrama, das er jedoch unerquicklich fand; mit Genuss 
wohnte er dagegen an einem spateren Abend im eigent- 



-V-;£i.'V.= 



■ — 57 — 

lichen Concertsaal, den Argyll-rooms, der vortrefflichen 
Vorstellung einer kleinen franzosischen Truppe bei, welche 
die Noblesse auf eigne Kosten, zu eignem Vergniigen 
unterhielt. Das mit Franconi rivalisirende Astley-Theatre 
gab den Gilblas mit grosser Pracht und vielem Beifall, 
und auch dahin fiihrten ihn seine Freunde. Sie fiihrten 
ihn aber auch in den Hyde Park, urn die Stunde, wo die 
feine Welt London's dort protnenirte. Im Tagebuche be- 
merkt er hierzu: „Meine Bewunderung der herrlichen 
Pferde und Equipagen, der lassig imWagen zuriicklehnen- 
den Schonen und der kuhnen Amazonen auf rauthigen 
Rossen kohnte.mich aber nicht verhindern, der Worte 
Byron's zu gedenken: 

Those vegetable puncheons called Parks 
With neither fruit nor flower to satisfy 
Even a bee's slight munchings. 

Denn etwas Kahleres, Baum- und Strauchloseres als 

dieser Hyde Park ist mir nie vorgekommen." In spateren 

Jahren fand er Gelegenheit, sich an den mit Blumen yer- 

. zierten und so unendlich verschonerten Parks zu weiden. 

Wie von den pariser Sehenswiirdigkeiten, so gibt 
auch von London mit seinen oft beschriebenen Schonheiten 
und Schattenseiten, seiner Bilderausstellung im Somerset- 
house und anderen Kunstschatzen das Tagebuch nur fliich- 
tige Kunde; ja nicht einmal bei seiner Bekanntschaft mit 
den beriihmten Malern Gericault und Rochard verweilt er. 
Die Musik nimmt ihn ganz ein, und sorgfaltig verzeich- 
net er alle grossen und kleinen Erlebnisse auf diesem 
Gebiete. 

28. Mai: „Unter der Leitung Kiesewetters im Philhar- - 
monic Concert gab man Beethoven's Pastoral-Symphonie 
mit Wurde ausgefiihrt; nur die donnernden Pauken von 
storendem Effekt; Arie aus Titus von Miss Goodall; 
Violinquartett von Mozart, gespielt von Spagnoletti, Lindley, 
Terzett aus Idomeneo, gesungen Mme. Salmon, Miss Goo- 
dall, W. Begrez; Ouverture Lodoiska. — 2. Theil: Sym- 
phonie in D von Mozart; Arie aus Judas Maccabaus, ent- 
zuckend schon gesungen von Mme. Salmon; Septett fur 



- 58 - 

Harfe und Streichinstrumente: Dragonetti Bass, Bochsa 
Harfe; Arie gesungen von Begrez; Ouvefture Egmont. 
Die Ensemblestiicke dieses Concerts gingen mit besonderer 
Pracision." 

Am 30. Mai. „Den ausgezeichneten Flotenspieler Tu- 
lon in seinem eigenen Concert (Argyll-rooms) gehort. Ein 
Gemisch von Gesangstiicken der Damen Goodall, Vestris, 
Camporese, Salmon, des Herrn Ambrogetti u. A. Dime. 
Buchwald, eine sehr brave Schulerin von Kalkbreriner, 
spielte ein Septett von ihm." 

1. Juni: „Mit Clemen ti verabredetermassen in seiner 
Clavier-Fabrik zusammengetroffen und ihm Einiges vorge- 
spielt, woriiber er seine besondere Zufriedenheit ausserte. 
Dann Visiten bei Eiirst Esterhazy, Prinz Leopold, Lord 
Lowther, Castlereagh u.A. Abends horte ich Cramer im Con- 
cert des Sangers Vaughan wieder ein Mozart'sches Con- 
cert mit seltener Zartheit spielen. Die grossen Chore und 
Gesangstiicke aus Handel'schen Oratorien, die heute zu 
Gehor kamen, machtendurch die Pracision der Auffiihrung, 
sowie durch die Begleitung der Orgel einen noch nie em- 
pfundenen Eindruck auf mich." 

6. Juni: „ Ancient-Concert (in den Hanover Sq re rooms), 
wo Handel's Messias in seiner ganzen Grosse und einfachen 
Wiirde gegeben wurde. Die Begleitung der Orgel in 
kraftigen Stellen durch Blasinstrumente erganzt. Die 
vorzijglichsten Sanger waren; Mrs. Salmon, Miss Stephens, 
Mr. Vaughan. Auftallend war es mir, dass statt der 
Knaben im Alt bejahrte Manner diesen Part mit der 
Kopfstimme sangen. Das beriihmte Hallelujah wurde 
ausserst langsam gegeben. Die obligaten Trompeten zogen 
wieder meine Aufmerksamkeit und Bewunderung auf sich." 

q. Juni: „Gegen Abend ging ich mit Cramer zum 
Diner der royal Society of musicians. Die Mitglieder die^ 
ser Gesellschaft, einer milden Stiftung fur Wittwen und 
Waisen, speisen alljahrlich einmal miteinander und laden 
zahlreiche Freunde dazu ein. Das Couvert kostet 1 Guinea, 
und irgend ein musikalischer Lord prasidirt. Sobald die 
Speisen abgetragen sind, wird das Tischtuch entfernt, der 



— 59 — 

schon gebohnte Mahagoni-Esstisch mit frisehen Dessert- 
weinen besetzt. Alsobald sieht man auf einer oberen 
Galerie Damen erscheinen; es sind die Frauen und Toch- 
ter der vornehmsten Kiinstler mit einigen auserwahlten 
Freundinnen. Weissbebanderte Herren, die Stewards {Ce- 
remonienmeister) des Diners, empfangen sie hoflichst und 
weisen ihnen oben Sitze an. Von unten her erschallt das 
Non nobis Domine, em vierstimmig"er Ganon im strengen 
Styl, von dem jeder englische Kiinstler seine Stimme aus- 
wendig kennt; — der Text besteht aus dem gewohnlich 
gesprochenen Dankgebet Grace after meat. Nun kommt 
eine vorgeschriebene Reihenfolge von Toasten, die von 
einem dazu bestellten Diener, der hinter des Prasidenten 
Stuhl steht, mit kraftvoller Lunge angekiindigt werden. 
Der Kbnig und sein Haus, der President, die Marine, die 
Armee, ihre Fiihrer, die Gesellschaft, zuletzt auch die Damen, 
welche das Fest beehren, miissen hoch leben, und der Grad 
der Theilnahme den die Anwesenden diesen toasts bezeigen, 
besteht in einem starkeren oder schwacheren Aufstossen der 
MessergriffeaufdenTisch, wobei dennGlaser und Flaschen 
den sinnverwirrenden Larm completiren. Nur dann, wenn 
ein zum Musiciren eingeladener Kiinstler zwischen den 
toasts mit einem Solo hervortritt oder ein Redner solch. 
ein Musikstiick ankiindigt und dadurch besondere Theil- 
nahme erregt, bemiiht man sich, mit den Handen zu klat- 
schen. Die Hauptrede, welche bei jeder dieser Zusam- 
menkunfte gehalten wird, ist der Jahresbericht fiber die 
Finanzen der Gesellschaft; ernst und sachverstandig 
geht sie schliesslich dazu iiber, durch eine humoristische 
Wendung die anwesende, nun schon durch Wein und 
Musik belebte Gesellschaft, zu neuen Gaben fur den wohl- 
thjitigen Zweck anzuregen. Das Haus Broadwood steht bei 
diesen Gaben stets in erster Linie. Noch muss ich' der Ga- 
lanterie der Festgeber erwahnen, die jedesmal ihre Damen 
durch die Stewards in ein besonderes Zimmer, vor einen mit 
Wein, Friichten und Kuchen bedeckten Tisch fuhren und 
mit diesen guten Dingen erfrischen lassen." 

ii. Juni. „Wichtiger Tag. Erstes Auftreten im letzten 



— <5o — 

Philharmonischen Concert und mit vielem Gliick. Ich 
spielte mein Es-dur-Concert und die Alexander-Variatio- 
nen. Dieses Stuck bekam wegen der Aehnlichkeit des 
Thema's mit der Marseillaise von den Englandern den Bei- 
namen the Fall of Paris, ein Umstand der mir spater in 
r Paris unangenehme Auslegungen von den Blattern zuzog 
Im 2. Theil spielte Kiesewetter mit grossem Beifall." 

4. Juli. ,,Heute endlich war mein Concert in den Ar- 
gyll rooms, das mir so viel Plage und Lauferei gemacht 
hat. Das Concert und die Clair de lune-Variationen gin- 
gen gut und wurden sehr giinstig aufgenommen; am giin- 
stigsten aher die freie Phantasie iiber: My lodging is on the 
cold ground. Cramer begleitete die Gesangstiicke am 
Clavier, welche die Damen Salmon, Camporese, Ashes und 
Herren Corri, Begrez, Braham ausfiihrten. Audi der 
Geiger Mori unterstutzte mich." 

ti. Juli. „Grosse musikalische Soiree bei Rothschild 
auf seinem Landhause in Stamfordhill, fur die jetzt -\vegen 
der bevorstehenden Kronung Georg's FV. anwesenden 
fremden Minister, denen ich grosstentheils vorgestellt 
vrarde. Sie und der alte Fiirst Esterhazy bezeigten grosse 
Zufriedenheit iiber iriein mehrmaliges Spielen und Phan- 
tasiren. Dazwischen liessen sich englische Vocal-Talente, 
ein- und vierstimmig horen. Erst um 4 Uhr zu Hause ange- 
langt." 

ig. Juli. „Heute am Kronungstage postirte ich mich 
schon fruh in die Nahe der Abtei, sah die feierliche Pro- 
zession, den glanzenden Aufzug und das Bankett in West- 
minster Hall." 

Ehe er London verlasst, schreibt er noch sein Rondo 
fiir Clavier und Horn, arrangirt die Chore aus Timotheus 
fur Clavier, h6rt die neue Cavatine di tanti palpiti aus 
Rossini's Tancred von der Catalani und 1st Abends bei 
ihr zum Souper geladen. Endlich werden Abschiedsvisiten 
gemacht, und als dabei die Reihe an den Fiirsten Ester- 
hazy kommt, Iasst dieser ihm einen neuen Pass mit dem 
Titel seines Kammervirtuosen uberreichen. Von der Lon- 
doner Ktinstlerwelt nahm er unerern Abschied, desto 



— 6i . — - 

lieber von der Londoner Luft; „die schwere Londoner 
Luft", lieisst es im Tagebuche, „die mir so oft PCopf- 
schmerzen macht, ich verlasse sie gern!" 

Und so geht es nach Frankreich zuriick, erst nach 
Boulogne, dann nach Schloss Pralin zu Kalkbrenner. 
Dort verbrachte er bis in den October hinein ein ang'e- 
nehmes, ruhiges Landleben, natiirlich mit Musik verwebtr 
die Frau sehr gebildet, war ihm eine liebenswurdige 
Wirthin und er schrieb fiir sie, als Dank ' fur genossene 
Gastfreundschaft, sein Rondo „la Tenerezza." Auch drei 
Allegri di Bravura, die er Cramer dedizirte, und eine Po- 
lonaise brillante in Es componirte er in dieser landlichen 
Stille. Anhaltende Oavierstudien, Partiturlesen und fran- 
zosische Lecture fullen den Rest seiner Zeit aus. 

Kaum war er nach Paris- zuruckgekehrt, als ihn La- 
font beredete, eine tournee in die Normandie mit ihm zu 
machen, in den Stadten Rouen, Caen, Havre und Amiens 
Concerte auf gemeinschaftliche Kosten mit ihm zu geben. 
Moscheles willigte ein. Beide wurden iiberall sehr fetirt 
und in der besten Gesellschaft freundlich aufgenommen, 
sodass die Geschafte gut gingen. „Dabei hatten wir es 
bewenden lassen sollen", erzahlt 'Moscheles. „Lafont aber 
hattein meiner Abwesenheit zugesagt, auch in dem kleinen 
Hafen Honfleur mit mir zu spielen, was er mir im Salon 
einer der ersten Damen von Havre mittheilte. Diese warnte 
sogleich und maclite bemerkbar: es hiesse viel zu weit 
herabsteigen, in so einem Nest zu spielen. Ich aber wollte 
meinen Freund nicht im Stich lassen, und reiste trotz 
aller Zweifel mit ihm ab. Nun ist die See mir niemals 
hold gewesen und da ich mich auf der kleinen Fahrt von 
Havre nach Honfleur nicht eben gut befand, so briatete 
ich den fur Lafont schwarzen Gedanken aus, mich gleich 
bei meiner Ankunft durch Anschlag Unwohlseins halber 
abmelden zu lassen, wusste auch Lafont zu diesem Schritte 
zu bereden, und sah ihn richtig in die Druckerei wandern, 
urn die Absage-Zettel zu besorgen. So aber sollte die 
Sache nicht ablaufen; denn schon in der Druckerei wider- 
setzten sich die hinzugekommenen Behorden und eilten zu 



-i.W -.. 



— .62 



mir in's Hotel, noch ehe ich Zeit hatte zu verbergen, dass 
mir mein Mittagmahl vortrefflich schmeckte. Nun schtitzte 
ich boses Zahnweh vor, wehrte mich, so gut ich konnte, 
musste aber doch endlich nachgeben und den Enthusias- 
mus von Honfleur fur mein Spielen entgegen nehroen. 
Vielleicht verlieh ich diesem noch mehr Interesse als 
gewohnlich, indem ich mich beraiihte, die Rolle des 
„Souffrant" auch im Concertsaal vor dem PubUcum weiter 
zu spielen. So lief die Sache leidlich ab." 

Am 10. December traf er wieder in Paris ein, war 
rasch wieder eingelebt und das fruhere bewegte Musik- 
treiben begann von Neuem. Er nennt unter den mitge- 
machten Soireen besonders eine bei der Herzogin von 
Berry, welche Paer leitete, wo er viel spielte. Garcia, 
Galli, Bordogni und die liebliche Fodor sangen. Spater 
heisst es: „Ein Besuch des jungen Erard rief mich heute 
in seine Klavierfabrik, um die neue Erfindung seines 
Onkels Sebastian zu priifen. Sie bezweckt die raschere 
Auslosung der Hammer und erscheint mir so wichtig, 
dass ich dem Klavierbau durch sie eine neue Aera prophe- 
zeihe. Der Anschlag ist mir iramer noch zu schwer, die 
Papes und Petzolds angenehmer zu spielen, so bewunderte 
ich freilich, makelte aber auch und trieb ihn zu neuen 
"Verbesserungen an. 

Den Jahresschluss bringt er „im engsten Freundes- 
kreise bei August Leo angenehm" zu. 



■■'■■■' '■-.' _'■ 63"'- -. ' 
1822. 

Im Beginn dieses Jahres trat Malzel mit seinem Me- 
tronom hervor, an dessen Erfindung er jahrelang gear- 
beitet hatte. Da er es aber unehdlich schwer fand, ihm 
Eingang zu verschaffen, so musste er sich durch seinen 
Trompeter - Automaten und die Puppen, die Papa und 
Mama herausquakten , die nSthigen Subsistenzmittel ver- 
schaffen. Dass diese nicht immer ausreichten, beweist 
eine spatere Notiz von Moscheles, „dass er die 500 Francs, 
die er damals im Jahre 1822 in Paris sich von rair lieh, zu 
bezahlen vergass". — -, Das Erscheinen eines neuen Werks 
von Beethoven war stats ein Ereigniss fur Moscheles, Em 
solches Ereigniss fallt in den Anfang dieses Jahres, in 
welchem zwei neue Sonaten von Beethoven, (op. 109 u. no), 
herauskamen. Er studirte sie mit dem grossten Eifer, ver- 
senkte sich ganz in ihre Schonheiten und spiel te sie den 
Kunstbriidern vor, hauptsachlich dem Ereunde August 
Leo, dem er wahres „musikalisches Verstandniss und ein 
anmuthiges Compositionstalent" nachriihmt. Urn ihn scharte 
sich ein deutscher Kreis, dessen musikalischer Mittelpunkt 
Moscheles wurde, und in welchem der Beethovencultus 
pietatvolle Pflege fand. 

Ein zweites Ereigniss war das Erscheinen von Weber's 
„Freischiitz". Auch dieses Werk wurde in jenem Kreise 
mit freudiger Erregung begrusst, seine Schonheiten im 
Klavierauszug genossen, die neue Aera, welche fur die 
dramatische Kunst in Deutschland angebrochen schien, 
viel und eingehend besprochen. 

Moscheles selbst wollte als Novitat in seinem grossen 
Concert, welches er mit Lafont zusammen vorhatte, die 
Beethoven'sche Phantasie mit Chor spielen; aber das Melt 
schwer! Ein deutscher Musiker, Lecerf, sagte zwar gern 
die Mitwirkung des unter seiner Leitung stehenden „Ge- 
sangvereins fiir Kirchenmusik" zu; es wurde auch probirt 
und wieder probirt, aber die Stossseufzer des Tagebuchs 
iiber die Arbeit, welche die Vorbereiturig gerade dieses 



% • ' - — \ 64 — . 

; '.- r ' ■■' Werkes bereitete, wollen. nicht enden. Der von Theolon 

v " ubersetzte Text war von Moscheles selbst mit Aufopferung 

f mancher Mitternachtsstunde revidirt und geandert worden; 

dennoch war er hierdurch dem Publicum, das den Saal 

':■;■■': des Opernhauses iiberfullte, nicht zuganglich gemacht; 

'"■ ebenso wenig die Musik. Moscheles klagt: „Ich weiss 

C- nicht, war das Stuck fur ein Pariser Publicum zu lang, 

..■/'■ war es die meist falsche 'Intonation der Chore, genug es 

ist quasi durchgef alien. Alles Andere was Lafont und 

ich allein und was wir zusammen spielten, die Cinti und 

."■ Nourrit mit ihrem Gesang, Ivan Midler und seine Cla- 

rinette wurden enthusiastisch aufgenommen. Einnahme 

8000 Francs". Es kam aber noch ein Aerger nach. Ein 

ignoranter Journalist des Miroir fiel fiber Moscheles her; 

warf ihm vor, er habe die Chore selbst hinzugesetzt und 

dadurch der „Phantasie eine ungeniessbare Lange ge- 

geben", und so musste er sich noch offentlich recht- 

fertigen. 

Am Dimanche gras und Fastnachtsdienstag linden 
wir Moscheles im Carnevalsgetummel. Die unabsehbare 
Anzahl von Equipagen, das bunte Durcheinander der drol- 
ligsten Maskenaufziige, das tolle Gewimmel, das sich dem 
boeuf gras nachwalzte, belustigte ihn. Gleichwohl fand 
er am Fastnachtsdienstag Zeit, das am Morgen desselben 
Tages angefangene Adagio seines Es-dur- Concerts fort- 
zusetzen und zu vollenden. 

Unter seinen damaligen Schiilerinnen interessirte ihn 
•am meisten Dlle. Mock (nachherige Mme. Pleyel), der en 
grosses Talent er mit wahrer Freude ausbilden hilft. Es 
war ihm aber auch schmeichelhaft, dass die unvergess- 
liche Catalani, die diesen Winter in den kiirzesten Zwischen- 
; raumen vier iiberfullte Concerte giebt, ihm ihre Nichte zum 

Unterricht anvertraute. 

Im Marz halt sich Moscheles 14 Tage in Rouen auf, 
wohin ihn einige einflussreiche Familien gelockt haben. 
Diese sind eifrig bemiiht, ihm die interessante Stadt und 
ihre Umgebung, auch alle auf Jeanne dArc beziiglichen 
Denkwiirdigkeiteri zu zeigen. Pape bringt selbst das beste 



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seiner Instrumente aus Paris und die Karten zu dem vor- 
bereiteten Concert skid bald vergriffen. „ Aber ohne Plackerei 
und Lauferei geht's doch nicht ab; dafiir sorgen schon die 
Gottseibeiuns-Theaterdirectoren. Der hiesige beisst van 
Ofen und verweigert seine Sanger". Natiirlich schlugen 
sich die einflussreicheh Freunde in's Mittel und scbliesslich 
gelang es ihnen, den missgimstigen Mann herumzubringen. 
Das Concert geht mit grossem Erfolg vor sich, und ein 
zweites wird verlangt und gegeben. 

Ein Versprechen ruft Moscheles nacb Paris zuriick; 
er leitet bei Leo, der die Chore vortreftlich einstudirt hat, 
eine Auffiihrung von Mozart's Requiem. Am Ostersonntag 
spielt er im Concert spirituel auf Verlangen sein Potpourri 
mit Lafont, nimmt aber als Thema seiner Improvisation 
folgenden Kirchenchoral, der ihm „dem Tage angemes- 
sen" erscheint: 






n=t 



f—» — gj— * 



tic 



O (i - li - i et 



ae, rex coe-les - tis rex 

^ it 




glo - ri - ae mor - te sur - rex - it ho-di - e al - le - lu - ja.- 



„Wieder gelang es mir diesmal" {schreibt das Tagebuch), 
„dem Publikum meine eigene Inspiration ziindend mitzu- 
theilen". 



Die Pariser Saison ist zu Ende, und nun folgt Mo- 
scheles bereitwillig der Einladung der Freunde, wieder 
nach London zu kommen. „Dort-fand ich eben J.B. Cramer 
im Begriff, sein jahrliches Concert zu geben. Er zeigte 
mir zwei Stiicke einer Sonate, die er darin mit mir spielen 
mochte, und sprach den "Wunsch aus, dass ich ein drittes 
als Finale hinzu componiren mochte;. nur mochte ich ja 
keine meiner Octavenpassagen in seinen Part legen, di& 

Moscheles' Lebcn. . » 



_ 66 ■—"-.- 

konne er nicht spielen. Ich kann ihm hichts abschlagen, 
werde mich also bemiihen miissen, ihm, dem Mozart- und 
Handel- Jiinger, etvvas Analoges zu machen. Er liess mich 
einen Theil seines neuen, mir dedicirten Clavier-Quintetts 
horen ; eine echt Cramer'sche Composition. Ich musste 
ihm die drei Allegri di bravura:- „la force, la legerete et 
le caprice" vorspielen, die ich ihm widme". 

Das Stuck, welches Moscheles fiir dies Cramer'sche 
Concert als Anhangsel an dessen Sonate in aller Eile 
schrieb, ist das Allegro des allbekannten vielgespielten 
Hommage a Handel, dem er spater Selbststiindigkeit ver- 
lieh, indem er die Introduction dazu componirte und es in 
dieser Form fur zwei Claviere, dann aber auch fur vier- 
handiges Spiel herausgab. Die Novitat machte gleich bei 
der ersten Auffiihrung in Cramer's Concert am 9. Mai 
Furore.- „Glorious" John und Moscheles, von dem die Blatter 
behaupteten, „that his execution is most wonderful and 
more wonderful because he always makes the right use 
of his g-enius" — diese beiden zusammen spielen zu horen 
und noch dazu in einer Composition, an der Beide ge- 
arbeitet batten — das war „an unrivaled treat, an un- 
precedented attraction". Jeder hatte sich dazu ein Broad- 
wood'sches Instrument gewahlt, Cramer wie gewohnlich, 
Moscheles nur fiir diese Gelegenheit. „Die starken Metall- 
platten, deren Broadwood sich in seiner Construction be- 
dient, erschweren (wie Moscheles bemerkt), den Anschlag, 
geben aber dem Ton die Fiille und Sangbarkeit, die so 
lierrlich fiir Cramer's Legato, fiir seine sanft von Ton zu 
Ton gleitenden Finger passt; ich hingegen brauche zu 
ineinen repetirenden Noten, Sprungen und Doppelgriffen Cle- 
menti's beweghchere Mechanik". Cramer's D-moll-Concert 
;und das neue Quintett, vori seinem Bruder Francois, dem 
beliebten Cellisten Lindley, ferner Dragonetti und Moralt 
begieitet, gefiel unendlich. Dieser F. Cramer war ein guter 
Musiker, grosser Bewunderer seines Bruders, selbst aber 
nur massig ausiibender Kiinstler, ohne Eigenes schaffen 
zu konnen. Seiner grossen Familie hinterliess er wenig 
anehr als den Namen eines kreuzbraven Mannes, der, man 



- 6 7 -_■■'■-: 

weiss nicht recht warum, niemals auf einen griinen Zweig 
gekommen war; denn an Fleiss liess er es nicht fehlen. 
Er gab viel Lectionen und war gutbesoldeter Vorgeiger 
der Ancient- und Philharmonic -Concerts, sowie der pro- 
vinziellen Musikfeste. 

Sein Gr-raoll-Concert, das er neuerdings einer Ver- 
anderung unterzogen hatte, spiel te Moscheles erst im Phil- 
harmonisGhen, dann in seinem eigenen Concert mit vielem 
Beifall, In letzterem unterstutzte ihn die reizende Cinti, 
Kiese wetter und Dizi, der vortreffliche Harfenspieler. Alles 
ging gut und wirkungsvoll zusammen. „Wir haben aber 
auch ganz an der s probirt, als man es hier gewohnlich 
thut; oft giebt es gar keine Probe, oft lauft ein halbes 
Orchester die Sachen einmal durch. Was thun also die 
Sanger? Sie singen unaufhorlich die wenigen Stiicke, die 
das Orchester kennt und die das Publikum zu horen nie 
miide wird." 

Einige Tage spater heisst es: „Was sind alle Concerte 
gegen das des Harfenspieler- Charlatans Bochsa! Gehort 
habe ich nur ein Probchen-.davon, aber hier schreibe ich 
mir das Programm her, obgleich schon dies eine Riesen- 
arbeit ist." Die unglaubliche Lange des Concerts verdient 
in der That als Merkwurdigkeit verzeichnet zu. werden; 
hier ist das Programm: 

Erster Theil. 

1. Ouverture aus dem Oratorium the Redemption, v. Handel. 

2. Arie, ges. v. Bellamy. 

3. Arie aus Josua, Miss Goodall. 

4. Duett — Israel in Egypten. 

5. Chor, 

6. Arie aus Judas Maccabaus. 

7. „ aus Semele. 

S. „ aus Theodora. 
9. Chor aus Saul, 

10. Marsch aus Judas Maccabaus. 

11. Arie aus the Redemption. 

12. Chor aus Israel in Egypten. 

13. Duett aus Figaro. 

14. -Alexander-Variationen (von mir selbst gespielt). 

5' 



Zweiter Theil 
(zu ivclchcm das Publicum 'fur den halben Eintrittsprcis Einlass hatte.) 

IS- 

1 6. 

17. 6 Stiiche aus einem musikalischen Drama: Bajazet, Musik von einem 
18. 1 Lord Burghersh. 
19. 
20. 

21. Violin-Concert v. Viotti, vorgetr. von Mori. 

22. Recit. und Chor aus Moses, v. Rossini. 

23. Quintett. 

24. Duett aus Figaro, ges, v. Mad. Camporese und Cartoni. 

25. Arie aus Jephtah, 

26. Duetto aus Tancredi v. Rossini, ges. v. Mad. Vestris and Begrez. 

27. Recit. und Arie aus der Schopfung, ges, v. Zochelli. * 

28. Recit. und Arie aus: il Pensieroso v, Hiindel, ges. v. Miss Stephens, 
rait obligater Flotenbegleitung v. Nicholson. 

29. Schlusschor aus Beethoven's Christus am Oelberge. 

Dieses Riesenprogramm stellt selbst Astley's Tlieater in 
Schatten, der an einem Abend „einen schottischen Her- 
kules, verschiedene Seiltanzer, zwei Lapplander, zwei 
Hunde und einen Baren" producirt. 

Die grossen Soireen, zu denen Moschetes hinzugezogen 
wurde, urn „ffir die hohen und hochsten Herr'schaften auf- 
zuspielen", waren durchaus nicht nach Moscheles 1 Ge- 
schmack. „Wie anders", ruft er aus, „ist das Musik- 
machen in diesen heissen, gedrangt vollen Localen mit 
Beriicksichtigung des nicht kunstverstandigen Publicums 
im Vergleich zu unseren Zusammenkunften unter Kunst- 
briidern! Gottlob ist es mir nie so schlimm ergangen, 
wie dem armen Lafont, dem der Herzog v. Devonshire 
mitten in einem Stuck auf die Schulter klopfte, mit e'est 
assez, mon cher; ich werde applaudirt, wenn ich ihreOhren 
kitzele". 

Die Lichtseite der Sache war die gute Bezahlung und 
das Carrieremachen, Es hat auch etwas Ehrenvolles, zu 
einem Chateaubriand geladen zu sein; es bleibt immer hochst 
inter essant, in den Soireen der grossen "Welt mitgewirkt 
zu haben. Trifft man doch Alles dort, Prinzen, Staats- 
manner und Manner der Wissenschaft, und hat Gelegen- 



- ■■•;• ■ • ■ - 6 9 - 

heit mit interessanten Personllchkeiten in hahere Beruh- 
rung zu kommen. Ganz besonders freute Moscheles die 
Bekanntschaft der beriihmten Tragodin Mrs. Siddons 
und des ausgezeichneten Schauspielers Young, den er 
als einen hochst gebildeten, liebenswiirdigen Mann 
riihmte. 

Als ein besonders prachtiges Fest wird der Ball fur 
die nothleidenden Irlander erwahnt. Konig Georg IV., der 
zugegen war, hatte das herrliche Local der grossen Oper 
feenhaft ausschmiicken lassen. Der Ertrag war aber ein 
ebenso glanzender, da 3000 Karten ausgegeben waren, die 
erst 2 Guineen kosteten, zuletzt aber auf 15 Guineen 
stiegen. 

Gegen Ende dieser Saison finden wir Moscheles mit | 
einer griindlichen Revision mehrerer seiner Arbeiten, na- 1 
mentlich der Alexander- Variationen, beschaftigt. Zu letz- . ( 
teren wird eine neue Introduction geschrieben; die neue 
Auflage veranstaltete Boosey & Schulz, Audi von an-J 
der en Werken werden neue Auflagen vorbereitet; das 
Rondo „Charmes de Paris", das eben beendet ist, wird 
herausgegeben, Moscheles' Clavierauszug von Mehul's Oper 
Valentine de Milan gestochen, endlich die Herausgabe der 
Bonbonniere musicale eingeleitet, deren 1. Heft Moscheles 
der kleinen Tochter von Horace Vernet widmet, wahrend 
der Vater ein reizendes Titelkupfer dazu zeichnet. 

Und nun geht es mit den Freunden J. B, Cramer, 
Sir George Smart und Kiesewetter zu kurzer Erholung 
nach Brighton an die See, deren Heranrollen und Ab- 
fluthen ein majestatisches Schauspiel bot, wahrend die 
kraftige Luft und die Geschaftslosigkeit erquickend auf 
Leib und Seele wirkten. 

Die Musik war in Brighton durch den Director der 
koniglichen Harmonie-Musik, Kramer (nicht zu verwech- 
seln mit den erwahnten Briidern Cramer), herrlich ver- 
treten. Dieser fiihrt den Freunden mit seinem Orchester 
die besten Sachen von Handel, Mozart und Beethoven in 
trefflicher Ausfiihrung vor. Die Abende benutzt Moscheles 
zur Entwerfung einiger Canons, die er nach Wien sendet. 



— 7G — 

Fur den Herbst hatte Moscheles mit Kiesewetter so 
halb unci halb eine Reise nach Schottland verabredet, gab 
die Idee aber wieder auf. Kiesewetter's Lebenswandel 
passte nicht zu Moscheles' Ansichten, passte aber ebenso- 
wenig zu seiner eigenen schwachen Constitution und einer 
immer mehr iiber ihn hereinbrechenden Brustkrankheit, der 
sein wenig geregeltes Leben stets neue Nahrung gab. Da- 
gegen vereinigte sich Moscheles gem mit Lafont, den er 
kurz darauf in Boulogne traf, zu drei brillanten Concerten, 
und ging dann nach Paris, urn sich in der ruhigen Herbstzeit 
mit aller Musse und alien Kraften dem Studium und der Com- 
position zu widmen. Auch im Winter wird die Arbeit neben 
der Betheiligung an grdsseren Concerten (u. a. an einem 
von der Herzogin v. Berry veranstalteten) eifrig fortgesetzt. 
Gegen Jahresschluss, wo ihm die Londoner Academy of 
Music ein Diplom als Ehrenmitglied schickt, notirt er in's 
Tagebuch: ,Jch fiihle mich immer heimischer in England, 
denn augenscheinlich wiinscht man mir Achtung und 
Freundschaft zu bezeugen; das ruft bei mir grosse Dank- 
barkeit hervor". 



1823, 



Das Jahr beginnt mit den Zuriistungen zu einer neuen 
Reise nach England, die Mitte Januar angetreten wurde. 
"Wie im vorigen Jahre zwischen Paris und Versailles, Rouen 
und anderen franzosischen Stadten, so bewegte er sich jetzt 
zwischen London, Bath, Bristol etc. hin und her, denn in 
der grossen Metropole wie in der Provinz begehrte man 
seiner. Junge Damen wollten in wenigen Lectionen einen 
Bruchtheil seines angestaunten Spieles erlernen. Sein Phan- 
tasiren konnten sie ilim freihch ,,in a few finishing- lessons" 
nicht abhorchen; denn dazu gehorte neben der grossten 
musikalischen Belesenheit noch sein angeborenes Talent r 
das gegebene Thema in stets neuen iiberraschenden Wen- 
dungen kaleidoskopisch verschwinden und wieder auf- 



— 7i ~ 

tauchen zu lassen. Aber die repetirenden Noten, meinten 
die zarten Darr.en, und das gleichformige Rollen der lau- 
feriden Passagen konnten sie auch erlangen, und so wollte 
die Provinz ihn gem dem grossen London streitig machen. 

Um ihn langer zu fesseln, bereiteten ihm die lern- 
begierigen Damen in Bath und in der Umgegend dieses 
grossen Badeortes, neben den Engagements der Concert- 
Unternehmer noch Soireen in den ersten Privathausern 
vor; er brauchte nur zu kommen, zu spielen, seinen mit 
goldenen Bliithen. beschwerten Lorbeer einzustreichen und 
bei der Gelegenheit einige Lectionen zu ertheilen. In Bath 
riihmt er besonders die Gastfreundschaft der Fanulie 
Barlow. „Ich bin Sohn in ihrem gastfreien Hause; stets 
ist mein Zimmer bereit, und dabei ist Miss Barlow wohl 
meine talentvollste Schulerin". Weiter finden sich Be- 
merkungen uber ein Concert in E-dur, das er in diesem 
Hause begann und fleissig ausarbeitete. 

Aber auch an drolligen Notizen fehlt es nicht. So 
finden wir unter anderem ein spasshaftes Quid pro quo 
verzeichnet, das ihm, als einem Neuling in der englischen 
Sprache, an der Tafel der Familie Barlow passirte. „Ich 
wurde heute beim Dessert gefragt, welche von den auf 
dem Tisch stehenden Friichten ich wiinschte. „Some 
Sneers", erwiederte ich unbefangen. Darauf folgte erst 
Erstaunen, dann helles Lachen der Anwesenden, die den 
Zusammenhang erriethen. Ich, der ich mein Englisch da- 
mals noch miihevoll aus Dialogeiibiichern und Dictionnairen 
schopfte, hatte gefunden, „not to care a fig" heisse „to sneer 
at a person" und meinte nun, als ich mir Feigen erbitten 
wollte, fig und sneer sei auch beim Dessert gleichbedeutend 
(wahrend doch jenes in der ersteren Redensart nur figiir- 
lich gebraucht wird)". 

Ein Gemiith, wie das von Moscheles, konnte nicht 
anders wie durch die milden fruhlinggleichen Februartage 
in der reizenden Gegend des Bristol Channel beeinflusst 
werden, und so finden wir den Ausruf : „Was kann schoner^ 
sein, als der erste Anblick der Welsh mountains von Clifton 
aus? Ein bezauberndes Panorama! Der richtige Ort, um 



— 7 2 :— . ■ ■'■ 

ein Adag-io zu schreiben; die blaue Bergkette zieht sich 
so ruTiig und majestatisch an dem griinlichen spiegelhellen 
Seearm Mn!" Ueber Bath sagt er: ,,Die Assembly rooms 
sind der Sammelplatz der fashionablen Welt, die hierher 
eil-t, um ein mildes Klima in den vortrefflich eingerichteten 
Hausern zu geniessen; diese, aus weissem Sandstein- er- 
baut, liegen terrassenformig malerisch hingestreut. In 
ihren Raumen such en die Schwachen und Leidenden, 
welche die warme Quolle zura Trinken und Baden be- 
nutzen, den Comfort, den wir in deutschen Badeorten nicht 
kennen; die Miissigen finden sich bald zusammen, um an- 
genehm ihre Zeit zu verschlendern. Man versichert mir 
audi, dass speculative Mutter mit ihrem Tochter-Reich- 
thum hierher reisen, um ilin in guten Heirathen fiir Gold 
einzutauschen". 

Spiiter finden wir Moscheles in London wieder. Er 
berichtet hieriiber: „Ich war in einem sogenannten Ora- 
torien-Concert, ein Theil geistliche, ein anderer weltliche 
Musik; das Publicum mag die erstere iiberwiegender ge- 
funden haben, als ihm lieb war, denn es tobte und wiithete, 
weil gewisse Stiicke aus der „Donna del lago" ausblieben, 
die das Programm versprochen hatte". Er wurde fiir drei 
dieser Concerte engagirt und war mit dem Erfolg zufrieden. 
„Das Publikum", setzt er hinzu, „mag diesmal guter Laune 
gewesen sein, da man ihm nicht nur die neulich weg- 
gelassenen Stiicke aus der ,,-Don-na del lago" auftischte, 
sondern sammtliche Nummern der Oper". Ein ander Mai 
schreibt er: „Heute gab das Orator ien-Concert unter an- 
der em neben viel weltlicher Musik das ga.rfze Oratorium 
Palestine von Dr. Crotch. Wie sind nur die Nerven or- 
ganisirt, die so viel heterogene Musik ertrageu kdnnen? 
Und noch dazu kam mir dieser Dr. Crotch, diese eng- 
lische Beriihmtheit, nur als ein sehr schwacher Abklatsch 
von Handel vor". Als Moscheles sparer die „Donna del 
lago" in der italienischen Oper hdrt, findet er, dass die 
Musik viel Schones entha.lt, das Schonste „aber wohl un- 
streitig die reizende Ronzi de Begnis mit ihrem lieblichen 
Gesang blelbe". 



Ein nicht unbedeutendes Unwohlsein, das er von Bath 
mit nach London, brachte, konnte seinem Fleisse kaum 
Schrankeh setzen; er gehorte zu Denjenigen, denen un- 
ausgesetzte Beschaftigung Bediirfniss und Freude war; 
trat aber endlich die unausbleibliche Erschopfung ein, so 
wusste er sie schnell durch das natiirlichste Mittel, den 
Schlaf , zu beseitigen , um dann seine "Thatigkeit mit er^ 
neuten Kraften wieder aufzunehmen. 

In dieser Zeit war die Composition des E-dur-Ccmcerts 
seine HauptbeschiLftigung; daneben aber wurden die schot- 
tische Phantasie, das veranderte F-dur-Concert und die vier T 
handige Sonate fur den Stich vorbereitet. „Eine Gigue", 
sagt er, „schrieb ich als Beilage fur die musikalische Zeit- 
schrift „the Harmonicon", deren Herausgeber Mr. Walsh, 
Besitzer der Argyll rooms mich bittet, ihm zu schicken, 
was ich wolle; er zahlt 5 Guineen fiir so ein kleines Ding. 
Die Charmes de Paris tragen mir 20 Guineen, die erste Ab- 
theilung der Bonbonniere musicale ebenso viel ein. Trotz- 
dem lasse ich manches Manuscript liegen; die pecuniaren 
Vortheile genii gen nicht, ich selbst muss Fortschritte und 
keine besonderen Mangel in den neuen Sachen finden, 
sonst gebe ich sie nicht heraus". In Mussestunden machte 
er ein neues Arrangement der Egmont-Ouverture und 
pflegte so etwas seine ,,Handarbeit" zu nennen. 

Jeder, der Moscheles naher stand, kannte die Ge- 
nauigkeit, mit welcher er den Stich seiner Sachen be- 
trieb. Seine Stecher bekamen die gemessenste Anweisung, 
wo die Blatter gewendet werden durften; jeder Notenkopf 
musste genau an seiner Stelle stehen, jede Pause deutlich 
zu lesen sein. „Das Alles" pflegte er zu sagen, „tragt 
zum pracisen Spiel, ajso auch zum richtigen Verstandniss 
des Stiickes bei, und wenn Einer den grossen Geist spielt 
und so undeutlich schreibt, dass kein Stecher ihn lesen 
kann und sein Stuck mit Fehlern herauskommt, so ist er 
darum doch lange noch kein Beethoven. Der darf Alles 
thun, hat aber auch seinen Stecher, der ihn zu lesen ver- 
steht. Sie sollen iiberhaupt nur Alle erst wie Beethoven 
componiren, danh mogen sie schreiben, wie sie wollen". 



&?■■>. 
3.'. 



— 74 ' — ' ' . 

Bei den Cbrrecturen war die Gewissenhaftigkeit viel- 
leicht einzig in ihrer Art, bei den Lection en wohl nicht minder. 
Darum wollte ihm auch die alte Schulerin Miss H. . . . gar 
nicht behagen, die ihm dieser Winter brachte. Sie hatte' 
bereits ihre 60 Sommer gesehen und war, wie ihr wenig 
alterer Bruder unverheirathet. „Beide sind streng nach der 
Mode ihrer Jugendzeit gekleidet, was dem untersetzten 
Parchen allzu komisch steht. Ihr hoher Aufsatz, seine- 
Nankinghosen, blauer Frack und goldene Knopfe sind 
genug, um Einem den Lachkrampf zu geben. Besonders 
die Alte; lernen will sie eigentlich nicht, denn wie oft ich 
sie wa.hr end der 45—50 Minuten, die ich ihr widrhe, zum 
Spielen antreibe, ich bekomme sie kaum dazu. Die Gute 
ist redselig, sie ist aber auch gastfrei, ich muss jedes- 
mal bei ihr friihstucken, und wahrend ich esse, erzahlt 
sie, bis ich sie endlich zwinge, die gichtisch knorplichten 
Fingerchen an ein modernes Stiick zu wagen. Mein Ge- 
wissen erlaubt mir nicht, die Guinee einzustreichen, die 
sie mir jedesmal sauber eingewickelt iiberreicht, wenn die 
Schulerin und ich nicht zusammen thatig waren." 

Moscheles war sehr erstaunt iiber die englische Sitte, 
in den Concerten mit Or Chester irgend einen beruhmten 
Musiker vorn hin an's Clavier zu setzen, und wir finden 
bei Gelegenheit eines Philharmonischen Concerts dieFrage: 
„Was heisst denn das „Conductor Mf. Clementi"? Er sitzt 
da und blattert die Partitur um, aber ohne seinen Mar- 
schallsstab, den Taktirstock, kann er doch seine musika- 
lische Armee nicht anfiihren? Das thut also nur der Vor- 
geiger und der Conductor ist und bleibt eine Null. — 
Und nun erst dies Programm. C-moll-Symphohie von 
Beethoven, hier zum ersten Mai, und gleich nach diesem su- 
blimen Werk, dieser Gotterspeise eine Floten- Variation, 
ein Violin-Concert und verschiedene Arien. Ausserdem 
Mozart's G-moll-Symphonie und zum Beschluss eine Rom- 
berg'sche Ouverture — ein Programm, das ich nur hieher 
schreibe, um es nie zu vergessen." 

Ueberhaupt ging's in der Philharmonischen Gesell- 
schaft bunt her. Kiesewetter wollte nicht mehr in ihren 



- 75 - . - 

Concerten spielen, weil ihtn die Bezahluhg von £ 5 fur 
einen Vortrag zu gering erschien. Moscheles und Kalk- - 
brenner wurden zu Gratis-Leistungen aufgefordert, was 
der Erstere auf Grund seiner beschrankten Zeit, ablehnte. 
Kalkbrenner, der es lieber sah, wenn er im Philharmoni- 
schen Concert auftrat und Moscheles schwieg, nahra die 
Einladung der Gesellschaft an, spielte sein D-moll-Concert 
mit Rundung und Eleganz und erhielt gerechten Beifall. 
,,Mir ist es zuwider," sagt Moscheles, „einer knickernden 
Korperschaft unterthanig zu sein, meine Kunstbriider hin- 
gegen linden mich stets bereit, sie zu unterstijtzen." 

Durchhlattern wir nun das Tagebuch, um diese Aus- 
sage zu bewahrheiten, so finden wir, dass Moscheles in 
dieser Saison nicht nur fur seinen Freund J. B. Cramer 
und fur den Harfenspieler Dizi, sondern auch fur die Sanger 
Torri und Sapio, die Sangerinnen Caradori und Borgondio 
und andere unbedeutendere Kiinstler spielte. 

Im ganzen scheinen sich die Kunstler bei aller Con- 
currenz, die nothwendig allerlei Eifersuchteleien mit sich 
fiihrte, gut vertragen zu haben. Docli kamen auch pein- 
liche Scenen vor, so auf einer Soiree bei Miss B., einer 
Schiilerin Moscheles'. „E>as war eine fatale Geschichte! 
Nachdem wir Alle viel musicirt, spielten Kiesewetter und 
ich noch Mayseder's lange Sonate. Cramers Ausruf „cela 
m'ennuie" wirkte wie ein Donnerschlag auf den leicht 
erregten Kiesewetter; er sprang beleidigt auf, und wir 
hatten Miihe und Plage, um die Zwei wieder zu versohnen!" 

Zahlreich waren die englischen Dilettanten, die sich 
eine besondere Ehre daraus machten, mit Kiinstlern zu 
verkehren und sich mit ihnen um die Wette in ihren 
grossen Soireen horen zu lassen; so Sir W. Curtis auf 
dem Cello, Mrs. Oom auf dem Clavier und ebenso Mrs. 
Fleming;' Prinz Leopold und Prinzess Sophie, die Schwester 
des Konigs Georg IV., waren stets aufmerksame Zuhorer 
. fur die Ausubenden. Doch klagt Moscheles: „Ich muss 
zu viel seichte Musik machen und horen." 

Als ein eigenthiimliches und erhebendes Fest schildert 
er den (alljahrlich wiederkehrenden) Kindergottesdienst 



■ ' - - '76 ^ ■ 

der 6000 Schulkinder in der Paulskirche. „Der Moment, 
wo die ganze Kinderschaar sich mit einem Mai erhebt, 
ist imposant! Aber (setzt er hinzu) wie konnten Alle bei 
der kraftigen Orgelbegleitung derPsalmen, die sie unisono 
sangen, audi unisono detoniren? Und zwar so, dass sie 
jedesmal um '^Ton fielen! Man mochte daraus auf die 
geringe musikalische Begabung der Nation schliessen." 

Niemand hatte mehr Gelegenbeit als er, junge Talente 
zu beurtheilen; denn Vater und Mutter brachtcn ihm ihre 
aufkeimenden Wunderkinder, von den en die meisten un- 
tergingen und langst vergessen sind; docb daclite er in 
spateren Jahreii oft mit Freude daran zuriick. Der Mo- 
r~ ment, wo der Knabe Ferdinand Hiller Moscheles zuerst 
vorspielte und dieser demVater die glanzende musikalische 
Zukunft seines Sohnes voraussagte, blieb beiden noch 
^^lange in freundlicher Erinnerung. Auch die zehnjatirige 
J Delphine Schauroth setzte ihn schon damals durch ihre 
Technik nnd Auffassung in Erstaunen. Mehr als alle musi- 
kalischen Wunderkinder entziickte ihn aber die jugend- 
liche, fast noch kindliche Schauspielerin Maria Garcia, die 
nachherige Malibran, die er im Hause eines Mr. Hullmandel 
auf einem Liebhabertheater sah. „Das reizende Madchen, 
noch halbKind, spielte bezaubernd in „Chauvin de Rheims", 
„Coin de rue" und„L'ours et le Pacha". Gleichzeitig bewun- 
derte er den Vater Garcia in der italienischen Oper, einen 
der vortrefflichsten Sanger jener Tage. 

Schon wahrend seines Aufenthalts in Wien hatte 
Moscheles den Grund zu einer genauen Kenntniss der 
italienischen Sprache gelegt, die er stets mit Vorliebe 
trieb; in London hatte er sich darin noch vervollkommnet, 
und nie versaumte er die Pistrucci-Abende, wo er mit 
grosser Freude dem Improvisator zuhorchte, wie er das 
ihm aus dem Publicum heraus zugeworfene Thema in 
wohlklingenden Versen durchfiihrte. „Es giebt mir iiber 
meine eigenen Improvisationen zu denken", fiigt er hinzu; 
„ich muss bestandig Vergleiche zwischen den Schwester- 
kiinsten machen, sie sind Alle nahe verwandt." 

Das London von 1823 kannte nur zweispannige Kutschen 



- 77 i- .... " ■-. 

als Fiaker und diese waren ebenso kostspielig als schwer- 
fallig; wie angenehm Moscheles beriihrt war, als er sich 
zum erstenmal eines einspannigen beweglichen Cabs be- 
dienen konnte, verzeichnet das Tagebucb. Der angenehme 
Wechsel fiel gerade in eine der thatigsten Wochen des 
ganzen Londoner Aufenthalts. Es waren die Vorbereitun- 
gen zu einem von ihm fiir den 27. Juni geplanten Concert, 
die ihn hierbin und dorthin riefen. Einen Theil der Vor- 
arbeiten hatte. ihm sein lieber Freund Sir George Smart 
abgenommen; dieser war stets bereit zu accompagniren, 
Proben mit Sjingern und Solisten zu halten, mit einem 
"Wort, ihm alle Muhen zu erleichtern. „Dieser treffliche 
Mann," sagt Moscheles, „leitet fast alle grossen Musik- 
faste in London, sowie in derProvinz mit der- grossten Um- 
sicht und Precision; er ist eine jener seltenen Naturen, die 
trotz aller Geschafte Zeit linden, ihre grosse Correspondenz 
a jour zu halten. Stets ist er auch bereit, seinen Freunden, 
zu dienen, und mancbe nicht en glische Sanger in bat es nur 
ihm zu verdanken, wenn ihre Aussprache in den Haydn'- 
schen und Handel'schen Oratorien zu untadelhafter Rein- 
heit.gelangt oder, wenn sie, seinen Winken folgend, in 
Styl und Vortrag die Tradition en fortpflanzt, ohne welche 
sie schwerlich ihre Erfolge errungen hatte." 

Moscheles' Aufenthalt in England, der auch diesmal 
wieder ungemein thatig und reich an neuen Bekannt- 
schaften, Erfolgen, Arbeiten und Entwurfen war, schliesst 
mit dem Ende der Londoner Saison. Im August finden 
wir ihn bereits auf der Riickreise, zunachst nach Frank- 
reich. Kaum aber in See gegangen, verschwindet er, vom 
Seeiibel gepackt, und taucht erst in Calais wieder auf. 
Der erste Tag des Wiedersehens in Paris ist angenehmer 
als der zweite. „Ich habe bei Schlesingef einen Koffer 
mit Werthsachen gelassen, die sammtlich gestohlen sind, 
namhch: die Dose der Herzogin von Berry, ein silbernes 
KafFee-Service, 12 Loffel, ein antiker Ring, eine Venetianer- 
kette und andere Werthsachen, mir doppelt werthvoll, 
weil ich sie als Andenken bewahrte. Wir haben einen 
Literaten in Verdacht, einen Bekannten von Schlesinger, der 



■ '' '■ -J 7 8 — 

uns die Sachen verpacken sah tmd sich oft in dem Zim- 
jner allein aufhielt, wo der Koffer stand. Es muss in der 
fatalen Sache mit aller Schonung zu Werke gegangen 
werden." Der Verdacht bestatigte sich, aber der reuige 
Brief, den Moscheles Von dem jungen Manne erhielt, ver- 
anlasste ihn die Sache niederzuschlagen und geduldig auf 
eine in Aussicht gestelite "Wiedererstattung zu warten. 
Wir werden dem weiteren Verlauf der unerquicklichen 
Angelegenheit spater begegneh. 

Es war diesmal nur ein fliichtiger Besuch von zehn- 
Tagen, den er Paris zugedacht hatte; denn er beabsich- 
tigte eine Kunstreise. In Spa, wo er zun'achst auftreten 
wollte, filhrte er sich rasch ein, und seine Absicht, ein 
Concert zu geben, wurde vom dortigen musiksinnigen 
Publicum sofort mit Interesse aufgenommen. Schwer war 
es jedoch, die Fliigel-Frage zu losen. Es gelang ihm nicht 
den sehr geriihmten Fliigel der Lady Northland, die er 
auf einem Balle kennen lernte, zu bekommen. ,,Sie macht 
mir einen gewaltigen Querstrich: sie behauptet, ich wiirde 
. ihr Instrument zu stark angreifen, ich, dem alles Drein- 
schlagen so zuwider ist! Sie vertraute sogar e ( iner auf 
dem Balle anwesenden Freundin, ich spielejnit denFiissen!" 
Diess mag sich wohl missverstandlich auf den Scherz be- 
zogen haben, den Moscheles oft machte, anscheinend mit 
geballter Faust zu spielen, in Wirklichkeit jedoch mit dem 
unterwarts versteckten Daumen Terzen zu beriihren, dabei 
aber immer den ihm eigenen weichen Anschlag beizube- 
halten. Genug, er bekam den Fliigel der Lady North- 
land nicht, wohl aber half ihm eine Mrs. Bay ham mit 
einem freilich etwas stark ausgespielten Broadwood aus 
der Noth. Doch that dies seinem Erfolge keinen Eintrag. 
In Aachen ging es eben so gut; dort stand ihm der 
Buchhiindler J. A. Mayer, den er schon friiher kennen ge- 
lernt, hiilfreich zur Seite. Dieser, sowie seine ganze Fa- 
in ilie blieben ihm fur's Leben befreundet, und so wurde 
das leichtgeschiirzte Band einer voriibergehenden Bekannt- 
schaft, hier, wie so oft in Moscheles' Leben, zur dauernden 
Kette. 



79 — 



Eine eigenthumliche, auf's bestimmteste ausgesprochene 
Neigung Mosclieles', die sich bis in's spateste Alter bei 
ihm erhielt, war, dass er mit grdsstem Interesse gericht- 
lichen Verhoren beiwohnte. So seben wir ihn denn auch 1 
in Aachen inmitten des heitersten Kiinstlerlebens in den 
Gerichtssaal eilen, um dort der Criminalverhandlung iiber 
die Morder Joseph Pakhard und Josephine Herzoginrath 
aufmerksam zu folgen. „Seine (xleichgiiltigkeit war mir 
schauerlich, ihr Schluchzen herzzerreissend". Aehnlicbe 
Notizen finden sich spater haufig. 

Anfang September kehrt Moscheles nach Deutschland 
zuriick. Zuerst finden wir ihn in Frankfurt, von wo aus 
er zum Hofrath Andre in Offenbach eilt, um in Mozart'- 
schen Manuscripten zu schwelgen, „Gleich notirte ich mir 
die 2 Takte, die Mozart als ilberflussig aus seiner Ouver- 
ture zur Zauberfiote wegstrich". 
Ouverture. 




=^m?=3 



~& 




^eS§ 



Was sollte ich, der ich jede Note yon Mozart verehre, 
der ich ihn fur das grosste Musikgehie halte, aber dazu 
sagen, dass der Hofrath Andre behauptete, Mozart habe 
die Declamation durchaus nicht verstanden, da Worte, die 
den entgegengesetzten Sinn seiner Operntexte hatten, eben- 
so gut unter seine Musik, als die von ihm componirten 
passen wiirden ! Diese Reschuldigung schien mir keiner 
Vertheidigung wiirdig — ich schwieg! — Unendlich in- 
teressirte mich der Anblick der nur zur Halfte beendigten 
Partitur der Oper: „L'oca. del Cairo"; die letzten Nummern 
dieses vergrabenen Schatzes, leider nur fur Singstimme 
und Bass notirt! Wer mochte da enden, wo Mozart be- 
gonnen? Auch sah ich einen Ausbruch seiner scbalkhaften 



— 80 — " ' 

Laune in einem Concert, das er mit folg-ender Aufschrift 
fiir den Hornisten Leitgeb geschrieben hatte: „W. A. Mo- 
zart hat sich erbarmt iiber den armen Leitgeb, den Esel, 
Ochs etc. und schrieb ihm ein Horn-Concert". 

Damals horte er auch eine neue Textbearbeitung der 
Oper: „Cosi fan tutte", die unter dem Namen: „Der Zauber- 
spiegel" mit der unveranderten Mozart'schen Musik ge- 
geben wurde und ihn wieder 2ur Bewunderung hinriss. 
Das Mozart'sche Requiem horte er in der Domkirche- 
und im Cacilien-Verein unter Schelble's vortrefflicher 
Lei tun g; auch ergotzte er sich dort an den herrlichsten 
Bruchstvtcken Handel'scher Musik. Es gcwahrte Mosche- 
les grosse Freude, mit dem geachteten Theoretiker Voll- 
weiler zu verkehren, Aloys Schmitt wiederzusehen, und 
den durch das Rheinlied so riihmlich bekannten Wilhelm 
Speier kennen zu lernen. „Solch einen Dilettanten lobe 
ich mir", sagte er, „er ist mir so lieb wie ein Kiinstler". 

Inmitten des goldenen Kimstlerlebens, das er auch 
hier fiihrte, des Horens und Gehortwerdens, des neuen 
Erfolges, den er sich durch ein neu angekiindigtes Con- 
cert auch in Frankfurt bereitete, war er aber auch auf 
das Wohlergehen anderer Kiinstler bedacht. Bohm und 
Pixis machten auch eine Kunstreise und waren eben in 
Frankfurt ; „denen soil Freund Mayer ein gutes Concert in 
Aachen vorbereiten", meinte Moscheles, schrieb ihm und 
empfahl sie dringend. 

Das Concert in Frankfurt war voriiber, da wurde in 
Darmstadt Spontini's Olympia gegeben; Moscheles, Pixis 
und Bohm fuhren hinuber, sie zu horen. „Aber das war 
eine drollige Aventure! dreimal verloren wir ein Rad unseres 
Wagens, und da kein anderes Fuhrwerk als ein Leiter- 
wagen aufzutreiben war, wir aber die Oper urn keinen 
Preis versaumen wollten, so bestiegen wir diese elegante 
Equipage und hielten so unsern feierlichen Einzug in 
Darmstadt, zugleich mit vielen fiirstlichen und anderen 
Wagen, deren Insassen unsgut bekannt waren. Bei diesem 
ersten Anhoren der Olympia fand ich Vieles grossartig 
und genialisch, ohne mir die Schwachen mancher Steller* 



— Si — 

zu verhehlen. Zelter, der sich gem gegen jede modische 
Unart auflehnte, wie er die meisten Neuerungen nannte, 
fand, dass er von dieser laf menden Musik genug auf dem 
Opernplatz hore, er brauche nicht erst hineinzugehen". 

In Miinchen, wo Moscheles sich zunachst horen liesa, 
hatte er es kiinstlerisch und hauslich gar gut; hauslich, 
weil ihn die Familie Kaula hochst liebenswiirdig beher- 
bergte; kiinstlerisch, weil er sich schnell in der bekannten 
Birnbeck'schen Kneipe, in der die ausgezeichnetsten Mu- 
siker zwanglos bei Bier verkehrten, behaglich fiihlte. Wer 
hatte nicht gern mit Winter, dem Componisten des „unter- 
brochenen Opferfestes", mit den-trefflichen Mitgliedern der 
Kapelle verkehrt, welche dort anzutreffen waren (Molique, 
Andreas Romberg, Bohrer und Krebs)? Kaum hatte er 
Zeit gehabt, das Concert, das er geben wollte, einzuleiten, 
so ward er schon nach Nymphenburg zu einem Kammer- 
concert befohlen, das - zur Feier der Ankunft des hohen 
Brautigams, des Prinzen von Preussen, stattfinden sollte. 
Es verlief sehr glucklich, wie alle bisherigen Abende, nur 
dass dieser Konig, der gute Konig Max, sich ganz be- 
sonders leutselig gegen ihn zeigte. „In der Unterhaltung 
kam sogar dieFrage vor: „WieaItsindsie?" „Dreissig, Ma- 
jestat". „Wenn Sie noch einmal so viel nehmen und sieben 
dazu legen, so haben Sie erst mein Alter", sagte der 
Konig behend, zog dann den nahestehenden Krpnprinzen 
von Preussen mit in die Unterhaltung und stellte mich 
ihm aufs liebenswiirdigste vor. Dieser bat mich, ihn recht 
bald in Berlin zu besuchen. Endlich meinte der Konig, 
der Genuss des heutigen Abends miisse sich bald wieder- 
holen". 

Wirklich spielte er am 4. October wieder vor den 
Majestaten und dem Brautpaar. „Kaum eingetreten, trat 
der Konig mit der Frage an mich heran, ob ich mein 
eigenes Concert nicht verschieben konne? der Hof mochte 
es besuchen, miisste aber an dem von mir gewahlten 
Abend eine Gala-Soiree beim franzosischen Gesandten mit- 
machen. Natiirlich iiberHess ich dem Konig die Wahl 
eines Abends, und er bestimmte den 10. October. Die 

Moscheles* Leben. 6 



— 82 — 

Konigin fragte viel nach meinen kiinftigen Planen und 
friiheren Reisen und war fur Alles herzlich thejlnehmend. 
Aber o! ihr Schoosshundchen! Es wurde zu wiederholten 
Malen aus den Salons verbannt, kam aber, auf seine Rechte 
trotzend, immer wieder zuruck und wurde von den Maje- 
staten lachelnd beobachtet, wie es sich, anscheinend der 
Musik liorcbend, zu ihren Eussen lagerte. Das hubsche 
Thierchen muss aber krank gewesen sein; es verging sich 
■entsetzlich, nicbt nur aller Hof etiquette, sondern auch 
alien Regeln der Scbicklichkeit entgegen. Die Hofdamen 
.zischelten, lachten hinter den Schnupftuchern , die sie vor 
die Nase bielten, die Lakaien kamen und giiigen, um die 
Spuren des unerhorten Zwischenfalles zu beseitigen. Der 
IConig befahl, den kleinen Verbrecher in den strengsten 
Gewahrsam zu bringen, aber ungeschehen war die Sache 
nicht zu machen, — ein Vorfall, "vvie ihn die Annalen eines 
Hofzirkels wohl kaum noch einmal aufzuweisen haben". 

Die Feste der Weinlese, die im Beisein des Hofes 
begangen wurden, waren Moscheles eine erwiinschte Er- 
heiterung nach den Anstrengungen, die seinem gliicklich 
und ehrenvoll absolvirten Concert vorangegangen waren. 
Doch mischt sich ein Klageton mit hinein; er war leidend 
■und konnte nicht so recht mitgeniessen, was die Tausende 
auf den umliegenden Hiigeln und Wiesen ergotzte. Er 
konnte noch seine Musik zu dem Ballet: ,,Die Portraits" 
"horen, das der Balletmeister Horschelt ihm zu Eliren geben 
liess; dann aber wurde er immer leidender, und eilte seinem 
Hieben alten Wien zu, um sich dort arztlich bebandeln zu 
lassen. Vivanot, Malfatti und Smethana thaten Alles, was 
Ereundschaft und ihre ICunst thun konnten, um den kaum 
"in Wien Angekommenen von grossen Schmerzen zu be- 
freien, sein Bruder kam von Prag, um ihn zu pflegen, 
aber trotzdem vergingen drei triibeWccben, ehe das Uebel 
gehoben werden konnte, und dann blieb ein Zustand von 
Schwiiche und Unbehagen zuruck, der seine Lebensgeister 
fast noch mehr in Fesseln hielt, als die Krankheit selbst. 
Er war und blieb melancholisch, ging selten an's Clavier, 
fand einigen Trost in der Lecture seines Shakespeare, 



-■8 3 - 

konnte siclv aber durch die Besuche der theilnehmenden 
Ereunde nicht zerstreuen, oder zum Wiedereintritt in die 
grosse Welt bereden lassen. Audi Barbara's Anerbieten, 
im Karntuerthor- Theater so viel Concerte, wie er wollte, 
gegen die Halfte der Einnahme zu geben, blieb unberiick- 
sichtigt. 

Da kam Weber nach Wien, um seine Euryanthe in Scene 
zu setzen, und schpn nach den Proben horte man die dissen- 
tirendsten Stimmen der deutschen und italienischen Partei 
iiber das Werk, und bereitete sich fur die erste Auffuhrung 
auf einen ernsten Kampf vor; jaeinigeUebelgesinnte hatten 
es sich herausgenommen, die „Euryanthe" in „Ennuyante" 
umzutaufen. Bei dieser ersten Auffuhrung nun wollte 
Moscheles zugegen sein, um seine Stimme fiir den deut- 
schen Meister und gegen das seichte italienische Geklingel 
zu erheben; so ward die Melancholie iiberwunden. „Die 
Oper passt nicht fiir unkundige Ohren", sagte er, nach- 
dem er sie gehort; „sie ist zu gewagt in Rhythmus und 
Harmonie; der Text so entsetzlich gesucht, dass die Musik 
es auch einigermassen sein muss; doch hat sie der Schon- 
heiten viele, und die Romanzen: „G16cklein im Thale" 
und ,.Unter bliih'nden Mandelbaumen", vor Allem aber 
das Einale des ersten Acts miissen ihr bei dem grossen Pu- 
blikum diesmal und kiinftig durchhelfen!" Die Besetzung 
war untadelhaft. Die reizende jugendliche Sonntag, der 
herrliche Tenorist Haitzinger, die vor'treffliche Griinbaum 
und der nicht minder brave Sanger Forti waren die Trager 
der Hauptrollen, Als sich bei spateren "Vorstellungen das 
Haus nicht mehr so recht fiillen wollte und die italienische 
Partei zu jubeln anfing, wusste „Ludlam" (die wackere 
Kunstbriiderschaft, die vvir bereits friiher kennen lernten), 
den richtigen deutschen Geist iiber die Presse und ihre 
Kritiken" auszugiessen. 

Diese Gesellschaft war auch ausserdem bemiiht, Weber 
zu ehren, und gab ihm nach der ersten Auffuhrung der 
Euryanthe einen solennen Abend. Unter den Anwesen- 
den waren Castelli, Jeitteles, Gyrowetz, Bauer le, Benedict, 
Grillparzer und viele Andere. Es wurden Gelegenheits- 



- 84 "- ' 

gedichte vorgetragen, die Weber jubelnd begriissten, unci 
die frohlichsten Ludlamslieder gesungen. 

Der Erfolg des ersten Concerts, das Moscheles nach 
seiner Wiederankunft in Wien gab, erhob ihn atif's neue 
und verscheuchte die Schwermuth.-die mit dem noch immer 
nicht ganz beseitigten Leiden wiedergekehrt war.. Er 
niusste sich nun auch entschliessen, einige Besuche zu er- 
widern, und mit Beethoven wollte er den Anfang machen. 
Moscheles' Bruder, der noch bei ihm war, brannte vor 
Begierde, den grossen Mann zu sehen, und so gingen 
beide miteinander hin. „An der Hausthiir angelangt", er- 
zahlt Moscheles, „fiel mir's schwer aufs Herz, wie men- 
schenscheu Beethoven sei, und ich bat den Bruder, unten 
zu warten, wahrend ich erst sondirte. Als ich nun nach 
kurzer Begriissung Beethoven fragte: „Darf ich Ihnen 
meinen Bruder zufuhren?" erwiderte er hastig; „Wo ist 
denn der?" „Unten", war die Antwort. „Was? Unten?" 
rief er noch hastiger, lief die Treppe hinunter, packte 
meinen erschrockenen Bruder am Arm und schleppte ihn 
bis mitten in sein Zimmer hihein, wo er ausrief: „Bin ich 
denn so barbarisch roh und unzuganglich?" Dann zeigte 
er grosse Freundlichkeit fur meinen Bruder. Leider konn- 
ten wir seiner Taubheit- halber nur schriftlich mit ihm 
reden." 

Auch den armen Salieri, der altersschwach und dem 
Tode nahe im allgemeinen Krankenhause lag, wvinschte 
Moscheles zu besuchen, und holte sich dazu die nothige 
Erlaubniss seiner unverheiratheten Tochter und der Be- 
horden, da man fast Niemanden zu ihm Hess, er auch 
keine Besuche liebte und nur einzelne Ausnahmen machte. 
„Das Wiedersehen (schreibt Moscheles}, war ein trauriges; 
denn sein Anblick schon entsetzte mich, und er sprach 
mir in abgebrochenen Satzen von seinem nahebevorstehen- 
den Tode; zuletzt aber mit den Worten: „Obgleich dies 
meine letzte Krankheit ist, so kann ich doch auf Treu 
und Glauben versichern, dass nichts Wahres an dem ab- 
surden Geriicht ist; Sie wissen ja, — Mozart, ich soil ihn 
vergiftet haben. Aber nein, Bosheit, lauter Bosheit, sagen 






•<Vtt *^ 



Sie es der Welt, lieber Moscheles; der alte Salieri, der 
bald stirbt, hat es Ihnen gesagt". Ich war tief erschut- 
tert, und als der Greis nun noch unter Thranen den Dank 
fur meinen Besuch wiederholte, mit dem er mich schon 
beim Eintreten uberhauft, da war es Zeit, dass ich forfc 
eilte, urn micb nicht uberwaltigen zu lassen. Was das 
Geriicht betrifft, auf das der Sterbende anspielte, so hatte 
es allerdings circulirt, ohne dass es mich jemals beruhrt 
hatte. Moralisch hatte er ihm freilich durch Intrigueii ge- 
schadet und ihm dadurch manche Stunde vergiftet." 

Nachdem Moscheles die Runde bei den Kiinstlern ge- 
macht hatte, ging er zu den Clavier- Fabrikanten, .deren 
Fortschritte er . stets aufmerksam beobachtete ; er fand, 
dass Graf und Leschin inzwischen sehr gute Fortschritte 
gemacht hatten. 

Im November und December gab Moschelec ein zweites 
und drittes Concert im Karntnerthor-Theater, -und zu diesem 
letzteren hatte ihm Beethoven mit der grossten Bereit- 
willigkeit seinen Broadwood'schen Fliigel geliehen. Mo- 
scheles wollte durch den abwechselnden Gebrauch eines 
Graf schen und des englischen Instruments in einem und 
demselben Concert den Unterschied, die guten Eigenschaf- 
ten beider, in's Licht stellen. Beethoven war aber eben 
nicht der 'Spieler, der einen Fliigel schonen konnte; seine 
unselige Taubheit veranlasste ihn meistens zu einem un- 
barmherzigen Zerhacken des Claviers,, so dass Graf selbst, 
den fur ihn giinstigen Ausgang dieses Wettkampfs vor- 
aussehend, sich grossmiithig bemiihte, das geschadigte 
englische Instrument fur diese Gelegenheit in bessern 
Stand zu setzen. „Ich versuchte", erzahlt Moscheles, „den 
breiten, vollen, wenn auch etwas dumpfen Ton des Broad- 
wood'schen Fliigels in meiner Phantasie zur Geltung zu 
bringen; aber umsonst, mem Wiener Publikum hielt zu 
seinem Landsmann, dessen hellklingende Tone gefalliger 
in's Ohr fielen. Noch ehe ich den Saal verliess, musste 
ich den dringenden Bitten vieler meiner Horer nachgeben, 
indem ich versprach das ganze Concert iibermorgen zu 
wiederholen, was denn auch geschah." 



".'._" '"'. — 86' — ' 

Die dringenden Airfforderungen , auch ira. Theater an 
der Wien Concert zu geben, schlug er standhaft aus; er 
war immer noch leidend und wollte fort, betheiligte sich 
jedoch noch an einem Concert zum Besten der Armen 
und unterstiitzte den Freund Mayseder an seinera Benefiz- 
abend, an welchem er das E-dur-Concert spielte. 

Aus Dankbarkeit fur die frohen Abende, die er unter 
den Ludlamiten verlebt, componirte Moscheles ihnen, mitten 
in seinen Reisevorbereitungen , noch einen scherzhaften 
Chor; die Gesellschaft erhob ihh hierauf zum Ludlams- 
Kapellmeister, wahrend der kleinere, aber sehr lebens- 
lustige Schlaraffen-Verein ihn am 31. December unter den 
heitersten Scherzen zu seinem Ehrenmitgliede ernannte.. 
„So traf mich der Jahresschluss (schliesst Moscheles die 
Aufzeichnungen dieses Jahres) freilich sehr aufgeritumt,. 
aber mit der Schlafmiitze und andern Insignien des Schla- 
raifenthums angethan. Besser das Jahr auf diese Art zu 
enden, als ein neues damit zu beginnen". 



1824. 



Am t. Januar schreibt Moscheles in sein Tagebuch: 
,.Der Abschied von den lieben treuen Freunden und Be- 
schiitzern, den Familien Eskeles, Lewinger und Artaria, 
wurdemir heute ungemein schwer, MeinDank warstumm; 
aber ich weiss, was diese edlen Menschen seit dem Beginn 
meiner musikalischen Laufbahn fur mich gethan haben! 
Ludlam mit seinen Possen passte kaum in meine Stimmung, 
doch musste ich natiirlich bei dem Abschiedsfest, das sie 
mir gaben, erscheinen." 

Am 3. Januar trifft er in Prag ein, kann aber kaum 
die Freuden des Wiedersehens mit Mutter und Schwestern 
geniessen, als er ernstlich krank wird und vier Monate 
lang mit einer Unterleibsentzundung und ihren Folgen zu 
kampfen hat. Man hatte ihn fiir den Winter in Bath, 
fiir das Friihjahr in London, als unfahig, seine Engage^ 



- 87 " ■- 

ments zu erfullen, abmelden mussen. DieZeitungen sagten 
ihn todt, doch nach Gottes Rathschluss sollte die beste 
arztliche Behandlung und die treueste Pflege, wie man sie 
eben nur im elter lichen Hause haben kann, ihn erhalten. 

Auch diesmal ist es die Musik, die ihn vollkommen 
wieder aufrichtet. Von Januar bis April hatte er sich nur 
durch Lecture (namentlich des Goethe) zerstreut und den 
Flu gel sehr selten beruhrt. Im Mai erging die Anfrage 
an ihn, ob er mit seinem Concert den Redoutensaal in 
Gegenwart der Majestaten, die soeben von Wien nach 
Prag gekommen, einweihen wolle? „Ich soil also (sagt er) 
mein Genesungsfcst nicht nur mit dem Herzensdank gegen 
Gott und die Meinigen, sondem auch kusserlich brillant 
feiern"; und brillant war das Concert; denn der Oberstburg- 
graf, der Stadthauptmann und die musikalischen Behorden 
liessen sich alle Einrichtungen angelegen sein: so entstand 
eine neue Hofloge, das Haus wurde festlich beleuchtet, 
Chor und Orchester wurden verstarkt. x\m 29. Mai 
schreibt Moscheles in sein Tagebuch; „Die Freude meiner 
Mutter an meinem gestrigen Erfolge entschadigt mich fur 
den Winterharm." Am 2. Juni wurde er vom Kaiser in 
einer Privataudienz empfangen und mit den Worten be- 
griisst: „Sie haben mir schon als Knabe gefallen und seit- 
dem macht es mir immer neues Vergniigen, Sie zu horen." 
Zum pecuniar en Erfolg des Concerts hatte ubrigens ein 
ungewohnlich splendider Beitrag des Kaisers viel beige- 
tragen. 

Wenige Tage spater giebt er wieder Concert, dies- 
mal im standischen Theater. Dann hat er die Freude, 
der Unterzeichnung des Heiraths-Contracts seiner Schwester 
Fanny beizuwohnen und diese, mit der er als kleiner 
Junge „Ehepaar" spielte, vaterlich zu versorgen. 

Am 11. Juni reist der treueBruder mit ihm nach Karls- 
bad, wo er die Kur gebrauchen soil; aber auch ein Fliigel 
folgt ihm daliin, und aus der Badekur wird unwillkiirlich 
wieder eine Kunstreise. Man will ihn horen, er giebt 
Concert und muss dasselbe an einem der nachsten Abende 
wiederholen, diesmal auf den ausdriicklichen Wunsch des 



Herzogs von Cumberland, der Furstin Thurn und Taxis u. a. 
Aehnliche Erfolge und das Wiederholen des einmal ge- 
gebenen Concerts bleiben audi in Marienbad, Franzensbad 
und Teplitz nicht aus. An alien diesen Orten giebt er 
Concerte fiir die Armen und unterstiitzt die befreundeten 
Kiinstler in den ihrigen. Natiirlich war in jedem der 
Badeorte ein Zusammenfluss von Kiinstlern; besonders 
freut sich Moscheles seines Zusammentreffens rait C. M. 
von Weber. 

„Wie schon, dass die Reise von Karlsbad nacb Dres- 
den iiber Prag geht!' 1 schreibt er am 26. August in 
sein Tagebuch; denn nach Dresden wollte er zunachst 
und konnte sich nun vierzehn Tage des innigsten Bei- 
sammenseins mit der Mutter, Geschwistern und Freun- 
den gonnen. Wie bei jedem Aufenthalt in Prag, so spielt 
er audi diesmal dem alten Lehrer Dionys Weber vor 
und hprt mit aller Pietat dessen Bemerkungen iiber 
seine Compositionen an, er bleibt ihm gegeniiber stets der 
Schiiler, wie sehr auch Dionys Weber in ihrn den Meister 
ehren will. „Eins ist mir mefkwiirdig", sagt er, „wie der 
gute Mann, der Beethoven zuerst als einen halb Tollen 
betrachtete und mich vor ihm warnte, allmalig umsatteln 
muss; aber er tliut es" vorsichtig, denn es giebt gar 
Manches, was er noch heute nicht gut heissen will, und 
urn ihn nicht zu verletzen, muss ich meinen Enthusiasmus 
ihm gegeniiber sehr massigen." Aus diesen Worten 
spricht eine Ehrerbietung, die keines Commentars bedarf. 

Folgen wir Moscheles nunmehr nach Dresden. Der 
Bruder ist ihm noch immer zur Seite. Hiilfbereit und 
selbstlos geht er ihm zur Hand, ohne sich in das bunte 
Kiinstlerleben zu mischen. In seiner grossen Bescheiden- 
heit ^-erehrt er den Kiinstler so sehr, ist so stolz auf ihn, 
dass er seinen eige'nen vortrefflichen Eigenschaften nie 
Rechnung tragen will und gern still und unbeachtet zuriick- 
bleibt, wiihrend Moscheles ihn iiberall hervorzuziehen sucht. ■ 

In Dresden waren damals Carl Maria von Weber und 
Morlacchi die Hof kapellmeister, Rolla Vorgeiger der vor- 
trefflichen Hofkapelle; Herr v. Luttichau war soeben In- 



5 ,>;':; V^* 



~- 8 9 - . ; ■ 

tendant geworden, wahrend Herr v. Konneritz die'sen 
Posten niedergelegt hatte, um sich als Gesandter nacli 
Spanien zu begeben. 

Wir horen nun von den vortrefflichen geistlichen 
Concerten in der katholischen Kirche unter Weber's ge- 
diegener Leitung, von den erlesenen Gesangskraften der 
Dresdener Oper (Sassaroli, Tibaldi u. s. w.), von Tieck, 
den Moscheles mit Bewunderung den Clavigo lesen hort, 
von August Klengel, dessen kanonische Etiiden er als 
Meisterwerke preist und mit dem er manchen genuss- 
reichen Abend verbringt. Weber und seine Hebenswurdige 
Gattin laden ihn zu sicli nach Hosterwitz {unweit Dresden), 
wo naturlich gleichfalls viel rausicirt wird. Auch der 
Dichter des Freischiitz, Friedrich Kind, ist dort, und ein- 
gehend wird Webers Absicht, einem Rufe nach London 
zu folgen, besprochen. „Natiirlich konnte icb ihm Aus- 
kunft und Anweisung fiber die dort iiblichen und noth- 
wendigen . Maassregeln geben. Ungern aber sah ich 
ihn etwas schwachlich und leidend und furchte die An- 
strengung, die ihn London kosten wird." Leider sollte 
diese Befurchtung eintreffen, wie wir spater (1826) sehen 
werden. 

Schon in den ersten Tagen dieser Dresdener Wochen 
erhielt Moscheles die Einladung, in Pillnitz zu spielen, und 
zwar wieder bei Tafel! Es speisten an dieser offent- 
lichen Tafel ausser den Majestaten Prinz Friedrich mit 
seiner osterrerchischen, Prinz Johann mit seiner bayerischen 
Gemahlin, die Prinzessinnen Amalie und Auguste, Gross- 
fiirst Constantin und sein Gesandter, Herr v. Reitzenstein 
u. A. Moscheles spielte das E-dur-Concert und Clair de 
lune. Nach uberstandener Oeffentlichkeit hatten die 
Kiinstler ein geimithliches Diner, spater wurde ihm eine 
goldene Dose, auf welcher der Kdnigstein in Emaille ab- 
gebildet war, und ein Thaler iiberreicht. Ein verjahrter 
Gebrauch hiess es, die Kiinstler sollten ihre Handschuhe 
dafiir kaufen. „Passt zum Vandalismus des Tafel-Concerts! 
dachte ich." 

Schon am 8. October sass er mit seinem Bruder im 



— QO — 

Reisewagen. Langsam, aber behaglich fuhren die Beider* 
nach Leipzig - . 

Ehe wir sie aber in das Stadtthor einziehen lassen, 
machen wir ein wenig Halt und bleiben vor dem Zukunfts- 
bilde stehn, das sich. unsern Blicken entrollt, Moscheles 
ging damals einer neuen Phase seiner kiinstlerischen Ent- 
wickelung entgegen. Zum Theil wohl in Folge der An- 
regungen, die ihm in Leipzig wurden, streifte er mebr und 
mehr das Virtuosenthum ab, in welchem er damals noch 
befangen war. Schon bei seinem nachsten Besuch in Leip- 
zig (1826) tritt diese Richtung deutlich hervor. Spater zu 
immer grosserer Ruhe und Gediegenheit im Spiel heran- 
gereift, werden wir ihn im Verlauf dieser Blatter noch. 
oft als Gast in Leipzig antreffen, sich an dem Urtheil 
der dortigen, von ihm so hochgeschatzten Horer und 
Richter erfreuend und fortbildend. Endlich sehen wir ihn auf 
Antrag seines geh'ebten Freundes Mendelssohn seine glan- 
zende Stellung in London verlassen {[846), um vereint mit dem 
jungen Meister, dessen neue Schopfung, das Leipziger Conser- 
vatorium, durch seine Erfahrungen im Lehrfach zu fordern. 
AlsMendelssohnjhm schon ein Jahr spater durch den Tod ent- 
rissen ward, arbeitete er, durch diesen schweren Verlust ge- 
beugt, aber nicht entmuthigt, weiter an dieser musikalischen 
Pflanzschule, arbeitete vier und zwanzig Jahre lang uner- 
mudlich.bis er seinem friihdahingerafftenFreunde nachfolgte. 

Kommen wir nun wieder auf das Jahr 1824 zuriick. 
Moscheles kehrte im „Birnbaum" (jetzt Hotel de Pologne 
genannt) ein, dessen musikalischer Besitzer, Herr Busch,. 
den Kiinstler mit aufrichtiger Freude aufnahm. Gleich 
der erste Tag wurde gehorig bemitzt, wie das Tagebuch 
berichtet: „Zum Musikhandler Peters, mit ihm zu den 
Spitzen der Concertbehorde, Hofrath Kiistner, Prof. Wendt 
und Baumeister Limburger. Diese Herren, sowie der Dom- 
kapellmeister Weinlich ausserst zuvorkommend. Abends 
mit Allen im Abonnement- Concert 2usammengetroffen. 
Musikdirector Schulz dirigirt, Matthai bewahrt sich als 
tiichtiger Concertmeister, Dlle Veltheirri singt Mozart 'sche 
Arien und spielt Clavierquartett von Kuhlau" u. s. w. 



.,.,.. — ,g t . — 

Das Haus des Musikverlegers Kistner wird ihm bald ein ■ 
angenehmes Daheim, wahrend er bei den Banquiers 
Seyfferth, Kustner und Reichenbach scheme Feste mitmacht. 

„Wie gem (sagt er) musicire ich bei Matthai und bei 
der ausgezeichneten Mme. Weitte, deren Gesang mich 
entziickt." Ein andermal erzahlt das Tagebucb: ,„Bei 
Wieck spielte ich auf seinem Stein'schen Fliigel und ver- 
zehrte mit ihm und den Seinigen Erdapfel." Unter diesen 
„Seinigen" muss auch die kleine Clara gewesen sein, ohne 
dass er darrials ahnte, welche innige Freude ihm die be- 
ruhmte Clara Schumann wiederholt machen und wie ihn 
ihr Vortrag seines eigenen G-nioll-Concerts im Gewand- 
haus einst entzucken wiirde. „Es giebt keine bessere 
Auffassung und Ausfuhrung des Werks", pflegte er spater 
zu sagen, „ich selbst konnte es mir nicht mehr zu Dank 
spielen; es ist ganz so, als hatte sie es componirt." 

Spater sagt das Tagebucb: „Ich habe"in der beriihm- 
ten Handelsstadt Leipzig auch Geschafte gemacht, Probst 
bat meine Op. 62 und 63 fur 35 :|± gekauft (fur das G-moll- 
Concert hatte er von Mechetti 40 :|:|: bekommen), Hofmeister, 
Hartel und Peters sind auch freundschaftlich entgegen- 
kommend, letzterer hilft mir bei meinen Concert- Arrange- 
ments. Peters fuhrte ihn auch in die Harmonie in Classig's 
Caffeehaus und in die Liedertafel ein. Von dieser sagt er: 
„Ihre Leistungen sind vortrefflich, es ist auch ein echt 
musikalischer Kreis dort." Dieser bestand aus den Hof- 
rathen "Wendt und Keil, Rochlitz, dessen Kunsturtheil 
jeder echte Kiinstler sicb gern unterwarf, den vortreff- 
lichen Schauspielem Devrient und Genast und anderen 
Mannern, deren Namen einen guten Klang baben. „Vor 
diesem Kreis musicire ich immer mit Lust und Liebe," 
sagt er, und Bernhard Romberg, so eben nach Leipzig 
gekommen, stimmte ihm darin bei. 

Ueber das Theater, das unter der Leitung des Hof- 
raths Kustner stand, ist Moscheles oft entziickt. Er sah 
dort Auffiihrungen Schiller'scher und Shakespeare'scher 
Stiicke „in grosser Vollendung". Die Wranitzky-Seidler, 
deren erstem Auftreten er in Wien beigewohnt hatte, be- 



— 9 2 — ■-■'■'. -- - 

-wunderte er als Jessonda, Fanchon und Myrrha, Kockert 
„ganz besonders" im Spohr'schen Faust. Der Schauspieler 
Stein befreundet sicb mit ihm und fuhrt ihn beim Leg.- 
Rath Gerhard in einen heiteren interessanten Kreis ein, 
wo er einer reizenden Auffiihrung unter der Leitung des 
genialen Hausherm beiwohnt. Ueber sein eigenes Con- 
cert bemerkt er: „MerkwUrdig, dass ich es gerade in 
Leipzig am 18. October gab. "Wie es scheint, habe ich 
auch meine- Schlacht gewonnen, denn gleich.im Saal be- 
stiirmten mich die Herren Directoren, ein zweites zu geben. 
Ich bin aber noch nicht entschlossen." Das Tageblatt 
bringt ihm am friihen Morgen dieselbe AufTorderung ; 
das bestimmt ihn, es am 23. zu thun; der Erfolg ist der 
gleiche, wie das erste Mai. Die Zeiten, in denen man die 
Kiinstler noch bestiirmte, Concerte zu geben, sind freilich 
voriiber. 

Auf den Wunsch Friedrich Schneider's machte er 
einen Abstecher nach Dessau, spielte vor dem herzog- 
lichen Paar und gab ein eigenes Concert, beides hochst 
erfolgreich. Hier lernte er auch Schneider's neueste Ar- 
beit „Das verlorene Paradies" kennen. 

Am. 31. October kamen Moscheles und sein Bruder in 
Berlin an. In den Notizen iiber diesen Aufenthalt ist 
eine gewisse Hast nicht zu verkennen. Es ist, als schobe 
Moscheles Alles Uebrige als unwichtig beiJSeite, urn nur 
immer von seinen Beziehungen zur Familie Mendelssohn 
zu sprechen. Es ist ganznebenbei erwahnt, dass Moscheles 
drei brillante Concerte gab, fur die Ueberschwemmten, fiir 
Blinde und andere wohlthatige Zwecke, auch fur befreundete 
Kiinstler spielte, und nur obenhin wird erzahlt, dass die 
haute finance, die Dichter, die hochgestelltesten Staats- 
m sinner ihm ehrenvoll entgegenkommen. Der Spontini'- 
schen Opern mit ihrer brillanten Ausstattung,' der vor- 
treff lichen Sanger Bader, Blum, Frau Milder-Hauptmann 
und Frau Seidler- Wranitzky , ja sogar der reizenden 
Schauspielerin Frl. Bauer wird nur niichtig gedacht, und 
das grdsste politische Ereigniss, die Heirath des Konigs 
mit der Fiirstin Liegnitz, verrr.ag ihn nicht aufzuregen; 



• \ •'•■■• 



— . 93- — " 

aber Seiten voll schreibt er iiber das Mendelssohn'sche 
Hans und seine Familienglieder. Lassen wir ihn selbst 
gleich nach dem ersten Eintritt in dasselbe reden. „Das 
ist eine Familie wie ich noch keine gekannt habe; derfunf- 
zehnjahrige Felix, eine Erscheinung, wie es keine mehr 
giebt! Was sind alle Wunderkinder neben ihm? Sie sind 
eben Wunderkinder und sonst nichts; dieser Felix Men- 
delssohn ist schon ein reifer Kunstler und dabei erst funf-. 
zehn Jahre alt! Wir blieben gleich mehr ere Stunden bei- 
einander, ich musste viel spielen, wo ich eigentlich horen 
und Compositionen sehen wollte, denn Felix hatte mir ein 
Concert in C-moll, ein Doppelconcert und mehre Motetten 
zu zeigen und Alles war genialisch und dabei wie correct 
und gediegen! Seine altere Schwester Fanny, auch un- 
endlich begabt, spielte Fugen und Passacaillen von Bach 
auswendig mitbewundernswerther Genauigkeit; ich glaube, 
sie ist mit Recht „ein guter Musiker" zu nennen. Beide 
Eltern machen den Eindruck von Menschen, die den hoch- 
sten Grad von Bildung haben ; denn sie sind weit entfernt, 
auf ihre Kinder stolz zu sein ; sie machen sich Sorge wegen 
Felix' Zukunft, ob er wohl ausreichende Begabung habe, 
um Tiichtiges, wahrhaft Grosses zu leisten? ob er nicht, 
wie so viele talentvolle Kinder, plotzlich wieder unter- 
gehen werde? Ich konnte ihnen nicht genug betheuern 
wie ich, von seiner dereinstigen Meisterschaft iiberzeugt, 
nicht den mindesten Zweifel in sein Genie setze; doch 
musste ich das oft wiederholen, ehe sie es mir glaubten. 
Das sind also keine gewohnlichen Wunderkinds- Eltern, 
wie sie mir so haufig vorkommen." 

Das Gefallen war aber gegenseitig, und je ofter 
Moscheles zu Mittag oder Abends zu Mendelssohn's kam, 
desto mehr erfreute er sie, desto herzlicher nahmen sie 
ihn auf. Die Eltern hatten ihn wiederholt um einige 
Lectionen fur Felix gebeten, er aber hatte stets in be- 
scheidenster Weise ausweichend geantwortet. In's Tage- 
buch schrieb er: „Der hat keine Lectionen nothig; will er 
mir etwas abmerken , was ihm neu ist, so kann er's 
leicht." 



— 94 — 

Da schrieb ihm die Mutter am 18. Nov. 1824: „„Haben 
Sie auch giitigst unserer Bitte um Lehrstunden gedacht? 
Sie wiirden uns hochlich dadurch verbinden, wenn es 
anders geschehen kann, ohne Ihren Plan fur den hiesigen 
Aufenthalt dadurch zu storen. Halten Sie diese wieder- 
holten Anfragen nicht fur unbescheiden und schreiben 
Sie sie lediglich dem Wunsche zu, mein Kind die An- 
wesenheit des prince des pianistes benutzen zu lassen."" 
Audi hiernach scheint Moscheles sich nocli zu keinem Ja 
entschlossen, sondern nur von „zuweilen spielen'' gesprochen 
zu haben; denn am 22. Nov. finden wir wieder folgendes 
Billet: „„Darf ich meine Bitte urn Lehrstunden fur meine 
altesten zwei Kinder erneuen, werther Herr Moscheles, so 
sagen Sie mir*wohl gefalligst Ihren Preis, und wir fangen 
recht bald an, um von der Dauer Ihr.es Aufenthalts fur 
Hire Schiiler so viel Nutzen als moglich zu ziehen."" 

Moscheles muss diese Zeilen miindlichbeantwortet haben; 
denn am 22. Nov. schreibt er in's Tagebuch: „Heute Nach- 
mittag von zwei bis drei Uhr gab ich dem Felix Mendelssohn 
seine erste Lection, verkannte es aber keinen Augenblick, 
dass ich neben einem Meister, nicht neben einem Schiiler 
sass. Ich bin stolz darauf, dass seine ausgezeiclmeten 
Eltern mir nach kurzer Bekanntsehaft diesen Sohn anver- 
trauen, und gliicklich, ihm einige Winke geben zu diirfen, 
die er mit der ihm eigenen Genialitat auffasst und ver- 
arbeitet." Sechs Tage spater heisst es: „Felix Mendels- 
sohn's Lectionen wiederholen sich von zwei zu zwei Tagen, 
fur mich immer mit steigendem Interesse; er hat nun 
schon meine Allegri di Bravura, meine Concerte u. a. 
Sachen bei mir gespielt, und wie gespielt! Er errath 
meine kaum angedeutete Auffassung." 

Immer enger schliesst sich Moscheles nun an die Fa- 
milie an; er riihmtden Geist, der in diesemHause herrscht, 
„hort so gern dem gediegenen Vater zu, wenn er bei 
Tische fiber Kunst spricht" und wohnt vielen ihrer musi- 
kalischen Morgen- oder Abendunterhaltungen bei, deren 
Programme er sorgfaltig verzeichnet. 

Z. B. ,,23. -November: Singakademie, Psalm von Nau-' 



— 95 — 

mann, dann bei Mendelssohns. Die Geschwister spiel- 
ten Bach. 

26. Nov.: Mit der Familie Mendelssohn-Bartholdy bei 
seinem Bruder. 

28. Nov. (Sonntag): Morgenmusik bei Mendelssohns, 
C-moll-Quartett von Felix, D-dur-Symphonie, Concert von 
Bach, Fanny, Duett D-moll fur zwei Claviere von Arnold. 

30^ Nov.: Bei Frau Vamhagen mit Felix. Hochst 
interessant." 

Frau Varnhagen war die beriihmte Rahel, von 
deren weiblicher Liebenswurdigkeit nnd mannlichem 
Verstand schon so viel und doch nie genug gesprochen 
und geschrieben worden ist. Wo sie erschien, da scharte 
sich Alles urn sie; KLunstler. Gelehrte oder Staatsmanner, 
sie hatte fiir Jeden ein gutes treffendes Wort oder ein 
williges Ohr, nie merkte man ihr die beriihmte Fran an; 
denn stets wusste sie mit unendlicher Herzensgiite die 
weniger Begabten hervorzuziehen. Ein Genie, wie Felix 
Mendelssohn war ihr in's Herz gewachsen, aber auch Mo- 
scheles wusste sie in-jeder Weise auszuzeichnen, da sie die 
Musik unendlich liebte. 

,,"3. Dec. 12 Uhr: Musik bei Zelter. Fanny spielte 
D-moll-Concert von S. Bach, welches ich im Manuscript 
sah. Funfstimmige Messe von Bach. 

5. Dec. accompagnirte Felix bei Geh. Rath Crelle 
Mozart's Requiem zur Feier seines Todestages im Beisein 
von Zelter u. A. 

11. Dec: Geburtstagsfeier bei Mendelssohn's, durch 
ein allerliebstes Haustheater verherrlicht. Felix zeichnete 
sich eben so sehr darin aus wie E. Devrient. 

12. Dec: Sonntagsmusik bei Mendelssohn's. Felix' 
F-moll-Quartett; mit ihm mein Duett in G fiir zwei Piano- 
forte. Der kleine Schilling spielte Trio von Hummel in G." 

Auch Zelter, bekanntlich der Lehrer von Felix und 
seiner Schwester, fehlte nie bei diesen Morgenmusiken; er 
war nicht wenig stolz auf seine Schiller, wenn auch im ■ 
Aeusseren barsch und abwehrend. Er gab Moscheles ein 
hiibsches Souper, wobei dieser besonders bemerkt: „Die 



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musikalischen Gesprache mit Zelter, der so viel mit Goethe 
uber Teltower Riibchen mid andere bessere Dingle corre- 
spbndirte, waren mir hochst interessant." 

13. Dec: „Dem Felix sein Stammbuch zuriickgegeben, 
in welches ich gestern das Impromptu Op. 77 

Allegro. . £ 



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schrieb. Er spielte es vortrefflich vom Blatt." 

Ara 15. Dec. nahm Moscheles mit Widerstreben Ab- 
schied von Berlin, und von dem ihm so liebgewordenen 
Mendelssohn'schen Hause. Er reiste mi? Frl. Bauer und 
deren Mutter und mit seinem B ruder nach Potsdam, urn 
seinem Versprechen gemass Abends in Blume's Concert 
in Gegenwart des Hofes mitzuwirken. 

Der 17. Dec. war ein trauriger Tag: Moscheles musste 
sich von seinem Bruder trennen. Dieser begab sicb nach Leip- 
zig, Moscheles mit der Schnellpost nach Magdeburg. „Der 
gute Bruder!" ruft ihm Moscheles nach, „er hat mich durch' 
seine Hingebung verwohnt!" 

Das Concert in Magdeburg am 20. Dec. musste am 
23. auf Wunsch des Gouverneurs {General Haack) wieder- 
holt werden; dann beriihrte er Braunschweig im Fluge, 
um ein Concert zu geben, und brachte den letzten Tag 
des Jahres in stiller Zuruckgezogenheit in Hannover zu. 



1825. 



Die Stadt Hannover gewahrte damals dem Fremden 
wenig Zerstreuung, und Moscheles scheint sie auch nicht 
angeheimelt zu haben, obwohl ihn der Regent, der musik- 
Hebende Herzog von Cambridge, unter seine Protection 
nahm, was die gewohnlichen Nachahmer unter den Platen's, 
Kielmannsegge's und Anderen, sowie zwei hochst gelungene 
Concerte zur Folge hatte. 

Die einzige Bekanntschaft, die einen bleibenden Ejn- 



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— 97 — 

fltiss auf seine Zukunft iiben sollte, war die des Banquier- 
hauses Jaques, da er durch den Chef desselben an seinen 
altesten, in Hamburg etablirten Sohn und an dessen 
Schwiegervater, Herrn Adolf Embden empfohlen wurde 
(den Vater seiner zukiinftigen Frau). Doch darauf kommen 
wir gleich zuriick. 

Das nachste Concert fand in Celle statt, und am 
i6. Januar erreichte er Hamburg. Das Tagebuch nennt 
uns zuerst die Musiker, die er kennen lernte: den liebens- 
wiirdigen alten Clasing, den tiichtigen "Wilhelm Grund, 
die Geiger Lindenau und Rudersdorf, ferner Lehmann, 
einen Miniaturmaler von Fach, aber vortrefilichen Dilettan- 
ten auf der Geige, und Andere mehr. Unter den jungeren 
Kraften interessirte ihn besonders die kleine Louise David 
(nachherige Frau Dulcken), die trotz ihres zarten Alters 
seine Alexander- Variationen schon sehr brav spielte. 

Unter seiner grbssen Hdrerschaar im Apollosaal war 
auch seine kurtftige Frau, Charlotte Embden. Sie, die 
selbst etwas Clavier spielte, hing wie verzaubert an diesen 
Wunderfingern ; er bemerkte das junge Madchen nicht, 
doeh wurden sie schon in den nachsten Tagen bekapnt, 
waren am 2. Februar Brautigam und Braut, am 1. Marz 
vermahlt. An diesem Tage hndet sich folgende Notiz im 
Tagebuch: „Mein Ehrentag. In der gKickseligsten rein- 
sten Stimmung, mit Dank erfiillt gegen den Schopfer, 
weihte ich mich an diesem Tage der feierlichen Verbin- 
dung, die ich heute vor Gott zu bekraftigen im Sinn 
habe." 

Alle anderen dem Tagebuch anvertrauten Herzens- 
Ergiessungen aus Brautstand und Flitterwochen hier an- 
zufuhren, moge uns der Leser erlassen. Im Entstehen 
glich diese Jugendliebe jeder anderen; — ein lockeres,. 
leicht zu losendes Band; bald aber mischte sich gegen- 
seitige Achtung hinein, urn es fester zu schiirzen, erhoht 
durch das Gefiihl der aufrichtigsten Dankbarkeit. Die 
Frau fuhlte sich gehoben durch die Stelhmg, die er ihr 
gab, er dankte ihr manche Hiilfeleistung, die, wenn auch 
noch so gering, ihm doch seine taglichen materiellen 0b~ 

Moschclcs' Leben. 7 



- 98 - 

liegenheiten erleichterte, sodass er ungestorter seinem 
Kiinstlerberufe nachleben konnte. "Wahrend einer 45Jahrigen 
Ehe der Liebe und Treue hatte sich das Gefiihl gegen- 
seitiger TJnentbehrlichkeit so machtig entwickelt, dass dies 
Band nur gewaltsam durch den Schwertstreich des Todes 
zu trennen war! 

Moscheles war der treueste biederste Gatte und 
griindete darlurch das Gliick seiner Familie. Briefe und 
Casse wollte er von vornherein als Gemeingut betrachtet 
liaben. Durch dies Verfahren legte er stillschweigend 
der jungen Frau die Verpflichtung auf, nur vernunftige, 
fiir ihn geniessbare Correspondenzen zu fuhren und 
ermuthigte aie durch sein Zutrauen zur weisen Ver- 
waltung des gemeinschaftlichen Ehegutes. Sein nie rasten- 
des kunstlerisches Streben behiitete ihn vor der Frivolitat 
kleiner Eifersiichteleien und vor dem Tandeln mit Fraueri- 
herzen; er hatte an dem einen, das ihm in unwandelbarer 
Eiebe anhing, sein Geniige. 

AuchdiebeiderseitigenAngehorigen des jungen Paares 
freuten sich des schonen Bundes. Moscheles' Bruder, der 
zur Hochzeit nach Flamburg g'ekommen und dort herzlich 
aufgenommen worden war, fiihlte sich sofort in der Fa- 
milie heimisch, wie Moscheles umgekehrt die Geschwister 
Theodor und Emilie jaques schon ganz als die seinigen 
betrachtete — ein Zusammenstimmen beider Familien, das 
sich seitdem ungestort erhalten hat. Moge der Leser selbst 
urtheilen, ob der weitere Verlauf dieser Skizze, ob die 
Ausziige aus den Tagebuchern und Familienbriefen, die 
man 45 Jahre hindurch regelmassig von S zu 8 Tagen 
wechselte, das Obige bewahrheiten, und ob Moscheles mit 
Recht behaupten durfte: ,/Wir handeln gewohnlich unisono, 
kommt ja einmal eine Abweichung, so ist es eine durch- 
gehende Note, die bald ihre Auflosung hndet." 

Moscheles gab zwei eigene Concerte in Hamburg, im 
Apollosaal, . spielte drei Mai im Theater, dann in Liineburg 
und Altona; hierauf wieder im Apollosaal zum Besten der 
Ueberschwemmten der Umgegend, in der Freimaurerloge, 
fiir verschiedene Kiinstler und endlich zum Beschluss in 



— 99 — . 

Itudersdorf s Concert. Bei dieser Gelegenheit wurde „Der 
Abschied der Troubadours" mit einem der Gelegenheit an- 
gepassten Text vom Improvisator Prof. Wolff aus Jena 
gegeben. Das Alles drangte sich nebst Verlobung und 
Hochzeit in kurze 6 Wochen zusammen. 

Am 7. Marz sagt das Tagebuch: „Es war ein schwerer 
Moment, als ich gestern bei unserer Abreise meine Char-, 
lotte dem geliebten Kreise entriss. Urn sie aufzuheitern, 
erzahlte ich ihr die Geschichte von meinem alten Onkel, 
der mich durchaus zum Kaufmann, nicht zum Musikanten, 
machen wollte, damit ich die Chance hatte, eine Ham- 
burgische Kaufmannstochter zu heirathen." 

In Bremen gab Moscheles Concert, dann in Aachen, 
dann ging es nach Paris, wo die Ehepaare Valentin und 
Leo, seine fruheren Freunde, jetzt als Tanten und Onkel 
der Frau, den jungen Leuten den warmsten Empfang be- 
reiteten. „Wir sind wie Kinder des Hauses, sogar wie 
verhatschelte Kinder", schreibt Moscheles am 14. Marz. 
Die junge Frau, die ausser Berlin noch nichts von der 
Welt gesehen hatte, sollte mit den Tanten in alle Theater 
gehen. Rasch durchlief man nun alle Sehenswiirdigkeiten 
der Weltstadt, bei denen Moscheles bereits den erfahrenen 
Cicerone machen konnte. Das Haus der Tante Valentin 
ward viel vom Maler Gerard, ihrem Lehrer, sowie von 
Benjamin Constant, Alexander Humboldt, Meyerbeer und 
seinem Bruder Michael, Hummel, F. Mendelssohn und 
dessen Vater (die sich damals vorubergehend in Paris 
aufhielten) und anderen interessanten Mannern besucht. 
„Meine Frau", schreibt Moscheles an den Vater, „meinte 
vor unserer Ankunft in Paris, sie werde sich unbeholfen, 
wie das wirkliche „Lottchen am Hofe" benehmen; aber 
im Gegentheil, sie 1st uberall ganz zu Hause; die Tanten 
wundern sich. dass ihr Paris nicht mehr imponirt, d. h. die 
Boulevards, Kauf laden u. s. w. Wie sehr die Beruhmt- 
heiten es thun, bewies sie durch das Album, das sie mir 
heute schenkte, in das sie alle fremden und einheimischen 
Grossen der musikalischen Welt hatte schreiben lassen, 



■^ . , TOO — 

Rhode, Kreutzer, Lafont, Cherubini, Auber, Onslow, Paer, 
Adam, Catel, Peter Pixis und Andere. *) 

Am 28. Marz schloss Moscheles einen Vertrag mit der 
Academie royale de musique ab, demzufolge er sich ver- 
pflichtete, im letzten Concert spirituel zu spielen, woffir 
ihm die Anwartschaft auf die Salle des Italiens nebst Entr'- 
acte fur seinen nachsten Pariser Aufenthalt zugesichert 
ward. Doch es blieb ihm diesmal keine Zeit, dieseri Vor- 
theil zu benutzen. Er eilte nach London, wo er langst er- 
wartet wurde. 



*) Dies Album wurde wahrend 45 Jahren bei jeder Gelegenlieit — 
und es gab deren viele — bereichert, und entlialt jetit hoclist werthvolle 
Skizzen von Musilcern nicht nui-j sondern audi von DichterHj Malern uud 
furstlichen Personen. Es ging auf den einzigen Sohn iiber, der tils Maler 
in London lebt. 



*'-;>' .^S'" =■''. 



FUENFTER ABSCHNITT. 

LONDON. 



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1825. 

Anfang Mai traf Moscheles mit seiner Gemahlin in 
London ein. Man kam ihm gleich mit Engagements 
nicht nur fur London selbst, sondern auch fiir Bath, 
Bristol u. s. w. entgegen, sodass es viel Unterhandlungen 
gab; dazu kamen die Schiilerinnen, alte und neue. „Meine 
Frau wird von alien meinen Freunden aufgesucht", schreibt 
er, „und mit der herzlichsten Zuvorkommenheit aufgenom- 
men, ohne auf unsern Besuch zu war ten; und ich scheine 
mit einer jungen Frau doppelt willkommen zu sein. Meine 
Freunde, die meine Berufsthatigkeit kennen, wetteifern 
miteinander in Artigkeiten gegen sie. Das ist doch nicht 
die Abgemessenheit der als steif verschrieenen Insulaner ?" 
Seine Concertthatigkeit begann sofort; die Zeitungen woll- 
ten nicht aufhoren, sich iiber Moscheles' Riickkehr nach 
England zu freuen, und ihre Lobpreisungen ergossen sich 
mit auf die nicht wenig dariiber betretene junge Frau. 

Der Monat Mai bringt Concerte der Philharmonischen 
Gesellschaft, der Royal Academy u. s. w. und schliesst 
mit einem der „beriichtigt vollen" Concerte Mori's, bei 
welchem auch Moscheles mitwirkt. Von diesem Mori, 
einem gewandten Geiger, der haufig als Vorgeiger der 
grossen Provinzial-Musikfeste fungirte, auch Musikverleger 
■war, hiess es, dass er stets mehr Billette verkaufe, als der 
Saal fassen konne, und wirklich schlug man sich an den 
Thuren um die Sitze, was arge Zeitungsartikel hervorrief; 
dennoch war Mori eine englische Beriihmtheit, und seine 
Concerte, die A lies boten, was London nur musikalisch 



■ ■-■!■.. 



— 104 — 

Beruhmtes aufzuweisen hatte, liefen alien iibrigen in Be- 
zug- auf Zulauf den Rang- ab. 

Am 1. Juni finden wir die interessante Notiz: „Pierre 
Erard zeigt und erklart uns in seiner Fabrik an einer 
stummen Tastatur die vervollstandigte Erfindung seines 
Onkels Sebastian, fur welche das Haus soeben ein Patent 
genoramen hat. Ich musste den ersten nach dieser neue- 
sten Neuerung erbauten Flugel spielen, und da auf einem 
solchen Instrumente die, nur zur Halite ihrer Tiefe ge- 
sunkene Taste schon wieder anschlagt, so fand ich die 
Erfindung, deren Entstehen ich schon in Paris sah, von 
unschatzbarem Werth fur die repetirenden Noten, Im 
Klang blieb mir noch Fiille und Weichheit zu wiinschen 
iibrig, woriiber ich mich lange mit Erard besprach." 

Noch immer drangen sich Opern und Concerte in diese 
Junitage hinein; einem philharmonischen Concerte, in wel- 
chem Moscheles neue Lorbern erntet, folgt sein eigenes, 
in welchem ihm diese durch Guineen und durch die Lob- 
preisungen der Presse vergoldet werden. Die junge Frau 
beschreibt den Ihrigen alle diese Triumphe; doch sind 
diese Brief e in zu gluhende Farben getaucht, um hier mit- 
getheilt werden zu konnen; nur den einen, der sie selbst 
als Novize in den ihr unbekannten Concertangelegenheiten 
hinstellt, wollen wir ausziehen: „Die Concertbillete werden 
numerirt, und das ist me in Geschaft. Mir kam es uber- 
fliissig vor, doch wurde ich bald eines Besseren belehrt. Eine 
feingekleidete Dame kam zu mir, bat sich drei Karten zu 
einer halben Guinee aus und steckte sie ein. Anstatt aber nun 
zu bezahlen, meinte sie, ihr Mann sei Arzt, hier sei seine 
Karte; nie wisse er vorher, ob es ihm moglich sein werde, 
in's Concert zu gehen. Am Tage nach dem Concert werde 
sie entweder die drei Billets oder das Geld schicken. Ich 
Neuling war damit einverstanden, mein Mann aber, als er 
nach Hause kam, lachte und behauptete, ich hatte mich 
anfuhren lassen. Er ging zu dem betreffenden Arzt. 
Dieser lachte auch. „Meine Karte ist das freilich", sagte 
er, „aber diekann irgend Jemand unter den vielen Menschen, 
welche mich besuchen, hier vom Tische weggenommen 



— 105 — 

haben; auch bin ich nicht so glucklich, eine Frau zu be- 
sitzen." So batte Moscheles Recht, ich war angefiihrt. 
Nun aber schrieb er die bewussten Nummern ubergross 
auf weisses Papier und gab sie dem am Concertabend an 
der Casse postirten Billeteinnehmer. Richtig kamen drei 
Datnen, die auf Grund dieser Nummern eingelassen sein 
wollten. Sie wurden angehalten, und es hiess: „Zahlen 
oder nicht in den Saal gelassen werden!" Sie protestirten: 
Geld hatten sie nicht bei sich, sie wurden es morgen 
schicken. Der Billeteur rief Moscheles hinzu, und da die 
Damen ein sehr zweifelhaftes Ansehen haften, das voll- 
kommen zu ihrer Liigenhaftig'keit passte, so mussten sie 
Kehrt machen. Es ist also docb niitzlich, Concert billete 
zu numeriren." 

Als dies Concert glucklich voriiber war, fmg Mosche- 
les an aufzuathmen. Auch die Masse der Scliiilerinnen 
nahm mit Anfang Juli ab, und nun blieb ihm mebr Zeit 
fiir die Composition seiner Etuden, die sich trotz aller 
Beschaftigung gewaltsam an's Licht der Welt drangten. 
Auf den Gangen von einer Lection zur andern pflegte er 
sich die Themen auf irgend einen Brief, den er eben in 
der Tasche trug, oder sonstigen Papierstiickchen auf- 
zuschrexben. Abends wurden sie ausgearbeitet, und da- 
riiber alle Abspannung und Ermiidung vergessen. Seine 
Frau musste sie stellenweise probiren und am nachsten 
Tage wahrend seiner Abwesenheit einiiben. Zuweilen 
waren die spatesten Abendstunden ausserdem noch durch 
junge Talente in Anspruch genommen, die ihm vorspielten 
oder Compositionen zeigten. So legte ihm damals der 
junge, jetzt beriihmte Sir Michael Costa seine Canzonetten 
vor, und andere mehr. Das junge Paar fiihrte damals 
noch ein sehr bescheidenes Ilaus; doch auch in dieser Be- 
schranktheit iibten sie schon im Kleinen die Gastfreund- 
schaft, die spater in grosserem Maassstabe von so man- 
chem Deutschen ein Trost in dem grossen London genannt 
wurde. Das Stundengeben fiihrte neben seinen klingenden 
Ergebnissen auch manche Misslichkeiten mit sich. So 
notirt er: „Ich brachte versprochenermaassen der Miss 



ISfv 



— 106 — 

Ramsden eine Liste der ihr gegebenen Lectionen mit." 
„Ich will sie meinem Vater zeigen", sagte sie und verliess 
das Ziramer. Gleich darauf brachte mir ein Lakai £ 16 
mit dem Verlangen,- ich moge quittiren ; die ScMlerin, den 
Vater, Niemanden sail ich, sondern ward auf diese Weise 
vom Lakaien verabschiedet ! Unerhort in Deutschland!" 

Ihre Sonntage brachten sie gewohnlich bei dementi's 

in Elstree unweit London zu, wo man stets ein Zlmmer 

fur sie in Bereitschaft hielt. „Clementi ist einer der riistig- 

sten Siebenziger, die man sehen kann, schon in aller Friihe 

beobachten wir ihn von unserm Fenster aus, wie er trotz 

des Morgenthaues, den Kahlkopf unbedeckt, im Garten 

umherlauft. Ueberhaupt lasst ihn seine Lebendigkeit nie 

' ruhen. Bei Tische ist er unermiidlich im Plaudern und 

Scherzen; er kann aber auch heftig werden; es ist eben 

eine heissbliitige italienische Natur. Zum Spielen ist er 

selten mehr zu bringen. Er behauptet, er habe von einem 

Fall aus dem Schlitten in Russland eine steife Hand zu- 

ruckbehalten; es giebt Leute, welche meinen, er wolle 

nicht mehr spielen, weil die.Bravour inzwischen so grosse 

fur ihn unerreichbare Fortschritte gemacht hatte. Den 

grossten Contrast zu ihm bildet seine Frau (es ist seine 

zweite Frau), sie ist Englanderin und eben so gemessen 

ruhig, wie er sprudelnd lebendig." Clementi war damals 

mit den Gebrudern Collard Besitzer einer schwunghaft be- 

triebenen Pianofortefabrik. Moscheles riihmt den Instru- 

menten dieser Fabrik einen leichteren Anschlag nach, als 

den Broadwood's, weshalb er sie vorzugsweise zu seinen 

offentlichen Productiohen gebrauchte; auch ihren Klang 

fand er heller, wahr end Broadwood bet etwas dumpfem 

Klang und schwerer Auslosung mehr Fiille des Tons er- 

zielte. William Collard, den jiingeren Bruder, nennt er 

„einen der geistreichsten Manner, die ihm vorgekommen". 

Dieser wurde der intime Freund undRathgeber des jungen 

Paares; auch er fand sich regelmassig in Elstree ein. 

"Wenn die Freunde beisammen waren, pnegte Clementi zu 

sagen: „Moscheles play me something." Dann wahlte dieser 

irgend eine Sonate seines Wir thes, der wahrend des Spiels 



— io7 — 

mit vergniigtem Lacheln, die Hande auf dem Riicken, 
seine kleine untersetzte Gestalt hin und her bewegte, oft 
Bravo dazwischen rief und Moscheles, sobald er geendet 
hatte, freundlich auf die Schulter klopfte und ihn mit 
neuen Bravo's iiberschiittete. 

Endlich ist „die Saison durchgekampft"; sie konneh 
London verlassen und sick dieRuhe gut schmecken lassen. 
Sie folgen zunachst einer Einladung der Faimlie Fleming 
nach-Stoneham Park (Southampton). Die Frau des Hauses 
war eine Schiilerin von Moscheles. Beide Gatten, bei allem 
Reichthum und Luxus, einfache und gemiithliche Leute, 
waren eifrig bemiiht, ihren Gagten den Aufenthalt so an- 
genehm wie moglich zu machen. Im personlichen Urn- 
gang gelang ihnen dies atfch vollkommen; aber das high 
life sagte Moscheles und seiner Frau nicht immer zu. 
.jWir konnen den wunderbar schonen Park nicht so.recht 
geniessen, weil wir erst tief in der Nacht zwischen i und 
2 Uhr zur Ruhe kommen, daher die Morgenstunden ver- 
schlafen und kaum vor n Uhr mit der ersten Toilette 
zum breakfast fertig sind. Nach diesem Mahl bleibe ich 
nur bis 2 Uhr, wo luncheon servirt wird, mir.selbst iiber- 
lassen, um zu componiren oder zu iiben. (Hier entstanden 
die Es-dur und A-moll-EtMen.) Meine Charlotte iibt mit 
Mrs. Fleming in dem prachtvollen Musiksaal, wo der 
Fliigel orgelmassig klingt, oder sie bringen die Zeit lesend 
und arbeitend in dem Boudoir mit hellblauseidener Tapete zu, 
in welchem alle neuen Erscheinungen der literarischen Welt 
aufgehauft sind und ihnen die liebliche Gruppe, die sie 
mit den Fleming'schen Kindern bilden, aus acht Spiegeln 
zuriickgeworfen wird. Beim luncheon wird gefragt, welche 
Wagen, welche Pferde man verlangt? Mrs. Fleming legt 
gem Beschlag auf meine Frau fur ihr pony carriage, 
das sie selbst kutschirt; ich reite dann mit einigen Herren. 
Die zweite Toilette fur das Mittagessen muss um 8 Uhr 
Abends beendet sein, wo es zu Tische geht." Spiiter 
heisst es: ,Jetzt wohnen Lord Palmerston, sein Bruder 
Mr. Temple, seine Schwester Mrs. Sulivan und deren 
Mann auch hier. Es ist interessant, so nahe mit dem Lord 



■'■ i ,. 



— 10S — " . 

z\i verkehren und die parlamentarischen Gesprjiche zu ver- 
folgen, die bei Tische gefiihrt werden, natiirlich alles in 
den Grundsatzen des reinsten Torysmus. Gut, dass die 
Kunst, die ich vertrete, auf nSutralem Boden stehen darf". 
Und wieder lesen wir: „Heute neue Gaste, diesmal aus 
der Umgegend, aber nicht aus der nachsten; denn auf 
zehn englische Meilen in der Runde gehort Alles unserem 
Hausherrn; dazu hat er eine Besitzung auf der Isle of Wight. 
Wenn das Diner voriiber ist und die Herren allein bleiben, 
wird erst recht politisirt; aber um Mitternacht im drawing 
room gewinnt wieder die Kunst die Oberhand; da wird 
bis i, 2 Uhr musicirt; kein Wunder, dass uns die ersten 
Strahlen der Morgensonne nicht wecken," 

Im nachsten Monat gehen sie nach dem Bade Chelten- 
ham, welches Moscheles als Nachtrag zur vorjahrigen Kur in 
Karlsbad empfohlen worden ist. „Hier geniessen wir unser 
tete-a-tete von Herzen; der Palast war schon, aber das 
ruhige Leben, das erste seit unserer Verheirathung, ist 
kostlicher. Wir konnen immer beisammen sein. Wahrend 
meiner Lectionen in der Reitschule sieht meine Frau mir 
von der Galerie herab zuj'sie begleitet mich friih an den 
Brunnen, ich sie auf den Markt, wenn sie Fische oder 
Gefliigel kauft; so gut wird's uns in London nie werden." 
Und spater: „Ich gebe meiner Frau nicht nur Clavier- 
stunden, sie muss auch Noten schreiben von mir lernen, 
und wahrend sie sich darin iibt, componire ich ein von 
der Harmonic Institution bestelltes Impromptu uber den 
Marsch aus Tarare oder Axur von Salieri, welche Oper 
jetzt in London, englisch zurechtgekocht, grossen Beifall 
erhalt. Dieser Marsch ist von Mr. W. Hawes in einen 
kriegerischen Song umgewandelt und erregt besonders 
bei den Worten: „Revenge he cries and the traitor dies", 
von Braham gesungen, den grossten Fnthusiasmus. Auch 
drei Rondo's iiber die „Wiener in Berlin" schrieb er damals 
bestelltermassen; ferner -la petite babillarde fiir Cramer, 
seine H-moll-Etude u. s. w. 

Nachdem sie noch einige angenehme Ausfluge in die 
hiibsche Umgegend gemacht und u. A. auch einige Ueber- 



■ — I0 9 — 

bleibsel aus der romischen Zeit, z, B. vollkommen erhal- 
tene Mosaik-Fussboden mit herrlicher Zeichnung, gesehen 
hatten, reisten sie am i. October friih nach Oxford, be- 
suchten am Nachmittage, sowie am foigenden Tage die 
Collegien dieser merkwiirdigen Stadt, stellten sich unter 
old Tom {die grosse Glocke) und sahen das Universitats- 
Theater, wo dem Kaiser von Russland und dem Konig 
von Preussen kurz vorher bei ihrer Anwesenhek in Ox- 
ford die Doctor wiirde verliehen worden war. 

Nach London zuruckgekehrt, richten sie sick klein, 
aber behaglich, in dem Hauschen No. 77 Nortonstreet ein. 
Das schonste Mobel blieb ihnen stets Clementi's Ge- 
schenk, ein herrlicher Fliigel, der, von seiner eigenen 
Hand geschrieben vornan, wo sonst der Name der Fir ma 
stent, die Inschrift trug: „iluzio Clementi e Socj all' in- 
gegnosissimo J. Moscheles ed alia sua amabillissima con- 
sorte." 

Das stille hausliche Gliick, das Beide nun genossen, ward 
bald durck Antrage zu Concerten in Liverpool und Dublin 
gestort. Ohne das Zureden der Frau hatte er sie nickt ange- 
nommen; denn er niusste allein reisen; das widerstand ihm; 
endlich siegten ikre Vernunftgriinde, und er schreibt am 
4. November: „Heute hatte ich die harte Probe des Ab- 
schieds von meiner Charlotte zu bestehen." Am 5. Nov. 
traf er in Liverpool ein, von der Musikergilde freundlich 
bewillkommnet. Abwechselnd speiste er bei den Kunst- 
genossen, "die ihn in der Stadt umherfuhrten und ihm unter 
den Denkwiirdigkeiten namentlich die Town hall und 
Nelson's Monument von West macott zeigten. „Wenn mich 
die Grossartigkeit dieses Kunstwerks und jenes Gebaudes, 
jedes in seiner Art, frappirte, so setzte es mich vielleicht 
noch mehr in Erstaunen, dass man mich mehrfach um 
Lectionen fiir die drei Tage meines Aufenthalts in Liverpool 
bat, ein echt englisches Ansinnen. Ich machte einen Be- 
such bei R.oscoe, den ich sehr zu kennen wlinschte und 
in welchem ich den liebenswurdigsten, zuvorkommendsten 
Greis fand. Der Herzog von Toskana hatte ihn kiirzlich 
durch die Zusendung einer Prachtausgabe der Werke von 



.-(■;> 



— no 

Lorenzo Medici beehrt, die er mir zeigte. Dann durfte 
ich mit ihm sein neuestes botanisches Werk iiber west- 
indische Pflanzen durchblattern, wobei er mir viele inte- 
ressante Erklarungen gab." 

„Am 8. November Mittags war Probe im Concertsaal; 
aber was fiir eine! elend ist ein zu gelinder Ausdruck. 
Mori aus London that sein Moglichstes, aber was war zu 
erzielen mit einem Doppelquartett und vier hinkenden Wind-, 
niclit Blasinstrumenten als Orchester? Der Theaterdirector 
spielte namlich dem Concertunternehmer Mr. Wilson den 
Streich, seine Orchestermitglieder nicht herzugeben, und 
so musste ich das erste Stuck des Es-dur-Concerts und die' 
Alexander- Variati onen mit blosser Quar tettbegleitung spielen, 
Meine Phantasie iiber ,,Rule Britannia" und ein irlandisches 
Liedchen befriedigte das brillante und zahlreiche Publikum 
eben so sehr, wie mich das mir nachgeschickte Clemen- 
tische Instrument. Diese Nacht, soAvie alle vorbergehen- 
den und folgenden auf meiner Reise, beschloss ich damit, 
dass. ich an meine Frau schrreb, some ich auch von ihr 
taglich so gute Berichte erhalte, dass sie mich zu meinen 
Productionen kraftigen." 

„Am 9. November friih fuhr ich auf der Mersey in 
einer Stunde nach dem gegeniiberliegenden Ufer und von 
da in i 1 /, Stunde nach Chester, dieser uralten Stadt, merk- 
wurdig durch die Mauer, die sie umschliesst. Das Concert, 
welches Abends im Roj^al Hotel stattfand, war dem des 
gestrigen Tages ahnlich; Mori dirigirte, das Publikum 
war eben so brillant und zahlreich, die Aufnahme gleich 
■schmeichelhaft fur mich/' 

„Am 10. November friih ging ich mit Phillips auf den 
durch sein Alter merkwiirdigen Wall. Ein ziemlich con- 
servirter Thurm sagtc uns durch seine Inschrift, dass im 
Jahre 1645 King Charles die Schlacht von da aus beobach- 
tete, und dass er sich, als seine Armee geschlagen war, 
genothigt sah, vermittelst einer Strickleiter zu entfiiehen. 
Das Gefangniss (gaol) ist auch ein den Zeiten trotzendes 
Bauwerk. Ein Theil der Stadt liegt romantisch an dem 
Flusse Dee." 



— Ill — 

„ii. November. Concert in Manchester. Schon die 
bessere Organisation des Orchesters, die Oberaufsicht der 
Concertdirectoren Baker und Fletcher, das Mitwirken meh- 
rerer deutschen geschickten Liebhaber gab dem Ganzen 
einen Schwung, den ich nut zu sehr in den letzten Con- 
certen vermisst hatte. Auch der Anfiihrer des Orchesters, 
Mr. Cadmore, gehort zu den besseren Dirigenten. Ich er- 
freute mich des rauschendsten Beifalls, doch genoss ich 
ihn weniger als je auf dieser Reise." Auf Briefe der Ver- 
wandten hin bricht er bald darauf seine Reise ab und 
■eilt nach London zuriick. Am 19. Abends erreicht er sein 
Haus, und kurz nach Mitternacht wird ihm ein Sohn ge- 
boren, ein zartes, schwa chliches Kind; die Mutter findet er 
in sehr leidendem Zustande. 

Vier bange Wochen lebte Moscheles in Angst und 
Sorge urn sie. Mit dem herannahenden Ende des Jahres 
besserte sich Alles. ,Jetzt", schreibt er, „kann ich wieder 
meinen Geschaften nachgehen; auch bei Erard war ich 
heute, sah seine nach neuer Construction erbauten herr- 
lichen Elugel, lehnte aber seinen Antrag, mich zum al- 
leinigen Spielen derselben zu verpflichten, trotz der vor- 
theilhaften Bedingungen, die er mir stellte, ganzlich ab, 
und will mich ferner meiner Freiheit in dieser Beziehung 
erfreuen." 

Spater schreibt er: „Ein komischer Vorfall machte 
uns herzlich lachen. In den Weihnachtstagen blast, be- 
sonders Abends spat, eine Bande, die auch an meiner 
Tmir sammelte. Ich wusste dies von fruherher, und da 
mir alle Torturen und Storungen einfielen, mit denen sie 
mich durch ihre falschharmonisirten Chorale gefoltert hatten, 
so befahl ich der Magd, ihn en zu sagen: von mir wiirden 
sie nur dann bezahlt werden, wenn sie versprachen, nie 
wiederzukommen. Der beleidigte Blaser antwortete: „Tell 
your master, if he does not like music, he will not go to 
heaven!" 

Mit Ende des Jahres musste er auch eine Phantasie 
fiir den Verleger Collard vollenden, iiber die er bemerkt: 
;,,Die 25 Guineen, die ich dafur bekomme, sind das einzige 






— 112 



Verdienst, was sie hat. Gehort auch zu den Ephemeren,- 
die keine Opusnummer bekommen." Und am 31. heisst 
es : „Wir beschliessen dies Jahr mit besonderem Dank 
gegen die gottliche Vorsehung, die uns so grosse Gefahr 
gliicklich Uberstehen Hess!" 



1826. 



Am 1. Januar halt Moscheles im Tagebuch folgendes 
Selbstgesprach: „Heutehalte ichnochmeinGliick mitHanden, 
morgen soil ich es verlassen, und doch ist die Reise nach 
Dublin (wo Moscheles sich zu mehreren Concerten ver- 
pflichtet hatte), eine Ehrensache. Charlotte ist sehr mit 
der Pflege des Jungen beschaftigt und voll gliicklicher 
Erwartung, ihren Vater zu sehen. Also Muth!" 

Wirklich reist er am 2. Januar ab; zuerst nach Bath, 
wo wieder Alles mit dem gewohnlichen Erfolg verlauft, 
sodass der ersten Improvisation eine zweite folgen muss. 
Die nachste Concertstation (3. Januar) war Liverpool. Es 
wird von Interesse sein, die Beschreibung dieser Reise 
in Moscheles' eigenen Worten ungekiirzt wiederzugeben, 
weil sie die Beschwerlichkeiten, die damals mit einer 
grosseren Reise verkniipft waren und von denen unser 
Dampfzeitalter sich kaum mehr einen Begriff machen 
kann, eindringlich vorfiihrt. 

„ Am 4. Januar brach ich um 7 Uhr friih von Liverpool 
auf und fuhr bis 8 Uhr Abends nach Birmingham. Am 
folgenden Tage wurde von hier die Reise fortgesetzt, Tag 
und Nacht. Um 2 Uhr Mitternachts eine grosse Reise- 
beschwerlichkeit. Ich, der einzige Passagier, wurde aus 
der warmen Kutsche heraus, und in der rauhen Nacht bei 
Bangor iiber den reissenden Eluss im offenen Boot iiber- 
gesetzt. Die Seele klapperte mir im Leibe, doch wieder- 
holte ich mir mem Losungswort: Muthig ausharren! Am 
anderen Ufer nahm mich Einsamen eine andere, schon be- 
reit stehende Mailcoach auf, und so ging's weiter, den 



— "3 — 

ubrigen Theil der Nacht durch Wind und Schneegestober 
hin, bis ich endlich um 5 Uhr Morgens in Holyhead- 
ankam. 

6. Januar.- Verhangnissvoller Tag; harte Priifung; 
Gottes rettende Hand! Im H&tel fand ich eine respectable 
Reisegesellschaft, aus zwei Herren und einer Dame be- 
stehend, zur Einschiffung nach Dublin bereit. Die Chester 
Mail wurde noch erwartet, und diese kam um 7 Uhr; 
dann aber hiess es, dass kein Dampfschiff zur Ueberfahrt 
da sei, der Wind habe in den letzten Tagen so stark hin- 
warts geblasen, dass alle Dampfboote driiben seien; ein 
Segelpacketboot werde aber sogleich die Mail in 6 bis 7 
Stunden hinuberfahren. Wollten wir Passagiere das auch 
benutzen? Wir thaten es, indem wir uns kurz nach 7 Uhr 
einschifften, und dann des regnerischen Wetters und der 
hohen See halber, die Cabine und unsere respectiven 
Betten aufsuchten. Mich ergriff die Seekrankheit mit sol- 
cher Heftigkeit, dass ich schon nach einigen Stunden zum 
Tode erschopft, wie ein Kranker da lag und wahre Mar- 
tern aushielt. Das Element ziirnte imrner heftiger, ich 
zahlte die Stunden, sie gingen auch voriiber, die Nacht 
brach an, aber wir landeten nicht. Fragten wir unsern 
Steward, wann wir erlost wurden, so murmelte er: „Wer 
weiss? es'geht nicht gut." Und dies bewahrheitete sich 
mir nur allzusehr durch das Schleudern des Bootes. Ein- 
gewickelt in Decken und Mantel, wie ich da lag, konnte 
ich mir das eisig abgestorbene Gefuhl meiner Fiisse nicht 
erklaren, uberwand aber meine Erschlaffung so weit, um 
hinzufiihlen, und fand, dass das Wasser schon in mein 
Bett gedrungen war. Nun konnte es auch nicht mehr 
verhehlt werden, dass das Schiff leek gewbrden war; denn 
zischend stiirzte das Wasser in die Cabine; der Sturm 
heulte furchterlich , die Finsterniss war undurchdringlich. 
Der Capitain wusste uns nichts Trostliches zu sagen, als 
dass wir in den Nahe des Ufers waren — freilich nicht 
nahe genug, um zu landen, da Felsen und Sandbanke, in 
deren Mitte wir schwammen, uns unfehlbar zerschellen 
wurden; auch nicht nahe genug, als dass ein Nothsignal 

Moschele5' Leben. y 



— H4 — 

von der Kiiste aus wahrnehmbar werden kormte. Endlich 
nach langem Kampfe rait den Wellen und den ftirchter- 
lichsten Stossen, die unser Fahrzeug erlitt, konnten wir 
Anker auswerfen und lagen nun ohne Starkung und Er- 
quickung gleich Opfertliieren unser Schicksal erwartend, 
bis zum Anbruch des Tages. Den Muth hatt'e ich jedoch 
in dieser elenden Lage nicht verloren. Der Glaube an die 
allmachtige Vorsehung hielt mich aufrecht; ich dachte 
ohne Aufregung an Weib und Kind.. Sie sclilafen ruhig 
und theilen gottlob mein hartes Loos nicht; sie werden 
mieh entweder froh wiedersehen, oder meinen Verlust mit 
Gottes Hiilfe ertragen; ebenso wanderten meine Gedanken 
schmerzlich gefasst zu meinen anderen Angehorigen und 
Freunden hiniiber. Der Schritt von da in die andere "Welt 
schien mir sehr klein. Am Nachmittag hiess es endlich: 
„Wir werden erlost, ein Boot hat unser Schiff erreicht 
und nimmt uns auf!" Da rafften wir.unsere Effecten zu- 
sammen, Hessen uns mit ihnen sozusagen in's schwankende 
Boot werfen, und nach einem kurzen Kampfe mit der 
schaumenden Brandung, landeten wir im Hafen Howth. 
Dort miethete ich eine Po.stchaise, die mich (7 Meilen weit) 
nach der Stadt brachte. Der ode sandige Boden, die mit 
Rumen besaete Gegend, das kummerliche Aussehen der 
Landbewohner Hess mich auf die Natur und den ganzen 
Charakter des Landes schliessen. So kam ich denn end- 
lich in Dublin an, fuhr uber die schone Carlisle-Briicke, 
iiber den Liffey nach Westmoreland Street, wo ich mich 
in einer Wohnung, die mir der Musikhandler Pigott ge- 
miethet hatte, in wenig Stunden erholte." 

Am 8. Januar ftihrt ihn Mr. Pigott in die Christ 
Church, wo er einen im alten Styl gearbeiteten Anthem 
von Dr. Spray brav ausfiihren hort, dann macht er bei 
den Kiinstlern und bei der Aristokratie der Stadt die 
Runde. Unter anderen lernte er bei dieser Gelegenheit 
Lady Morgan, von der er schon als Schriftstellerin gehort, 
„als ausserst liebenswiirdige Wirthin und. Gesellschafterin 
kennen." 



— ii5 — 

9.. Januar. „Heute bekam ich durch den Colonel - 
Shawe, Adjutant des Lord Lieutenant Marquis of Welles- 
ley, den Bescheid, seine Herrschaft wiirde mein Concert 
am 13. Januar besuchen; es solle auch unter ihrer patron- 
age vor sich gehen; heute aber moge ich im Phonixpark 
im grossen Circle spielen. Ich bereitete mich so geschwind 
als moglich vor und sandte mein Instrument dort hin. Um 
9 Uhr Abends fu.hr ich in dem mir bereit gestellten Gala- 
wagen in einer halben Stunde hinausund fand die ganze No- 
blesse Irlands im Phonixpark versammelt, da diese Soiree die 
erste der neu verheiratheten Marchioness of "Wellesley war. 
Einige Gesangstiicke, sowie ein Terzett fur 2 Guitarren 
und Physharmonica (von Schulz und dessen Sohnen) gingen 
wahrend der lebhaftesten Conversation der hohen Herr- 
schaften, unbeachtet voriiber. Der Lord-Lieutenant unter- 
brach diese, indem er mich franzosisch ansprach, meiner 
schmeichelhaften Erapfehlung von Seiten des Fiirsten Ester- 
hazy erwahnte und mich zu spielen ersuchte. Da er sich 
mit der Marchioness in die unmittelbare Nahe des Claviers 
setzte, und da er, der funfundsechszigjahrige Herr, sich an 
meiner Phantasie iiber irlandische Melodien begeisterte, so 
begeisterte sich auch der ganze Kreis. Nach der Pause, in 
welcher Erfrischungen gereicht wurden, wiederholten sich 
die Vorgange des ersten Theiles, und darin setzte. der 
Lord -Lieutenant seiner Gunst die Krone auf, indem er 
mir herablassend die Hand schiittelte . (shook hands). Ich 
machte viele nutzliche Bekanntschaften." 

10. Januar. „Heute meldeten sich bei mir, trotz meines 
a.uf zwei Guineen festgesetzten Preises, zwei Schulerinnen." 

n. Januar. „In die Anacreontic Society eingefiihrt, 
eihe Dilettantengesellschaft, die die grossten Orchester- 
werke brav ausfiihrtc; das iibliche Souper folgte, und als 
sie mich durch Mitsingen eines Terzetts aus Cosi fan tutte 
treuherzig gemacht, lockten sie mich an's Instrument, wo 
ich, dem alten gebrauchten Kasten nicht trauend, nur die 
Ouverture zu Figaro s'pielte. Ein Toast mit irlandisch 
hochfahrenden Lobeserhebungen und ein Speech meiner- 
seits waren die natilrlichen Folgen." 



■— n6 — 

13. Januar. „Erstes Concert in Dublin in der Rotunda. 
In der Probe marterte ich mich mit dem Orchester, be- 
sonders mit den Blasinstrumenten. Auch wurde ich der 
„Impressario in angustia", indem der Theaterdirector Mr. 
Abbot meinen Sangern Mr. Kean und Latham zu sing-en 
untersag-te. Erst am 4 Uhr nach der Probe suchte ich 
ihn durch ein Billet zur Raison zu bringen, was mir auch 
gelang. Abends 8 Uhr begann das. Concert. Es-dur-Con- 
cert und Alexander -Variationen wurden mit steigendem 
Beifall aufgenommen: Mrs. und Miss Aslie sangen. Meine- 
Phantasie kn zweiten Theil iiber irlandifche Themen 
wurde larmend applaudirt." 

In den folgenden Tagen bewunderte er in der Schloss-' 
kapelle die alte herrliche Holzschnitzerei und horte zu- 
gleich eine vortreffliche Predigt. Ferner wurde er in den 
Hibernian Catch-Club, eine seit 130 Jahren bestehende Ge- 
sellschaft, eingeftihrt. , .Diner mit Speeches, viele Glees und 
zum Schluss eine Improvisation von mir, worauf die Gesell- 
schaft mich einstimmig zu ibrem Ehrenmitgliede erwahlte." 

Weiter heisst es: „Ein Mr. Allan, Schwiegersohn 
von Logier, veranstaltete eine offentliche Production seiner 
Schiiler, worin auch Stiicke von mir herhalten mussten. 
Ja herhalten, denn das wird mir immer klarer: dieses 
Logier'sche System kann den Schiilern z-yvar das pracise 
Tacthalten einblauen, aber wo bleiben Verstandniss und 
Auffassung der Composition, wo die Poesie ihrer Wieder- 
gabe, wenn sie von acht Clavieren zugleich herunter- 
getrommelt werden? Im Ganzen finde ich die irlandische 
Nation musikalisch warmer, als die englische, obwohl mir 
der erste ihrer Componisten, Sir John Stevenson, kein 
besonderes Interesse abgewinnen kann." 

Publikum und Presse kamen Moscheles auch boi soi- 
nem zweiten Concert liebenswiirdig entgegen. „Meine 
eigene Stimmung (notirt Moscheles) war eine sehr geho- 
bene, da ich kurz vor Anfang des Concertes einen Brief 
von meiner Frau erhielt, aus welch em ihre helle Freude 
iiber die Ankunft ihres Vaters strahlte." 

Die Frau berichtet ihm getreulich den Inhalt der in 



— n; — , 

seiner Abwesenheit eingehenden Briefe; einmal schreibt 
sie: „Es handelt sich zwar um eine Geschaftssache , aber 
lachenmussichdoch, indcm ich dies niederschreibe. Denke 
Dir, der alte Nageli in Zurich, der Dich bittet, eine Sonate 
fur seine „Ehrenpforte" zu componiren, stellt Dir dabei die 
■dreifache Bedingung, keine repetirenden Noten, keine De- 
cimen und auch keine Affectworter als Bezeichnung hinein- 
zuschreiben. Dabei ertrankt er Dick in einer Fluth von 
Complimenten iiber Deine Begabung und fiber die Ehre, 
die seiner ,,Ehrenpforte" durch diese Sonate angethan 
wurde. Man sieht, der Mann ist nicht nur Verleger, son- 
dern auch einer von jenen Zeitungsschreibern, denen die 
grandiosen Lobeserhebungen tiber Dich gelaufig sind." 

Gegen Ende Januar fxihlte Moscheles sich so erschopft 
durch seifie Concerte und seine Privatproductionen in diesera 
oder jenem Hause, durch zudringliche Morgenbesuche dieses 
oder jenes Lehrers mit Schulerinnen, die ihn mit ihrem Gre- 
klimper langweilten, dass er die Einladungen zum Beef- 
steak-Club, sowie zu Diners und Soireen consequent ab- 
schlug, ernstliche Reisevorbereitungen machte und am 
29. Januar Morgens 6 Uhr abreiste. Wieder schlechtes 
Wetter, wieder zehnstundige Seekrankheit, Aufenthalt hier 
und Aufenthalt dort, endlich aber am i.Februar das Gliick, 
Weib und Kind und den lieben Schwiegervater zu um- 
armen. Nur die fortdauernde Schwache der Frau trubte 
die Freuden dieses Wiedersehens. Dem Schwiegervater 
suchte Moscheles nun auch seinerseits den Aufenthalt in 
London so angenehm als moglich zu machen. Zu beiden 
Parlamentehausern, fiir deren Debatten er sich sehr in- 
teressirte, erhielt er Zutritt; er bewunderte Kemble und 
die Pasta, unterhielt sich kostlich bei den pikanten Vaude- 
villes des Tottenharri-Street-Theaters, und besuchte fleissig 
die Concerte. Was aber die Hauptsache war, der gute 
Vater wurde Zeuge des hauslichen Gliicks seiner Kinder, 
der unermiidlichen Thatigkeit, die Moscheles entwickelte, 
und der ehrenvollen Stellung, die er einnahm. Der Schu- 
lerinnen gab es viele, bald so viele, dass er eine grosse 
Zahl abweisen musste. Dabei componirte er im Laufe 



■" !': ■ 



;-.j-^V.y-.! 



. — 118 — 

dieser Saison die Es-moll-, H-moll- und D-moll-Etudea 
(Op. 70), sowie seine Phantasie, „Erinnerungen an Irland'V 
und des Corrigirens von Probedrucken war kein Ende, da 
er auch oft die von Freunden in England veroffentlichten 
Compositionen durchsah. 

Die erwahnten „Erinnerungen an Irland" trug er in 
dem grossen Concert, das er am 7. April veranstaltete,. 
zum ersten Male oftentlich vor; sie wurden warm auf- 
genommen. Ueber dieses Concert berichtet das Tagebuch 
ferner: „Kiesewetter spielte schon wie immer, ohne dass. 
ich jedoch ein Wort mit ihm gewechselt hatte, da ich die- 
Art, in welcher er kurz vor dem Concert die Bezahlung 
von 10 Guineen fur diese Production verlangte, nur durch 
eine kurze Bejahung und das Abbrechen freundschaftlicher 
Beziehungen zu erwidern verstand. Der grosse* Zudrang 
zu dem Concert war die TJrsache, dass sogar die konig- 
liche Loge sich fullte, anstatt fur den Fiirsten Esterhazy 
als Patron des Concertes reservirt zu bleiben, ein Miss- 
griff, den ich Tages darauf durch einen Besuch beim 
Fiirsten wieder gut machen musste. Auch hochgestellte 
Personen der musikalischen Aristokratie mussten wegen 
Mangel an Platz den Saal verlassen." Man kannte damals 
noch nicht das bequeme Institut der Sperrsitze. 

Die Hauptursache jener Ueberfullung mag wohl die 
Mitwirkung Carl Maria von "Weber's gewesen sein, der 
eine eigene von Mme. Caradori gesungene Arie und die 
Ouverture zur Euryanthe dirigirte. Der grosse Mann war" 
seit wenigen Wochen in London, als dies Concert statt- 
fand; er wohnte bei dem Freunde Sir George Smart, und 
dort sah Moscheles ihn oft, wahrend er der neugierigen 
Menge, die ihn besuchen wollte, nicht zuganglich war. 
Seine leider sehr zerriittete Gesundheit bedurfte der Ruhe, 
der er aber wenig pilegen konnte. „Wie mag es ihn an- 
gegriffen haben, als er gestern zum ersten Mai vor dem 
englischen Publikum im Coventgarden-Theater erschien; 
der donnerride Applaus, mit dem er empfangen wurde r 
ergriff uns tief; um wieviel mehr ihn, den Gefeierten,. 
der Gegenstand dieses Enthusiasmus selbst! Weber dirigirte 



— IIQ — 



auf der Scene einen Auszug seines „Freischutz" , die 
Ouverture wurde jubelnd wiederholt; Braham, Miss Paton 
und Phillips sangen die Hauptstiicke der Oper mit Be- 
geisterung. Weber reichte wahrend des enthusiastischen 
Applauses den Sangefn die Hande, um seine Zufrieden- 
heit auszudriicken; am Ende der Vorstellung stand das 
ganze Parterre auf den Banken, Hiite und Schnupftiicher 
schwenkend und dem Meister entgegenjubelnd. Dicscn 
sah ich spater recht erschopft im Foyer des Theaters; er 
war schon zu krank, um diesen ungevvohnlichen Triumph, 
den er noch dazu in fremdem Lande feierte, voll zu ge- 
niessen, wie wir Landsleute es fur ihn thaten: ausser mir 
vor allem sein und unser Aller Dichter, Kind, der Floten- 
spieler Fiirstenau, der mit ihm gereist war, der gute alte 
Harfenmacher Stumpff, seit Jahren in London ansassig, 
und der oft genannten Schulz." 

Am 12. Marz horte Moscheles Weber in einer Gesell- 
schaft bei dem Sanger Braham improvisiren. „Er ver- 
webte einige Themen aus dem „Freischiitz" auf die in- 
teressanteste ,Weise, obwohl ohne besondere Kraftausse- 
rung. Diese erlaubte sein physischer Zustand leider nicht 
mehr, und doch eilte er noch um n Uhr in eine zweite 
grosse Soiree der Mrs. Coutts, weil sie ihm gut bezahlt 
ward. Als er Braham verlassen" hatte, wurde sein be- 
dauerlicher Zustand viel besprochen." 

Am 13. Marz ist Weber Tischgast im Hause Moscheles'. 
„Welche Freude! Doch auch da ward unser Mitleid aufs 
Innigste angeregt! Denn sprachlos trat er in unser Wohn- 
zimmer: die eine kleine Treppe, die dahinfuhrte, hatte 
ihm den Athem ganzlich benommen; er sank in einen der 
Thiir nahesteTienden Stuhl, erholte sich aber bald und 
war dann der liebenswiirdigste, geistreichste Gesellschafter. 
Abends fuhren wir mit ihm ins philharmonische Concert, 
das erste, welches er horte, und wo eine Haydn'sche und 
eine Beethoven'sche Symphonie befriedigend gegeben 
wurden." 

Das nachste Philharmonische Concert am 3. April 
dirigirte Weber selbst. Das Programm Iautete: 



— 120 — 

• Ouvertiiren zu „Euryantr±e" und „Freischiitz". 
Arie von Weber {componirt fiir Mme. Milder), gesungen von Mme. Caradori, 
Scene aus dem Freischiitz, gesungen Von Sapio. 

I, Stiick Cis-moll-Concert von Ries, 2.: Es-dur von Beethoven, J.: utigari- 
sches Rondo, von Pixis. (Dies Pasticcio spielte ein Deutscher — 
Schuncke — unter der Leitung des grossen deutschcr Meisters!) 

„Am 11. April wohnte icli der Generalprobe des „Oberon" 
im Coventgarden-Theater bei, die ganz wie eine Vor- 
stellung besucht war, auch koine Unterbrechung erlitt, 
und in der sich die Costume sowohl, als die herrliche 
Scenerie mit beweglichem Mond bei der Ocean-Arie, vor- 
trefflich ausnahmen. Diese Arie, die Weber in London 
fiir Miss Paton schrieb, machte grossartigen Effect, ebenso 
die fiir Braham (Hiion) componirte grosse Arie. Beiden 
Sangern war Gelegenheit gegeben, ihre machtigen Stim- 
men zu entfalten und gewisse schlagende Effecte hervor- 
zubringen, die das Parterre begeisterten. Weber muss an 
seinem Pult gefiihlt haben, dass ihm die englische Nation 
aus dieser Versammlung entgegenjauchzte und dass seine 
Schopfungen in ihr fortleben wiirden." 

Ueber die erste Vorstellung berichteten die Blatter 
nur Herrliches. Der arme Meister selbst, den Moscheles 
fast taglich besuchte, wurde aber inmitten dieser Triumphe 
schwacher und immer schwacher; dennoch fuhrte er sein 
bewegtes londoner Leben fort, und dirigirte in mehreren 
Concerten, in welchen auch Moscheles mitwirkte, seine 
Ouvertiiren zu „Freischutz", zu „Oberon" u. s. w. „Am 
j 8. Mai (sagt Moscheles) wirkten wir auf originelle Weise 
zu.Gunsten Braham's zusammen. Es war dessen jahrliche 
Einnahme im Coventgarden-Theater, und er, der popu- 
larste der englischen Sanger, wusste stets bei dieser Ge- 
legenheit seine dritte Galerie (wegen ihrer schwindelnden 
Hohe „Gottersitz" genannt) durch Matrosenlieder zu be- 
geistern, Heute nun war es wie immer bei ahnlichen 
Gelegenheiten. Auch die populare kokette Mme. Vestris 
fand ein williges Gehor vor diesen, das Haus beherrschen- 
den „G6ttern" in einer Operette „The Slave", und verschie- 
denen Ammenliedchen, wie „Goosie Goosie Gander, whither 
shall I wander? Upstairs downstairs in mylady's cham- 



— 121 — 

ber" u. s. w. So weit war Alles herrlich; nun aber hatte 
sich Braham verrechnet, indem er dieser Gesellschaft ein 
Concert guter Musik als zweiten Theil vorsetzen wollte, das 
er „Apollo's Festival" nannte, und das nach alien vorherge- 
gangenen Fadaisen mit der Ouvertiire zum „Beherr5chei- 
der Geister" begann. Ob Niemand bemerkte, dass" "Weber 
selbst dirigirte? Ich weiss es nicht, aber das Geschrei 
und Gepolter der Galerie, unter dern sie ungehort zu Ende 
gespielt wurde, emporte mich, und schon sehr aufgeregt 
setzte ich mich auf der Scene an mein Instrument und gab 
dem unter mir sitzenden Orchester das Zeicben zum An- 
fang meiner „Erinnerungen an Irland." Gleich wahrend 
der etwas ernsten Introduction begannen die rcihen Galerie- 
besucher ihr Unwesen, Pfeifen, Zischen, Applaudiren und 
Ausrufe wie: „Are you comfortable Jack", begleitet von 
Salven ausgesogener Apfelsinenschalen, — Alles sah und 
horte ich durcheinander im abwechselnden Crescendo und 
Decrescendo, und mir war, als waren alle Elemente im 
Streit, und ich miisste ihnen erliegen. Gottlob aber erlag 
ich nicht; denn ich fasste in dieser mir neuen, unerwarte- 
ten Lage den Entschluss, nicht plotzlich abzubrechen, 
sondern dem besseren Theil des Publicums zu zeigen, dass 
ich bereit ware, zu erfiillen, was ich versprochen. Ich 
buckte mich zum Vorgeiger herab und sagte: „Ich werde 
die Hande hin und herbewegen, als spielte ich; lassen Sie 
Ihr Orchester ungefahr dasselbe thun; nach einer Weile 
werde ich Ihnen ein Zeichen geben, dann horen wir zu- 
sammen auf." Gesagt, gethan. Als ich mich abtretend ver- 
beugte, iiberschiittete mich stiirmischer Applaus. Die 
Gotter jubilirten, mich los zu sein. Nun kam Miss Paton 
mit einer ernsten Concert- Arie dran, und hatte gleiches 
Schicksal. Sie horte dreimal auf, kam auf den Ruf der 
Besseren, die „silence" begehrten, immer wieder zuriick, 
urn zu singen, und trat endlich weinend mit den Worten 
ab: „I cannot sing". Auch dieser Demonstration folgte 
donnernder Applaus — und nun begannen neue Gassen- 
hauer und Matrosenlieder, und neue Zufriedenheit und Auf- 
merksamkeit der Galerien trat ein." 



— 122 

Der Vorfall ging eine Woche lang durch alle Zeitungen 
und Moscheles ward sogar viel Lob fur sein ruhiges Ver- 
halten gespendet, wahrend die arme Miss Paton um Hirer 
Thranen will en viel zu leiden hatte. 

„Der 26. Mai, der Tag des Weber'schen Concerts, 
bleibt mir ewig unvergesslich (schreibt die Fran); denn der 
Meister, dem Erloschen schon nahe, hatte grosse An- 
strengungen gemacht, um eine Auffiihrung in den Argyll- 
rooms zu veranstalten, und sein Concert ging dennoch. 
vor einem leeren Saal vor sich! Musikfreunde und die 
Presse suchten in ihrer Entrustung diese Vernachlassigung 
vom Publicum ab und auf aussere Umstande hinzulenken; . 
und da fanden sie , Begrez, der parfumirte Salonsanger 
habe an demselben Abend ein Pri vat- Concert bei der 
Herzogin von St. Albans gegeben, und die fashionable 
Welt absorbirt; Epsom races, dieses vielbesuchte Pferde- 
rennen sei gerade mit seinem Haupttag (the Derby) auf 
diesen 26. Mai gefallen, und den besuche unfehlbar die 
grosse Welt, wahrend der Mittelstand sich an die Opern 
des so popular gewordenen Meisters halte, und keine 
Schuld an dieser Vernachlassigung seines Unternehmens 
trage. Genug, Weber musste vor leeren Banken spielen! 
Er dirigirte die nie fehlende Ouvertiire zu „Oberon" und 
„Euryanthe", seine noch unbekannte Cantate „The festival of 
peace" und eine neue fur Miss Stephens componirte, und 
von ihr gesungene Ballade; Braham effectuirte in der 
Freischiitz-Arie, Fiirstenau blies zura ersten Mai Variationen 
iiber ein Thema aus Oberon, Kiese wetter spielte seine 
unvermeidlichen May seder -Variationen in E-dur, und 
Moscheles nahm als Grundlage seiner Improvisation ein 
Thema aus der Cantate, das einen Hervorruf gehabt 
hatte und das er mit Motiven aus dem „Freischiitz" ver- 
webte. Mme. Caradori und Braham sangen die Soli in 
der Cantate." 

Weber war durch diesen Abend so entsetzlich ange- 
griffen, dass er seine Einnahme im Theater, wo der Frei- 
schiitz unter seiner Direction zu seinem Benefiz gegeben 



— 123 — 

werden sollte, lieber einbiisste, und sich nur mit Reise- 
gedanken und Reisevorbereitungen beschaftigte. 

Trotz der Besorgniss urn Weber wollte die Frau doch 
auch diesmal Moscheles' Geburtstag nicht- yoriibergehen 
lassen, ohne ibn durch einen kleinen Scherz zu erheitern. 
„Diesmal (so scbreibt sie an. die Verwandten) , gab's ein 
Tableau, einzig in seiner Art; denn die Contraste war en 
schlagend. Dass ich als Engel mit fliegenden Haaren 
ihm einen Lorbeerkranz zuwarf, war abgedroschen, aber 
die beiden hiibschen Cramer's als Schwestern der Flora 
mit herr lichen Blumen, machten sich gut und die Prosa 
setzte all dieser Poesie die Krone auf, indem Anne Barlow 
im Costume einer Kochin eine dampfende Schiissel mit 
Kalbsfiissen brachte, zugleich aber auch eine Romanze, 
composed by a cook {natiirlich sie selbst), Wenn Ihr mich 
fiber diese dumme Zusammenstellung auslacht, so bedenkt 
nur, dass er in der beruhmten Ludlamshohle Tasto der 
Kalberfuss hiess, wegen seiner frevelhaften Neigung fur 
jenes scheussliche Gericht. Gut, dass wir keine anderen 
Zuschauer hatten als Adolf und Nurse, denen unser tableau 
sehr gut geiiel — von Moscheles gar nicht zu reden, der 
gebiihrend entziickt war." 

Leider ging es in diesen Tagen schlimmer mit Weber 
und am 4. Juni schreibt Moscheles in's Tagebuch: „Als 
ich Weber heute Sonntag besuchte, sprach er zwar zuver- 
sichtlich von seiner Abreise nach Deutschland; aber der 
entsetzliche Krampfhusten, der in kurzen Intervallen wie- 
derkehrte und eine ganzliche Entkraftung zuriickliess, 
spannte unsre Angst auf's Hochste, und als er miihsam 
hervorbrachte , er reise in zwei Tagen, ich moge ihm nur 
Briefe mitgeben, er hoffe mich morgen wiederzusehen, da 
wurde mir weh urn's Herz, obwohl ich selbst nicht ver- 
muthete, dass ich ihn zum letzten Male unter den Leben- 
digen erblickte. Ich verliess ihn mit seinen Freunden 
Kind und Fiirstenau und wechselte unten noch triibe, 
Worte mit seinem gastfreien Wirthe, Sir G, Smart, der 
mir bekiimmert mittheilte, dass Weber keinen Wachter 
dulden wolle, jede Nacht seine Zimmerthur verschliesse 



— 124 — 

und dass er nur heute den vereinigten Bitten der Freunde 
nachgegeben und versprochen habe, nicht zuzuschliessen, das 
Wachen der Freunde in seinem Zimmer jedoch ebenso 
bestimmt ablehne, wie den besoldeten Wachter." 

5. Juni: „Heute friih um 8 ward ich zu dem nicht fern 
wohnenden Sir G. Smart gerufen, und eilig gerufen. 
Fiirstenau hat Weber Abends zuvor um 11 Uhr zu Bette 
gebracht; als man friih in sein Zimmer wollte — auf das 
Versprechen des Nichtverschliessens rechnend, fand man 
beide Thiiren von innen verschlossen; um dies zu thun, 
muss also Weber in der Nacht aufgestanden sein. Da er 
kein Klopfen, kein Rufen beantwortete, so schickte Sir 
George zu uns Freunden, und in unserer Gegenwart wurde 
eine Thiir erbrochen. Es storte den Schlafer nicht, er 
schlief den ewigen Schlaf, den Kopf auf den linken Arm 
gestiitzt, sanft auf dem Kissen ruhend. . . . Es ware Ent- 
weihung, wollte ich meinen Schmerz durch meine Feder 
zu beschreiben suchen! Ich hielt ihn fiir den eigenthiim- 
lichsten Componisten, fur denjenig'en, welcher ein zwischen 
Mozart, Beethoven und Rossini schwankendes Publicum, 
zu unserer deutschen Musik zuriickfiihrte — ein„unsterb- 
liches Verdienst! Auf seinem Nachttischchen lag ein 
kleiner, von ihm geschriebener Zettel, diesen steckte ich 
zu mir, um ihn in meiner Brieftasche zu tragen. Ich half 
Sir G. Smart und Fiirstenau Weber's Papiere versiegeln, 
wozu der Erstere, im Geftihle seiner grossen Verantwort- 
lichkeit, mein eigenes Siegel holen Hess." 

6. Juni: „Heute Morgen, als der grosse Meister schon 
im bleiernen Sarge dalag, brachten wir, Alles offnend, 
seine hinterlassenen Effecten zu Papier. Da waren £ 1000, 
die er in London verdient haben muss, ausser den £ 1000, 
die er von den Verlegern Walsh und Hawes fiir den 
Clavierauszug des „Oberon" bekam. Wir fanden das Manu- 
script dieser Oper. Ein Lied, das er fiir einen Mr. Ward 
fiir £ 25 componirt hatte, lag mit unvollendeter Clavier- 
begleitung da. Sir George besturmte mich, sie zu ergan- 
zen, und ich that es spater. VondenSkizzendeSj.Oberon' 1 
durfte ich mir einige Blatter aneignen." 



■— . "5 — ■ ■ - 

Nun bildete sich ein Comity zur Beerdigungsfeier, be- 
stehend aus den Musikverlegern Chappell und d'Almaine, 
W. Collard vom Hause Clementi & Comp., Preston und 
Power, Sir G. Smart, seinem Bruder Mr. Smart, dem 
Componisten Sir John Stevenson, dem Organisten derPauls- 
kirche Mr. Attwood, dem Sanger Braham u. Moscheles. Es 
wurde darauf angetragen, Mozart's Requiem in der katho- 
lischen Kapelle Moor fields zu geben, und zwar gegen 
Eintrittsgeld, fur den Ertfag aber dem Todten ein Monu- 
ment zu setzen. Als man vom katholischen Bischof die 
Erlaubniss hierzu nicht erwirken konnte, weil er den in 
der Kapelle habilitirten Besuchern freien Eintritt gestatten 
Wollte, wendete man sich an die protestantische Geistlich- 
keit, um eine Auffiihrung des Requiem in der Paulskirche 
zu erzielen. Diese wollte die katholische Feier in ihrer 
protestantischen Kirche nicht dulden, und so wurde nach 
vielem unnutzen Hin- und Herreden und Schreiben der 
grosse Mann ohne Entree, also ohne Anwartschaft auf ein 
Monument durch dieses Mittel am 21. Juni in der katho- 
lischen Kapelle Moorfields beigesetzt. „"Wir Musiker Alle 
versammelten uns zur Beerdigung um neun Uhr friih im 
Hause von Sir G. Smart, von wo aus wir in Trauerkutschen 
die Leiche begleiteten. Nach dem iiblichen Gottesdienst 
ward Mozart's Requiem aufgefiihrt; dann tmgen zwolf 
Musiker, unter den en ich war, die Leiche in die Gruft, 
wahrend der Trauermarsch aus Handel's „Saul" gespielt 
wurde. Er klang in den Herzen Aller wieder, und kein 
Auge blieb trdeken!" 

Am iz. Juni liess die Philharmonische Gesellschaft den- 
selben Trauermarsch vor Anfang des Concerts spielen 
und dabei auf dem Programm bemerken: ^As a tribute to 
a departed genius". Am 17. d. M. gab man im Coventgarden- 
Theater den .,Oberon" zum Benefiz der Familie Weber, doch 
waren nur zwei Drittel des Hauses gefullt; wieder uner- 
klarlich! 

In diesen Tagen schreibt die Frau den Ihrigen: „Alles 
was mein Mann offentlich leistet, daruber posaunen Euch 
die Zeitungen genug vor, die schon so oft „wonderful, 



— ■ 126 — . , 

matchless, unrivalled" und was sonst geschrieben haben, 
so dass sie nun bald neue Worte fur ihn erfinden miissen. 
Welche Freundlichkeiten er aber im Stillen mit Hiilfe seiner 
Kunst ubt, das kann nur ich Euch erzahlen. Gestern z. B. 
sagte mir die gute alte Freundin Mme. G., mit Thranen 
in den Augen, sie habe seit ihrem Ungliick zum ersten 
Mai eine gliickliche Viertelstunde verlebt, als Moscheles 
ihr vorgespielt. Er ging eben deshalb mit mir hin und 
wir verbrachten den Abend mit der Familie ganz allem. 
So macht er es bei alien ahnlichen Gelegenheiten und doch 
ist jede freie Abendstunde ein Capital fur ihn." 

Moscheles wirkte im Laufe dieser Saison ausser in 
den schon erwahnten Concerten noch in neun andern zum 
Besten von Freunden und verschiedenen wohltlratigen 
Zwecken mit. Da er sich nicht viel Zeit zu Proben ab- 
miissigen konnte, so iznprovisirte er viel und wahlte dazu 
meistens das Thema irgend eines Stiickes, das an dem 
betreffenden Abend besonders gut gefallen hatte, doch 
musste er einige seiner Sachen, als das „Clair de lune", das 
Rondo in D-dur und zu wiederholten Malen die immer 
willkommenen „Recollections of Ireland" zu Gehor bringen. 

Unter seinen Schiilern zeichnete sich damals der noch 
jugendliche, aber schon recht Bedeutendes leistende Thal- 
berg aus. Es war Moscheles eine hohe Genugthuung, diesen 
unter seiner Leitung emporgekommenen jungen Kiinstler 
nicht nur im Publicum, sondern auch von solchen Mann em 
•wie Cramer und Clementi anerkannt zu sehen. 

Die Freude des alten Fiirsten Dietrichstein, der sich 
damals in London auf hielt. iiber die Erfolge deutscher Kunst 
und KLiinstler in England war grenzenlos; er blieb die ganze 
Saison dort. Die Frau schreibt; „Tout prince qu'il est, ge- 
fallt er sich doch in unserer einfachen Hauslichkeit, lasst sich's 
biirgerlich gut schmecken und verlebt gern frohe musika- 
lische Stunden bei uns, wenn „die Musikanten" allein sind 
und so recht nach Herzenslust loslegen. Ich muss mit 
ihm fur Deutschland einkaufen und wo er nur kann 
macht er uns Freude. Wir sollten auch mit nach 
Ascot races (zum Pferderennen); da aber Moscheles keine 



— 127 — 

Zeit hat, so dankte ich. Ohne ihn, auf einem race-course 
mit einem Prinzen, wenn auch einem alten — das ist mir 
zu hoch." 

Jede Soiree in grossstadtischem Style wurde im Hause 
Moscheles zu den hauslichen Storungen gerechnet, wegen 
der Vorbereitungen, die sie erforderte, und der Ermiidung, 
die sie Hnterliess; dennoch wurden sie durch die Ver- 
haltnisse in solche Soireen bei Rothschild's und Anderen 
hineingezogen. Auch wollten sie es dem Fiirsten Dietrich- 
stein nicht abschlagen, dem grossen Costiimball im Co- 
ven tgarden-Theater beizuwohnen, der an Pracht und 
Fiille vielleicht einzig in seiner Art war. Parterre, Par- 
ket und Proscenium bildeten einen einzigen grossartigen 
Saal, in dem es durcheinanderwogte; da gab es Costume 
aus aller Herren Landern, in reichster Eleganz, viele mit 
Edelsteinen besaet. In den Logen sassen die Zuschauer 
in Balltoilette, auf der Biihne war eine Hofloge, in der 
sich die konigliche Familie aufhielt und in den Nebensalen 
wurde lustig zu Tanzen im engeren ICreise aufgespielt. 
„Um einen Begriff von dem Zudrange zu diesem Balle 
zu geben, sei es notirt, dass wir den Saal um zwei Uhr 
verliessen, aber erst um vier Uhr den Wagen des Fursten 
erreichten." 

Diesem rauschenden und geschaftigen Leben, das auch 
im Juli noch fort ging, entfioh Moscheles erst Anfang 
August durch eine Reise nach Hamburg. Den 7. August 
bezeichnet Moscheles jubelnd als die „Ankunft in Ham- 
burg bei den Lieben mit Frau und Kind", und nun folgen 
sechs Wochen der Ruhe in schoner Landlichkeit im gliick- 
Hchsten Familienkreise. Unter den Hamburger Kunstlern 
war besonders Bernhard Romberg ein haufiger gem ge- 
sehener Gast. Mit ihm spielte Moscheles fleissig, auch 
componirte er damals in der landlichen Stille sein C-dur- 
Concert. 

Moscheles eilte weiter; er stand am Vorabend einer 
Kunstreise durch Deutschland und Oesterreich. Die Zeit 
verstrich nur zu schnell; der 17. September war der trau- 
rige Tag der Trennung. Die Frau, die er auf dieser 



— 128 — 

Reise durchaus nicht entbehren kann, muss sich ent- 
schliessen, das Kind bei ihrer Schwester zu lassen, wo es 
vortrefFlich aufg"ehoben ist. 

Das nachste Ziel ist Leipzig. Am 25. September spielte 
er in seinem Concert zum ersten Mai das erste Stuck des 
C-dur-Concerts, ebenso zum ersten Mai in Deutschland die 
„Erinnerungen an Irland"; dann das Rondo brillant in D- 
uhd die nie fehlende Improvisation. Das Publicum belohnte 
ih.11 durch grossen Beifall und bedeutende Einnahme. Nach- 
dem Concert trafen sie noch Grillparzer bei einem Souper 
des Banquier Seyfferth. Hofrath Wendt, der auch unter 
den Grasten war, machte ein sehr schmeichelhaftes Im- 
promptu auf das Zusammentreffen des Dicbters und 
Musikers. 

Am 26. September wurde im Theater zu Ehren und 
im Beisein des Dichters „Medea" gegeben. Nachdem 
Moscheles auch im Gewandhaus (27. Sept.) sein C-dur- 
Concert mit bestem Erfolg gespielt, reiste er nach Dresden 
ab, wo er am 30. September ankam. Dort traf er manchen 
guten Bekannten aus friiherer Zeit, unter Anderen "Wolf- 
ram, den alten wiener Freund und Musiker, der immer 
zwischen der Jurisprudenz und Kunst geschwankt hatte, 
inzwischen teplitzer Burger meister geworden war und 
.sich jetzt in Dresden aufhielt, um seine allerliebste Oper 
„Diebezauberte Rose" zum ersten Mai auffiihren zu lassen. 
Hiibsch ausgestattet und gut gegeben, machte Moscheles 
die, wenn auch leichte Musik, viel Freude. Einen genuss- 
reichen Abend verlebte er bei Tieck, der sein satirisches 
Spiel „Die verkehrte Welt" vorlas. 

Da Fiirstenau eben im Begriffe war, in Dresden ein 
grosses Concert vorzubereiten , und da Moscheles weder 
seine Unternehmung storcn, noch ihren Atisg-ang abwarten 
mochte, so gab er jedes offentliche Auftreten in Dresden 
auf und reiste am 5. October ab. In Prag, wohin er sich 
zunachst wandte, ward Moscheles die doppelte Freude 
seine Verwandten wiederzusehen und ihnen seine Frau 
zu bringen. Nach kurzem Aufenthalt eilten sie nach 
Wien, wohin Moscheles vom Director des Kartnerthor- 



^p^^.^-ifr ,;ft';L Vi^^-v i;S?'j^ ; '» *i^^";; ; : ^-v : -;i-* 

.'■■'■" — 129 — - 

Theaters eingeladen worden war, um dort zwei Con- 
certe zu hatber Einnahme zu geben. Diese fanden am 
21. und 25. October statt, und auch hier erfreuten sich das 
neue C-dur-Concert und die „Erinnerungen an Irland" der 
herzlichsten Aufnahme. 

In vielen grossen Hausern, wo Moscheles einst in 
seiner wiener Studienzeit em- und ausgegangen war, 
wurde nun auch seine Frau mit vieler Freundlichkeit auf- 
genommen. So wollte die alte Frau v. E . . ■ . sie in 
ihre.m kleinen Hofzirkel, den sie gewohnlich zwischen dem 
Mittagmahl und dem Theater hielt, nie missen. Man 
speiste namlich um drei Uhr, und von vier bis sechs Uhr 
empfing die alte Dame ihre Gesellschaft auf einem gelben 
Atlasdivan zuriickgelehnt, von seinen vielen weichen 
Polstern getragen; sie verstand es noch recht gut, den 
Teint durch kiinstliche Mittel zu heben, und mit alien 
Waffen der Toilettenkunst gegen die Spuren der zuneh- 
menden Altersschwache zu Felde zu ziehen. Abbe's, 
Dichter und Gelehrte, z. B. Carpani, der Freund und 
Biograph Haydn's, fanden sich in diesen Nachmittags- 
gesellschaften ein, Stadtgesprache und politische Neuig- 
• keiten- wurden von Beam ten und Staatsmannern zuge- 
tragen; dieDamen erschienen in Abendtoilette; gesprochen 
wurde franzosisch, und zwar ziemlich schlecht; und das 
Ganze trug den Stempel der Unnatur. Herr v. E. . . • ., 
der gerade schlichte Geschaftsmann, erschien nie in diesem 
Zirkel. Er hatte abonnirte Logen in alien Theatern, die 
Moscheles und seiner Frau offen standen. Mit Czerny, dem 
alten Abbe Stadler, Schindler, ,,1'arm de Beethoven" (wie 
er sich auf seiner pariser Visitenkarte zu nennen liebte), 
der Familie Blahetka, dem Kapellmeister Seyfried, May- 
seder, Merck, Schuppanzigh, Leidesdorf, den beiden Hor- 
nisten Lewy wurde viel musicirt, die Erinnerungeh der 
alten Freundschaft wurden erneuert, und die Presse be- 
handelte Moscheles wie einen zu kurzem Besuch heimge- 
kehrten und daher hochzuhaltenden Sohn. 

Die Hochzeit seiner Schwesler Nanny, die ihn Ende 
October nach Prag rief, hinderte ihn, den verlockenden 

Moscheles' Lebeji. q 



— 130 — , 

Anerbietungen zu langerem Bleiben in Wien Gehor zu 
geben. In Prag wurde der heitere Familientag wiirdig 
gefeiert. Am folgenden Abend gab Moscheles im Theater 
bei uberfulltem Hause ein Concert, und diesmal erfreuten 
sich Frau und Mutter zusammen in einer Loge des freund- 
lichen Empfanges und der wiederholten Hervorrufe, durch 
die Moscheles ausgezeichnet wurde; ebenso im zweiteri 
Concert, welches am 2. November im Theater stattfand. 
„Wie es mir in der Improvisation gluckte, die Melodie aus 
CherubinUs Wassertrager: 




mit dem bohmischen Volksliedchen : 




zu verkniipfen und in dieser Verbindung durchzufuhren, 
erregte Aufsehen, und brachte mir enthusiastischen Beifall." 
Am Morgen des 5. November mussten sie sich von 
den Lieben in Prag trennen und am 6. Abends sclion in 
einer Soiree in Dresden erscheinen, in der Moscheles mit 
den ersten Sangern der Stadt wie Sassaroli, der Palazzesi 
und Anderen urn' die Wette musicirt, 

„Am 9. November Concerttag. Ich wurde noch vor 
dem Anfang des Concerts um vier Uhr zur Prinzess 
Louise gerufen, von der ich eine schone Nadel bekam, 
einen Saphir in einen Lorbeerkranz von kleinen Brillanten 
eingefasst. Die Prinzessin iiberreichte sie mir mit sehr 
liebenswiirdigen Worten; dann bat sie mich noch, ihrem 
Gemahl, dem Prinzen Max, vorzuspielen, und als dies fast 
eine Stunde gedauert hatte, musste ich noch das alte 
I Steckenpferd, die Alexander- Variationen vorreiten. End- 
L lich (gegen sechs Uhr) eilte ich in das Concert, das mir 
gut gelang". 

10. November. „Die ungliickliche Frau v. Weber be- 
sucht und viel iiber ihren unersetzlichen Verlust, auch tiber 
so manche damit verkniipfte unangenehme Angelegenheiten 



— t3i — . 

gesprochen und ihr nach meiner Riickkehr nach London 
■den thatigsten Beistand zugesagt". 

Am folgenden Tage ging's nach Berlin, und, dort an- 
gekommen, natiirlich gleich zu Mendelssohn's. 

12. November: ,,Geburtstag von Fanny, mit Musik und 
Tanz gefeiert. Wir tanzten mit, ich loste auch den jungen 
Componisten Dorn ab, indem ich zum Tanz spielte. Da- 
zwischen ernste musikalische Unterhaltung mit A. B. Marx." 

Trotz aller freundschaftlichen Beziehungen zu den 
Kiinstlerkreisen brachte er die Tage vom 12.— 19. November 
muhevoJl, ja qualvoll unter Anstalten zu seinem Concert zu. 
Zwar gab es taglich einige angenehme Stunden in den Hauser n 
Mendelssohn, Beer, Bendemann und anderen, doch musste 
■er meistens unmittelbar nach Tische forteilen, urn Sanger 
einzuladen und sonstige Geschaftsangelegenheiten zu be- 
treiben, bis es ihm endlich durch die Vermittelung seines 
Freundes Blume gelang, einige Sanger zu erobern. Blume 
selbst durfte eben so wenig roitwirken, als die Sonntag, 
die, stets gefallig, es fur ihr Leben gem gethan hatte. 
Sie war am Konigstadter Theater engagirt; Moscheles aber 
wollte im Koniglichen Schauspielhause Concert geben und 
musste daher auf ihre Mitwirkung verzichten. Am 20. No- 
vember notirt er: „Heute ist unser lieber kleiner Adolf 
-ein Jahr alt geworden und "vvir haben ihn nicht hier, das 
thut \veh; aber wir muss en uns durch die grosste Thatig- 
keit zerstreuen; meine Frau hat tausend Concertbillette zu 
zeichnen und zu numeriren, und ich habe Probe fiir mor- 
gen im Koniglichen Schauspielhause." 

,,21. November Concerttag. Viel auf dem Instru- 
ment von Erard geubt, welches seine Schwester, Mme. 
Spontini, mir mit der dringenden Bitte zuschickte, in mei- 
nem Concerte darauf zu spielen, Ich hatte mit seinem 
Anschlagzu kampfen. Frl. Sonntag, die mir nicht positiv ■ 
helfen durfte, that es negativ, indem sie sich heiser mel- 
dete, statt im „Sargin" zu singen; sie ging mit meiner 
Frau in's Concert, wo beide sich in den Hintergrund einer 
Loge zuriickzogen. Als ich der gefeierten Sangerin 
dankte, sagte sie mit dem ihr eigenen lieblichen Lacheln: 

9* 



• — i3 2 — 

„„Aber lieber Moscheles, sollte denn eine alte wiener 
Freundin nicht die Kabalen eines Theater-Directors ver- 
eiteln helfen? s'Jettl is immer noch's Jettl/'" Trotz ihrer 
Liebenswiirdigkeit war derSaal, wahrscheinlich der spaten 
Ankiindigung und anderer ungiinstiger Umstande halber,. 
nur zu zwei Dritteln voll; aber der Hof war zugegen und 
Alles ging vortrefflich unter Moser's Leitung." 

Durch und mit Felix Mendelssohn und seiner Familie- 
gab es wieder die genussreichsten Stunden. „Wie gross 
war meine Freude, als er mir mit seiner Sch wester Fanner 
seine ncue Ouvertiire zum Sommernachtstraum zu vier 
Handen vorspielte! Und wie gediegen fand ich seine- 
Sonate in E-dur! Er spielte mir auch seine grosse Ouver- 
tiire in C mit dem Haupt-Thema fur Trompeten und ein 
kleines Caprice vor, das er .A^surdite" nannte, Dieser 
grosse noch so jugendliche Genius hat wieder Riesen- 
schritte gemacht, die aber, o Wunder, ausser von semen 
Lehrern Zelter und Louis Berger und einigen Auserwahl- 
ten, noch wenig anerkannt werden. Auch dieser Prophet 
muss erst durch das Ausland seinen Ruhm griinden. . . .. 
Mich freut es, dass er und Marx und noch einige Lieb- 
haber viel Interesse an meinen Etiiden zeigen, indem sie- 
wiederholt zu mir kommen, sie sich vorspielen zu lassen;. 
Marx erklart sich sogar bereit, die C-moll-Etude, „Der 
Kampf der Damonen" betitelt, die er alien anderen vor- 
zieht, zu instrumentiren." Diese C-moll-Etude entstand. 
auf eigene Weise. Moscheles hatte fiir seine Frau sein 
„Rondo expressif" in ihrer Lieblingstonart As-dur compo- 
nirt, und sie iibte es mit grossem Eif er , konnte aber den. 
letzten rollenden Lauf nie ganz zu ihrer eigenen Zufrieden- 
heit herausbringen und klagte ihm dies. „Gut", sagte er,. 
„AHe, denen es so geht wie Dir, sollen eine ganze Etude 
solcher Laufe zu iiben bekommen, dann. werden sie's schon 
lernen." 

Ritter Spontini war freundlich gegen Moscheles;: 
dieser gehorte nicht zu den Rivalen, Feinden und Neidern,. 
iiber die er bestandig klagte; er zog ihn auch mit Fragert 
in's Vertrauen, zu welchen Preisen er wohl seine Opern 



■ — 133' — 

in England verkaufen , durch welche Mittel er sie dort 
.zur Aufiuhrung bringen konne. 

Im Konigstadter Theater „ergotzte" sie die liebliche 
hinreissende Sontag im „Sargin", in der „weissen Dame" 
und in der „Italienerin in Algier". Blum zeigte Moscheles 
■seine neue Oper „Der Bramine" im Manuskripte. Moser 
studirte eben die neunte Symphonie von Beethoven ein, 
und Moscheles konnte nur mit steigendem Interesse den 
Proben und der Auffiihrung beiwohnen, .und das Rtesen- 
werk immer mehr anstaunen. Das Tagebuch berichtet 
.aus dieser Zeit auch iiber einen kleinen AustauscH von 
Scherzen, den Saphir hervorrief, indem er ihm erne In- 
strumenten-Figur mit sehr witziger Erklarung fur sein 
Album brachte, wahrend Moscheles ihm als Erwiderung 
■Qber das Motto seines Blattes „Die Schnellpost" einen vier- 
stimmigen Canon schrieb: „Nur frisch, holpert es gleich, 
iiber Stock und Stein, rasch in's Leben hinein." 

Am 28. November iindet ein zweites Concert im grossen 
■Opernhause statt, das iiberfullt war. Der ganze Hof 
wohnte ihm bei. Moscheles spielte unter Anderen das 
•dem Konig dedicirte Es-dur-Concert. 

Noch an demselben Abend wurde die Ruckreise nach 
Hamburg angetreten, wo sie am i.^ December ein froh- 
liches Wiedersehen feierten, und Alles, auch den Knaben, 
im besten Wohlsein antrafen, Der letzte Monat des 
Jahres, wahrend dessen Moscheles nur einige Mai offent- 
lich auftrat, verlief ruhig und in lustigem Beisammensein. 

Von wichtigeren Compositionen beendete Moscheles 
in diesem Jahre das zweite Heft der vierundzwanzig Etuden 
■{op. 70) und die .Anticipations of Scotland" (Fantasie iiber 
:schottische Motive). 



1827. 

Das Jahr 1827 begann mit einigen Concerten in Han- 
nover und Gottingen. Den Aufenthalt in letzterer Stadt 
benutzt Moscheles, urn die Universitat kennen zu lernen. 
Mit besonderem Interesse hort er einige Vorlesungen des 



— 134 — 

Staatsrechtslehrers Sartorius. Sowohl seitens der Ein- 
wohner als der Studentenschaft hatte 'er sich einer herz- 
lichen Aufnahme zu erfreuen. 

Am 7. Januar meldet das Tagebuch die gliickliche 
Ankunft in Cassel. „Das Wiedersehen mit Spohr erfreut 
mich gar sehr, das Bewttsstsein, einen so grossen Mann 
zu verstehen, das gegenseitige Interesse an den Leistungen,. 
das Alles thut wohl. Sein Garten ist selbst ira Winter 
reizend." Wie sehr Spohr sich Moscheles in diesen Tagen 
widmete, geht aus dem Tagebuch hervor. Am 8. Januar 
hilft er ihm Concertanstalten machen; am 9. Januar heisst 
es: „Heute war bei Spohr ein ausgewahlter Cirkel von 
Musikern und Musikfreunden , unter ihnen Hauptmann, 
Gerke und Frau v. Malsburg. Spohr spielte mit bekann- 
ter Trefflichkeit seine zwei neuesten Quartette in D-moll und 
B-dur, ich das erste Stuck meines C-dur-Concertes und 
das erste Heft meiner Etuden, die besonderes Interesse zu 
erregen schienen." „Am 10. Januar mit Spohr auf die 
Wilhelmshohe und bei ihm gespeist. Am 11. Januar fruh 
mit ihm in die Probe meines Concertes im Stadtbausaale. 
Dort empfing er zu Aller Erstaunen ein Rescript des- 
Kurfursten, das mein Concert von diesem Saal in's Theater 
verlegte, mit dem Bedeuten, der Kurfiirstliche Hof werde 
es besuchen." Ein Brief der Frau erganzt diese Notiz: 
j,Der Kurfiirst beliebt sonst kein Concert im Saale zu be- 
suchen, weil es dort keine Loge giebt, verweigert gewohn- 
lich das Theater zu Concerten {wie z. B. selbst Hummel 
gegeniiber) und hat, wie man hier sagt, noch keins im 
Theater besucht, beehrt also meinen Mann so sehr, wie 
ein Kurfiirst von Hessen ihn nur beehren kann." Ueber- 
das Concert selbst sagt das Tagebuch: „Ich wurde unter 
Spohr's Leitung h err lich accompagnirt, sodass ich mit 
Liebe mein G-moll-Concert und Clair de lune spielte, auch 
recht begeistert iiber das Frauenduett aus ,Jessonda" und 
den „Vogelfanger" phantasirte. Die Ouverture zum „Berg- 
geist" und „Lodoiska" wurden vortrefilich gespielt. Wild 
und die Heinefetter sangen sehr schon." 

Neben alledem finden sich noch ein paar ruhige 



— J 35 — ■:. 

Stunden im Hotel. „Der Junge ist gottlbb gesund und 
schlaft", schreibt Moscheles, „wir machen die Titel zu den 
Etuden, ich schreibe die Bemerkungen- zu jeder einzemen, 
um dem Schiiler das richtige Verstandniss ihres Zweckes 
zu geben, meine Frau iibersetzt sie sogleich in's Franzdsische 
undEnglische; denn sowie Probst sie fur Deutschland ver- 
legt, so Schlesinger fur Frankreich. In England habe.ich 
mir von Cramer Beale & Co. statt des Honorars ein VierteL 
Antheil von jedem Exemplar ausbedungen." 

Der nachste Haltepunkt ist Elberfeld. Dort ange- 
kommen,«chickte Moscheles sogleich „zu dem musikalischen 
.Schornstein (dem dortigen Musikdirector), um ihm sagen 
zu lassen, dass er nur durchreise; der aber rauchte von 
einer Subscriptionsuste, die schon fiir iibermorgen circulire, 
und die Erwartungen der musikalischen Welt rege ge- 
macht habe, und wollte keine Absage annehmen." „End- 
lich", schreibt Moscheles den Verwandten, „sah ich, dass 
es eine Ehrensache sei und willigte ein,- Concert zu geben. 
Der Zettel wird oder sollte doch lauten: Symphonie von 
Beethoven, so gut als moglichvon einer Musiker-Versamm- 
lung vorgetragen, die sich Orchester nennt; Es-dur-Concert, 
gespielt mit moglichster Vorsicht, damit das Orchester nicht 
zuriickbleibe; Alexander- Variationen ; Arie, gesungen von 
einer Sangerin, wenn es hier eine gabe; Vocal-Manner- ' 
Quartett, das Solo reprasentirend; zutn Schluss freie Phan- 
tasie, nach der mir erlaubt sein wird, frei ohne Hinderniss 
abzureisen. Die Kosten werden voni Gewinn abgezogen 
und der Reinertrag zur Deckung der Postpferde bestimmt. 
Verzeiht die Thorheiten, sie zeigen Euch, dass wir mit 
dem Jungen gesund und vergniigt sind." 

Aus Aachen, ihrer nachsten Station, schreibt die Frau : 
„Gerade am Concerttage in Elberfeld stand die halbe Stadt 
unter Wasser, ganz wie bei imseren Hamburger Sturm- 
fluthen, sodass nur die Halfte des Orchesters zur Probe 
kam, was etwa ein Stuck von einem halben Apfel re- 
prasentirt. Das Publikum kam aber Abends zur Auffuhrung 
in Kutschen angeschwommen und uberfiillte den Saal. 
Hier in Aachen sind die alten Freunde so sehr um uns 



bemiiht, class dies nur ein eiliges ' Wischiwaschi wird, was 

Ihr entschuldigen miisst." „Ich will auch ein bischen 

; -;■ Wiscjiiwaschi liefern", fiigt Moscheles hinzu, „und meine 

' : Freude ausdriicken,. dass diese Reise, wenn sie auch keine 

besonderen pecuniaren Vortheile bringt, dock dem Schwung- 

rade meiner Kunstlerlaufbahn neuen Antrieb geben wird. 

Hier, wo man mich doch sckon so oft gehort, erregt die 

- erwartungs voile Spannung des Publikums, die sich deut- 

lich in der Subscriptionsliste ausspricht, wahre Begeiste- 

rung in mir, und ich opfere ihr gern die in London ver- 

sauroten Lectionen. Dass wir aber nun zunach%t aus un- 

serem Heben Hauschen in London schreiben werden, hat 

grossen Reiz fur mich!' r Von Briissel aus wird iiber die 

'. enthusiastische Aufnahme und den glucklichen Erfolg des 

, ' Concertes in Aachen berichtet, iiber "Briissel und die an- 

grenzenden Stadte aber eilen sie trotz vieler Aufforderun- 

gen zu Concerten hinweg, und am 26. Januar erreichen sie 

London. 

Schon im Februar muss er wieder in Bath spielen 
und lasst sich diesmal zu Erard's nicht geringer Befriedi- 
gung eines seiner Instruments dorthin schicken. Doch 
auch ihm macht es Freude, sich.auf diesem herrlichen 
Fltigel zu ergehen. 

Moscheles schrieb in diesem Friihjahr seine fiinfzig 
Praludien fiir Clavier (op. 73) , „Les charmes de Londres" 
(op. 74), und ein zweites Rondo, das im „Album des 
Pianistes" erschien. Ausserdem wurde er von gut zah- 
lenden Verlegern zu einer Menge von kleinen Mode- 
sachen veranlasst, die, schnell entstanden, fiir ihn selbst 
so geringen Werth hatten, dass sie keine Opus-Nummer 
- bekamen. Diese leichten Sachelchen gebrauchte er oft 
und immer mit Erfolg bei seincn Schiilerinnen, die sich 
auch in diesem Jahre wieder in grosser Masse einfanden. 
„Sie furchten sich vor jedem ernsten Studium; ich hore, 
■sogar dann und wann von den Miittern: „Will you give 
her something with a pretty tune in it, brilliant and not too 
difficult." („Wollen Sie ihr etwas geben, das eine gefallige 
Melodie hat, brillant und nicht zu schwer.") Um diesem 



— i37 — 

Wunsche nachzukommen, suche ich alle Vollgriffigkeit und 
ungewohnliche Modulation zu vermeiden, kannaber eben 
deshalb diese Sachen nicht als legitime Geschwister anderer 
Geisteskinder betrachten." 

Kein Wunder, dass man bei dieser Hinneigung zu 
leichten, in's Ohr fallenden Rhythmen eine aus dem Ziller- 
thal nach London gepilgerte Sangerfamilie als angehehme 
Novitat begriisste. ' Es waren die Rainer's, drei Briider 
und eine Schwester. "Wie fast alle vom Continent kom- 
menden Musiker, waren sie an Moscheles empfohlen. Er 
richtete ihnen einige tagliche Productionsstunden in der 
Egyptian Hall cin, avo sic ihre wunderhiibschen Tiroler- 
liedchen sangen und der eine Bruder mit der Schwester 
sich auch in einem phlegmatischen Landler schwang. Ihr 
treuberziges Wesen, ihr reiner Gesang, ihre charakteristi- 
schen Lieder, ihre echte Tiroler Tracht, Alles gehel und 
lockte mehr und mehr Zuhorer herbei, sodass sie trotz 
ernes geringen Einlasspreises gute Geschafte machten. 
Hierbei aber blieb die Sache nicht stehen; diese Tiroler 
wurden Mode. In den glanzendsten Soireen der vornehm- 
sten Damen mussten sie die grossten Opernsanger mit 
ihren Volksmelodien ablosen. Konig Georg IV. horte sie 
so gern, dass er sie mit neuen Exemplaren ihrer National- 
tracht begabte, worauf sie mit Recht stolz waren. Bei 
Moscheles gingen sie ein und aus, holten sich Rath oder 
erzahlten von ihren Erfolgen. Ihm leisteten diese Rainer's 
ganz unerwartet einen grossen Dienst. Sein jahrliches, 
wochenlang vorbereitetes Concert litt an entschiedenem 
Sanger-Malheur. Die eine Sangerin wurde heiser, die 
andere durch einen Unfall am Singen verhindert, und das 
Alles erst in dem Augenblick, wo das Concert beginnen 
sollte. Nun batte er zwar noch Mrae, Caradori, auch Frau 
Stockhauseu, deren reizende Stimme und Heblicher Vor- 
trag schon dafnals Aufsehen zu'erregen begann; er hatte 
auch ein beliebtes Buffo -Duett zwischen Galli und de 
Begnis; de Beriot spielte ein Yiolinsolo, und er selbst, 
ausser seinen Solosachen, noch sein „Hommage a Handel" 
mit Cramer; der concertbesuchende Englander lasst sich 



- "i 3 8 — 

aber nicht ohne. Murren zwei Gesangsnummern abziehen, 
und Solisten waren in dieser elften Stunde nicht auf- 
zutreiben. „Da fiel mir ein, dass die Rainer's in der 
nachstenNahe meines Concertsaales eine 'fashionable Soiree 
hatten; ich eilte zu ihnen: „Rainer's, wollt Ihr zwischen 
Euren Stiicken bei Lady ** zwei Mai fur mich singen? 
Ich bin in Verlegenheit." ,„Ja gewiss"", erto'nte es im Quar- 
tett, „„fiir Dich thun wir Alles"", und so kamen sie und 
sangen, und meine Liicken waren gut ausgefuUt." 

Von den Londoner Musikverlegern geplagt, musste 
sich Moscheles entschliessen, einige Stiickchen iiber die 
Lieder dieser behebten Gaste zu schreiben. Da er aber 
doch nur fur ein en schreiben konnte, so ward der so Be- 
vorzugte von einem anderen Zuriickgesetzten angegriffen; 
die beiden Herren processirten um die arrangirten Lied- 
chen; aber Moscheles' 1 Verleger gewann; es war ihm nichts 
anzuhaben. 

In dieser Saison fand sich auch der junge Liszt in 
London ein. Er spielte wiederholt mit seiner allbekannten 
Virtuositat, die schon damals sehr entwickelt war, konnte 
aber dennoch den kleinen Saal, in dem er am 9. Juni 
Concert gab, nicht fiilleh. Von seinem dort gespielten 
Concert in A-moll bemerkt das Tagebuch, dass es „cha- 
otische Schonheiten enthalt"; von seinem Spiel, dass es 
„alles friiher Gehorte an Kraft und Ueberwindung von 
Schwierigkeiten iiber treffe." 

Die Anzahl der Concerte war ebenso bedeutend wie 
in friiheren Jahren, und Moscheles spielte manchmal in 
zweien an einem Abend. Der Harfenspieler Labarre, der 
Cellist Poignie und der Flotenspieler Sedlatzek, so wie de 
Beriot waren neue Erscheinungen am musikalischen Ho- 
rizont. 

Mitten in dieses gesunde heitere Leben fiel wie ein 
Donnerschlag dieNachricht von derKrankheit des grossen 
Heros Beethoven! Die erste Notiz im Tagebuch finden 
wir in folgenden Worten: „Heute zum Tode erschreckt 
durch Stumpff! Beethoven ist gefahrlich krank, wollte er 
mir mittheilen; er hat einen Brief, der es meldet. Welch 



— 139 — 

entsetzliches Ungliick fur die musikalische Welt. Und welche 
Schmach, auch von Nahrungssorgen ist darin die Rede; es 
ist undenkbar." 

In diese Zeit, vielleicht in das Ende des vorhergehen- 
deri Jahres, scheint folgender Brief Beethoven's ohne Da- 
tum zu.gehoren. 

Mein werther Herr! 

Rode hatte wohl in allem Rccht, was er von mir 
sagte. — Meine Gesundheit ist nicht die beste — undun- 
verschuldet ist eben meine sonstige Lage wohl die un- 
giinstigste meines Lebens — iibrigens wird mich das und 
nichts in der Welt nicht abhalten, Ihren ebenso unschul- 
dig leidenden Convent-Frauen so viel als moglich durch 
rhein geringes Werk zu helfen. — ■ 

Daher stehen Ihnen zwei ganz neue Sinfonien zu Dien- 
sten, eine Arie fur Bassstimme mit Chor, mehrere einzelne 
Heine Chore, brauchen Sie die Ouverture von „Ungarns 
Wohlthater", die Sie schon voriges Jahr aufgefiihrt, so 
stehet sie Ihnen ohnedem zu Diensten. 

Die Ouverture von den „Ruinen von Athen", diese 
obschon in einem etwas kleinen Styl, steht Ihnen auch zu 
Diensten. — Unter den Choren befindet sich ein Derwisch- 
Chor, ftir ein gemischtes Publikum ein gutes Aushange- 
schild. — Meines Erachtens wiirden Sie aber wohl am 
besten thun, einen Tag zu wahlen, wo Sie das Oratorium 
„Christus am Oelberge" geben konnten. Es ist seit- 
dem an alien Orten aufgefiihrt worden. Dieses machte 
dann die eine Halfte der Akademie, zur zweiten Halfte 
machten Sie eine neue Sinfonie, die Ouverturen und ver- 
schiederien Chore wie auch die obgesagte Bassarie mit 
Chor — so ware der Abend nicht ohne Mannigfaltigkeit, 
doch reden Sie dieses am besten mit den dortigen mu- 
sikalischen Rathsherren ab. — Was Sie von einer Be- 
lohnung eines Dritten fiir mich sagen, so glaube ich diesen 
wohl errathen zu konnen; ware ich in meiner sonstigen 
Lage, nun ich wiirde geradezu sagen: „ Beethoven nimmt 
nie etwas, wo es fiir das Beste der Menschheit gilt", doch 



— 140 = — 

jetzt ebenfalls durch meine grosse Wohlthatigkeit in einen 
Zustand versetzt, der mich zwar eben durch seine Ursache 
nicht beschamen kann, wie auch andere Umstande, welche 
daran schuld sind, von Menschen ohne Ehre, ohne Wort 
herkommen, so sage ich Ihnen gerade, ich wurde von 
einem reichen Dritten so etwas nicht ausschlagen. — 
Von Forderungen ist eben liier die Rede nicht, sollte auch 
das alles mi.t einem Dritten nichts seyn, so seyn Sie 
iiberzeugt, dass ich auch jetzt ohne die mindeste Belohnung 
ebenso willfahrig bin, meinen Freundinnen, den Ehrwiirdi- 
gen Frauen, etwas gutes erzeigen zu konnen, als voriges 
jahr, und als ich es allzeit sein werde fiir die leidende 
Menschheit uberhaupt, so lange ich athme. — 

Und nun leben Sie wohl, schreiben Sie bald und mit 
dem gxossten Eifer werde ich alles nothige besorgen — 
meine besten Wunsche fiir den Convent. — Mit Hoch- 
achtung 

Ihr Fseund 
Ludwig van Beethoven. 
An Seine Hochgebohren 
Herrn Joseph von Warena 
in 
Gratz. 

Gleich in der ersten Aufregung schrieb Moscheles an 
seinen vaterlichen Freund,, Herrn Lewinger in Wien, urn 
sich genau nach Beethoven und seinen Verhaltnissen zu 
erkundigen; aber noch ehe diese ersehnte Antwort eintraf 
— die Postverbindungen waren damals langsam und im 
Winter besonders unsicher — , lief bei Moscheles schon 
folgender Brief von Beethoven ein, der keinen Zweifel 
iiber das Ungluck des grossen Mannes iibrig liess: 

Wien, 22. Februar 1827. 
Mein lieber Moscheles! 
Ich bin iiberzeugt, dass Sie es nicht iibel nehmen, 
dass ich Sie ebenfalls wie Sir Smart, an den hier ein Brief 
beiliegt, mit einer Bitte belastige. Die Sache ist in Jvurze 



— Hi — ' 

diese.. Schon yor einigen Jahren hat mir die Philharmo- 
nische Gesellschaft in London die schone Offerte gemacht, 
zu meinem Besten eine Akademie zu veranstalten. Da- 
mals war ich gottlob nicht in der Lage, von diesem edlen 
Antrage Gebrauch machen zu rmissen. Ganz anders ist 
es aber jetzt, wo- ich schon bald drei Monate an, einer 
ausserst langwierigen Krankheit darniederliege. Es ist die 
Wassersucht. Schindler wird Ihnen hier beiliegend mehr 
davon sagen. Sie kennen seit lange mein Leben, wissen 
auch, wie und wo icli lebe. An's Schreiben ist jetzt lange 
nicht zu denken, und so konnte ich leider in die Lage 
versetzt werden, Mangel leidert zu miissen. Sie haben 
nicht nur ausgebreitete Bekanntschaften in London, sondern 
auch bedeutenden Einfluss bei der Philharmonischen Ge- 
sellschaft. Ich bitte Sie daher, -diesen so viel, als es Ihnen 
moglich, anzuwenden, dass die Philharmonische Gesellschaft 
jetzt von Neuem diesen edlen Entschluss fassen und bald 
in Ausfiihrung bringen moge. Des Inhalts ist auch der 
beiliegende Brief an Sir Smart, sowie ich einen -bereits an 
Herrn Stumpff abschickte. Ich bitte Sie, den Brief an Sir 
Smart einzuhandigen und sich zur Beforderung dieses 
Zweckes mit ihm und alien meinen Freunden in London 
zu vereinigen. Selbst das Dictiren wird mir sehwer, so 
schwach bin ich. Empfehlen Sie mich Ihrer liebenswiirdigen 
Frau Gemahlin und seien Sie uberzeugt, dass ich stets sein 
werde Ihr Freund 

Beethoven. 
Antworten Sie mir auch bald, damit ich hore, ob ich 
was zu hoffen habe. 

Diesem Schreiben war folgende herzzerreissende Ein- 
lag - e von Schindler, seinem Freund und Pfleger, beigefiigt: 

Wien, 22. Februar 1827. 
Theuerster Freund! 
Bei Durchlesung des Briefes unseres ungliicklichen 
Beethoven werden Sie sehen, dass ich mir darin auch vor- 
behalten habe, einige Zeilen an Sie zu richten. Wohl ' 



— 142 — 

batte ich Ihnen sehr viel zu sagen, allein ich will nur bei 
Beethoven verweilen, weil das wohl fur jetzt der wichtigste 
Gegenstand ist, der mir am Herzen liegt. In seinem Briefe 
an Sie werden Sie seine Bitte und seinen sehnlichsten 
Wunsch ausgesprochen linden, desselben Inhalts ist auch 
jener an Sir Smart, sowie ein friiherer, auch von meiner 
Hand geschriebener, an den Herrn Harfenmacher Stumpff. 

Schon bei Ihrem letzten Hiersein sehilderte ich Ihnen 
Beethoven's finanzielle Zus'tande und ahnte nicht, dass der 
Zeitpunkt so nahe sei, wo wir diesen wiirdigen Mann auf 
eine so jammerliche Art seinem letzten Ende wurden ent- 
gegen gehen sehen. Ja, wohl kann man sagen „seinem 
letzten Ende"; denn wie die Sache mit seiner Krankheit 
gegenwartig steht, so ist an eine Genesung gar nicht zu 
denken, obwohl er dies gar nicht wissen darf, aber es 
selbst schon ahndet. 

Erst am 3. December kam er mit seinem nichts- 
wiirdigen Neffen vom Lande an. Auf der Hierherreise 
musste er des schlechten Wetters halber in einem elenden 
Wirthshause iibernachten, wo er sich dermassen eine Er- 
kaltung zuzog, dass er augenblicklich eine Lungenentziin- 
dung bekam und in diesem Zustande hier ankam. Kaum 
war dieselbe beseitigt, so zeigten sich auch schon alle 
Spuren der Wassersucht, die so heftig iiberhand nahm, 
dass er schon am 18. December das erste mal musste 
operirt werden, sonst ware er geborsten. Am 8. Januar 
folgte die zweite Operation und am 20. Januar die dritte. 
Nach der zweiten und dritten Hess man das Wasser jedes- 
mal durch elf Tage aus der Wunde fliessen; allein kaum 
war die Wunde geheilt, sp war der Andrang des Wassers 
ungeheuer schnell, sodass ich ofters fiirchtete, er musste, 
noch ehe es zur Operation kommen konnte, ersticken. 
Nur jetzt bemerke ich, dass der Andrang des Wassers 
nicht so heftig ist, als friiher, denn es dflrften jetzt, wenn 
es so fortgeht, wohl noch 8 — -io Tage bis zur vierten 
Operation vergehen. 

Nun, Freund! denken Sie 'sich Beethoven in einer so 
furchterlichen Krankheit, mit seiner Ungeduld und iiber- 



— H3 — 

liaupt mit seinem Temperament. Denken Sie sich ihn in 
diese Lage versetzt durch den niedertrachtigsten Menschen, 
seinen Neffen, zum Theil audi durch seinen Bruder; denn 
beide Aerzte, Herr Malfatti und Prof. Wawruch, erklaren 
den Grund der Krankheit aus den furchterlichen Gemiiths- 
bewegungen, denen der gute Mann lange Zeit hindurcli 
durch Seinen Neffen ausgesetzt war, sowie aus dem zu 
langen Aufenthalt in der nassen Jahreszeit auf dem Lande, 
welches aber nicht leicht zu andern war, well der junge 
Herr nicht in Wien bleiben durfte, infolge eines Polizei- 
mandates, und ein Platz bei einem Regiment nicht sogleich 
ausfmdig zu machen war. Nun ist er Cadett beim Erz- 
herzog Ludwig und betragt sich noch stets gegen seinen 
Onkel so wie fruher, obwohl er jetzt so wie eh', ganz 
von ihm lebt. Den Brief an Sir Smart schickte ihm 
Beethoven bereits vor vierzehn Tagen zu, zur Ueber- 
setzung in's Englische, allein bis heute ist noch keine Ant- 
wort zuriick, obwohl er nur einige Stationen von hier, in 
Iglau ist. 

Sollten Sie es, mein herrlicher Moscheles, in Verbin- 
dung mit Sir Smart dahin bringen, dass die Philharmonische 
Gesellschaft seinem "Wunsche willfahrt, so thun Sie gewiss 
dadurch die grosste Wohlthat; die Ausgaben in dieser 
langwierigen Krankheit sind ausserordentlich , so zwar, 
dass die Vermuthung, er werde in der Folge Mangel leiden 
rmissen, ihn Tag und Nacht qua.lt; denn von seinem ab- 
scheulichen Bruder etwas annehmen zu miissen, brachte 
ihm zuerst den Tod. 

"Wie es sich jetzt schon zeigt, so wird aus der "Wasser- 
sucht eine Abzehrung; denn er ist jetzt schon nur Haut 
und Knochen; allein seine Constitution wird noch sehr 
lange diesem entsetzlichen Ende widerstehen. 

"Was ihn noch sehr krankt, ist, dass sich hier gar 
Niemand um ihn bekiimmert; und wirklich ist diese Theil- 
■nahmlosigkeit hochst auffallend. In friiherer Zeit ist man 
in Equipagen vorgefahren, wenn er nur unpasslich war; 
jetzt ist er ganz vergessen, als hatte er gar nie. in "Wien 
gelebt. Ich habe dabei die grosste Plage und wunsche 



— 144 — 

sehnlichst, class es sich mit ihm bald andern mcge, wie 
immer, denn ich verliere alle meine Zeit, da ich bios allein 
mit ihm zu thun habe, weil er sonst Niemand um sich 
haben will, und ihn in dieser ganz hiilflosen Lage ver- 
lassen, ware doch unmenschlich. 

Er spricht jetzt haufig von einer Reise nach London, 
wenn er gesund wird, und rechnet schon, wie wir Beide 
am wohlfeilsten auf der Reise leben werden. Aber du 
lieber Gott! die Reise wird hoffentlich weiter als nach 
England gehen. Seine Unterhaltung , ivenn er allein ist, 
besteht im Lesen der alten Griechen, auch mehrere der - 
W. Scott'sclien Romane hat er mit Vergniigen gelesen. 

Wenn Sie, mein theurer Freund, die Gewissheit haben, 
dass die Philharmonische Gesellschaft diesen schcm langst 
geausserten Vorsatz in Ausfiihrung bringen will, so unter- 
lassen Sie ja nicht, Beethoven direct hieriiber in Kennt- 
niss zu setzen; denn dies' wird ein neues Leben fur ihn 
sein. Auch Sir Smart suchen Sie zu bewegen, dass er 
ihm schreibe, damit er eine doppelte Versicherung er- 
halte u. s.- w. 

Gott befohlen denn! Ihrer vortrefflichen Erau Ge- 
mahlin melden Sie giitigst meine ganze Ergebenheit. Mit 
aller erdenklichen Hochachtung Ihr stets 

dienstfertigster Freurid 
Ant. Schindler. 

P. S. Wenn die Sache fur Beethoven mit der Phil- 
harmonischen Gesellschaft" zu Stande kommt,, so sollten 
mehrere dieser Herren an Beethoven bei Uebermachung 
des Geldes ohne Riickhalt sich dahin aussprechen, dass 
die Gesellschaft den Wunsch habe, er m6ge dieses Geld 
zu sein em, und nicht zum Vortheil seiner unnaturlichsten 
Verwandten, am wenigsten fiir seinen undankbaren Neffen, 
verwenden. Dies wiirde sehr vortheilhaft wirken; denn 
sonst giebt er es wieder seinem Neffen, der es nur ver-- 
lumpt, wahrend er selbst Mangel leidet. 

„Krank und in Noth so vernachlassigt, — ein Beet- 
hoven?" ruft Moscheles aus. DieAufregung im Hause war 



— i 4 5 — 

gross. Moscheles eilte zu Smart, und ihr erster Impuls 
war, dem grosser. Manne £ 20 zu schicken, um ihn yor- 
laufig in die Moglichkeit zu versetzen, sich kleine Be- 
quemlichkeiten zu verschaffen, und ihm zu zeigen, dass 
ein Beethoven nie Sorge haben diirfe. Da fiel es Mosche- 
les noch zu rechter Zeit ein, dass dies von Beethoven 
wahrscheinlich als eine Art von Almosen angesehen werden, 
ihn nur beleidigen, ja vielleicht in die hochste Aufregung 
bringen konnte, und sie unterliessen die Sendung, wandten 
sich aber unverziiglich an die'Spitzen der Philharmonischen 
Gesellschaft. Diese, nicht minder entsetzt, waren auch 
nicht minder bereit, zu helfen, brauchten aber natiirlich 
einige Zeit, um ihre Korperschaft einzuberufen und iiber 
das Wie und Was der Hiilfe zu berathen. Unterdess kam 
schon Beethoven's zweiter, hier folgender Brief an Mo- 
scheles, mit Einlage von Schindler: 



Wien, 14. Marz -1827. 
Mein lieber guter Moscheles! 
Ich habe dieser Tage durch Herrn Lewinger erfahren, 
dass Sie sich in einem Briefe vom 10. Februar bei ihm er- 
kundigten, wie es mit meiner Krankheit stehe, von der 
man so verschiedenartige Geriichte ausstreut. Obvvohl ich 
keineswegs zweifele, dass Sie meinen ersten Brief an Sie 
vom 22. Februar jetzt schon in Handen haben, der Sie 
iiber Alles, was Sie zu wissen verlangen, aufklaren wird, 
so kann ich doch nicht umhin, Ihnen fur Ihre Theilnahme 
an meinem traurigen Schicksale herzlich zu danken, und 
Sie nochmals zu ersuchen, sich meine Bitte, die Sie' aus 
meinem ersten. Brief schon kennen, recht angelegen sein 
zu lassen; — und ich bin beinahe im Voraus versichert, 
dass es Ihnen in Verbindung mit Sir Smart, Herrn Stumpff, 
Herrn Neate und anderen meiner Freunde gewiss gelingen 
werde, ein gunstiges Resultat fiir mich bei der Phil- 
harmonischen Gesellschaft zu erzwecken. An Sir Smart 
habe ich seit diesem auch nochmals geschrieben, da ich 

Moscheles' Leben. 10 



— 146 : ■ . 

zufallig die Adresse von ihm fand, und ihm auch noch- 
mals meine Bitte an's Herz .gelegt. 

Am 27. Februar wurde ich zum vierten Male operirt, 
und jetzt sind schon wieder sichtbare Spuren da, dass ich 
bald die funfte zu erwarten habe. Wo soil das bin, und 
was soil aus mir werden, wenn es noch einige Zeit so fort 
geht? — Wahrlich, ein sehr hartes Loos hat mich ge- 
troifen! Doch ergebe ich mich in die Fiigung des Schick - 
sals, und bitte Gott stets nur, er moge es in seinem gott-. 
lichen Rathschlusse so lenken, dass ich, so lange ich noch 
hier den Tod im Leben erleiden muss, vor Mangel ge- 
schiitzt werde. Dies wiirde mir so viel. Kraft geben, mein 
Loos, so hart und schrecklich es immer sein moge, mit 
Ergebenheit in den "Willen des Allerhochsten zu ertragen. 

So, meinlieber Moscheles, empfehle ich Ihnen noch- 
mals meine Angel egenheit, undgeharrein grosster Achtung 
ste ts Ihr.Freund 

Beethoven. 

Hummel ist hier und hat mich schon einige Mai be- 
sucht. 

Dazu schreibt Schindler: ■ 

Mein theuerster Freund! 

Hier auch ein Fleckchen von mir. — - Wie es mit 
Beethoven geht, ko'nnen Sie aus seinem Schreiben hier 
abnehmen. Dass es stets mehr dem Tode als der Ge- 
nesung naher geht, so viel ist gewiss, denn die Abzehrung 
hat schon den ganzen Korper ergriffen. Jedoch kann es 
viele Monate so fortgehen, denn seine Brust ist bis itzt 
noch wie von Stahl. 

Suchen Sie es nur dahin zu bringen, dass, wenn die 
Philharmonische Gesellsehaft ihm seine Bitte erfiillt, das 
Geld hier Jemand Solidem, z. B. einem grossen Handlungs- 
hause iibertragen werde, von dem er dann nach und nach 
so viel, als er braucht, herausnehmen konnte. Die Phil- 
harmonische Gesellsehaft soil aber ohne weitere Rucksicht 



■'■■■■ — 147 — 

Beethoven . erklaren,.; sie. .ergreife : diese , Massregel ;nur, • zu, 
seinemvA^Qrtheilj. weil.. es ihrj zu bekannt sej, r dass^seine,'ihn; 
umgebenden Y^rwandten , nicht . r edliqb. , j mit ihm ■ : 11m: 
gingen.u; s; ,w,;/:Er wird.zwar darker,, stutzen,. allein: ich 
und iAnderej ,zii,rdenen er , Yertrauen hat,,, werden ,es : ihin. 
schon begreifuch^maehen, das,s dies eiti£: sehr w^Jilth^itigq 
Masgr.^el;i^t r . und;ier;rwird;damit;zufrieden: sein. Denn, 
was/.er Mlenfalls hinterlassen polite, kommt in: die. allert 
unwiirdigsten Hande von der Welt, und besser . ware es, * 
es gehorte dem Zuchthause zu. 

Hummel ist . mit 7 .seiner Frau hier. Er bat sich sehr 
beeilt, Beetboven noch am Leben .zu treffen, weil es in 
Deutschland allgemein hiess, ,er : sei schon .zum Sterben. 
Das Wiedersehen, dieser Beiden am. vorigepz/Donnerstag 
war wifklich'ein ,riihfender Anblick. Ich macbte, Hummel 
f ruber, aufmerksanr, er solle .sich uber .seinen Anblick 
fassen. ...r Nichtsdestoweniger war er so, davon, uberrascht, 
' dass er, sich .alles: JECampfes ungeachtet; nicht enthalten 
konnte, in Thranen auszubrechen; per alte Streicher kam 
ihm aber . scbon zuvor. .Das erste, was Beethoven- ; dem 
Hummel sagte, war: „Siehj mein lieber Hummel, das Haus, 
wo der Haydn gehoren warde, heutehabe ich's zum ; Ge-. 
schenk erhalten,, und ; es .macht mir ; eine kindische Freude. 
Eine schleebte Banernhiitte, wo 50 ein grosser Mann ge- 
boren wurde!" So.s.ah ich zwei Manner, die sonst nie' die 
besten Freunde. waren,, alle Zankereien des Lebens.ver- 
gessend, in- dem allerberzlichsten Gesprach ^miteinander, 
Beide haben sich nachsten Sommer ein Rendez-vous in 
Carlsbad gegeben. O weh! 

An Ihre liebenswiirdige Frau Gemahlin meinen aller- 
berzlichsten Gruss und nun Gott befohlen! 

Ihr unveranderlich ergebenster Freund 
Ant. Schindler, 

Indess aber hatte die Philharmonische Gesellscbaft 
schon bescblossen und ausgefuhrt, was dem Ungliicklichen- 
frommen musste. Einmiithig hiess es bei den Berathungen, 
denen Moscheles als Mitglied beiwohnte, man wolle ihn 

JO* 



_: I 4 8 : '-- 

nicht warten lassen, bis man ein Concert veranstalten 
konne, wozu in dem grossen London vier bis sechs Wochen 
gehorten, uberdies sei die Jahreszeit eine ungiinstige; man 
wolle ihm unverzuglich £ ioo durch Moscheles iiber- 
machen, um aber sein Zartgefiihl zu schonen, dabei. be- 
merken, dies geschehe a Conto des sich vorbereitenden Con- 
certes. Der bier folgende Brief von Ran (einem Wiener 
Freunde Beethoven's) *) beweist, dass diese Sendung Wien 
moglichst rasch erreicbte: 

Wien, 17. Marz 1827. 
Lieber Freund! 

Nach einer sehr bedeutenden Augenentziindung, die 
rnich drei Wochen hindurch zwischen den vier Wanden 
meiner Kammer gefangen hielt, bin ich Gottlob wieder so 
weit hergestellt, dass ich, obschon mit Miihe und An- 
strengung, die Feder wiede'r fiihren darf. Errathe, was 
Du nicht lesen kannst und habe Nachsicht mit der Un- 
deutlichkeit meiner Schrift, 

Dein Schreiben, welches ich zugleich mit den fur 
Beethoven iiberschickten £ 100 richtig empfing, setzte uns 
in ebenso grosses Staunen als Bewunderung. Der grosse, 
in ganz Europa mit Recht verehrte, hochgepriesene. Mann, 
der edelste gutherzigste Mensch liegt in Wien in der 
grossten Noth auf seinem Krankenlager zwischen Leben 
und Tod! und dies miissen wir von London aus erfahren * *), 
von dort eilt man, ihm sein Elend, seinen Kumnier zu 
mildern, ihn mit Hochheizigkeit vor Verzweiflung zu retten. 



*) Ran war viele Jahre Erzieker des jungen Barons von Eskeles, 
dc?sen Eltern sicli einst Moscheles' so freundlich angenommen . hatten. 
Diesem iibersandte Moscheles £ 100 mit der Bitte, selbst zu untersuchen, 
wic es rait Beethoven stehe. 

''**) Im Originalbrief rmden wir folgende Anmerfcung von Moscheles' 
Hand: „Ich habe jedoch viele Beweise, welche Theilnahme Beethoven's 
gcfahrvoller Zustand damals in Wien erregt hat, and dass viele seiner Ver- 
ehrer ihm rait Hulfe und Trost entgegengeeilt waren, wenn seine Zuriidi- 
gezogenheit den Zutritt zu ihm oder seiner nachsten Umgebung nicht zu 
sehr erschwert hatte." 



v ■j*«*r,- i - .-4 v -Vy-i-iy"^,!;.-, .,;"',; , r ' v n'"-*' - : - "" "- -""V-'^' ■- - ■- 

'-. •■" ■' i.; ■■ . - *49 — . ' ; - ' ''''': '■■ '■;'■-"" 

Ich fuhr auf der Stelle zu ihm, um mich. von seiner Lage 
zu iiberzeugen, und ihm die bevorstehende Hiilfe anzu- 
zeigen. Es war herzzerreissend, ihn zu sehen, wie er seine 
Hande faltete und sich beinahe in Thranen der Freude 
und des Dankes aufjoste. Wie belohnend.und beseligend ■ 
ware es fur Euch, Ihr grossmiithigen Menschen, gewesen, 
wenn Ihr Zeugen dieser -hochst riihrenden Scene hattet 
sein konnen! 

Ich fand den armen Beethoven in der traurigster. 
Lage, mehr einem Skelette als einem lebenden Wesen 
ahnlich. Die Wassersucht hat so sehr um sich gegriffen, 
dass er schon vier bis fiinf Mai abgezapft werden musste, 
Er ist in arztlicher Beziehung in den Handen des Dr. Mal- 
fatti, also gut versorgt, Malfatti gibt ihm wenige Hoff- 
nung. Wie lange sein gegenwartiger Zustand noch dauern, 
oder ob er iiberhaupt gerettet werden kann, lasst sich 
nicht bestimmen. Indess hat die Anzeige der eingetrete- 
nen Hutfe eine merkwiirdige Veranderung zur Folge ge- 
habt. Durch die freudige Germithsbewegung veranlasst, 
sprang in der Nacht eine der vernarbten Ponctionen auf, 
und alles Wasser, das sich seit vierzehn Tagen gesammelt 
hatte, floss von ihm. Als ich ihn des anderen Tages be- 
suchte, -war er auffallend heiter, fuhlte sich wunderbar er- 
leichtert. Ich eilte zu Malfatti, um ihn hiervon in Kennt- 
niss zu setzen. Er halt dieses Ereigniss fur sehr beruhigend. 
Man wird ihm auf einige Zeit eine Hohlsonde appliciren, 
um diese Wunde offen zu erhalten, und dem Andrange des 
Wassers freien Abfluss zu verschaffen. Gott gebe seinen 
Segen! 

Mit seiner hauslichen Umgebung und Bedienung, die 
in einer Kochin und einem Dienstmadchen besteht, ist 
Beethoven zufrieden. Sein Freund, unser bekannter braver 
Schindler, speist taglich bei ihm, und sorgt in dieser Be- 
ziehung sehr freundschaftlich und redlich fur ihn. Schind- 
ler besorgt Beethoven's Correspondenz, und bestreitet, so 
viel moglich, seine Auslagen. 

Hier beiliegend, empfangst Du, Heber Freund, eine 
von Beethoven, ausgestellte Quittung iiber die ihm' ein- 



■ ■■—■ 150 — . ■ : . 

g^haridigteh'ibbo'Flv G; ; - i M: :, ' : Als : ich -ihih ^deft ■VorScM'a'g- 
"riiachtei hai- s^o iFl/ auf einmal zB' ;j ubei*riehmehV Uriel : den- 
sest Von 560 FL'beim H^rrh'Baroh voh'Eskeles^in sieherer 
'VefWahrun'g'zu lassen^biser' inter- bediirfe, gesl!and'er : imr 
ioHenft'erzigv' dasa ' tei-j ' tils ' itirh : die Uhtersrutziing* ! vbh ; io'ed 'PI. 
■gleichsahi ivie' voitf Hiftiriia zufloss, 'eberiUti&e^peinliGheh 
Lage war; 'Geld' >aTifnehmen''zu.i mussSri. Jl Ich obe^gab' ihm 
also, seinem dringenden Wunsche gernass, die gti:rize Surhtn<fr 
von £ tod ode'r fobd'FL-G'.- M. ■ - ; ; ■ ; . i. .'^-'i ■ ; >'■ 
"'- Km?- welcrie' Art : Beefhoven' der Philhartnbhischen: Gd- 
S ellschaf t ' s'eihelr' ■' Dank ' abztistatteri ■ gede n-kty ■ l toir d ' > er- ' in 
eiherti ; eigenen Sdifeib'en 'tin iie !! ktirid 'n¥aehdk : Kanrist 
Dii' B'eeth'oVen : irt :! de^ F6Tge' l ii i iitzlicIi 'seihv ■' ttnd ■' ! ich ; Dir 
hierzu' ' mein'e Hand 'bieteh, zahle auf ' inefirieti Eifer-'und 
•meine ! Bereitwilligkeit. Die • gtinze Farrtil ie ] 'Esfcefes grii'sst 
; Dich, DeineFrau ; uhd 'Sohnlein' eberiso 1 ! herdich 1 , als ich ■ 
'■ '''■■'■ ■"■'■ "■" • Dein-atifrichtiger i FTeund ,;l 

-'■■■- '■■■ '"■:■' :.;--.^i'l:'"v.'/ -. v fi,, .■' ": <S. aft . ■. \\A : -.:■..:' 

.'•■ Wie ansMoschelesY demRau'schenBriefeatigehangter 
Bemerkung, ; s'o' erseheri ; wir auch ans Tageb'uchhotfefeil, 
dass er an' 1 viele Wiener ! Eretmde- geschriebe'n hatte,' wie 
es derin rnoglichsei, dass rirah eirie'n kranken hiilfsbedutfti- 
gen Beethoven io- vernachlassige', 'iiberall aber -dieselbe 
Auskunft efbielt, die-er' dem Briefed beifiigt':' Beethoven's 
-abstossendes'-Weseri, 1 dieEifersuchtvon Brader fond Neffe, 
die alle Freunde- abweise'n- und'dergleichen iWehr. ''„Ich 
glaiibe, ich hatfe mich doch' nicht abweisen ■ -lassen" be- 
merkt Moscheles, und wohl mit Recht. : '- 

■ '• Dem Briefedes FreundesRau vokni7L Marz folgte ein 
weiterer bis -zu '■■ Thranen f uhrender von Beethoven' -selbst. 
■Er' -hatte 1 -inn' Schindier dietirt ! 'tmd ''eigenhandig'tinter- 
schrieberi/ .;■ ' ' •■■■ ■-*■: ■ <■•■'■■■ ■ .■■.]■■ ..-..■., \- - J . 

■,,,. .,,■., .■,,..'! . '.^yien» '8.; Marz 1827. .;■ 
Mein lieber guter Moscheles!' ■ .,; . ,;.;!-'•.■. l-.f ,• 
Mit welchen Grefiihlen ich Ihren'. Brief i-vomi. 1 iMarz: 
■durchlesen : , karin ich' gar ; nicht mit^'Worten schildern. 



— i5i — 

Der Edelmuth der Philharmonischen Gesellsehaft; mit 
welehem mail meiner Bitte beinahe zuvorkam, hat mich 
in das Inner ste meiner Seele gerlihrt. Ich ersuche Sie da- 
her, lieber Moscheles, das Organ zu sein, durch welches 
ich meinen innigsten herzlichsten Dank fin- die besondere 
Theilnahme und Utiterstiitzung an die Philharmonische 
Gesellsehaft gelangen lasse. 

Ich fand mich genothigt,' sogleich die ganze Summe 
von 1000 Fl. C. M. in Empfang zu nehmen, indem ich ge- 
rade in der unangenehmen Lage war, Geld aufzunehmen, 
welches mich in neue Verlegenheit gesetzt hatte. 

Riicksichtlichder Akademie, welche die Philharmonische 
Gesellsehaft fur mich zu geben beschlossen hat, bitte ich 
die Gesellsehaft, ja dieses edle Vorhaben nicht aufzugeben, 
und diese 1000 Fl. C. M., welche sie mir jetzt schon im 
Voraus iibermachen hess, von dem Ertrage dieser Akademie 
abzuziehen. Und will die Gesellsehaft mir den Ueberrest 
noch giitigst zukommen lassen, so verpflichte ich mich, 
der Gesellsehaft dadurch meinen warmsten Dank abzu- 
statten, indem ich ihr entweder eine neue. Sinfonie, die 
schon skizzirt in meinem Pulte liegt, oder eine neueOuver- 
ture oder etwas anderes zu schreiben mich verbinde, was 
die Gesellsehaft wiinscht. Moge der Himmel mir nur recht 
bald wieder meine Gesundheit schenken, und ich werde 
den edelmuthigen Englandern beweisen, wie sehr ich ihre 
Theilnahme an meinem traurigen Schicksale zu wiirdigen 
wissen werde. 

Ihr edles Benehmen wird mir unvergesslich bleiben, 
so wie ich noch insbesondere Sir Smart undHerrn Stumpff 
meinen Dank nachstens nachtragen werde. 

. Leben Sie recht wohl! Mit den freundlichsten Gesin- 
nungen verharre ich Ihr '. 

Sie hochschatzender Freund 
Ludwig van Beethoven. 

Nachsehrift. An Ihre Frau Gemahlin meinen herz- 
lichen Gruss.— An Herrn Rau habe ich der Philharmoni- 
scheri Gesellsehaft und Ihnen einen neuen Freund zu 
danken. 



■-■_ ,- 52 — • .: 

Die metronomisrte Sinfonie bitte ich der Philharmoni- 
schen Gesellschaft zu iibergeben. Hier liegt die Bezeich- 
nung- bei: 

Metronomische Bezeichnung der Tempi von Beethoven's 
letzter Sinfonie, Opus 135. 

Allegro ma non troppo e un poco maestoso 88 = j* 

Molio vivace 116 = p 

Presto 116 = p 

Adagio molto e cantabile ...... 60 = * 

Andante moderate 6j = f 

Finale presto 96 = p 

Allegro ma non troppo 88 — f 

Allegro assai 80 = P 

Alia Marcia . , 84 = f 

Andante maestoso 73 = P 

Adagio divoto 60 = p 

Allegro energico 84 = ["* 

Allegro ma non tanto 120 = j** 

Presstissimo 132 = p 

Maestoso 60 = * 

Diesem Briefe Beethoven's lag eine sechs Tage spater 
gescbriebene, aber mit jenem zusammen expedirte Einlage 
von Schindler bei: 

Wien, d. 24. Marz 1827. 
Mein theurer Freund! 
Lassen Sie sich durch die Verschiedenheit des Datums 
der beiden Briefe nicht irre leiten, ich wollte den Brief 
absichtlich einige Tage zuriickhalten, weil wir gleich Tags 
darauf, namlich den ig. d. Mts., befiirchteten, unser grosser 
Meister werde seine grosse Seele aushauchen, Indessen 
ist dies bis heute Gottlob nicht der Fall; allein, mein guter 
Moscheles, wenn Sie diese Zeilen lesen, wandelt unser 
Freund nicht mehr unter den Lebenden. Seine Auflosung 
geht mit Riesenschritten, und es ist nur ein Wunsch unser 
aller, ihn bald von diesen schrecklichen Leiden erlost zu 
sehen. Nichts anderes bleibt mehr iibrig. Seit acht Tagen 
liegt er schon beinahe wie todt, nur manchen Augenblick 



■ ■■■. ■"■■ ~~ ^ s — -" '" - . : ■" v 

rafft er seine letzten Krafte zusamtnen, und fragt nach 
etwas oder verlangt etwas. Sein Zustand ist schrecklich 
und geTade so, wie "wir es kurzlich von dem Herzog von 
York gelesen haben. Er befindet sich fortwahrend in 
einem . dumpfen Dahinbriiten , hangt den Xopf auf die 
Brust, und sieht Starr Stundenlang auf einen Fleck, kennt 
die besten Bekannten selten, ausgenommen, man sagt ihm, 
wer vor ihm steht. Kurz^ es ist schauderhaft, wenn man 
dieses sieht; und nur noch wenige- Tage kann dieser Zu- 
stand dauern; denn alle Punctionen des Korpers horen 
seit gestern auf. Also will's Gott, so ist er, wie wir auch 
mit ihm, bald erloset. Schaarenweise kommen jetzt die 
Menschen, um ihn noch zu sehen, obgleich durchaus Nie- 
mand vorgelassen wird, bis auf Jene, welche keck genug 
sind, den sterbenden Mann noch in seinen letzten Stunden 
zu belastigen. 

Der Brief an Sie ist bis auf wenige Worte im Ein- 
gange ganz wortlich von ihm dictirt, und wohl der letzte 
seines Lebens, obwohl er mir heute noch, ganz abgebrochen, 
die Worte „Smart — Stumpff — schreiben — " zufliisterte. 
"Wird es moglich sein, dass er nur seinen Namen noch 
aut's Papier bringt, so wird es auch noch geschehen. — 
Er fuh.lt sein Ende, denn gestern sagte er mir und Herrn 
von Breuning: „plaudite amici, comoedia finita est!" Auch 
waren wir gestern so gliicklich mit dem Testamente in 
Ordnung zu kommen, obwohl nichts da ist, als einige alte 
Mobel und Manuscripte. Unter der Feder hatte. er ein 
Quintett fur Streichinstrumente und die zehnte Sinfonie, 
deren er in Ihrem Briefe erwahnt. Von dem Quintett 
sind zwei Stiicke ganz fertig. Es war fur Diabelli bestimmt. 
— Die Tage nach Erhalt Ihres Briefes war er ausserst 
aufgeregt, und sagte mir viel von dem Plan der Sinfonie, 
die jetzt um so grosser ausfallen wiirde, weil er sie fur die 
Philharmonische Gesellschaft schreiben werde. 

Ich hatte nur sehr gewunschen, Sie hatten in Ihrem 
Briefe bestimmt erklart, er konne diese Sumrne von 
iooo Fl. C. M. nur theilweise erheben, und ich hatte es 
auch mit Herrn Rau. so" verabredet, allein Beethoven hielt 



sich an den Schluss des Satzes aus Ihrem Briefe. Kurz, 
Kummer imd Sofgett waren auf einmal verschwunden, wie 
das Geld da war, raid er sagte ganz vergniigt: „Nuft 
konnen wir uns Wieder manchmal einen guten Tag ari- 
thiin"; denn es waren nur noch 340 Fl. W. W. in der 
Cassette, und wir beschrankten uns daher seit einiger 
Zeit auf Rindfleisch und Zugemiise, welches ihn mehr 
schmerzte, als alles andere. Des anderen Tages, als Freitag, 
liess er sich sogleich seine Lieblingsgerichte von Fischen 
machen, urn nur davon naschen zu konnen. Kurz, seine 
Freude iiber die edle Handlung der Philharmonischen Gre- 
sellschaft artete wisilenweise in's Kindische ' aus. Auch 
musste gleich ein grosser sogenannter Grossvaterstuhl an- 
geschafft werden, der 50 Fl. W. W. kostete, in welchern 
er taglick wenigstens eine halbe Stunde ruht, so dass : er 
sich das Bett ordentlich machen lassen kann. ■•--- 

Sein Eigensinn ist aber noch immer entsetzlich, und 
wirkt vorziiglich auf mich sehr hart, indem er durchaus 
Niemand um sich leiden will, als mich: Und was blieb 
mir anders ubrig, als alle meine Lectionen aufzugeben, 
und die ganze Zeit, die ich nur immer zusammenrafieh 
konnte, ihrn zu widmen. Jedes Getrank und jede Speise 
muss ich vorher versuchen, ob es ihm auch nicht schad- 
Hch sein konnte. — So herzlich gerne ich dies nun auch 
thue, so dauert das fur so einen armen Teufel, als ich 
bin, schon leider zu lange. — Doeh wird sich dies, wenn 
ich gesund bleibe, nach und nach wieder finden, hoffe ich 
zu Gott! — Aus den 1000 FL, was iibrig bleibt, wollen 
wir ihn anstandig beerdigen lassen, ohne Gerausch, auf 
dem ICirchhofe bei Dobling. wo er stets gern weilte. 

Dann kommt auch jetzt der Wohnungszins auf Georgi 
zu bezahlen, der muss noch fur ein halbes Jahr berichtigt 
werden und noch mehrere kleine Ausgaben (die Aerzte), 
so dass die 1000 Fl. gerade ausreichen werden, ohne dass 
viel ubrig bleibt. 

Zwei Tage nach Ihrem Briefe kam auch einer von 
dem wiirdigen Herrn Stumpff, der auch Ihrer mit dem 
grossten Lobe erwiihnt, welches alles auf Beethoven zu 



•*?t^W^cS'\-^ ■■^■'H'- J :^r:C:7--r- ■■■ ---> :■>■'(■ -7 



— 155 ^ 



viel 1 'e'ihwirkte,' indehV er dutch den '-' Ausfluss des^ Wassers 
atisder be^it£ 'vierzehn' Ta ; g4 ziigeheilteri- Wuride ; schdn 
Susserst 'gteschwKeht^wa*. :: Da horte' man 'des Tages -un- 
zahligfe Mai 1 : ih't^ lattt ' sagen : ! : „Gott vergelte r es ihhen alien 
'taukna-MaL 5 '-''— : '''- ::: ' " "■■ ^ ■•:-■■ i-:--'' - '^^ ■•■■[: - ■■■ '' , 
■ ! ' Bass- 'diese'-' fedle ; Handltfrig =■ der : Philharrtionischen Ge- 
setl'sciiaft hier'-' -aUgemeihe : Sensation eiregt Hat, : kohneh 
Ste sicfr detiken- ! Und ho'eK 1 prei&t ; maw "allgemeih- den Edel- 
'ifiuth ; der- EhglanderV 'iitid schimpft' laut iibe'rdas -Betragen 
der 'hte^igen'"Reicn'eri. :: — - Der |,Beobaehter {f hat die-Aii- 
zeige dav6n : gemachty so J auch die' , 'Wiener Z&turig. 1 ' Hier 
liegt "es bey; ;; — - — — Pause von einigeri-Stunden. — 
Ich- kbnime-' soeben' vori Beethoven. Er : liegt bereits im 
Sterberi, ! und-noeh 'ehe difesei* Brief ausseriden-'Linien der 
Hauptstadt ist," ; ist ; das grosse ■ Licht auf ewig erloschen. 
-Er-ist aber noch bei vollerh : BewusstSeih; "leh -eile, deh 
Brief 'abzUscnickeh.um'zu' ihnr zu -lauferi. Diese Haare 
hier habeh' icli jetzt ihm' vom Haupte geschhitten , - und. 
sehicke ; sie -Ihnerir — Gott mit Ihnenl - --'■ : : : '' ■''■- 

1 Ihr dienstfertigster Freund - 
'-'■ - -■■ -- Ant Sehindler. 

Wenige Tage splterbraehteein Brief : von-' Rau die 
traurige- : Gewigsheit :• ' ------- ■■-'■■' ■:■■■■"- ■".■' "-"-■::■ '■-; -■'. - '■-' 

. ._::.■:..:: ... ■::■'■ . . Wien-, den- 28. -Mari-iSa?;- 

■ -'■■:■- ■' Lieber Freund! ■■"■"- " ; - : 
Beethoven ist nicht mehr; er-verschied den 26. Mar-z 
Abends-zwischen 5— 6 Uhr — : uttter- dem herbsten Todes- 
karapf iind schrecklichen Leiden. Er war jedoch schoh 
den Tag zuvor ohne alle Besinnung. 

Nun ein Wortchen von seiner "Verlassenschaft. Aus 
meinem letzten Schreiben hast Du erfahren, dass- Beet- 
hoven nach seiner eigenen Aeusserung sich ohne Hiilfe, 
ohne Geld, folglich in der grossten Noth befiride. Allein 
bei der Inventur, bei welcher ich gegenwartig war, fand 
man in einem alten, halb vermoderten Kasten sieben Stuck 
Bank-Actien. 



1 -■ v.> ■■"- "."■■* ■'■ .'"■■->■'. ■■:- -/■ -■■■,.■-_■ v- .-.;■' ':>:■..- V'Yiiii.'-.i/'v, 1 " - ; v> - ' i ,v ~- 4'^ 1 3^--/. ■--.<?. 

' ■■-■■■ "; "." ' — . I5 6 - ./' ;'■;' 

Ob Beethoven sie absichtlich verheimlichte (denn er 
war sehr misstrauisch und ' hoffte eine baldige Wieder- 
genesung) oder ob er es selbst nicht wusste, dass er sie l 
besitze, ist ein Problem, das ich nicht zu losen vermag. — 
Die von der Philharmonischen Gesellschaft iiberschickten 
iooo Fl. C. M. fanden sich noch unberiihrt vor. Ich re- 
klamirte sie Deiner Erklarung gemass, rmisste sie jedoch 
bis zur naheren Verfiigung von der Philharmonischen Ge- 
sellschaft beira Magistrate deponiren. Dass die Leichen-- 
kosten aus diesem Gelde bestritten -werden, konnte ich 
ohne Einwilligung von der Gesellschaft nicht zugestehen. 
Ich erlaube mir aber die Bitte, wenn dort etwas erwirkt 
werden diirfte, dass es zu Gunsten der zwei armen Dienst- 
leute, die den Kranken mit unendlicher Geduld, Liebe und 
Treue pflegten, gescbehen moge, da ihrer im Testaments 
mit keinem Worte erwahnt wurde. Der Neffe von Beet- 
hoven ist Universalerbe. — Ueber das von Beethoven der 
Philharmonischen Gesellschaft zugedachte Geschenk wird 
Dir Herr Schindler seiner Zeit das Nahere mittheilen. 
Schreibe mir bald und bestimmt, "was ich zu thun habe, 
und sei von meiner Piinktlichkeit iiberzeugt. Den 29. dieses 
wird Beethoven begraben. Es erging eine Einladung an 
alle KiJnstler, Kapellen und Theater. Zwanzig Virtuosen 
und Compositeurs werden die Leiche mit Fackeln begleiten. 
Grillparzer hat einen ausserst riihrenden Sermon verfertigt, 
den Anschutz am Grabe sprechen wird. Ueberhaupt ist 
die Einleitung zu einer feier lichen, des Verstorbenen wiir- 
digen Beerdigung getroffen worden. — 

Die Familie Eskeles griisst Dich und die Deinigen, 
sowie ich von ganzem Herzen. 

Dein Freund 
Rau. 

In Eil' und mit anhaltenden Augenschmerzen. 

Unter Moscheles' Papieren fanden sich ferner noch fol- 
gende Erinnerungsblatter an Beethoven's Tod: 



>- : ««'^ ; 7S~~ : -' -'^ : iV "iVS-^Vi - '-'-' ■■■""■ 



^"'"^-'-r^ri-.-'' 



— 157 — 

EINLADUNG 

zu ' 

LUDWIG van BEETHOVEN's 
LEICHENBEGANGNISS, 

welches am 29. Marz um 3 Uhr Nachmittags Statt finden wird. 



Man versammelf sich in der "Wohnung des Verstorbenen ira Schwarz- 

spanier-Hause Nr. 200 am Glacis vor dem Schottenthore. 

Der Zug begiebt sich von da Bach 'der Dreyfaltigkeits-Kirche bey den 

P. P. Minoriten in der Alsergasse. 

Die musikalische Welt erlitt den unersetslichen Verlust des beriihm- 

ten- Tondichters am 26. Marz 1 827 Abends gegen 6 Uhr, 
Beethoven starb an den Folgen der Wassersucht itn 56. Jahre seines 

Alters, nach ernpfarigenen heiligen Sacramenten. 
Der Tag der Exequien wird nachtraglich beliannt gemacht von 

• L. van BEETHOVEN's 

Verehrern und Freunden. 
(Diese Karte wird in Tob. Haslinger's JIusilshandlung vertlieilt.) 



Be}' 

LUDWIG van BEETHOVEN's 

Leichenbegangniss 

.am 29. Marz 1827. 



Von 
J. F. CASTELLI. 



Achtung alien Thranen, welche fliesseri, 
Wen 11 eiit braver Mann zu Grabe ging, 

Wenn die Freunde Trauerreihen schliessen, 
Die der Selige mit Lieb' urofing. 

Doch der Trauerzug, der heute wallet, 
Strecket sich, so weit das Himmelszelt 

Erd' umspannt, so weit ein Ton erschallet, 
Und 11m diesen Todten weint die Welt. 



— ■i58 ; ^ . 

Doch um Euch..,allein nur.musst.Jht klggenj ,'— , 
Wer so hoch. ira Ueiligthnme ,stand, , 

Kann den Staub riichr. niehr " ef itrn' nicht tragen, 
"LTnd der Geist sehnt sicb in's Heimathland. 

'Darum rief die Muse lhn' nach '(/ben; r - • • >' t 

Und an ihrer, S.eite silzt ei. dort,_ . ..,..., 
Und an ihrem ^Throri'd hort et drDbeni . ' i ',.' 
-lonen. seinen. eigenen Accord,_ 

Aber hier sein Angedenken weilet, 

Und sein . Name'.lebt im JRuhm'esrLicht, ■:' ..i :' 
Wer;, wie er, der.'Zeit ist v»rgeeil«t, . . .O. ,;.:ji ■■:.: 
. Den ereilt die 2^eit zerstoreind. nicht,, , ■ : ■ ;;.., 



Am Grabe BEETHOVEN'S 
- (den 29, Marz 1827.) ; - v 

E§ brach ein Quell vom.jhoben Felsen nieder, , , . . ,,,, .[. 

Mit reicher Strqinung fiber Wald und-Elur, 
Und tvq er floss, erstand, das. Leljen\y;ieder, ..,..'. .,, , 

Verjiingte.sich. die alternde Natur. 
Einjeder tarn' zur reitzgescnmiickten Stelle, 

Und sitchte sich Erquickung an der Welle. 

Nur wenige von richtigem Gefiihle, 

Empianden seine Wunderkrafte ganz. 
Die iibrigen erfreuten sich am Spiele 

Der schonenFluthund ihrem Demantglana; 
Die meisten aber fanden sein Gewasser 

Dem Andern gleich, mcht edler und nicht besser. 

Der Quell versank. Nun erst erkannte Jeder 
Des Bornes Kraft, nun erst, da sie zerstob! 

Und Pinsel, Klang,. der Meissel und die Feder, 
Vereinten sich zum langst verdienien Lob; 

Jedoch kein Lied, nicht Sehnsucht, nicht die Klage 
Erweckten ihn und^braobten ihn" zii Tage, 

Du, der hier liegt,- befreyt von .Schmerz und Banden, 
Du warst der Quell, den ich.zuynr geriannt! 

Du grosser Mensch, von Venigen verstanden, 
Bewundert oft, .docli,6fter no.ch. verkanrjtJ, 

Jetzt werden Allc jubelnd. Dich erhebenr '. 
Du musstest sterben, sterbeft, ttm, zu lebeu! 

. . Sc.hjechla. 



159 — '."-■■■■■M 



r Die folgendfen Briefe von Schindler, Rau u. s. w. 
bringen noch . einiges Nahere liber Beethoven's Ende,. 
drehen sich aber hauptsachlich um die Angelegenheit der 
Beethoven von der Philharmonischen Gesellschaft geschenk- 
ten £ ioo, die noch zu allerlei Erorterungen Anlass geben 
und schliesslich zu einer : nicht eben erwiinschten Losung 
fu.hr en sollte, Schindler schreibt; 

Wien, den 4. April 1827. - 
Mein edler Freund! - 

Ichfmde mich veranlasst abermals an Sie zu schreiben, 
um beiliegenden Brief an Sir Smart sicher zu wissen. Er 
enthalt Beethoven's letzten Dank an Smart, Stumpff und 
an die Philharmonische Gesellschaft, sowie an die ganze 
englische Nation, um welches er mich noch in den letzten 
Augenblicken seines Lebens innigst gebeten . hat. Ich 
bitte sie recht sehr, ihm denselben bald einzuhandigen. 
Herr Eewisey von der englischen Gesandtschaft hat die 
Giite gehabt, ihn gleich in's Englische zu iibersetzen. — 

Also erst am 26. Marz um Dreiviertel auf sechs Uhr 
Nachmittags, wahrend eines grossen Gewitters, hauchte 
unser unsterblicher Freund seine grosse Seele aus. Vom 
24. gegen Abend bis zum letzten Hauche, war er beinahe 
stets in delirio. Doch vergass er selbst in dem furcht- 
baren Kampfe zwischen Leben und Tod der "Wohlthat 
der Philharmonischen Gesellschaft nicht, wenn er nur 
einen lichten Augenblick hatte, und pries die englische 
Nation, die ihm stets so viel Aufmerksamkeit erwies. 

Sein Leiden war unbeschreiblich gross, vorziiglich seit 
dem, dass die Wund& von selbst aufsprang, und die Ent- 
leerung von Wasser so plotzlich erfolgte. — Seine letzten 
Talge war.en libera us merkwiirdig, und sein grosser Geist 
bereitete sich mit einer wahrhaft Sokratischen. Weisheit 
zum Tode. Ich werde dies wahrscheinUcb auch nieder- 
schreiben, und offentlich bekannt machen; denn es ist fur 
seine Biographen von unschatzbarem Werth. 

Das Leichenbegangniss war nur das eines grossen 
Mannes, Bei 30,000 Menschen wogten auf den Glacis und 



*wv 






— r6o — 



in den Strassen, wo der Zug gehen sollte. Kurz, dies 
lasst sich gar nicht beschreiben, denken Sie an das Prater- 
fest beira Congress im Jahre 1814, und Sie haben eine 
Vorstellung davon. Acht Kapellmeister trugen die Enden 
des Leichentuches, darunter Eibler, Weigl, Gyrowetz, 
Hummel, Seyfried etc. Sechs und dreissig Fackeltrager, 
darunter Grillparzer, Castelli, Haslinger, Steiner etc. 

Gestern war Mozart's Requiem in der Augustiner- 
Kirche fur ihn. Die grosse Kirche fasste nicht alle 
Menschen, die sich hineindrangten. Lablache sang den 
Bass. Das Gremium der Kunsthandler veranlasste diese 
Todtenfeier. 

Sie haben den letzten Brief von Beethoven, den 
vom 18. Marz, und Schott in Mainz seine letzte Unter- 
schrift. 

An rriobilem Vermogen fanden sich sieben Bank- 
Aktien und einige hundert Gulden W. W. Und nun 
schreien und schreiben die Wiener laut und offentlich „er 
bedurfte nicht der Hulfe einer fremden Nation" etc., be- 
denken aber nicht, dass Beethoven sechs und funfzig Jahr 
alt und nervos, Anspriiche machen konnte, siebenzig Jahre 
alt zu werden. Wenn er nun Jahrelang nichts arbeiten 
sollte, wie es ihm seine Aerzte sagten, so war er ja ge- 
zwungen eine Aktie nach der anderen zu verkaufen, und 
wie viel Jahre konnte er denn von sieben Aktien leben, 
ohne in die grosste Noth zu kommen. Kurz, lieber 
Freund! ich und Herr Hofrath von Breuning ersuchen 
Sie recht sehr, wenn sich derlei abscheuliche Raisonne- 
ments bis nach England verbreiten sollten, es den Manen 
Beethoven's zu lieb zu thun, und die Briefe, die Sie von 
Beethoven hieriiber haben, in einem der gelesensten deut- 
schen Blatter, z. B. in der Augsburger Allgemeinen 
Zeitung, offentlich bekannt zu machen, welches die Phil- 
harmonische Gesellschaft aufihreeigeneVeranlassung thun 
konnte; damit man diese Skribler hier eines Bessern be- 
lehre. Die Philharmonische Gesellschaft hat die Ehre, 
diesen grossen Mann von ihrem Gelde beerdigt zu haben, 
denn ohne dieses konnten wir es nicht anstandig thun. 



- ; ' ' — 161 — ■ ' - 

Alles schrie; „Welche Sehande fur Oesterreich! Das 
soil man nicht angehen lassen, denn Alles wird dazu bei- 
tragen!" Allein es blieb beim Schreien. Der Musikverein 

beschloss den Tag nach der Beerdigung ihm 

ein Requiem halten zu lassen, und dies ist alles. Wir 
aber vom Karntnerthor werden noch im Laufe des April , 
eine grosse Akademie veranstalten, um ihm einen bub- 
schen Leichenstein machen zu lassen. 

Noch muss ich Ihnen melden, dass der Todtengraber 
von Wahring, wo er begraben Hegt, ge stern bei uns war, 
und meldete, dass man ihm mittelst eines Billets, welches 
er zeigte, 1000 Fl. C.-M. anbot, wenn er den Kopf von 
Beethoven an einem bestimmten Ort deponire. Die Polizei 
ist dieserhalb schon mit der Ausforschung beschaftigt. . — 
Das Leichenbegangniss kostete etwas iiber 300 Fl. C.-M. 
Freund Rau wird Ihnen schon dar iiber geschrieben haben. 
Wollte die Philharmonische Gesellschaft das iibrige Geld 
hier lassen, und z. B. mir aueh einen kleinen Theil davon 
schenken, so wiirde ich es als Legat von meinem Freunde 
Beethoven betrachten; denn ich habe wirklich nicht das 
allerfnindeste Andenken an ihn, sowie Niemand, denn der 
Tod uberraschte ihn und uns, die wir um ihn waren. 

Schreiben Sie mir doch nur einige Zeilen, ob sie die 
Briefe vom 22. Februar, 14. Marz und 18. Marz erhalten 
haben, und so auch Sir Smart. Die Verwandten Beethoven's 
haben sich gegen das Ende auf das Niedertrachtigste be- 
nommen; er war noch nicht ganz todt, so kam schon sein 
Bruder, und wollte Alles fortschleppen, selbst die 1000 Fl. 
aus London, allein wir haben ihn gerade zur Thure hinaus 
geworfen. Solche Scenen gingen am Sterbebette Beethoven's 
vor. Machen Sie doch die Philharmonische Gesellschaft 
auf die goldene Medaille von Ludwig XVIII. aufmerksam, 
sie wiegt 50 4£ und ware das schonsteAndenken an diesen 
grossen Mann. — Also Gott befohlen. 

A. Schindler. 
Hummel spielt morgen im Karntnerthortheater. Mr. 
Lewisey griisst H. Neate. 



• s —""162 — " " '■ 

Nicht lange nachher lief folgender Brief ein: 

Wien, den 11. April 1S27. 
Mein edler Freund! 

Sie werden erschrecken iiber die vielen und noch 
dazu dickleibigen Briefe. AberBester! Leset! und staunet! 
— Um Ihre, unseres Freundes Beethoven und die Ehre 
der Philharmonisehen Gesellschaft zu retten, blieb uns 
nichts ubrig, als Ihnen Alles genau und umstandlich zu 
berichten. — Schon in meinem letzten Brief habe ich 
Ihnen gemeldet, dass man hier schreit und schreibt iiber 
die edle Handlung der Gesellschaft. Nun aber enthiilt die 
,,Allgemeine Zeitung". einen Artikel, derjeden auf s Hochste 
emporen muss. Wir haben es fur Pflicht gehalten, darauf 
zu - antworten, und Hofrath Breuning ubernahm es, diesen 
hier beiliegenden Artikel der Wahrheit gem ass abzu- 
fassen, und Pilat schickt ihn selbst noch heute dem Re- 
dacteur der Allgemeinen Zeitung. — Ohne den Artikel 
der Allgemeinen Zeitung zu keimen, werden Sie beim 
Durchlesen unserer Antwort sogleich den Inhalt und den 
Zweck desselben errathen. Ihnen und Smart bleibt nun 
noch iibrig, Hire Briefe ebenfalls in der Allgemeinen 
Zeitung offentlich bekannt zu machen, damit dieses Ca- 
naillenvolk recht tiichtig gedemiithigt werde. Unser Auf- 
satz, meint Rau und Pilat, ist zu hoflich ; allein wir Beide, 
Breuning und ich, diirfen keiner so die Wahrheit dariiber 
sagen, wie wir wixnschten und man es der Welt schuldig 
ware; denn ohnehin habe ich mir schon als^ Freund Beet- 
hoven's und als Vertheidiger seiner Sache viele Feinde ge- 
macht; allein es ware niedertrachtig von mir, dass ich 
stille schweigen sollte, wenn sein Andenken noch im 
Grabe beschimpft und seine wohlmeinenden Freunde fur 
ihr edles Bestreben sollten offentlich angegriffen werden. 

Ich schrieb Ihnen schon letzthin, dass die Philharmo- 
nische Gesellschaft in ihrem- Namen sich durch die Be- 
kanntmachung von Ihren und Smart's Briefen in die 
Schranken stellen soDte, und jetzt ist es nicht nur mein, 
sondern unser Aller Wunsch. — Die Philharmonische Ge- 
sellschaft soil sagen, dass man gut in London wisse, dass 



Beethoven nach seiner ersten Akademie im Karntnerthor- 
Theater vor zwei Jahren, nach Abschlag aller Unkosten, 
-vvpzu auch die 1000 Fl. kommenj welche er der Admini- 
stration fiir das Theater bezahlen musste, nur 300 Fl. W. W. 
iibrig blieben; denn kein einziger der Abonnenten be- 
zahlte ihm fiir seine Loge rnir einen Heller, und nicht 
-emmal der Hof Hess sich in dieser Akademie sehen, ob- 
wohl Beethoven unter meiner Begleitung alle Glieder des 
kaiserlichen Hauses personlich einlud. Alle versprachen 
j.\i kommen und am Ende erschienen sie nicht nur nicht, 
sondern iiberschickten ihm auch nicht einen Groschen, 
welches doch bei dem allergewohnlichsten Benefizianten 
nicht zu geschehen pflegt. 

Bei seinem zwei ten Concerte im selben Monate im 
Redoutensaal, musste die Administration, die es fur ihre 
Rechnung unternahm, bei 300 Fl. C.-M darauf bezahlen, 
und ich hatte die grosste Miihe, Beethoven abzuhalten, 
dass er nicht dieses Deficit von denen ihm von der Ad- 
ministration fiir dieses Concert garantirten 500 Fl. C.-M. 
bezahlte, indem es ihnaufs Tiefste schmerzte, dass die Ad- 
ministration durch ilm sollte einen Schaden leiden. 

Bei der Subscription fiir seine letzte grosse Messe 
wollte hier Niemand, auch der Hof nicht subscribiren, 
und andere unzahlige Niedertrachtigkeiten und Erniedrig- 
nngen, die der arme Mann erfahren musste. Dies Alles 
sollte jetzt bekannt g-emacht werden, weil jetzt die beste 
Veranlassung dazu ist. 

&anz Wien wusste es, dass Beethoven schon zwei, 
dann drei Monate krank liege, und Niemand bekiimmerte 
sich weder um sein Befmden, noch um seine okonomischen 
"Verhaltnisse, Hatte er also nach solchen traurigen Er- 
fahrungen hier noch Hulfe suchen sollen? Und bei Gott! 
hatte die Philharmonische Gesellschaft durch ihr edles 
Geschenk nicht den Impuls gegeben, und die Wiener auf- 
geregt, Beethoven ware gestorben und so begraben worden 
wie Haydn, hinter dessenBahre fiinfzehn Menschen gingen. 

Mit der Akademie, die der gesammte Korper unseres 
Theaters fiir das Grab-Monument geben will, sieht es so 



— 164 — 

aus. Der Norma-Tag nach Ostern ist in diese Woche 
verlegt worden, folgKch kamen mehr in diesem Monate. 
Das Concert am Mittag zu geben, rath Weigl nicht-, so- 
wie er auch vorschlagt, diesen Plan erst im nachsten 
Herbst auszufiihren. AUein bis dahin ist der wenige Eifer 
ganz erkaltet und Niemand denkt mehr datan, etwas da- 
fur zu thun. 

Auch iibfsr die arztliche Behandlung muss ich Ihnen 
etwas sagen. Gleich am Anfange der Krankheit liess- 
Beethoven seine friiheren Aerzte bitten, sich seiner anzu- 
nehmen. Dr. Braunhofer Hess sich entschuldigen, da. 
ihm der Weg bis zu ihm zu weit sei; und Dr. Stauden- 
heim kam endlich nach dreitagigem Bitten, aber er blieb 
aus, und kam nicht zum zweiten Male. Er musste sich 
daher einem Professor des allgemeinen Krankenhauses 
anvertrauen, den er noch auf eine hochst sonderbare Art 
erhielt. Namlich der Kaffeesieder Gehringer auf dem. 
Kohlmarkte, hatte eineri kranken Dienstboten, den er gern 
diesem Professor auf seine Klinik iibergeben wollte; — 
er schrieb desshalb diesem Professor Wawruch,. dass er 
ihn aufnehmen mochte, und ersuchte ihn zugleich, zu. 
Beethoven zu gehen, der eines Arztes bediirfe. Nach 
langerer Zeit konnte ich erst erforschen, dass der liebens- 
wiirdige Neffe, Karl v. Beethoven, wahrend er eines- 
Tages dort Billard spielte, dem Kaffeesieder diesen Auf- 
trag ertheilte. — Der Professor kannte weder Beethoven; 
noch seine Natur und behandelte ihn daher ganz schul- 
massig, Hess ihn die ersten vier "Wochen nur aUein zwei- 
undsiebenzig Flaschen Medizin nehmen, manchen Tag drei 
verschiedene, so dass Beethoven schon in den ersten Tagen 
des Januar mehr todt als lebend war. Endlich konnte- 
ich diesem Unbeile nicht langer mehr zusehen, und ging 
ohne Weiteres zum Dr. Malfatti, der ehemals sein Freund 
war. Dieser Hess sich lange Zeit bitten, und Beethoven 
selbst bat ihn bei dem ersten Consilio, um Gottes Willen 
sich seiner anzunehmen. Allein Malfatti wendete ehv 
er konne dies aus Riicksicht fur den anderen Arzt 
nicht thun, und kam die Woche ein, hochstens zwei 



" - - i65 - ' ' .. 

Mai zum Consiiio, bis er in den letzten acht Tagen tag- 
lich kam. 

Kurz, zu Ihnen kann und darf ich essagen: Beethoven 
■1st als Opfer der abscheulichsten Niedertrachtigkeit und 
Unwissenheit wenigstens zehn Jahr zu friih in's Grab ge- 
gangen. Doch die nahere Aufklarung iiber alles dieses 
bleibt einer spateren Zeit vorbehalten. 

Hummel ist am 9. wieder nach Weimar zuriickgereist. 
Er hatte seine Frau und seinen Schiiler, einen Hrn. Hiller 
aus Frankfurt, mit hier. Letzterer griisst Sie recht sehr, 
■ebenso auch Hummel. 

Die Auslagen fur die Leiche sind denn jetzt bcinahe 
beendigt, und betragen b.ei 330 Fl. C.-M. 

Ich hatte Ihnen noch sehr, sehr viel zu sagen, allein ich 
muss schliessen. Freund Lewinger griisst Sie Beide herz- 
hch; er ist so giitig, diesen Brief durch Rothschild zu ex- 
pediren. Auch Rau griisst Sie. Schreiben Sie uns nur 
recht bald. An Herrn Stumpf alles erdenklich. Schone 
und maiden Sie ihm, dass es Beethoven's Wille war, ihm 
■eines seiner neuesten Werke zu dediciren. Dies soil auch 
geschehen, wenn wir nur einiges finden, was ganz ist. 
Uebrigens ein herzliches Lebewohl von 

Ihrem alten Freund 
Schindler. 

Nach einigen Monaten schreibt Rau iiber diese An- 
: gelegenheit: 

Wien, den 17. Juni 1827. 

Beschuldige mich nicht der Nachlassigkeit, lieber 
Freund! weil ich dich iiber Beethoven's Angelegenheit so 
lange ohne Nachricht lasse. Dass ich die von der Phil- 
harmonischen Gesellschaft dem Verstorbcnen seiner Zeit 
uberschickten 1000 Fl. C.-M. reclamirte, habe ich dir ange^ 
zeigt. Der Testaments-Executor, Herr Hofrath Breuning, 
konnte und durfte hieriiber nichts verfugen, bevor nicht 
■die Convocation der Beethoven'schen Glaubiger in der 
Zeitung wie gewohnlich, angezeigt war. Diese Convocation 
fand am 5. Juni d. J. Statt. Ich schickte auf Anrathen 



deS Herrn TJaron v. Eskeles einen Rechtsfreund zur Tag- 
satzung, um meine Forderung erneuern zu lassen. Allein 
der Masse-Curator Dr. Bach trat verweigernd gegen- 
meine Anspruche auf. Um also diese Angelegenheit ur- 
giren, und mit erwiinschtem Erfolg betreiben zu konnen, 
brauche ich eine von der Philharmonischen Gesell- 
schaft ausgestellte und von der osterreichischen 
Gesandtschaft legalisirte Vollmacht, die iooo FL 
C.-M. auf dem Wege Rechtens zuriickzufordern, 
und einen Rechtsfreund zu diesem Zwecke zu er- 
nennen } wozu icb den Dr. Eltz proponire. 

Nach der Tagsatzung begabich michzum Dr. Bach, um 
mich mit ibm confidentiellement zu besprecben, weil ich 
die Schwierigkeiten nicht begreifen konnte, die man einer 
so gerechten Forderung entgegen zu stellen sucht. Er 
antwortete mir ehrlich und offen , dass er pflichtgemass 
fur den minder jahrigen Neffen so lange, a Is es ibm mog- 
lich sei, gegen jede Anforderung einscbreiten musse. Er 
glaube aber, dass man einem Frocesse und den damit 
nothwendig verbundenen oft bedeutenden Auslagen am 
kiirzesten ausweiche, wenn die philharmonisehe Gesell- 
schaft sich grossmiithig herbeiliesse , zu Beethoven's Mo- 
nument einen Beitrag von dieser Summe zu machen, den 
Rest aber dem Hause Eskeles oder Rothschild zur Ueber- 
sendung an die Gesellschaft zustellen zu lassen. Dr. Bach 
wird unter dieser Voraussetzung der Ausfolgung das- 
Geldes an die Gesellschaft so viel als mdglich forderlich 
sein. Baron Eskeles und mebre erfabrene Rechtsverstan- 
dige finden diesen Vorschlag sehr annebmbar, besonders- 
da seit der Zeit eine Hauptperson fur unsre Sache, nam- 
lich Herr Hofrath v. Breuning, mit Tod abging. Dieser 
brave Mann erkaltete sich bei der Beethoven'schen 
Licitation, und starb nach drei Tagen. Er'war der 
einzige Zeuge, dass die vorgefundenen iooo Fl. die von 
der Gesellschaft uberschickten .waren. ' Dein nachster 
Brief wird mir als Richtschnur zur weiteren Procedur 
dienen. 






■Y ' '■ 



167 — 



Die ganze Familie Eskeles und Wimpfferi . griissen 
dich und deine liebe Frau eben so herzlich als ich 

Dein Freund . 
Rau. 

Weiter berichtet Schindler: 

Wien, den 14. September 1827. 
Mein theuerster Freund I 

Ich ergreife die Gelegenheit, mit dem Ueberbringer 
dieses, dem englischen Kabinets-Courier Lewisey, Ihnen 
zu schreiben, und durch seine Giite Ihnen beiliegendes 
zum Andenken an unsern Freund Beethoven zu schicken. 
In Ihrem letzten Schreiben verlangten Sie eine Hand- 
schrift, und zwar von etwas schon Bekanntem. Hier der 
Schluss des Scherzo der letzten Symphonie. Das zweite 
ist eines jener merkwiirdigen Taschenbiicher, in die Beet- 
hoven seine Entwiirfe gewohnlich unter freiem Himmel, 
schrieb, um sie zu Hause dann in Parti tur auszuarbeiten. 
Ich war so gliicklich, mehrere derselben zu retten, die fur 
mich das grosste Interesse haben. Es wird zwar Niemand 
klug aus diesen Aufzeichnungen, ausser man weiss, von 
welchem Kinde sie der Embryo sind. Dies Her folgende 
enthalt den Entwurf zu einem seiner letzteh Quartette, 
und wenn Sie diese Quartette einstens horen, so werden 
Sie sicher darauf kommen, zu welchem es gehort. Einige 
Gedanken sind gariz deutlich niedergeschrieben. — Ich 
glaube, dass ich Ihnen damit einen Beweis meiner Freund- 
schaft gebe, indem ich Sie zugleich versichere, dass ausser 
Ihnen kein Mensch eine ahnliche Reliquie erhalten, noch 
je erhalten werde, — ausser gegen viel Geld. Das Por- 
trait von Beethoven ist Ihnen bereits durch Lewinger 
iiberschickt worden, wie er mir gestern sagte; wenn es 
nur jenes ist, wo er schreibend lithographirt ist; denn das 
ist das allerbeste; die anderen sind alle nichts werth. Auf 
demBlatte worauf er schreibt, steht: „Missa solemnis". Ich 
wollte Ihnen alles zusammen durch Herrn Clementi schicken, 
dessen Bekanntschaft ich in London machte, allein ich 



■■,"?"' '■' 



— ifeS . — 

versaumte seine Abteise, von der ich auch nicht uhter- 
richtet war. 

Pixis war aus Paris hier. Er hielt sich vierzehn Tage 
auf und reiste gestern von hier iiber Prag wieder zuriick 
nach Paris. Gestern ist auch Spontini von hier abgereist, 
Er macht eine Rekrutirungs-Reise. Hier hat er meine 
Schwester engagirt und wahrscheinlich gehe ich nachstes 
Friihjahr mit ihr nach Berlin, da das Karntnerthor-Theater 
ohnehin wieder gesperrt werden wird. Wenigstens ist 
gewiss, dass die Administration des Barbaja mit Ende 
nachsten April author t; was also dann mit de'm Theater 
geschieht, steht zu erwarten. Man spricht hier stark da- 
von, dass Madame Pasta fur nachsten Winter hier her 
kommen werde, Es ware mir sehr lieb, die Wahrheit 
von Ihnen zu horen, welche Sie leicht erfahren konnen, 
weil ich es riicksichtlich meiner Schwester gern sane, wenn 
sie sie noch horen konnte. Vielleiclit konnten Sie mir 
dieses auf einem Blattchen Papier in einem Brief an Le- 
winger oder Rau melden, sowie auch die Bestatigung des 
Empfanges dieser Papiere. Uebrigens wiinschte ich auch 
Ihr und Ihrer lieben Angehorigen Wohlbefinden zu ver- 
nehmen. 

Die Beethoven'sche Abhandlung geht sehr langsam 
von Statten, weil so manche Hindernisse eingetreten sind. 
Im Juni starb der Hofrath v. Breuning, dieser hochst 
wiirdige Mann, und nun ist bereits seit sechs Wochen der 
Curator krank. Ich bin nur neugierig, was mit dem eng- 
lischen Gelde geschehen wird. Das Grab-Monument soil 
nachstens aufgestellt werden. Piringer und einige andere 
haben es machen lassen. Ich habe noch gar nichts davon 
gehort und gesehen; denn sie treiben alles im Stillen, 
wahrscheinlich urn nur den Ruhih allein davon zu haben. 
In Prag hat ein Herr Schlosser eine hochst miserable 
Biographie iiber Beethoven herausgegeben ; hier kiindet 
man ebenfalls schon eine Pranumeration auf eine an, die 
wie ich hore Herr Graffer verfassen will, — und der von 
Beethoven auserkorene Biograph ist doch Hofrath Roch- 
litz in Leipzig, fur den er mir und Breuning sehr wichtige 



- " — - 160 — 

Papiere iibergab. Nun aber hat der ' neu aufgestellte 
Vormund iiber Beethoven's Neffen die Papiere des Breu- 
ning Herrn Graffer ubergeben, welches zwar ^.bscheulich 
ist, aber nichts schadet, weil jene grosstentheils Familien- 
Papiere waren, und die wichtigsten ich in Handen- habe. 
Fur diesmal Gott befohleh. 

Dies von Ihrem. 
aufrichtigsten und dienstfertigsten Freunde 
Ant. Schindler. 

Die Losung der Angelegenheit, in die Moscheles sich 
durch den dem grossen Todten geleisteten Freundesdienst 
verwickelt sah, sollte nicht gerade befriedigend ausfallen. 
Im Februar 1828 erhielt Moscheles folgenden Brief: 

Wien, 10. Februar 1828. 

An seine Wohlgeboren, Herrn Ignaz Moscheles, Mu- 
sikcompositeur und Mitglied der Philharmonischen Gesell- 
schaft in London. 
Wohlgeboren 

Insonders hochzuverehrender Herr! 

Nach dem am 4. Junius 1827 hier in Wien erfolgten 
Tode ctes k. k. Herrn v. Breuning bin ich von dem Wiener 
Stadt-Magistrate gerichtlich zum Vormunde des noch in 
der Minderjahrigkeit stehenden Carl v. Beethoven, Neffen 
und Erben des am 26. Marz der musikalischen Welt leider! 
nur zu fruhe entrissenen Compositeurs, Ludwig v. Beet- 
hoven ernannt worden, welcher schweren und verantwort- 
lichen Last ich mich einzig und allein aus dem Grunde unter- 
zogen habe, um den mit Talenten begabten, aber (ich ge- 
stehe es offen und ,mit Wehmuth) schon friiher einiger- 
massen auf Abwege gerathenen Neffen des grossen Mannes, 
der von Kindheit an das Beste desselben mit Nachdruck 
bezweckte, der aber in der Wahl der Mittel hiezu, und 
im Erfolge minder glucklich war, wieder auf gute Wege 
zuriickzubringen, weil dieser Mann zu mir eih besonderes 
Vertrauen zu hegen sich geaussert, und weil er auf der 
schon friiher eingescnlagenen militarischen Bahn (er ist 



■3 . - — jyo- — . 

';■ '.]■ Cadet in einem k. k. Infanterieregimente) fortan das beste 

-;"■ Verhalten bevverkthatigt hat. 

Was das hinterlassene geringe Vermogen Beethoven's 
betrifft, welches nacb den vorliegenden gerichtlichen Aus- 

■■■r weisen (iiber Abzug der bedeutenden Passiven , dann der 

grossen Krankheits- und Leichenkosten) vielleicht kaum 
iiber Sooo Gulden in osterreichischem Papiergelde aus- 
machen wird, so bin ich eben daran, die Abhandlung 
pflegen zu lassen, und die gerichtliche Depositirung ein- 
zuleiten, indem mein Pupill nach der testamentarischen 
Anordnitng des Erblassers nur lebenslanglich vom Nach- 
lasse den Fruchtgenuss hat, das Stamm-Kapital aber seinen 
natiir lichen oder testamentarischen Erben verbleibt, wo- 
rauf die Substitution gerichtlich vorgemerkt wird. 

Nebst mehreren anderen Schulden, welche bei der 
Convocation der Ludwig v. Beethoven'schen Glaubiger 
gerichtlich angemeldet, und zu Protocoll gegeben wurden, 
erscheint auch eine Forderung, welche der Herr Hof- und 
Gerichts-Advocat Dr. Eltz in Wien, als Vertreter und im 
Namenlhres Freundes HerrnRau und zwar in Vollmachts- 
nahmen- der Philharmonischen Gesellschaft in London, 
: angemeldet hat, welche 1000 Fl. K.-M. betragt, und welche 

■ • Summe dasjenige Geld sein soil, welches die Philharmo- 

nische Gesellschaft schon viel friiher und bei Lebzeiten 
des Herrn Ludwig v. Beethoven demselben als Unter- 
stutzung ubersendet und geschenkt hat. 

Da nun vor der gerichtlichen Einantwortung des 
Ludwig v, Beethoven'schen Nachlasses entweder die Be- 
richtigung dieser, von clem Herrn Dr. Eltz vorsichtsweise 
angemeldeten Forderung, oder die . Abstehung von dersel- 
ben nachgewiesen werden muss, und da mir als Vormund 
dringend daran liegt, diese Abhandlung auf das schnellste 
zu Ende zu fiihren; so habe ich Euer Wohlgeboren als 
einen der besten und wiirdigsten Freunde Beethoven's und 
als das Organ der hochherzigen und grossmiithigen 
Philharmonischen Gesellschaft London's, nicht minder als 
den, auch in weiter Entfernung von uns hochgeschatzten 
und verehrten Landsmann, endlich im Namen eines ver- 



•:-■•■ ■ 171 — 

. ' ' ' - '"■.■.'■ 

waisterij ' durch den Tod seines Oheima als seiner einzigen 
Stiitze, in grosse Nahrungssorgen versetzten talent- und 
hoffhungsvollen jungen (ein und zwanzigjahrigen) Mannes 
hiermit .ergebehst ersuchen wollen, dass dieselben die Giite 
haben, die nothige Einleitung zu treffen, dass die sicli 
so grossmiithig bewiesene Philharmonische Gesellschaft" 
von ihrem nur vorsichtsweise durch Herrn Rau und in 
dessen Vertretung durch den Herrn Dr, Eltz angemelde- 
tenAnspruch abstehe, und dem Herrn Rau die Ermaeh- 
tigung ertheile, in Hinsicht dieser Abstehung seine Er- 
klarung gehorigen Ortes abgeben zu konnen. 

Indem mir nun nichts als das Wohl eines der besten 
Hoffnungen gewahrenden jungen Mannes, der an seinem 
Oheim und Vormund Herrn Ludwig v. Beethoven, seine 
einzige Stiitze verloren hat, und dessen Liebling war, am 
Herzen liegt, und da ich voll Vertrauen sein kann, dass 
die hochherzige Philharmonische Gesellschaft die dem 
Verstorbenen geleistete Unterstutzung, wenn sie auch ein 
gegebenes und lange vorher ubergebenes Geschenk recht- 
lich zuriickzuverlangen berechtigt, und wenn die namliche 
Summe auch wirkhch in natura vorhanden ware, nicht. 
mehr zuriickzuverlangeri geneigt sein wird; so wende ich 
mich in diesem festen Vertrauen an Euer Wohlgeboren, 
und somit durch Sie an die erhabene Gesellschaft selbst 
mit der Bitte, das geringe Vermogen, aus welchem ich 
meinen Pupillen unterhalten soil, und wovon ich ja.hr lich 
keine 400 Fl. K.-M zu erhalten hoffen kann; nicht noch 
mehr schmalern zu wollen, und zwar um so minder, als 
ich nach den vorhandenen Rechnungsbelegen viel iiber 
1000 El. K.-M. an Krankheits- und Leichenkosten und 
anderen Schulden berichtigen musste, und da ich, man 
kann mir vollen Glauben beimessen, in grosser Verlegen- 
heit bin, wie ich meinen Pupillen vor kiinftigen Nahrungs- 
sorgen sicher stellen soil, bis er doch das Gliick haben 
wird, eine Offtciersstelle zu erhalten, in der er ohne an- 
derweitige Unterstutzung auch in Verlegenheit . sein 
wiirde. 

Aus diesem Grunde werden mir Euer Wohlgeboren 



,>■ ^*, *«-■;->* -iffc.- 



>_T 



_ I?2 _ 

"hoffentlich auch meinen Wunsch nicht verargen, den ich 
in der Art auszusprechen wage, dass sich 1 die hochansehn- 
liche Philharmonische Gesellschaft und die alten Freunde 
und Verehrer Beethoven's vielleicht geneigt finden diirften, 
dem beriihmten Manne dadurch ein Andenken giitigst zu 
stiften, wenn sie zur leichteren Deckung seines Neffen und 
diirftigen Erben vor kiinftigen Nahrungssorgen eine wei- 
tere Unterstiitzun'g angedeihen lassen wollten, fur deren 
gerichtliche und fruchtbringende Anlegung ich zu sorgen 
mich.anzubieten wage und verpflichte. 

Ich will nicht einmal dem Gedanken Raum geben, 
-dass die so grossmiithige Philharmonische Gesellschaft bei 
der Geltendmachung ihres Anspruches verharren werde, 
muss aber doch die Bemerkung beifiigen, dass eine solche 
Schenkung, selbst wenn die Identitat des geschenkten, 
hereits iibergebenen Gutes erweislich ware, gesetzlich nicht 
widerrufen werden konnte, und ich bin gewiss, dass der 
Richter nicht gegen die Nachlassenschaft sprechen konnte; 
aber selbst Gerichtskosten und Verzogerungen wiirden 
mich bei dem geringen Verlassenschafts-Stande in noch 
grossere Verlegenheit setzen, besonders da ich noch, und 
zwar nicht unbedeutende, Abhandlungskosten, gesetzliche 
Legate, Mortuar- und Erbsteuer undrechtsfreundliche Aus- 
lagen zu bestreiten haben werde. 

.Ura endlich der Philharmonischen Gesellschaft auch 
dariiber Aufklarung zu verschaffen, dass Herr Ludwig 
v. Beethoven selig vor seinem Tode iiber seine Diirftig- 
keit klagte, und zu der hochherzigen Philharmonischen 
Gesellschaft seine Zunucht nahm, glaube ich dieselbe da- 
rin finden zu konnen, weil Beethoven seinen Neffen als 
seinen Sohn und Pupillen betrachtete, fiir dessen Unter- 
halt er sorgen zu miissen glaubte, weshalb er auch, wie 
mit Zuverlassigkeit gesagt werden kann, jene sieben 
Stiick Actien der osterreichischen privilegirten National- 
Bank, die er im Testamente zum Unterhalte des ihm 
theuer gewesenen Neffen bestimmte, nicht mehr als sein, 
sondern als des Neffen Eigenthum betrachtete, bei seiner 
Redlichkeit und Religiositat wohl wissend, dass ihm die 



' — 173 — "■ - . ■ 

schwere Last der Sorge fur seihen armen Neffen obliege v 
fur den er sein Leben geopfert hatte. 

Ich darf mit voller Gewissheit sag-en, dass Ludwig 
v. Beethoven's Manen dadurch das schonste Opfer gebracht, 
und seinem sehnlichsten Wunsche, den er durch seine 
ganze Lebenszeit so werkthatig dargethan bat, am meisten 
entsprochen wiirde, wenn seinem verlassenen Neffen, fur 
den ich mich, wenn ich. mit Gliicksgiitern begabt ware, 
und wenn ich nicht andere Verpflichtungen fiir meine. 
Angehorigen hatte, auch in dieser Beziehung gern auf- 
opfern mochte, eine solche Hilfe und Unterstiitzung ver- 
schafft wiirde, dass er vor kiinftigen Nahrungssorgen ge- 
sichert ware. 

Ich hoffe. Euer Wohlgeboren werden meine gute, ge- 
.wiss redliche, Absicht nicht verkennen, und mich desh,alb 
um so mehr entschuldigen, als ich Ihnen die Versicherung 
ertheilen kann,. dass ich aus blosser Zuneigung fur den 
Neffen des grossen Mannes mich der Pflicht der vormund- 
schaftlichen Sorge unterzogen habe, woriiber Ihnen Herr 
Rau, so wie iiber meinen Charakter nahere Auskunft er- 
theilen- kann. 

In der Hoffnung, dass ich unmittelbar, oder durch 

Herrn Rau bald mit einer geneigten und giinstigen Ant- 

, wort werde begliickt werden, gebe ich mir die Ehre, mich 

und meinen Pupillen Ihrer Gewogenheit bestens zu em- 

pfehlen, und mich mit aller Hochachtung zu zeichnen 

Euer Wohlgeboren 

gehorsamster Diener 
Jacob Hotschebar 

K. Hofconcipist, 
wohnhaft am alten Fleischmarkte Nr. 695, 

Hierzu schrieb Rau: 

Wien, den 10. Februar 1828. 

Lieber Freund! 

Ich iiber sen de Dir hiermit ein Schreiben von detn 

Curator der Beethoven'schen Verlassenschaft. Du wirst 

daraus ersehen, dass die gerichtlichen Verhandlungen sich 

ihrem Ende nahern. Ich wurde von Amtswegen aufge- 



.'"■'— 174 — ■ 

■■'■. j 

- L fordert, eine Erklarung iiber die von der Philhafmonischen 

Gesellschaft eingeschickten 1000 Fl. zu geben. Da ich 
aber von Dir nichts "Weiteres erfuhr und auch keine Ver- 

. ', bindlichkeit fur iriich ohne Instruction ubernehmen wollte, 

so bat ich um Aufschub, bis 'eine Antwort und Aufkla.- 
rung hieriiber von Dir erfolgt. Das Schreiben des Cura- 

' L tors wird Dich au fait des Ganzen setzen. 

Im Vertrauen! Kannst Du eine Verzichtleistung auf 
die 1000 Fl. bewirken, so wird manche Unannelimlichkeit 
und vielleicht ein Process beseitigt. Selbst Dr. Eltz und 
Baron Eskeles meinen, dass der Beweis, dass die vorge- 
fundenen 1000 Fl. gerade die von der Gesellscbaft ein- 
geschickten waren, um so schwerer zu fiihren sei, da seit 
i der Zeit der zur Inventur beordnete Hofrath Breuning 

mit.'Tod abging. — Sollte jedoch gegen alles Vermuthen 
das Geld zuriickverlangt werden, so muss von der Phil- 
harmonischen Gesellschaft eine legalisir'te Vollmacht 
-fur den Dr. Eltz eingeschickt werden, damit er im Wege 
Rechtens auf Kosten der Gesellschaft seine Anspriiche 
geltend mache. — Diese Procedur konnte ijbrigens die 
ganze Summe aufzehren. — Ich bitte um baldige und 
bestimmte Antwort. 

'■■ Die ganze Familie Eskeles, Wimpffen, Ephraim etc. 

ist wohl, und alle griissen Dich und Dein liebes Weibchen 
eben so herzlich als ich 

v. ■ 

Dein Freund Rau. 

Moscheles conferirte hierauf mit den Directoren der 
Philharmonischen Gesellschaft und erwirkte ein still- 
schweigendes Abstehen von der Riickforderung ihres Ge- 
schenkes. Dieses in seinem ganzen Verlauf und Ausgang 
so unerquickliche Nachspiel zu Beethoven's Ende hat Mo- 
scheles viel Aerger und Kummer bereitet. Von Wien 
aus, wo man sich naturlich schamte, dass Beethoven in 
London Hilfe gesucht, hatte man ausgesprengt: Beethoven 
sei gar nicht so bediirftig gewesen; habe er doch jene 
£ 100 nicht angetastet und ausserdem noch Bankactien 
hinterlassen! Wie also habe sich Moscheles erdreisten 



— 175 — 

konnen, ,in London eine Subscription fur ihn zu eroffnenl 
Wie habe die Phiiharmonische Gesellschaft es wagen 
konnen, sich „unserm Beethoven" mit diesem Geschenk 
aufzudringen! Moscheles konnte sicb fur seine Person 
uber diesen Klatsch hinwegsetzen; ihm geniigte es, von 
einem Beethoven „Freund" genannt worden zu sein 
und ihm sein qualvolles Lebensende ein wenig erleichtert 
zu haben. Aber gerade seinem Andenken und der Phil- 
harmonischen Gesellschaft war er es schuldig, den That- 
bestand offen klar . zu legeii und jene Lasterzungen zum 
Schweigen ..zu bringen. Dies that er denn auch in einer 
dffentlichen Erklarung, welche dieRunde durch die Blatter 
machte. Die Haarlocke Beethoven's und die Aufzeich- 
nungen von seiner Hand, die Metronombezeichnungen zur 
neunten Symphonie und das Skizzenbuch, die Schindler 
ihm eingesandt, bewahrte er stets unter den heiligsten 
Reliquien. 

Will man wissen, in ivelchem Ansehen Beethoven's 
Andenken und das anderer deutschen Meister in London 
stand, so darf man nur den Inhalt der Philharmonischen 
Concerte dieser Saison durchgehen. Hier einige ihrer Pro- 
gramme mit den Tagebuchs-Bemerkungen : 

Erstes Concert der Saison: Sinfonia Eroica, unter 
Spagnoletti's Leitung kraftig gegeben; das erste All" zu 
eilend. Arie Rossini gesungen von Zuchelli, recht brav. 
Hummel A-m oil-Concert, gespielf von Schlesinger aus 
Hamburg. Fertig, aber nicht kraftig genug. Scene aus 
Spohr's Faust, gesungen von Miss Paton, recht brav. 
Ouvertiire Freischiitz, Symphonie in C, Haydn, nicht gut 
gewahlt fiir diesen Abend; das Andante wieder iibereilt. 
Arie aus Oberon, gesungen von Braham, aber mehr ge- 
gurgelt und geschrieen, als gesungen. Mayseder's Quar- 
tett in G. Mori erste Geige. Brillant -gespielt. Terzett 
aus Figaro undOuverture zu „Idomeneo" horte ich nicht mehr. 

Zweites Concert. Symphonie Mozart Es-dur, Arie von 
Beethoven, gesungen von Sapio. Barmann Clarinett-Solo, 
geblasen von dem sehr braven Wilman; Miss Stephens, 
die Allbeliebte, Arie aus ,, Titus", zu sehr in engli scher Ma- 



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:'l.: nier. Violin-Concert E-moll, Maurer, schon gespielt von 

V '■'. Kiesewetter — erne gut gearbeitete Composition. Trio von 

5- - - Handel und Ouverture zu „Egmont" versaumt. Schopfung,. 
T; ''. englisch Zuchelli. C-moll-Symphonie Haydn. 

t",' Trotz dieses langen Programms mussten in beiden 

'. Symphonien die Trio's wiederholt werden. 

';:-".' Drittes Concert. Beethoven's hinreissende C-moll- 

Symphonie und Mozart's in D. Braham, Miss Stephens,. 
.' Phillips sangen. F. Cramer spielte Mozart's Quartett in D. 

Hummer's Septett. 
'■ . Viertes Concert. Beethoven's Symphonie in B, 

Mozart's in C und die Ouverture zu „Anakreon" gingen 
heute vortrefflich. Ein Duett fur zwei Celli von B. Rom- 
berg, gespielt von Lindley und Sohn, war veraltet in Com- 
\ , position und Vortrag. Curioni, Phillips und die Damen 

" r . Caradori und Cornega sangen. Beethoven's Septett ver- 

-■•- • saumt, 

S". Fiinftes Concert. Haydn's Symphonie in C, Beet- 

'; •," hoven'sinA. Kiesewetter spielte Concert von Mayseder; ich 

-: ' mein Es-dur-Concert mit Begeisterung, und wurde gut auf- 

/ genorrimen. Eine ziemlich in die Breite gezogene, aber sonst 

■"■' . gut gearbeitete Ouverture von G., einem jungen englischen 

Componisten, wurde gegeben. Mmes. Caradoii und Cor- 
:."■'■- nega, desgl. Galli und Begrez sangen. 

Siebentes Concert. Haydn's Symphonie Es, Beet- 

;/ hoven Pastoral. Liszt spielte Hummel's H-moll-Concert 

r mit seltener Fertigkeit, doch zu rastlos. De Beriot, ein 

eigenes Concert, schon. Mme. Caradori, Braham, Galli 

' v sangen. 

■'■'.' Achtes und letztes Concert. Symphonie von Beet- 

hoven F, Mozart D, Violin- Quartett von Mozart, gespielt. 
von Kiesewetter, (damals schon sehr leidend, wenige Mo- 
; nate spater durch den Tod von einer qualvollen Existenz. 

erlost), Oury, Moralt und Lindley. William Beale, Schiller 
'" von Cramer, spielte sein D-rnoU-Concert in seinem mode- 

± rirten Styl. Mme. Caradori und Stockhausen sangen;, 

--- letztere besonders schon. Diese liebenswurdige bescheidene 

junge Frau, die es so ernst mit der Kunst meinte, war 



-v^:, 



— 177 — 

schon ein Liebling des Publicums, dabei aber in ihrer Be- 
scheidenheit und Strebsamkeit ein nachahmungswerthes 
Beispiel fur jede junge Kunstlerin. Als sie nach London 
kam, sang sie kaum mehr als die Schweizerliedchen ihrer 
Heimath mit ihrer lieblichen, glockenreinen, modulations- 
fahigen Stimrr.e. Mit ihren Liederchen hatte sie schon in 
den pariser Salons Furore gemacht, hatte aber audi dort: 
ernste Studien begonnen. Als sie am Ende des pariser 
Winters nach London ging und Engagements suchte,. 
fehlte es dort an einer Concert-Oratori'en-Sangerin, und 
Sir George Smart, der ihr Talent sogleich richtig erkannte 
erbot sich , ihr den englischen Text in seiner richtigen 
Gesangs-Aussprache einzustudiren, belehrte sie auch fiber 
gewisse herkommliche Vortragsmomente in Haydn 'schen und 
Handel'schen Oratorien, an denen die Englander, wie bereits 
friiher bemerkt, traditionell festhalten. Sir George fand 
bald, dass aus der gelehrigen Schiilerin eine Meisterin ge- 
worden war, eine unentbehrliche Stiitze der londoner, so- 
wie der grossen Provinzial-Musikfeste. Die beriihmte 
Sangerin blieb aber liebenswiirdig und bescheiden wie sie- 
gewesen war, und hielt es nicht unter ihrer Wiirde, durch 
ihre Schweizerliedchen zu entzucken, wie grossartig sie- 
auch im Oratorium auftrat. 

Weiter berichtet Moscheles: „Wir Kiinstler gaben> 
eine speisende, toastende, mit Musik durchwebte Festlich- 
keit fur den alten Clementi. Wir waren neunzig Perso- 
nen; jeder zahlte eine Guinee fur das Couvert, nur Clementi 
war unser aller Gast. Cramer und ich empfingen ihn in 
einem Zimmer allein, und erst als die ganze Gesellschaft 
sich versammelt hatte, fiihrten wir ihn zu dieser, und hal- 
fen ihn mit einem Sturm von Applaus begriissen. Er sass- 
zwischen dem an der Tafel prasidirenden Sir G. Smart 
und mir. Nach dem Essen begannen die Toaste, mit Mu- 
sik durchwebt, und nachdem Manche unter uns das Ihrige- 
geleistet, wurde bei Gelegenheit des Toastes auf das An- 
denken Handel's der Wunsch ausgesprochen, Clementi, der' 
Vater des Clavierspiels, moge doch heute die Tasten be- 
riihren. Donnernder Applaus. Clementi steht von seinemi 

Moscheles' Leben. 12 



' :/ '■' : - i 7 8 - ■;- : -'--- : ' : - 

Sitz auf, Smart, Cramer und ich geleiten ihn an's In- 
strument, Alles ist in der grossten Spannung; denn Cle- 
ment! ist seit Jahren von Niemandem gehort worden ; nun 
will er spielen, Alles horcht begierig. Er phantasirt uber 
ein Motiv von Handel und reisst uns Alle zur Begeiste- 
rung hin ; seine Augen erglanzen im Feuer der Jugend, 
die der Horer werden feucht. Er kehrt unter sturmischem 
Applaus und warmen Handedrucken an den Tisch zuriick. 

Clementi's Spiel war in seiner Jugend durch die 
schonste Verbindung der Tone, durch einen perlenden 
Anschlag in beweglichen Passagen und die sicherste Tech- 
nik ausgezeichnet. Noch heute erkannte und bewunderte 
man die Ueberbleibsel dieser Eigensehaften, ward aber 
ganz besonders durch die jugendlich genialen Wendungen 
seiner Improvisation entziickt. Frau Clementi mit meiner 
Erau und anderen Damen hatten von einer Galerie herab 
dieses schone Fest mitgemacht." 

Am Tage dieses Diner's schreibt Moscheles in einem 

- Brief: „Ich will nur einen Gxuss aufs Papier werfen, denn 

noch vor dem grossen Fest lechzen hier im Nebenzimmer 

zehn steife Finger nach mir, dass ich sie in Bewegung 

setze, wie vertrocknete Miihlrader nach Wasser lechzen." 

Cramer schrieb in dieser Zeit seine „Reminiscences of 
England", eine Phantasie iiber englische Motive, „solid und 
. gut gearbeitet," sagt Moscheles, „aber leider weder neu, 
noch genial." Hummel wollte seine neue Clavierschule in 
England verlegen, und ich unterhandelte fur ihn, sah die 
Sache jedoch daran scheitern, dass er den Preis auf £ 150 
, festgesetzt, die Verleger aber nur M 100" geben wollten." 
Eine Erfindung, die Fliigel durch eine Vorrichtung am 
Stimmstock, welche geriickt wurde, mit einem Male hoher 
Oder tiefer zu stimmen, ward in dieser Zeit gemacht, doch 
nicht praktisch befunden. 

In der Oper debutirte wahrend dieser Saisoa der 
Sanger G-alli und zwar mit entschiedenem Beifall; eine 
italienisirte Englanderin, Miss Ayton, hingegen gurgelte 
nur italienisch, detonirte aber englisch. Oberon wurde 
fortwahrend im Coventgarden-Theater gegeben, daneben 



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— i79 — - ' 

auch ,jDie Entfuhrung aus dem Serail", hier „The Se- 
raglio" genannt, aber nicht unverfalscht Mozartisch, wie 
wir Deutschen sie kennen, nein, ganze Stiicke herausge- 
schriitten und andere popular-englische eingelegt — eine 
schauderhafte Entweihung! „Der Verbrecher, der dies 
pasticcio auf dem Gewissen hat, ist der Kramer aus Brigh- 
ton, Director der koniglichen Capelle. Einigen Ersatz fur 
die musikalische Unbill des Abends gaben die reichen oft 
uberraschend schoiien Decorationen." 

Moscheles spielte bei der Herzogin von Kent in Ken- 
sington-Palace im Hofzirkel. „Die kleine Prinzess Victoria 
war.zugegen, und die Herzogin ersuchte mich, sogleich 
zu spielen, damit die Prinzessin, die fruh zu Bette gehen 
musse, mich noch horen konne. Wirklich verliess sie nach 
meinem zweiten Stuck die Gesellschaft. Ich musste viel 
auf einem Broadwood spielen, und auch der Herzogin von 
Kent ein Lied von Beethoven, ihr und der Prinzess Fec- 
dora ein Duett aus Zelmira begleiten. Die Herrschaften 
interessirten sich freundlich fur mein Spiel, aber am 
meisten, glaub' ich, fiir die Improvisation iiber einige der 
so modernen Tyrolerlieder, da die Herzogin die Tyroler 
hat zweimal bei sich singen lassen." 

Zur Erganzung seien hier einige Mittheilungen einge- 
flochten, die wir den Briefen der Frau entnehmen. „So 
ein Tag wie der vorgestrige kommt zum Gliick nur sel- 
ten fiir meinen armen Mann; erst die unvermeidlichen 
neun Lection en, dann das Diner der Royal Society of 
Musicians, wo er spielte, und zum Schluss eine Soiree 
bei Sir Richard Jackson, die bis zwei Uhr dauerte. 
Ueber andere Soireen schreibe ich Euch nicht, denn 
alle gleichen einander mehr oder minder. Ob nun bei 
Rothschilds auf „eitel Gold" servirt wird, das tragt nicht 
zum Amusement bei. Eins fiel mir beim Marquis of Hert- 
ford auf, dass namlich das ganze Haus, von der Treppe an, 
bis durch die Salons hin mit einem und demselben Teppich 
belegt und mit demselben kirschrothen Seidendamast 
moblirt und behangen ist. Das hatte ich noch nie gesehen." 

In dieser Zeit erschien Heinrich Heine in London. 



— i8o — ' 

Er war mit der Familie der Frau, wahr end seines Auf- 
enthaltes in Hamburg bekannt, dann durch ein doppeltes 
verwandtschaftliches Verhaltniss befreundet worden. Na- 
tiirlich hatte man in der kaufmannischen Stadt nicht so- 
gleich sein Genie erkannt, ahnte es nicht, wie der schmach- 
tende Jiingling sich entfalten wiirde. Gar Manche verarg- 
ten es ihm, dass er nicht zu jenen bequemen Naturen ge- 
horte, denen das Geschaftspult eines reichen Onkels die 
sichere Leiter zum Throne eines Goldherrschers wird. 
Er aber war Dichter und musste es bleiben ; so behielt er 
von seinen kaufmannischen Studien nichts iibrig als den 
Abscheu davor, und die wunderschone Handschrift.*) 



*) Wie er fiber diese Hamburger Kreise dachte, zeigen folgende 183& 
in Hamburg gedichtete Strophen, welche er in Frau Moscheles' Album schrieb ; 

Dass ich bequem verbluten Uann, 
Gebt ruir ein weites edles Feld! 
lasst mich nicht ersticken hier, 
In dieser engen Kramenvelt! 

Sie essen gut, sie trinken gut, 
Erfreu'n sich ihres Maulwurfigliicks *, 
Und ihre Grossmuth ist so gross, 
Als wie das Loch der Armenbfichs'. 

Cigarren tragen sie im Maul, 
Und in der Hosentasch' die Hand', 
Auch die Verdauungskraft ist gut — 
Wer sie nur selbst verdauen kcinnt! 

O, dass ich grosse Laster sah', 
Verbrechen blutig, colossal — 
Nur diese satte Tugend nicht, 
Und zahlungsfahige Moral! 

Ihr Wolken droben. nehmt mich mit, 
Gleiehviel, nach ivelcheni fernen Ort — - 
Nach Lappland Oder Afrilca, 
Und sei's nach Pommern, immer fort! 

nehmt mich mit! — Sie hBren nicht — 
Die Wolken droben sind so klug! 
Vorriiberreisend dieser Stadt . 
Aengstlich beschleun'gen sie den Flag. 

H. Heine, 



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;. '.' _. !8i _ . . ' ■■""■:-^ 

Als seine Reisebilder erschieneii, bluteten einige nicht ' :.' 

zu verkennende Personlichkeiten unter der Geisselung des : ;. 

riicksichtslosen Dichters und wollten ihm ubeL; ferner ':',,? 

Stehende ergotzten 'sich an der treffenden Satire, und ein- "■"-<£ 

stimmig fiihlte man, dass es solche Prosa n'och nicht gebe. ■* 

Heine's Deutsch war ein klarer, sonnenheller Quell, in dem r* 

sich seine Gedanken fasslich fur Jedermann spiegelten; die ■:%. 

Ausdrucksweise so mancher seiner ZeitgenosSen glich eher ?" 

«inemvondichtverwachsenemGestriippumdustertenWeiher. '■''■•} 

Auch nach England war naturlich der Ruf des merk- 

wiirdigen Mannes gedrungeh und kein Wunder war es, v?r 

dass sein Erseheinen in der londoner Gesellschaft Auf- ' ,i 

, sehen erregte. Die Frau berichtet : „Meine alte hamburger ' : 

Bekanntschaft Heinrich Heine ist nun auch hier, und na- ■"'■'."■-^ 

tiirlich wird uns der beriihmte, interessante Mann st'ets ':'• 

•eine hochst angenehme Erscheinung im Hause sein; er :% 

kommt auch oft ungebeten zu Tische, was mich glauben >i 

lasst, dass er gern mit uns vorlieb nimmt. Man kann "" '*■'_ 

sein Genie nur anstaunen, sich an seinen Schriften nur :., 
ergotzen; doch kann ich mich eines Anflugs von Furcht 

-ror seiner treffenden Satire nicht erwehren. Gleich bei ' :5 
seinem ersten Besuch hatten wir Beide ein komisches Ge- 

sprach mit einander; ich weiss nicht, wo ich den Muth ■ ;.' 

hernahm; aber als er mir erzahlte, was er zu sehen ; 

wiinsche, sagte ich: „Dazu und -zu alien Privatgalerien ^ 

und Parks, zu alien offentlichen Gebauden kann ich Ihnen 'f 

Einlasskarten verschaffen und mache mir es zur Elite; , J" 

nur verlange ich etwas dafiir, und mochte eihen Pact ;■■! 

•dartiber schliessen." Naturlich sollte ich mich naher er- v 
klaren und Hess mich nicht lange bitten. „Ich mochte", 

■erwiderte ich, „dass Sie in dem Buche, welches Sie jetzt - ,'\ 

uber England schreiben werden, Moscheles nicht nennen." / 
Nun war er erst recht erstaunt und ich erklarte weiter: 

-,,Moscheles' Specialitat ist die Musik, die interessirt Sie •■ 

vielleicht, aber Sie haben doch kein besonderes Verstand- ' '": 
niss dafiir, konnen also nicht eingehend daruber schreiben. 
Dahingegen konnten Sie leicht ifgend einen Anhalt fur 

Ihre genialisch satirische Ader an ihm finden und den "■'{ 



', : " ■..""*" - ! - - - ' . '" 1 . . ".'.■" ' - " ■'"■■■- - ■ ', """ ""''..' 

' ■— 182 — 

bearbeiten, das mochte ich nicht." Er lachte oder schmun- 
zelte vielmehr, auf die ihm eigenthumliche Weise, und 
■ '., dann gaben wir uns den Handschlag, er aufHinweglassung 

unseres Namens , ich auf Besorgung von Einlasskarten. 
Urn gleich mit der Erfiillung meines Versprechens zu be- 
ginnen, schrieb ich. sofort ura eine Einlasskarte zu den be- 
riihmten Raphael's." 

In' einem spateren Brief sagt die Frau: „Heine ging 
mit uns im Grosvenor- Square Garten spazieren, wozu uns 
*** den Schliissel gaben, und machte die witzigsten Be- 
merkungen iiber die vielen Schornsteine, die Einem in so 
einem Hauserviereck allerdirigs doppelt auff alien. . . Vor 
ein paar Tagen kam er so durchniisst im Hause an, dass 
ich ihn hinaufschickte — sich in Moscheles' trockene 
Chaussure zu stecken, und als er diese kurz vor seiner 
Abreise zuriickschickte, schrieb er folgendes Billet dazu: 

„Im Begriff, abzureisen, schreibe ichlhnen ein heiteres 
Lebewohl, und danke bei dieser Gelegenheit fur die freund- 
schaftliche Theilnahme, die Sie mir beide gezeigt. Ich be- 
dauere, dass ich vorgestern Madame Moscheles nicht zu 
Hause fand; Sie, Herr Moscheles, war en „ engaged" und ich 
wollte Sie nicht abrufen lassen. 

Ich bin beim Kofferpacken, und schicke daher endlich 
die geborgten Schuh und Striimpfe. Herzlich lachend er- 
bitte ich mir die als Depositum gelassenen Stiefel und den 
zweiten Reisebilder-Band. 1st es mir nur moglich, so sehe 
ich Sie noch einmal und sage Ihnen miindlich, dass ich 
Sie sehr, gar sehr schatze und liebe. 
Ihr ergebener 

32 Craven-Street-Strand H. Heine. 

July 1827." 

Carl Klingemann, der Freund Mendelssohn's, der be- 
gabte Dichter kam in diesem Jahr als Secretar der han- 
nover'schen Gesandtschaft nach London und ward schon 
nach einigen Wochen Hausfreund bei Moscheles. Wer 
kennt nicht seine reizenden, von Mendelssohn componirten 



- ;-'-"-' : ■'■"' : '■-■ '" ;: -'^.-"- : ' : ,"- '' " ' : .';;' ; . ■'■ ;w| 

Texte? "Fiir das Haus Moscheles war ef aber nicht nur .'->" 

als Dichter und Freund, sondern auch als Tenorsanger . i£j 

und musikalische Natur, als gesunder Beurtheiler musi- .' 

kalischer Schopfungen unentbehrlich geworden; so bestand _: \ ■'■'. 

die Freundschaft ungetriibt fort (es gesellte sich spater "-;;>: 

sogar noch ein verwandtschaftliches Verhaltniss dazu), bis - ",:,i 
der Tod KHngemann dahinraffte. - " 

Der brave Geiger Oury gab in dieser Saison Kam- -l;: 

mermusiken; de B£riot und Cramer glanzten, und der ■■■■■■-.' 

neunjahrige Schiller Paganini's, Camillo Sivori, tauchte auf, ."_'.'. 

„ein wahres Wunder an Kraft, Reinheit und sinnigem ' ■; 

Vortrag." /"■•■ 

Es wird in dieser Zeit viel iiber die Reise des Vaters S 

und der Schwester nach London correspondirt , und Mo- .: 

scheles schreibt: „Wir haben reichlich Platz fur Sie Beide, 
sollten Sie ihn aber zu beschrankt flnden, so ist der in ' 

unseren Herzen ura desto geraumiger. Auch sollten Sie ■ '. ' 

den Jungen sehen, wie er an mir heraufklettert und mir 
ein obligates Accompagnement in den Brief hineinschwatzt : ..; 

— das wiirde Sie auch anziehen, denn er ist jetzt aller- 
liebst." Ein andermal, wo er uber die Hitze in London 
klagt, sagt er: „Wenn Charlotte artig ist, bekommt sie -' ;1 

zur Erfrischung Eis zu essen, das heisst also, sie muss \ 

alle Tage Eis essen."' 

Endlich kamen die lieben Gaste, und bald konnte die 
hilfreiche Schwester ein kleines Madchen, ein erstgebore- 
nes Tochterchen iiber die Taufe halten. Die Freude ira 
Hause iiber dies Ereigniss war urn so grosser, als Mutter 
und Kind sich durchaus wohl befanden und Moscheles, - ,-■ 

aller Sorge enthoben, frisch an seine Phantasie iiber 
schottische Themen gehen konnte; er wollte noch in diesem "-■ 

Winter nach Schottland und in dieser Phantasie zeigen,. 
wie er die Nationalmelodien kenne und wiirdige, noch ehe 
er das Land bereiste. r* 

Hier, wie bei ahnlichen Gelegenheiten tritt die bren- ~ --.-: 

nende Frage des Alleinreisens storend zu Tage, bis sie . - ; 
sich endlich zur Befriedigung der Ehegatten, trotz der 
rauhen Jahreszeit und trotz der beiden' kleinen Kinder, ,,;, 



— 184 — 

■die man nicht allein lassen will, in „Zusammenreisen" auf- 
lost. Der arztliche Freund hat seine Zustimmung gege- 
ben und das Resultat ist ein ungestort gliickliches. Sie 
gehen zuerst nach Liverpool, wo Moscheles, von dem 
Concertunternehmer Mr. Wilson engagirt, mit dem ge- 
wohnten Beifall spielt; ebenso in Chester, immer in Ge~ 
sellschaft von Mori, Phillips, Miss Paton und Mrs. Atkin- 
son. Das schonste Wetter begleitet sie, und sie konnen 
in vollen Ziigen die klare reine Luft im Gegensatz zu der 
driickenden londoner Atmosphare genies?en." So endet 
das Jahr 1827. 



1828. 



Am 1. Januar nach Liverpool zuruckgekehrt, spielte 
Moscheles hier am 2. im Subscriptions-Concert, und trat 
am nachsten Morgen mit Frau und Kindern bei Schnee 
und Eis die Reise nach Edinburgh art, wo sie nach sechs- 
undzwanzigstiindiger Fahrt gliicklich ankamen. 

3. Januar: „Der gestrige Gang durch die Stadt uber- 
raschte mich auf jedem Schritt. Die ^ alten, mitunter 
sechszehnstockigen Hauser, von^lauter unbemittelten Fa- 
milien zimmerweise bewohnt, bieten Nachts durch die, 
wenn auch -noch so schwache Beleuchtung jedes Fensters, 
den Anblick einer Art Illumination. Als ich auf dem 
Viaduct stand, welcher die Alt- und Neustadt verbindet, 
hatte ich links diese alten Hauser, rechts die herrliche 
Princes Street und den ganzen neuen Stadttheil, der eben 
jetzt im Entstehen ist, und der aus einer Anzahl von Cres- 
cents-Squares ,und Strassen mit vielen schonen palastahn- 
lichen Hausern, alle aus Quadersteinen, bestehen wird. 
Solcher Bauten sieht man viele auch in anderen Stadten, 
aber Princes Street ist gewiss einzig in ihrer Art. Strasse 
auf einer ihrer Langseiten, 'ist sie Gartenanlage auf der 
anderen; auch das sieht man zwar in London; dass aber 
ihre Hauserseite rechtwinklig durch Hiigelstrassen durch- 



* -■ , . - i85 - . 

schnitten wird, von denen aus man eirien 'Blick auf den 
Seearm „Frith of Forth" hat, und dass mitten in ihren 
•Gartenanlagen das alte Schloss Edinburgh-Castle hoch 
auf einem Felsen liegt, das ist originell, imposant und 
iiberraschend. Bei meinem Abendspaziergang sah ich ein 
von der Wache abgelostes Highlander Corps in der Na- 
tionaltracht von dem erleuchteten Schlosse herabsteigen 
und dicht an mir vorbeimarschiren, wobei ich auch die 
«cht schottische Musik von drum and fife (Trommel und 
Pfeife) genoss." 

Die vor der Ankunft gemiethete Wohnung in- Fre- 
derick Street (einer jener Hiigelstrassen,) bot auch eine 
grosse Sonderbarkeit dar. Sie bestand in einem erhohten 
Parterre, das unter dem Nachbarhause hinlief, dem sich 
aber keine zu oberen Etagen fiihrenden Treppen an- 
schlossen; das Nachbarhaus hingegen hatte gar kein 
Parterre, und der Eintretende fand erst eine Treppe hoch 
■eine Klingel, die ihm Einlass in die erste Etage verschaffte. 
Hausthiire und Treppe standen ganz offen. Dieselbe selt- 
same Bauart" zeigte sich bei vielen anderen Hausem. 

Diese'Winterreise, welche zu kunstlerischen Zwecken 
vorbereitet und unternommen war, stiess auf ein grosses 
Hinderniss. Eine italienische Operngesellschaft, der eine 
bedeutende Subscriptibnsliste voraUsging, war auch so- 
eben in Edinburgh angekommen und hatte, unbekiimmert 
um das schon angekiindigte Concert von Moscheles, den- 
selben Abend zu ihrer Vorstellung bestimmt, absorbirte 
also Orchester und Publicum. Zwar wurde es wahr, was 
die Kiinstler behaupteten: Man werde mit Proben des 
Localchors und Orchesters bis zum ahberaumten Tage 
nicht fertig werden, Moscheles solle den iibrigens gunstigen 
Concerttag also nicht verandern. Da die Opern- Vorstellung 
aber erst am selben Tage abgesagt wurde, so that sie 
dem Concert doch Eintrag, und da das Orchester und sein 
tiichtiger Director hoch am Concertmorgen Theaterprobe 
hielten, so plagte sich Moscheles mit einigen zusammen- 
gewurfelten Musikern, „unter denen die Blaser (grossten- 
theils Regimentsmusiker) im Highland -Kilt mit unbe- 



■■:; . ■ ■' .. _ j86 — 

■ ; - kleideten Knieen erschienen und leider ihre Sache reeht 

V* : schlecht machten." 

r Da Moscheles bei dem Publicum, das zwei Drittel des 

Saals fiillte, Furore machte, und seine Phantasie „The An- 
ticipations of Scotland" jubelnd aufgenommen wurde, so 
riigten alle Zeitungen einstimmig die geringe Theilnahme 
fur sein Concert. Dieser Appell an die Ehre der Edin- 
burgher wirkte denn auch: zu den beiden folgenden Con- 
certen stromte das Publicum um so zahlreicher heran. 

Von grosserem Interesse aber sind die Notizen iiber 
Sir Walter Scott, den Moscheles damals kennen lernte. Man 
bedenke nur, dass diese Bekanntscliaft in eine Zeit fallt, wo 
die Lesewelt ihn schon als den „grossen Unbekannten" ent- 
deckt hatte und sich beeiferte, ihm den Dank fur die 
ganz orjginelle Lecture, die er dargeboten, abzutragen. 
. Die bis dahin am meisten. gelesenen Romane ergingen 
sich in Sentimentalitat. Die Romane der sehr beliebten 
Miss Austin und Miss Edgeworth verfielen nicht in diesen 
Fehler, bewegten sich aber in einer engen "Welt und 
schilderten nur Zustande des Familien- und Gesellschafts- 
lebens. Scott war der erste, der historisch interessante 
Personlichkeiten als Mensehen von Fleisch und Blut han- 
delnd und selbstredend auftreten Hess; dazu wahlte er 
seine meisten Episoden aus der ziemlich unbekannten 
schottischen Geschichte und verfiocht sie, wenn auch nicht 
ganz getreu, doch anziehend in seine Erzahlungen. Be- 
denkt man dies Alles, so wird man es begreifiich nnden, 
dass er in jener Zeit als grosster Romandichter dastand, 
und dass der Geschmack der Damenwelt, der seitdem von 
einem Eugene Sue, einem Alexandre Dumas und einem 
"Wilkie Collins aufgestachelt und in andere Bahnen 
gedrangt worden, damals das grosste Wohlgef alien 
an Scott's verhaltnissmassig einfachen Schilderungen 
fand. 

Sein Billet, das den soeben eingesandten Empfeh- 
lungsbrief des Moscheles'schen Ehepaars -beantwortete, 
ward naturlich mit grosser Freude aufgenommen. Da 
ihn die Gicht an's Haus fesselte — hatte er geschrieben — 



so mochten sie ihm das Vergniigen machen, bei ihm 
zu friihstiicken, statt seinen Ausgang abzuwarten. 

Am andern Morgen urn 10 Uhr klopfen sie denn auch 
an das Haus Nr. 6 Shandwick Place, wo der beriihmte 
Mann mit seiner zweiten, unverheiratheten Tochter zur 
Winterszeit wohnte. „Er offnete selbst," erzahlt Mo- 
seheles, „den kurzen und noch dazu gichtigen Fuss auf 
seinen Stock gestiitzt, und bewillkommte uns mit herzge- 
winnender Freundliehkeit. Ehe wir abgelegt hatten, war 
schon die „Furcht" meiner Frau vor dem grossen Manrie 
verschwunden und wir beide vollkommen zu Hause. Es 
ging nun gleich an das Mahl, ein echtes Scotch breakfast; 
zwei gepuderte Diener trugen es \m elegantesten Silber- 
geschirr auf; die Wiirze jeder Speise aber war die Unter- 
haltnng mit dem heiter belebten liebenswiirdigen Haus- 
herrn. Er versteht deutsch und ist in unserer Literatur 
vollkommen bewandert, ein warmer Verehrer Gothe's. 
Dann erzahlte er Anecdoten, denen zu Folge seine wenig 
rnusikalische Natur allerlei Niederlagen erlitten baberi 
so.llte. „And how do yon like my cousin the piper?" 
fragte er mich. „You know, we Scotch are all cousins." 
(Und wie getallt Ihnen mein Vetter, der Dudelsack- 
pfeifer? Sie wissen, wir Schotten sind Alle aus einer 
Vetternschaft) Ich konnte mich freilich nicht fiir die 
Sackpfeifer begeistern, und das hatte er vermuthet, meinte 
aber, der Effect dieser Nationalmusik auf eingeborene 
Bergschotten sei wunderbar; sie sturzten sich in den 
Strassen Edinburghs dem herumwandernden piper nacb, 
und im Kriege sei eben diese Musik bis zum' Todesmuth 
begeistern d. „You should hear my cousin the piper play 
and sing the Pibroch o' Donald Dhu, but with the gaelic_ 
words." (Sie sollten meinen Vetter den Pibroch — ein 
Schlachtgesang — mit Begleittmg der Sackpfeife singen 
horen, aber mit dem gaelischen Text!). Dieser Text ge- 
hore dazu, damit Feuer durch alle Adern strome, aber die 
Melodie allein sei auch schon fortreissend. Er fing an, 
sie zu singen, und schlug dabei mit dem Stock, den er 
nie weglegte, den Takt auf den Teppich, meinte danr* 



— 188 — ■ '■" ' 

aber, es ginge nicht recht, er singe zu schlecht; eine eben 
eingetretene Cousine miisse mir oben die Melodie vor- 
spielen. Wir gingen hinauf, sie spielte mir das Motiv, ich 
improvisirte dariiber und gewatin mir das jugendlich 
frische Herz meines Wirthes. Es mussten mir immer 
mehr schottische Weisen gespielt werden, ich musste sie 
spielen, variiren, verweben, verflechten. Endlich schieden 
wir nach gliicklich verlebten Stunden, und doppelt ghick- 
lich, weil sie nicht bios interessant waren, sondern weil 
die Herzensgiite, die Scott auf dem Gesicht geschrieben 
steht, auch aus jedem seiner Worte spricht. Meine Frau 
behandelte er wie ein liebes Tochterchen, kiisste sie beira 
Weggehn auf die Wange und sagte, er komme bald, um 
die Kinder zu sehen und ihnen ein Buch zu bringen. Es 
waren seine „Tales of agrandfather"(„ErzahIungen desGross- 
vaters"), fur seinen Enkel John Lockhardt geschrieben. In das 
Exemplar, das er den Kindern schenkte, schrieb er die 
"Worte: „To Adolphus and Emily Moscheles from the Grand- 
father (An Adolph und Emily Moscheles vom Grossvater.)" 
Leider ward er von Stunde an wieder durch die Gicht 
gefesselt, und diesmal an's Bett. Bis zum dritten Concert, 
das eine Matinee war, ging es besser, und zur Verwun- 
derung der fashionablen dicht gedrangten Versammlung, 
trat Sir W. Scott kurz vor Anfang des Concertes ein. 
„Meine Frau", sagt Moscheles, „sass wie gewohnlich bei 
meinen Concerten, in einem versteckten Winkel des Saales, 
aber er fand sie gleich, und setzte sich zu ihr, was so viel 
bedeutete, als der beneidete Augenpunkt der ganzen ver- 
sammelten Damenwelt zu werden. Seine lauten Bravo's, 
sowie die Lobeserhebungen, in die er bei meinem Spiel aus- 
brach, vermehrten diese Erregung, bis sie bei den Scotch 
airs ihren Culminationspunkt erreichte. Im Zwischenact 
fragte er sie, ob sie Burger's, „Der Dichter liebt den 
guten Wein" kenne, und auf ihre Bejahung erzahlte er, 
wie sehr ihm das Gedicht gefalle und wie er es in's Eng- 
lische iibersetzt habe, hinzusetzend: Would you like to 
have it? I shall send it you. („M6chten Sie es haben? Ich 
werde es Ihnen zuschicken.") Auf ihre weitere Bitte, er 



— 189 — 

moge ihr das Lied deutsch hersagen, ging er zu ihrer 
grossten Freude bereitwillig ein, wahrend die Nachst- 
sitzenden aufhorchten." 

Am folgenden Tage, dera letzten vor ihrer Abreise, 
bekam sie folgendes Billet von ihrem greisen Verehrer: 
My dear Mrs. Moscheles. 

As you are determined, to have me murder the pretty 
song twice, first by repeating it in bad german and then 
by turning it into little better english, I send the promised 
version. 

My best wishes attend your journey, and with best 
compliments to Mr. Moscheles I am truly and 

respectfully yours 
Walter Scott. 

(„Meine Hebe Mme. Moscheles! Da Sie entschieden 
wunschen, dass ich das hubsche Lied zweimal morde, erst 
indem ich es in schlechtem Deutsch hersage, dann indem 
ich es in wenig besseres Englisch kleide, so sende ich 
Ihnen die versprochene Version. Meine besten Wiinsche 
begleiten Sie auf Ihrer Reise und indem ich mich Herrn 
Moscheles freundlichst empfehle, bin ich aufrichtig Ihr 

ergebener W. Scott.'*) 

„Seine Unterschrift sah aus wie Waller Scoll, da er 
die Gewohnheit hatte, nie einen T-strich zu machen, eben- 
sowenig I-punkte, und doch war er Clerk (Secretair) des 
Gerichtshofes, und wir hatten den Spass, ihn noch Tages 
vor unserer Abreise dort am griinen Tisch unter einem 
Wust von Acten sitzen zu sehen." . 

Moscheles hatte ihm sein Album mit der Bitte urn 
einen Beitragubersandt, und Scott hatte darin folgendes Ge- 
dicht von Grillparzer gefunden: 

Tonkunst, dich preis* ich vor Allen, Aber du sprichst hoh're Sprachen, 
Hochstes Loos 1st dir gefallen, Die kein Hascherchor versteht, 

Aus der Schwesterkiinste drei, TJngreifbar durch ihre Wacheii 

Du die frei'ste, einzig frei. Gehst du, wie ein Cherub geht. 

Denn das "Wort, es lasst sich fangen, Darum preis' ich dich vor Allen 

Deuten lasst sich die Gestalt; In so angstlich schwerer Zeit; 

Unter Ketten, Riegeln, Stangen Hochstes Loos ist Dir gefallen, 

Halt sie menschliche Gewalt. Dir, und wer sich dir geweiht. 



-.. ... ■ _ . ' . _.-__■ 

':'-■■' ., — 190 — 

'-.'■ Dieser Aufschrei ernes durch die 6'sterreichische Cen- 

sur geknechteten, in seinem Ringen fur seiti Volk ein- 
geengten Dichters, muss Scott's Sympathieen erweckt 

'•■; haben; denn als er, schon nach wenig Stun den, das Album 

zuriickschickte, enthielt es folgende Uebersetzung des 
Grillparzer'schen Gedichtes mit der Ueberschrift: „I am 
afraid, Mr. Grillparzer's verses and Mr. Moscheles' valuable 
Album are only disgraced by the following rude attempt 
of translation." (Ich fiirchte, Herrn Grillparzer's Verse und 
Herrn Moscheles' werthvolles Album sind durch den bei- 
' folgenden rasch hingeworfenen Uebersetzungsversuch nur 

entweiht worden.) 

Of the nine the loveliest three 
Are painting, music, poetry 
But thou ait freest of the free 
Matchless muse of harmony. 

Gags can stop the poets tongue 
Chains on painters arms are flung 
Fetter bolts and dungeon tower 
O'er pen and pencil have their power. 

But music speaks a loftier tone 
To tyrant and to spy unknown 
" And free as angels walk with men 

' Can pass unscathed the gaoler's ken. 

Then hail thee freest of the free 
'Mid times of wrong and tyranny 
Music, the proudest lot is thine 
And those who bend at music's shrine. 



Vielleicht ahnte die deutsche Lesewelt nicht Scott's 
genaue Kenntniss ihrer deutschen Sprache, welche deut- 
lich aus dieser Uebersetzung hervorgeht, 

Endlich schieden sie, Moscheles mit dem Versprechen, 
fur einige hubsche Lieder einer Miss Browne mit Texten 
ihrer Schwester Felicia Hemans, in London einen Verleger 
ausfindig zu machen, was auch geschah, und Scott mit 



— 191 — - N . ■; ^^ 

der Zusage, Moscheles recht bald zu besuchen, was sich .;','; 

ebenfalls bewahrheitete. ,- V 1 ; 

Ueber diesen Aufenthalt in Edinburgh findenwirferner . '.' b cj 

noch folgende Bemerkungen: „Der kirchliche Ritus, der <£§ 

keine Orgel duldet, war mir merkwiirdig. Die Psalmen -;'*v^ 

werden von einem vierstimmigen Chor intonirt, von . *'^ 

der Gemeinde nachgesungen; aber wie? Die Bassstimmen ,\ 

gewohnlich im Unisono mit den Sopranen, statt den Fun- -^ 

damentalbass zu unterstutzen! DiePredigt eines Dr. Thorn- ■ .'+:^ 

son, an sich zwar gut, hatte wieder durch den singenden . : ."vV 

Ton des schottischen Accentes und die starken, bis zur ^ 

Action gesteigerten Gesten des Predigers mehr Fremd- ' ..jv 
•artiges als Erhebendes. Auch ist die Bigotterie der Sonn- 

tagsfeier hier erdriickend lastig. Zwei, drei Mai in der : ;,\ 

Kirche beten, zu Hause wieder beten, oder doch dieHande , ; : 

in den Schooss legen, nicht musiciren, nicht arbeiten, keine "■'.? 

Besuche machen, das miissen wir erdulden. Wenigstens * 

darf man doch ganz still in seinem Zimmer, wo Einen - -'$ 

Niemand sieht, Brief e schreiben, oder heimlich Biicher ' '. ; 

weltlichen Inhaltes lesen! Daran muss man sich halten." ^; 

Die Winterszeit mit ihrem hohen Schnee gestattete nur kurze - '1 'j 

Gange oder Fahr ten iib er die Stadthinaus; und doch gab es _ < 

Tage,diemanbenutzenkonnte,wiefolgendeNotizenbeweisen: : '"h 

„Heute nach Calton Hill; herrliche Aussicht; auf einer - 7r -\ 

Seitedie See wie ein blauer Streifen, auf der anderen Holy- .- 

rood House, das. uralte Konigsschloss', iiber uns der Felsen , , 

Arthur's Seat, auf dem Nelson's Monument steht; es ist ,'' 

schwerfallig, sodass es den Effect macht, als habe es zu '':.'■ 

viel Gewicht fur den Felsen. Der "Wind, der auf dieser ->"lj 

Hohe doppelten Spielraum hat, liess uns kaum festen /J 

Fuss fassen. Und dann wieder die Fahrten nach Roslyn- _ v 

Castle und Salisbury Craigs auch wenig befriedigend, J r 

durch die strenge Jahreszeit. Holyrood House ist immer : ■■■':■$ 

interessant. Die innere Einrichtung der Zimmer wird wie . : . 

zu der Zejt Maria Stuart's er halten; zwar sind die Stoffe :._ 

ihrer Bettvorhange und Mobel, sowie ihre selbstgenahten ." 
Tapisserien vergilbt, und das Ganze. sehr vom Zahn der 

Zeit benagt; doch kann man sich in diesen Raumen nur -. 



p?r"V~f~<Ti V" 



192 

theilnehmend an das Schicksal der schonen, vielleicht 
schuldigen, doch ungliicklichen Frau erinnem. Hier ist 
die Riistung des Darnley, seine Stiefel, seine Handschuhe, 
dort das kleine Fensterchen, aus dem man den neu- 
geborenen Jacob I. herausreichte , weil seine Mutter, die- 
konigliche Wochnerin, drin im Zimmerchen in Haft war, 
und endlich hier neben dem Schlaf- und Wohnzimmer der 
KLonigin eine versteckte Seitenth-iire, die zu einem unter- 
irdischen Gange fiihrt. „Als die Kb'nigin von ihrem Ge- 
mahl mit ihrem Liebling, dem Lautenspieler Rizio, uber- 
rascht wurde, heisst es, ward er, durch Dolchstiche ver- 
wundet, bis an diese Ausgangsthiir geschleppt. Die dun- 
keln Flecke hier am Boden sind sein Blut." Als Beleg 
dieser Ansicht, die uns mythisch erschien, schenkte mir 
Mr. Ballantyne, der Freund Scott's und Drucker seiner 
sammtlichen Werke, ein Billet von ihm, wo es iiber diese 
viel angefochtenen und bezweifelten Blutiiecke heisst:. 
„I have no doubt of Rizio's blood being genuine. I will 
look at the plan of the place, but think I am right. (Ich 
zweifele nicht an der Echtheit von Rizio's Blut — in den 
bewussten Flecken. — Ich will mir den Plan der Oertlich- 
keit ansehen, meine aber Recht zu haben.) Ein gewichti- 
ges "Wort aus Scott's Munde." 

„Ein andermal wur den wir in die grosse Halle des Ger ichts- 
hofes High Court of Justice gefiihrt; dort wogen die ver- 
schiedenen Gerichtspersonen, viele in ihrer Amtstracht mit 
schwarzem Mantel und gepuderterPerriicke durcheinander;. 
das Gerausch schien mir tausendstimmig, und doch sitzen 
die Oberrichter in verschiedenen Abtheilungen da, und 
lassen sich von den Rechtsgelehrten beider Parteien die 
verschiedenen Falle vortragen. Wie es ihnen aber mog- 
lich ist, sie in diesem Gewirre zu horen oder gar zu ver- 
stehen, ist mir unhegreifiich. Ich stand neben Mr. Murray,, 
einem der grossten Advokaten Schottland's, der eben einen 
Fall vortrug; das Gerausch war aber so, dass ich nicht 
ein einziges Wort verstand und nur seine Mund- und 
Handbewegungen wie in einer Pantomime sah. Ob nun 
die Routine dieser Richter so weit geht, in diesem Ge- 



■i."--^'^ " ^" L-i'/.V 1 -"- * 



— .193 — 

rausch geniigende Urtheilsspniche auf Grund dieser Reden 
zu fallen, fragte ich mich, und blieb mir die Antwort 
scliuldig. Es fiihren Treppen hinterwarts von diesem Ge- 
richtshof herunter in ein Labyrinth von HSfen, Gassclien 
und Winkeln hinein, die zuletzt in den Seearra miinden. 
Geht man iiber diese back stairs (Hintertreppen) und durch 
diese Irrgange,- so kann man es sich erst erklaren, wie 
der Verfuhrer von Jeanie Deans da hinaus entschliipfen 
konnte." 

Unter den vielen Bekanntschaften, die sie in Edinburgh, 
machten, war auch die von Sir John Sinclair und Gemahlin. 
„Der Mann liebt zwar Musik, lasst mich auch bei sich 
spielen und essen, essen und spielen, 1st aber im Grunde 
ganz Kartoffelmehl; denn Brod und Kuchen, Alles wird 
bei ihm aus Kartoffelmehl gebacken; fur die Verbreitung 
dieses Mehles macht er hitzige Propaganda, und da es 
viele Gegner seiner Lieblingsidee giebt, so wird mehr 
dariiber hin und her geredet, als zu horen interessant ist." 
Moscheles besuchte auch den grossen Phrenologen Spurz- 
heim, ohne sich zu nennen; auf seine Bitte, „seinen Kopf 
2U lesen", sagte er nur einige nicht compromittirende Ge- 
meinplatze, wie „Disposition fiir schone Kiinste" und der- 
gleichen mehr; dann aber, als er seinen Namen horte, 
setzte er g _ elehrt auseinander, wie er von der Natur zura. 
Musiker gestempelt sei. Sie horten seine offentliche Vor- 
lesung, fanden aber weniger Gefallen als die anwesende 
Damenwelt an- dem anatomisch zerlegten menschlichen 
Gehirn, das von Spurzheim's Erklarungen begleitet, -herum- 
gezeigt wurde. 

Wahrend dieses ganzen Aufenthaltes in Edinburgh 
musste Moscheles trotz seiner hohen Taxe von 2 Guineen 
pro Stunde Lectionen geben. „Einige Damen", sagt 
er, „sind darauf versessen, in aller Eile meine Stiicke 
bei mir einzustudiren, gleichviel wie schwer die Sachen, 
oder wie kurz die Zeit." Bald aber ward es ihm zu viel. 
„Ich eile fort", schreibt er, „und widerstehe vielen Auf- 
forderungen, mich ferner hier mit Concerten zu plagen.". 

Moscheles* Leben. ij 



... ' — ■#. — '' "'..'" : 

So erreichen sie gliicklich ihre Haushchkeit in Lon- 
don und preisen Gott fur die iiberstandene Winterreise, 
auf der Eltern und Kinder vohkornrnert gesund geblieben 
war en. 

Die Englander nennen die Zeit ausser der Saison 
, „the dead time of the year" (die todte Jahreszeit). Fur 
einen beschaftigten Kiinstler in London, der zugleich 
Lelirer ist, sind .aber alle Monate lebendig; nur mit' 
dem Unterscbiede, dass sich im Februar die geschaftliche, 
Zeit gerade ausfullt, wahrend sie im April, Mai und Juni 
nicbt ausreicht, dass der Kiinstler aber im Juli und August 
Musse findet, sich zu fragen, warum er nicht untergegan- 
gen ist in diesem bunten Gewiihl yon eigenen und frem- 
den Geschaften , die ihn taglich in Anspruch nahmen, 
warum er der Lectionenfluth, die taglich .in neunstiindigem 
Sturzbade iiber seinem Haupte zusammenschlagt, so gliick- 
lich entronnen. Auch ist es merkwiirdig, dass er da- 
bei als sorgloser "Wirth am eigenen Tische oder als 
liebenswurdiger Gast in fremder Umgebung erscheinen 
kann; dass ihm Kraft bleibt, bis spat in die Nacht binein 
musiciren zu horen und musiciren zu helfeh, vielleicht gar 
ein grosses Concert offentlich zu spielen, wobei er aber 
immer zu bedenken hat, dass sein Ruf auf dem Spiele 
steht; dass er, o Wunder! sich auch wohl noch zu einer 
Improvisation heraufschraubert kann. Und ist er dann in 
den allerersten Morgenstunden zu seinen Penaten heim- 
gekebrt, so wird er nicht mit dem ersehnten Ruhekissen. 
sondern mit einem Haufen, nach kurzem Schlaf zu beant- 
wortender Stadtbilletchen empfangen. Kann man dies 
Leben dreiundzwanzig Jahre mitmachen, ohne an Geist und 
Korper zu versanden, so muss man sich in Dankbarkeit 
gliicklich preisen; suchen wir aber das Arcanum gegen 
den ganzlichen Untergang, so finden wir wohl fiir den 
Geist die glu'ckliche Hauslichkeit, die ihn. vom Gemiith 
aus immer wieder starkt, fiir den Korper das ganzliche 
Aufgeben aller Geschafte, alles Gelderwerbes wahrend 
des Herbstes, gute Landluft statt der Stadt-, Concert- und 
Theaterluft, Fluss- oder Seewellen statt der Lectionenfluth 



. - — I0 5 ■ — 

und. Abgeschiedenheit in der eigenen' Familie statt des 
bunten Menschengewiihles. Dies -Verfahren ist aber nicht 
ganz : leicht zu befolgen. Der Continent ladetzu Kunst- 
reisen ein; die Provinzialunternehmer Englands bieten vor- 
theilhafte Engagements-; jeder Badeort birgt soireengebende 
Mutter, lectionsbedurftige Tochter; der Kii'nstler wird zu. 
Landpartieen und Diners verlockt, urn spater durch seine 
Leistungen zu zahlen, Da heisst es unerschiitterlich wie 
Erz bleibeti und stets das eine ungern gehqrte, wenn auch 
iiberzuckerte „Nein" in Bereitschaft halten, sonst nimmt 
man. sein London mit sich, wie die. Schnecke ihr Haus, 
und kommt unerquickt an Geist und Korper, wenn auch 
rait gefulltem Beutel, vom Lande- zuriick in die neue 
Saison hinein. Da wo der Kiinstler nicht vom Treibjagera 
nach Guineen besessen ist, wird ihrh die Muse auf ruhigen 
Spaziergangen wa.hr end stillverlebter Tage wieder nahen;. 
sie werden manches Zwiegesprach fiihren und sie wird in 
ihm immer noch ihren geliebten Sohn iinden^ an dem sie 
Wohlgefallen 'bat. Bringt er dann ihre Einfltisterungen 
mit in- das Stadtgewiihl zuriick, so ist sein edleres Selbst„ 
das Kiinstlerthum in ihm, gerettet. 

Als Moscheles im Februar von Schottland zuriick- 
kehrte, erwartete ihn ein Brief seines Freundes Peter Pixis, 
der ihm meldete, dass er als Begleiter von Frl. Sonntag 
die Saison in London mit ihr zubringen wolle. Sie war 
in der italienischen Oper engagirt, ihm sollte er musika- 
Hsche Unternehmungen, ihr eine Wohnung vqrbereiten. 
Durch sie wurde vom 3, April, dem Tage ihrer Ankunft 
an, unendlich viel Schemes und Liebes genossen. Das 
reizende, junge Madchen Henriette Sonntag, war, abgesehen 
von ihrem Talent, die freundlichste, liebenswiirdigste Er- 
scheinung. Frei von Anmassung Oder Laune, kam und 
ging- sie bei Moscheles ein und aus; „ja, wenn sie so an 
unserem hauslichen Tische sitzt.(sagt er), so vergessen wir 
es ganz, dass London in gross.ter Spannung ihrem Debut 
entgegensieht" . 

Hatten sie dann die Freude, sie bei sich singen und 
wieder singen zu horen, so priesen sie sich gliicklich,, 



.- / " :- "'■ , • ■■■■> : : ■-. ■-•'.■■ . 

. . — J 9° '~ ■' 

Solches noch vor ihrem .offehtlichen Auftreten zu geniessen 
und gaben sich dem Enthusiasmus durch Auge und Ohr 
hin, der bei dieser Sangerin Hand in Hand ging und den 
Horer wie mit einem Zaubernetz umspann. „Heute in der 
Hauptprobe des „Barbiere", erzahlt Moscheles, „entz!ickte 
sie Alles durch. ihre Rosine. Als sie sich auf dem Balkon 
zeigte, beklatschte man die liebliche Erscheinung, als sie 
die Buhne mit ihrem „una voce poco fa" betrat, bezauber- 
ten Stimme und Gesang." Nie fiel ein Schatten iiber eine 
ihrer londoner Vorstellungen. Der Andrang im Parterre 
der Oper (wo das Billet nur eine halbe Guinee kostet) 
war so gross, dass Herren ohne Rockschosse, Damen ohne 
Coiffure zu ihren Sitzen gelangten. Moscheles' sahen die- 
sem Getreibe aus der Loge von Dlle. Sonntag in aller 
Ruhe zu, in der sie ein fur alletnal Platze fanden. „Ich 
konnte nicht sagen", schreibt Moscheles, „welche ihrer 
Vorstellungen ich fur die gelungenste halte; derm ihr Ge- 
sang ist immer bezaubernd, und obwohl ich mir von der 
Abwesenheit grosserer dramatischer Effecte Rechenschaft 
gebe, so nimmt mich doch die Naturlichkeit und Lieblich- 
keit in Spiel und Erscheinung wahrend der Vorstellung 
zu sehr in Anspruch, um irgend Etwas zu vermissen. 
Sogar wenn sie ihre Variationen iiber den Schweizerbue 
singt, so fallt es mir nicht ein zu denken: Wie kann sie 
diese Gurgelei machen? Denn sie leistet etwas in seiner 
Art ganz Vollkommenes." 

6. April: „Concert- Arrangements fur mein Concert 
sowie fiir das erste des Fraulein Sonntag. Zu Tische 
die Bewunderte selbst mit Pixis und ihrer Begleiterin; 
Abends noch einige Freunde, Alle in Entziicken aufge- 
lost, unsere deutsche Philomele zu horen." 

8. April. „Beim grossen Diner, welches Fiirst Ester- 
hazy fiir Fraulein Sonntag gab, Prinz und Prinzessin Po- 
lignac, Baron Billow, Graf Redern, Marquis of Hertford, 
Lord und Lady Ellenborough, Lady Fitzroy- Somerset, 
Countess St. Antonio etc. etc. Dlle. Sonntag sang Abends 
bezaubernd, Pixis und ich spielten abwechselnd und zu- 
sammen," 






Der Neid hatte wohl dem Zeitungsschreiber seinen 
Artikel in die Feder dictjrt, in welchem es hiess, Fraulein 
Sonntag sei nicht zu einer Primadonna qnalificirt, aber 
ihre Erfolge widerlegten bald die Behauptung. 

Am 4. Mai sagt das Tagebuch: „Mit einer musikali- 
schen Arbeit beschaftigt, die manche Anwandlung von 
Wehmuth in mir hervorrief. Ich"schrieb namlich fur (den 
Verleger) Willis die Begleitung zu einem englischen 
Liede, die letzte Arbeit von Weber, die er fur Miss 
Stephens zur Auffiihrung in seinem letzten Concert ge- 
schrieben hatte. Bloss die Gesangstirame und einige Tacte 
der Begleitung waren in seinem Manuscripte angedeutet. 
Das Fehlende schrieb ich, zur genauen Unterscheidung, 
mit rother Dinte dazu." 

Zwischen den Cbncerten und Soireen dieser Saison 
machen das Moscheles'sche Ehepaar und andere deutsche 
Freunde, die Fraulein Sonntag fast taglich sahen, kleine 
Ausfliige mit ihr; sie besuchen zusammen das Pferderen- 
nen von Epsom, ferner Chiswick, den Landsitz des Her- 
zogs von Devonshire. Sie bewunderten dort die herrliche 
Gemaldegallerie und sahen auch das Zimmer und Bett, 
wo Canning starb." Dass der Herzog von Devonshire 
kurz darauf Fraulein Sonntag zu seinem Balle lud, und 
sogar mit ihr tanzte, machte damals grosses Aufsehen, 
und wer weiss, ob es nicht manche Leserin interessirt, 
dass das reizende junge Madchen an diesem Abende ein 
sehr durchsichtiges weisses Kreppkleid trug, dem der Be- 
satz echter Goldborden ein classisches Ansehen verlieh; 
gehoben wurde ihre anmuthige Erscheinung noch durch 
das reiche Goldgeschmeide im Haar und um den fein mo- 
dellirten Hals und die vollkommen schonen Arme und 
Hiinde. 

Der Director der italienischen Oper hatte beschlossen, 
nur dann Concerte in dem damit verbundenen Saale, so- 
wie die Mitwirkung seiner Sanger zu gestatten, wenn die 
Benefizianten ihre Einnahme mit ihm theilten. Pixis ent- 
schloss sich zu seinem Locale und dieser Theilung, gab ein 
einactiges Concert, worm die Sonntag sang und Moscheles. 



- ■ — f§8~ — "."■'.'■ '" -' 

ausser seihen Solostiicken vierhandig mit ■'- ihm spielte; 
worauf Scenen aus dem ,,Freisehutz" im< Costume, von der 
Sonntag und Schiitz- reizendgegeben, fblgten; die Sorihtag 
aber wusste es spater' doch dahin zu.bringen, dasssie fur 
ihre Landsmannin Schiitz in den Argyll-rooms singen 
durfte urid dass die anderen italieriischen Sanger em 
Gleiches thaten. Pixis und Mbscheles wiederholten dabei 
ihr vierMndlges Stuck, und das Concert Avar uberfullt 
Als aber die Sonntag am 25: Juni : ein Dramatic Concert 
in der grossen Oper gab, war die Saison schon zu sehr 
vorgerfickt, um das Local zti fallen. Und doch sang sie, 
unterstiitzt von Herrn urid Madame Sehutz die Hauptsce- 
nen aus dem „Freischutz" und der „Schweizerfamilie", und 
hatte in dem eigentlichen Concerttheil de Beriot und Mo- 
scheles Zur Seite. 

8. Juli. ;,Heute", sagt das Tagebuch, ,,wohnten wir 
einer fashionablen Festlichkeit in Vauxhall, zum Besten 
verarmter Spanier und Italiener bei, von der N6blesse un- 
ternommen, die Herzoge von Clarence und "Wellington an 
der Spitze. Letzterer wurde in einer Vorstellung der 
„SchIacht von Waterloo" vortrefflich personificirt. In dem 
Concert, das den Abend beschloss, sangen die Sonntag 
und die Pasta." \ 

19. Juli. „Uhaushaltbar gellte Velluti's Krahen in der 
Oper, sein detonirerides Aechzen beleidigte unsere Ohren, 
und die Wunden unseres Trommelfelles waren kaum durch 
die Flotenstimme der Sonntag zu heilen." 

„Einmal", schreibt die Frau, „hatteri wir das Gliick, 
die liebliehe, gefeierte Landsmannin in einem grosseren 
Kreise bei uns zu sehen; sie war bezauberrid, lieberiswfirdig; 
ihr Wesen, ihr GesaUgi Alles riss zur Bewuriderung 
hin. Walter Scott, auf kurze Zeit in London, hatte uns 
besucht, wir luden ihn zu dieser Soiree ein, er war. ent* 
ziickt, die Sonntag zu treffen und sie, die eberi in der 
„Donna del lago" auftreten sollte, hielt es fur ein Gliick 
mit dem jugendlichen Greise bekannt zu werden. Lockhardt 
sagt zwar in Scott's Biographie, er hatte sich iiber die 
Fremden geargert, wenn sie nach Abbotsford gepilgert 






.• r 



f — 19.9 — 

Teamen; ihn gern rait Lob iirjerscfiutten wollten uiid doch 
!Nichts vOh seinen Sachen kinnteh, hochstens einmal die 
„Ponha del lago" in der italienischen Oper gesehen hatten. 
Aber bei der Sonntag - war der grosse Mann ganz Qhr 
{ich glaube auch ganz Auge), als sie ihn iiber ihr Costuni 
4ds Schottin befragte. Er beschfieb ihf jede Falte des 
Plaids rnit der ihm eigenen Gehaiiigkeit und war nieht 
wenig erfreut, als ich einen- echten Atlas-clanplaid produ- 
:rirte, den ich mit Stolz der Sonntag zu leihen versprach. 
Aber so und nicht andefs musse ihn die Broche auf der 
Schulter zusammenfassen, demonstrirfe er. Uebrigens 
hatte das Jettl zwei alte Aribeter bei uns;_der zweite war 
Clementi, nicht minder ver^tiekt als Scott- Er staiid auf 
und sagte: „To night I should like to play also" (;,Heute 
Abend mochte ich auch spielen"). Das gab allgemeinen 
Jubel. „Er phantasirte mit Jugendfrische", schreibt Mo- 
scheles, „und schon der Umstand, dass ersich.sonst niehoren 
liess, gab seinem Spiele grossen Reiz. Nun hattet Ihr- 
aber sehen sollen, wie die beiden Greise Scott und Cle- 
rrienti, sich iiber einander freuten, 'sich die Hande gaben, 
trotz der beiderseitigen Courmacherei und Sonntags-Be- 
wunderung gar nicht eifersuchtig auf einander waren, son- 
dern der grosse Mann dem grossen Mahne Anerkennung 
zollte. Und dann wieder, wie die Beiden und die Sonntag 
von der Gesellschaft ahgestautit wurden, wie Jeder sich 
ffeute, die Drei so in nachster Nahe geseheft und die 
Wechselwirkung auf einander beobachtet zu haben!" 

- Am 24. Juli endeten ihre Theater- Vorstellungen glor- 
Teich mit der „Amenaide", und am 26. begleiteten die 
Ereunde sie mit Ruhm gekroht an Bord des Schiffes, das 
sie von den Towerstairs ausnach Frankreich geleitete. . 

^ Sie war „the star of the season" („der Stern der Saison") 
.gewesen, aber es leuchteien auoh kleinere Lichter neben 
ihr. Ausser den schon genannten Sangern bewarben sich 
rnanehe bedeutende auswartige Instrumentalisteh um Geld 
und Ehre: MaxBohrer, de BeriOt, Labarre, Huerta (Guitar- 
rist), diese Alle und noch rrianche Einheimische hatten 
auch Moscheles' UnterstutzUng in ihren Concerten; kiich 



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componirte er fur Cramer und seine Nichte ein vierhan- 
diges. Rondo in .Es >„La belle union", was sie in dem 
Annual Benefit-Concert von „glorious John" mit Beifall vor- 
trugen. 

Er schrieb seine G-dur-Sonate fur Clavier und Flote. 
„Ich Hess meine „Gems a la Sonntag" vom Stapei laufen 
und meine zahlreichen Schiilerinnen buchstabiren. Spater 
fiel die ganze clavierklimpernde Damenwelt gierig fiber 
diese sehr genaue Nachahmung der Cadenzen und Ma- 
nieren der gefeierten Landsmannin her. 

Die reizende Concertsangerin Mme. Stockhausen war 
in dieser, ihrer zweiten Londoner Saison schon einaner- 
kannter Liebling des englischen Publicums, dessen Sprache 
sie nun ganz inne hatte, sie trat vie! in Handel'schen Ora- 
torien auf. Die Mars, alt an Jahren, jung an Aussehen 
und. Leistungen, entziickte Alles durch ihre Vorstellungen. 
„Ihre Valerie, ihr Spiel in der „Ecole des vieillards". 
mussen dem Beschauer ewig unvergesslich bleiben," 

„Ein komisches Intermezzo der taglichen, lectionisiren- 
den Thatigkeit bildete heute", schreibt Moscheles ins 
Tagebuch, „meine Erscheinung vor einem kleinen Gericht, 
in miserabelster Gesellschaft von Herren und Damen, die 
fur wenige Shillinge verklagt waren; ich selbst beschul- 
digt, fur eine zu meinem Concert gemachte Ankiindigung 
nicht zahlen zu wollen. Naturlich kostete mich der Zeit- 
verlust mehr, als die verlangte Summe, da ich aber Be- 
triigereien hasse, so nahm ich die Sache ernster, als mein 
Anklager dachte, erschien, kam aber nicht einmal zum 
Verhor, da die Klage eines Menschen, der gar nicht be- 
weisen konnte, dass er in einem Zeitungsbureau angestellt 
sei, von selbst zu Boden fiel." 

Den Monat September verlebte die Familie mit dem 
Schwiegervater hochst angenehm, ruhig und gemuthlich 
in dem reizenden Hastings, unter reichlichen Promenaden, 
See- und Luftbadern. „Ich componirte dort", riotirt Mo- 
scheles, „ein bei mir bestelltes, leichtes Stuck, ..Strains of 
the Scotch bards", welchem ich spater erst Bedeutung 
gab, indem ich es Sir Walter Scott dedicirte." Schalten 



-'„.■-' 20I 1 '• ' 

wir gleich hier Scotfs Antwort auf die angetragene De- 
dication em: _ . 

My dear Sir ! 
I regret that my absence upon short, journeys from 
home should have caused your obliging proposal to inr 
scribe the music of Donald Dhu to me, to remain some 
time unanswered. Believe me, I fell obliged by the pro- 
posal and will accept it with great pleasure. Tell my 
fair friend Mrs. Moscheles that I send my best compliments 
and beg to retain a place in her recollection, and when 
you see the fine old gentleman, Mr. dementi, will you 
oblige me by remembering me to him. 
I am always dear Sir 

Your obliged humble 
Abbotsford, Melrose Servant 

October 18 Walter Scott. 

(„Verehrter Herr! Ich bedauere, dass meine kleinen 
Reisen mich verhinderten, Ihren freundlichen Antrag der 
Dedication friiher zu beantworten. Glauben Sie mir, der 
Vorschlag ist mir ehrenvoll, und ich nehme ihn mit 
grossem Vergnug-en an. Sagen Sie meiner Freundin, Mme. 
Moscheles, dass ich ihr beste Griisse sende und sie bitte, 
mich in gutem Andenken zu behalten, und wenn Sie den 
prachtigen alten Herrn dementi sehen, so seien Sie so 
freundlich, mich ihm zu empfehlen. Ich bin imtner, werther 
Herr, Ihr dankbar ergebener Diener W. Scott.") 

Nach London zuriickgekehrt, fing Moscheles an, die 
Symphonie in C zu schreiben, die ihm langst im Sinne 
lag, und brachte sie bis Ende November fertig. Matthews 
und Yates hatten das Adelphi-Theater gepachtet. „Erste- 
rer ist der Liebling des englischen Publicums, und amii- 
sirte auch uns mit seiner unubertrefflichen Komik. Das 
letzte Stuck „London und Paris" mit dem Dampfboot, 
das den Kanal kreuzt, war mitunter drastisch und zwerch- 
fellerschutternd." 

Auch eine kleine Excursion nach Brighton und sein 



'- — ib2 — "■'' y .- ■' 

dbrtiges Spieleh im Subscriptions-Concert, fallt in diesen 

Uerbst. "'.'■' 

„Meine Stiicke ' — Alexander- Variationen,' Abschied 
<3es Troubadours unci Phantasie iiber„Last rose of Summer" 
und „God save the King" — waren der dort versammelten 
fashionablen Gesellschaft eb'en recht, und sehr recht; das 
circa halbe Orchester mir aber ganz unrechL" Kemp- 
Town, dieses prachtvolle Quartier der Stadt Brighton, da- 
mals gerade erst im. Bau begriffen, imponirte ihm sehr. 

In London gab er, ausser einigen Privatlectionen, den 
jungen, angehenden Musikschiilern und Schiilerinnen der 
Koniglichen Akademie fortwahrehd Unterricht, wohnte 
auch ihren offentlichen Cohcerten in Hanover-Square-rooms 
bei, hatte aber doch im Gahzen wenig Freude an der 
Leitung des Instituts, das eine seinem deutschen Sinn zu 
"wenig musikalische Richtung verfolgte. 

Weiter finden wir die Notiz: „Erard beschenkte mich 
heute mit eihem prachtvdllen Cdncertftugel, dessen Werth 
von 160 Guineen mich zwar zu grossem Darik verpflichtet, 
dessen aussere Eleganz mir nichts zu wiinschen ubrig 
lasst, dessen etwas trockene H6h& und harter Anschlag 
mir aber nicht recht gefallen' wollen. Mein Clementi 
bleibt also noch mein Liebling. Uebrigens fangen die 
Erard'schen Instrumente doch an, sich Bahn zu brechen. 
Frau v. Rothschild will, nachdem sie das meinige gehort 
hat, auch eines kaUfen." 

Die Aufzeichnungen aus diesern Jahr schliessen mit 
Mittheilungen iiber das Weihnachtsfest, das nach guter, 
deutscher Sitte durch Anzvinden eines Weihnachtsbaums 
gefeiert wird und heitere Erinnerungen an die Heimat 
"Weckt. ■ 



1829. 



Wir haben beim Lesen musikalischer Biographien oft 
lange Abhandlungen iiber die Compositionen derBetreffen- 
den gefunden, ja sogar auch iiber ihre „Intentionen", und 



-uns dabei ariShakespeafe's Gommentatoren erinneffc; -dieihtri, ..ij 

wie gar manctie gute Autbritaten behaupteri, Gedarikeri* uri- ' - '„ 

tefgelegt haben, die dem Dichter' selbst ganz freriid waren. ,1 
Man rfluhte sieh ab/ seme geheimsten Absichten zu errathen - , iy, 
und uberaah riur zu oft, dass man es mit den Eingebungen - , ' -i 

eiries Genii's zu thun hatte. Ebetlso scheint es mit- den ■'.;.•- 

Werken Beethoven's zu geheti. Beethoven selbst natuf- .-" 

lich schfieb nur nieder, was und wie er dachte und eitt- . '•:> 

pfand. Seitdem aber sind seine 'Sachen ganz versehieden ^ 7 ; 

atifgefasst find wiedergegeben- worden. Es Versteht sich .-""*. 

von selbst, dass die Mondsche'in-Sonate imnief sentimental, .-r 

■die Eroica iniiner majestatisch bleiben wird; aber schon ?.[ 

bei einer Sonate wie „Les adieux, l'absence et le retotir" '"-'": 

"wird jeder Vortragende individuell empnnden, jeder Horer ' 

sich eiii verschiedenes Bild machenk „„Und so sollte es -. f.j 

-sein"", pfiegte Mendelssohn zu sagen. „^Kann der Com- , .•?- 

ponist nur die Einbildungskraft des Horers hihlanglich -^ 

anregen, um eih Bild, einen Gedanken, gleichviel welchen, :":'« 

hervoTzurufen, so ist sein Zweck erreicht."" -Und dieser *'t 

Ansicht sind auch wir. Die Musik muss dem Mensehen '^ 

-durch alle Poren in's Herz dringen und dort ihren "Wider- "?■'. 

hall finden; deshalb, meinen wir, konnen auch Compo- 4 
sitionen nicht beschrieben werden, und die Leser werden - .- :■ 

uns daher gern Analysen der Moscheles'schen CompositiO- ;"-'; 

nen , Erorterungen iiber ihre Verdienste und Mangel . er- ^ 

lassen. So viel steht aber wohl fest,_dass Werke, die ^ 

nicht nur zur Zeit ihres Erscheinens einen nicht gewohn- ■■'•> 

lichen Eindruck gemacht, sondern auch nach dreissig, vier- v-' 

zig und fiinfzig Jahren noch eifrig gespielt und mit In- -- '■;'■ 

teresse gehort werden, einen mehr als voriibergehenden {■ ' 

"Werth haben miissen, und zu diesen rechhen wir unter den A 

Arbeiten Moscheles' das G-moll-Concert (1820), die vierund- , 
zwanzig Etiiden {1825 und 1826), das Hommage a Handel, 
das Rondo in A, die Es-dur-Sonate, die Sonate melanco- 
lique, die' „Erinnerungen an Irland", die drei Allegri di 
Bravura*. „La force, la legeret6 et le Caprice" u. a. m. 

Von der Zeit an, wo Moscheles nicht mehr so viel offent- " 
-lich spielte (etwa vOn 1840 an), wurde semen neueren 



— 204 — 

Concerten, (C-dur, fantastique, pathetique und pastoral) we- 
niger Aufmerksarnkeit geschenkt, als den friiheren, die er 
selbst dem Publicum mit seiner Autor-Auffassung vor- 
fiihrte. Er pflegte.oft dariiber zu klagen, dass man iramer 
nur das G-moll-Concert spiele, da er die anderen sieben 
fur ebenbiirtig melt; ebenso hatte er es gern gesehen, 
wenn seine zwolf grossen Etudes caracteristiques von 
Kiinstlem, die allein ihre Schwierigkeiten uberwinden 
konnten, gespielt und nicht hnmer wieder dem darin ent- 
haltenen. „Kindermarchen" der Vorzug gegeben worden 
ware; er hielt den sentimentalen „Traum", die brillante 
„ Terpsichore" ebenso sehr fur , den Concertsaal ge- 
eignet. 

In Betreff der bereits friiher erwahnten ephemeren 
Stiicke, die er sich dann und wann von den Verlegern ab- 
nothigen liess, finden wir im Januar dieses Jahres 1829 folgende 
Notiz: „Sie sind meine Armencasse; ich kann manchen 
armen Teufel in Deutschland, der gut schreibt und 
schlecht bezahlt wird, damit unterstiitzen, habe auch den 
Preis auf dreissig Guineen pro Stuck erhoht, damit ich 
sie mir etwas vom Halse halte." 

Aus derselben Zeit finden wir nach einer musikali- 
schen Soiree im Hause Rothschild folgende Abrechnung, 
die von dem Preise, in dem die Kunst damals in London 
stand, einen Begriff gibt. „Ich zahlte als Arrangeur fol- 
gende von Fr. v. Rothschild empfangene Summen: 



Mme. Stockhausen . £ 35 


fur 


2 


Soireen 


Mr. de Bdriot , 5 


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Mr. Mori (Violinsp.) „ 7 


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Mme. Pisaroni ... „ 20 


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Curiom . „ 10 


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Schiitz und Frau . . ,,15 


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Ein hubsches Summchen fiir unsere deutschen Be- 
griffe! Im Januar spielte Moscheles wie gewohnlich in 



'— 2 °5 — . . . ■-■ 

Bath, woriiber er sagl: ,,Wirklich hatte ich mir keinen 
Erfolg erwartet, ich finde mich nicht genug eingespielt, 
aber das Publicum war anderer Meinung." 

' Nach London zuriickgekehrt, musste er sich, um dem 
Uebermaass der Berufsarbeiten, das ihn dort wieder em- 
pfing, besser beikommen zu konnen, zur Anschaffung eines 
"Wagens entschliessen. Die Rauhheit der Jahreszeit ver- 
setzte aber bald das Haus in grosse Sorge. Die Kleinen 
wurden von einem heftigen Keuchhusten ergriffen, der 
am 23. Marz den dreijahrigen kraftigen erstgeborenen 
Knaben wegraffte und ihnen das kleine zarte sechsmonat- 
liche Madchen als einziges Kind zuriickliess. Auch sie 
war den ganzen Winter im schwankendsten Gesundheits- 
zustande. „Die arme Mutter", klagt Moscheles im Tage- 
buch, „kennt nur Angst, Trauer und durehwachte Nachte, 
da sie den einen Liebling bis in's Grab hinein pflegte, 
•den andern nachst Gott einem ahnlichen Schicksal zu ent- 
reissen sucht. Ich als Mann und Kiinstler gehore trotz tiefer 
Betriibniss dem Publicum an . " Er empfand es aber bitterlich, 
alle Concerte und Gesellschaften jetzt wieder allein besuchen 
zu mussen und misslaunig, wie das Tagebuch berichtet, „ein 
Dilettantengeheul, ein paar von Herz und Czerny auf dem 
Clavier getrommelte Stiicke mit Gelee und Kuchen ver- 
schlingen zu mussen, um zum ScUues noch an's Clavier 
und zu einer Improvisation genothigt zu werden." 

Mitte Mai entschlossen sie sich, dem Kinde zu Liebe, 
zu einer getheilten Wirthschaft, indem die Frau mit der 
Kleinen auf's Land zog, wahrend er selbst in der Stadt 
zuriickbleiben musste, aber dennoch oft, den halbstundigen 
Weg nicht scheuend, zu ihnen hinauseilte. Der kleine 
Liebling erholte sich in der reinen Luft so sehr, dass sie 
schon im Juni ausser aller Sorge waren und die Beriihmt- 
heiten, die London in diesem Jahre aufsuchten, oft in 
ihrer landlichen sonntaglichen Ruhe miteinander geniessen 
konnten. Nur so waren sie erfreulich. Sie horten aus der 
Feme von dem Wiederauftreten der Malibran nach vier- 
iahr iger Abwesenheit und von ihren Erfolgen, von der 
beriihmten, aber grundhasslichen Pisaroni, ebenfalls an 



der italienischen Oper engagirt; Max. Bohref kam wieder,. 
ebenso die Tyroler Rainer ; de Beriot und' Artot wett- 
eiferten miteinander als Geiger. Auch die Sonntag- er- 
schien wieder und erntete neue Lorbern. 

Noch grosseres und freudigeres Interesse aber erregte- 
der Besuch eines jungen Freundes aus Berlin.. Es war 
kem Geringerer als der damals neunzehnjahrige Felix 
Mendelssohn-Bartholdy. „Felix' Yater", sagt Moscheles, 
„hatte • mir , im Laufe des Winters geschrieben, ob ich 
wohl meine, glaube, rathe, dass sein Sohn mit einigen 
Compositionen, worunter die Sommemachtstraum-Ouverture- 
London besuche? Wohl meinte und glaubte ich, dass der 
junge Mann ein Genie sei, wohl rieth ich ihra, zu Qstern 
zu uns zu kommen und versprach von ganzem Herzen, 
ihn in die fremde Welt einzufiihren." . 

Spater heisst es: „Ich miethete ihm die Wohnung 
203 Portland Street, und seitdem er hier ist, bieten mir 
sein Umgang und sein kiinstlerisches Wirken die reinsten 
Gemisse. Als Mensch ist er uns unendlich viel. Heiter 
und doch theilnehmend fur den Schmerz um unser ver~ 
lorenes, und die Sorge um unser noch erhaltenes aber 
schwachliches Kind, stets bereit, unsere landliche Einsam- 
keit mit den anziehenden Gentissen London's zu vertau- 
schen, weiss er heilsam auf unsere wunden G e muther-zu 
wirken, und sclieint es sich zur Aufgabe gestellt zu haben,. 
uns einigen Ersatz fiir unsere Leiden zu bringen." Und 
wie herrlich war es, wenn er seine neuen Compositionen 
mitbrachte, spielte, und in kindlicher Bescheidenhejt er- 
wartungsvoll an Moscheles' Lipp.en hing, um sein Urtheil 
zu vernehmen. ,Jeder Andere", sagt Moscheles, „hatte es 
mir damals schon angemerkt, dass ich meinen Meister in 
ihm erkannte und da. nur hingerissen war, wo er sich 
eine scharfe Kritik erwartete; er aber ist und bleibt der 
sich mir unterordnende Schiiler, wie ich es auch versuche 
ihm eine andere, richtigere Stellung mir gegenuber zu 
geben. Der Enthusiasmus, den seine Sommernachtstraum- 
Ouvertiire im Publicum hervorrief, machte ihn auch nicht 
schwindlig. Es muss Alles noch besser werden, meinte 



— 207 — - ~ ' -- 

er; und raeinem personlichen Lob entgegnete er nur kind-' 
lich: „Gefallt es Ihnen? Ach, das. freut mich." 

Er zeigte beL seinen landlichen Besuchen die Mariu- 
scripte seiner geistlichen Cantate iiber einen Choral in 
A-rnoU, einen sechszehnstimmigen Ghor „Hora est", der 
nieht publi cart war, ■ und. ein Violin-Quartett in A-moll; 
Auch war er stets zu kleinen, musikalischen Liebenswiir- 
digkeiten aufgelegt; in Moseheles' Album schrieb er ein 
reizendes Stuck unter- dem Namen: „Ferpetuum mobile" 
(Odur), er brachte der hiibschen Miss M. C. eine fur 
sie componirte, englische Ballade u. s: ,w. 

Mit'ihm zugleich erschien Neukomm, der Schiiler 
Haydn's, ein eberi so edler Character, ein" ebenso fein ge- 
bildeter Mann, ein Freund, der sich spater eben so trett 
bewahreri sollte, leider aber kein Genie, sondern nur ein 
solider, wohldenkender, gutschreibender Componist, „dem 
das attisehe Salz oft storend fehlt", sagt Moseheles. Er 
liess damals seine Oratorien „Die zehn Gebote" und „Christus" 
auffiihreri; fur die beliebten Sanger Braham und Phillips 
hatte er einige-Effectstucke in Bereitschaft, wie die ,, Mid- 
night Review" nach der „nachtlichen Heersehau" von 
Zedlitz. Zuerst rissen diese Stiicke die Horer zu lodern- 
dem Enthusiasmus hin; dennochaber konnten sie dem Corh- 
ponisten nicht die dauerride Anerkennung des son st eben 
nicht launenhaften englischen Publicums erringen. 

Mendelssohn und Neukomm, die sich oft in der stillen 
Moscheies'schen HausHchkeit trafen, liebten einander herz- 
lich, d. h. der vortreflliche Mensch den vortreff lichen Men- 
schen; denn als Musiker fand der gelinde Neukomm den 
brausenden Mendelssohn zu heftig, zu kraftig, zu ver- 
schweriderisch im Gebrauch der Blechinstrurnente, zu iiber- 
trieben in seirien Tempo's, zu unruhig in seinem Spiel, 
wahrend dieser, sich in jugendlicher Ungeduld auf einem 
Absatz herumdrehend, zuweilen ausrief: ,,„Wenn nur der 
prachtige Neukomm bessere Musik machen wollte! Er 
spricht so gescheut und gewahit in "Worten und Briefen, 
und mit Noten schreibt er solche Gemeinplatze!"" 



— 2o8 — 

Fetis und seine Vorlesungen uber Musik waren eben 
auch nicht nach Mendelssohn's Geschmack. .,Wozu soviel 
dariiber reden?" sagt er, „lieber gut schreiben; das 1st die 
Hauptsache. Aber wozu die verkorperte „musique mise a 
la portee de tout le monde", franzosisch docirt vor Englan- 
dern, die wohl nur die Halfte der technischen Ausdrucke 
verstehen, vielleicht auch nur halb so viel in des Docenten 
Casse fliessen lassen, als dieser hofft?" Mit Mosclieles 
entwarf Fetis damals den Plan zu der „Methode des me- 
thodes", die sie zusammen herausgaben und wobei Fetis' 
sprachliche Gewandtheit Moscheles' sehr zu Statten kam, 
da er mit Eeichtigkeit dessen, musikalische Grundsatze 
iiber Studium und hohere Ausbildung in gutes Franzosisch 
zu kleiden wusste. 

In der Gesangswelt gab es, wie Moscheles sagte, „ein 
wahres Cinquecento"; denn da waren die Malibran, die 
Sonntag, Mme. Stockhausen, die nicht mehr junge, aber 
noch vortreffliche Camporese, die Pisaroni, Velluti, Don- 
zelli u. a. Sanger, dazu eine deutsche Operngesellschaft 
unter .Schutz, der sowohl wie seine Frau sehr brav sang. 
Die Sonntag, immer gut und mildthatig, gab am 13. Juli 
ein Monstre-Concert fur die uberschwerrimten Schlesier, 
worin Alles mitwirkte. Das Tagebuch nennt die, Damen 
Malibran, Camporese, Pisaroni, die Sanger Velluti, Pelle- 
grini, Zuchelli, Curioni, Donzelli, De Begnis, Torn, Gra- 
ziani, Bordogni. Puzzi spielte Horn, DrouetFlote, MaxBohrer 
und Lindley Violoncell. Mendelssohn's Ouverture zum Som- 
mernachtstraum wurde zum zweiten Male und mit gesteiger- 
tem Beifall gegeben. Auch sein Doppelconcert in E-dur (Ma- 
nuscript), das Moscheles mit ihm spielte, ging gut und ge- 
fiel sehr. Die Einnahme betrug an £ 500. 

Der beliebteste Geiger in dieser Saison war unstreitig.*- 
deBeriot, der damals aufdem Hohepunkt seiner Virtuositat 
stand. Auch seine neueste Composition, sein H-moll-Concert, . 
hatte durch die musikalische Nahe (vielleicht auch Mithiilfe) 
seiner Frau, der genialen Malibran, eine interessantere Far- 
bung bekommen, als seine friiheren Virtuosenstiicke. Pixis, 
der Begleiter der Sonntag, wollte auch Concerte geben, auch 



— 2og — 

often tlich gehort sein, Brod den Ruhm seiner Oboe in 
Guineen verwerthen, die Familie Rainer wieder ihre Tiroler 
Lieder singen und ihre Shillinge einstreichen. Die clavier- 
spielende und -lernende Welt bekam eine werthvolle Zu- 
gabe an Frau Dulcken, der sehr begabten und ausge- 
zeichneten Schwester des Concert-Meisters Ferd, David, 
die yon Hamburg nach London iibersiedelte und von alien 
echten Kiinstlern und lernbegierigen Dilettanten nur mit 
offenen Armen empfangen werden konnte. 

In den unteren Schichteri der Musikwelt gahrte es gewal- 
tigj wie die Rivalitat gewisser Troubadours und sogenannter 
..Bohemian Brothers" beweist; ersteredreiganzgewohnliche 
franzosische, letztere ebenso gewohnliche bohmische Dorf- 
musikanten. Im Grunde waren diese beiden Parteien aber 
nur die schlechtbezahlten Werkzeuge der Speculationen, 
welche der schlaue Bochsa mit den Franzosen in Egyptian 
Hall, Mr. Logan mit den Deutschen in den Argyll-rooms 
unternahm. Die „"wonderful performers", auf mirabolanten 
Zetteln abgebildet, im buntesten Druck, von buntgekleide- 
ten Mannern in den Strassen umhergetragen, zogen tag- 
Hch Horer an," und hielten eine reiche Shillings-Ernte, 
deren Hauptertrag in die Taschen ihrer Unternehmer 
floss. 

,,Uns. ; Kunstlern ergeht es schlimmer", fiigt Moscheles 
diesen Mittheilungen hinzu, „wir suchen nicht bios schno- 
den Gewinn, wir betrachten unsre Concerte als das Mattel, 
vor einer grossen musikliebenden Versammlung, in der es 
auch nicht an Kunstrichtern fehlt, mit unseren neuesten 
Werken und deren Ausiibung zu alljahrlicher Beurtheilung 
aufzutreten, |und die leidige Speculation des Opern-Direc- 
tors Laporte legt uns ein grosses Hemmniss in den 
Weg." 

Die Sache verhielt sich namlich so. Es waren ihrer 
-Viele, die alljahrlich Concert gaben, und da Jeder seinem 
Publicum beweisen wollte, wie gern er es mit dem Neuesten 
und Schonsten erfreuen mochte, so pflegten diejenigen, 
die auf gute Einnahme zahlen konnten, haufig die beliebte- 
sten italienischen Opernsanger gegen nicht geringes Honorar 

Moscheles' Lelien, Xi 



TVU 5 



— 2tO — 

fur ihre Abende zu gewinnen, die dadurch fur das gross e 
Publicum mehr Anziehungskraft erhielten. 

Dem war jedoch Laporte, der 1828. die Leitung von 
Her Majesty's Theatre iibernommen, sofort hindernd in den 
Weg getreten und hielt, den Kunstlern gegeniiber, die 
ihn um seine Opernkrafte angingen, hartnackig an der 
Alternative fest: „Miethet meinen Opern-Concertsaal. oder 
ihr bekommt meine Sanger nicht!" Es hiess also mit La- 
fontaine in der Fabel: pour moi la bonne aubaine. Diese 
Pille ward freilich durch viele siissliche, franzosische 
Sprachwendungen iiberzuckert; doch wusste Bochsa, der 
Clior director der Oper, sie auf Geheiss seines Chefs in 
gutes Englisch zu xibertragen. Moscheles, dessen Concert 
am 7. Mai stattfinden sollte, opferte vergebens seine Abende, 
um mit Laporte und Bochsa wahrend der OpernvorstelluDgen 
zu parlamentiren, (denn nur da erhaschte man diese Her- 
ren); sie blieben bei ihrer Bedingung. Moscheles hatte 
zwar fiir sein Concert mehrere Novitaten bereit, eine neue 
Symphonie, seine neue Phantasie ..Strains of the. Scotch 
Bards", die schon durch den Umstand, dass sie Sir Walter 
Scott dedicirt war, grosses Interesse erregen musste; — 
„doch musste ich auch italienische Sanger haben und er- 
griff daher endlich das unangenehme und kostspielige 
Mittel, sie zu erlangen; ich miethete Laporte's Saal fur 
theures Geld und bot dem Besitzer der Argyll-rooms, 
die ich schon gemiethet hatte, £, 10 als Reukauf, die dieser 
schnode zuriickwies, mich mit einem Process bedrohend. 
Vor Processen habe ich eine heilige Scheu und so consul- 
tirte ich einen Rechtsfreund, der mir durch seine Dazwi- 
schenkunft endlich die Annahme meiner £ 10 verschaffte." 
Laporte wusste nur zu gut, in welchem Grade seine 
Oper die musikalische Welt beherrschte, und wirklich 
waren die Geniisse, welche eine Malibran und Sonntag 
vereint boten, zu edler und reiner Natur, als dass das 
Publicum sie nicht hatte mit heissem. Dank aufhehmen 
sollen. 

Keine Vorstellung auf den Nationaltheatern konnte 
mit der italienischen Oper rivalisiren, ja man beaehtete 



— 2It — 

sie kaurn. An einem der besseren unter ihnen horte Mo- 
scheles die Oper von Ries „Die Rauberbraut", weiss je- 
doch von der Auffuhrung nicht viel Gutes zu sagen: „Wie 
kiihl war Miss Betts, die ubrige Besetzung, die .Musik, 
die Horer und ich selbst obenan." 

Am 22. Juni berichtet das Tagebuch iiber Bochsa's 
Concert in der grossen Oper wie folgt: „Einer der seltensten 
Geniisse dieser Saison war die dramatisixte Vorstellung 
von Handel's „Acis und Galatea", die Titelrollen vor- 
trefflich gesungen von Miss Paton und Braham, der Po- 
lyphem von Zuchelli durch Aufsetzung eines Kopfes mit 
dem Riesenauge in der Stirn vortrefflich dargestellt." 
Zuchelli war namlich trotz seines italienischen Namens ein 
Englander reinster Abkunft, der seinen Handel getreu der 
Tradition, classisch in "Wort und Ton wiedergab. Was 
brachte aber dasselbe Bochsa'sche Concert noch? Die 
Grabesscene aus „Romeo und Giulietta", von der Sonntag 
und Malibran hinreissend schon gegeben; denn die war 
ja italienisch und musste neben dem englischen Oratp- 
rium Ziehen; zum Schluss aber gab's auch eine deutsche 
Kleinigkeit, die Pastoral-Symphonie, die ich aber im Stich 
liess; denn allzuviel ist ungesund." 

An der Koniglichen Akademie der Musik, an der er 
als Professor thatig war, fand er nur bei sehr wenigen 
Schiilern eine mehr als gewohnliche Begabung und war 
mit ihren Leistungen selten zufrieden. Auch an den von 
ihnen veranstalteten Auffuhrungen hatte er viel auszu- 
setzen. „Sie singen italienisches Zeug und das mit eng- 
lischer Manier. In ,,Cosi fan tutte" konnten sie sich gar nicht 
hineinfinden , und ich noch weniger in ihre Auffuhrung." 

Als sie sich am 31. Juli mit ihrem kleinen Tochter- 
chen einschiffen konnten, urn die Ihrigen in ihrem land- 
lichen Aufenthalt bei Hamburg zu besuchen, sagt das 
Tagebuch: „Wer ist froher als wir, das chronische Uebel 
des Concerts und die ganze Saison hinter uns zu haben? 
Bei den Verwandten muss unser Schmerz um das verlo- 
rene Gut ausgeweint, dort aber auch Linderung fur den 
Verlust gefunden werden," 



— 212 — 

Moscheles blieb bis zum 24. September mit Frail und 
Kind bei den lieben Geschwistern. Wieder entstanden in 
diesen Wochen gemiithlicher Erholung manche Skizzen zu 
spateren Compositionen. Das geliebte Kind gedieh in der 
reinen Landluft, und sie hatten das Gliick, seinen zweijahrigen 
Geburtstag am 10. September zugleich mit dem hundert- 
jahrigen Moses Mendelssohn's zu feiern. „Fiir diesen war 
lauter Jubel in der israelitischen Gemeinde; bei uns ist 
stilles dankbares Gliick fiir den uns erhaltenen Schatz," 
Es ergingen an Moscheles dringende Aufforderungen zum 
Concertgeben , die er aber, als nicht zum Zweck seines 
damaligen Aufenthaltes passend, consequent ausschlug. 
Das Theater bot ihnen, den halben Englandern, gar 
manche Novitat. ,,Die Stumme von Portici" mit Cornet 
und der jiingeren Fraulein Schroder, der Schwester der 
Devrient, als „Fenella", entziickte sie. 

Der Hamburger Aufenthalt sollte ihm auch als Etappe 
zu einer Reise nach Kopenhagen dienen, die er jedoch 
allein antrat, da das zarte Kindchen weder mitreisen, noch 
verlassen werden durfte. 

Einige Auszuge aus den Briefen, die er wahrend dieser 
zwei Monate der Trennung an seine Frau schrieb, werden 
uns Auskunft dariiber geben, wie seine Reise und seine 
Unternehmungen sich gestalteten. 

„Schleswig 27. Sept. 1829. Der ganze Weg hielier ist 
nahe verwandt mit der Liineburger Heide, zuweilen fiel der 
"VVagen beinahe urn, er hatte mich aber nur sanft in den 
Sand gelegt. Jetzt habe ich schon meine Schritte in der 
meilenlangen Wurst Schleswig gemessen. Der Kammer- 
herr Ahlefeld war sehr freundlich, aber hier fiir etwa 
Do — 70 Thlr. Einnahme und bedeutenden Zeitverlust Con- 
cert zu geben, ware lacherlich, so sind die Pferde ange- 
spannt und ich fahre nach Flensburg." 

Am 29. September fahrt er iiber den kleinen Belt, 
muss den 30., weil kein Dampfboot abgeht, in Nyborg 
langweilig verbririgen , geht am 2. October . uber den 
grossen Belt und komnit nach einer durchreisten Nacht 
endlich in Kopenhagen an. Natiirlich werden die Schon- 



— 213 — 

heiten der Stadt und ihrer Kunstwerke eingehend be- 
schrieben. Dann heisst es: „Erst horte ich Weyse, den 
hier vergotterten Theoretiker, eine Fuge auf der Orgel in 
der Frauenkirchjg improvisiren'; dann ging ich mit ihm 
nach Hause und las viele seiner sehr interessanten Werke 
durch. Auch Kuhlau, den uberaus gewandten Rathsel- 
kanonbauer lernte ich kennen; er schmiedet musikalische 
Kunstschlosser, die unendlich schwer zu erschliessen sind, 
aber "zu meiner Uebung beredete ich sie Beide, mir die 
Rathselkanons zu zeigen, in denen sie von Haus zu Haus 
miteinander correspondiren. Ich habe Beide bei einem 
Herrn W. getrofTen, in dessen Soiree sammtliche fremde 
und einheimische Kiinstler vor einem Publicum von Lieb- 
habern und Kunstrichtern Musik machten. Oehlenschlager 
war auch da. Kuhlau eroffnete den Abend mit seinem 
Quartett in G-moll. Es ist in grossem Style und vortrefi- 
lich gearbeitet, aber nicht frei von Rerainiscenzem Er 
konnte im Spiel nicht immer der Schwierigkeiten Meister 
werden. Dann spielten Funcke und ich mein Caprice mit 
Cello, das er sehr brav accompagnirte, die Gebriider An- 
derson ein ^Caprice fur drei Horner. Nun sollte ich Solo 
spielen, wollte aber, dass auch Weyse sich horen liesse, 
drang in ihn, ward von der Gesellschaft unterstiitzt, aber 
umsonst, er wollte durchaus Jnicht. So musste ich an's 
Clavier, gleich war es wie von einem Walle umschlossen; 
Todesstille herrschte, wa.hr end ich mich ein paar Minuten 
besann! Ich]] wollte versuchen, gelehrt wie Kuhlau und 
Weyse zu [sein, |dabei harmonisch inter essant, zuletzt 
schmachtend, urn endlich mit einem Virtuosensturm zu 
schlressen; es scheint mir Alles gelungen zu sein. Von 
dem Jubelgeschrei im Unisono, dem ein starres Einander- 
ansehen folgte, kannst Du Dir keinen Begriff machen, 
weil Du etwas Aehnliches mit mir noch nicht erlebt hast. 
Der alte Professor Schall fiel iiber mich her und kiisfite 
mich [(for shame, wiirden die Englander sagen), Kuhlau 
und Weyse bestiirmten mich — ich kam nicht zu 
Athem, — for shame sag' ich mir selbst, so eine Relation 
von sich selbst zu schreiben; aber wem schreib' ich sie?.. 



— 214 — 

Dieser Abend sichert mir die brillanteste Aufnahme in 
meinem Concert. Apropos, Concert wirst Du sagen, 
wann endlich komrat es heran? Aber wegen des Geburts- 
tages der Konigin, der Vermahlung des Prinzen Friedrich, 
der vorgemerkten Concerte von Guillou und der Milder 
muss ich ganze vierzehn Tage warten, somit gebe ich. 
kein zweites oder drittes, da diirfte es bis 1830 dauern — 
na das thut's holt nit!" - — 

Kurz nach seiner Ankunft wird er an den Hof gela- 
den. Das Concert beginnt um sieben Uhr in einem scho- 
nen, antik aussehenden Saal. Der Hofzirkel ist ausserst 
brillant, die Majestaten gleich beim Eintritt liebenswiirdig. 
Der vortreffliche Flotist Guillou spielt, und die Sangerin 
des Abends ist Frau Milder-Hauptmann, aber sie entzfickt 
ihn nicht. „Eine Arie von Meyerbeer, so vereinfacht, dass 
aus Simplicitat simpel wurde. Schade, dass die herrliche 
Stimme dieser Frau so sprode, ja mono ton ist! Als sie 
gar „Dies Bildniss ist bezaubernd schon" sang und das 
im klaglichen Ton einer Alceste, nach D transponirt, das 
Unterste zu Oberst gekehrt, dachte ich bei den Worten 
„„Soll dies Liebe sein?"" Soil das Mozart sein? und dann 
kam noch, um meinem Degout die Krone aufzusetzen, der 
lappische „„Gruss an die Schweiz"". Dazu gehort ein 
musikalischer Magen, der Felsen yerdauen kann. Ich 
hatte schon abwechselnd und zusammen mit Guillou ge- 
spielt, als es zu meiner Improvisation kam. Die bejahrte 
Konigin setzte sich unter tatisend Entschuldigungen, ob 
sie mir auch nicht lastig falle, zu mir; Konig und Hof- 
staat folgten. Ich liess mich los wie ein racer (Rennpferd); alle 
Kraft, alles Feuer, ja sogar ein bischen Koketterie wen- 
dete ich an, um auf die koniglichen Nerven zu wirken. 
Erst rossinirte ich ein bischen, weil ich weiss, dass dies 
Fieber auch hier bei Hofe grassirt, dann wurde ich gar 
ein Dane, und bearbeitete Volkslteder, endlich schloss ich, 
durch die lauten Bravo's ubermiithig gemacht, mit dem 
danischen „God save the King": „Kong Christian". Als 
ich geschlossen hatte — nun Du kannst Dir Alles denken 
— nur das "war neu, dass der Konig bei den anwesenden 



— 215 — 

Musikveteranen herumlief, um sein Erstaunen auszudrucken. 
und sich bei ihnen Bestatigung zu holen.'* 

Der nachste Brief ist aus Helsingborg auf dem Wege 
nach Gothenburg, wo er, statt in Kopenhagen zu warten, 
indess Concert geben will. „Ich legte die Fahr.t von 
Kopenhagen nach Elsinor in 6 '/a Stunden zuriick und 
Nachmittags die Fahrt iiber den Sund in dreiviertel 
Stunde. Hier miethete ich auf Anrathen einen Wagen 
und einen sogenannten Huaaren, der zugleich Kutscher 
und Bedienter ist, fur die Reise nach Gothenburg. Gliick- 
. licher Prinz, kann ich mir diesmal auch wieder zurufen, 
denn ich habe das schonste klarste Wetter." 

Aus Gothenburg schreibt er: „Seitdem ich vorgestern 
rheine Zeilen aus Helsinborg expedirte, habe ich die Reise 
hierher gliicklich, wenn auch mit einigen Strapazen zu- 
riickgelegt. Der sogenannte Wagen, den ich miethete, 
war eine kleine Chaise, auf einen vierraderigen Karren 
gebunden; Koffer und Nachtsack hatte ich zwischen den 
Beinen. Da gab's tiichtige Puffe. Meinen sehr gesprachi- 
gen Husaren verstand ich nicht, desto besser aber die 
Natur, die in jedem Klima, unter jeder Zone zur Bewun- 
derung hinreisst und die hier an den Ufern des Kattegat 
in romantischen Felspartien und herrlichen Waldungen 
einen stets inter essanten Wechsel bietet. Die Wege 
waren meist gut und ein zwolf Stunden vor uns abge- 
schickter Bote hatte uberall frische Pferde bestellt, bis 
wir ihn leider vor Kungsbacka drei Stunden vor Gothen- 
burg einholten und es nun hiess: zwei Stunden warten! — Das 
Wirthshaus bot Nichts als eine Art grauen Zwieback und 
eine Talgkerze, zu der sich der Dampf meiner Cigarre ge- 
sellte. Endlich weiter in die dunkle Nacht hinein, die 
noch dazu Regen brachte. Um n Uhr ein Halt, aber 
nicht in Gothenburg, sondern nur um ehK-n neuen Vor- 
spann zu holen, da wir einen schweren Gi'.'birgspass vor 
uns hatten, aber um i Uhr das willkommene Licht in 
der Laterne des Gothenburger Zollhauses. — Das Licht 
war willkommener als die Visitation, zu der ich aussteigen 
musste, Ein gehoriges Pochen an Blone's Hus weckte ein 



1 — 2l6 — . : , 

Madchen aus tiefem Schlaf, aber trotz eines vorher be- 
stellten Quartiers, bekam ich nur eine Kammer im Him- 
melreich, wo ich mit dem Kopf an die Decke stiess. 
Meine Frage, ob ich nicht eines der leeren Zimmer im 
ersten Stock haben konnte, an denen wir vorbeigekommen 
waren, wurde nur durch ein schwedisches Achselzucken 
beantwortet, welches fur mich einem bohmischen Dorfe 
glich. So Hess ich die Dachkammer heizen, den Rauch 
in's Zimmer schlagen und legte mich in meinen Pelz ge- 
wickelt in's Bett. Mem schlechter Humor ward durch den 
Gedanken an Dich iiberwunden; Th. Hells Gedicht „Macht 
der Fraucn", das mir durch Zufall in die Hand kam, 
driickte meine eigenen Gefiihle sympathisch aus." 

„Heute Morgen bekam ich die 'hubschen Zimmer, die 
ich in der Nacht sah; gerade die waren fiir mich bestellt. 
Mein Concert ist angezeigt und arrangirt fur den 27., also 
in drei Tagen, und gleich darauf geht's wieder nach 
Kopenhagen. Ich bin stets mit Calculationen iiber das 
danische und schwedische Postwesen beschaftigt, damit 
unsere Correspondenz nie zerrissen werde. . . In so einer 
fremden Stadt pflege ich immer gleich auf den Wall zu 
gehen, rnn einen Ueberblick zu bekommen. Wie roman- 
tisch schauerlich diese Klippen und abgerissenen Fels- 
stiicke um und selbst im Hafen! Der sich schlangelnde 
Fluss Gota-Elf (Gothen-Elbe) erinnerte mich an unsere 
Elbe und ich war nicht mehr allein. . . . Die Stadt hat 
geraumige Strassen und Platze und sogar eine, die an die 
Linden erinnert. Das Wetter ist klar und schon." 

Nun erzahlt er von zwei grossen Familien, welche den 
Ort musikalisch beherrschen, natiirlich nicht ohne Rivali- 
tat, die eine hat ein Clementi'sches , die andere ein Graf- 
sches Instrument. Welches wird Moscheles zum Concert 
wahlen ? Das ist fiir die streitenden Hauser eine brennende 
Frage. Er hilft sich, indem er beide nimmt und abwech- 
selnd darauf spielt. Vor dem Concert aber macht er ein 
echt schwedisches Diner mit. „Der Wirth, ein Original, 
das an seiner Tafel von fiinfundzwanzig Personen phan- 
tastisch, hogarthisch, ja abderitlich prasidirte. Ehe man 



: ft'. 



— 217 — 

sich an dieser niederliess, wurde von den Herren Schnaps 
und Hering stehend an einem Seitentische genossen, 
wozu nur drei Glaser fur Alle dienten; dann gab's Kalb- 
fleischragout, Hecht und endlich Suppe, hierauf Ganse- 
braten, plum-pudding und herrliche Friichte zum Dessert. 
Mein Original ist ein untersetzter Sechsziger, dessen fun- 
kelnde Augen unter einer graubraunen Perriicke hervor- 
sehen, die Oberzahne fehlen, vier Unterzahne beschiitzen 
als Palisaden die sehr grosse, hangende, stets Feuchtig- 
keit sprudelnde Unterlippe. Er weiss immer das Wort zu 
fuhren und that es, trotz der Anwesenheit aller Honora- 
tioren; seine Frau hingegen muss etne Schweigsamkeits- 
klausel in ihrem Heirathscontract unterzeichnet haben. 
Herr S. war so voll von dem grossen Ereignisse, den 
Professor Moscheles in Gothenburg und in s einem Hause 
zu sehen, dass er bestandig die Backen vollnahm und den 
Professor mit Lob iibergoss. Er ist auch in seinen Flegel- 
oder Lehr-, nein Leer-Jahren a la Wilhelm Meister und 
Yorik empfindsam gereist, war auch in England, und 
fiihlte sich gedrungen, auf den Professor zu toasten, Hier 
gebe ich Dir ein wahrheitsgetreues Probchen seiner ver- 
wickelt unsinnigen Rede, bis ich Dir miindlich mehr geben 
kann: 

„Meine Herren! Sollte es kflhn sein, wenn ich mit 
einiger Zuversicht das Hausrecht ergreife und das Wort 
fuhre? Bewahre mich Gott, dass ich die Ehre geniesse 
und auch der Zufall — denn diese werthe Gesellschaft, 
die mich als schlichten Mann kennt, zu sprechen. Der 
Zufall sage ich, dehn was ist Zufall? Gothenburg geniesst 
die Ehre etc. etc." — kommen die albernsten Lobpreisungen 
und dann geht es weiter: „ bewahre mich Gott, ohne der 
Bescheidenheit dieses Mannes zu nahe zu treten — • 
der Zufall sag' ich, der uns diesen Mann — die Be- 
wunderung bei Seite gesetzt — gewiss einen bleiben- 
den Eindruck verschafft — Er, lebe hoch, der Meister 
der Tone im Reiche des Schonen." Du kannst Dir den- 
ken, wie mir zu Muthe war; ich musste mir in die Zunge 
beissen, um nicht zu lachen. Der Gouverneur, die Rathe, 



_ 21 8 _ 

der Platzcommandant und die anderen Gaste schienen 
gar nicht erstaunt, sie rmissen.ihn kennen.' Als er seine 
Rede geendet, wurde von einem Dilettanten ein ein- 
stimmiger „Glee" gesungen, und die Gelegenheitsworte ende- 
ten immer mit dem Refrain: ,,Es lebe der Meister!" Die 
Glaser klirrten, ich stand auf, urn mich zu bedanken; 
kaum aber hatte ich gesagt, dass es nicht Zufall sei, son- 
dern der Wunsch, mich auch vor einem kunstliebenden 
Publicum in Gothenburg horen zu lassen, der mich her- 
gefuhrt, als Herr S. mir das Ende ersparte, indem er mich 
bescheiden unterbrach, mit: „Bewahre mich Gott, dass der 
Professor meint, dass ich meine, der Zufall (denn Zufall 
ist Alles'in der Welt) habe uns, nicht ihm das Gliick zu- 
gedacht, einen Mann in unseren Mauern zu sehen, dessen 
Bescheidenheit — bewahre mich Gott — ich nicht zu nahe 
treten mochte." Hierauf wieder Gesundheiten, dann stan- 
den die Damen auf, und die Herren blieben bei einem un- 
geheueren Napf kalten Bischofs sitzen, wobei das narri- 
sche Raderwerk unsres Wirthes nicht stille stand; auch 
Lieder wurden gesungen, ich hielt mich bei der ganzen 
Sache neutral. Nun ging es aus dem geraumigen Esssaal 
zuriick, durch mehrere elegante Salons in einen, wo der 
Clemen ti stand und ich musste improvisiren; ich that es, 
meine Umgebung berechnend, und Du berechnest leicht 
das Resultat. — Der Clavierlehrer Schwarz und der Or- 
ganist der Kathedrale, Barnroth, schlugen vor, ich solle 
Orgel spielen, und das geschah am nachsten Mittag im 
Beisein derselben Gesellschaft, Ich Hess mich da einmal 
wieder recht los und arbeitete im Pedalwerk, als hatte ich 
Vestris' Fiisse. . . . 

In meinem Concert war Alles, was geschmeidige 
Ohren fur Musik hat oder sich einbildet, welche zu haben, 
also der Saal uberfiillt und brillante Toiletten. Der Zettel 
zeigt Dir das Programm. Laut Aufforderung bekam ich die 
Themen zur Phantasie im Publicum — es waren schwedische 
Lieder, die man mir aufgeschrieben gab und die ich dem 
Beifall nach zu urtheilen, nicht schlecht verarbeitete. 
Dann ward ich noch viel umringt, Alle Einladungen nach 



— 219 — ' 

dem Concert hatte ich standhaft ausgeschlagen, well ich 
zuriickeile. . . . Heute Nacht muss ich trotz aller Eile 
hier in Helsinborg, wo ich Dir schreibe, iibernachten*; ich 
habe Dir einen kurzen Auszug meines letzten Briefes auf 
einem anderen, vielleicht schnelleren Wege geschickt, da- 
mit Du nicht ohne Nachrichten bleibst." 

Er hat einer Auftbrderung, nach Stockholm zu gehen, 
nicht Folge geleistet, obgleich er am Anfang dieser Reise 
einige Schritte gethan hatte, urn sich dort ein Concert 
"vorbereiten zu lassen. Das Alleinreisen ward ihm gar-zu 
unbehaglich. Aus Kopenhagen meldet er dann: „An ein 
zweites Concert hier kann ich nicht denken, weil es micli 
neue vierzehn Tage kosten wiirde. Der Andrang zu den 
Bestellungen fur das einzige ist daher sehr gross. Die 
Milder giebt Sonntag das ihrige und reist Montag nach 
Berlin zuriick. Sie will nach London — ich konnte ihr 
nur hoflich abrathen; aber sie sagte: „Ich will's derm doch 
wagen; wenn die Tiroler so viel Gluck gemacht haben, 
so wird auch noch Etwas fur mich iibrig sein!" „Aber 
Sie werden doch nicht fur 3 sh. singen wollen?" sagte ich. 
Nein, (im tragischen Ton) ich werde nur in den hochsten- 
Cirkeln singen!" — Ich suchte das Gesprach auf anstan- 
dige Weise abzukiirzen." 

„Ich habe das beliebte Liederspiel „El v erhoy" im Thea- 
ter gesehen; es ist auf eine altdanische Sage gegriindet, 
die charakteristischen Lieder und Chore von Kuhlau ge- 
schmackvoll dazu arrangirt. Die Quverture, die ein Com- 
pendium des Ganzen enthalt, gefiel mir sehr. Bei Weyse 
habe ich wieder einen zweistiindigen Besuch gemacht, da 
er mir hier der Interessanteste ist. Er unterhielt mich 
mit gelehrten Abhandlungen iiber Kunst im technischen 
und asthetischen Sinn; seine Fugen iind besonders seine- 
Rathselkanons sind meisterlich. Morgen kommt er zu 
mir und wir werden uns noch ofters besuchen. 

Guillou bekam am Tage seines Concerts (das der K6- 
nig nicht besuchte), 150 danische Thaler von ihm und 
20 Louisd'ors vom Prinzen Christian; ein Gleiches ist, wie 
ich hore, mir und der Milder „zur Vermeidung des Neides" 



— 220 — 

bestimmt; also wiirde sich meine Nase vergebens nach 
einer Dose riimpfen, vergebens meine Finger nach einem 
Ring, meine Brust sich nach einer Nadel recken, nicht 
einmal die ersehnte Stunde meiner Abreise kann ich nach 
einer Hofuhr stellen — einerlei sie wird doch heran- 
kommen." 

Es wurde viel in Kiinstlerkreisen, bei ausgezeichneten 
Dilettanten wie Herr Gerson und Mme. Tutein (der Toch- 
ter des Sangers Siboni), in der kaufmannischen und diplo- 
matischen Welt dinirt und musicirt. Trotz der vorge- 
schrittenen Jahreszeit wurden bei klarem Frostwetter einige 
Landpartien gemacht. Unter den vielen Einladungen zu 
Concerten, die ihm aus der Nachbarschaft zugingen, er- 
schien ihm nur das eine in Helsinor annehmbar. Herr 
Consul Lobel hatte sich erboten, es auf Subscription zu 
organisiren. Die Aufnahme in seinem Hause Avar sehr 
angenehm, das Concert, das nur die zwei Tage der Hin- 
und Herreise in Anspruch nahm, verlief so giinstig, als er 
nur wiinschen konnte. 

Am 10. November schreibt er von Kopenhagen aus: 
, .Welch' ein merkwurdiger Tag war mir der gestrige! 
Belagert, bestiirmt war ich von acht Uhr frfih bis Abends 
sechs Uhr; gerissen haben sich die Leute um die theuersten 
Logen, quasi gebettelt um einzelne Billette und Viele 
mussten ihr Geld wieder zu sich. stecken, weil sie keine 
bekamen, so dass ich heute schon ankiindigte, es gebe keine 
Casse. Dabei ist Alles zu doppelten Preisen verkauft, das 
Resultat 1500 Thlr. rein. Wollte ich aber nach diesem 
Erfolge ein zweites Concert geben, so wiirde es mich we- 
nigstens drei Wochen kosten; derm die Milder ist nicht 
abgereist und sie und Guillou liegen sich um die wehigen 
freien Tage in den Haaren. Beide gaben ihre ersten 
Concerte zu den gewohnlichen Preisen und hatten guten 
Zuspruch. Was soil ich Dir nun iiber meinen Empfang 
berichten? Nichts — weil Du es schon voraussetzest. 
Nur soviel, dass sich der Beifall immer steigerte. Trotz 
meiner Treulosigkeit gegen die Alexander- Variationen 
muss te ich sie spielen, wieDu aus beiliegendem Programm 



— 221 — - 

siehst, und die Phantasie — nun dariiber lasst sich gar 
nicht schreiben. Guillou, der sein zweites Concert zu ge- 
wohnliehen Preisen angekiindigt hat, bot mir an, es nun 
mit ihm zu doppelten Preisen zu geben. Das kostet mich 
nur drei Tage Zeit, weshalb ich es annahm. Nicht wahr, 
die drei Tage lassen sich verschmerzen? Das Concert 
wirdinG's.Namen, unter meiner Mitwirkung, angekiindigt." 

Sparer schreibt er: „Dieselbe Scene wie bei meinem 
Concert hat sich nun nach der ersten Ankiindigung wie- 
derholt. Wieder Alles zu doppelten Preisen ausverkauft. 
Auf meinen Theil kamen 641 Thlr. Uebrigens we'rde r ich 
nun doch ein Schnupfer, denn Seine Majestat beehrte mich 
mit einer goldenen emaillirten Dose, Prinz Christian 
schickte einen Brillantring, Frau — eine goldene Uhrkette; 
ausserdem war der Hof durch den Hofmarschall sehr 
complimentos." 

Die Riickreise wurde ohne Storung mit einem Halt 
in Flensburg und Schleswig zuriickgelegt, wo einige vor- 
her arrangirte Concerts stattfanden, und Ende November 
war die Familie wieder in Hamburg vereinigt. 

Die Tage bis Mitte December verflogen pfeilschnell 
in befreundeten Kreisen. Dann wurde das Ranzchen ge- 
schnurt, und beim Jahresschluss war man gliicklich in 
Paris angekommen. 



1830. 



Dies Jahr begann herrlich und in Freuden mit einem 
sechswochentlichen Aufenthalt in Paris und erfolgreichen 
Soireen. Auch in London hnden wir nach der Riickkehr 
das thatig musikalische Leben friiherer Jahre. Leider bheben 
jedoch die Schatten nicht aus, die das Lichtbild, wenn 
auch nur voriibergehend , trubten. Ein Sturz aus dem 
Wagen, in welchem Moscheles von Lection zu Lection zu 
fahren pflegte, schien anfangs bedenkliche Folgen nach 
sich ziehen zu wollen. Man befurchtete ein Gehirnfieber. 
Zum Gliick aber wurde das Uebel rasch iiberwunden; 



— 222 — 

eine aussere leichte Stirnwunde war das Schlimmste, was 
ihm von diesem Fall zuriickblieb. Bald darauf wird die 
Frau nach der Geburt eines zweiten Tochterchens von 
einer heftigen Krankheit erfasst, die sie neun Wochen 
an's Krankenlager fesselt und in verschiedenen Phasen 
fast an den Rand des Grabes bring - !. Zu der Sorge urn 
ihre nur langsam zuriickkehrende Gesundheit kommt noch 
der Schmerz Tim den Verlust einer geliebten Sch wester. 
Alles dies sturmt tief erregend auf sein Gemiith ein und 
findet sein Echo im Tagebuche. Dagegen ist die musi- 
kalische Ausbeute aus jener Zeit natiirlich nicht sehr reich. 
Hier das Wenige, was sich aus dieser Saison an musi- 
Icalischen Notizen findet. 

„Hummel ist hier, er will Concert geben, und ich bin 
so gliicklich, ihm bei meinen Schiilerinnen viel Karten 
unterbringen zu konnen. Ich mochte, er hatte sich von 
mir bereden lassen, die sonderbare Anzeige nicht auf sei- 
nen Zettel zu setzen." Er hatte namlich darauf bemerkt: 
„man moge nicht etwa voraussetzen, er werde im Philhar- 
monischen Concert spielen. Nur falls ihm ein sehr an- 
nehmbares Engagement angeboten wiirde, konne man ihn 
auch anderen Ortes, als in seinen eigenen Concerten horen." 
Auf diese Weise wollte er den Besuchern der Philharmo- 
nischen Concerte die Illusion benehmen, als konnten sie 
sich das Extra-Concert ersparen. Einige Tage spater be- 
geht er im Concert der Malibran den Missgriff iiber „God 
save the King" zu phantasiren, „wahrend Georg IV. todt 
und noch unbegraben daliegt und man an William IV. 
noch kaum denkt". Publicum und Presse sprachen sich 
riigend dariiber aus, und iiberhaupt wollte an Hummel's 
in Wien so wohlverdienten Lorbern in diesem Ion doner 
Aufenthalt sich kein neuer Zweig ansetzen. Einestheils war 
er schon etwas bequem geworden, er besass nicht mehr 
die Spannkraft, die dazu gehorte, sich mit Erfolg in diese 
londoner Sturmfluth zu stiirzen; anderntheils fand der 
Nationalstolz der Englander, dass ihr Cramer ebenso ge- 
perlt, ebenso legato spiele, ihm daher in nichts nachstehe; 
warum da nicht lieber dem native talent (dem eingebornen 



• — 223 — 

Talent) den Vorzug geben? Hummel, vielleicht durch 
diese Ansicht mancher Blatter iibel gelaunt, schlug es 
Cramer ab, in dessen Concert ein Duo mit ihm zu spielen 
„und auch das wird. dem alten Wiener Freunde iibel ge- 
nommen." 

Dagegen rief damals die Malibran durch ihr Talent nicht 
minder wie durch ihre traurigen Schicksale begeisterte Theil- 
nahme wach. Erst an den ihr aufgedrungenen Malibran ge- 
kettet, dann durch besondere Grunst des'Papstes von ihm be- 
freit, hatte sich ihr liebebedurftiges Herz mit echter Hinge- 
bung zu de Beriot gewendet, als dessen Gattin sie nun in Lon- 
don auftrat. Auch in dieser Ehe war sie der selbstlosere, 
opferfahigere Theil; denn ihm zu Liebe sang sie nicht nur 
in der Oper, nein, nach so mancher anstrengenden Vor- 
' stellung auch noch in Privat-Soireen oder offentlichen 
Concerten. „Und immer singt sie schon," sagt Moscheles, 
„iramer mit der hochsten Begeisterung; immer ist sie nicht 
nur Sangerin, sondern auch musikalisches Genie. Muss 
sie eine Cavatine wiederholen, was ihr meist geschieht, so 
improvisirt sie neue Coloraturen, schoner und origineller 
als die ersten, die schon Alles zu ubertreffen schienen; 
dabei beherrscht sie lachelnd das Orchester und ■ seinen 
Dirigenten und ziindet audi in dem kaltesten der mitwir- 
kenden Musiker ein Geistesfunkchen an; hat sie doch 
deren so viele, dass sie unbeschadet damit herumwerfen 
kann. Auch in de Beriot's glattes vollendetes, aber nicht 
immer erwarmendes Spiel, hat sie hineingeblitzt, und „be- 
sonders in seinem H-moll-Concert erkenne ich sie deutlich." 

Natiirlich war in dieser „von hauslichen Sorgen be- 
angsteten Zeit", an kein ernstes Schaffen zu denken, doch 
mussten einige der kleineren Modesachen laut Contract 
fertig gebracht werden; u. A. die „Gems a la Malibran", 
eine moglichst leichte Zusammenstellung ihrer beliebtesten 
Stiicke mit einer moglichst genauen Nachahmung ihrer 
originellen Coloratur, die Moscheles ihr abgelauscht hatte. 
Fur .sein eigenes Concert, das einmal angekundigt, gleich- 
falls gegeben werden musste, hatte er, um doch eine No- 
vitat zu bringen, innerhalb weniger Tage seine „Recollec- 



— 224 — 

tions of Denmark", als Nachklang der danischen Reise, 
zusammengestellt und die hiibschen nordischen. Motive 
verfehlten ihre Wirkung nicht. 

Wir finden in diesem Jahr auch manche Klagen fiber 
Musikzustande. „Es ist ein Missbrauch, in jedem Philhar- 
monischen Concert zwei Symphonien und zvtei Ouvertiiren 
zu geben, dazu noch zwei grosse Instrumental- und vier 
Gesangstiicke, ich kann immer nur die eine Halfte ge- 
niessen." Ein andermal heisst es: „Beethoven's neunte 
Symphonie durchgefallen! Was soil ich da von denken? 
Liegt die Schuld am Dirigenten, an den Ausfuhrenden 
oder am Publicum? Ich weiss es nicht, aber so darf es 
nicht bleiben." Und wirklich blieb es nicht so; denn 
nachdem die Herren Directoren beschlossen hatten, sie 
nach diesem und einem im Jahre 1824 missgliickten Ver- 
such nie wieder zu geben, nachdem sie sich eingeredet, 
„der taube Componist habe das tolle Zeug geschrieben, weil 
er es nicht gehort", schlug die deutsche Presse so gewaltig 
Larm und ging mit den Verachtern dieses Riesenwerkes 
so streng in's Gericht, dass es Ehrensache wurde, es auch 
in England zu wiirdigen und vorzufiihren. Freilich dauerte 
es einige Jahre, bis die richtige Erkenntniss zum Durch- 
bruch kam. Wie wir spater sehen werden, wandte sich 
die Philharmonische Gesellschaft an Moscheles, der die 
Symphonie mit Eriolg einstudirte und dem Publicum zu- 
ganglich machte. Von da an behauptete sie ihren Platz 
auf den Programmen der Gesellschaft. 

Weiter im Tagebuche blatter nd, finden wir folgende 
Notiz: „Was es alles fur musikalische Thorheiten taglich 
fur ein Entree von 1 sh. in EgyptianHall giebt: i)MichaelBoai, 
ein Deutscher, der mit Fausten an sein Kinn schlagt und 
eine Melodie, ja sogar allerlei Variationchen daraus her- 
vorbringt, und 2) ein Englander, der vorgiebt, zwei Tone 
auf Einmal zu produciren, indem er, einen Clarinettenton 
summend, zugleich einen Basston brummt. Eine effectlose 
Geschichte!" Ebenso wenig Effect erzielte die russische 
Plornmusikcapelle durch das staunenswerth pracise Ein- 
fallen des einen Tones, den jedes ihrer Horner hergab- 



— 22 5 — 

Wich tiger fur die Geschiehte der Kunst und nament- 
lich fur die des Clavierspiels ist es, dass die Erard'schen 
Flugel sich in diesem Jahr zu einer grossen Vollkommen- 
heit erhoben und sehr viel gespielt werden. „Sie haben 
sich namentlich im Anschlag sehr vervollkommnet und 
ich fange an, mich viel und gern darauf zu ergehen." 

Der Aufenthalt der Familie in Ryde auf der Insel 
Wight, wohin man nach beendeter Saison reiste, brachte 
bei zunehmender Gesundheit der Frau einen inter essant en 
Abstecher nach Portsmouth, wo man die im Hafen liegende 
konigliche Yacht, sowie das abgetakelte Schiff besichtigte, 
auf dem Nelson tiel. Eine Metallplatte bezeichnet genau 
die Stelle, und tragt die Inschrift der letzten Worte des 
grossen Seehelden: ..England expects every man to do 
his duty." 

Eine fernere Notiz besagt: „Unsere Absicht nach 
Frankreich zu gehen, war durch die dortige grosse Staats- 
umwalzung vereitelt worden. Charles X. durch Louis 
Philippe ersetzt, und als Fliichtling mit seiner Familie in 
Castle Lulworth. Welcher Wechsel!" 

In Ryde componirte Moscheles u. a. die ..Recollections 
of England", die er der Konigin Adelaide dedicirte. Die 
befreundete Familie Fleming, die auch in Ryde eine 
reizende Besitzung hatte, lud zu taglichen Excursion en 
im Southampton-Water in ihrer eigenen Yacht ein, in der 
es an nichts, ja nicht einmal an einern Clavier fehlte. 
Hieran schloss sich ein kurzer Aufenthalt in Stoneham 
Park, „dessen geschaftige Nichtsthuerei wir jedoch bald 
aufgaben, um in einem nahe bei Southampton gelegenen 
Hauschen still, aber fleissiger und unabhangiger zu leben." 
Dort spielte er sich tiichtig auf dem . nachgeschickten 
Erard ein und componirte dann in Iandlicher Rune sein 
Cherubim dedicirtes C-moll-Trio. 

Die Volksbewegungen unter den unzufriedenen Ar- 
beitern, welche Maschinen zerstorten und Sagemiihlen ab- 
brannten, trieben Moscheles endlich nach London zuruck. 
Dort wurde das neue Trio von Laien und Kiinstlern mit 
Warme- aufgenommen. 

Moscheles* Lebea. ,5 



— '■ 22b 

Im Spatherbst bezog die Familie das neue Wohnhaus 
(3 Chester place Regents Park), das sie iiber sechszehn 
jahre, bis zu ihrer Uebersiedelung nach Leipzig bewohnte. 
Das Haus erhielt bald seine musikalische Weihe, indem das 
neue Trio mit Lindley und Cramer probirt ward. Seitdem 
blieb es ununterbrochen der Schauplatz musikalischer 
Thatigkeit und Unterhaltung und ein neutraler Boden im 
kiinstlerisch geselligen Leben London's. 



1831. 

Das Jahr beginnt mit einer kleinen Kunstreise in die 
Provinz (nach York, Leeds, Derby). Moscheles erhielt 
einen Einblick in die mangelhaften Musikverhaltnisse in 
der Provinz und trug manches zu deren Verbesserung 
bei. Nach der Ruckkehr in die Hauptstadt wurde wieder 
fleissig studirt und unterrichtet und das Familienleben in 
gewohnter Herzlichkeit und Heiterkeit wieder aiifge- 
nommen. 

Um diese Zeit wird eine grossere Vertiefung in Mo- 
scheles' kunstlerischem Streben, in Composition und Spiel 
bemerkbar. Als Hummel, der damals noch in London 
war, Moscheles das Trio spielen horte, meinte er: so ein 
Adagio konne keiner der modernen Clavierspieler schrei- 
ben. Eben damals trat in Moscheles' Spiel die bis dahin 
fast ausschliesslich gepflegte Bravour in den Hintergrund, 
und ein tieferes Gefiihl wurde vorherrschend im Anschlag 
und Vortrag ebensosehr wie in der Composition. In letz- 
terer Beziehung mag das in jener Zeit entstandene Adagio 
des C-dur-Concerts als Beleg dienen, und namhafte Ohren- 
zeugen der damaligen Zeit haben dasselbe' in Bezug 
auf das Spiel bestatigt. Ohne hier den inneren Griinden 
dieser Wandelung nachzuspiiren, sei nur hervorgehoben, 
dass sie ausserlich durch den Fortschritt der Erard'schen 
Fliigel sehr begiinstigt wurde. Ihr Orgelton, ihr langaus- 
haltender Klang waren stets ein Gegenstand so hoher 
Bewunderung fiir Moscheles, dass er sich ohne Zweifel 



' 2.27 — 

■angeregt ftihlte, diese Vbrzuge in seinen Adagio's geltend 
zu machen. „Ein wahres Cello", pflegte er zu sagen, und 
stets lobte er den Ton, den er ohne die Dampfung aus- 
halteh konnte, wllhrend ihm das viele Pedalnehmen, sei . 
es die Dampfung, sei es das einseitige Pedal, bis an sein 
Lehensende widerwartig blieb. Ein guter Spieler, biess es, , 
muss solcheHiilfsmittel.nur selten gebrauchen, sonst miss- 
braucht er sie leicht. Oft auch, wenn er einen braven 
Clavierspieler horte, pflegte er ihn in vielen Stiicken zu 
lobeh, aber hinzuzusetzen : ,/Wenn er nur nicht bestandig 
die Fusse auf den Pedalen hatte; alle, EfEecte sollen jetzt 
■durch die Fusse hervorgebracht werden, wozu hat man 
■denn Hande? Es ist, als wollte sich ein guter Reiter immer 
■der Sporen bedienen!" 

Unter seinen damaligen Scliulern befand sich auch 
■der zehnjahrige Henry Litolff, der ihm als armer talent- 
voller, aber ziemlich verwahrloster Knabe von seinem 
Freunde Collard iibergeben wurde, und dessen Talent er 
sofort erkannte. Sein Vater, ein Elsasser, der seine zahl- 
reichen Kinder nur sparlich durch seine Tanzmusik er- 
nahrte, konnte kein Clavier fur seinen Henry beschaffen; 
dieser iibte aber in der Collard'schen Fabrik und war bei 
jeder Lection so vorbereitet, dass er Moscheles durch das- 
Spielen seiner Etuden und Concerte erfreute und er- 
staunen machte. 

Der erste musikalische Stern am diesjahrigen nebeligen 
Winter himmel London s war Neukomm. Von diesem war 
fur die bevorstehenden Philharmonischen Concerte eine 
neue Symphonie in Es-dur ausgearbeitet worden, der „das 
attische Salz fehlte". Dennoch sollte er sich im Laufe 
dieses Jahres die grosste Popularitat erwerben, wozu 
-emigre von ihm componirte zundende Texte des Dichters 
Barry Cornwall wohl den Grundstein legten. „David's 
Schmerz um Absalon", von Braham hochtragisch vor- 
getragen; „The Sea" von Phillips, ganz im Geiste des 
nationalstolzen Textes gesungen, mussten bestandig auf 
dem Programm stehen. Namentlich aber machte die schon 
besprochene „Nachtliche Heerschau" (nach Zedlitz) einen 



— 2J>8 — '„ '- 

so gewaltlgen ' Eindruck, dass Moscheles eine Phan- 
tasie dariiber schreiben musste, die, wenn auch von ihm 
selbst nur als Stiefkind hetrachtet, doch von den Schule- 
rinnen „ctiarming" and ,,delightful" genannt wurde, so dass 
gar manche zarte Hand „Nachts um die zwolfte Stunde" 
den grossen Kaiser die Trommel wirbeln liess. Aber 
auch die grosseren und ernsteren Werke Neukomm's 
wurden gegeben, und sein Oratorium „Die zebn Gehote" 
fiir das Musikfest in Derby im September angenommen, 
nachdem es zuvor in der Classical . Harmonic Society in 
London mit dem grossten Beifall gegeben worden war. 
Auch im Moscheles'schen Hause veranstaltete man erne 
Auffuhrung im Kleinen mit Quartett und Contrabass- 
begleitung und einem zweiundzwanzig Sanger starken 
Chor (unter den Solosangerinnen Frau Stockhausen und 
Clara Novello). Moscheles, der die vortreffliche musika- 
lische Bildung und Richtung des Freundes schatzte, sagt 
iiber ihn: „Es thut mir leid, dass er so unendlich viel 
schreibt und bestandig den Grundsatz im Munde flihrt, 
dem er auch nachlebt: man miisse taglich etwas machen. 
Wo bleibt da die Inspiration, die allein vor Banalitat 
schutzt?" Als Mensch war Neukomm im Hause Moscheles' 
iiberaus geschatzt und man nannte ihn dort die Ency- 
klopadie; wollte man iiber irgend etwas belehrt sein, 
gleich fragte man ihn; er wusste Alles. 

Die Philharmonischen Concerte kommen heran, und 
Moscheles findet wiederum manchen Missbrauch zu riigen. 
Noch immer sitzt der Conductor am Clavier, seine Par- 
titur umblatternd, ohne Taktirstab, also ganz ohne die Auf- 
fiihrung zu beeinflussen, die der Vorgeiger allein leiten 
muss; daher das oftere Schwanken bei der Auffuhrung 
grosserer Or Chester werke. Auf den Programmer! sind die 
verschiedenartigsten Dinge oft zu einem seitsamen Aller- 
lei zusammengeriittelt. Zwischen die Orchesterwerke ist 
Kammermusik eingeklemmt. Dann wieder der erste Theil . 
von Spohr's „Jungstem Gericht" und ein gemischter zweiter 
Theil. Das ist nichts fiir ein deutsches Ohr, was wurde 
Spohr dazu sagen? 






t- ■ 229 * _ ■ ; 

- Im Februar hat Moscheles Engagements im Norden 
Englands zu erfullen. Er klagt uber die sclilechten Or- 
chester, ist aber mit dem Erfolge seiner Unternehmungen 
zufrieden. Diese Reise war zugleich seine erste Eisen- tIjc«U.ln 
bahnfahrt, iiber die.wir ihn.selbst sprechen lassen wollen: 
„Am 18, friih una 6 Uhr fort, urn z j 2 i Uhr in Manchester, 
nm den beriihmten Railroad zu. sehen und die Tour von ' ... 
sechsunddreissig'englischen Meilen nach Liverpool in andert- 
halb bis zwei Stunden -zuriickzulegen. Der Platz kostete 
5 Shilling. Um %z Uhr stieg ich in einen der Omnibusse, - ' 

die alle Reisenden gratis bis zum Abgang der Dampf- 
wagen in die Vorstadt brachten. Dort fiihrt der Weg 
durch ein grosses GebiLude, in welchem die Bureaux sind. 
Acht bis zehn Wagen von der Lange der Omnibusse sind _,\ 

eng miteinander verbunden, und zwolf Platze in bequemen 
Lehnstiihlen in jedem Wagen. Auf ein gegebenes Signal 
nimmt jeder Reisende den Platz ein, der die Nummer 
seines Billets tragt. Die Wagen werden von den Guards 
verschlossen; dann erst wird die Dampfmaschine an den 
vordersten Wagen gehangt. Die Bewegung, obwohl pfeil- 
schnell, ist kaum fiihlbar und nur dann' iiberraschend, 
wenn man zum Fenster heraussieht und bemerkt, wie man 
sich dem entferntesten Gegenstande mit unglaublicher 
Schnelle nahert und plotzlich daran voruberfiiegt. Welch 
einen Eindruck diese Dampffahrt auf der ersten Eisenbahn 
Englands auf mich machte, in welehe Extase ich durch 
diese an Zauberei grenzende Erfindung versetzt wurde, 
konnen Worte nicht schildern. Ihr bertihmter Ingenieur, 
Sir John Stephenson, hat sie unter unsaglichen Kampfen 
und Schwierigkeiten in's Leben gerufen." 

Nach London zuriickgekehrt, berichtet er iiber die 
Theater: „Eine neue Oper von Pacini, aber nur die herr- 
liche Scenerie beachtenswerth. Sie heisst „Pompeji" und 
die Schrecken der Untergangsnacht sind meisterhaft dar- 
gestellt." ' ." 

Dann wieder: „Kean als „Richard the Third" gesehen, 
Mark undBein erschutternd! Er iiberschreit sich, vielleicht 
weil er zu alt ist und doch Effect machen will." 



/— 23° — , 

Mit Enthusiasmus gedenkt er der Pasta und ihres- 
grandiosen Spieles. „Die Stimme, zuerst bedeckt, tritt 
spater siegTeich hervor, wie die Sonne hinter einer Nebel- 
wolke." 

„Lablache mit seinem machtigsten aller Organe, dem 
Voce sul labbro und seiner Komik, besonders im „Barbiere" 
und dem tauben Alien in „Matrimonio segreto" ist 
immer uniibertrefflich, Rubini in der Oper ausgezeichnet- 
Das Ballet „Kenilworth", das den ganzen Scott'schen Ro- 
man in •vortrefflicher Inscenirung darstellt, ist hochst in- 
teressant, die Taglioni in jedem Ballet eine Verkorperung 
von Grazie und Anstand, eine Tanzerin, die ganz allein 
dasteht undAlles entzuckt." 

Ueber Field, der nach funfundzwanzigjahrigem Aus- 
bleiben in London erscbeint, sagt Moscheles: „Sein Legato 
entzijckt mich, aber seine Compositionen konnen mir nicht. 
zusagen. Nichts kann ubrigens in grellerem Contrast 
stehen, als ein Field'scbes Notturno und die Field'schen 
Mahieren, die oft cynisch sind. War das eine Aufregung 
unter den Damen, als er gestern in einer Gesellschaft das. 
Miniaturbild seiner Frau aus derTasche seines Beinkleides 
zog, und laut mittheilte, wie sle seine Schiilerin gewesen, 
und er sie nur geheirathet, weil sie nie bezahlte und er 
wohl wusste, es ware doch kein Geld von ihr zu be- 
koramen," 

Am i. September schreibt Moscheles: „Gestern speiste 
Field mit Collard bei uns. Field ist ein gutmiithiger, aber 
nicht gebildeter Mensch, vielmehr ist er possirlich. Mit 
einer gewissen Nonchalance erzahlt er, wie er sein Leben 
dahingeschlendert und durch zweideutige Abenteuer ge- 
wurzt habe, wie er in Petersburg, den Damen Lection 
gebend, eingeschlafen und sie ihn mit der Frage geweckt, 
ob sie ihm zwanzig Rubel zahlen sollten, darriit er bei 
ihrer Musik einschlafe? Er spielte uns Abends recht viel 
vor, wobei ich wieder seine Zartheit und Eleganz, sowie 
seinen vor treff lichen Anschlag bewunderte; doch fehlt es 
ihm an Geist und Accent, sowie an Schatten und Licht,. 
und man vermisst das innige Gefuhl." 



— 23 1 — ■ .-_-"■ 

Hummel kehrte zuriick, obgleich seine Geschafte in 
letzter Saison nicht sehr brillant gewesen waren. Auch 
in dieser Saison war er nicht sehr gut auf England und 
die Englander zu sprechen, da seine beiden ersten Con- 
certe, in denen ef nur sich und einige uninteressante Num- 
mern gab, mangelhaft besucht waren. Er machte in der 
Folge die Concession, die Truppe der italienischen Oper 
mit in sein Interesse zu ziehen, eine Massregel, die sich 
vollkommen wirksam erwies. 

In den Soireen gab es manche Kreisleriana an Lieb- 
habergesang auszustehen, und Moscheles spielte oft zu 
eigener Erlosung, wo er's sonst nicht gethan hatte. Da- 
gegen war ihm zeitlebens das- Musikmachen mit Kunst- 
briidern eine Herzensfreude. 

Das eigene jahrliche Concert fuhrte dem dichtgedrang- 
ten Publikum zu grosser Befriedigung die „Reeollections 
of Denmark" mit ihren schonen nordischen Volksweisen 
vor, und das Ganze verlief mit gewohntem Gliick. In 
diesem Concert bediente sich Moscheles zum -ersten Male 
eines Erard'schen, nicht wie bisher eines Clementi'schen 
Fliigels. Der Entschluss hierzu war ihm schwer geworden, 
da Collard, der Associe des Hauses Clementi, einer seiner 
intimsten Freunde, ja oft sein Rathgeber war. Die Kunst 
aber verlangte ihre Rechte und die in diesem Jahr von 
Erard gebauten Fliigel waren alien anderen an Ton, Kraft 
und biegsamem Anschlag so weit uberlegen, dass Mosche- 
les ihnen ebenso oifen die Ehre geben wollte, wie er sie 
bis daher oft als zah im Anschlag und dumpf im Ton ge- 
tadelt und gemieden hatte. Auch stellte er seinen eigenen 
Erard'schen Fliigel in den Salon, den Clementi'schen in 
sein Studirzimmer. Wie gesagt, des Freundes Collard 
halber that ihm dies leid; aber dieser, so gescheidt als 
treu ergeben, anderte in keiner Weise das gute Verhalt- 
niss, das ihn an die Familie Moscheles kniipfte, und sie 
blieben Freunde bis an ihr Lebensende. 

Paganini war in London erschienen und Alles auf ihn 
gespannt. Eine Masse von Anekdotchen iiber ihn hatteri 
schon in England wie auf dem Continent circulirt; er war 



— 232 — ■ 

miathmasslich der Mofder seines Weibes, und hatte in den 
Jahren seiner Gefangenschaft auf der einzigen G-Saite, die 
seiner Violine blieb, alle die Kunststiickchen gelernt, mit 
denen er erst den Continent, jetzt auch England in Er- 
staunen setzte. Dabei sollte sein Geiz an's Fabelhafte 
grenzen nnd sein Aussehen an eine Figur der Marchen- 
welt erinnern. So war er dem engliscben Publikum an- 
gekiindigt, Moscheles speciell noch durch den Schwieger- 
vater, der ihm in Hamburg ein vortheilhaftes Engagement 
mit dem befreundeten Theaterdirector zu Stande gebracht 
hatte. Der italienischen Sprache machtig, konnte er eine 
Verstandigung zwischen dem Kiinstler nnd den Unter- 
nehmern herbeifuhren, als diese eben ihre bis dahin frucht- 
los gefiihrten Unterliandlungen abzubrechen dachten. „Die 
grossen Einnahmen und der noch grossere Beifall, den 
Paganini erntete (sagt Moscbeles), bracbten meinem 
Schwiegervater eine superlative Dankbarkeit ein, wie sie 
nur der Italiener auszudriicken weiss, und mit dieser iiber- 
scbuttete er auch uns, die Kinder des Onoratissimo , bei 
seinem ersten Besuch; er nalim das Miniaturbild des guten 
Vaters, das iiber dem Kamin hing, herab, bedeckte es mit 
Kiissen und gab ihm die uberscliwenglichsten Epitheta. 
Wir hatten indess Zeit, diese olivenfarbenen, scharf aus- 
gepragten Zuge, diese gliihenden Augen, das sparlich 
diinne, aber lang herabhangehde schwar2e Haar und die 
ganze hagere Figur, auf der die Kleider schlotterten, diese 
tiefeingefallenen Wangen und diese langen, aber schein- 
bar nur mit Haut bedeckten Finger zu betrachten. Wah- 
rend dieser Beschauung hatte die umviirdige Lobhudelei 
ernsteren Gesprachen iiber Paganini's Unternehmungen 
Piatz gemacht. Die erste derselben (noch ehe wir uns 
kannten), zu doppelten Preisen in der italienischen Oper 
zu spielen, war gescheitert, Der Herzog von Devonshire 
soil Propaganda dagegen gemacht haben; genug, nur zwei 
Logen war en verkauft, und das Concert musste abgesagt 
werden. Jetzt theilte er uns seinen Entschluss mit, zu den 
gewohnlichen Preisen in der Oper zu spielen." Spater 
sagt Moscheles: „Meine Hiilfe, die ihm hier und da niitz- 



' • — 233 — 

lich ist, verschafft mir ebenso viel zuckerstisse Epitheta, 
wie sie mein Schwiegervater bekam;. ich werde auch in 
natura ebenso viel gekusst, wie er in efflgie." 

Er kam bestandig in's Haus und wurde stets gut em- 
pfangen. Aber sie trauten ihm nicht recht," er war gar 
zu siisslich. 

Nun kam sein erstes Concert heran. Der erste Ein- 
druck war em uberwaltigender, ja g-eradezu beriickender; 
„Das Opemhaus war in einem Aufruhr, er musste fast 
Alles zwei Mai spielen^ und wurde nicht allein wiithend 
beklatscht, sondern alle Damen lehnten aus den Logen 
hervor, um mit ihren Schnupftiichern zu wehen, und das 
ganze Parterre stieg auf die Banke und schrie „Hurrah!" 
und „Bravo!" aus Leibeskraften. Einen solchen Eindruck 
haben nicht einmal die Sonntag und die Pasta hier ge- 
macht, geschweige denn andere Kiinstler." 

Moscheles beklagt sich in seinern Tagebuch iiber den 
Mangel an Ausdriicken, die ihm eine Schilderung seiner 
Leistungen, wie er sie in Paganini's Concert bewunderte, 
moglich machen wiirden. „Dieser lang gezogene Ton, der 
bis in die innerste Seele dringt, ware bei Ueberschreitung 
einer Linie in den unangenehmen Grad des Miauens ver- 
fallen, uberschritt diese -.Linie aber eben nicht, sondern 
blieb der Ton des Paganini, einzig in seiner Art. Die 
diinnen Saiten, auf -den en allein es moglich war, diese 
Millionen Noten und Notchen seiner Passagen und Ca- 
denzen hervorzuzaubern , waren mir bei jedem anderen 
Geiger fatal gewesen, bei ihm waren sie eine unent- 
behrliche Zugabei Und endlich waren seine Compo- 
sitionen so ultraoriginell und eben dadurch mit der gan- 
zen phantastischen Erscheinung so im Einklang und so 
hinreissend durch seinen Vortrag, dass sie weder den 
Mangel an Tiefe noch an ernster Arbeit, noch irgend 
einen anderen Mangel an's Licht treten liessen." 

DieZeit des Enthusiasmus dauert fort; um dem ihirigen 
Luft zu machen, iibersetzt ihm die Frau die Lobpreisun- 
gen der Zeitungen, die, hochtrabend, wie sie sind, von 
seinen Dankbilleten iiberflugelt werden. Moscheles hort 



■— -Z34 — ■ ' ■ 

ihn in befreundeten Hausern, wo er in seinen eigenen 
Quartetten abwechselnd Bratsche und Violine spielt, Alles 
hinreissend schon, und schreibt fur Mori sein erstes Buch 
„Gems a la Paganini", aber nicht, ohne den Verleger ge- 
nothigt zu haben, . sich die Erlaubniss dazu von dem als 
geizig verschrieenen Italiener zu verschaffen. Moscheles 
und Mori gehen zusammen zu ihm. Moscheles spielt ihm 
sein in anderthalb Tagen gemachtes „musikalisches Por- 
trait" vor. Paganini umhalst ihn, uberschuttet ihn mit 
Lob. „Diese Auffassung seiner Manier, diese Wiedergabe 
seiner Cadenzen fand er stupend. Es gab in diesem Augen- 
blicke naturlich nur einen Moscheles. Was war Hummel 
dagegen? Hummel und Andere hatten auch Phantasien 
a la Paganini geschrieben, aber sie hatten ihm missfallen, 
er habe dagegen jprotestirt; diese Bearbeitung sei die ein- 
zige richtige, ihm eine Ehre", — und wie die Lobpreisun- 
gen alle hiessen, die sich spater so w«nig wahr erwiesen. 
Naturhch horte Moscheles ihn ofter, um ganz sicher in 
seiner Bearbeitung zu gehen. Nach dem sechsten Concert 
spricht er jedoch bereits folgendes Urtheil aus: „Es geht 
mir ganz sonderbar mit ihm; zuerst fiihlte ich die hochste 
Ueberraschung und Bewunderung. Sein Reichthum ah 
den kiihnsten Passagen, seine neu entdeckte Quelle von 
„sons harmoniques", die Genialitat, mit der er das Hetero- 
genste zu verbinden und effectvoll wiederzugeben versteht, 
iiberwaltigte meinen musikalischen Sinn so sehr, dass mein 
Kopf noch mehrere Tage nachher, gleich einer eben ge- 
loschten Brandstatt zu* dampfen schien. Auch das innige 
Gefiihl, das er seiner Geige schmelzend wie ein italienischer 
Sanger zu entlocken wusste, hatte einen unendlichen Reiz 
fur mich, und ich nahm es ihm in meiner Verblendung 
gar nicht iibel, dass er sich dabei jener maniera del gatto 
bediente, welche, wie der Spottname bezeichnet, bei den 
Italienern verpont ist, und der ich stets so abhold war, 
dass ich sie nur einmal in jedem Schaltjahr horen mochte.. 
Genug, meine Bewunderung fur dies Phanomen, bei dem 
Natur und Kunst gleichen Schritt gehalten haben, kannte 
keine Grenzen. Jetzt, nach ofterem Horen, ist das Alles 



■---?**■■ 



'— *35 



anders geworden. In alien seinen Compositionen sind 
dieselben Effecte, welches Mangel an Erfindung beweist, 
in seinem Styl und seiner Spielweise entdeckte ich Mono- 
tonia Seine Concerte sindschon, haben auch grossartige 
Momente, aber sie erinnern mich an einen Sommerabend, 
wo auf griiner Wiese ein brillantes Feuerwerk abgebrannt 
wird: die Schwarmer und sonstigen Stiicke immer effect- 
voll und bewunderungswerth, aber immer dieselben. Seine 
„Sonate nrilitaire", und wie die anderen Stiicke nochheissen, 
haben siidlichen Schmelz, aber in alien commandirt dieser 
Violinheld dutch den unerlasslichen Trommelwirbel, und 
ist er auch jetzt der Todtschlager seiner Collegen, ich 
wunsche mir doch ein bischen Spohr'schen Ernst, Bail- 
lot'sche Kraft, ja sogar Mayseder'sche Pikanterie. Moglich 
auch, dass der mir immer mehr zu wider werdende Mensch 
dem Kiinstler in meiner Anschauung Eintrag thut. Er ist 
gar zu schmutzig geizig. Ob es wahr ist, dass er seinem 
Diener, der ihn urn ein Galleriebillet bat, nur unter der 
Bedingung den Einlass gestattete, dass er ihn einen Tag 
umsonst bediene, weiss ich nicht, aber das steht fest, dass 
Lablache ihm £ ioo anbot, damit er in seinem Benefiz 
spiele, dass Paganini sie jedoch ausschlug, und dass der 
grosse Sanger ihm ein Drittel der Einnahme bewilligen 
musste. Als die Concerte in der Oper aufhorten, sich zu 
f iillen — . er hatte deren dreizehn gegeben — , begann er 
eine Serie in London Tavern in der City, was auch eines 
so grossen Kiinstlers unwiirdig erklart wird, — ihm einer- 
lei; denn er macht dort Geld." 

Der Brief, dem wir diese Worte entnehmen , war 
im Juli geschrieben. Einige Wochen spater erscheint das 
zweite. dann das dritte Buch der „Gems", und kaum sind 
sie heraus, so thut Paganini gerichtlichen Einspruch, nennt 
das Werk einen musikalischen Diebstahl. Natiirlich be- 
trifft dies meistens den Verleger, aber Moscheles geht zu 
ihm und fragt : ,,Hatten Sie mir's nicht erlaubt?" Ant- 
wort: ,Ja, das erste Buch, aber das zweite und dritte 
nicht." Die Unterhandlung fuhrt zu keinem Resultat; 
Paganini reist nach Schottland, der Process geht weiter. 



- 2 3 6 -" 

Nach seiner Riickkehr endlich sucht er Moscheles aui. 
Mit grossem Umschweif bietet er ihm den ferneren freien 
Verkauf der drei Biicher „Gems" an, wenn er ihm zu 
seinen ziVolf soeben componirten kleinen Stucken eine 
Clavierbegleitung machen wolle. Moscheles willigt, wenn 
auch ungern, ein, weigert sich aber, seinen Namen zu 
dieser Bearbeitung herzugeben, was Pagan ini verlangt. 
Endlich muss dieser nachgeben, dann wird urn die Process- 
kosten debattirt; endlich ist Mori froh,' ein verhaltniss- 
massig kleines Opfer zu bringen, wahrend Paganini friiher 
von £ 500 Entschadigung gesprochen hatte, und Mosche- 
les ist „ganz gliicklich, die fatale, eines Kiinstlerlebens un- 
wiirdige Episode und die abscheulichen Advocaten los 
zu sein." 

Nun konnte er wieder mit doppeltem' Eifer studiren 
und sich in seine Kunst vertiefen. Wie oft aber diese 
Studien und die ruhigen Abende mit den Hausfreunden 
gestort wurden, beweist folgendeNotiz: „Alle seinsollenden 
Kunstgenies des Continents suchen mich heim, und es 
sind deren kiirzlich so viele angekommen, dass ich beinahe 
ein Orchester mit ihnen zusammenstellen konnte. Heute 
Morgen kam ein Violinist, der an Schonheit und Anstand 
dem Flotenspieler S. nichts nachg'ibt, und beide, zu einer 
Mixtur verbraucht, waren bitter wie Rhabarber. Dabei 
schreibt mir ein Herr Steinmuller aus Frankfurt, dass sein 
siebzehnjahriger Sohn, ein ausserordentlicher Pianist, sich 
in London wolle horen lassen. Er ist sechs Fuss gross, 
heisst es, hat ein Muttermal mit auf die Welt gebracht, 
welches aussieht wie ein Schnurrbart, aber nur auf der 
rechten Seite, also nur ein halber. Auch heisst er hier 
allgemein „der musikalische Schnurrbart", und unter diesem 
Namen wird cr sein Concert in London ankiindigen". 

Zu den Hausfreunden gehorten in diesem Jahre noch 
Paul Mendelssohn, Felix' Bruder; der Professor Fritz 
Rosen, des letzteren und Klingemanns intimer Freund — 
eine nicht zu trennende Trias; dann der Prof. Grahl, der 
das Portrait der Konigin Adelheid malte, und sich Abends 
wahrend der hauslichen Musik gem damit beschaftigte, 



- ■- _ 2J 7 — 

die Portraits des Moscheles'schen Ehepaars zu .zeichnen; 
ferner der junge Phrenologe Holm, der die Charaktere 
und Geistesanlagen in der Schadelformation der Anwesen- 
den entdecken wollte. Neukomm hatte ilm eingeiiihrt, 
und war glaubige'r als das Moscheles'sche Ehepaar, das 
sich aber doch gem von dem jungen Arzt die Schadel- 
lehre erklaren, Thieraugen und Hirn als Beleg sedren liess. 

Der bose Gast aus Asien, die Cholera, hatte ihnen 
wegen der wiener Freunde und . der hamburger und 
prager Verwandten bange Sorgen gemacht, und Moscheles 
schreibt den Letzteren: ,Ja„ wir haben manche triibe 
Stunde; aber die Kunst und das Gottvertrauen mussen 
dariiber hinweg helfen." Und wirklich blieben Alle ge- 
sund und die Wolke, die plotzlich den heiteren Himmel 
beschattets, war bald dem hellsten Sonnenschein gewichen. 

Die grosse politische l^eform, die in dieser Zeit Eng- 
land bewegte, liess auch das Moscheles'sche Ehepaar nicht 
unberiihrt, und es wird viel dariiber hin- und hergeschrie- 
ben. Als die Reform bill verworfen und infolge dessen 
das Par lament aufgelost war, fin den wir folgende Notiz 
bei Gelegenheit eines Balles in Camber well: „Das In- 
teressanteste daran war das Hin- und Herfahren. Ihr wisst 
aus den Zeitungen, dass Viele der „dissolution' halber illu- 
minirten; Viele aber wollten es nicht, und die kamen iibel 
weg; denn man zerbrach ihnen die Fensterscheiben., Auf 
dem ganzen Wege nach Camberwell, sieben englische 
Meilen weit, war doch fast Alles illuminirt, und viele 
Transparents mit den lacherlichsten Inschriften zu sehen, 
z. B. j,The bill, the whole bill and nothing but the bill!" 
Ein patriotischer Fleischer stolzirte in Flammenschrift mit 
„The enemies of reforme to be sent to the dominions of Don 
Miguel"; „Williainthe Restorer" und „WilIiam the patriot 
king" war wohl hundert Mai zu lesen, wahrend wieder 
einige Hauser ganz dunkel und verschlossen, dazwiscben 
standen. Eine Menschenmasse , so gross wie. ich sie nie 
gesehen, belagerte die Hauptstrassen und hemmte den 
Verkehr". 

Ausser den stets fortlaufenden musikalischen Geniissen 



- 238 — " ■ 

hot London, boten die Freunde noch manche andere. Die 
Eroffnung der New London Bridge ist Veranlassung zu 
einer grossartigen Procession auf der Themse, Konig und 
Konigin,. Lord Mayor und Aldermen fahren in mittelalter- 
licher Pracht _iibOr den Strom, und bilden mit dem Hof- 
staat und der Dienerschaft ein Gostumbild, wie man e's 
zur Zeit Heinrichs Vlii. und der Konigin Elisabeth auf 
der Themse gesehen haben mag. Auch Schloss Windsor 
und die koniglichen Privatzimmer Wurden dem Ehepaar 
gezeigt und von dort aus ein reizender Ausflug iiber das 
alte Runny mede, wo King John die Magna Charta gab, 
nach Eton unternommen, auch das College besehen , wo 
ein Byron seine Studien machte. Museen und Bilder- 
gallerien stehen ihnen an Privattagen offen, und als die 
Frau mit den Kindern im September auf einig-e Wochen 
nach Richmond Hill zieht, wird ihnen sogleich durch 
Lord Sidmouth, den Vater zweier Schulerinnen, der sonst 
fur Wagen verschlossene Park zu Spazierfahrten freige- 
geben. 

Wir erwahnen dies als Beleg fur die Pie tat der Eng- 
lander. In Erinnerung der Freuden, die der Kunstler 
bereitet, wollte man sich dankbar gegen ihn und die 
Seinen erweisen, und war es nicht nur wahrend ihres 
mehr als zwanzigjahrigen Aufenthalts in England, sondern 
auch.spa.ter bei jedem noch so kurzen Besuch. 

Wahrend des Aufenthalts in Richmond geht Moscheles 
auf einige Tage zum Musikfest nach Derby und schreibt 
seiner Frau hieriiber: „Im Abendconcert gab man die Mo- 
zart'sche Symphonie in C mit der Fuge (in England „The 
Jupiter" genannt). Draussen war ein heftiges Gewitter, 
so dass der Saal durch die leuchtenden Blitze doppelt er- 
hellt ward und die Composition durch den krachenden 
Donner eine machtige Zuthat bekam. Das iibrige Con- 
cert war ein Mischmasch, in dem jedoch viel Gutes war. 
„King Death" gefiel sehr, und „The Sea" musste wieder- 
holt werden (beides Lieder von Neukomm). Gestern war 
Neukomm's „Prophecy of Babylon" sehr effectvoll, er 
steht in dieser Gegend hoch in Ansehen. Mme. Stock- 



— 239 — 

hausen sang ein „Magnificat" mit Oboe-Begleitung, sehr 
schon, nur etwas schwachlich, weil sie leidend war. Miss 
Masson war ausgezeichnet, die Chore sind es auch, . . 

30. September 12 Uhr Nachts. 

Man ist mit dem Zuspruch zum Festival noch nicht 
recht zufrieden, und hofft, es werde morgen besser werden. 
200 Guineen-Platze, 200 a 12, und 200 a 7 sh. — das ist AHes, 
was abgesetzt wurde. — Das Concert, was ich eben ver- 
schluckt habe, sollte das Motto tragen: Allzuviel ist un- 
gesund! 

Erster Theil: Neukomm's Symphonie — massiger 
Beifall. Glee von Horsley, den wir in London horten. 
Drei englische sentimentale, etwas schleppende Songs und 
das schone Violinconcert von Spohr, sehx unvollkommen 
von Mawkes gespielt, dazwischen der gewohnliche ita- 
lienische Schlendrian aus dem „Barbiere", „Turco in Ita- 
lia" etc. Neukomm's „Midnight Review", mit ungeheurem 
Pathos gesungen, machte grossen Effect. 

Zweiter Theil: Wieder allerlei Songs — worauf die 
Englander wie besessen sind; ebenso das Trio „Papataci'' 
aus der „Italiana in Algieri"; aber Miss Masson sang 
ihre Anfgabe schon, die Ouverture zu „Euryanthe" ging 
sehr gut, Mme. Stockhausen musste ihren Jodler wieder- 
holen, und dann o weh! kam das versauerte Trio von 
Corelli (Lindley, Dragonetti, Lucas). Zu meinem grossen 
Genuss sang Phillips einen ..langhingsong" mit Chor aus 
Handel's „Allegro" und musste ihn wiederholen. Du siehst, 
ich muss hier viel unniitzes Zeug verschlucken, um mir 
einige wahre Geniisse zu verschaffen. Unter diesen steht 
natiirlich der einzige Messias oben an." 

Zum Weihnachtsfest wird nach guter deutscher Sitte 
ein Baum angeputzt und als die Thur sich der iiberraschten 
Jugend offnet, spielt der Hausherr einen Tusch, ein Mirli- 
ton-Marsch von Neukomm wird von drei Freunden ge-\ 
blasen, der kleine Litolff setzt die Gaste durch sein vor- 
treftliches Spiel der Moscheles'schen Variationen „Clair de 
la lune", in Erstaunen. Dann folgt ein Lied, „Nonsense" 
betitelt, Text von Barry Cornwall, Musik von Neukomm: 



■-. ■ — 240 — 

der Text, ganz heiter, ist gleich der Musik zu Anfang 
tragisch gehalten, und wird von einem Seufzerchor unter- 
brochen, bei welchem Mirlitons einfallen, ein MirEton-Solo 
und ein lustiges Lied folgen! Das Ganze wird unter 
miihsam unterdriicktem Lachen, auf Verlangen viermal 
wiederholt; dann phantasirt Moscheles iiber die Nonsense- 
Themen so humoristisch , dass ein neuer Beifallssturm 
folgt; es wird getanzt, soupirt, und man trinkt nicht nur 
auf die Gesundheit der Wirthe, sondern einige Gaste neh- 
men ihnen das Wort ab, sie stets bei ahnlichen Abenden 
einzuladen. Beim Punsch muss der Nonsense wiederholt 
werden. 

Der Jahresschluss, der eben so heiter sein so lite, ward 
durch Moscheles- Unwohlsein ein stiller, aber darum nicht 
minder gliicklicher. 



1832. 

Dass der Geist, der damals in der Philharmonischen 
Gesellschaft und im londoner Musikleben iiberhaupt 
herrschte, nicht der beste war, zeigen die Notizen, denen 
wir an der Schwelle dieses Jahres begegnen. Moscheles 
schreibt: „Man hat mich zum Mitdirector der Philharmo- 
nischen Gesellschaft gemacht, und wie ich hore, ohne eine 
einzige schwarze Kugel. Aber wir sind im Directorium 
unser sieben, sechs unter diesen begegnen sich in ihren 
Ansichten, sie sind conservativ, fiir alles Althergebrachte ; 
ich allein trachte„nach musikalischer Reform und dringe 
nicht durch. Symphonische Werke und Quartette werden 
in einem und demselben Concert geg eben; mittehnassige 
Sanger werden zum Gesang zugelassen. Das veraltete 
Trio von Corelli, das nun schon seit einer Reihe von Jahren 
nicht fehlen darf, wird von den alten Matadoren Cramer, 
Lindley und Dragonetti siegesgewiss mit selbstgefalligem 
Lacheln vorgetragen. Unser Einem reisst die Geduld da- 



— 241 — 

bei. Bei Lindley's unvermeidlicher Cadenz steht man zehn- 
mal am Schluss und wird zehnmal zu dem Einerlei von 
Arpeggien und Flageolettcnen zuriickgefuhrt; er erinnert 
mich an eine Fliege, die den mit Zucker bestreuten Teller 
nicht verlassen will, ist mir auch so lastig wie diese. Und 
doch hat das Trio fur gewisse alte Subscribenten seinen 
Reiz {?), hat grossere Berechtigung, in dies „classische" 
Institut einzudringen, als Mayseder's neues Sextett und 
Neukomm's Septett fur Blasinstrumente , die sich jedoch 
des grossen Beifalls halber einer zweiten Auffiihrung er- 
freuten. An Beethovens letzte Quartette wagt man sich 
nicht." 

Moscheles gab seine neue Symphonie, spielte sein 
neues C-dur-Concert, sagt aber im Tagebuch: „Auf den 
Beifall, den meine neuen Sachen erlangten, bilde ich mir 
nicht viel ein, da auch das Mittelmassige diesem Publi- 
cum gefallt." Die Symphonie ward spater einige Male 
wiederholt, aber Moscheles, der immer streng fiber sich 
und seine Compositionen zu Gericht sass, sah bald ein, 
dass gar manche seiner Zeitgenossen ihn in Orchester- 
werken ubertreffen wiirden, sein geliebter Mendelssohn 
ihn langst darin iibernugelt hatte. Die Instrumentation 
von Moscheles' G-moll-Concert, die sich noch heute so 
wirksam erweist, hatte wohl der Vermuthung Raum ge- 
geben, dass der damals noch sehr junge Componist Grosse- 
res fur Orchester schaffen wiirde; auch sein in der fruhesten 
Zeit in Wien componirtes Ballet „Les deux portraits" 
hatte die Kunstrichter in dieser Voraussetzung bestarkt. 
Er selbst aber sah, trotz einiger spateren Versuche, ein, 
dass das Clavier sein eigentliches Feld bleibe, dass er auf 
diesem zu Nutzen und Freude Anderer schaffen konne, 
und, dbjectiv wie er sich und sein Thun beobachtete, hat 
er sich auch meist auf sein Instrument beschrankt, auf 
dem er oft gelungene Orchestereffecte hervorzubringen 
wusste. 

Meister Clementi war in einem Alter von 84 Jahren 
gestorben, sein Leichnam, von Kunstgenossen getragen, 
in der Westminster- Abtei beigesetzt; natiirlich wollte ihn 

Moscheles 1 Lebeu. 16 



, i./J-V 



— 2^2 — 

auch die Philharmonische Gesellschaft ehren und fiihrte zu 
seinem Gedlchtniss das „Recordare" von Mozart auf. Wie 
schlecht aber nahm'sich dies in einem Rahmen weltlicher 
Musik aus! Und wahrend die Cinti unmittelbar hinterher 
mit der Cavatine aus dem „Barbier" Furore machte, ward 
Mendelssohn's Hebriden-Ouverture augenscheinlich nicht 
verstanden und kiihl aufgenommen. Eine Gedachtniss- 
feier, die weder Clementi noch die Nachlebenden ehrte! 

Neukomm's wenig andauernde Triumphe hatten in 
dieser Zeit ihren Hohepunkt erreicht, Seine Lieder, seine 
Oratorien, Alles gefiel, Alles ward vortrefflich honorirt. 

Die Theater brachten auch in diesem Jahre die iib- 
liche Pantomime. Diese gab aber nicht bios die vielbe- 
wegte Geschichte des Daumlings mit ihren sehr drastisch 
dargestellten Wald- und Menschenfresserscenen, sondern 
wusste auch geschickt die Tagesfragen und Tagesthor- 
heiten in ihre Harlekinaden einzunechten. So z. B. er- 
schien eine Legion kolossaler Ochsenzungen, deren eine 
sich bewegte und unverstandliche Laute ausstiess, als Pa- 
rodie auf den benichtigten Methodisten Irving, der damals 
in unbekannten Sprachen zu predigen vorgab, und da- 
durch von dem lustwandelnden Publicum, das er in den Parks 
andonnerte, viel kleine Miinze erpresste. Auch ein ultrahage- 
rer Paganini in ultraschlotternder Kleidung erschien mit 
der Geige, und fiihrte eine Masse kleiner und immer 
kleinerer, ihm genau nachgebildeter Paganini's vor, und 
dgl. mehr. Das Singspiel „Rob Roy", dem Walter 
Scott'schen Roman nachgebildet, hatte Erfolg, wahrend 
der arme Dichter todtkrank in einem Hotel London's lag. 
Braham gab trotz seiner vorgeriickten Jahre noch immer 
einen vortreff lichen Fra Diavolo, wie die unverwustliche 
Mars noch immer als Valerie excellifte. 

Flerrlich war die deutsche Oper mit der Schroder- 
Devrient, Haizinger, Hauser und anderen ausgezeichneten 
Kraften, die in ihren Vorstellungen von Erfolg zu Erfolg 
schritten. Der Fidelio der Schroder ist zu bekannt, als 
dass sein Lob nicht ausser aller Frage stiinde, aber ein 
Echo alles schon Geriihmten diirfen diese Blatter wohl 



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— 243 - — 



binaustragen in. die musikalische "Welt. Die liebenswiir- 
dige Kiinstlerin sang oft iih Moscheles'schen Hause zum 
Entziicken des Ehepaars, und dankte man ihr, so hiess es: 
„Ach, Kinder, fur Euch singe ich ja gerne, aber denkt 
Euan, eine steife englische Soiree, wo ich . stockstill stehen 
muss und die Ladies mich darauf ansehen, wie ich. mich 
benehme; das quetscht mir die Kehle zu, die Conductors 
accompagniren auch nicht imrner, wie ich will; genug, 
ich fiihle mich nicht frei, wie bei Euch." 

Die italienische Oper hatte einen neuen Director, Monk 
Mason, der sich fiber den nie geahnten Glanz seiner Un- 
ternehmung in grosssprecherischen Reden erging. Seitie 
erste mittelmassige Truppe ward freilich spater durch die 
Cintiund den uniibertrefflichen Lablache abgelost; dennoch 
endete die ganze Prahlerei in einem Bankerott. Der 
Mann war Ir lander; die englischen Theater spielten ihm 
ubel mit. Er hatte die Partitur von „Robert le Diable" 
fur England gekauft; doch kaum war der Clavierauszug 
erschienen, als englische Theater-Directoren dariiber her- 
■fielen, ihn von englischen Arrangeurs instrumentiren, mal- 
traitiren und von englischen Sangern singen liessen. ;,Ich 
wohnte einer solchen Aftervorstellung bei", sagt Moscheles, 
„und fand in dem Machwerk „The Demon" betitelt, Meyer- 
beer's beste Intentionen griindlich zerstort. Nur die schone 
Scenerie und die Unkenntniss des Publicums konnten 
diese Vorstellungen vor einem ganzlichen Untergang 
schiitzen. In Coventgarden wollten sie nun wieder mit 
Drurylane rivalisiren und brachten eine bessere Nach- 
ahmung mit besseren Sangern zu Stande, aber Meyerbeer 
war es immer nicht." 

Am 31. Marz wurde Haydn's hundertjahriger Ge- 
burtstag durch ein grosses Festessen gefeiert, worii- 
ber das Tagebuch berichtet: „Zweiundneunzig Manner, 
grosstentheils Musikprofessoren wohnten dem Feste bei; 
die Damen nahmen von der Gallerie aus theiL Barry 
Cornwall hatte eine Arie zum Preise des Verewigten 
gedichtet, Neukomm in seine Festcomposition eine Aus- 
wahl der schonsten Motive seines Meisters eingefloch- 

16* 



— 244 — ■ . 

ten; J. B. Cramer, Field, Bohrer und ich spielten, mart 
gab Chore aus der j,Sch6pfung" und die Feier war musi- 
kalisch eine wiirdige. Die Toaste aber verdarben Alles. 
Man trank nicht nur auf den unsterblichen Haydn, nein, 
auch auf alle anderen heimgegangenen und lebendigen, 
an- und abwesenden musikalischen Beriihmtheiten, und so 
erschienen einige der ausiibenden Finger schon etwas- 
schwer, als es aim zweiten Theil kam; wir Deutschen 
waren bei dieser Gelegenheit entschieden im "Vortheil." 

In diesem Jahre nahm Lord B., der Componist von 
viel adliger Musik, den Prasidentenstuhl beim Festmahl 
der Royal Society ein, und man musste mit dem Dessert 
auch ein Terzett von ihm hinunterschlucken. In seinem 
Hause gab es grosse Soireen mit Hinzuziehung von Kiinst- 
lern; die Musik, grosstentheils aus den Opern Seiner 
Lordschaft, die wenig begeisterten, die Steifheit des Tons 
und die entsetzlich spate Nachtstunde machten diese Soireen 
zu einer der unange'nehmsten Geschaftsangelegenheiten 
der londoner Musikergilde. 

Dagegen fiihrt Moscheles Manner auf, in deren Hau- 
sern man nach guter ernster Musik auch fiir andere Un- 
terhaltung Sinn hatte und manchmal herzlich lachen 
durfte. Er erwahnt hierbei des beruhmten Komikers 
Matthews, der in einem Privathause iiber die Eroffming 
der neuen London-Briicke mit gewandtem Tonwechsel und 
unter Einmischung von allerlei witzigen Ausfallen und 
Wortspielen improvisirte. 

Ein besonderes Interesse hatte fiir Moscheles das. 
Haus des ihm befreundeten torystischen Parlamentsmit- 
gliedes Fleming. Am 14. April sagt das Tagebuch 
„Gestern war die Reformbill durchgegangen; heute dinir- 
ten wir bei F's. mit mehreren members und horten die 
Herren gern ihre politischen Ansichten auskramen. Aber 
leider folgte eine grosse musikalische Soiree, in der die 
ganze Partei vertreten war, der Herzog von Wellington 
an der Spitze. Vor diesen Herren ist aber schlecht mu- 
siciren, denn sie schenken hochstens einer italienischen 
Sanger in einige Aufmerksamkeit. Clavier, ob von mir 



Ov,V' 



— 245 — • - ■ . 

oder einem anderen Kiinstler gespielt, interessirt sie nicht. 
Werde ich in solchen Soireen applaudirt, so denke ich, 
•es geschieht aus Freude uber mein Wiederabtreten, sie 
haben mich iiberstanden. Wir opfern solchen Soireen 
mcglichst kurze Zeit und eilen heim, sobald es der An- 
stand erlaubt." 

Ja, die Hauslichkeit, sie war ihr eigentliches Ele- 
ment; immer mehr Hebe und manche ausgezeichnete 
Freunde verschonerten sie, und jetzt, wo so manches 
Band gelost ist, bewahren die Ueberlebenden das warme 
Gefuhl, das sie damals aneinander fesselte. Wir nennen 
-die Namen der Privatpersonen nicht, urn ihnen nicht die 
•Oeffentlichkeit eines solches Verhaltnisses aufzudringen, 
doch werden Manche, welche diese Skizze lesen, sich da- 
rin wiederfinden. Sie werden sich an gute Trio's und 
Quartette erinnern, die sie den Hausherrn spielen horten, 
der nie errniidete, wenn es gait, vor echten Musiklieb- 
habern gute Musik zu machen. Zuweilen auch werden 
sie seiner gedenken, wie er, an der belebten Unterhaltung 
theilnehmend, zugleich fur den Notenstecher arbeitete, 
iimgeben von einem Wust von Correcturen, nicht nur 
seiner eigenen Arbeiten, sondern auch der Probedrucke 
mancher in London publicirenden Freunde. 

Chorley, der bekannte Kunstkritiker des Athenaum, 
kam in diesem Winter nach London, wurde bald Haus- 
freund und blieb der vieljahrige hochgeachtete und stets 
dienstfertige , ja unentbehrliche Anhanger der Familie. 
Auch der geschatzten Schriftstellerin, Mrs. Bowdich Lee, 
miissen wir gedenken. Von Ouvier e'ine der grossten Na- 
turforscherinnen genannt, war sie im Moscheles'schen 
Hause ganz Freundin, oft belehrend, stets liebenswiirdig, 
und iiberaus empfanglich fiir- musikalische Genusse. Auch 
dies Verhaltniss konnte nur der Tod losen. 

Das Tagebuch erwahnt der Ankunft Meyerbeer's 
und mancher interessanten Zusammenkunfte mit dern lie- 
benswiirdigen, geistreichen Gesellschafter, der, ein alter 
Freund, sich bald heimisch im Hause fiihlte. 

Die herzlichsten Sympathien schlagen wieder Mendels- 



— 246 — ' 

sohn entgegen, der zur grossen Freude des Hauses Mo- 
scheles am 23. April in London erscheint. „Wir hatten 
ihn langst erwartet, aber ein leichter Cholera- Anfall hielt 
ihn in Paris fest. Jetzt ist er zu uns Insulanern mit sei- 
nem Schatz neuer Cornpositionen heruber geschwommen, 
nun kommen wieder herrliche Tage." 

Wollen wir diese naher beleuchten und uns die grosse 
Intimitat der Beziehungen vergegenwartigen , so durfen 
wir nur das Tagebuch reden lassen, welches das fast tag- 
liche Zusamrnenkommen mit ihm bezeugt. Gleich am 
24. April speist er mit Klingemann bei Moscheles. „Er 
spielte zum erstenmal seine sogenannten Instrumental- 
Lieder fur Clavier, spater „Lieder ohne Worte", und das 
Capriccio in H-moll; Alles athmet Geist und Leben, die 
Lieder eben so tief gemiithlich und innerlich, wie das Or- 
chesterstuck dem Concertsaal angepasst. In meinem neuen 
C-dur-Concert, das er zum erstenmal horte, gefiel ihm be- 
sonders das Adagio." 

25. April: „Zu Tische Mendelssohn und Klingemann 
mit Meyerbeer und der so eben zur deutschen Oper an- 
gekommenen Schroder-Devrient. Felix und ich spielten 
seine vierhandige Symphonie, ich mein C-dur-Concert. 
Die Schroder sang die Scene aus dem „Freischutz" ganz 
vortrefFlich." 

28. April: „Probe des Philharmonischen Concertes und 
Kiinstlercongress. Mendelssohn, Meyerbeer, Lablache 
Field und J. B. Cramer dort; Abends mit Meyerbeer in 
seiner Loge den „Barbiere" von der Cinti und Lablache 
gesehen; ausgezeichnet." 

30. April: Heute spielte Mendelssohn uns seine Can- 
tate „Die erste WalpurgisnacM" vor, die ich fruher in 
Berlin gehort mid bewundert, die mir nun aber in ihrcr 
Ueberarbeitung und mit ihren bedeutenden in Italien ge- 
machten Veranderungen als ein pragnanteres Ganze er- 
schien. Auch das zu der silbernen Hochzeit seiner Eltern 
componirte Liederspiel „Die Heimkehr aus der Fremde'V 
diesen reizenden musikalischen Seherz, spielte er, endlich 
die Ouverture zu den „Hebriden". Auch ich musste ihm 



— 247 — . 

viel vorspielen. Die Einladung zu diesem Abend beant- 
wortete er der Frau in folgenden Zeilen: „Ich danke 
Herrn Moscheles sehr, dass er von meinen neuen Sachen 
etwas sehen will und wenn er mir verspricht, zu sagen, 
sobald es ihm zu viel wird, so schleppe ich einen Cab voll 
Manuscripte herbei und spiele Sie sammtlich in Schlaf." 

i. Mai (Sonn.tag). Mendelssohn und Klingemann schon 
um ein Uhr. Ersterer schenkte mir die Partitur seiner 
Ouverture zu den „Hebriden", die er in Rom am. 16. De- 
cember 1830 beendet, spater aber fur die Herausgabe ver- 
anderte. Oft schienen mir seine Sacben schon in der 
ersten Anlage so schon und abgerundet, dass ich mir 
keine Veranderung denken konnte und diesen Punkt dis- 
cutirten wir auch heute wieder. Er blieb aber bei seinem 
Princip des Aenderns. Ein herrlicher Spaziergang im 
Park mit Mendelssohn und Klingemann brachte Friih- 
lingsahnungen." 

Weiter heisst es in einem Briefe der Frau: „Unsere 
interessanten Tischgaste waren Haizinger's: er, der herr- 
liche Tenorist, auf den die hiesige deutsche Oper stolz sein 
kann, sie, schon und liebenswiirdig wie immer, ferner un- 
sere grosse Schroder und unser noch grosserer Mendels- 
sohn, Natiirlich war die Unterhaltung lebendig und die 
bei den Damen so heiter, dass- sie viele Anekdoten zum 
Besten gaben, und durch charakteristische Geberden illu- 
strirten. Als nun eben die Schroder erzahlte „wie er sein 
Schwert ziickte" und dabei ihr Tischmesser drohend ge- 
gen Haizinger erhob, fiusterte mir Mendelssohn zu: „„Was 
wohl John (der Diener) bei solcher unenglischen Lebhaftig- 
keit denkt? Einer, der so etwas ansieht und nicht ver- 
steht, was es bedeutet, bedenken Sie nur"" Dei- 
Abend brachte die schonste Musik, Einer iibertraf den 
Andern." 

7. Mai: „Heute mit Mendelssohn bei einem Diner, wo 
er nicht spielen wollte und Field es rechtungeniigend that." 

8. Mai: „Gemuthlicher Abend mit Mendelssohn und 
Klingemannj das Programm fiir unsere Soiree am 10. Mai 
unter tausend Scherzen zusammengestellt," 



— 248 — 

g. Mai: „In Meyerbeer's Loge der ersten deutschen 
Vorstellung im italienischen Opernhause beigewohnt; es 
war der „Freischutz" : Mme. Meric, Frl. Maschinka Schnei- 
der, Haizinger und Hauser die Hauptsanger, Chelard Ka- 
pellmeister. Alles ging gut, das Publicum rief enthusia- 
stisch die Sanger wiederholt hervor. Uns machte die 
deutsche Vorstellung grosse Freude." 

10. Mai: „Unsere eigene grosse Soiree, bei der deutsche 
und englische Musik sich glucklich vermahlt hatte." 

Zwischen dem 11. und 16. Mai finden wir allabendlich 
Zusammenkunfte, die der Freundschaft und den Musen 
geweiht sind. 

18. Mai: „Erste Vorstellung des „Fidelio", als Debut 
der Schroder-Devrient, sie und Haizinger uniibertrefflich 
und das Publicum den ganzen Abend so enthusiasmirt, 
dass es die Ouverture, den Canon, den Chor der Gefan- 
genen und zuletzt sogar, als die Sanger gerufen und 
schon wieder abgetreten waren, noch das ganze finale 
wiederholen Hess". 

Nicht alien unseren Lesern wird folgende komische 
Episode bekannt sein: „Die Schroder-Fidelio reicht ihrem 
Florestan-Haizinger in der tragischen Kerkerscene das 
Stiickchen Brod „das sie schon seit drei Tagen" fur ihn 
im Busen verbirgt, er macht nicht Miene, es zu nehmen; 
da, mit einem derben Zusatze, wahrend das Publicum in 
Riihrung zerfliesst, niistert sie ihm wiithend zu: „Nehmen 
Sie's doch, wollen Sie Butter drauf?" 

20. Mai (Sonntag): , .Mendelssohn zum Fruhstiick, und 
gleich den Tag mit Musik begonnen, sodann ergingen 
wir uns gemeinsam im Park. Abends kamen Haizinger s, 
ich probirte mit ihm die neue Variation, welche ich ihm 
zum „Abschied der Troubadours" fur mein Concert schreibe, 
und horte dazwischen die reizenden Anekdoten in den 
verschiedensten Mundarten, die seine Frau der meinigen 
erzahlte!" 

J. B. Cramer's langweiliges Concert am 21. Mai ward 
nur dadurch geniessbar, dass auch Mendelssohn es mit- 
machte. In den folgenden Tagen finden wir Moscheles 



— 249 — 

mit Vorbereitungen fiir das auf den ersten Juni anbe- 
raumte Concert beschaftigt. 

24. Mai: „Zweite Vorstellung des „Fidelio", wonioglich 
noch schemer, als die erste. Begreift man es aber, dass 
die Direction den braven Cellisten Lee aus Hamburg 
nach dieser Oper Variationen spielen, dass sieauch noch 
einen Act aus „Othello" geben Hess? Wir konnten einer 
solchen Geschmacklosigkeit nicht beiwohnen." 

25. Mai: „Nachdem ich die wahrend der Saison un- 
vermeidlichen neun Lectionen hinter mir batte, durfte ich 
mich endlich an Mendelssohn's Gegenwart bei Tische er- 
quicken; Abends war ich mitihm, KHngemann undHauser 
in Mori's Concert, wo er sein reizendes phantasiereiches 
Capriccio in H-moll spielte. Das Publicum, das sich im 
vorjahrigen Mori'schen Concert an den Thiiren um Einlass 
geschlagen, weil der Beneficiant mehr Karten verkauft, 
als der Saal fassen konnte, kam, hierdurch zuriickge- 
schreckt, diesmal nur sparlich." 

28. Mai: „Vormittags Probe fur mein Concert {des 
Mozart'schen Concerts fur zwei Claviere) mit Mendelssohn 
in Erard's Fabrik. Er zu Tische bei uns und Abends zu- 
sammen in's Philharmonische Concert. Der Triumph, den 
er beim Spielen seines neuen G-moll-Concerts feierte, war 
ein vollstandiger. Erfindung, Form, Instrumentation und 
Spiel, Alles befriedigte mich vollkommen, das Stiick spru- 
•delt von Genie." 

29. Mai: „Mendelssohn zu Tische, und die deutschen 
Kiinstler mir iiberraschend zu einer von meiner Frau 
langst vorbereiteten Feier versammelt. Erst ein Prolog, 
von Klingemann gedichtet, von Mme. Haizinger wunder- 
schon gesprochen; er erklarte, dass mein morgender Ge- 
burtstag schon heute gefeiert werde, weil man fur morgen 
den allseitigen Pflichten in der Vorstellung des ;,Fidelio" 
obliegen miisse. Ein Postpacket, das man mir brachte, 
enthielt ein Blatt, auf dem Mendelssohn einen themati- 
schen Katalog meiner Werke mit humoristischen Rand- 
zeichnungen angebracht hatte. Man liess mir aber keine 
Zeit, dies interessante Geschenk zu studiren; denn es er- 



— 2 5° — 

scholl vierstimmiger Gesang. Neue Ueberraschung. Die- 
Schroder, Haizinger's und Hauser sangen einen Canon von 
Mendelssohn iiber vier von Klingemann fur diese Gelegen- 
heit gedichtete Zeilen, die Motive meines C-dur-Concerts 
immer darin vorherrschend; es war eine reizende Feier 
fur den Kiinstler und Menschen." 

30. Mai: „Eine Nachfeier mit erster Handarbeit meines 
funfjahrigen Tochterchens. Das Lectionenjoch blieb nicht 
aus; Field's Morning-Concert als Intermezzo. Zu Tische 
aber Mendelssohn, Klingemann und ihr beiderseitiger 
Freund, Dr. Fritz Rosen." {Dieser, ein an der Universitat 
von London habilitirtcr Orientalist, der leider friihzeitig 
verstarb, war der Bruder des nachherigen Schwiegersohn's 
von Moscheles, Dr. G. Rosen. Letzterer, von Alexander 
v. Humboldt schon fruh zu wissenschaftlichen Reisen und 
Zwecken verwendet, wurde spater preussischer General- 
consul in Jerusalem, dann in Belgrad.) Auch im Juni 
brachte die Anwesenheit Mendelssohn's noch mannigfache 
kiinstlerische Geniisse. Er spielt mit Moscheles in dessen 
eigenem Concert, dann Orgelfugen in der Paulskirche ganz 
meisterlich und muss sein G-moIl-Concert unter erneutem 
Beifallssturm zum zweitenmal im Philharmonischen Concert 
vortragen. „Die ruhigen Abende (bemerkt Moscheles), 
wo wir zusammen plaudern und musiciren, sind und blei- 
ben unvergleichlich,' heute gingen wir sein vierhandiges 
Arrangement des „Sommernachtstraums" sehr aufhierksam 
durch; es soil eben im Druck erscheinen. Die Diners, 
die wir mit ihm besuchen, sind nicht immer so interessant,. 
wje das heutige bei Sir George Smart. Der gute Freund 
hat sich trotz seiner sechszig Jahre mit einer viel jiingeren 
vortrefflichen Frau verheirathet, die die Einweihung der 
neuen Hauslichkeit wohl verdiente; die Musik war der 
Gelegenheit wiirdig." 

Weiter notirt Moscheles: „Mendelssohn ist, wie ich, 
einVerehrer von Horsleys' glee {vierstimmiger Gesang) 
„Cold is Cadwallo's tongue". Besser und der Situation 
gemasser hjitte der celtische Held nicht besungen, sein 
Tod nicht tragischer betrauert werden konnen, als in die- 



— 251 — 

sem Gesang . . . Wieder sind wir einer Meinung fiber 
Paganini; er ist eben nach London zuriickgekehrt, und 
spielte, iibte aber nicht den friiheren Zauber auf uns aus. 
Endlich wird Einem die ewige Siisslichkeit doch zu viel." 

Am 2$. Juni kommt der Freund zum Abschied. „Wir 
waren sehr lustig, sprachen in Rathseln, mussten dann 
aber doch traurig Lebewohl sagen." 

In diesem Monat wirkte Moscheles auch in einem der 
fashionablen Privatconcerte mit. Beliebte Sanger oder 
Instrumentalisten erhalten mitunter von einer Dame der 
hochsten Gesellschaft die Vergiinstigung, in ihrem Hause 
Concert geben zu durfen. Sie selbst sucht ibre Bekannten 
hineinzuziehen, der Concertgeber verzichtet auf das kost- 
spielige Orchester und begnugt sich mit einer Clavierbe- 
gleitung und den Guineen, deren eine fur jedes Billet er- 
legt werden muss. Unter dem Einrmss der hohen Wirthin 
sind solcbe Concerte stets von der eleganten Welt iiber- 
fiillt und der Ton dem einer Gesellschaft ahnlich. Oft 
hort man da die grossten KLiinstler, oft aber haben sie 
auch einem armen Schlucker aufgeholfen oder einen Wohl- 
thatigkeitszweck gefordert; man sah daher gern uber ihr 
mitunter abgedroschenes Programm, oder iiber die unter 
ihnen verborgene Eitelkeit der Modenwelt hinweg. 

Um einen Einblick in das geschaftige Leben Moscheles r 
zu gewahren, greifen wir folgende Tagebuchnotiz vom 
24. Juni heraus: „Als Sonntagsfreude einmal bis acbt Uhr 
geschlafen; dafiir aber schon wahrend des Anziehens den 
kleinen Litolff iiben horen, der gekommen war, um seine 
versprochene Lection zu nehmen. Also schnell gefriih- 
stuckt; aber schon bei der ersten Tasse Caffee erschienen 
die Damen B., die so lange blieben, dass ich mich ent- 
schliessen musste, dem Litolff seine Lection in ihrer Ge- 
genwart zu geben. " Zum Ueberfluss kam noch der Pianist 
L. aus Wien mit dem Beinamen „der Hassliche" hinzu, 
in Gesellschaft seines vierhandigen Rondo, das denselben 
Beinamen verdient. Es zeichnet sich durch ein Rossini'- 
sches crescendo aus, Die Famih'e Eichhorn, die sich eben 
meldete, erbot sich, zu warten, wahrend ich mich einer 



— 25 2 — 

langst ariberaumten ' zahnarztlichen Operation unterzog. 
Gleich nach dieser genoss ich die Freude, mir von den 
beiden Knaben Eichhorn vormusiciren zu lassen, und zum 
Schluss trat ein musikalischer Freund ein, dem ich bis in 
die Nacht hinein vorspielen musste." . 

Der Juli gleicht einigermassen dem Juni, nur dass ein 
„poco a poco decrescendo" eintritt. 

Vom 14. August an verlebte man' bei Hamburg - mit 
lieben Verwandten eine gliickliche Zeit in landlicher Ruhe. 
Glucklich leben hiess aber fur Moscheles componiren und 
musiciren und dies geschah privatim mit den besten Kraf- 
ten der Stadt, offentlich zum Besten des Pensionsfonds 
verarmter Musiker. 

Am 4. October ging es weiter nach Berlin, um dort 
ein Wiedersehen mit Moscheles' Mutter zu feiern, die dort- 
hin gereist war, um die Familie zu treffen. Die vortreff- 
liche Frau, die mit ganzer Seele an dem Sohn und seiner 
Frau hing, hatte hier zum erstenmal das Ghick, sich ihrer 
Enkel zu freuen und genoss es in vollen Ziigen. 

Der grosste Anziehungspunkt war natiirlich fur Mo- 
scheles Felix Mendelssohn und sein elterliches Haus. Dort 
waren sie taglich zu irgend einer Zeit, dort wurde Musik 
fur das Herz gemacht, dort vertraulich uber Geschafte 
mit Felix' Vater berathen. Moscheles sagt: ,Jch ube mich 
taglich auf Felix' prachtigem Erard, den er mir auch 
zum Concert leihen will; wir phantasiren oft zusammen 
darauf, und Jeder von uns sucht die von dem Andern 
untergelegten Harmonien blitzschnell aufzufangen und da- 
rauf weiter zu bauen. Dabei hat Felix die Sucht, jedes 
Motiv aus einer seiner Compositionen, das ich bringe, so 
schnell als moglich durch eins der meinigen zu unter- 
brechen und abzuschneiden , was uns Stoff zu herzlichem 
Lachen gibt. Es 1st oft wie ein musikalisches Blindekuh- 
spiel, bei welchem die Tappenden zuweilen mit den Kopfen 
gegen einander rennen!" 

Am 11. October wohnte Moscheles einer genussreichen 
Auffiihrung der Walpurgisnacht in Felix' elterlichem Hause 
bei; die Soli wurden von Mantius, den Devrients und 



-ro- -■■ 

■'.■■■' ! '. 



— 253 — ■ ■ 

Frau Thiirschmidt ausgefiihrt. Auch die vierhandige 
Beethoven-Polonaise und Moscheles' Sonate in Es durften 
nicht fehlen; Mantius und Devrient sangen aus dem Lie- 
derspiel: JDie Heimkehr aus der Fremde". „Es war em 
reizender Abend." Am 14. October gedenkt das Tagebuch 
einer ahnlichen Soiree im Mendelssohn'schen Hause. 

Zu allseitiger Freude war auch Neukomm in Berlin 
angekommen, und man horte mit Felix eine Auffiihrung 
seiner „Zehn Gebote" in der Singakademie, so wie die 
erste Vorstellung des Crociato, am Geburtstage desKron- 
prinzen. Leider war der Crociato ganz heiser, Frau 
Kraus-Wranitzky aber eine vortreffliche Palmyra, die 
Manner nicht ausgezeichnet, Chore und Decorationen 
prachtig. In der so eben eroffheten Gemaldeausstellung 
bewunderte man das Meisterwerk des einundzwanzig- 
jahrigen Eduard Bendemann „Die trauernden Juden"; das 
Interesse an dem Kunstwerk wurde noch durch die per- 
sonliche Bekanntschaft des liebenswiirdigen bescheidenen 
jungen Kiinstlers erhoht. 

Spater sagt Moscheles: ,,Ich zahle es auch zu den 
Geniissen dieses kurzen ber liner Aufenthalts, dass ich 
Schleiermacher predigen horte, aber leider nur einmal." 

Am 17. d. M. fand Moscheles' Concert in der Oper 
bei iiberfiilltem Hause statt, woriiber- er berichtet: „Mein 
Drittel der Einnahme betragt 301 Thlr. netto. Graf 
Redern, Intendant der koniglichen Oper, kam mir dabei. 
sehr freundlich entgegen, und das Publicum beehrte mein 
C-dur-Concert, die danische Phantasie und eine Improvi- 
sation uber „che faro, voi che sapete" und „namenlose 
Freude", mit einem Enthusiasmus , der mich riickwirkend 
begeisterte ... Es war mir auch ein wonniges Gefiihl, 
Mutter und Frau in einer Parketloge zu sehen. Felix, 
soupirte mit uns bei Jagor sehr heiter." 

Am folgenden Tage, dem letzten in Berlin, war noch 
eine Morgenmusik bei Mendelssohn's. Felix spielte die 
C-moll-Sonate von Beethoven mit dem Geiger Ries, Mo- 
scheles sein Trio, dessen Scherzo er wiederholen musste. 
Bei Tische redete die ganze Familie ihm zu: noch einmal 



— 254 — 

in der Oper zu spielen, so dass Felix aufsprang und zu 
Redern lief, um ihn zu fragen, ob sich bis Sonntag etwas 
arrangiren liesse? Der Bescheid aber, es ginge erst nach 
Mittwoch, befestigte Moscheles' Entsehluss, sogleich abzu- 
reisen; doch nahmen sie Felix' Versprechen mit, er wolle 
im Friibjahr in London be! ihnen zu Gevatter stehn, und 
schenkte der Himmel einen Knaben als Ersatz fur den 
verlorenen Liebling, so sollte er Felix heissen. 

Nun ging's die Nacht durch nach Leipzig, wo im Hotel 
de Baviere abgestiegen wurde, Die Subscription fur das 
dortige Concert trug bereits 200 Unterschriften, so dass 
Moscheles sogleich bei Wieck ein gutes englisches Instru- 
ment probirte, welches er ihm zum Concert zu leihen ver- 
sprach. 

Das Tagebuch erzahlt hierauf von gastfreundschaft- 
lichen Zusammenkiinften; dann heisst es: „Bei Wieck ge- 
iibt und mir von seiner kleinen iiberans begabten Clara 
vorspielen lassen." 

Am 22. October fand das Concert unter grossem Zu- 
drang und enthusiastischem Beifall statt, und bereits am 
folgenden Tage wurde um 9 Uhr Vormittags davon 
gerollt. Das reizende Wetter machte die Reise nach 
Weimar zur wahren Lustfahrt. Am 24. October verzeich- 
net das Tagebuch Besuche bei J. N. Hummel, Frau 
v. Goethe und Anderen. 

Am 25. wurden sie. zum Dejeuner bei Frau v. Goethe 
geladen. „Da gab es viel besternte und betiteltePersoneiu 
die viel aus mir und meinem Spiel machten, wahrend 
meine Frau und ich es beklagten, dass der grosse Genius 
des Orts, Goethe, vor einigen Monaten gestorben war. 
• Zwar befanden wir uns in seinem Hause, doch nicht ein- 
mal seine eigenen Zimmer konnten wir sehen, da Alles 
darin noch ungeordnet und desshalb Niemandem zugang- 
lich war. So konnten wir zum Andenken an den grossen 
Mann nur einige Facsimile's, die letztgepragte Medaille 
und eine Haarlocke, die Frau v. Goethe uns schenkte, er- 
halten. Die Dam en des Hofes in der Goethe'schen Ge- 
sellschaft meinten: „Die Hoheit werde mir den Sonntag 



zu einem Concert frei machen, sie sei mir sehr huldvoll ge- 
sinnt." Der Grossherzog aber wollte zwei fremde Gesandten 
empfangen, was hinderlich dazwischen trat. Es blieb da- 
her bei dem einzigen Hofconcert, zu dem ich mich vor 
meiner Ankunft engagirt batte; die Herrschaften war en 
ausserst gnadig und uberreichten mir einen mit Brillanten 
besetzten Amethy string." 

26. October: „Zu Tische bei Hummel's; mit ihm vier- 
handig pbantasirt; die Zuhorer entziickt. Aber mir war's 
kein Felix. Schnell in unsere Reisekleider geworfen und 
nacb Erfurt gefahren." 

Am 28. October Abends langten sie in Frankfurt an, 
wo sich neue Schwierigkeiten wegen eines rasch zu ver- 
anstaltenden Concerts fanden. „Meine Kunstbriider Schelble, 
Schnyder v. Wartensee, Rosenhain, Wolff, Guhr und 
Andere wussten micb aber zu bereden, bis zum 7. Novem- 
ber zu warten, was idi ungern that." 

Mittlerweile geniesst er, was sicb ihm bietet und besucht 
unter Anderen audi Hofrath A. in Offenbach, iiber den A*Jt£ 
er sagt; „Er drang mir seine Gelehrsamkeit scheffelweise 
auf und wollte mir aus jeder Zeile seines soeben erschei- 
nenden Lehrbuchs beweisen, dass noch Niemand vor ihm 
die musikalische Setzkunst verstanden, viel weniger darii- 
ber zu schreiben gewusst habe. . Noch zeigte er mir eine 
von Mozart unbeendigt gebliebene Oper Bettuha Liberata. 
Das gedruckte Textbuch ergiebt, dass Gassmann 1786 
Musik dazu geschrieben hat. A. hat es unternommen, 
das Werk zu erganzen und zeigte mir die Partitur seiner 
Ouverture, die ich spielte und die Werth hat." 

Am 7. November ging endlich Moscheles' Concert 
-glucklich von statten; er hatte ihm mit Ungeduld ent- 
gegen gesehen, weil ein in London gut gestellter Kiinstler 
fur Continentalunternehmungen gar zu grosse Geldopfer 
bringen muss, selbst wenn sie so vollkommen gelingen, 
wie die seinigen auf dieser Reise. 

Von Frankfurt aus hatte er noch ein Concert in Koln 
-zu geben, lehnte dann aber alle fernereii Antrage ab und 



■ — 256 — 

eilte nach London zuriick. Das Tagebuch ergeht sich in 
Dank fur die gliickliche Heimkehr der Familie, in Freude 
iiber den musikalischen Besuch, den er den Kunstbriidern 
in Deutschland abgestattet, und in Befriedigung iiber ihre 
Anerkennung und schliesst mit den Worten: „Sollte man 
es glauben? heute am ersten Tage nach meiner Riickkehr 
schon einer der langstharrenden Schiilerinnen eine Lection 
gegeben !" 

Klingemann, F. Rosen und andere Freunde fanden 
sich rasch ein. Der kleine Litolff spielte viel bei Moscheles 
und machte bedeutende Fortschritte. Moscheles schreibt: 
„Meiner Gewohnheit getreu, am Geburtstage meiner Frau 
etwas neues zu componiren, begann ich auch dies Jahr — 
aber nicht, wie friiher, eine Kleinigkeit, sondern mein 
Septett, welches ich im Auftrage der Philharmonischen 
Gesellschaft componire. Zwei Jahre lang soil es ihr 
atisschliessliches Eigenthum bleiben, dann kann ich es 
einem Verleger iiberlassen." 

Da er allabendlich viel arbeitete, so war es ihm keine 
angenehme Unterbrechung, als man ihn aufforderte, nach 
Brighton zu reisen: Der Hpf sei anwesend, ein dortiger 
Freund habe Alles vorbereitet, er werde sogleich bei seiner 
Ankunft vor den Majestaten spielen, die ihn zu horen 
wunschten. Um das Gegentheil dieser Aussage zu be- 
kraftigen, geben wir das Tagebuch, wie Moscheles es da- 
mals schrieb: 

,,11. December 8 Uhr Abends nach Brighton — 
mit Goethe's Gotz allein inside. — Um zwei Uhr ange- 
kommen, Brief abgegeben, Niemanden getroffen. Grosses 
Leben in den Strassen wegen bevorstehender Wahlen. 
Die Parteien durchzogen die Strassen mit Musikbanden 
und Hurrahgeschrei. Einsam ins Theater, leer und kalt, 
es wurde die Farce „Harvest Home" gegeben; das Tanz- 
Divertissement war einschlafernd, aber Mr. und Mrs. Keeley 
in Master Rival ausgezeichnet . 

12. December. Trotz eines Rendezvous, welches mir 
der Oberkapellmeister Sir Andrew Barnard um zehn Uhr 
im Pavilion (dem koniglichen Schlosse) gegeben hatte f 



' — 257 -- " ■' • .. :. : , ■ " ■ '^ 

traf ich ihn zu keiner Stunde. Auch Dr. Davis, der mich 
durch eine Karte auf zwei Uhr zu sich bescheiden liess, 
war nicht zu sehen. Meine grosse Anhangerin, Lady C, 
der ich dies klagte, musste, wie ich, befiirchten, Sir An- 
drew sei mir feindlich und nur Italienern freundlich ge- 
sinnt. Sie schrieb ihm, und verlangte Aufklarung. Dies 
verschaffte mir die Ehre seines Anblicks. Ich wiisste 
langst,- sagte .er, dass ich heute Abend bei Hofe spielen 
sollte. — „Wieso?"fragte ich. — „„Hat Ihnen Dr. Davis 
Nichts gesagt?"" — „Nein!" — Hierauf einige hofLiche 
Phrasen seiners eits, und der Antrag, den Erard im Pa- 
vilion zu probiren; ich fand ihn angequollen und steif, 
weil er lange in einem kalten Salon gestanden, musste 
mich aber doch liber Hals und Kopf zu seiner Benutzung '" ' 

vorbereiten und fand nicht einmal Zeit mit der koniglichen 
Kapelle zu probiren. Mit dieser traf ich nun Abends bei 
magischer Beleuchtung in dem phantastisch decorirten 
Musiksaal des Pavilions zusammen. Das Ganze machte 
einen feenartigen Eindruck. Konig William IV. und Ko- 
nigin Adelaide erschienen mit der koniglichen Familie 
und setzten sich ans entfernteste Ende des Saales, der 
Hofstaat auch weit vom Clavier weg, und ich wurde nicht 
vorgestellt. Ich spielte meine neue. Phantasie iiber eng- 
lische Nationallieder, die der Konigin dedicirt waren. Der 
Konig allein naherte sich wahrend dieser dem Clavier und 
schien zuzuhoren, nickte sogar herablassend, als ich auf- 
stand; sein Mund blieb aber stumm. Die Gesellschaft un- 
terhielt sich laut. Sir Andrew forderte mich auf, Orgel 
zu spielen, und spater musste ich die Kapelle (ein ziem- 
lich ungeschultes Doppelquartett), in einigen Vortragen aus 
der „Sch6pfung" begleiten. An meinen Alexander- Varia- 
tionen und der Improvisation nahmen nur die Princess 
Augusta und die Marchioness of Cornwallis, trotz grossen 
Gerausches im Saal, Antheil. Noch wurden Stiicke aus 
„Robert le Diable" von der Kapelle ausgefuhrt und end- 
lich mit „God save the King" geschlossen. Der Hof zog 
sich zuriick, nachdem Sir Andrew der Konigin das Exem- 
plar meiner englischen Phantasie iiberreicht, eine Ehre, 

Moscbeles' Leben. 17 



— 253 ■— 

um die ich fiir mich arigehalten, die er mir aber ver- 
weigert hatte. Er fertigte mich wieder mit einigen hof- 
"lichen, hofischen Phrasen iiber die Zufriedenheit Ihrer 
Majestaten ab, und die Gesellschaft wechselte kein Wort 
mit mir." 

Kein Wonder, dass Moscheles Brighton argerlich ver- 
liess, aber die Freude, wieder bei den Seinigen zu sein, 
verwischte bald diese unangenehmen Eindriicke. Mr. Gri- 
mal, ein grosser Musikenthusiast brachte ihm Beethoven's 
Messe (op. 123), die er noch nicht kannte, und die auch in 
London noch nicht gehort war, mit der Bitte, sie bei 
einem Mr. Alsager zu dirigiren. Dieser, cin Mitarbeiter 
an der „ Times", schrieb nicht nur seinen City-Artikel sehr 
gut, sondern trieb aitch die Beethoven- Verehrung bis zum 
Fanatismus. In seinem grossen Musiksaal wurden Beet- 
hoven'sche Werke mit ganzem Orchester gegeben. Am 
23. December schwang Moscheles zum ersten Mai bei einer 
Aufiuhrung den Dirigentenstab iiber dieses freilich zum 
Theil aus Dilettanten bestehende, aber doch sehr gut 
eingespielte Orchester. Von da an musste er es ofters 
dirigiren. „Ich hatte mich", schreibt Moscheles, „ih das 
kolossale Werk (die Missa solemnis) durch Studium ganz 
versenkt. Zuweilen erschienen mir einzelne Phrasen nicht 
auf dem Hohepunkt kirchlicher Musik; doch diese fielen 
gegen den Geist, der das Ganze belebt, wie Arabesken 
einer Zeichnung weg. Der Enthusiasmus meiner eng- 
lischen Freunde fachte auch meinen Eifer an, die Compo- 
sition in gehoriger Auffassung zu geben. Miss Novello 
sang ganz vortrefflich, auch Miss H. Cawes that ihr 
Bestes. Das „Benedictus" mit dem himmlischen Violin- 
Solo (Mori) entziickte Alles." 

Nachdem sie am 24. December wieder das schone 
Weihnachtsfest gefeiert, beendete Moscheles am 25. in der 
Festtagsruhe die Skizze des Septett- Adagio's, instrumen- 
tirtef copirte die Stimmen in den nachsten Tagen und 
hatte die Freude, es am 31. December vor einigen musi- 
kalischen Freunden mit grossem Erfolg probiren zu 
konnen. 



— 259 — 

Das alte Jahr wird musicirend beschlossen und das 
TDeginnende neue mit dem Punschglase in der Hand und 
.tausend guten Wiinschen begriisst. 



1833. 



Der Jahresanfang ward der Fortsetzung des Septett 
: gewidmet, von dem Moscheles bis dahin nur zwei Satze 
beendet hatte ; dann besorgte er die Copirung der Stimmen 
mit der ihm eig-enen Genauigkeit. Spater ward ihm das 
Stuck besonders lieb, weil Mendelssohn, dem es gefiel, in 
seiner kindlich bescheidenen Art fragte: „Erlaubst du, 
dass ich es zu vier Handen arrangire?" Und dann wieder, 
wahrend der Arbeit: „Gefallt es dir auch? Hattest du es 
doch selbst besser gemacht" .... Wir pflegten solche Reden 
wohl lachelnd seine „frevelhafte Bescheidenheit" zu n en- 
Tien, waren aber doch iiberzeugt, dass der grosse Kiinstler, 
den eigenen Werth verkennend, aufrichtig meinte, was er 
sagte. 

Ein Engagement zu C oncer ten im Norden Englands 
bringt uns folgende Ausziige aus Briefen an die Frau: 

„York, 4. Eebruar Nachts halb zwolf Uhr nach dem 
Concert. Ohne unbescheiden 2u sein, darf ich behaupten, 
dass ich heute der Einzige war, der mit Beifall beehrt 
wurde; denn es war nichts da, als ein Sanger "W. W., 
■einige glees, nebst einigen miserablen Ouverturen, in wel- 
chen die Flote allein Tragerin der Harmonien war. O 
Jammer!! Ejne andere Haut, als ich, ginge drauf — aber 
ich konnte sie anhoren, ohne in Ohnmacht zu fallen. Ich 
versichere Dich, dass ich meine Nerven so zusammen- 
halten musste, wie ich es etwa zu thun hatte, wenn ich 
«iner Hinrichtung beiwohnte. Ich ward nicht nur mit 
Beifall aufgenommen, sondern musste zweimal phantasiren. 
Der Sanger Mr. W. wollte die Midnight Review mit 
Orchester singen, und ich gab mir bei der Probe alle 



2fiO ; ' ■ ' 

mogliche Miihe, sie in Gang zu bringen — aber da war 
so wenig Lebensgeist herauszubringen, wie aus Kiesel- 
steinen. Ich rieth ihm,- das Orchester aufzugeben und 
erbot mich die Composition vom Tode zu retten, indera 
ich sie accompagnirte. Friih um sechs fahre ich mit der 
mail nach Sheffield, und da ich noch meinen Concertanzug 
packen muss, so muss ich schliessen .... 

Sheffield, 5. Februar Naclits elf Uhr nach dem Con- 
cert. Heute hatte ich einen bewegten Tag, und wahrend 
ich Dir schreibe, fiihle ich mich wie ein Stagecoach - Pferd, 
dem nach vollbrachter Arbeit bei der Ankunft an der 
Station alle Muskeln damp fen. Also um fiinf Uhr stand 
ich auf, um sechs Uhr fort, halb zwei Uhr hier, schon an 
der Kutsche empfangen, gleich in die Probe, dann zu 
Tische zu Barker (ein Freund, Besitzer eines Marmor- 
bruches). Grosser Enthusiasm us im Concert. Den „Fall 
of Paris" sollte ich wiederholen, spielte aber nur das Fi- 
nale zweimal und Hess mich durch das gewaltige Klat- 
schen doch nicht zu zweimaligem Phantasiren verlocken, 
sondern verbeugte mich nur pflichtschuldigst, 

Mittwoch Nachmittag. Ich komme eben aus der Kirche, 
wo Neukomm's „Zehn Gebote" zum erstenmal aufgefuhrt 
wurden. Ich sage Dir nichts Ausfuhrliches dariiber — 
nur dass es allgemein angesprochen hat — well ich mir 
in meinem Textbuch viele Notanda gemacht habe, um 
Dir Alles miindlich mitzutheilen. Der Brief muss fort". - 
Er selbst eilte ihm bald nach, und kaum war er nach 
London zuriickgekehrt , so ward ihm ein Sohn geboren. 
Unendliche Freude in der Familie! Moscheles schreibt: 
,,Ich blieb die halbe Nacht auf, um den Verwandten und 
dem zukunftigen Pathen Felix die frohe Nachricht zu 
m'elden und letzterem unsere HofEnung auszusprechen, dass 
er kommen und das Kind selbst iiber die Taufe halten 
werde.' ' 

Der hier folgende Brief Mendelssohn's, mit der beige- 
gebenen Federzeichnung geschmuckt, beantwortete um- 
gehend die Meldung des Freundes: 






261 



«^LyS s-UiacAtAj 




Da sind die Blasinstrumente zu den Geigen; denn so 
lange darf der Stammhalter nicht warten bis ichhinkomme, 
sondern er muss ein Wiegenlied mit Pauken und'Trom- 
peten und Janitscharenmusik haben, die blossen Geigen 
sind lange nicht lustig genug. Viel Gluck und Freude 
und Segen fiir den neuen Menschen; es soil ihm sehr gut 
gehen, und er soil gut werden, was er wird, und es moge 
Ihm wohl in der Welt zu Muthe sein. Also Felix soil er 
heissen? Das ist sehr lieb und schon von Euch, dass er 
nun mein ordentlicher Pathe in forma wird, und mein 
■erstes Pathengeschenk ist obiges ganze Orchester, das soil 
ihn sein Leben durch begleiten: die Trompeten, wenn er 
beruhmt werden will, die Floten, wenn er sich mal ver- 
lieben wird, die Becken, wenn er einen Bart bekommt, 
das Clavier erklart sich selbst, und wenn ihm die Leute 
einmal iibel mitspielen, wie sie das jedem wohl einmal 
thun, so stehn die Pauken und die grosse Trommel im 
Hintergrund- Ach Gott verzeih das dumme Zeug; aber 
mir ist gar sehr lustig, wenn ich an Euere Lustigkeit 
denke, und an die Zeit, wo ich viel davon abbekommen 



— 262 — 

will. Ende April spatestens will ich in London sein unci 
dann wollen wir dem Jim gen einen ordentlichen Namen und. 
Eintritt in die Welt geben, eine Lust soli's werden. 

Auf Dein Septett freue ich mich aber nicht wenig; 
Klingemann hat mir elfNoten daraus geschrieben, namlich:: 



=& 



_#_frfcfc* — l ^3Z-±r- — und die gefallen mir gar sehr 



gut; ich kann mir denken, wie das ein lebendiges, heiteres. 
letztes Stiick geben muss. Auch hat er mir das B-dur- 
Andante gut beschrieben und erzahlt, aber wenn ich's 
selbst hore, ist es doch noch besser. Erwarte nicht zu 
viel von meinen Sachen, die ich mitbringen werde. Du 
wirst die Spuren des Missmuths, aus dem ich mich erst 
langsam und schwer herausarbeiten kann, gewiss oft fin- 
den; es ist mir oft gewesen, als hatte ich noch gar nicht 
componirtund nuisste erst wieder anfangen, alles zu lernen; 
doch bin ich jetzt schon mehr darin und die letzten Sachen- 
werden besser klingen. So war es auch hiibsch, dass 
Dein Brief mich wirklich so recht im Componiren und 
allein und ruhig auf meiner Stube traf, wie Du sagtest 
und so wiinsche ich, dass Dich meine Antwort hier froh 
und heiter Abends in Deinem Hause, im Kreise der ge- 
sunden Deinigen antreffen m6ge; nun wollen wir sehen, 
ob ich so viel Gliick mit Wiinschen haben werde, als Du.. 
Ich bin in Eil und werde schliessen, ich hatte nur eine 
halbe Stunde Zeit, Dir zu schreiben, und die schdneMalerei 
hat mich fast die ganze Zeit aufgehalten. Aber ich weiss 
auch weiter nichts Neues zu sagen, als: Gliick und Fort- 
dauer, und auf Wiedersehen. Die Meinigen sind sammt- 
lich wohl und griissert Dich und freuen sich iiber Deiru 
Gliick. Nur mein Vater leidet fortwahrend sehr an den 
Augen, und wir sind dar iiber sehr betriibt, da es auch 
ihn oft verstimmt; wenn er nur bald Besser ung spiirte. 
Meine Schwester und ich machen jetzt viel Musik, und 
alle Sonntage Morgen mit Begleitung, und eben habe ich 
vom Buchbinder einen ganzen grasgrvinen Band Moscheles. 



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— 263 — 

bekommen, well nachstes Mai Dein Trio gespielt wird. 
Aber lebewohl, lebewohl und bleibe gliicklich. Dein 
Berlin, 27. Februar 1833. 

Felix Mendelssohn-Bartholdy, 

Der Frau schreibt er: 

Berlin, vj. Februar 1833. 
Liebe Madame Moscheles! 

Wenn ich Ihnen heute auch nur wenige Zeilen schreiben 
kann, so muss ich doch meinen Gliickwunsch und meine 
Freude Ihnen bringen und Ihnen sagen, wie ich mich in Ihre 
Seele hinein iiber das frohe Ereigniss freue. Wie schon 
ist es, dass ich nun den neuen Ankommling bald person- 
lich kennen lerne, und dass er meinen Namen bekommt; 
bitte, warten Sie nur ja, bis ich da bin, damit ich- Ihre 
damalige Einladung zur Taufe auch wirklich annehmen 
kann; ich eile mich gewiss so viel ich kann, und komme 
so friih es geht. Auch das ist gut, dass es ein Knabe 
ist; der muss ein Musiker werden, und was wir Alle 
machen mochten und nicht konnen, das moge ihm vorbe- 
halten bleiben, oder auch nicht. Es ist einerlei, denn ein 
guter Mensch wird er werden, und das ist die Hauptsache. 
Ich sehe freilich schon jetzt, wie ihn die beiden alteren 
Schwestern, die erwachsenen Misses Emily und Serena 
tyrannisiren; wenn er erst vierzehn Jahre alt ist, da wird 
er manchen Seitenblick zu leiden haben iiber seine" langen 
Arme und seinen zu kurzen Rock und seine schlechte 
Stimme, aber nachher wird er ein Mann werden; dann 
protegirt er die beiden wieder und erweist ihnen mancher- 
lei, und muss sich- auf manchen Soireen ihretwegen als 
Begleiter ennuyiren. — Sie haben auf mich wohl ein we- 
nig oder gar sehr geziirnt wegen meiner Schreibtragheit, 
aber verzeihen Sie mir nur, ich will mich auch gewiss bessern. 
Zumal freilich, wenn ich erst in London bin und meine 
Antworten und Fragen immer selbst hintragen und im- 
provisiren kann; aber auch sonst. Meine Schwestern 
lasseu Ihnen tausend Wiinsche und Griisse sagen, ebenso 
meine Eltern, und wir Alle freuen uns herzlich und gratuliren 



— 264 — 

sehr zum ersten Sohn. Ich muss jetzt das letzte Stuck 
von meiner Symphonie anfangen, unci das liegt mir in den 
Fingern und verdirbt mir meinen Styl, und*ninrmt mir 
die Zeit. Entschuldigen Sie die eiligen Worte, wie Sie 
gemeint sind, wissen Sie. 

Ihr ergebener 

Felix Mendelssohn-Bartholdy. 



Die Philharmonische Gesellschaft erging sich in die- 
sem Winter in den heftigsten Dobatten iiber eine Local- 
veranderung. In den Argyllrooms waren Logen fur den 
bessern Theil des Publicums, im Hanover square Saal nur 
die eine grosse (konigliche Loge genannt, weil man sie 
fur den Hof reservirte). Ein heftiger Streit entbrannte 
fiir und gegen die Einrichtung von Sperrsitzen und wurde 
endlich mit Nein entschieden. „Das Orchester, das in dem 
neuen Saal neu aufgestellt worden war r indem wir die 
Basse mehr vertheilt und in den Hintergrund gebracht 
hatten als fruher, probirte die Ouverture zur „Zauberft6te", 
und es ergab sich eine gute Wirkung." Das Tagebuch 
giebt einige der Programme wie folgt: 

2;. Februar: Symphonie von Mozart und Haydn; Wilkraann, Clarinetl- 
Concert von Spohr; Mori, Quintett von Beethoven (mcht grossartig gemi£') 
Ouverture zu „Oberon", und „Demophon" von Vogel u. 5. w. 

11. Marz: Symphonieen von Spohr und Beethoven (in A). Miss Masson 
und Mr. Horncastle sangen. 

25. Marz: Symphonien, Mozart (D), Beethoven (Pastorale). 

Chelard's Ouverture zur „Mitternacht", von ihm selbst dirigirt, war 
eine massig anziehende Novitat; moderne Knall-Effecle und ein vierstim- 
miger Choral mit Orgelbegleitung wechseln darin ab. Spagnoletti geigte 
cin Quartett von Beethoven; Nicholson, Flotist, eigenes Concert (massiger 
Nordostwind). 

Am 15. April spielte ich mein, fiir die Gesellschaft gesdiriebenes 
Scptett rait Dragonetti, Lindley. Mori — genug, mit den ersten Kraften 
und herzlicher Anerkennung, die ihr Echo in der Presse fand. 

Am 13. Mai war Mendelssohn der Juwel des Concerts, indem er 
seine herrliche A-duv-Symphonie zum ersten Mai mit dem rauschendsteii 
Beifall gab, und Mozart's Concert in D einfach scho'n und edel vortrug. 
De Beriot's Violinconcert war aber mindestens eine Perle zu nennen und 



.*-< ': ".. '' r '^V- "7 ^U'W-- -.T.'-' ^ \ *^' f ;V-- ^V.; 



— 26s 



-die Cinti und Rubini sangen so schon, dass dies Concert das interessan- 
teste der Saison genannt zu werdeu verdient. 

27. Mai: Symphonie von Potter, und Neukomm's Orckesterphantasie 
iiber einige Stellen von Milton's Paradise lost, waren die Orchester-Novt- 
taten, wurden gut ausgefuhrt und ge&elen. Auch Huminel's F-dur-Concert 
von ilim selbst gespielt, war neu und ward gut aufgenommen. Die Pasta 
und Tamburini sangen herrlich. 

Der Gesang der Malibrati und eine erste Auffiih- 
rung- von Mendelssohn's Ouverture zu „Ruy Bias" wur- 
den noch zum Schluss der diesjahrigen Concerte gehort 
und Moscheles fur das nachstfolgende wieder zum Mit-' 
director erwahlt. 

Ein zweites Institut „Societa Armonica" genannt, fand 
in dieser Saison seinen Untergang. Von einem braven 
Schiiler Moscheles 1 , Mr. Forbes, gegriindet, konnte es sich 
trotz der Tuchtigkeit des jungen Mannes doch nicht halten. 

Auch in Privatunternehmungen wirkte Moscheles 
wieder vielfach mit. So spielte er bei den Auffuhrungen 
des Mr. Alsager die Beethoven'schen Sonaten Op. 109 und 
in vor einem Kreise von Verehrern des grossen Compo- 
nisten. „Ich fand andachtige Zuhorer, wahrend ich in 
meinem eigenen Hause bei den Musikern kein rechtes 
-Gluck damit mache. Theilweise ist man freilich ergriflen, 
theilweise aber auch erstaunt iiber die Extravaganzen des 
Meisters, und herzlich erfreut erst dann, wenn ich etwa 
die fassliche D-moll-Sonate zum Besten gfihe." In der 
„Royal Society of musicians" gab es eine originelle 
Leistung. Der alte Parry sang, die Bardenharfe im Arm, 
seine Nationalmelodien (Welsh songs) mit einem Pathos, 
das sie mir interessant machte; wir Musiker gaben dem 
braven Alten ein musikalisches Diner mit Ueberreichung 
ernes Silbergeschirres in Anerkennung seiner vieljahrigen 
Verdienste und Leistungen in unserer Zunft und seiner 
Bemiihungen um verarmte Musiker. Seine Dankbarkeit 
und Riihrung war ergreifend." 

Die Grippe, welche in diesem Friihjahr ihren ersten 
verheerenden Einzug in London hielt, befiel das Mosche- 
les'sche Haus mit grosser Heftigkeit, ihn selbst am an- 
dauerndsten. Dabei war man schon in der Mitte des April, 



■■— 266 — 

sein jahrliches Concert fur den i. Mai war angekiindigt und 
noch fehlte die gewisse unerlassliche Novitat, die er hatte 
componiren miissen, urn mit gutem Gewissen vor sein 
Publicum hintreten zu konnen. „Wer weiss", schreibt er 
in sein Tagebuch, „ob mir'die Finger nicht den Dienst 
versagen werden,, ob ich nicht besser thate, das Concert 
aufzugeben." Da kam Mendelssohn nach London. Der 
erste Besuch im Krankenzimmer heilte den Patienten frei- 
lich nicht, doch. mag die Freude, den „FeIix" wiederzu- 
sehen wohl mit zur Genesung beigetragen haben; denn 
einige Tage spater reift der Entschluss, das Concert zu 
wagen, weil die Freunde verabreden, zusammen ein Stiick 
fur zwei Claviere zu schreiben und zu spielen. Es sollte 
sehr brillant werden — am besten Variationen iiber ein 
beliebtes Thema — aber welches? Viele wurden vorge- 
schlagen, endlich der Zigeunermarsch aus Weber's „Pre- 
ciosa" gewahlt. „Ich mache mir eine Variation in Moll, 
die unten im Bass brummt", rief Felix aus, ,,Du oben eine 
brillante in Dur, nicht wahr?" und so wurde denn verab- 
redet, dass die Introduction, die erste und zweite Variation 
Mendelssohn, die dritte und vierte mit verbindendem Tutti 
Moscheles zufallen sollten. „In das Finale wollten wir uns 
theilen; er begann also mit dem Allegro-Satz, den ich 
durch ein piu lento unterbrach." 

In zwei Tagen waren sie fertig und gingen vom 
Philharmonischen Concert aus in spater Stunde nach der 
Erard'schen Clavier fab rik, um dort eine erste Probe zu 
machen. „Wir fanden zwei Fliigel bereit und unser eiliges 
Machwerk gefiel unserer einzigen Zuhorerin, meiner Frau, 
ausnehmend gut." War diese nachtliche Clavierprobe aber 
eine eilige gewesen, so ward es die Orchesterprobe am 
Morgen des 30. April noch mehr; denn eine lange Opernprobe 
hielt die Blaser fest, bis endlich wenige ubermiidete Leute das 
neue Stiick niichtig probirten. „Dennoch ging es am 
1. Mai im Concert vortrefflich und Memand merkte, dass 
das Ganze nur andeutungsweise skizzirt und dass Jeder 
von uns in seinen Solo's improvisiren durfte, bis er an 
gewissen verabredeten Stellen seinem Mitspieler harmo- 



>.i-\ A : . 



267 — 

nisch wiederbegegnete. Die ganze so unsicher scheinende 
Unternehmung ward eine hochst gelungene, vielfaltig ge- 
priesene." 

Mendelssohn, der die Leitung des Diisseldorfer Musik- 
festes iibernommen hatte, ward den Freunden in London 
auf kurze Zeit entrissen, doch kehrte er bald zuriick und 
diesmal mit seinem herrlichen Vater. Nun fing wieder 
das reiche musikalische Leben mit dem Freunde an, und 
bei der Taufe des kleinen Felix iiberreichte ihm der grosse 
ein Album, das er trotz des bewegten londoner Lebens 
mit einer Zeichnung und Composition geschmuckt hatte. 
„Es ist eine Ansicht unseres eigenen Hauses und eine 
reizende Baumpartie des Regent's Park; die Composition 
ist ein Wiegenlied mit Text von Klingemann. (Es ist das 
seither so bekannt gewordene „Schlumm're und traume".) 
Eine glucklichere Tauffeier, als die heutige, ist wohl nie 
begangen worden. Die Freunde Neukomm und Barry 
Cornwall verherrlichten sie auch durch Composition und 
Dichtuhg." 

Es schliessen sich nun weitere Notizen iiber das Zu- 
sammenleben mit Mendelssohn an. Einmal beantwortet 
er eine Einladung folgendermassen : „Ach Gott! "Wir kon- 
nen ja leider nicht! Denn wir-geben selbst ein dinner 
heut, ich habe eben fur fiinf Personen Fisch mit lobster 
bestellt (namlich salmon), und so muss ich Ihnen unsre 
regrets prasentiren. Im Ernst aber haben Rosen und 
Stenzler und Klingemann versprochen, heut den Abend 
bei uns zuzubringen, und darum konnen wir ja leider 
nicht! Mein Vater hofft Sie heut Vormittag noch selbst 
zu sehn und zu danken." Ein Billet von Mendelssohn an 
die Frau lautet: „Liebe Frau Moscheles! Es ist zwei 
Uhr, ich komme eben vom Lande zuriick, erhalte Ihre 
Zeilen, und ich sollte um zehn Uhr in Grosvenor place ge- 
wesen sein. Das hatte ich gern gethan; aber Sie miissen 
gestehen, dass das Schicksal eben nicht will, dass ich 
fashionable sein oder scheinen soil. Sie waren so giitig 
neulich zu sagen, wir mochten alle drei heut Mittag kom- 
men (denn Dr. Franck ist wirklich eingetroffen), aber nun 



— 26& — 

mochte ich wissen, ob Sie es auch ira Ernst meinen, oder 
ob es Ihnen nicht recht ist, oder ob wir doch kommen 
sollen? Bitte — sagen Sie dem Ueberbringer Ihre miind- 
liche Entscheidung." 

Dass diese ihm eine Bejahung brachte, ist selbstver- 
s.ta.ndlich. 

Am 6. Mai klagt das Tagebtich: „Wie narkotisch 
langsam und eintonig H. bei uns phantasirte und Men- 
delssohn obligat dazu gahnte! Der eben angekommene 
Peter Pixis fuhrte uns seine Pflegetochter Francilla und 
viel italienische Musik vor." Der Tagesbericht schliesst 
jedoch mit den Worten: „Als Alle fort waren, wurden wir 
lustig — Felix und ich phantasjrten tiichtig zusammen." 

Pixis gab auch im Namen seiner Pflegetochter Fran 
cilia ein Concert, worm sie ihre schone Altstimme in ita- 
lienischer Musik horen liess und bei welcher Gelegenheit 
er nicht nur sein Glocken- Rondo spielte, sondern auch 
den Zusammenfluss verschiedener Clavierspieler zum Vor- 
trag zwei- und vierhandiger Clavierarrangements benutzte. 

Wahrend in dieser Saison Pixis' Stern in Albion zu 
erloschen schien, tauchte gleichzeitig der Clavierspieler 
H. Herz am musikalischen Firmament auf. Seine Finger- 
schnelligkeit in laufenden und iiberschlagenden Passagen, 
seine grelle Accentuirung und seine an Gehalt so leichte, 
siissliche, aber Jedem verstandliche Musik machten allge- 
meinen Effect. Das Tagebuch klagt: „Mich ubertonte 
Herz ganz mit seinem schlagenden Bass in dem Duett von 
ihm iiber Themen aus Auber's „Philtre", das ich aus Ge- 
falligkeit in seinem Concert mit ihm spielte." Dennoch 
muss es in Privathausern wiederholt werden. 

Sehr komisch war der Contrast, als J. B. Cramer, der 
Alles beherrschenden Attraction zu Liebe in seinem Con- 
cert vierhandig mit Herz spielte und zwar die brillante 
Polonaise von Beethoven. Moscheles vergleicht letzteren 
mit einem „jungen, ausgelassenen Mutterpferdchen", erste- 
ren mit einem „wohlgehaltenen. wenig an Arbeit gewohn- 
ten Isabellenpferd der koniglichen Staatscarosse". Dass 
in demselben Concert Cramer mit Hummel die Mozart'sche 



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— 269 — 

Phantasie in F-moIl spielte, war weit mehr im Einklang 
und machte besseren Effect." 

Die Concerte folgen nun Schlag auf Schlag. In dem 
des jungen Schulz muss Moscheles die zwolfhandig arran- 
girte Zauberfloten-Ouvertiire mitmachen. In Mori's iiber- 
fulltem Saal spielt er mit Mendelssohn das neue Stuck 
iiber den Preciosa-Marsch. Am 10. Juli geben die Kiinst- 
ler alle ein grosses Concert fur eine verungliickte Familie. 
Mendelssohn und Moscheles wirken in einem Stiick fiir 
vier Claviere von Czerny mit. 

Am 12. Juli leiht Mr. Hope, der Besitzer der herrlichen 
Gemaldegallerie sein Local und die vortrefflichsten Er- 
frischungen zu einem Concert zum Besten des Kinderhos- 
pitals her. ,,Die Musik, zu der auch ich mein Scherflein 
beitrug, ward im Saal der italienischen Schule gemacht, 
und wollte man etwa fern von dieser bleiben, so konnte 
man sich in dem Saal der niederlandischen Schule bewun- 
dernd ergehen, da aber unter Andern auch die Malibran 
und Paganini mitwirkten, so drangte sich AUes zum 
Horen hin." 

In einer anderen Privatsoiree liessen sich H. und Pa- 
ganini in der Kreutzer-Sonate von Beethoven zusammen 
horen und Moscheles kann nicht umhin, „diese Leistung 
als einen Frevel zu bezeichnen". Paganini ward in dieser 
Saison nicht weiter gehort, da der Ungluckliche nur nach 
London gekommen war, um sich einer Operation seiner 
Kinnlade zu unterziehen, wobei er den grossten Muth 
zeigte; er wurde auch vollkommen hergestellt. 

Gelegentlich einer Auffiihrung des Handel'schen 
„Messias" heisst es: „Ich hatte mein Mittagbrod iiber- 
stiirzt um keine Note des Meisterwerks zu versaumen; 
nachdem ich aber eine Zeitlang angespannt zugehort, 
stellte es sich mir mit Wehmuth heraus, dass das bischen 
Geistesfrische, welches mir im Strudel der Saison noch 
geblieben war, nicht ausreichte, um ein solches Riesen- 
werk kunstlerisch in mich aufzunehmen. Solche Betrach- 
tungen aber waren es, die mich immer wieder auf den 
Gedanken zuriickfuhrten, meine durch Thatigkeit in Eng- 



— 2 7° — 

land errungene Independenz dereinst in Deutschland zu 
geniessen." 

Einstweilen aber "war er noch in London inmitten 
einer brillanten Saison und er sollte deren noch dreizehn 
mitmachen, ehe sein Plan 2ur Ausfiihrung kam. Immer 
wieder musste ein Stiickchen Nachtruhe geopfert werden, 
urn durch die bezahlten Soireen der Lady Mary Bentinck, 
der Rothschild's und Anderer wieder ein Stiickchen Inde- 
pendenz zu erwerben. Oft aber opferte er auch gezwun- 
gen Tag- und Nachtruhe, „um sich langweiliges Zeug vor- 
spielen und vorsingen zu lassen", das er Miihe hatte 
wieder zu vergessen^ So spricht er unter andern von 
dem Goethe'schen Liede eines Herrn E. in zwolf Versen, 
„die er ausstehen musste". „Und wie argert es mich" 
sagt er, „dass mein lieber genialer Freund D., den ich seit 
der wiener Jugendzeit nicht gesehen, jetzt complet italieni- 
sirt in London erscheint. Er setz-t Weber's „Euryanthe" 
den italienischen Modeopern nach, componirt Lieder ,,en 
amateur", der er auch ist und bleibt, und legt selbst einen 
zu hohen Werth auf diese Product! onen. Seine spatern 
Opernversuche sind auch missgliickt, und so ist aus einem 
frischen geistreichen Jungling ein krankelnder, melancho- 
lischer Mann geworden." 

Die Mutter der Sonntag machte vergebliche Versuche, 
ihre jiingere Tochter Nina in London zu poussiren! Sie 
war keine Henriette, und ist endlich Nonne geworden. 

, Einen traurigen Abend machte mir heute die Pasta", 
schreibt er spater, „ich horte sie im ,, Romeo" und sie sang 
erbarmlich falsch. Die grosse Frau ist zu alt geworden. 
um ihre Stimme zu erhalten, will aber gern ihren Ruhm 
gegen einen Haufen Guineen eintauschen; das entsetzt 
mich.' 1 

Die erste Auffuhrung der „Euryanthe" am 29. Juni im 
Coventgarden- Theater und der herrliche Gesang der 
Schroder und der Haitzinger wussten ihn fur solche Un- 
bill zu entschadigen; iibrigens gab es sehr grosse Mangel 
in dieser Vorstellung. 

In Drurylane machte die sprudelnde, merkwiirdig, ja, 



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— 271 — 

•einzig singende und . spielende Malibran Furore in „The 
Devil's bridge" und der in's Englische ubersetzten „Somnam- 
bula". Sie war durchaus realistisch und verachtete alles 
Conventionale in Bewegungen und Costiimen. So trug 
sie in der nachtwandelnden Scene nicht das gewisse Mull- 
negligee grosser Darstellerinnen , das an Form und Stoff 
in jedem Salon figuriren konnte; nein, es war das richtige 
Nachtmiitzchen des Bauernmadchens, das formlose Gewand 
einer Schlafenden, und das Tricot der Striimpfe war so 
unsichtbar, dass man unbekleidete Fiisse zu sehen wahnte. 
Ihr Spiel in dieser Oper war herzzerreissend und ihr in 
Thriinen ausbrecbender Schmerz so natiirlich, dass der 
Beschauer all ihr Leid mit ihr durchkampfen musste. 

Die Beschaftigung mit Chopin regt Moscheles zu fol- 
gender Bemerkung an: ,,Ich benutze gem einige freie 
Abendstunden, um mich mit Chopin's Eriiden und seinen 
anderen Compositionen zu befreunden, finde auch vie! 
Reiz in ihrer Originalitat und der nationalen Farbung- 
ihrer Motive; immer aber stolpern meine Gedanken und 
durch sie die Finger, bei gewissen harten unkiinstlerischen 
mir unbegreiflichen Modulationen, so wie mir das Ganze 
■oft zu siisslich, zu wenig des Mannes und studirten Mu- 
sikers wiirdig erscheint," 

Dazwischen finden wir weitere Notizen uber den Um- 
gang mit Mendelssohn. In einem Briefe von Moscheles 
heisst es: „Was haben wir nicht Alles zusammen musicirt! 
£r musste mir wieder und immer wieder seine Sachen 
vorspielen, die ich in der Partitur nachlas, wobei er dann 
stets irgend ein Blasinstrument nachahmte, auch wohl mit 
seiner hiibschen hellen Tenorstimme einen Choreinsatz an- 
gab. Und hat er eine seiner Ouverturen vierhandig- arran- 
girt, so probiren wir sie, bis sie uns ganz spielbar vor- 
kommt." 

Oft spielen sie sich gegenseitig Beethoven'sche So- 
naten vor, denen sich aber haung gemeinschaftliche Im- 
provisationen der tollsten Art, musikalische Caricaturen 
anschliessen. Einmal muss sogar das Ammenliedchen 
„Polly, put the kettle on, we'll all have tea", den Stoff 



VV -' tw;- 



. ■ . ■ — 272 — 

hergeben und dies den beiden kleinen Madchen zu Liebe,. 
mit denen Felix gem lachte, spielte, in den zqplogischen 
Garten ging und allerhand Possen trieb. Auch sie moch- 
ten es schon fuhlen, dass in dem Schwarm von Mensclien, 
die das Kiinstlerhaus aufsuchten, viele herzlich gute 
Freunde waren, aber Mendelssohn unter diesen der beste. 
IJass beide, er und Moscheles, gute, treue und gemiith- 
volle Menschen waren, das hat sie wo hi ebenso sehr zu 
einander gezogen als die Musik. Moscheles kannte ihm 
gegenuber nur Bewunderung, nie regte sich in ihm ein 
Anflug von Neid iiber des jungen Componisten, des friiheren 
Schiilers, wachsende Grosse; ni« bencidotc er ihn um die 
ghicklichen Lebensverhaltnisse , die ihm erlaubten, ganz 
und ohne jenen Broderwerb, den Moscheles miihsam suchen 
musste, seiner Kunst zu leben. Mendelssohn wiederum war 
ganz Pietat, ganz Dankbarkeit fur den reichen Schatz von 
Erfahrungen, den der altere Meister in seinen Clavier- 
werken niedergelegt hatte. Sie liebten und achteten ein- 
ander, und diese Gefuhle iibertrugen sich auf die beider- 
seitigen Familien. 

Bis jetzt haben wir sie meist heitere, sonnenhelle Tage 
miteinander verleben sehen; es gab deren auch triibe und 
in diesen bewahrte sich die Freundschaft. Als Mendels- 
sohn's alter Lehrer Zelter stirbt, eilt er am friihen Morgen 
zu Moscheles und tritt mit der Bitte ein: „Ich kann nicht 
arbeiten, ich mochte den Tag hier zubringen." 1st Frau 
Moscheles unwohl und darf ihren Mann, der ausgehen 
muss, nicht begleiten, — Felix leistet ihr den Abend Gesell- 
schaft, wie sie entziickt ihrem Vater schreibt. War Felix 
ermudet und kam er es ihr zu klagen, so hiess sie ihn 
sich ruhig in die dunkle Sopha-Ecke setzen, Er pflegte 
dann ein paar Minuten zu ruhen, wahrend welcher sogar 
die lebhaften Kinder mauschenstill blieben; dann musste 
er eine kleine Starkung nehmen und gleich war er wieder 
frisch, so dass er mit seiner gewohnlichen Lebendigkeit 
iiber irgend eine anstrengende musikalische Probe oder 
ein Morning- Concert oder ein politisches Meeting berich- 
tete, deren er viele besuchte. Sie durfte sich auch er- 



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273 — 



lauben, ihm vorzuwerfen, class er gestern als ein storender 
Besuch zu ihnen gekommen, sich recht ungeduldig auf 
dem Absatz herumgedreht, dass er recht unliebenswurdig 
gewesen, — worauf er dann zu sagen pflegte: „Ja, aber 
warum kommt auch der gerade, wenn ich mich so darauf 
gefreut hatte, mit Moscheles Musik zu machen?" Er bittet 
sich bei jedem Abschied Briefe von ihr aus; sie soil ihm 
liber dies und jenes berichten, wozu Moscheles keine Zeit 
hat. Sie verspricht es, indem sie sagt: „Aber keine Ant- 
wort; Sie sind ein beriihmter Mann; Sie haben Besseres 
zu thun!" was er nie zugeben wollte. Die rothe Nelke 
spielte zwischen ihm und der zweiten Tochter eine grosse 
Rolle; sie ist seine Lieblingsblume , also muss sie ihm 
stets eine bringen. Mitten in den Miihen eines Musik- 
festes oder auf den Reisen, die Moscheles und er zusam- 
men machen, schreibt und zeichnet er an deh Briefen, die 
der Gatte und Vater nach Hause schickt. Manche seiner 
spater publicirten Lieder sendet er, zierlich in den Brief 
hinein geschrieben, gleich nach ihr em Entstehen an Frau 
Moscheles. „Es ist mir wieder ein Liedchen gekommen", 
oder „hier ist ein Lied — es passt leider gar nicht in 
Ihre Stimme (es war das Tenorlied „Leucht' heller als die 
Sonne"), aber ich schicke es doch, Moscheles brummt es 
vielleicht". . . Man pflegte solche Blatter den Familien- 
schatz zu nennen. 

Leider hatte Felix' Vater wahrend dieses Londoner 
Aufenthalts ein wochenlanges Beinleiden auszuhalten und 
man war sehr besorgt um ihn. Sein schwaches Gesicht 
machte ihm anhaltendes Lesen unmoglich, und so brachten 
Freunde, besonders Frau Moscheles, alle ihre freie Zeit 
bei ihm zu. Sie schreibt ihrem Vater: „Ich lese ihm die 
Times vor, wie friiher Dir, und er theilt mir seine gedie- 
genen Ansichten uber Kindererziehung mit, — hoffentlich zu 
Nutz und Frommen der meinigen. Wie viel ich aber auch bei 
ihm bin, die Stunden verfliegen mir in seiner Unterhaltung." 

Auf die Anfrage der Frau Moscheles, ob Felix ' Vater 
heute wieder Moscheles' Einspanner zu einer Fahrt be- 
nutzen mochte, erwidert Felix: 

Moscheles' Leben. j8 



— 274 — 

„Mein Vater bittet, ihm heute nicht den "Wagen auf- 
zusparen, die Miss Alexander's leihen ihm den ihrig-en, 
wenn Sie aber Zeit hatten, ihm diese zu schenken und sie 
zu Puss bei ihm zuzubringen — dies ist sehr schlecht styli- 
sirt; aber es ist wenigstens nicht plattdeutsch oder viel- 
mehr berlinisch — ohne Anzuglichkeiten 

Ihr 
Felix Mendelssohn-Bartholdy. 

P. S. Gestern waren die Aerzte sehr erbaut, Brodic 
will nicht wiederkommen. 

Zweites P. S. (die Hauptsache) Wie geht es Ihnen? 

Erst als der Vater vollkommen genes en war, kehrte 
Felix' Arbeitsfahigkeit und seine heitere Stimmung zuriick. 
Wie schwer dem Hause die Trennung wurde, als die bei den 
lieben Freunde endlich am 4. August abreisten, lasst sich 
leicht denken. 

Unter den vielen, meist gleichgiiltigen, ja langweiligen 
Soireen hebt das Tagebuch eine hochst interessante bei 
dem Schriftsteller Lpckhart hervor. „ Seine Frau, Walter 
Scott's alteste Tochter, hat ganz die Liebenswiirdigkeit 
ihres Vaters, wahrend ihr Mann — ich weiss nicht, ob 
schwarmerisch absorb irt, ob stolz erscheint, genug, ei- 
that wenig fur die Gaste, denen die Wirthin auf's Ange- 
nehmste entgegen kam. Wir sahen dort zum erstenmal 
den Dichter Thomas Moore, einen kleinen, lebendig spru- 
delnden Inlander, der auf Grund seiner Musikliebe sogleich 
Bekanntschaft mit mir machte. Er sang seine eigenen 
Texte, hatte diesen gewisse Irish melodies untergelegt, sie 
harmonisirt, und begleitete sich dazu auf der Guitarre. 
„Le genre est petit", dachte ich, die Neuheit machte uns 
die Sadie aber doch interessant. Auch der achtzigjahrige 
aber noch frische und heitere Dichter Coleridge war dort, 
und die Ladies Stepney und Charlotte Bury reprasentirten 
die weibliche Autorschaft. Als Mr. Moore's Irish melodies 
verklungen waren, musste ich an's Clavier und mit dem 



r . ,.-. ^, ; , s .. ">■:■&% y >v:^..;Sr - ,' ?fi*C%%; ■?^&.C : ''■■ <"- ,■-*■ ' 



' - -275 — 

Dichter die iiberschwenglichen Lobeserhebungen der Ge- 
sellschaft theilen." 

Im August ging die Familie Moscheles, in Begleitung 
eines Clementi'schen Claviers nach Hastings. „Schade", 
schreibt Moscheles, „dass mir die im Hause wohnende 
Madchenschar mit ihrem Gestumper jeden musikalischen 
Genuss — geschweige denn Gedanken, verdirbt. Sie 
spielen auf Clavier und Guitarre „la ci darem" als Presto, 
und Reissiger's Walzer als sentimentales Andante." Das 
war nicht lange- zu ertragen, und da sie in Hastings keine 
passende Wohnung fanden, so zogen sie nach dem nahe- 
gelegenen St. Leonard's, wo die Wochen ihnen ruhig und 
behaglich verflossen und Lecture undMusik mit erfrischen- 
den Ausflijgen abwechselten. 

Um das staatliche Leben der Englander etwas naher 
kennen zu lernen, besuchen sie bei ihrer Riickkehr nach 
London das House of Commons. Moscheles hatte sich 
einen guten Platz auf der Stranger's Gallery verschafft, 
wahrend die Frau unter den Damen aus dem Luftloch 
des Lustre herabsehen musst'e, vorn die ganze Hitze, die 
die Versammlung und das Gas ausstromten, hinter sich 
die aussere Luft, die durch Lattenwerk Eingang in das 
Haus fand. Bessere Platze gab es damals nicht fur Da- 
men, die das Parlament besuchen wollten. Die Debatten 
waren nicht ohne Inter esse. Mr. Wallace brachte Klagen 
gegen die Postoffice-Einrichtungen, es wurden Briefe im 
office erbrochen und gelesen, wollte er beweisen; Mr. 
Stanley, Lord Althorpe und Andere nahmen sich aber des 
Postmaster General kraftig an und brachten die Klager 
und ihre Klage zura Schweigen. Dann wurde von Stanley, 
Cobbett, Sir E. Codrington und O'Connell viel zu Gunsten 
eines von Murray gebrachten Antrags gesprochen „for 
the abolition of the foreign enlistment act". Capitain 
Napier sollte namlich wegen eines fur Don Pedro erfoch- 
tenen Sieges von der navylist gestrichen werden. Ueber 
diesen Antrag wurde vier Stunden hin und her debattirt. 
"Weit ungiinstiger trafen sie es im House of Lords, wo 
gerade eine ganz gleichgiiltige Sitzung abgehalten wurde. 



— 276 — - ' ■ 

Am 11. November schreibt Moscheles in sein Tage- 
buch: „Bei der gestrigen Auffuhrung des „Hamlet" in 
Drury Lane fiihlte ich mich bei einer Stelle lebhaft an das 
erinnert, was ich meinen Schulern so oft predige: das 
Sich-Bewusstbleiben inmitten einer schwierigen Leistung, 
die Ruhe und Beherrschung seiner selbst Der grosse 
Dichter lasst seinen Hamlet sagen: „Nor do not saw the 
air too much with your hand thus, but use all gently, 
for in the very torrent, tempest and as I may say, whirl- 
wind of ytur passion, you must acquire and beget a tem- 
perance, th it may give it smoothness." 

Ueber die erste Auffuhrung des „Maskenballes" 
von Auber, schreibt Moscheles: „Die Musik oft sinnbe- 
taubend, oft aber auch pikant, der Ball uber alle Massen 
briUant." 

Die Hauptbeschaftigung in diesem Winter blieb fur 
Moscheles an hauslichen Abenden die Composition des 
B-dur- Concerts (fantastique). Nebenher machte er das 
Impromptu in Es-dur und die leichte Waare, Operatic 
Reminiscences, fur die Herausgabe fertig. 

Dazwischen kamen aber auch manche unliebsame Un- 
terbrechungen. Als er einem alten Freunde zu Liebe sein_ 
„Swiss divertimento" revidiren soil, schreibt er: „Ich ver- 
fuhr damit, wie Kotzebue's Brief schreiber in „Sorgen ohne 
Noth". Der liess nur die Worte „Mein lieber Freund!" 
oben am Blatte stehen und setzte das Uebrige hinzu. Das 
Zusetzen kostete mich zvvei ruhige Abende; einen dritten 
musste ich dem ungarischen Baron Rathen opfern, der 
mir durchaus seine „musikalische Liebes-Scene, durch einen 
Sturm unterbrochen", vorspielen wollte. Auf seiner eng- 
lischen Karte nennt er sich „Lehrer der Orgel, des Cla- 
viers, des Gesangs und des Doro-Bass (Thorobass)." — 
Auch den Fliigel, den Herr R. in der Welt herumfuhrt, 
musste ich sehen, sollte ich bewundern, konnte es aber 
nicht. Es ist ein Wiener Fliigel mit doppelter Tastatur; 
die untere gewohnliches Clavier, die obere soil wie Quar- 
tett und Blasinstrumente klingen, ist aber schwach; sie 
wird mit Hiilfe eines Pedals gespielt. Mir war die Ehre 






— 277 — 

.zugedacht, das .Instrument zu taufen; doch wusste ich be- 
scheiden abzulehnen und mich vom titelfreigebigen, siid- 
deutschen Original, das ich „Staberl als Instrumentenmacher" 
-nenne, moglichst feme zu halten." 

Eine dem deutschen Geschraack wenig zusagende 
musikalische Erscheinung war der italienische Geiger Ma- 
soni. Er hatte lange in Siidamerika gelebt, und war mil 
seiner zarten Frau und zehn Kindern zur Winterszeit liber 
die Cordilleras nach England gezogen, wo er als zweiter 
Paganini das grosste Aufsehen zumachen gedachte. Es 
gelang ihm aber nur theilweise; denn er spielte Beethoven 
italienisirt und Paganini eben nicht schmelzend italienisch 
genug. Er hatte iibrigens eine grosse Technik und be- 
deutende Kenntniss der klassischen, fur sein Instrument 
gesctiriebenen Werke. 

Am 31. December schreibt Moscheles in's Tagebuch: 
„Laut angestellter Berechnung gab ich in diesem Jahre 
1457 Lectionen, das ist 1328 bezahlte, 129 gratis. Unter 
letzteren waren mir die des stets fortschreitenden Litolfi 
die interessantesten." 



1834. 

Moscheles schreibt zu Anfang des Jahres: „Wir sind 
"im Januar und schon spricht man hauptsachlich von dem 
grossen Musikfest, das im Juni in der Westminster -Abtei 
stattfinden soil; es ist das musikalische Ereigniss des 
Jahres." 

Wieviel aber hatte man bis dahin noch zu durchleben! 
Die Sterne der italienischen Oper, Grisi, Rubini und Tam- 
burini, machten mit Recht Aufsehen. Zwar spielte die 
Grisi nicht, wie die hochtragische Pasta, sie war kein 
musikalisches Genie wie die Malibran, hatte auch weder 
ihr Feuer, noch die Anmuth und Leichtigkeit der Sonn- 
tag, doch iibte die jugendliche Kraft und Frische der 
Stimme und die schone Erscheinung einen machtigen 



— 278 — 

Zauber auf das Publicum. Rubini behauptete seine schon 
anerkannte Meisterschaft, und Tamburini's weicher, klang- 
voller Baryton, gehoben durch sein schemes, echt romi- 
sches Proiil trugen nicht wenig zu den Triumphen dieses 
"vveltberiihmten Ensemble's bei. 

Die Malibran kam L in diesem Jahr nicht; sie war in 
Mailand auf funf Jahre engagirt, bekam 14,000 £, freien 
Tisch und Equipagen. Sie war nur auf drei Tage nach 
London gekommen, um in dem Concert ihres Bruders 
Garcia zu singen. Iwanoff, -ein italienisirter Russe, zog 
das grosse Publicum durch seine Kehlfertigkeit an, ge- 
brauchte aber die Kopftone zu haufig und konnte deut- 
schen Ohren nur missf alien, wenn er Schubert's „Leise 
flehen meine Lieder" mit seiner Auffassung vortrug. Er 
sang so ermiidend siisslich, dass es einem Witzbold ge- 
lang, das Wortspiel: „I've enough, is his proper name" in 
Umlauf zu setzen. 

Moscheles spielte in der Philharmonischen Gesell- 
schaft sein neues Concert pathetique und dirtgirte an 
demselben Abend Mendelssohn's noch unbekannte Ouver- 
ture zur „SchSnen Melusine". Beides wurde kuhl aufge- 
nommen. Die Frau berichtet dies dem fernen Freunde, 
und seine Antwort mag hier als charakteristisch einge- 
schaltet werden: 

„Haben die Leute im Philharmonic meine „Melusine" 
nicht gemocht? Ei was, ich sterbe daran nicht. Zwar that 
mir es doch leid, als Sie mir's schrieben, und ich spielte 
mir geschwind die ganze Ouvertiire. einmal durch, um zu 
sehen, ob sie mir nun auch nicht gefiele — aber sie macht 
mir doch Vergniigen, und somit thut es mir nicht sehr 
viel zu Leide. Oder meinen Sie, dass Sie mich deshalb 
weniger freundlich bei meinem nachsten Besuch aufneh- 
men wurden? Das ware schade und sollte mir sehr — 
leid thun; aber ich hoffe es doch nicht. Und vielleicht ge- 
fallt sie anderswo, oder wo nicht, so mache ich wieder 
was anderes, und das gefallt besser. Ueberhaupt aber ist 
meine Hauptfreude bei alledem, wenn solch ein Ding ge- 
schrieben dasteht, und wird mir's nachher noch so gut, 



— 279 •— 

dass mir so freundliche "Worte daruber zu Theil werden, 
wie von Ilinen und Moscheles, so ist es auch gut aufge- 
nommen worden, und ten kann ruhig weiterarbeiten. Dass 
Sie mir aber dasselbe von Moscheles' neuem Concert 
schreiben, ist mir unbegreiflich; ich dachte, das miisste 
sonnenklar sein, dass ihnen das gefiele, und noch dazu, 
wenn er's ihnen spielt. Aber wann kommt es heraus? 
Von wegen daruber herfallen". 

Wie sehr es auch hn Inter esse der Kiinstler lag, die 
Beriihmtheiten der italienischen Oper in ihren Concerten 
mitwirken zu lassen, immer widerstrebte es Moscheles, 
und eben aus dieser Zeit haben wir einen Brief an die 
Verwandten, der seine Ansichten daruber enthalt: 

„Ich will doch sehen, ob ich nicht im Stande bin, ohne 
die Hiilfe der italienischen Sanger und der Prellerei eines 
Impresario meinen Saal zu fiillen. Gelange das nicht, es 
ware eine Schande fur mich, und ich miisste mein Clavier- 
spiel sammt meinen Compositionen an den Nagel hangen." 
Aber es gelang; einige Kunstbriider unterstiitzten ihn, 
auch der neuangekommene und bald anerkannte hollandi- 
sche Tenor ist de Vrugt sang, er engagirte Frau Stock- 
hausen, der Saal war voll, das Publikum enthusiastisch. 

Mit Beginn der Saison stellte sich eine Kirnstlerschaar 
ein, in der namentlich der Wunderknabe Vieuxtemps 
auf seiner Geige Grosses leistete und sehr anerkannt 
wurde. Aber auch zwei Damen, die Geigerinnen Filiepo- 
wicz und Paravicini, machten viel von sich reden. Mrs. 
Anderson, die beliebteste unter den englischen Pianistinnen, 
war von der Herzogin von Kent zur Lehrerin der Prin- 
zessin Victoria erwahlt und gab ihr diesjahriges Concert 
„in the presence and under the patronage" der hohen 
Damen, was es zu einem der brillantesten dieser Saison 
machte. 

Die Presse beschaftigte sich aber in diesem Jahr fast 
ausschliesslich mit dem bevorstehenden Musikfeste und wir 
verdanken es der muster haftenOrdnung, mit welcher Mosche- 
les solche Notizen sammelte und autbewahrte, dass wir sie 
unsern Lesern nach achtunddreissig Jahren noch wahrheits- 



— 28o — 

getreu uberliefern konnen. „Handel", hiess es, „liat das Ora- 
torium in England elngefiihrt. "Was Wunder, dass man dies 
Fest nach ihm benennt, es in die Westminster-Abtey ver- 
legt, wo seine irdischen Ueberreste beigesetzt sind, und 
seine Manen dem Feste die rechte Weihe geben werden?" 
Ferner ward der friiheren londoner Musikfeste unter dem 
Konig Georg HE. in den acht Jahren 1784 bis 91 gedacht, 
alle zu wohlthatigen Zwecken und mit einer Totalein- 
nahme von £ 50,000 abgehalten; es ward auch des Erb- 
theils erwahnt, das Handel der „Society of decayed musi- 
cians and their families" hinterlassen , und nun der jetzige 
Konig William IV. und seine Gemahlin Queen Adelaide 
ruhmend genannt, da sie zuerst nach fiinfzig Jahren dies 
neue Fest zu ahnlichen wohlthatigen Zwecken unter Zeich- 
nung reicher Gaben in Anregung gebracht und dadurch 
den Adel des ganzen Landes zu ahnlicher Betheiligung 
veranlasst hatten. 

Ueber das Fest selbst schreibt Moscheles an die Ver- 
wandten: „Das Fest fand im Schiff der Kirche statt, das 
mit starken Holzdielen uberdeckt war. An einem Ende 
der Abtei erhob sich die konigliche Loge, mit dem Wap- 
pen, der Rose und andern Emblemen und Orden, kunst- 
voll geschnitzt auf azurblauen Feldern. Die Loge war 
mit ihren schweren, kirschrothen Atlasvorhangen, reichen 
Verzierungen und iippigen Sammetteppichen und Kissen 
von oben erhellt. Gleich unter der koniglichen Loge 
sassen unter einem Thronhimmel die Directoren des Festes. 
Das Publikum hatte diesmal, wie 1784, die amphitheatra- 
lischen Sitze inne, welche bis an die Capitale der Pfeiler 
reichten, 3700 Personen fanden dort Platz; es gab Sitze 
zu 2 Guineen, der Rest zu 1 Guinee. Diese Sitze, roth 
beschlagen, mit goldgelber Ausschmiickung, ferner die 
weiss-goldenen Leiern auf rothen Draperieen rings an den 
Wanden waren geschmackvoll und malerisch. Der konig- 
lichen Loge gegeniiber war diesmal, wie friiher, das Or- 
chester aufgebaut und zwar in folgender Weise: Vorn 
die Solosanger, dann der kleine Chor, vierzig Personen 
stark, unmittelbar neben ihm ein Fliigel fur den Dirigen- 



;-^.y 



— 281 - 

ten der Musik, Sir George Smart; hinter ihm das Or- 
chester, amphitheatralisch aufgestellt, die Cellos zu beiden 
Seiten, die Geigen in der Mitte, dann' die Blasinstrumente 
und endlich das herrliche Orgelwerk, das Gray fiir diese 
Gelegenheit erbaut und mit einer reichgeschnitzten gothi- 
schen Facade geschmiickt hatte, wahrend eine sinnreiche 
"Vorrichtung des weiter unten befmdlichen Manuale den 
Spieler desselben so stelljte, dass er dem Dirigenten, nicht 
der Orgel gegeniiber sass. Durch die Stellung des 
gross en Chors hatte man das Publicum sehr beeintrach- 
tigt, indera man ihn in gewisse Seiten und Nischen der 
Abtei steckte, wo er nur fiir einen Theil der Horer zur 
Geltung kam und von den Instrumenten verdeckt wurde; 
auf anderen Sitzen war der Effect ein umgekehrter; und 
nur in einem kleinen Theil des machtigen Baues konnte 
man Alles geniessen." Wir lassen hier eine Liste der 
Krafte folgen, die an den zwei Musikfesten 1784 und 1834 
rnitgewirkt (die Notizen iiber ersteres nach Aufzeichnungen 
des Musikschriftstellers Dr. Barney): 



Instrumental. 


[834; 


784 


Vocal. 


Violinen 


80. 


95 


Sopranstimraen 


Bratschen 


51. 


26 


Sopran, Xnaben 


Violoncelli 


iS; 


21 


Altisten 


Contrabiisse 


18, 


'5 


Tenure 


Flotea 


io| 


6 


Basse 


Oboen 


12! 


26 


Opernsanger 


Clarinetlen 


8| 




Die obigen Instr 


Fagotte 


12 


27 




Horner 


10, 


12 




Trompeten 


8 ! 


12 




Posaunen 


8; 


6 




Opliicleiden 


2't 






Serpenten 


2 






Pauken 


3 


4 






223: 


250 


Totale 



183411784 

113' II 

32 47 

74i 48 

7°; 33 

103; 84 

5 : 2 

223: 250 



62s 525i 



Das Tagebuch berichtet weiter: „Am 20. Juni, um 
12 Uhr.Mittags, schwang Sir George Smart zum ersten 
Mai seinen Direct<3rstab und der Effect des „Coronation 
Anthem" von Handel in diese n Raumen, mit dies en 
Massen war ein herzergreifender, nie zu vergessender. 



— 282 — 

Von der Damenwelt sagen die Blatter , Vielen seien die 
Thranen iiber die Wangen gerollt, Andere gar in Ohn- 
macht gesunken. Fiir mich waren diese Klange tief er- 
schiitternd; ich musste mir gestehen, etwas Aehnliches 
noch nicht gehort zu haben. Man gab die ganze 
„Schopfung" und einen Theil des „Simson"; als Solosanger 
wirkten der alte Bellamy, der 1784 schon gesungen, ein 
junger Schiiler der Royal Academy of Music, E. Se- 
guin, und der vortreffliche Phillips; der Tenor war durch 
Hobbs und den uniibertreff lichen Braham vertreten; Miss 
Stephens und Mme. Car adori- Allan, beide ausgezeichnet, 
sangen die Sopran-Partieen; Chore und Orchester thaten 
das Ihrige und so war schon dieser erste Tag ein voll- 
kommen gelungener zu nennen, 

Den zweiten Tag eroffnete wieder ein Kronungspsalm 
(Coronation Anthem) von Handel, dessen Hallelujah elek- 
trisirend wirkte. Ausserdem hatte man, weniger auf ein 
grossartiges Ganze als auf gewisse Effecte bedacht, eine 
Auswahl von Arien aus geistlichen Musikstucken getroffen 
in denen sich die Sanger, sowie die Blasinstrumente zeigen 
konnten. Alles sollte mitwirken, Alles glanzen. Rubini, 
Zuchelh mit obligater Cellobegleitung von Lindley, Bra- 
ham, durch Harper's Trompete unterstiitzt, Phillips mit 
obligatem Fagott, Miss Stephens, Mile. Grisi fiillten diese 
I gemischte Abtheilung aus. Dann folgte das vielleicht 
schonste Handel'sche Oratorium „Israel in Egypten", vor- 
f trefflich und effectvoll ausgefiihrt. Die Blatter schwelgten 
in Entziicken. Ueber die letzten durch Chorgesang unter- 
brochenen recitativischen Satze sagte dasAthenaum: ,.Man 
fiihle sich durch sie so gehoben, als lebe man in jenen 
grossen Tagen, wo der Herr den Seinigen als Wolke oder 
als Feuersaule voranging, seien aber die himmlischen 
Weisen beendet, so erwache man zu der blassen Wirk- 
lichkeit unseres schattenahnlichen Alltagslebens." Mein 
eigener Eindruck (fugt Moscheles hinzu), war ein gross- 
artiger, fast ungeahnter und ich glaube ihn wohl mit fast 
alien Anwesenden getheilt zu haben." 

Der dritte Tag .brachte leider wiederum Gemisch von 



— .. 283 - 

Arien, Choren und Ensembles mit Spriingen von der an- 
tiken Welt in die moderne, und umge^ehrt. 

Fur den vierten Tag hatte die Konigin die Auffiih- 
rung des „Messias" angeordnet (wie dieselbe schon 1784 
von der Konigin Charlotte angeordnet worden war). Einem 
deutschen Musiker konnte es nur naturlich erscheinen, 
class sich das Hauptinteresse auf dieses grossartige Werk 
concentrirte; die Karten zur Auffuhrung, sowie zu den 
Proben waren bald vergriffen und das Publicum suchte 
sich der en wieder durch hohe und hohere Preise zu be- 
machtigen. Auch war kein leeres Fleckchen in der Abtei 
und die Aufmerksamkeit eine wahrhaft religiose zu nen- 
nen. Die Times, die nie die Geschmacklosigkeit der zer- 
stuckelten Werke in den vorhergehenden Tagen dieses 
Musikfestes geriigt, fand es doch am Platze, eben jetzt, 
am Schlusse des Festes den Rath zu ertheilen: „man 
wurde den Effect solcher Auffuhrungen noch erhohen, in- 
dem man die Oratorien ganz im Geiste des Componisten, 
d. h. unzerstiickelt wiedergabe." Moscheles schreibt 
daruber: ,,Der Rath kam fur diesmal freilich zu spat, es 
versteht sich, dass dem deutschen Musiker gar Manches 
in diesen Programmen anstossig war, doch blieb der To- 
taleffect ein so grossartiger, dass es undankbar gewesen 
ware, Einzelheiten zu grell zu beleuchten. Die im eng- 
lischen Nationalcharakter liegende Pietat fand in diesen 
geheiligten Raumen in diesen fur sie geschriebenen Wer- 
ken neue Nahrung und druckte sich in der gehobenen 
Stimmung .der Menge aus. Die Abtei hatte ihr Festge- 
wand, die Damenwelt ihren Schmuck angelegt, aber fest- 
licher noch war es in den Gemuthern; ein Zug von Ehr- 
furcht ging durch diese heterogenen Massen, beredter 
als Bravoruf oder Handeklatschen. Auch sah man in 
dem taglich anwesenden Konigspaar die Trager eines 
grossen Wohlthatigkeitswerks, das von der Nation ge- 
biihrend unterstiitzt wurde. Ich weiss nicht wieso, aber 
das Alles habe ich in dem Verhalten der anwesenden 
Menge gelesen; nennen Sie es meine Einbildung, wenn Sie 
wolien." 



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'— 284. — . 

Kaum war Moscheles von einem Auienthalt an der 
Seekiiste neu gestarkt nach London zuriickgekehrt, als er 
sich wiederum zu einem grossen Musikfeste riisten musste, 
das in Birmingham begangen wurde. Man horte Werke von 
Handel, Haydn, Beethoven, Neukomm und Spohr, aber, 
wie der Spectator riigte, unbegreiflicherweise nur die aller- 
bekanntesten, „abgedroschensten". Das neue Neukomm'- 
sche Oratorium „David", nennt das Tagebuch verdienst- 
lich in Behandlung der Singstimmen, jedoch in Form und 
Entwicklung verbraucht und veraltet und fiigt hinzu: 
„Neukomm hat von dem Zeitgeiste nur die starke Be- 
nutzung von Hornern und Posaunen angenommen, zwei 
Ophicleideri und sogar einen Tamtam hinzugezogen. Letz- 
teres Effectmittel hatte er lieber verschmahen sollen, die 
Aufriihrung, unter Leitung des Componisten, Avar befrie- 
•digend und Hess bei den massenhaft herzugestromten 
Horern ein gutes Andenken z.uriick.- Diese wurden dann 
hinter dem Oratorium her noch an dernselben Morgen 
mit einer Auswahl Handel'scher Musik regalirt. Dass 
Neukomm in einem dieser Festconcerte, wo erOrgel spielte, 
ein Gewitter durch herabfallende Balken und ahnliche 
Mittel vorstellte, that ihm grossen Schaden; denn das ge- 
horte unstreitig in ein Vorstadttheater. Der dritte Mor- 
gen brachte den ganzen „Messias", jedoch mit Hinweg- 
lassung der Mozart'schen Blasinstrumente, was scharf 
getadelt ward. Am vierten Morgen folgte , .Israel in 
Aegypten", leider aber nicht rein und ganz, sondern durch 
Hinweglassungen und Einschiebungen arg verstummelt. 
Dass man diesem herrlichsten Oratorium erst eine Aus- 
wahl verschiedener Stiicke aus geistlichen Tonwerken 
vorangehen liess, konnte ich in meinem Sinn nur mit der 
nordischen Sitte vergleichen, dem Magen der Gaste, die 
man zu einem splendiden Mahl ladet, erst verschiedene 
stimulirende Geniisse zu bieten, ehe man sich zur Suppe 
und der Phalanx der darauf folgenden Gange nieder- 
setzt." 

Ausser diesen allmorgendlichen, geistlichen Auffiihrun- 
gen ward auch an den Abenden concertirt und zwar. sehr 



— 28 5 . - .' . ■: . 

weltlich. Zu einem dieser Abende war Moscheles mit 
seinen ..Recollections of Ireland" und dem „Alexander- 
marsch" engagirt. Der machtige Ton des Erard iiber- 
wand die kolossale, nicht auf Soloinstrumente, sondern. 
auf Massen berechnete Grosse der Halle. Ja, der Specta- 
tor meinte: nicht nur die grosse Halle hatte er geniigend 
gefiillt, nein auch auf dem ausseren Platz eine dankbare 
Zuhorerschaar aus dem Volke gehabt. Das Concert ergab 
eine Einnahme von £ 14,000. 

Wahrend des ruhigen Aufenthalts an der Seekiiste in 
Broadstairs hatte Moscheles sich viele Skizzen zu seiner 
Ouvertiire zur .Jungfrau von Orleans" gesammelt und 
machte sich bei seiner Riickkunft nach London an ihre 
Verarbeitung. Das Tagebuch gedenkt mehrerer Unter- 
brechungen, unter denen diese Arbeit vor sich ging, darun- 
ter einer von allgemeinerem Interesse. „Am 16. October 
Abends war ich ganz in die Arbeit vertieft, als plotzlich 
die erschreckende Nachricht erscholl, das House of Lords 
brenne. Nur zu bald bestatigte die Feuermasse, die sich 
am Horizont unserer von den Parlamentshausern sehr ent- 
legenen Wohnung zeigte, die traurige Nachricht. Das 
Haus wurde ein Raub der Flammen; es war nicht so 
dauerhaft und widerstandsfahig angelegt, wie das jetzige." 

Die Ouverture wurde trotz dieser und anderer Storun- 
gen bald fertig, und von ihm selbst fur Clavier (zu vier 
Handen) arrangirt. Sie bekam statt des brillanten larmen- 
den Schlusses, einen sanft verschmelzenden, den er der 
Todesart der Johanna angemessener fand. Moscheles 
schreibt daruber in einem Briefer „Ich habe in dieser 
Ouverture nach Schwung, Haltung und Einheit der Ge- 
danken gestrebt; bekomme ,ich die richtigen Horer, so 
konnte das Werk befriedigen; aber freilich, wer italieni- 
sche, leicht fassliche Tandelei sucht, der wird Nichts da- 
rin finden; wer eine engere Verarbeitung einzelner Theile, 
das Eintreten einer wenig vorbereiteten Modulation schon 
zu gelehrt findet, den kann sie nicht ansprechen. Fur 
den in den Contrapunkt Eingeweihten sind das Lecker- 
bissen. Ich hake Gesangfiihrung und Klarheit, so wie 



— 28b — 

Einheit und geniale Verwicklung der Hauptgedanken fur 
die wichtigsten Ingredienzien einer Composition, und nach 
diesen will ich immer streben. . . Mendelssohn's Octett, 
in dem Sie Abwesenheit von „Melodie" finden, neigt mehr 
zum Kiinstlichen hin, jedoch lohnt es sich der Miihe, das 
herrliche Werk wiederholt und mit forschendem Sinn zu 
horen — zu horen, bis man dessen Originalitat, die nie in 

Bizarrerien ausartet, verstehen und wiirdigen lernt 

Fur Spohr's „Weihe der Tone" ist hier nicht viel Sym- 
patbie. Haslinger trug das Eigenthumsrecht derselben 
auf i oder 2 Jahre durch mich der Philharmonischen Ge- 
sellschaft an, diese aber dankte!" 
r In diesem "Winter wurde als Novitat Byron's „Man- 
fred'' mit Choren von Bishop im Coventgarden Theater 
gegeben. „Der Aufwand an Scenerie und Decorationen 
war grossartig, die Musik 'nicht viel geniessbarer als die 
zum „Bravo" von Marliani, ein Mischmasch von Rossini's, 
Pacini's und Mercadante's abgedroschensten Gedanken. 
Besser hatte sich die schone Ausstattung ohne den Ohren- 
f zwang angesehen." 

Nicht ohne Interesse diirften ferner noch folgende 
Notizen sein: ,3Ieine Frau", schreibt Moscheles, „die mir 
vorliest, wahrend ich Correcturen mache, bekam in diesen 
Tagen Uhland's Gedichte in die Hand, wodurch mir Ver- 
anlassung ward, die Gedichte „Der Schmidt", „das Reh" 
und „Des Gartner's Lied" fiir eine Singstimme zu com- 
poniren." 

Gegen Ende des Jahres war man mit den Vorberei- 
tungen zu einer hauslichen AufEiihrung von „Israel in 
Aegypten" beschaftigt. Man hatte einige Chorknaben 
aus der Westminster Abtei und einige gut geschulte Lieb- 
haber hinzugezogen. Die Hauptstiitzcn aber waren: Mme. 
Caradori -Allan, Rockel und Taylor. Die Proben gewahr- 
ten grossen Genuss und leiteten zu einem tiefern Ein- 
dringen in die Schonheiten dieses Riesenwerks an. Die Auf- 
fiihrung selbst war gelungen und schloss das Jahr wurdigab. 



— 287 — ' ~" 
1835. 

Das Jahr beginnt mit der alljahrlichen Reise nach 
Bath. Der Erfolg des dreitagigen Aufenthalts ist der ge- 
wohnliche; eine reiche Erndte von Lob und Guineen. 
Wiederum finden fernerdie alljahrlichen Probeabende neuer 
Compositionen in der Philharmoniscben Gesellschaft statt. 
Spohr's „Weihe der Tone" wurde von Sir G. Smart diri- 
girt. „Dieser meinte", erzahlt Moscheles, „er konne das 
chronische Uebel englischer Orchester, den Mangel an 
geniigenden Proben, durch eine Anrede an seine musika- 
lische Armee, den Commandostab in der Hand, beseitigen. 
„„Die Deutschen"", sagte er, „.,haben unzahlige Proben 
gebraucbt, urn dies schone neue Werk auffuhren zu kon- 
nen; sehen vvir, was wir scbon in dieser einen Vorprobe 
werden leisten konnen."" Hierauf brach der englische 
Nationalstolz in das hergebrachte „Hear! hear!" aus, und 
die Musik begann; das Werk wurde auch richtig her- 
untergespielt, nur von Nuancen war keine Rede. Ich 
folgte in der Partitur, erfreute mich an der Gediegenheit 
des Ganzen, sowie an seinen einzelnen Schonheiten; fand 
jedoch die bekannte Form und Farbe Spohr'scher Musik 
zu vorherrschend, um mich zu begeistern. Ziinden kann 
nur erfindungsreiche Genialitat. Das Andante mit seinen 
gemischten Taktarten — 3 /g und 9 / t 6 — blieb auch in der 
Probe des ersten Concerts ein Stein des Anstosses; die 
eine Vorprobe und der britische Nationalstolz hatten nicht 
ausreichend gewirkt, und bei der AufRihrung ging's, wenn 
auch besser, doch gewaltig steif und holprig. Die Mo- 
zart'sche Symphonie in D war schon in ihrer classischen 
Einheit. Mendelssohn's Hebriden-Ouverture litt leider an 
schleppendem Tempo; der vierundsechszigjahrige J. B. Cra- 
mer aber machte mir Freude durch seinen zarten Anschlag 
und seine geperlten Laufe, wenn ich auch das markige Ele- 
ment in seinem Spiel vermisste. Leider war es wieder 
eine Geschmacklosigkeit, dass er das erste Stuck und An- 
dante seines eigenen C-moll-Concerts mit dem letzten des 
Mozart'schen gleicher Tonart vortrug. Die Stockhausen 






sang in ihrer reizendsten Weise, Braham aber iiberschrie 
sich in Neukomm's ..Midnight review" so sehr, dass er 
viel detonirte. Ich selbst spielte mein G-moll-Concert, 
aber auf einem 2ahen Erard mit stockenden Tasten, der 
mir viel zu schaffen machte." 

Im dritten Concert, das Moscheles dirigirte, brachte 
er auch seine Ouverture zur ,Jungfrau von Orleans" mit 
Beifall zum Vortrag. Von der Beethoven'schen Sympho- 
nie in B-dur wollten die Blatter einstimmig behaupten, 
sie habe unter seiner Leitung nie geahnte Schonheiten 
entwickelt. Rubini und Lablache sangen herrlich; doch 
riigte man die Wahl Rossini'scher Stiicke, als nicht clas- 
sisch genug fur dies Publicum. Endlich trat der junge 
Bennott, ein Schiiler von Potter, . in einem Clavierconcert 
eigener Composition auf, das Moscheles den besten deut- 
schen Meistern nachgearbeitet, tiichtig und bedeutend 
fand, wenn er ihm auch wiinschen musste, er mochte sich 
bei kiinftigen Arbeiten weniger an seine Meister anlehnen, 
und an Energie zunehmen. H. Herz, der Pianist, spielte 
auch ein Concert, von dem Cramer bissig bemerkt hatte: 
„c'est Paris tout crache"; auch musste er sich gefallen 
lassen, dass die Morning- Post es „music fit for a panto- 
mime" nannte. 

Wie Bath im Suden, so verlangte auch Manchester im 
Norden nach seinem Lieblingspianisten. Ueber den Aufent- 
halt in letzterer Stadt mogen einige Auszuge aus Briefen, 
die er von dort aus an die Frau richtete, Auskunft geben. 
Wahrend fiinftagiger Abwesenheit geschrieben, enthalten 
sie nicht viel kunstlerisch InteressaDtes;,doch mogen sie 
hier ihren Platz finde^ um den Familienvater ins richtige 
' Licht zu stellen. 

Schon unterwegs, aus Leicester, schreibt er einige 
Zeilen in liebender Besorgniss um Frau und Kinder. Dann 
heisst es: „Drei stillschweigende, diinne, in sich gekehrte 
Englander waren meine Reisegesellschaft. Ich schlier 
vortrefflich, so oft ich aufwachte, dachte ich an Dich und 
das war Einmal, aber ich dachte auch im Traum an Dich. 
Kiisse mir die Kinder -und sei ruhig und vergniigt." 



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'■' ' ' ' " ; .-'■■'"■■ — 28g — ' ' ." ■ : . " : ; ; 

Aus Manchester schreibt er: „In Gesellschaft voti 
Beale's, die mich mit Aufmerksatnkeiten uberhaufen, be- 
ginne ich diese Zeilen. Wenn sie kurz und waschzettel- ': 

massig werden, so hat das drei Ursachen: das Geschwatz '■'* 

im Zimmer, meine Miidigkeit und Deine Ermahnurig Dir 
nicht spat in der Nacht zu schreiben und nur zu sagen, 
dass ich wohl bin. Das bin ich vollkommen. Du hast 
hoffentlich raeinen Brief aus Leicester erhalten. Wir ka- "■ 

men hier bei gutem Frostwetter um 5 Uhr an und gingen 
nach Tische A lie zur Probe, wo ich auf einem Broad wood 
„Recollections of Ireland" spielte. Willert, einer der Di- 
rectoren war dort. Holm, miide, wie er gewohnlich wird, ;. 

wenn ich Chopin spiele, blieb zu Hause und ging um acht 
zu Bette. Mit meinen Lustfahrten nach Liverpool oder 
zu Grundy's wird's wohl nicht viel werden, da sich schon 1 

mehrere Schiilerinnen bei Beaie auf meine Anwesenheit 
pranumerirt haben, also wird lectionisirt werden, comme 
chez nous. Vor der Hand aber siegt Morpheus uber 
mich. Gott bewahre Dich und die Kinder." 

Und am folgenden Abend: „Das erste Concert ist eben 
voriiber — vortrefflich, ganz zu meiner Satisfaction. Der 
Brief muss morgen fruh 7' Uhr auf der Post sein, deshalb 
schreibe ich wieder Nachts bei Beale's, wahrend iirt selben 
Zimmer das supper auf den Tisch gesetzt wird, und Jeder 
etwas uber's Concert zu sagen hat, wobei Holm's helle 
Stimme oft uber Alle hervortont. Denke Dir, ich habe 
heute funf Lectionen geben miissen, aber der alte Beale 
hat es sehr gut fur mich eingerichtet, indem er Allen im 
Voraus sagte, dass es mir nicht moglich sein wurde, aus- 
zugehen, und so hat er mir ein comfortables Zimmer iiber- 
lassen, wo Eine.nach der Andern kam, um sich ein wenig 
Fingersatz zu holen und sich ein bischen Tact schlagen 
zu lassen. Dazwischen sah ich nur einmal nach dem Saal 
um das Instrument zu probiren, welches Beale _sehr vor- 
theilhaft regulirt hat. Verschiedene Visiten raubten mir 
bis zur Tischzeit (4 Uhr) jeden Moment. Um diese Zeit 
ward ich ungeduldig nach Deinem Antwortschreiben und 
dadurch mein Gaumen sehr gleichgiiltig gegen Braten, 

Moschclcs' Leben. j„ 



- — 290 — 

Gemiise etc. Ich fragte wohl zehnmal, ob noch Briefe zu 
erwarten wareh? Mr. Beale sagte: Nun ist es zu spat. 
Ich verschluckte diese Pille, und 5 Minuten nachher ward 
ich durch Deinen herrlichen Brief erlost. Ich las ihn 
noch iiber Tische und freute mich von Herzen. Gleich 
nach Tische in's Concert — der Saal, iiber voll, machte 
einen glanzenden Effect. Die ..Recollections" wurden gut 
aufgenommen. Gern hatte ich den Plan der Phantasie, 
den Du mir vorschlagst, genau befolgt, wenn nicht einer 
der Directoren mir Rubini's eben gesungenes vivi tu, ein 
anderer Beethoven's Andante in A-moll als Themen ge- 
geben hatte, wozu ich endlich: 



Jg 



g^^^ f^ g^l "*» 




Es war anfangs eine der ruhigen, iiberlegten Phanta- 
sien, die sich bis zu einem Feuerwerk steigerte. Rauschen- 
der Beifall. Da ich morgen und iibermorgen eben so viel 
Lectionen geben muss, lasse ich Holm allein nach Liver- 
pool gehen." 

Am folgenden Tage schreibt er: „Das angenehmste 
Finale meines Tagewerks ist heute wieder der Brief an 
Dich. Ich konnte ihn nicht eher als jetzt beginnen, weil 
ich einen londoner Geschaftstag verbrachte. Denke Dir, 
ich habe sieben Lectionen gegeben und morgen hab' ich 
dieselben Schiiler. Ich komme eben von Leo's nach Hause, 
zu denen ich nach der Probe ging, weil ich das Diner bei 
ihnen wegen des bei Beale nicht annehmen konnte. (Hier 
folgen Einzelheiten iiber die Liebenswurdigkeit und Gast- 
freundschaft dieser und anderer Freunde in Manchester.) 
Die Hauptfreude des Tages war wieder Dein Brief. Er 
kam bei Tische und die Art, wie ich danach griff, machte 
wohl, dass mir gleich von den Gasten eine Erlaubniss — 
sogar eine dringende Aufforderung — votirt wurde, ihn 
sofort beim Diner zu lesen, so dass ich keinen Anstand 
nahm, es zu thun, und mich vortrefflich dabei amusirte. 
Dein Bulletin, Zeiteintheilnng, Bericht iiber die Kinder, 



Alles befriedigt mich, Ich befinde' mich wohl, wie ein :; 

Fisch im Wasser, obgleich das Wetter schauerlich ist. ;v 

Mogest Du's besser haben. Es wird spat und ich hore : ^ 

Dich sagen: „Willst Du denn die halbe Naeht aufbleiben?" ■/■_'): 

Darauf antworte ich: „Nein. aber ich mochte gern ein vi;. 

wenig mit Dir plaudern; denn ich schreibe dies in meinem .-.;./? 

comfortabeln Schlafzimmer, vor einem prachtigen Kamin- ■ >> 

feuer, welches auch Du loben wurdest!" Aber die Ver- _ ■'* 

nunft siegt, und Dein Ruf erklingt mir, wieder, daher: ':';%. 

gute Nacht! und guten Tag! wahrend Du dies liesest," '" ; . 

Vor der Abreise endlich scbreibt er: „Nachmittag v 

4 Uhr. Ich fange diesen Brief jetzt an, weil ich nach X, 

dem Concert wenig Zeit haben werde. Dies ist der letzte 
Brief, den Du vor meiner Nachhausekunft empfangen 
kannst; aber trotz aller Erkundigungen kann ich Dir noch •' 

nicht sagen, wie und mit welcher Kutsche ich reise. Ich . ; 

habe heute wieder die Lectionen gegeben und eben das 
Instrument im Saale probirt. -..-.; 

11 Uhr Nachts. Das Concert ist fur mich glanzend ■.:■"•: 

abgelaufen, ich wurde sturmisch applaudirt und musste 
zweirnal phantasiren; ich habe auch einmal. Schnurren ;. 

a la Paganini gemacht, die sehr wirkten. Anhaltendes 
Regen wetter und die Sparlichkeit der Kutscher in dieser 
Stadt Avar der Grund von allerlei ernst-komischen Aven- 
turen nach dem Concert; doch davon miindlich. Auch den 
Dank fur Deinen kostlichen Brief von gestern bringe ich 
Dir selbst. Wusste ich nur, mit welcher Kutsche ich nach 
London reise! Du glaubst mir, wie gerne ich mir ein 
Rendezvous mit Dir in Islington gegeben hatte, aber bei ' 

der Unsicherheit mussen wir es mit Resignation aufgeben. 
Schade uach, dass ich Dir morgen von Sheffield nicht 
mehr schreiben kann, weil der Brief erst Montag in Lon- - 

don ausgegeben wurde, aber auf den Deinigen freue ich 
mich, den bekomme ich dort. Wenn Du dies liesest, bin 
ich hoffentlich schon auf der Reise zu Dir begriffen. Auf 
baldiges Wiedersehen!" 

In London angelangt,. konnte er sich nur wenige 
Stunden der Erholung widmen. Die Geschafte drang- 

19" 



;.■,-'.-■■■■'■' ' ' ■ — 292- "— ■'/'[■ ' •. 

l'x ten sich sofort wieder heran. Giebt es doch in London, 

\-._} wo' man keine miindliche Eestellung kennt, stets Billets 

f ' , zu schreiben, und hataen diese sich 5 Tage lang angehauft, 

so sind sie riicht mehr leicht zu bewaltigen. Da Moscheles 

H, nun berechtigt war, mit dem Figaro im „Barbiere di Seviglia" 

)- '.-.' auszurufen: „Tutti mi chiedono, tutti mi voglino", so war 

i.y bald hier eine Lection zu bestimmen, bald dort eine Ein- 

ladung, eine Artigkeit, ein Geschenk dankend anzunehmen. 

Den so Verwohnten moclite irgend eine Hintansetzung dop- 

pelt unangenehm beruhren; kein Wunder also dass er 

brieflich in Klagen dariiber ausbricht. Es ist ein Stiicfechen 

Culturgeschichte, das wir unsern Lesern ohne Commentar 

mittheilen wollen. „Ich hatte", sagt er „in der letzten Saison 

zwei heranwachsende Ladies, Tochter des Lord L, unterrich- 

." tet und mich weder mit ihnen, noch mit der Frau Mama oder 

j;> . den gepuderten betressteti Dienem behaglich gefiihlt. Die 

: ' Madchen hatten nicht einmal guten Willen zum Lernen, 

;_■;- und waren, so wie die Mutter, hochmuthig, die Diener 

machten's ihnen bei meinem Ein- und Ausgang nach, und 

ich musste in und aussef dem Salon fest auftreten, um 

meine Rechte als Gentleman zu wahren. Nach beinah 

9 Monaten schicke ich meine Rechnung von 35 £ ein, 

: worauf nach geraumer Zeit ein stewart bei mir erscheint, 

meine Frau in meiner Abwesenheit spricht und die Riick- 

seite meiner Rechnung producirt, worauf der edle Lord 

geschrieben hatte: „Pay this man £ 15, on account of 

bill," („Zahlt diesem Manne £ 15 a Cbnto der Rechnung"). 

Sie, in gerechter Entriistung weigert sich, diese anzunehmen, 

worauf der stewart theilnehmend erwidert: „Well ma' am, 

I advise you to take them, while you can get them." 

(„Ich rathe Ihnen, das Geld anzunehmen, solange Sie es 

noch bekommen konnen"}. Nun fallt ihr ein, dass die 

Familie als schlecht zahlend verschrieen ist, und sie nimmt 

das Geld an. Bald darauf sendet Lady mit der Bitte zu 

mir: ich mochte die Lectionen an ihre Tochter wieder auf- 

nehmen. Ich lehne es ab. Darauf kommt eine ausserst 

hofliche Anfrage des Lord nach den Griinden meiner 

Weigerung, ob ich iiber etwas zu klagen habe? Ich gehe 



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hin und klage miindlich, Lord und Lady L. iiberhaufen 
mieh mit Artigkeit, ich bestimme wieder meine vier Stunden ; . "; 
wochentlich. (Er wurde von da an durch eine Reihe von f, 

Jahren riicksichtsvoll behandelt und piinktlich bezahlt). So "'';■;. 

muss man diese Leute erziehen. Das arme Frl. A. verliess v^\ 

das Haus, weil die jungen Damen sie, die feingebildete * ''['■% 
Erzieherin, wegwerfend behandelten. Sie hatte sich hin- . ~; 

einzufinden gesucht, klagte aber zuletzt meiner Frau, die 'v 

Stellung sei unaushaltbar." ' - ^ 

Am 21. Marz musste Moscheles dem Director der italie- \ 

nischen Oper, Laporte helfen, sein Haus zu eroffnen. . " -;- 
Nicht, dass er plotzlich italienischer Sanger geworden ware. 
Die Primadonna, Madame Trinklohr, hatte in der elften 
Stunde die Masern bekommen; so setzte man mit dem 
Rest, der um diese Jahreszeit immer noch beschrankten 
Truppe ein Concert zusammen, und erhohte seinen Reiz 
durch ein hinterher gegebenes Ballet. Moscheles bekam 
fur seine Gefalligkeit , die .Recollections of Ireland" zu 
spielen, den Opernsaal fur den 1. Mai gratis und gab an 
diesem Tage ein sehr erfolgreiches Morning-Concert, Die :: 

Ouvertiire zur .Jungfrau" und der erste Satz des Concert ' 

pathetique waren die Novitaten, die er dem zahlreichen 
Auditorium bot. Komisch war es, dass die Times nichts 
weiter an dem neuen Concertsatz zu tadeln fand, als dass 
sie keine Pauken und Trompeten in einem Concert path6- 
tique wiinsche. Mit Mori und Lindley spielte er Beethoven's 
Tripleconcert ; und schliesslich noch eine freie Phantasie, 
die nie fehlen durfte. 

Als die Saison weiter vorgeriickt war, gab Laporte 
seinen Abonnenten das unnachahmlich grosse Quartett, , 

die Grisi, Rubini, Lablache, Tamburini, die besonders in ' 

den „Puritani" entziickend sangen. Der liebliche, jugend- 
liche Sopran der hiibschen Grisi und die Contrabasstone 
des Lablache contrastirten auf die interessanteste Weise, 
wie das Tagebuch lobend schreibt„ wogegen die abgeleierten 
Lieblingsstiicke der siisslichen Oper Moscheles schon nach 
wenigen Monaten wieder grundlich zuwider waren. 

„L'Estocq" von Auber war eine neue Oper des Covent- 



■'■■'', — -^94 — - ■"■ 

garden Theaters; sie erhob sich aber als Composition zu 
wenig iiber die Alltaglichkeit, um sich, trotz des Aufwan- 
des an Costumen und Decorationen, lange auf dem Repertoire 
halten zu konnen. Im franzosischen Theater hatte man 
durch Jenny Vertpre, Lemaistre und spater durch das Ehe- 
paar Volnys (Frau Volnys war die friihere Leontine Fey) 
grosse Geniisse. An den Stiicken war freilich viel auszusetzen. 

Ueber sich selbst schreibt Moscheles in einem Briefe: 
„Der Drang zum Componiren ist immer da; aber wo 
die Zeit hernehmen? So ein p'aar Liedchen wie Byron's: 
„There be none of beauty's daughters" und „Ira Herbste' ; 
von Uhland babe ich zwar in die Welt gesetzt; aber ich 
komme nicht dazu, ganz ungestort mein Concert pathetique 
zu beenden. Ausserdem mochte ich dem im Jahre 1822 
componirten „Hoirimage a Handel" eine neue Introduction 
geben." Die letztere entstand denn auch um diese Zeit 
und ist seitdem dem Publikum haufig vorgefiihrt worden. 

Spater sagt das Tagebuch : „Heute brachte Klinge- 
mann uns zwei vierhandige Orgelfugen von Mendelssohn, 
iiber die ich sogleich mit meiner Frau herfiel. Herrlich, wie 
alles, womit er die musikalische Welt beschenkt," 

Eben damals liess Kalkbrenner seine „ Etudes prepa- 
ratoires" erscheinen, die eben nicht viel Eindruck machten. 
Litolff brachte gar manche vielversprechende, wenn auch 
noch jugendliche Compositionsversuche zur Beurtheilung. 
Gleichzeitig erschienen Chopin's grazioses Scherzo und seine 
grossen Etuden. ,,Ich bin ein aufrichtiger Bewunderer 
seiner Originalitat", sagt Moscheles „er hat den Clavier- 
spielern das Neueste, Anziehendste gegeben. Mir person- 
lich widersteht die gemachte, oft gezwungene Modulation, 
meine Finger straucheln und fallen iiber solche Stellen, 
ich kann sie iiben, wie ich will, ich bringe sie nicht ohne 
Anstoss heraus." 
JT Uber die ,,Symphonie fantastique" von Berlioz, die ihm 

der Verleger im Clavierauszug schickte, schreibt das Tage- 
buch: „Ich mochte kaum dariiber urtheilen, ehe ich die 
Partitur kenne, aber ich kann mich nicht mit den ewigen 
Unisono's, Octavengangen und Tremulando's aussohnen. 



>-w£Ki^&;%£<?WZy -^W--^ X-t^mf-h?^; ^';":-- : '!p-r?r* "^.^ 

— ' 295 — .. 

Icii finde nicht die Basis einer gesunden Harmoniefolge; 
vielmehr scheint mir das „Dies irae" und der Hexensabbath 
von einer krankhaften Phantasie zu zeugen; audi schiirzt 
sich die Entwickelung der aufeinander gehauften Figuren 
oft zu einem gordischen Knoten; wer zerhaut ihn? Aber 
Warme und Poesie hat der junge Mann, und einzelne 
Stellen erinnern mich in ihrer Grossartigkeit an einen 
antiken Torso." 

Zur Kennzeichnung des damaligen Musik- und Musiker- 
lebens in London theilen wir einige Stellen aus Briefen 
Mbscheles' mit: „Will ich unsere musikalischen Leiden so 
gut wie die Freuden aufzahlen, so muss ich gestehen, dass 
der fremde Musikantenschwarm zuweilen den Horizont 
verfinstert, wie die Heuschrecken den Himmel Aegyptens. 
Der Line treibt die deutsche Einfachheit so weit, dass er 
keine andere Sprache, als die seinige spricht, doch aber 
hierher gereist ist, um von den Englandern anerkannt zu 
werden; er gleicht dem Dominie Sampson auf ein Haar, 
.spricht auch rriit seiner Pedanterie. Dazu bringt er immer 
seinen Schuler, einen langweiligen jungen Hollander, mit. 
Treffen die Beiden wie gestern mit dem deutsch franzosir- 
ten , parfiimirten H. zusammen und finden Beide den 
Urenglander H., der eben nur seine Sprache spricht 
und componirt, so giebt das keinen guten Klang. Bei 
Tische lasst sich der Deutsche zwar Alles schmecken, 
sagt meine Frau, aber der Franzosirte rumpft jdie Nase 
bei jedem Kornchen Pfeffer, wahrend der Englander ehe 
er gekostet hat, den Rand seines Tellers mit Senf, Cayenne 
u. a. Scharfen belegt, einer Malerpalette gleich. Wir selbst 
kamen vor lauter Dolmetschen kaum zum Essen, zuletzt 
aber audi vor innerem Lachkrampf nicht; denn endlich 
glaubten der Deutsche und der Englander, ihrem Drang 
nach gegenseitiger Mittheilung Geniige zu leisten, indem 
sie lateinisch sprachen; aber auch da hatten sie sich ver- 
rechnet, die verschiedene Aussprache verwickelte sie in 
ein Labyrinth, das ihre Ideengange zu lauter Irrwegen 
machte." 

In einem andern Brief heisst es: „Ich soil Ihnen den 



eigentlichen Zweck, der von Sudre erfundenen langue 
musicale nennen? Aber ich fiirchte, sie hat gar keinen, 
und der Ungliiekliche verrechnet sich nur. Er meinte. 
alle Nationen soil ten miteinander durch das musikalisehe 
Scalen- Alphabet verkehren, ein Clairon durch diese 
Tone auf weiten Land- und Seestrecken, durch den dichtesten 
Nebel hin, Befehle verkiinden, ein Taubstummer mit einem 
Blinden verkehren konnen, u. s. w. Er hat mit seinem 
Schiiler viel bei mir vor musikalischen Freunden experi- 
mentirt, ohne Jemanden von der Tiichtigkeit der Erfindung 
zu tiberzeugen. Einen ganzen Berg von hochtonenden 
Ankundigungen hat er um theures Geld drucken lassen 
aber der Berg gebar nicht einrnal eine Maus; denn als 
der Drucker bezahlt werden sollte, musste ich ihm mit 
etwas Kleingeld unter die Arme greifen, um ihn vor dem 
Schuldthurm zu bewahren. Dem Clavierspieler S . . . . y, 
dessen nicht allzugrosses Talent ihm wohl auch keine 
goldne Ernte gebracht hatte, erging es besser, weil er 
Pole ist und als solcher die Sympathien der Lady Dudley 
Stuart fur sich hat. Sie raumte ihm ihre Salons fur ein 
Privatconcert ein und fiillte sie durch ihre Freunde." Dort 
sowie bei Mori und vielen Andern wirkte Moscheles mit. 
Ein Epoche machendes Concert war das von de Beriot 
und der Malibran; denn dies vielbegabte Ehepaar schien 
sich selbst zu ubertreffen und leistete das Unglaubliche. 

In diesem Jabr trat Julius Benedict als ein neues werth- 
volles'Mitglied in die grosse Londoner Musikergilde ein 
und zeigte sich sogleich als tiichtiger Musiker und Clavier- 
spieler. Er war durch seinen langeren Aufenthalt in Italien 
ganz besonders befahigt, die italienischen Sanger zu be- 
gleiten. Im Moscheles'schen Hause ward er als ausge- 
zeichneter Landsmann mit aller Herzlichkeit empfangen. 

Der gute altgewordene J. B. Cramer wollte sich nach 
Munchen zuriickziehen, gab ein Abschieds-Concert, und 
ward von seinen Freunden zu einem musikalischen Fest- 
essen geladen. „Wir Clavierspieler", sagt Moscheles, „hatten 
zu unsern Leistungen C.'sche Compositionen gewahjt; er 
selbst trug Mozarts Concert in D zart und grazios vor; 



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als ich zum Schluss noch improvisireh musste, that ich es ' -;:Z 

iiber Themen aus seinen Werken, was ihn zugleich er- ;.j, 

freute und riihrte.". Cramer blieb nicht lange in Muncheh, ;-■; 

sondern zog es vor, seine Tage in England in grosser "■■;'-., 

Zuriickgezogenheit zu beschliessen. : ^; ■ 

Braham, vielleicht der Reichste in der Musical profes- . :/J ; 
sion, machte ein grosses Haus, das vom Adel besucht ~j| 

wurde, ob vom untadelhaftesten, das wurde oft in Zweifel '% 

gezogen. Es war auch allbekannt, dass die Frau gern er- ;' 

zahlte, ihr Mann habe £ 60,000 zur Disposition gehabt, 
nicht recht gewusst, wie er sie anlegen solle und deshalb J 

das Colosseum gekauft. Dieses wurde nun durch ihn zu 
einem Ort vielseitiger Belustigung umgewandelt. Seine - 

Haupt-Attraction blieb das Riesenpanorama von London, 
friih Morgens, ehe die Essen dampften, auf der Hohe der _i 

Paulskirche gemalt. Dazu gab es Bauchrednerei, Fantas- 
magorie, Schweizerhauschen , von Alpen umgeben, die 
Adlersgrotte mit ihren Stalactiten, den Abguss eines An- \ 

tikencabinets, Orgelspiel, Beleuchtung des Gartens, und ;■'. 

sonst dergleichen. Diese Mischung schien zuerst viel 
Publikum anzuziehen; schliesslich aber machte Braham so 
schlechte Geschafte damit, dass ihn die Verwendung seiner 
£ 60,000 wohl nicht weiter behelligte. 

Ein erster Ball beim neuen Lord Mayor wird in. einem 
Brief als besonders brillant beschriebem „Die Guildhall 
mit ihren herrlichen Raumen, Spiegeln und Banner n er- 
glanzte in sonnenheller' Beleuchtung, die ganze Noblesse 
war dort und die Damenkleider mit Diamanten besaet." 

ImJulischreibtMoscheles: „DieSaisongehtzuEnde, und 
bald brauche ich nicht mehr Damenfinger zu curiren; die 
Ohren meiner Schiilerinnen curire ich doch nicht". Die ganze 
Familie reist nach Hamburg und geniesst die Freude des Bei- 
sammenlebens mit den lieben Verwandten. Moscheles' Mutter 
und seines Bruders Frau treffen ihn sparer in Leipzig, wo Men- 
delssohn eben seinen ersten Winter verlebt. Es sind wieder 
herrliche 14 Tage mit der Mutter, mit dem Freunde, und 
andern musikalischen Beriihmtheiteh, und wir lassen Mo- 
scheles selbst, in seinen Briefen an die Frau dartiber reden. 



■•''.""''•■■""■'■'.'. '"'>'•"' •'•'""•••"'•■''".•■■ '■■.;•'■•.• f ..^•••-^. : '.••>■ -^.s- ■'■•-•"' * -('.'. 

■ ' ' — 298 — ., ' 

Leipzig, 1, October 1835, 
Urn 10 Uhr Abends. ' 
Mein theures Weib! 
Ich babe heute Morgen halb 5 Uhr mein Tagewerk 
begonnen, indem ich Dir einige Zeilen schrieb; so will ich 
es damit enden, Dir noch vor dem Schlafengehen Rechen- 
schaft von meinem Thun und Lassen zu geben. Um 8 Uhr 
Morgens sah ich meine Mutter und die liebe Schwagerin 
in ihrer Wohnung; heisse Thranen flossen allerseits. Die 
Unmoglichkeit Deines Mitkommens wurde viel besprochen ; 
sie sind betriibt dariiber. Kistner, der schon sehr thatig 
fur mich war, begleitete mich zu Mendelssohn, der recht 
angenehm und angemessen vor der Stadt in Reichels 
Garten wohnt. Er empfing mich so kindlich freundlich, 
wie immer, und fragte nach Dir mit Herzlichkeit, Respect, 
und Liebe, mochte ich sagen. Dein Geschenk versetzte 

ihn in Entzucken Ich fand ihn nicht schoner ge- 

worden (halb Jiingling, halb Mann) und auch nicht bluhend 
aussehend, jedoch muntrer, geistreicher und gescheidter 
als je. Er spielte mir drei neue Lieder ohne "Worte vor, die 
sich den andern wiirdig anreihen; von meinen Sachen hat 
er noch nichts gehdrt — Ich kehrte zu der Mutter zuriick, 
um mich etwas um ihre hiesige Einrichtung zu kummern 
und empfing Geschenke fur uns Alle, u. A. eine famose 
Torte, von der ich Dir noch mitzubringen hoffe. Die 
Mutter sieht gut aus, und obschon man sie allenthalben 
hier eine schone alte Frau nennt, kommt sie 'mir noch 
j^viel jiinger vor, als sie wirklich ist, Bei Wieck war ich 
auch und habe mir von Clara recht viel vorspielen lassen, 
■^ u. a. eine Manuscript-Sonate von Schumann, die sehr 
gesucht, schwer, und etwas verworren, jedoch interes- 
f sant ist. Ihr Spiel war vortrefflich und gediegen. Sie hat 
scheinbar nicht soviel Feuer, wie die Pleyel, weil sie ganz 
ohne Affectation spielt; ihr kindlich bescheidenes Wesen 
ist der Gegensatz zu der sturmisch bewegten Jugend dieser 
Kiinstlerin, von der mir Felix um 1 Uhr an der Table 
d' hdte! bei Kistner viele Details erzahlte. Die arme Frau 



., — 2 99 — ■■■■.' - - ■■' ■■■;.' L ^ 

hat jetzt die Gelbsucht, sagte Chopin, der hier vor Kurzem,' 
aus irgend einem Bade kommend,: wenige Tage auf der r l 

Durchreise nach Paris zugebracht hat. Nach Tische wieder 
zur Mutter, dann mit Felix zu Hauser zum Caffetfinken 
Wir unterhielten uns ernst und spasshaft an seinem Streicher, : ', 

den ich mir vermuthlich zum Concert ausbitten werde, 
obschon mir Felix sein Clavier anbot. Dieser fuhrte mich 
zu Dr. Hartel in sein neues Landhaus, nahe am Wall 
gelegen, — fiir Leipzig eine Merkwiiidigkeit, da der Be- 
sitzer, der fur Italien schwarmt, es ganz im italienischen 
Styl erbauen liess. Wie wunderschonj reich und doch ein- . ■ 

fach diese Villa ist, werde ich Dir besser miindlich, als 
schriftlich klar machen. Abends bis 9 Uhr war ich wieder""! 
bei Wieck, um Schumann zu treffen, der ein stiller und 
doch interessanter junger Mann ist. Wieder liess ich mir 
von Clara viel vorspielen, vortrefflich, wie ich schon sagte._/ 
Ich gab ihnen auch ein Probchen rneines Phantasirens". 

Am 2. October schreibt er: 

„8 Uhr Morgens. Ich erwarte Felix und will indessen 
den Tag gut beginnen, indem ich Dich frage : Wie hast 
Du geschlafen, Hebes Weib; was machen die Kinder? 
Componirt Emily, lernt Serena ein Epos auswendig und 
ersturmt Felix irgend eine Festung? Ueber alle diese 
Punkte ist hoffentlich schon Nachricht fiir mich unter.wegs." 

g Uhr. ,, Felix ist da, und jetzt gehe ich mit ihm in 
seine Wohnung, um mir sein Oratorium vorspielen zu 
lassen". „Und nun (schreibt Mendelssohn dazu) klemme ich 
zwischen das Convert und die Oblate noch geschwind 
meinen herzlichen Gruss und Dank; ich hoffe Ihnen Beides 
ausfuhrlich in diesen Tagen zu sagen, heut ist noch alle 
Eile des ersten Tages da und ich muss heute Vormittag 
viel Neues horen — da konnen Sie denken ; wie ich mich 
darauf spitze. Sie verderben mich aber wirklich, dass Sie 
mir schon wieder ein so wunderhiibsches Geschenk gesandt 
haben. — Aber wir wollen gehen! — Leben Sie denn wohl 
fiir heut und griissen Sie mir die Ihrigen Kleinen, womit 
Emily schon nicht mehr gemeint sein kann". 

Am folgenden Tage {3! Oct.) berichtet Moscheles: 



; .;.;-' ; '. '■:'" -'./^ "306 — '■ -^ ' ..'■ : '■■■::' 

' • „Kistner begleitete mich zu dem lieben ehrwiirdigen Greise, 

Hofrath Rochlitz; dieser empfing mich ausserst freundlich, 
und war sehr mittheilend; nachdem er sein Interesse an 
meinem jetzigen Besuch, an meinem Spiel, und meiner, 
Compositionen ausgedriickt, recapitulir te er die verschiedenen 
Eindriicke, die ich ihm, seit meinem ersten Erscheinen 
rait dera Alexandermarsch im Jahr 1815 hinterlassen, und 
sagte mir viel Schtneichelhaftes uber meine Entwickelung 
in der Kunst; er war mir ebenso interessant wie seine 
Aufsatze fur Freunde der Tonkunst, die wir so gerne 
lasen. G-egen Abend ging ich wieder zu meiner Mutter, 
die eben ihre Gebete aus dem mir wohlbekannten' Fami- 
lienbuch beendet hatte. Ich leistete ibr ein Stundchen 
Gesellschaft, und machte sie sehr heiter durch Erzahlungen 
aus unserm Leben, Dann ging ich zu Felix (Mendelssohn), 
der mich fur heute und jeden Abend zum Thee gebeten 
hat; es ist recht gemiithlich bei ihra, und rief mir meine 
Junggesellenwirthschaft zuriick. In der Mitte des Zimmers 
steht sein Erard, in einem Biicherkasten sein schon einge- 
bundener Handel und, sein Partituren-Reichthum, auf 
einem Tische sein silbernes Tintenfass, Geschenk der 
Philharmonischen Gesellschaft, an der Wand zwei reizende 
Kupferstiche, Titian's Tochter und das Portrait der Schatzel, 
auf dem Clavier eine liebliche Unordnung von Partituren 
und Novitaten — aber iibrigens Alles nett und rein. Wir 
tranken Thee und plauderten, bis der Advokat Schrey 
(einer der Concertdirectoren) sich zu uns gesellte. Dieser 
ist Musikenthusiast, hat eine herrliche Tenorstimme und 
sang ein paar neue Lieder von Felix, die vortrefflich sind. 
Ich hoffe sie Dir abgeschrieben mitzubringen. Ich spielte 
mein Concert fantastique und das pathetique, und horte 
viel A ngenehmes dar uber, dann Felix' mir dedicirtes Rondo. 
Mit ihm spielte ich vierhandig meine Ouvertiire und sein 
Octett; das ging wieder wie geschmiert — Du kannst Dir 
das am Besten denken. — So wurde es 11 Uhr und er 
lieh mir seinen Mantel, damit ich im Nachhausegehen — 
nach den vielen heissen Noten — mir keine Erkaltung 
zuzoge. Er ist ein herrlicher Mensch. Apropos, Felix 



■ "'-,■■'■■■ : ' — 30T — ■. ■ -'.-'--. . "' .. --S 

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hat sich mit aller Leichtigkeit dazu verstanden in meinem . ; ,;.'f 
Concert mein neuestes Duett mit mir zu spielen, doch hat' , yg 
es das Concertdirectorium davon in Kenntniss zu setzen. '. .-.'-;^ 
Gestern wiinschte er die Mutter und Regina zu besuchen. '. y~:.$ 
Wir gingen hin, und siie freuten sich sehr dariiber, gaben . i 

ihm auch von dem Prager Kuchen zu naschen. Es steht ;' 

ein Wiener Flugel in ihrem Zimmer, und auf den Wunsch ^ 

der Mutter musste ich Etwas spielen; Regina hatte gern ''§ 

auch Felix gehort, aber er wollte nicht — seine gewohnte - .' 

ultra capricios demiithige Bescheidenheit. Er versprach 
nachstens wiederzukommen und zu spielen." "-'/ 

„Jetzt soll'st Du Alles erfahren was mir heute begegnet 
ist. Friih die Mutter verfehlt.' Felix holte mich friih zur .-■■,■ 
Probe. Mendelssohn's vortreffliche Leitung, seine Reden, 
seine Bemerkungen, kurz sein ganzes Betragen gegen das 
Orchester flosst Liebe "und Achtung ein, Seine Ouverture 
zu „Meeresstille und gliickliche Fahrt", von der man sich 
im Clavierauszug keine Idee machen kann, sowie Beetho- 
ven's B-dur Symphonie gingen ausgezeichnet brav. Die 
Probe dauerte bis '/ 2 1 Uhr. Dann ging ich verabredeter- 
raassen zur Mutter, und fand sie sehr iriunter. Fehx ass 
wieder mit mir an der Table d'h6te. Dann waren wir ~f 
bei Wieck eingeladen, mit Schumann, Banck, Hofrath 
Wendt u. A. Clara Wieck spiel te Beethoven's grosses Trio 
sehr brav, dann ich das meinige, welches sehr gefiel und 
gut accompagnirt wurde (von Gerke und Knecht). Dann 
uberraschte mich Dein Brief; ich lief gleich damit zur 
Mutter." ... 

„Ich ging in's Theater um „Das eherne Pferd" von 
Auber zu horen, aber o Jammer! welche ' schlechte 
Musik, Sanger und Sujet! Schade um meinen Abend! Ich 
musste meine Neugierde theuer bezahlen" . . . 

a Uhr Nachts. „Es ist mir Bediirfniss, Dir taglich zu 
berichten; daher wahle ich diese Stunde, die einzig freie. 
Friih zur Mutter und brachte ihr feine Backerei, weil ich 
bemerkte, dass die Wirthsleute ihr keine zum Fruhstiick 
boten; mit Kistner machte ich Cpncertanstalten, dann zu 
Felix, mit dem ich das „Hommage a Handel" aus dem 



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— 3 02. — - 

Probedruck probirte, aber auf eine komische Art. Er hat 
ja nur den Erard; da fiel ihm ein, dass er durch die Thiire, 
die sein Zimmer von dem seiner Nachbarin, einer alt- 
lichen Frau trennt, zuweilen ein. Clavier gehort habe; ein 
nicht leicht zu versetzender Schrank steht vor dieser Thur. 
Er ging zu ihr, erbat sich die Erlaubniss, in ihrem Zimmer 
zu spielen, wahrend icli es in dem seinigen thate ; sie wurde 
ihm .gern ertheilt. Die Thiiren wurden geoffnet, aber der 
Schrank blieb stehen, die Instruments stimmten zufallig, 
und das Ding ging prachtig. Kistner und ein Organist 
Reichard waren dabei und" schienen sehr erfreut. Wir 
haben uns nun fest entschlossen, dieses Stuck bei meinem 
Concert zu spielen. Unter> den neuen Sachen, die ich 
wieder von Felix horte, sind zwei Clavier-Capricen und eine 
Fuge in schnellem Tempo in F-moll, die alle vortrefHich 
in ihrer Art sind. Bei Hauser (dem Basssanger am Thea- 
ter und Felix' intimer Freund) assen wir zu Mittag und 
unterhielten uns wieder nach Tische ernst und launig an 
seinem Streicher, den er mir zum Concert leiht. Felix 
spielte mir ein Concert von J. S. Bach aus Hauser 's schoner 
Sammlung vor; dann sang dieser ein gar drolliges Lied 
von dem alten Componisten Hiller, worin das Wort Nase 
eine Hauptrolle spielt; ich will's. Dir abschreiben und mit- 
bringen (Hauser wunschte es selbst zu thun, und sandte 
es der Frau, die es noch besitzt). Ich fiihrte die 
Mutter und Regina in's Abonnementconcert und blieb den 
ganzen Abend bei ihnen. Felix wurde sehr gut empfangen. 
Seine Meeresstille war kostlich und ward mit grossem Bei- 
fall aufgenommen. Vom Uebrigen miindlich. Nach dem 
Concert brachte ich meine Damen vergniigt nach Hause, 
traf Felix und Hauser beim Souper im Hotel, begleitete 
dann Beide bei klarem Mondschein iiber den Wall nach 
Hause, und jetzt sage ich Dir gute Nacht." 



5. October I j 2 n Uhr Nachts: „Ich betrete eben mein 
Zimmer, welches ich seit heute friih nicht gesehen habe. 



;::....■■■ . ., ■ - - ■■■■ ■-:..:. ■ - -p* 

-• 303 — • ■ ' , .';<■: 

Ich konnte nicht einmal ein Clavier darin haben, so elne v 

Noth an guten Instrumenten ist in Leipzig! Dem Brief ^ ;; 

kara mir friih zu Handen. Ueber Dein Spielen des Men- ;■ 

delssohn'schen Octett's haben sich Felix und ich sehr ge- r 

freut. Er spricht mir von seiner Verlegenheit, dass er "-.^ 

noch nicht dazu gekommen, Dir schriftlich zu danken, und 

sich Dir schwarz auf weiss zu Fiissen zu legen; kurz er . ' 

spricht ebenso wie seine Briefe uber diesen Gegenstand. 

Mein erster Morgenbesuch war heute wieder bei der Mutter, 

die vollkommen Wohlgemuth, heiter und zufrieden ist. 

Dein Brief erregte auch bei ihr wahre Freude. In einigen 

Privathausern probirte ich Instrumente, um ein zweites 

zum Duett zu haben, konnte meine Wahl aber noch nicht 

fixiren. Felix begleitete mich zu Fink, dessen Tochter 

ein bedeutendes Talent hat und uns vor spiel te. Felix ■, .■ < 

speiste mit mir an der Table d'hote, mit Schumann, dem ^~~j 

Sanger Naumburg, Banck, Knecht und "Wild. Dieser, so-' 

eben angekommen erzahlte mir, dass er nur einmal in 

Teplitz zum Auftreten kam und zwar in der Norma — 

so drangten sich dort die Festlichkeiten. Thalberg, der 

ein Clavier hingeschickt hatte, kam gar nicht zum Spielen, 

weil kein Hofconcert stattfand." 

Eine Mile V. wiinschte in meinem Concert zu singen; 
aber wie erstaunte ich trotz des italienischen Namens eine 
klotzigej derbe Deutsche mit gellender Stimme zu hnden; 
sie blokte die Variationen der Catalani iiber „nel cor" heraust 
und ich gab ihr einen diplomatisch ausweichenden Bescheid. _ <; 

So halte ich mich bios an die Grabau und Hauser. Den 
Abend verbrachte ich wieder bei Felix mit Thee und 
Musik, in Gesellschaft von Hauser und Kistner. Da wurde 
ein Concertzettel gebacken. Ich hatte der Mutter zwei Sperr- 
sitze fur's Theater gebracht; sie sah mit Regina den 
Freischiitz. Um 10 Uhr war ich wieder bei ihr, um iiber 
den verbrachten Abend zu plaudern. Gute Nacht. 

6. October. „In der bedeutungsvollen Stunde von 12 — 1 
Uhr Mittags, wo aller gesellschaftlicher Verkehr in Leipzig 
stockt, um dem Magen zu frohnen, setzte ich diese Zeilen 
fort. Ich wollte einen so eben erhaltenen Clavierpart vom 



— 304 — 

S. Bach'schen Concert fur drei Claviere auf heute Nachmittag 
durchgehen, fand aber alle Clavierniederlagen verschlossen. 
Zu Felix zu gehen, blieb mir vor dem Essen urn 1 Uhr 
nicht Zeit : mein Magen wird fiir dies empfanglich sein, so 
wie ich mich iiberhaupt hier vOrtrefflich befinde. Heute, 
als ich die Mutter besuchte, unterhielt ich sie mit meinem 
Album. Ich habe hier ein Bandchen gesehen, welches 
unter dem Namen „Bettina's Tagebuch" ihrer Correspon- 
denz mit Gothe vorangeht. Wenn Du neugierig darauf 
bist, so kannst Du es Dir gewiss leicht verschaffen." 

Nachmittags 5 Uhr. „Ich komme eben von Wieck, 
wohin mich Regina begleitete. Die Clara spielte ein Trio 
von Schubert, sehr brav. Das Concert von Bach fiir drei 
Claviere, von ihr, Felix und mir gespielt, folgte, und war 
sehr interessant. Ich lasse mir es fiir London abschreiben. 
Die V. sang wieder, und Felix begleitete sie zu einer 
Arie aus „Macbeth" und den Variationen iiber „nel cor". 
Aber es war ein jammerliches Geheul! Den armen Felix 
hattest Du sehefl miissen, wie er in einem Cirkel von 30 
Personen dasass, wie auf einem Armsunderstuhl. Seine 
Augen funkelten, wie die eines gereizten Tigers, und an 
seinen Wangen hatte man Licht anziinden konnen, so 
brannten sie, Eben soil ich meine neugedruckten Concert- 
billete zeichnen. Deine hiilfreiche Hand geht mir dabei 
ab ; aber ich kann bei jeder Zeichnung ruhig an Dich denken, 
und das ist mir ein angenehmes Gefuhl. Felix theilte 
mir heute den "Wunsch des Directoriums mit, dass ich 
Sonntag im zweiten Abonnement-Concert spielen moge; 
er rath mir, statt des gewohnlichen Honorars von 5 — 6 Ldr. 
lieber die Bedingung zu machen, dass ich fiir Saal, Be- 
leuchtung etc. bei meinem Concert dem Directorium nichts 
zu zahlen brauche, und ich finde, er hat recht. Ein Ge- 
danke qualt mich wegen meiner Abreise. Die Eilwagen 
gehen nur Montag friih um 5 Uhr Morgens und Dienstag 
um g Uhr Abends: Deir erste zu nah am Concert, der 
zweite zu spat fur meine Ungeduld," 

q. October: „Eine Stunde vor meinem Concert schreibe 
ich Dir. Die Geschafte drangten sich so sehr, dass ich 






— 305 — ; ■ . 

meinem Vorsatz, Dir taglich zu berichten, nicht treu bleiben 
konnte. Gestern hatte ich einen Tag der Ungeduld, weil 
ich Deinen Brief von Montag schon erwartete. Die ge- 
lungene Probe meines Concerts musste mich zerstreuen; 
aber heute kam er und begliickte mich. Ich wollte, ich 
hatte Zeit, Alles gehorig zu beantworten; aber das muss 
bis aufs Miindliche bleiben. Das Wann ist noch ein 
Gedanke, der mich zupft. Ich spiele Sonntag im Abonne- 
mentconcert mein G-moll Concert und werde hofFentlich 
zwischen den Eilwagen eine Gelegenheit finden. Mein 
Concert wird heute Abend glanzend. Der Andrang zum 
Billetverkauf ist gross; 750 sind schon abgesetzt, und man 
wird wahrscheinlich so Manchen bei der Kasse zuriick- 
weisen miissen." 

„Die Mutter und Regina sind noch immer ebenso ver- 
gniigt und haben sich iiber den heutigen Brief sehr gefreut, 
schicken Dir auch alle moglichen Kusse und Liebkosungen. 
Wenn ich heute nicht schlecht spielen soil, muss' ich 
schliessen und mich nur durch den Gedanken an Dich. 
begeistern." 



10. October: „Ich wollte, ich konnte der Post Fliigel 
verleihen, um Dir die Nachricht mitzutheilen, dass ich 
gestern das brillanteste Concert in Leipzig gegeben habe. 
Der Andrang war ungeheuer und der Saal iiberfullt. Meine 
Mutter verjungte sich dabei. Meine Ouvertiire wurde 
vortrefflich aufgefiihrt, die Concert's pathetique und fan- 
tastique mit steigendem Beifall aufgenommen. Mein Duett 
mit Felix aber machte ungeheures Furore; der Beifall 
dauerte lange, man wollte es wiederholt haben; aber die 
grosse Hitze hielt uns ab, und wir traten bios noch ein- 
m.al vor, um uns zu verbeugen. Auch meine Phantasie 
iiber das Thema der Arie aus „ Titus ", welche Frl. Grabau sarfg, 
und einen Chor in D aus „Euryanthe" hatte, glaub' ich, 
viel Gelungenes und Gliickliches; denn viel Beifall belohnte 
mich. Die Brutto-Einnahme war 497 Thlr. Die Kosten 
betragen 70 Thlr., bleiben also 427 Thlr. Die iibrigen Aus- 

Hoscbeles' ieben, 20 



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306 



gaben bezahle ich durch mein Spielen im Abonnement- 
Concert." 

„Ausser dem G-moll-Concert, das heute in der Probe 
vortrefflich ging, wird meine Ouvertiire wieder gegeben, 
so wie das Duett mit Felix, um welches wir ersucht worden 
sind. Felix benimmt sich gegen mich iminer gleich liebens- 
wurdig und mit einer seltenen Bescheidenheit. Er sagte 
mir u. A., ehe ich gekommen, hatte er sich schon mit dem 
Gedanken und Wunsch herumgetragen, ob ich wohl ein 
Duett mit ihm spielen mochte? Er hatte mir bald des- 
wegen geschrieben. Er wird hier vergottert und ist auch 
mit mehreren Musikern und Honoratioren auf freundlich- 
stem Fusse, jedoch intim mit Wenigen und zuriickgezogen 
gegen Viele. Meine Mutter behandelt er mit besonderer 
Aufmerksamkeit. Du hast Recht, das Zusammenkomm en 
mit ihm giebt mir neuen Aufschwung und viel Genuss" ..... 

Sonntag fruh 7 Uhr : „Ich war mitFelixund Hauser gestern 
bei — zu Tische geladen; es speisten da Baurath Limburger 
und Hofrath Keil (zwei Directoren), auch Geh.-E.th. Lehmann. 
Die Eigenthiimlichkeiten der Familie sind: Das Super- 
gelehrtthun des Herm, die altkluge Geschwatzigkeit der 
Frau, die blode Verschmitztheit der Tochter. Die Auf- 
wartung war von einem Madchen besorgt, welches an der 
Zubereitung der Speisen grossen Antheil gehabt haben 
muss, wie der ihr anklebende Schmutz bewies. Dazu ein 
alter Aufwarter, der bei meinem Concert Kassirer gewesen 
war und nur mit der Brille auf der Nase seinen Dienst 
versehen konnte. Alles dies gab uns nachher viel Stoff 
zum Bekritteln, dazu kam dass Herr — bei Tische sehr 
indiscret iiber einen Aufsatz des Hofrath Rochlitz in der 
Musikalischen Zeitung sprach, was Felix in eine auffallend 
murrische Stimmung versetzte, der er wie eine losgehende 
Luftbuchse im Weggehen Luft machte." 

„Einen Theil des Abends verbrachte ich mit den 
Meinigen, den andern bei Felix tete a. t^te. Wir tranken 
Thee, plauderten recht vertraulich, und dann spielte er 
mir mehrere seiner vortrefflichen Fugen und lieder ohne 
"Worte (Manuscript) vor. Morgen frith geht meine Mutter 



— ' 307 — 

fort, das wird mir den Tag schwer machen! aber ich will 
mich ermannen." 

Nachmittags: „Ich komme eben von einem sehr freund- 
lichen Diner bei Kistner mit Felix, Hauser, Dr. Schleinitz, 
Weisge, Fink u. A. und schreibe Dir diese Zeilen, ehe 
ich mich zum Concert ankleide. Eben erhielt Felix die 
Nachricht, dass seine Schwester angekommen ist. Die 
Eltern schreiben, ich mochte sie doch nach Berlin begleiten 
und bei ihnen wohnen. Felix wiinscht es sehr, aber ich 
weiss noch nicht, ob ich mir den Rasttag gonne. Vor- 
mittags war Felix mit mir bei meiner Mutter, ran ihr wie 
versprochen vor2uspielen. Er liess sie viele meiner Etu- 
den horen , spieite auch seine „Hebriden-Ouverture", 
und machte sie ganz gliickiich. Hatte ich Dich, hatte ich 
Euch Alle nur hier. Es soil, es muss aber. doch Alles gut 
gehen . — nur Courage! Adieu! Auf gliickliches Wieder- 
sehen!" 



Der nachste Brief ist aus Berlin vom 14. October da- 
tirt. Er lautet: „Deine Zeilen erhielt ich Montag in Leipzig, 
und sie machten mich wieder gliickiich. Sie waren mir 
Balsam nach den Stunden der Scheidung von der Mutter, 
die Montag friih abreiste. Durch Deinen so herzlich aus- 
gesprochenen Wunsch, ich mochte mir den Abstecher iiber 
Berlin gdnnen, hast Du meinen Schwankungen ein Ende 
gemacht — Felix und ich haben seine Schwester hieher 
begleitet, Montag waren wir noch bis Mitternacht auf einer 
Soiree bei HarteTs, wo ich all ein und mit Felix gespielt 
habe. Dann packte ich {ohne John) bis J / 2 2 Uhr, und schon 
um 6 Uhr Morgens sassen wir im "Wagen. Unsere Unterhal- 
tung war belebt und kostlich, und Du sehr oft ihr 
Gegenstand. Felix' Schwester ist ein gar nettes liebens- 
wurdiges Weibchen. — Felix hatte einen Brief an seine 
Eltern expedirt, um sie von allseitiger Ankunft zu benach- 
richtigen; als wir aber um '/,2 nach Mitternacht anlangten, 
merkten wir an der Todtenstille im Hause, dass jener 
Brief nicht angekommen war, Es wurde Niemand von 



— 3 o8 — 

der Familie aufgeweckt und Nachtlager eilig" durch die 
Dienstboten bereitet. Da sich nichts fand, urn den allge- 
meinen Heisshunger zu stillen, so musste ein grosser Theil 
meiner Prager Torte, die ich.im Nachtsack hatte, herhalten, 
und that vortreffliche Dienste. Das Wiedersehen der Alten 
mit den Kindern diesen Morgen war ein Pamilienfest, eine 
Seligkeit, die mir als Zeugen einen unbeschreiblichen 
Genuss gewahrte, und dass ich nicht bloss Zuschauer war, 
sondern wie ein Sohn mit herzlichem Willkornm empfangen 
wurde, erhohte meinen Genuss vielfach. Ich sehe mich 
von alien Seiten bestiirmt, meinen Entschluss aufzugeben, 
schon heute Abend weiter zu reisen. Ich soil erst morgen 
Abend Berlin verlassen. Die halb vergeudeten Nachte, 
der schone Aufenthalt hier und endlich Deine ermunternde 
Zusprache werden mich wohl fiir morgen bestimmen." 

Feiix Mendelssohn fugt hinzu: 
„Wenn Sie ziirnen wollen, dass Moscheles Ihnen einen Tag 
langer entzogen ist, so ziirnen Sie auf die ganze Leipziger 
StrasseNo. 3; denn die ist dran Schuld; er wollte weiter, ob- 
wohl er gestern (oder vielmehr heut) Nacht um V 2 2 Uhr erst 
hier angekommen war; wir aber thaten einen geistigen Fuss- 
fall, und die Polizei wollte den Pass nicht geben, und dann 
haben Sie ihn denn auch wieder in Hamburg und Holland 
und London, wahrend wir doch morgen auseinanderreisen 
mussen, und uns wohl lange nicht wieder sprechen konnen. 
Kurz, ich qualte aus Herzenslust mit, und hofie, Sie setzen 
sich an meine Stelle; da hatten Sie es auch gethan. "Wenn 
Sie sich wiedersehn, wird Moscheles Ihnen alle meine und 
unsre Grusse bringen. Die Post geht, al§o leben Sie wohl 
und' ziirnen Sie nicht 

Ihrem ergebenen 
Felix Mendelssohn-Bar tholdy." 

Dazu hatte Felix' Vater diesem folgende Zeilen in 
die Feder dictirt: 

„Ich darf wohl meinen besten Grass hinzufiigen, und 
indem ich Ihnen meine Freude daruber bezeuge, so ganz 
unerwartet unsern vortrefflichen Freund mit Felix, leider 
auf so sehr kurzeZeit nur hier zu sehen, Ihnen dafiir 



"K:<;Vi 



— 3°9 ..-— 

danken, dass Sie uns diese Freude durch Ihr Zureden ver- 
schafft. Hoffentlich danken Sie es mir auch, dass ich 
Moscheles bewogen, nach einer durchreisten Nacht nicht 
schon heut Abend^in einem Beiwagen welter gereist 2U 
sein, sondern erst morgen Abend im Postwagen selbst, 
seinen Platz zu nehmeh. Leben Sie wohl und bleiben Sie 
mir freundlich gewogen." 

Wahrend dieses kurzen Aufenthalts ward Moscheles 
Zeuge von Felix' kindlich heiterem Uebermuth, von seiner 
Gliickseligkeit im Zusammensein mit der Familie. Ein 
Brief, den Moscheles, seiner Gewohnheit getreu, Abends 
vor dem Schlafengehn seiner Frau schreibt, sagt: „Wir 
haben uns musikalisch herumgetummelt. Erst spielte ich 
mit Felix Mozart's Duett in D fiir zwei Claviere und mein 
Hommage a Handel. Dann iiberliessen wir uns alien mog- 
lichen musikaMschen Extravaganzen, phantasirten zugleich 
und abwechselnd auf zwei Clavieren — eine geistige Erstiir- 
mung. Ich spielte rtoch Felix' Rondo brillant in Es und mein 
Concert fantastique, er die Orchesterbegleitung dazu. Seine 
„Lieder ohne Worte" spielten wir abwechselnd und dann 
kamen allerlei musikalische Scherze an die Reihe. Fanny 
Hensel machte mir grosse Freude durch das Vorspielen 
ihrer Compositionen. Felix und ich blatterten viel in 
seiner Sammlung alter Musik. Genug, diese Stunden werden 
mir unvergesslich bleiben und ich trenne mich nur ungern 
von meinen liebens'vvurdigen "Wirthen, um hie und da Be- 
suche zu machen." 



Der Diebstahl, der im Jahre 1823 an Moscheles verubt 
worden war (s. S. 77).sollte bei diesem Berliner Aufenthalt 
wieder zur Sprache kommcn. Zwar hatte der Thater, der 
junge Literat G. schon im Jahre 1825 eingestanden, dass 
er den Koffer, den Moscheles beirn Verleger Schlesinger 
zuruckliess, als er zum ersten Mai nach London ging, er- 
brochen.die Werthsachen entwendet hatte. Das schriftliche 
Bekenntniss, das er damals ablegte, sprach von tiefer 
Reue .und Beschamung, und wie Moscheles' Edelmuth, der 



— 3 10 '— , 

von seiner Verfolgung abgestanden, ihn jetzt zu der Selbst- 
anklage treibe; er wolle zahlen, habe Biicher ubersetzt, 
werde bald im Stande sein, seine Schuld zu siihnen. Ein 
ahnlicher Erguss erfolgt 1827. Es sind dieselben Versprech- 
ungen, ohne vorhergegangene Schritte von Moscheles' Seite, 

Am 15. October 1835 wird ihm bei Mendelssohns' am 
Vorabend seiner Abreise folgender Brief eingehandigt. 

Verehrtester Herr Moscheles! 

Berlin 73 Friedrich-Strasse 2 Treppen. 

Heute friih sah ich Sie auf der Strasse, icb erkannte 
Sie auf der Stelle. Vergeblich ging ich von Gasthof zu 
Gasthof, urn Ihre Wohnung zu erfahren, bis mir das 
Fremdenbureau einfiel, wpselbst mir Ihre Wohnung, zu- 
gleich aber auch zu meinem Schmerz bekannt ward, dass 
Sie bereits Ihren Pass nach Hamburg hatten visiren lassen. 
Den einzigen Augenblick, in welchem ich mich Ihnen 
nahern kann, ergreif ich rasch: Ich bin hier! Dies Ihnen 
anzuzeigen, ist Pfiicht, Nie habe ich einen Augenblick 
gezweifelt, dass ich fruher oder spater im Stande sein 
wiirde, Ihnen meine Geldschuld abzutragen, wenn auch nie 
die Schuld meiner Dankbarkeit. Ware es mir bios darum 
zu thun die Geldschuld abzutragen, so hatte ich Sie ab- 
reisen lassen, da es mir zur Zeit, in welcher ich das Geld 
in Handen haben werde, nicht schwer fallen kann, einen 
Mann zu erreichen, welchen ein europaischer Name ziert. 
Es ist mir aber urn etwas viel Wichtigeres zu thun: urn 
die gute Meinung des edelsten Mannes. 

Dies aus meinem Mund an Sie ist wahrlich keine 
Schmeichelei. Obgleich ich fur den Moment keine Mittel 
besitze, so haben sich doch meine Angelegenheiten so 
gestellt, dass ich, freilich spater, als ich hoffte, Gelder 
empfangen werde, unci ich werde den Augenblick als 
den frohesten meines Lebens betrachten, in welchem ich 
Ihnen das schuldige Capital nebst Zinsen zuriickzahlen 
werde. Denn nur auf diese Weise werde ich bezahlen, 
und das ist der einzige Punkt, worauf ich gegen Sie be- 
stehen wurde" . . . Nun bittet der Schreiber urn eine Zu- 
sammenkunft; er will Moscheles ein Papier ausstellen uber 



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'— * ii ~— . ■ ".-. ' ^ ■:;■■■;■■' -^ 

das, was er ihm , schuldig ist; er erzahlt wie er. einem 
H. Lowe Jagerstrasse 38 ein Darlehn von 25 £ mit den 
■Zinsen zuruck gezahlt,- so wird er auch Moscheles bezahlen, 
' und endet: „Gott segne Sie. Er vergelte Ihnen in eignem ;' 

und Familiengliick was Sie um mich verdient. '.:) 

Ihr Sie bis an sein Ende aus vollster Dankbarkeit ;".. 

liebender und wahrhaft verehrender _; 

J. G", ''::': 

Moscheles antwortet ihm am 19. October .von Hamburg .':■ 

aus. „Ich habe Ihre Zeilen v. 15. in Berlin erhalten. Als 
Antwort darauf beziehe ich mich auf eine Aeussefung,. die 
ich Ihnen vor mehreren Jahren schriftlich auf einen ahn- 
lichen Brief gegeben habe. Sind Ihre Vorsatze, die Bahn ."• 

der Rechtlichkeit zu gehen, echt, so. wiinsche ich Ihnen 
Gliick dazu, und wenn auch der Segen von oben sicknur 
sparlich einstellen sollte, so werden Sie doch reicher an 
gutem Gewissen. Ich wollte Ihnen bisher nicht durch 
Vorwurfe oder Verfolgung vergelten, was Sie gegen mich - , 
verschuldet haben, weil ich Sie fiir zu unvermogend an 
Mitteln und zu belastet von Ihr em Gewissen hielt, und 
Menschlichkeit mich leitete. Wenn Sie mir durch die _': 

That, durch theihveise Abzahlung Hirer Schuld gegen 
mich beweisen werden, dass Sie mir nicht bios schriftliche 
Versprechungen zu geben gesonnen sind, so sollen Sie 
von mir gehorige Empfangs-Scheine erhalten. Anderer 
schriftlicher Vertrage (wie Sie vorschlagen) bedarf es 
zwischen uns nicht. Wenn ich sterbe, sind Ihre Briefe an 
mich hinreichende Documente Ihrer Schuld; wollen Sie 
fiir Ihr fruheres mogliches Ableben Ihren Verwandten 
ein gleichlautendes Papier hinterlassen, so steht das bei ; 

Ihnen. Die Zeit wird offenbaren, ob Ihre ausg-esprochenen ; 

Vorsatze nicht blosser Schall sind. Wo ich mich aufhalte, er- 
fahren Sie immer leicht durch Musikhandler oder Liebhaber. 

J. Moscheles". 

Eine Anfrage an Mendelssohn's Vater iiber J. G. 
bringt Moscheles am 17. October folgende Antwort nach 
Hamburg zuruck. ... 



, ■' ■" ; > ' "'.'■■ ■ , ""— 312' — ■- '■ ~- ' '■ 

t ,L'homme en ques'tiofij den ich selbst durchaus nicht 
kenne, " soli ein unstates Leb.en gefuhrt haben , war in 
Italien, Portugal, Frankreich, England, meist als Erzieher 
in bedeutenden Hausern, und mit bedeutenden Mannern 
in Beruhrung, soil viel lebende Sprachen fertig sprechen 
und schreiben, und ein feines gewandtes Aeussere besitzen; 
aber er soil unsicheren Cha'rakters, und dadurch in zerriit- 
teten Vermogensumstanden sein, wird daher in den haupt 
sachlichsten Bezielmngen nicht als zuverlassig betrachtet, 
, in einiger Zeit mehr daruber. 

A. Mendelssohn-Bartholdy." 

Schon am 24. October schreibt derselbe: „Sie werden 
hoffentlich, mein verehrter Freund, meine Auskunft iiber 
J. G. erhalten haben. Da ich nicht wissen kann, in welchen 
Beziehungen Sie zu diesem Manne gestanden, so-halte ich 
es fur meine Pflicht, Ihnen zu berichten, dass derselbe 
gestern Abend, nach kurzer Krankheit gestorben ist. Ich 
hoffe, dass diese Nachricht kein naheres Interesse fiir Sie 
haben wird, als dasjenige, welches ein so nahe geriicktes 
Beispiel menschlicher Verganglichkeit in uns erregt. 

A. Mendelssohn-Bartholdy." 

Moscheles theilt nun diesem vaterlichen Freunde die 
ganze Angelegenheit mit und erha.lt folgende Antwort: 

Berlin, 29. October 1S35. 

Sehr werther Freund! 

Ich saume nicht, Ihren hochst merkwiirdigen Brief 

7 zu beantworten. J. G. ist eben so abe'nteuerlich jjestorben, 

wie er gelebt — an den schwarzen Blattem. Er war 

hierher gekommen, urn den auf ihn fallenden Theil am 

Ertrage eines Processes zu heben, welchen die Masse seines 

Onkels gegen ein hiesiges Handlungshaus gewonnen hatte. 

Gewiss wird die Familie sich zur Zahlung des Ihnen Schuldi- 

gen verstehen, falls Sie gesonnen sind, die Sache zu urgiren, 

und ich wiisste nicht, warum Sie das nicht thun wollten". 

Und nun kommen Anerbietungen , Moscheles dabei 

zu vertreten, Bitten um Einsendung der nothigen Docu- 

mente, und endlich heisst es: „Der ganze Vorfall, wie 



: : /-'- < T-;-.. ,- %.:."'" '^iPST '": ; : 



'.:--'". 



313 



Sie ihn einfach berichten, ist wirklich wunderbar, und 
wenn er zunachst Sie wieder in Hirer discreten besonnenen 
Gutmuthigkeit zeigt, so erinnert er nicht minder an Schiller's 
goldene Worte: „Und die Tugend, sie ist kein leerer 
Schajl!" Leider blieb dem Verstorbenen nicht Zeit, sie 
im Leben zu iiben; nachdera er iiberall gestrauchelt, sollte 
man glauben, dass er eben jetzt angefangen, sich zum 
Guten zu entschliessen und das erinnert an den noch golde- 
neren Spruch der Rabbinen: „Bessere Dich eine Stunde 
vor Deinem Tode!" Es zeigt ferner, wie Talent und auch* 
die grosste Bildung nur Irrwische sind, die den, welchen 
sie fiihren, unfehlbar in's Verderben leiten, wenn ihn das 
wahre, innere Licht, Charakter und Gewissen nicht auf 
dem rechten Wege erhalt, und es zeigt, dass alle Schuld 
sich auf Erden racht. Nun wollen wir seine Seele in 
Frieden ruhen lassen. Ganz der Ihrige. 

A. Mendelssohn-Bartholdy." 
Und wie schloss diese Angelegenheit ? Leider auf 
die traurigste, unvorhergesehenste Weise. Der herrliche 
Mann, der von Felix so innig verehrte Vater, Moscheles' 
treuer Freund, starb schon am 10. November desselben 
Jahres, und diqser erschiitternde Schlag ben'ahm Moscheles 
die Spannkraft die Sache weiter zu verfolgen. Es wider- 
stand ihm, sie einem Rechtsanwalt zu iibergeben! So ist 
ihm sein bedeutender Verlust nie ersetzt worden; die 
Familie des J. G. hat es nie der Muhe werth erachtet, 
das Andenken eines nahen Verwandten von schwerer 
Schuld zu reinigen, obwohl sie sich in vortrefflichen Ver- 
nlogensumstanden befinden soil. 



Ein kurzer, heitrer Aufenthalt im hamburger Familien- 
kreise folgte diesem Ausflug nach Berlin, und die letzten 
zwei Monate des scheidenden Jahres wurden in unermudlicher 
Tharigkeit einer Kunstreise durch Holland und Belgien 
gewidmet. „Ich kann iiber -das Phlegma der Hollander 
nicht klagen", schreibt Moscheles aus Amsterdam; „sie 
haben mich vom Jahre 1820 an, wo ich die Gastfreundschaft 



' — 314 — ' ' ' 

der Familie KLonigswarter genoss, mit offenen Armen, 
meine Kunstleistungen mit offenen Ohren aufgenommen. 
Damals schrieb ich dort mein G.-moll-C6ncert, jetzt sehe 
ich meine neuerenCompositionen mit nicht geringererWarme 
aufgenommen, muss in Felix Mentis u. a. musikalischen 
Gesellschaften spielen und iiberall ein zweites Mai impro- 
visiren. Auch das pecuniare Resultat ist ein vortrefniches." 
„Komisch aber", fiigt die Frau hinzu, „bleiben doch, trotz 
aller musikalischen Ehren, die mein Mann geniesst, einige 
althergebrachte Sitten der Hollander, ich nenne Euch nur 
die des Abonnement-Coneerts, da sie uns zunachst be- 
ruhren. Der erste Theil ist kaum zu Ende, so verschwinden 
sammtliche Herren; wo sind sie? Die Geruchsnerven ver- 
kiinden es bald; sie rauchen in einem angrenzenden Saale, 
Aber die Damen haben nicht Zeit, die Nase dariiber zu 
riimpfen; denn ihnen wird alsbald Chocolade und Limonade 
gereicht; indem sie sie geniessen, unterhalten sie sich mit- 
einander. Ich sass, wie gewohnlich, wehn Moscheles offent- 
lich spielt, allein in einem Winkel, und hatte Zeit, mir 
die niichterne Einfachheit der vier weissen Saalwande an- 
zusehen, die ich nicht bewundern konnte. Dann aber 
dachte ich wieder, wie ich es seit funfzehn Jahren mit 
Nutzen in England tmie: Landlich, sittlich. Die Chocolade 
miuidete, und der R.auch genirte mich nicht mehr." 

Ehe sie Holland verlassen, ertont ein Klagelied von 
Moscheles iiber die schlechten Orchester, mit denen er in ver- 
schiedenen Stadten zu kampfen hat. „Die Dirigenten geben 
sich alle Miihe, ich selbst sitze, wenn ich ein Concert spiele, 
wenig am Clavier, sondern laufe zwischen dem Vorgeiger und 
Pauker auf und nieder, und flustre Jedem seinen Ton in's 
Ohr, aber auch das hilft nicht immer, und geht's gar nicht, 
so lasse ich wohl ein zu schwieriges Adagio weg und spiele 
nur ein erstes und letztes Stuck. In Rotterdam, wo es mir 
sogar mit dem Instrument schlecht erging, phantasirte ich 
iiber Mozart's. „Ich kann nichts thun, als Dich beklagen", 
womit ich diesmal mich meinte, und Hess mich nicht zu 
einem zweiten Kampf mit diesen stockenden Tasten heraus- 
klatschen, wie sehr das Publikum es auch darauf anlegte." 






— -3*5 — 

In den grossen belgischen Stadten giebt's audi „der 
Plagen und der Franken viele", tmd auf der ganzen Reise 
lassen Mann und Fran die Wunderleistungen der Schwester- 
kunst (Malerei), 'an denen Kirchen, Museen und Privat- 
hauser so reich sind, entziickt an sich voriiberziehen. 
Auch finden sie in den letzteren die herzlichste Aufnahme 
und wiederholen es sich nach der Ruckkehr am hauslichen 
Herd oft mit inniger Dankbarkeit, dass die ganze Reise 
wieder eine gelungene war, Genuss verbreitend, Geniisse 
aller Art empfangend, eine wohlthuende Erinnerung fur 
spatere Jahre. 



T'j^..--^*: 



NAMENSVERZEICHNISS. 



Albrechtsberger 


10. 


Alsager 265. 




Althorpe 275. 




Ambrogetti 56. 




Andersoa 213. 




Andre 79. 




Aitaria 9. 




Artot 206. 




Bader 92. 




Baillot 40. 




Banck 301. 303. 




Baiter 260. 




Barlow 71. 




Barnard 256. 




Barnroth 21S, 




Batthyanyi 24. 




Bauer, Carol. 92 


96. 


Beale 289. 




Beethoven 17. 8i 


• 139—41 


Begasse 44. 




Bellamy 282. 




Bendemann, E. 


*53- 


Benedict 296. 


• 


Benelli 35. 




Bennett 288. 




Beriot 137, 183. 


199. 206. 


Berlioz 294. 




Betts 2ii. 




Blahetka 129. ' 




Blangini 42. 




Blum, C. 44. 92. 


*32- 


Bochsa 67, 209. 


2.10. 


Bohrer 205. 244. 




Bombelles 36. 





145- iS°- 



208. 223. 



Bordogni 43. 62. 208. 

Bowdich Lee 245, 

Braham 56, 60. 108. 119. 120. 211. 

227. 242. 288. 297. 
Bury, Charlotte 274. 
Busch 90. 

Cambridge, Herzog v., 96. 
Camporese 56. 208. 
Caradori-Allaa 282. 286, 
Carpani 19. 129. 
Castelli 19- 2-4- 8 3- 
Catalani 55. 
Cawes 258. 
Chelard 248. 
Cherubim 42. 44. 45. 
Chopin 271. 294. 
Charley 245. 
Ciceri 44. 

Ciuti 43, 64. 242. 246. 
Clementi 51. 52. 74. 106. 177. 199. 

241. 
Cobbett 275. 
Codrington 275. 
Coleridge 274. 
Collard 52. 227. 230. 23 1. 
Cornet 212. 
Costa 105, 
Cramer, F. 66. 
Cramer, J. B. 51. 52. .58. 65. 66. 6g._ 

75. 226. 240. 248. 268. 287. 288. 

296. 
Crotch 72. 
Czerny 25. 129. 
David, Louise, s. Dulcken. 



■■I. V '■-*•£*<. 



r^z* 



317 



Davis 257, 

Devrient, E, gi, 

Dietrichstem, Fiirst 126, ■ 

Dizi -54. 75. 

Donzelli 208. 

Dom 131. 

Dotzauer 35, 

Dragonetti 55. 240. 

Dugazon 44. 43, 

Dulcken 97. 209, 

Eichhom 252. 53. 

Embden, Charlotte 97. 

Erard 40. 104. 202. 

Eskeles 9. 28. 

Esterhazy 16. 60. 196. 

F&is 207. 208. 

Field 330. 244. 247. 

Fink 307, 

Fleming 107. 223. 244. 

Forbes 265. 

Forti 83. 

Franck 267. 

Funcke 213. 

Furstenau 119, 122. 128. 

Galizin, Fiirstin 27. 

Gall 41. 

Garcia 40. 62, 

Genast 91. 

Gerhard 91, 

Gericault 57. 

Gerke 301. 

Gerson 220. 

Giuliani 19. 23. 

Goethe, Frau v,, 254, 

Grabau 303; 305. 

Grah.1 236. 

Grillparzer 83, 128. 189. 

Grimal 258. 

Grisi 277, 293. 

Grimbaum 83. 

Guhr 255. 

Guillen 214. 219. 221. 

Habeneck 42. 

Haitzinger 83. 242. 248, 250, 270, 

Hardegg, Grafin 20. 28. 



Hartel 91. 299. 307, ^ 

Haslinger 286. 

Haugwitz, Grafin 16. 

Hauser 242.' 248. 250. 302. 307. 

Haydn 36. 

Heine, H, 179. 80. 81. 

Hensel, Fanny, s, : Mendelssohn, 

Fanny. 
Herz, H. 268. 269. 288. 
Hiller, Feid. 76. 
Hobbs 282. 
Hofmeister 91. 
Holm 237. 
Hope 269. 
Horschelt 82. 
Horzelsky 7. 
Hotschebar 173, 
Huerta 199. 
Hummel 16. 17, 21.23. 2 S- 222 - 226. 

231. 254. 255. 
Iwanoff 278. 

Kalkbrenner 51. 54. 61. 75. 294. 
I Kean 229. 
Keeley 256. 
Keil 91. 306. 
Kiesewetter 35, 60, 6g. 70. 74. 75. 

118. 122, 
Kind, Friedr. 89. 119. 
Kistner 91. 298. 300. 301. 307. 
Klengel 36. 89. 
Klingeraann, C. 182. 246. 247. 256. 

267. 294. 
Knecht 301. 303. 
Kockert 91. ■ 
Konigswarter 315, 
Kramer 69. 179. 
Krans-Wranitzky 253. 
Kreutzer 42. 
Kuhlau 213. 
Kustner 90. 

Lablache 230. 246. 288. 293. 
Lafont 42. 43. 45, 61. 63. 64. 68. 70. 
Laporte 209. 210. 293. 
Lecerf 63. 
Lee 249. 



W\?;$W?FW??' 



3i8 



Leidesdorf 129. 

Lemaistre 294. 

Leo, A., 41- 62. 65, 

Levasseur 42. 44. 

Le winger 9. 17. 

Lewy 129. 

Limburger 90. 306. 

Lindley 208. 226. 240. 293. 

Liszt 138. , 

LilolIT 227. 239. 251, 256, 

Lob el 220. 

Lockhart 274. 

Logan 209, 

Logier 55. 

Ludwig 34. 

Lunin, Baronesse 27. 

Lfittichau, v. 88, 

Mainvielle-Fodor 39. 62. 

Malibran, Maria 76. 205. 211. 223. 

269, 271. 278. 
Miilzl 63. 
Maiilius 252. 
Mara 35. 
Marliani 286. 
Mars 45. 2O0. 242, 
Marx, A. B. 131, 
Masoni 277. 
Masson 239. 
Mawkes 239. 
MatthSi 33. ^\. 90. 
Matthews 244. 
Mayer, J, A. 78. 
Mayseder 23. 86. 129. 
Mendelssohn, A. 3 12. 313. 
Mendelssohn, Fanny 93. 132. 3°9< 
Mendelssohn, Felix 93. 94. 132. 206- 
245—47. 252—54. 266. 271. 272/ 
298 — 300. 
Mendelssohn, Paul 236. 
Merck 19. 23. 129. 
Meric 248. 
■ Meyerbeer 15, 19, 
Milder-Hanptraann 92. 214. 219, 
Mock, Dlle., 5.: Pleyel. 
Monk Mason 242. 



Moore, Th, 274. 

Morgan, Lady 1 14. 

Mori 103. HO. 249. 258. 293- 29<5- 

Morlacchi 35. 88, 

M6ser 132. 133. 

Miiller, Ivan 64. 

Nageli 117. 

Napier 275. ' 

Naumburg J03. 

Neukomm 207. 227. 239. 242. 267. 

284. 
Northland, Lady 78. 
Nourrit 64. 

Novello, Clara 228. 258. 

O'Connell 275. 

Oehlenschlager 213, 

Pacini 229. 

Paer 40. 42. 

PagaTiini 231—236. 269. 

Palazzesi 130. 

Palffy 16. 23. 

Palmerston 107. 

Patikouke 41. 

Pape 40. 64. 

Paraviciui 279. 

Parry 265. 

Pasta 230. 277. 

Paton, Miss 121, 211. 

Perlet 45- 

Peters 91. 

Phillips 227. 282. 

Piatti 36. 37. 

Pisaroni 205. 

Pistrucci 76. 

Pixis, P. 80. 195. 208. 268. 

Plantade 42, 

Pleyel 64. 298. 

Polledvo 35. 37. 

Potier 43. - 

Rahel 95. 

Rainer 137. 206. 

Rathen 276. 

Rati 148—150. 155. 165. 173. 

Redern, Graf 253. 

Reichard 302/ 






3IQ 



Reichardt 25. 
'Reichenbach 91. 
Ries 51. 53. 
Rigel 42. 
Rochaird 57. 
Rochlitz 91. 300. 
Rockel 286. 
Rolla 88. 

Romberg, A. 16. 81. 
Romberg, B. 91. 
Rosen, F., 236. 250. 256. 367. 
Rosen, G. 250. 
Rosenhain 255. 
Rothschild 204. 

Rubini 277. 278. 282. 288. 293- 
Salieri II. 17. 21. 84. 
Salmon 45. 
Sandrini 35. 
Saphir 133. 
Sassaroli 35. 89. 130. 
Schall 213. 
Schelble 255. 
Schicht 32. 
Schindler 129. 141—144. 146- !5 2 — 

J 55- 159- 161—165. l6 7- 
Schleiermacher 253. 
Schleinitz 307. 

Schlesinger 42. 44. 309. 
Schmitt, Aloys 80. 

Schneider, Friedr. 92. 

Schneider, Maschinka 248. 

Schnyder v. Wartensee 255. 

Schrey 300. 

Schroder 212. 

SchrSder-Devrient 242. 247. 248. 250. 
270. 

Schubert 37. 

Scliulze 32. 

Schumann, Clara, 3.: Wieck, 

Schumann, Rob. 27./S99. 301. 
. Scliuppamigh 18, 129. 

Scliiitz 198. 

Schwarz 24. 
' Scott, Walter 185. 186. 198. 201. 

Sessi 31. 



Seyfferth 91. 128. 

Seyfried ' 1 29. 

Siddons, Mrs. 69. 

Sinclair 193. ' 

Sivori 183. 

Smart, G. 69. 77. 281. 287. 

Sonntag, Henriette, 83. 131. 195- 

206. in. 
Sonntag, Nina 270. 
Speier, W. 80. 
Spohr 16. 38. 39. 134. 
Spontini 132. 
Spurzheiru 193. 
Stadler T29. 
Stanley 275. 
Steinmiiller 236. 
Stenzler 267. 
Stephens 282. 
Stepney, Lady 274. 
Stockhausen 176. 177. 200. 208. 228. 

239. * 

Streicher 10. 
Strunz 42. 

Stumpff 119. 138. 145. 
Sudre 296. 
Taglioni 230. 
Talma 45. 

Tamburini 277. 278. 293. 
Taylor 286. 
Tebaldi 89. 
Thalberg 303. 
Tieck 128. 
Tomaschek 8. 26. 
Tutein 220. 
Valentin 41. 
Velluti 198. 
Vernet, Horace 45. 
Vertpre 294. 
Vestris 120. 
Vieuxtemps 279. 
Vitzthum 36. 
Voss, J. 31. 
Vrugt, de 279. 
Wallace 275. 
Wallis, Graf 27. 



"'7- '■ r ' y> '" "~ '* :^**:""~*1 ^ ■*:"'.''"' .'"'""A-" ■."■'".:'"'■ 



320 



Weber, C. il. v. 83. 88. 118. 119. 

130, 122. 123. 124. 
Weber, Pionys 7. 26.'; 88. 
Weitte 91. 
Wendt 90. 128. 301. 
Weyse 213. 219. 
Wieci 33. 91. 254. 298. 299. 301. 

304. 
Wild 303. 



Willert 289. 
Wilson 56, 
Wolfram 128. 
WraniUky-Seidler 91. 
Young 69. 
Zadrakha 6. 
Zelter 33, 95. 
Zenner 36. 
Zuchelli 211. 282. 



Druck van Bar & Hermann in Leipzig. 



AUS 



MOSCHELES' LEBER 



NACH BRIEFEN UND TAGEBUCHERN 

HERAUSGEGEBEN ' 
VON 

SEINER FRAU. 

ZWEITER BAND. 
MIT EINE1I VERZEICHNISS SEINER COMPOSITIONEN. 




LEIPZIG 

VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT 

1873. 



Das Recht der Uebersetzung sowie alle andern Rechte vorbehalten. 

Die Verlag-shandlung. 



SECHSTER ABSCHNITT. 

LONDON. 



1836—1845. 



1836. 

Ein Brief von Moscheles am Anfang dieses Jahres 
geschrieben, sagt: „Noch immer bleibt unser Felix (Men- 
delssohn) stumm; er hat den Schmerz um semen Vater 
nicht iiberwunden , sonst wiirde er schreiben. Was man 
iiber ihn hort, ist eben auch nicht trostlich. Er soil seinen 
besten Halt verloren haben , soil eine unbeschreibliche 
Leere fiihlen und nicht arbeiten konnen; das muss anders 
werden. — Aber sein Schmerz ist mir mir zu erklarlich, 
wenn ich an die Tage zuriickderike , die ich im Herbst 
mit ihm in seinem elterlichen Hause verlebte. Der schwache, 
fast erblindete Greis hatte einen so regen Geist, ein so 
klares Urtheil, dass mir die Verehrung des Freundes fur 
diesen Vater nicht nur begreiflich ward, nein., dass ich sie 
auch theilte . . . ." Wie hart sein plotzlicher Verlust auch 
die andern Familienglieder traf, beweisen die hier folgen- 
den Briefe, Der erste ist von der Gattin: 

Berlin, n. Januar 1836. 
Bei dem schrecklichen, so ganz unerwarteten Schlage, 
der mich getroffen, wird es Ihrem theilnehmenden Herzen, 
geliebte Madame Moscheles, gewiss eine Besanftigung des 
Schmerzes sein, wenn ich Sie in Wahrheit versichere, dass 
die zwei Tage, die der vortreffliche Herr Moscheles im' 
October mit wis zubrachte, zu den heitersten , erfreulich- 
steh gehorten, die Sein Lebensende verschonerten, ja dass 
der Nachgenuss noch Ihn eben so tief als angenehm be- 
riihrte. TJeberhaupt schien sich noch Alles zu vereinigen, 
dass seine Wunsche befriedigt waren , und die Verha.lt- 

Moscheles' Leben. II, j 



nisse sich so gestalteten, wie Er sich's zu seinem Gliick 
ausgedacht. Er hat dies Alles auch eingesehen, anerkannt, 
innerlichst empfunden! Und wie edel ur.d sanft wohl- 
thuend, liebenswiirdig , vergeistigt, wurde sein Gemuth; 
taglich vollkommener , bedeutender , aufstrebender ! Mit 
welchen Bemerkungen begleitete er den Abend vor dem 
Scheiden noch die Vorlesung (die „profession de foi du 
vicaire Savoyard" aus Rousseau's Emile). Wie freundlich, 
mild das heitere Beisammensein vor dem Schlafengehn — 
dem ewigen ! Ich hatte mir den Tod nie in dieser schmerz- 
los-atherischen Gestalt moglich gedacht , darum konnte 
ich den Gedanken an das furchtbare Unabweisliche auch 
nicht fassen. Ohne Ahnung des Ungliicks war ich schon 
unwiderbringlich verwaist und elend! 

Meine Kinder — alle — betragen sich wie die Engel, 
und ich ware undankbar gegen das Schicksal , sahe ich 
nicht bei dem herbsten Schmerz ein , wieviel ich noch 
behalten. Felixens Art, den Schmerz zu tragen, hat mich 
anfangs sehr erschuttert und beangstigt, Unter uns Frauen 
fand er Thrahen und Muth zum Weiterleben. Die Nahe, 
in der er jetzt wohnt, wirkt wohlthatig, er hat uns seit- 

dem schon zweirnal besucht Nehmen Sie, liebens- 

"wiirdigste Frau, meinen warmsten Dank fur alles Gute, 
was Sie dem Verstorbenen in London erzeigten. Mit wah- 
rer Ruhrung und Erkenntlichkeit sprach er stets davon. 
Wenn zuletzt mitunter Stunden kamen , wo er seiner 
Augen wegen unbeschaitigt war, sagte er oft: „Ich habe 
keine Langeweile, ich habe gar viel Schones, Interessan- 
tes erlebt!" Dazu zahlte er London ganz besonders und 
Ihre Bekanntschaft stand obenan. Aber auch der Freund- 
lichkeit der vortreffiichen Freunde gedachte er mit Liebe 
und Erkenntlichkeit. Sagen Sie Allen, wie geriihrt und 
dankbar ich bin. 

L. Mendelssohn-Bartholdy. 

Es folgt ein Brief von Mendelssohn's altester, ihm 
musikalisch ebenbiirtiger Schwester Fanny Hensel an das 
Moscheles'sche Ehepaar. Ihr Dank fur die dem Vater 
in London geleistete Pfiege ist eine Wiederholung des 



— 3 — 

obigen , und des Vaters Anerkennung auch hier auf s 
Warmste ausgesprochen; dann fahrt sie fort: 

„Erinnern Sie sich noch, lieber Herr Moscheles, wie 
Felix an einem der Abende, die Sie im Herbst bei uns 
zubrachten, das wunderschone Adagio in Fis-dur aus 
einem Haydn'schen Quartett spielte? Vater liebte Haydn 
vorzugsweise , jenes Stuck war ihm neu und ergriff ihn 
ganz wunderbar. Er weinte, wahrend er es horte und 
sagte nachher, er fande 'es so unendlich traurig. Dieser 
Ausdruck fiel Felix sehr auf, weil mesto dariiber stand 
und es doch uns Andern eher den Ausdruck der Heiter- 
keit gemacht hatte. Sein Urtheil fiber Musik war oft 
zum Erstaunen scharf und richtig fur Jeraand, dem doch 
das Technische eigentlich fremd [war. Sie, lieber Herr 
Moscheles, schatzte er sehr hoch und hatte Sie herzlich 
lieb. Ueber Felix habe ich keine Sorge mehr, er hat sich 
sehr gesammelt und wenn auch ein tiefer Schmerz in ihm 
zurfickgeblieben ist, so ist doch dies Gefiihl sehr natfir- 
lich und nicht in der peinlichen Art, wie sein Anblick in 
der ersten Zeit war, wo er uns Alle mit Sorge und dop- 
pettemLeid erfiillte. Die bessere Jahreszeit und das Reisen 
werden ihn hoffentlich in dieStimmung ganz 'zuriickfiihren, 
die er suchen muss, wenn er fortfahren will, in Vaters 
Sinn zu leben, wie er es stets bei seinem Leben gethan. 
Es war ein Verhaltniss zwischen den Beiden, wie man es 

wohl selten hier auf Erden findet Und nun wiinsche 

ich Ihnen Beiden ein herzliches Lebewohl. 

Fanny Hensel. 

Wie nun auch die Gedanken und Gefiihle bei den 
fernen, leidenden Freunden weil ten, London und Mosche- 
les' Stellung darin behaupten ihr Recht uber ihn, er kann 
sich dem Strudel nicht entziehen. So giebt es stets neue 
theatralische Geniisse, fiber die das Tagebuch berichtet: 
„Braham hat das kleine Haus St. James Theatre ge- 
pachtet und mit seltnem Geschmack in Louis' XIV. Styl 
ausschmiicken lassen. Die Truppe, mit Jenny Vertpre und 
anderen Grossen der franzosischenBiihne, ist ausgezeichnet 



— 4 — 

und zieht die Aristokratie Londons an; wenn sie mit aus- 
serster Feinheit ilire in Paris beriihmt gewordenen Dram en 
spielt," Spater gab man auch franzosische Opern in die- 
sem Hause, in denen die liebliche Cinti und der beriihmte 
Tenorist Nourrit glanzten, letzterer ganz besonders in der 
„reine de r6 ans" und „la jeunesse de Charles II." Einmal 
musste auch Moscheles dort in einem Concert im Verein 
mit der Malibran und anderen Grossen auftreten. Das 
Concert, nach der Oper begonnen, zog sich bis Mitternacht 
hinaus. — Balfe producirt seine Erstlingsoper „the siege 
of Rochelle" mit grossem Beifall. „Die IVIusik ist leicht, 
wie das Wesen des Componisten, aber auch heiter und 
ansprechend wie er". Fur die Malibran schreibt er „the 
maid of Artois". Sie, im Englischen wie im Italienischen, 
im Franzosischen wie im Spanischen zu Hause, war dies- 
mal als englische Primadonna im Drurylane-Theater en- 
gagirt. „Hatte Balfe ihr die unglaublichsten Passagen an 
Umfang und Schwierigkeiten zugemuthet, hatte sie selbst 
sie improvisirt? Ich weiss es nicht", steht im Tagebuch ; 
,,genug, sie zauberte sie aus ihrer KeMe hervor." — „Im 
FideHo", heisst es spater, „befriedigt sie mich weniger und 
ich ziehe unsere uniibertroffene Schroder - Devrient darin 
vor. Die Leidenschaftlichkeit der Malibran steht im Wider- 
spruch zu .dieser ausdauernden Gattenliebe und warum 
sie z w e i Pistolen mit in den Kerker bringt , das weiss 
auch Niemand." 

Der ■ verl'angerte Aufenthalt der Malibran in London 
brachte sie zuletzt in die intimsten Beziehungen zu dem 
Moscheles'schen Hause, das sie oft besuchte. 

Mit dem kiihlen, um nicht zu sagen kalten de Be- 
riot verheirathet und gewohnlich mit ihm zusammen 
gesehen und gehort, trat ihr sprudelndes Genie, ihre nie 
ermiidende Lebendigkeit , ihr heiterer Sinn mit seinen 
Possierlichkeiten , ganz besonders hervor ; sie fesselte 
nicht wie andere grosse Sangerinnen durch ihre Kunst, 
wie andere geistreiche oder liebenswiirdige Frauen durch 
ihr "Wesen oder ihre Unterhaltung: nein , sie nahm alle 
Sinne auf Einmal, dazu das Herz und den Verstand ge- 



— 5 — 

fangen. War sie im Moseheles'schen Hause, so widmeten 
sich Alle ganz ihr. Die Kinder betrachteten sie ohne 
Scheu als zu ihrer Gesellschaft gehorend, denn Niemand 
wusste so reizend mit dem Puppenhause zu spielen als 
sie, und welcher andere Besuch hatte noch den gewissen, 
fur die Kleinen so anziehenden schwarzseidenen Beufcel 
wie Mme. Malibran? Der Beutel enthielt aber nicht die 
gewohnlichen Spiele oder Naschereien, die man Kindern 
mitzubringen pflegt, sondern einen Malkasten, Papier und 
Pinsel. Gleich beim Eintreten setzte sie sich. mit den 
Kinder n auf den Teppich nieder, wo sie Alles auskram- 
ten und besahen, dann wurde gemalt, und das Alles mit 
Lust und Liebe, ja mit Energie. Das Tagebuch sagt am 
12. Juni: „Sonntag begann ich meinen Tag, indem ich 
Goethe's „Meeresstille und gliickliche Fahrt" fur die Mali- 
bran als Lied componirte." 

„Um 3 Uhr kam sie selbst; auch Thalberg, Benedict 
und Klingemann. "Wir assen fruh, und gleich nach Tische ' 
setzte sich die Malibran an's Clavier und sang „fur die Kin- 
der", wie sie es nannte,' den Rataplan und spanische Lieder 
ihres Vaters, wobei sie die fehlende Guitarrenbegleitung 
durch rhythmisches Klopfen an das vordere Clavierbrett 
ersetzte; dann folgten viele franzosische und italienische 
Romanzen ihrer eigenen Composition — alle wunder- 
hubsch, alle mit Grazie, Lieblichkeit und Virtuositat vor- 
getragen. Thalberg loste sie ab, urn allerlei Spasse am 
Clavier zu machen, Wiener Lieder und Walzer mit obli- 
gaten Schnippchen, und dann kam ich mit meiner verdreh- 
ten Hand und meinen Faustschlagen, wobei Niemand herz- 
licher lachte, als die Malibran. Urn 5 Uhr fuhren wir in 
den Zoologischen Garten und drangten uns eine Stunde 
lang mit den fashionables, deren Sonntags-Promenade er 
ist. Als wir uns an Menschen und Thieren satt gesehen, 
machten wir noch eine Runde im Park; kaum aber wie- 
der zu Hause angelangt, so sass die Malibran auch am 
Clavier und sang eine Stunde lang. Dann endlich rief sie 
Thalberg und sagte: „venez jouer quelque chose, j'ai besoin 
de me reposer." Ihr repos aber bestand darin, dass sie 



— 6 — 

eine allerliebste Landschaft aquarellirte , was sie nie ge- 
lernt hat. Thalberg spielte indess viele seiner Etiiden, 
Bruchstiicke eines soeben componir ten Rondo's, dann meine 
Etiiden, Allegri di Bravura, G-moll Concert, alles aus- 
wendig, mit der grossten Meisterschaft. Hierauf folgte 
eine Mahlzeit, aber selbst wahrend dieser war sie es, 
die uns unterhielt. Sie gab uns treffend wahr Sir George 
Smart, die Sanger Knyvett, Braham, Phillips und Vaug- 
han, Alle mit ihr in einer Soiree der Duchess of C., zuletzt 
die dicke Duchess selbst, wie sie herablassend mit ihren 
Kiinstlern spricht, und endlich Lady * *, die mit der zer- 
brochensten, nasalsten Stimme von der Welt „home, sweet 
home" singt. Mit einem Mai war die komische Ader ver- 
siegt , und nun sang sie mit echt deutscher Auffassung 
die Scene aus dem Freischiitz mit deutschem Text, und 
eine Masse deutscher Lieder yon Mendelssohn , Schubert, 
Weber und meiner Wenigkeit. Zuletzt kam Don Juan an 
die Reihe ; sie weiss nicht nur ihre Vocalpartie der Zer- 
line , sondern jede andere Partie der Oper und jede Note 
der gan2en Begleitung auswendig, und so spielte und 
sang sie fort bis u Uhr, immer bei Stimme, immer geistig 
und korperlich frisch. Als sie uns verlassen hatte, konn- 
ten wir nicht auf horen , uns fur sie , ihre musikalische, 
sprachliche und malerische Begabung zu begeistern, am 
meisten aber wurde ihre Anspruchslosigkeit und Liebens- 
wiirdigkeit geriihmt. 

Ein andermal, als sie und de Beriot, auch am Sonn- 
tag ein „early dinner" mit Moscheles und denKindern nah- 
men, „hatten wir grossen Spass. Es war die Rede von 
dem komischen Duett von Gnecco , das sie so oft und 
stets so bezaubernd mit Lablache sang. Mann und Frau 
verspotten einander darin und heben einer des andern 
Korperfehler hervor, und so sagt er einmal: „la tua bocca 
e fatto aposta pel servizio della posta" (dein Mund ist 
gross und breit, er konnte als Briefkasten dienen). „Grade 
wie mein Mund", behauptete die Malibran, „breitgeschlitzt; 
und jetzt will ich diese ganze Orange hinein stecken, urn 
es zu beweiseri." Wer de Beriot kennt, mag sich sein 



— 7 — 

Entsetzen in Gestalt und Wort denken als sie, ihre scho- 
nen Zahnreihen zeigend, den Mund weit offnete, auch 
wirklich in ihrem Uebermuth die nicht kleine Orange 
hineinsteckte , und -sich hinterher vor Lachen aussqhiit- 
tete." — 

Moscheles componirte ihr ein Lied von Klingemann: 
„Steigt der Mond auf", und stets musste er ihrvorspielen. 
Sie wusste mehrere seiner Etuden auswendig, underzahlte, 
wie ihr "Vater sie dieselben habe iiben lassen. 

Ueber eine Soiree bei Moscheles berichtet ein Brief 
von ihm, wie folgt : „Die Malibran erschien mit de Beriot 
um ii Uhr , nachdem unsere 80 Gaste schon einigen eng- 
Hschen Gesang, Solo's von Lipinsky und Servais und 
mein Concerto fantastique verschluckt hatten. Man sah ihj 
die Ermiidung an, und erkannte ihren Gesang kaum wie- 
der, so stimmlos schien sie. Spater erst erfuhr man, dass 
sie wenige Stunden zuvor bei einem Spazierritt im Park 
mit dem Pferde gesturzt sei, dass sie zwar unverletzt ge- 
blieben, aber die heftige Erschiitterung noch nicht iiber- 
wunden habe. Dennoch ward sie bald wieder ganz sie 
selbst, sang die Freischiitz-Scene deutsch, ein komisches 
Duett mit John Parry englisch, dann spanische, italienische 
und franzosische Lieder und endlich trugen sie und De 
Beriot uns die „Cadence du Diable" vor, in welcher sie mit 
den Worten: „voyez comme le diable prelude" seine 
iibermiithigen, oft haarstraubenden Violin-Passagen bevor- 
■\vortet. Das Stiick heist eigentlich „le songe de Tartini," 
und da es vorgiebt , der Meister habe im Traum den 
Teufel gesehen und dieser ihm die ganze Musik vorge- 
spielt , so hatte es Raum fiir jegliche Excentricitat. Als 
meine Frau sie theilnehmend fragte, ob sie sich nicht zu 
sehr anstrenge, sagtesie: „Ma chere je chanterais pour vous 
jusqu'a extinction de voix." Ihre Seligkeit beim Anhoren 
eines Duetts von Benedict und de Beriot componirt und 
gespielt , war interessant zu beobachten , und mir fielen 
Stellen in der Composition auf, die vielleicht von ihr her- 
riihrten. Zum Schluss musste ich noch improvisiren , und 
damit auch das komische Element gehorig vertreten werde, 



amiisirte uns der junge John Parry (lurch seine geniale 
Imitation der Wolfsschluchtscene aus dem Freischiitz. Ein 
aufgerolltes Notenblatt, zwischen seinem Munde und dem 
Clavierpult eingeklemmt, brachte die tiefsten Horn- oder 
Posaunen-Tone hervor, mit den Handen bearbeitete er die 
Tasten, mit den Fiissen ein Theebrett; so gab es eine 
wilde Jagd. 'Thalberg konnte eines schlimmen Fingers 
wegen nicht spielen; doch blieben er und de Beriot noch 
bis 3 Uhr bei uns und wir commentirten mit ihnen sehr 
lustig die ganze , schon eine Stunde friiher heimgekehrte 
Gesellschaft." — Am n. Mai wird Moscheles von dem 
Kiinstlerpaar de Beriot in seinem Concert in der italieni- 
schen Oper unterstutzt. „Zum Ueberfluss", sagte er, „hatte 
ich neben dem grossen Stern Malibran noch Lablache, 
die Grisi und Clara Novello , und spielte ein Bach'sches 
nie gehortes , und mein neues C - moll - Concert. Es war 
ein brillanter Erfolg fur Alle und Alles." „Nach einer 
Auffiihrung der „Maid of Artois", in der 'die Malibran 
wieder Wunder geleistet" , sagt Moscheles , „suchten wir 
sie noch in ihrem Toilette - Zimmer auf. Sie sass da, um- 
geben von Kranzen , einen ungeheuren Blumenstrauss in 
der Hand, sprach und lachte mit uns, und sagte endlich 
zu mir : „Si vous vouliez me debarrasser de cette machine, 
c'est cet abominable Due de Brunswick, qui vient de me 
l'apporter", und somit warf sie mir ein colossales Bouquet 
zu, welches ich auffing. Was mag aber nun , der abomi- 
nable Herzog gedacht haben , als er mich einige Minuten 
spater mit seinem Bouquet in m einen Wagen steigen 
sah? — Denn dies ereignete sich am Eingang des Drury- 
lane- Theaters." — Die gefeierte Sangerin musste taglich 
ja fast stiindlich ihre Krafte anspannen , denn es gab, 
ausser dem wochentlich dreimaligen Auftreten in der Oper, 
noch unzahlige Engagements in Morgen- und Abend- 
Con certen, fashionablen breakfasts, fetes champetres und 
Privatsoireen , deren oft drei an einem Abend statt- 
fanden. 

„Am 16. Juli, vor ihrer Abreise", schreibt Moscheles, 
..brachten wir verabredeter Massen noch ein Stiindchen bei 



— 9 — . 

ihr zu; sie war am Clavier, Costa nebenihr; sie sanguns ein 
komisches Lied vor, das sie eben componirt hatte. „Ein le- 
benssatter Kranker ruft den Tod herbei; als er aber in Per- 
son eines Arztes bei ihm anklopft, weist er ihn schnodeab." 
Diesen Text hatte sie so genial componirt und sang ihn 
mit solchem Humor, dass wir unser Lachen kaurh be- 
meistern konnten, und doch wollten wir keine Note ver* 
lieren. Dann schrieb sie eine reizende franzosische Romanze 
in mein Album, sang uns auch diese und schenkte meiner 
Frau eine ebenfalls von ihr componirte und aquarellirte 
Landschaft. Endlich scbieden wir. Sie gingen damals auf 
einige Tage nach Briissel, dann zum Musikfest nach Man- 
chester , wo sie noch am 20. September so hinreissend 
schon sang, dass das Publicum sturmisch eine Wieder- 
holung verlangte. Sie, schon zum Tode matt, und in einer 
Lage, in der sie der Ruhe und Schonung bedurft hatte, 
spannte ihre letzten Krafte an, wiederholte, machte noch 
einen unnachahmlichen Triller auf dem dreigestrichenen C, 
und sank bewusstlos zusammen. In ihr Hotel getragen, 
ward ihr zur Ader gelassen und sie erwachte scheinbar 
zum Leben, doch nur um am 23. September auf ewig 
daraus zu scheiden. Moscheles schreibt: „Es ist unniitz, bei 
■einem Verlust, der die grosse musikalische Welt durch- 
zuckt, und der kleinen Welt ihrer Freunde die herbste 
Entbehrung auferlegt, einige ungeniigende Schmerzens- 
worte auszustossen. Ich fiihlte mich gedrungen, meinWehe 
in Tone zu kleiden , indem ich eine Fantasie iiber ihr en 
Tod componirte." 

Thalberg, der im Jahr 1826 als Schiller von Mosche- 
les geschieden war, erschien jetzt als Meister. „Ich finde 
es originell", schreibt Moscheles, „dass er Harfeneffecte 
aufs Clavier iibertragt. Ein Thema liegt in der Mittel- 
stimme, er hebt es klar hervor und begleitet es mit com- 
plicirten Arpeggien; diese eben sind es, die mich an eine 
Harfe erinnern. Das Publicum ist erstaunt, er selbst un- 
erschutterlich ruhig; die Lippen fest geschlossen, den 
Rock militarise!! zugeknopft , sitzt er mit militarischer 
Haltung da; er erlernte diese, wie er mir sagt, indem er 



IO — 

bei seinen Clavierstudien eine tiirkische Pfeife rauchte, 
deren Langenmass ihm das Aufrechtsitzen als Nothwen- 
digkeit auferlegte?" 

Ein Brief sagt : 

„Am 2. Mai Abends um 10 Uhr klopfte es an unsere 
Hausthiir. Ole Bull , der norwegische Violinspieler trat 
ein; — sein erster Besuch bei uns. In weniger als ftinf 
Minuten hatte er schon den ganzen Vulcan seiner Leb- 
haftigkeit und Excentricitat , seine hohe Meinung von 
sich selbst hervorgesprudelt und uns durch seine Kraft- 
ausdriicke erstaunen gemacht. Ob da das echte Kiinst- 
lerfeuer lodert? Seine Lebensbeschreibung (im Druck er- 
schienen) ist so abenteuerlich , dass sie Paganini zum 
Alltagsmenschen maclit; sollte sein Violinspiel das auch 
vermogen , fragten wir uns , als er fort war ? In seinem 
Concert erregte sein Spiel Aufsehen, sein Wesen aucb. 
Ich mochte den Namen Spohr nicht in Verbindung mit 
ihm nennen, auch andere nicht, die weniger Technik 
haben als er , denn sie werden als tiichtige Musiker da- 
stehn, wahrend der tobende Norweger iiberwunden in der 
Kunst- Arena daliegt." „Ich muss hinzufugen", scbreibt 
die Fr.au, „dass Ole Bull kurz vor der Ankiindigung 
seines Concerts in unsre : / s 8-Uhr-Suppe fiel, als Mo- 
scheles von einem muhsamen Lectionentag heimgekehrt 
war. Ich kann nicht sagen, dass er uns willkommen gewe- 
sen ware — seine Bitte , Moscheles solle fiir ihn spielen f 
noch weniger. Moscheles suchte abzulehnen , hielt das- 
Qualen lange aus, ohne nachzugeben und gab doch endlich 
nacb. Solche Angelegenheiten sind zeitraubend." _ „Heute", 
schreibt sie ein andermal, „will ich Euch einige Contraste 
aufzahlen, denen wir bier unterthan sind. Wir haben 
eine kleine Soiree, besonders fur Lockharts; dazu kommt 
unerwartet der geschatzte Freund und College meines 
Mannes, der beriihmte Schnyder v. Wartensee; es kommt 
aber auch der polnische Jude Sanklow im Kaftan , nicht 
angenehm parfiimirt, bringt seine Strohfiedel und kann 
es kaum erwarten, dass Moscheles, Lipinsky und Ser- 
vais des Ersteren Trio ausgespielt haben , um uns seine 



— II — 

Stroh- und Holztrillerchen und Passagen horen zu lasseh,. 
erreicht dabei aber nicht seinen Landsmann Gusikow, den 
Aeltervater des armlichen Instruments. — Und wie gefallt 
Euch erst die grossartige Auffiihrung des Handel'schen 
Oratoriums Salomon in Exeter-Hall und gleich hinterher 
die Tanzmusik eines Ballsaals, auf dem wir uns aber trotz. 
des fatalen Contrastes mussten ein Stiindchen sehen lassen,. 
um nicht unartig zu erscheinen. In London ist ein Fest,, 
sei es Ball oder Soiree, nur dann gelungen, Avenn das 
Local uberfiiHt ist; man muss sich drangen, muss im Ge- 
drange auf Menschen stossen, who have a handle to their 
name (die einen Namen haben) , sei es ein Titel, den Ge- 
burt oder Rang giebt, sei es die Beriihmtheit eines Staats* 
mannes , Redners oder Kiinstlers — they had every- 
body (sie hatten Jedermann) heisst es dann und so sollte 
es sein. Schonheiten giebt es immer, denn dies ist wohl 
das Land der schonen Frauen. Aber hort nur weiter* 
Unsere Freunde H.'s, wie Ihr wisst, sehr mit Indien ver- 
kniipft, bringen uns neulich Abend His Excellency Prince 
Jam-hod-deen, den rothlichen Sohn von Tippo-Sa'ib, wahr- 
scheinlich, damit auch wir every body hatten. Wir woll- 
ten aber an diesem Abend nur einige auserlesene Zuho'rer 
bei uns sehen, um die Kreutzer-Sonate mit Lipinsky und 
das Bach'sche Concert mit Quartett-Begleitung zu ge- 
niessen. Wie mag der Rothhautige sich da als Contrast 
nach seinem Tamtam gesehnt haben? 

Die angenehmsten Soireen sind uns die der Lady * *„ 
Sie, Moscheles' eifrige Schulerin und Verehrerin, engagirt 
sammtliche Italiener um theures Geld und fiillt ihre drei 
prachtvollen Salons with the rank, fashion and beauty of 
the day. Auch wir werden oft geladen, aber mit dem Be- 
deuten, dass es nicht auf das Spielen m eines Mannes ab~ 
gesehen sei. 

H. Herz brachte einen siebenoctavigen Fliigel auf den 
Concertmarkt , erntete aber keinen besondern Beifall mit 
seinem diinnen Ton ein. Broadwood hingegen machte zu- 
erst den Versuch seiner Bichorda-Stutzflugel, und bewies h 
dass man auch mit so einem zweisaitigen Instrument einen 



kraftigen Ton erzielen .kann. Sie kamen bald und mit 
;grossem Recht in Aufhahme und Moscheles spielte stets 
mit Lust darauf. — Ein Crefelder, Herr Scheibler, wollte 
"vermittelst verschiedener Stimmgabeln und Berechnung 
von Vibrationen Claviere leicht und sicher stimmen kon- 
nen, die Sache klang scharfsinnig , bewahrte sich aber 
nicht als praktisch. — Von Ramsgate an der Ostkiiste 
Englands schreibt Moscheles entzuckt, wie er den Lec- 
tionenstaub von seinen Fingerspitzen schuttelt und fiigt 
hinzu : 

„Fragt mich aber meine Frau , wie es kommt , dass 
ich die grosse Ruhe nicht ?um Componiren gebrauche, so 
kann ich nur sagen, mein Gewissen erlaubt es mir nicht. 
Geist und Finger sind nach so einem Londoner Treibjagen 
g-elahmt und der erstere kann nur durch die letzteren 
geheilt werden, d. h. ich muss viel gute und die beste 
Musik spielen, ehe ich mir erlaube, eigene Gedanken zu 
bekommen oder gar aufzuschreiben , sonst diirfte es nur 
seichtes abgedroschenes Zeug werden. Nimmt doch der 
■erschopfte Korper nach iiberstandener Krankheit erst 
starkende Medizin, ehe er wieder in seinen Beruf eintritt." 
Doch schreibt er zu Ende dieses See - Aufenthalts einen 
Greek war-song fur Phillips, der auf dessen Einsendung 
■erwiedert : „I shall sing it at the Philharmonic and every- 
where else and will answer for its success." Auch den 
schonen Text von Uhland „Schafers Sonntagslied" com- 
ponirt er und nennt in einem Brief das Leben in dieser 
P'erienzeit ein „himmlisches". 

Kaum nach London heimgekehrt, iiberrascht sie die 
freudige Nachricht von Mendelssohn's Verlobung. 

Vier Jahre zuvor, am 3. September 1832 hatte er noch 
der Frau geschrieben : „Klingemann bleibt ein Ritter vom 
Junggesellenorden und das bleibe ich mit ihm , und wir 
beide werden uns einmal in 30 Jahren gem verheirathen 
wollen, dann mag uns aber kein Madchen mehr. Diese 
Prophezeiung schneiden Sie aus dem Brief, wenn Sie ihn 
verbrennen und heben Sie sie sorgfaltig auf; in 30 Jahren 
wird sich's zeigen, ob sie glaubwiirdig war". Am 6. Oc- 



■ — 13 — ". .'£ 

tober bekommt die Frau den folgenden, ganz ander& 
lautenden Brief seiner Mutter. ": 

Berlin, 6. October 1836. 

Die gewisse Fama , die jetzt eben so viel schneller 
als andere Leute, auf Eisenbahn und Dampfschiffen reist, 
hat Ihnen zwar Felixens Verlobung wahrscheinlich bereits 
verkiindet, liebste Madame Moscheles! Ich kann mir aber 
dennoch das Vergniigen nicht versagen, Ihnen und Ihrem 
Gemahl, seinem vortrefflichen Freunde, diesefurunssofroh- ■ * 

liche Botschaft ganz eigentlich mitzutheilen. Sie, eine zart- 
liche Mutter, konnen sich vorstellen, wie wunderlich mir 
zu Muthe ist, weder seine Braut noch irgend Jemand von 
ihrer zahlreichen Familie zu kennen, ja fruher nicht ein- 
mal den Namen derselben gehort zu haben. Auch werde 
ich zur Strafe der, fur mein Alter viel zu grossen Leb- 
haftigkeit, noch lange warten miissen, ehe ich die mir 
schon so werthe Unbekannte sehen kann. Aber Sie wis- 
sen auch, wie uneigenniitzig die Empfindungen einer Mut- 
ter sind und so werden Sie em en richtigen Massstab von - 
unser aller Freude haben, da Felix selbst so iiberaus gliick- 
lich scheint. Die einzige, aber auch gar zu herbe Bitter- 
keit liegt in dem stets sich mir erneuernden, nicht abzu- ■- 

weisenden Gedanken : wenn sein lieber Vater diese Be- 
friedigung erlebt hatte! Er wiinschte es sehnlich und 
hoffte es nie. — Freilich war dieser Ungliicksfall auch 
vielleicht die dringendste Veranlassung zu seinem Ent- 
schluss. Wir sahen Felix bei seinem Aufenthalt hier am 
letzten Weihnachten so unaussprechlich traurig, so inner- 
lichst zerrissen, so still und darum nur tiefer betriibt, selbst 
in seinen Vorsatzen fur die Kunst so gehemmt und des. 
Zwecks entbehrend, dass seine Schwestern besonders ihm 
zuredeten, er musse ein neues Leben fur das Gemiith be- 
• ginnen. 

Die Bekanntschaft eines Madchens |in Frankfurt riss 
ihn bald aus seiner truben Stimmung und nun ist er der \ 
gliickliche Verlobte seiner Cecile; die Mutter Mme. Jean- 
renaud, deren Eltern Souchays, verwandt mit Beneke's s 



— H — 

Schunck's Der Tod der Malibran hat micli unge- 

mein erschreckt und betrubt; Felix zahlte stets ihr Talent 
unter die grossten unserer Zeit. Schade, sehr schade! Sie 
konnen denken, dass der miitterliche Egoismus mitim Spiel 

ist, da sie am 3. in Liverpool im Paulus mitsingen sollte 

Mochten Sie, Ihr Heber Mann und die Londoner Freunde 
es" etitschuldigen , wenn er Ihnen vielleicht lange nicht 
schrieb; auch ich muss, wie erklarlich, jetzt seine Briefe 
missen, Rebekka, die eben jetzt auf ihrer Riickreise von 
Eger 14 Tage beim Bruder weilt, schreibt mir zu sei- 
ner Rechtfertigung , ein Taubenschlag sei eine Wochen- 
stube dagegen, wie es bei ihm zugehe. Bitte, verzeihen 
Sie ihm und haufen Sie Grossmuth auf Grossmuth, in- 
dem Sie in seinem und meinem Namen den Londoner 
Freunden seine Verlobung anzeigen. 

Ewig unverandert Ihre Ihnen treu ergebene 
L. Mendelssohn-Bartholdy. 

Die Freude der Freunde bei diesem Ereigniss war 
selbstverstandlich , derm man erfuhr bald, dass er in Ce- 
cilie Jeanrenaud ein reiches Gemuth, dem seinigen eben- 
biirtig gefunden hatte, das ihn so verstand und ihn so 
zu schatzen wusste, wie er es verdiente. Auch einen gros- 
sen musikalischen Triumph sollte England ihm, wenn 
gleich in seiner Abwesenheit, feiern helfen. Sein Paulus 
ward zum ersten Mai in Liverpool gegeben und mit dem 
grossten Enthusiasmus aufgenommen. Moscheles, der die 
Correctur des Werkes fur England iibernommen hatte, 
schreibt in sein Tagebuch: „Zu meiner Freude habe ich 
den herrlichen Paulus jetzt viel unter Handen und kann 
mich oft darin vertiefen, Seine Haupt-Eigenschaften sind 
fur mich : Erhabenheit , edle Einfachheit , tiefes Gemuth 
und antike Form. Er hat darin seine schon anerkannte 
Meisterschaft auf das Glanzendste bewahrt." 

Moscheles hatte in der Herbstruhe begonnen, an sei- 
nen characteristischen Etiiden zu arbeiten; auch einigen 
musikalischen Zeitschriften die erbetenen Beilagen zu sen- 
den. Der song „Whatever sweets we hope to find", das 



— 15 — 

Terzett „ An argument" u. A. gehoren zu diesen. „Die Finger-/ 
Gymnastik", schreibt er ins Tagebuch, „findet in Thal- 
bergs neuen Sachen, die ich sammtlich durchspiele, ihren 
richtigen Boden; fur den Geist habe ich Schumann. Der 
Romantismus tritt mir so neu bei ihm entgegen, seine Ge- 
nialitat ist so gross , dass ich mich immer mehr in seine 
Sachen versenken muss, um mit gerechter Waage die 
Eigenschaften und Schwachen dieser neuen Schule abzu- 
wagen; dabei schickt er mir seine eben publicirte Sonate 
Elorestan und Eusebius mit der schmeichelhaften Aeusse- 
rung, nur ich konne sie gehorig recensiren, ich moge es 
doch fur die neue Zeitschrift der Musik in Leipzig thum^, 

Es geschah mit Ernst und Gewissenhaftigkeit uhd[ 
Schumann nahm die Recension in seine ,.Gesammelten 
Schriften" auf ; auch dedicirte er Moscheles sein „Concert 
ohne Orchester", was nun auch tiichtig studirt wurde. An 
dem Titel fand er auszusetzen; es lag fur ihn ein Wider- 
spruchdarin, auch war er mit der immer mehr zunehmenden 
Mode, ,,die musikalischen Bezeichnungen wie piano, forte etc. 
ins Deutsche zu iibersetzen, nicht einverstanden, weil man 
es nicht durchfuhren konne" undjedesmal, wenn er deutsche 
und italienische Anweisungen in ein und demselben Stuck 
fand, hatte er das zu riigen. j 

Die seit vier Jahren aufgeschobene Abrechnung mit 
dem Hause Cramer & Co. zeigte auf verdriessliche Weise, 
dass man zwar fur die unbedeutenden Opern- Arrange- 
ments 30 Guineen, fur Septett und Concerte hingegen all- 
zuwenig zahlen wollte, ja, dass die muhevolle und gewis- 
senhafte Edition Beethoven'scher Claviersachen nicht ein- 
mal den Ersatz fur die darauf verwendete Zeit bot. Nach 
manchen unangenehmen Verhandlungen kam es endlich 
zum Vergleich. Moscheles, wollte er seinen Preis fur die 
grosseren Sachen haben, worauf er bestand, musste ausser 
dem schon gemachten Arrangement iiber Balfe's Opern, 
noch eins iiber Belisario liefern. Dariiber seufzt das Tage- 
buch. Die Hauptarbeit aber blieb die an den 12 grossen 
characteristischen Etuden. „Sie sollen nicht fur Schiiler 
werden", schreibt er, „es sind Schwierigkeiten darin,- die 



■It it 



— i6 — 

nur ein Meister bewaltigen kann. Thalberg, Liszt, A11& 
werden daran zu thun haben." Juno, der Traum, das Bac- 

r chanale waren beendet , als das liebliche Kinder-Marchen 

. entstand, — ein Vorbote des kommenden Ereignisses — 

der G-eburt eines dritten Tochterchens , welche kurz dar- 

l auf unter glucklichen Auspizien erfolgte. 



1837. 



r 



Man hatte im verflossenen Winter viel Streichquartett- 
Abende genossen , die sich in diesem Jahre wiederholten ; 
aber Soir6en fur Claviermusik gab es bis dahin nicht, und 
diese fiihrte Moscheles eben jetzt ein. Viele seiner Colle- 
gen wollten das Unternehmen ein Wagniss nennen, doch 
liess er sich nicht beirren, gebrauchte aber die Vorsicht, 
ein wenig Vocalmusik mit in diese Vortrage zu verfiech- 
ten, um der Monotonie, vor der man ihn warnte, abzuh el- 
fen ; schliesslich ging es ihm damit , wie dem Pachter in 
der Fabel, dem Einige rat hen, selbst zu reiten, wahrend 
Andere meinen, er solle seinen Sohn aufsitzen lassen. Die 
Presse, welche sich fiber die Errungenschaft dieser Clavier- 
Soireen lobend ergoss , riigte die Einfiihrung von Vocal- 
musik. „Sie sei storend und das einzig Mangelhafte in 
diesen iibrigens vollkommenen Abenden". Er spielte in 
den drei rasch aufeinander folgenden Soireen einige Stiicke 
von Scarlatti und seinen Zeitgenossen auf einem im Jahre 
1771 erbauten Harpsichord , das sich noch bei Broadwood 
vorfand. Das Instrument hatte ausserlich die Form eines 
alten "Wiener Fliigels; hob man beim Spielen seinen 
ganzen Deckel, so sah man, wie sich durch die Beriihrung 
des Pedals eine Art Lattenwerk offnete (ahnlich einer 
Jalousie}, wodurch der dunne nicht angenehme Ton mehr 
Fulle und Rundung, d. h. starkere Dampfung bekam; ein 
Effect, den Moscheles ernstlich studirte und mit Gluck 
zur Geltung brachte. Die zwei Claviaturen des Instru- 
ments waren unstreitig dazu da, jene Stellen in Scarlatti 
und anderen Meistern, die auf den modernen Fliigeln durch 



•..•*>• ',.,:• ;--.j\;-: 



■ - : — 17 — • • • -: ^ 

Ueberschlagen der Hande hervorgebracht werden, ab- -.';M 

wechselnd auf der oberen und unteren Tastatur zu spie- , -;\f| 

len und gewisse Nuancen in der Klangfarbe hervprzu- . ;5f 

bringen, da die eine zweifach, die andere dreifach besaitet .: 4] 

war. Auch S. Bach's D- moll -Concert mit Quartettbeglei- ";£% 

tung liess er zum erstenmal horen. A lies stimmte darin v '.^ 

iiberein, dass der echte Musiksinn durch die Bekannt- ' ~i§ 

schaft mit solchen Meistern nur gefordert werden konne, :~£4 

die Blatter sprachen die Hoffnung aus, dass die „cro"wded '-. ;% 

rooms" dieser drei Soireen Moscheles veranlassen wiirden, '■ -^ 

sie im nachsten Winter zu wiederholen, undnoch andere, /3 

alter e Componisten mit in seine Programme aufzuhehmen. " '. r 

Eine Novitat englischerseits waren die British Con- '-■■;& 

certs , und ihre Basis eine richtige. Die fashionable '*'■?* 

Welt zeigte namlich so viel mehr Sinn fur die leichte, ..•';.'s 

oft seichte italienische Musik , dass das junge eingeborne ';V7* 

Talent sich beeintrachtigt fiihlte, und dem walschen Tan- -■ jj. 

deln das Gegengewicht zu halten glaubte, wenn in einer , "■' 

Reihenfolge von Auffiihrungen nur die englischen KLiinst- ;-■'?■* 
ler des Tages und ihre Compositionen zu Gehor karnen. - , -';■■* 

„Die Exclusivitat ist immer der Kunst-Entwickelung hin- . -S 

derlich", sagt das Tagebuch, „hier stiess sie noch dazu y"--; 

oft auf Mittelmassigkeit in der Auffiihrung, und Mangel .5: 

an Originalitat in der Composition, und so blieb die fash- ' yj. 
ionable Welt ihren Italienern treu und nur das Kleiri- 

biirgerthum ergotzte sich an seinem „native talent". Der J 

Stolz, mit dem man diesem zuhorchte, bekam gerechte y; 

Nahrung, als Litolff. mit seinem erst en Concert eigener ' "y. 

Composition auftrat. „Hier ist doch Originalitat", sagt " ' . : '. 

Moscheles, „wennauch' wenig abgeklarte, und das Spiel : ; 
zeigt Virtuositat; der Beifallssturm und Enthusiasmus 
waren diesmal gerechtfertigt." 

Das Tagebuch, so wie Briefe aus diesem Winter zei- .-;'■ 

gen, wie eifrig Moscheles als Mitdirector der Philharmo- "-':? 
nischen Concerte bemtiht war, Beethoven's g. Symphonie, 

die im Jahre 1824 unmdglich erklart und durchgefallen :i 
war, zu einer Auffiihrung zu bringen. Wie gross auch 
die Hindernisse waren, auf die er bei seinen Collegen 

Moscheles' Lebcn. IT. 2 - J '- : 



— i8 —v 

stiess, es kam doch endlich zu dem Beschluss, „ih:n die 
Leitung des Wagnisses" zu ubertragen; an ein Ge- 
lihgen dachte Niemand. Nun begannen mxihevolle Wochen 
fur ihn.' Statt der einen Orchesterprobe wurderi. ihm zwei 
bewilligt; das war aber auch Alles, und so ergriff er das 
Mittel, jede Einzelheit mit jedem Elnzelnen zu probiren. 
Sanger und Instrumentalisten , jeder wusste seinen Part, 
jeder hatte durch .Moscheles 1 Begleitung und seine Erkla- 
rung schon einige Kenntniss des Riesenwerks , als es zur 
ersten Orchesterprobe kam; die zweite benutzte er, urn 
einige Nuancen und Feinheiten zu erzielen und fehlte auch 
noch viel, waren die Solosanger der Aufgabe auch nicht 
vollkommen gewachsen, es wurde doch ein glanzender Er- 
folg hervorgebracht. Moscheles schreibt den Verwandten 
entzuckt daruber und sagt : „Ihr konnt Euch meine Auf- 
regung vor und wahrend des Concerts am 17. April den- 
ken — von der Arbeit spreche ich nicht — denn seht 
nur in dem beiliegenden Artikel aus dem „Atla,s", wie sie 
mir gelohnt ist. Ich schicke Euch gerade diesen , weil er 
kurz und concis geschrieben , die Hauptsachen beriihrt ; 
wer der Kritiker ist, weiss ich nicht; iibrigens sind alle 
Blatter gebiihrend entzuckt von diesem Riesemverk und 
verlangen einsstimmig, es moge auf dem Repertoire blei- 
ben, solle aber auch in grosseren Localen wie Exeter- 
Hall oder, in Birmingham beim Musikfest gegeben wer- 
den. Genug, das reiche England hat sich um einen Schatz 
bereichert und wie froh bin ich, dass ich ihn ausgraben 
durfte." Das Pragnanteste in dem . eingesandten Artikel, 
der vor uns liegt, ist wohl die Bemerkung, wie Directoren, 
die selbst ein Werk nicht griindlich verstehen, es unmog- 
lich zur Geltung bringen konnen und wie Ausfuhrende, 
wenn sie nicht genugend von seinen Schonheiten durch- 
drungen sind, dem Horer eine uniiberwindliche Lange- 
weile aufbiirden. Die Aufzahlung von Moscheles' Fahig- 
keiten und Bemiihungen reiht sich selbstverstandlich als 
Contrast hier an, und Sanger wie Instrumentalisten gehen 
•auch nicht beifallsleer aus. 

Thalberg feierte in dieser zweiten Londoner Saison 



-wieder die grossten Erfolge, seine God^save-Fafttasie war 
zugleich eine politisch anregende Demonstration, da sie in 
King William IV. letzte Krankheitstage fiel. 

In Moscheles' eigenem Concert am 30. Mai spielte 
"Thalberg mit ihm und Benedict das Bach'sche Triple- 
Oncert mit sturmischem Beifall , weniger gefiel diesem 
grosseren Publicum die Scarlatti'sche Katzenfuge auf dem J 
Harpsichord von Moscheles vorgetragen, wahrend die 
-characteristischen Etuden und das Concert pathetique, bei- 
■des Novitaten, sehr anerkannt wurden. 

In einem Brief von Moscheles an die Verwandten 
heisst es : „Ihr denkt wohl , ich ware nach dem Concert " 
-ermudet gewesen; aber wie konnte ich? Es erwartete 
mich beim Nachhausekommen die schonste Aufluhrung 
zu Ehren meines Geburtstages ; nicht weniger und nicht 
mehr aTs „der Abt und Kaiser" dramatisirt, worin Felix 
hoch zu Ross, nein, zu Schaukelpferd, als Kaiser erschien. 
Alles Uebrige analog und fur den Vater uniibertrefflich." 

Ein Brief der Frau aus diesem Monat Mai sagt: 

.,Wirklich, die Frau Musica ist mehr als je die Schutz- , 
patronin des Hauses und Ihr werdet es glauben, wenn 
Ihr hort, was sich Alles darin zutragt. Czerny aus Wien, 
Jacques Rosenhain, die Gebruder Ganz und Franchomme, 
MUhlenfeld aus Rotterdam, Gerke aus Petersburg, der 
Concertmeister Moser aus Berlin mit seiner Frau N und sei- 
nem talentvollen Sohn, Alle sind uns Hebe Gaste : , die die 
Fremde uns zufiihrt. Thalberg 1 und Benedict gesellen sich 
■oft als Hausfreunde dazu. Alle wollen mit Moscheles 
Musik austauschen, d. h. die Clavierspieler ihre 
neuen Sachen produciren, die seinigen horen und die In- 
strumentalisten sich ihre Solo's accompagniren lassen, oder 
sich mit ihm in Sonaten und Trio's, ergehn. Dabei hat 
Ries eine neue Parti tur , Saul und David, ein Oratorium ; 
Neukomm das Unglaubliche an weltlicher und geistlicher 
Musik; das Alles liest Moscheles mit ihnen am Clavier 
■durch, und sagt mir oft : „Gottlob, dass ich so gute Augen 
habe ; denn Neukomm's feingeschriebene kleine Partituren 
.sind wahres Augenpulver, und der Musik kann ich kein 



„— 2° — 

Zukunftsleben prophezeien." Unsern bestenHahn imKorbe- 
Felix Mendelssohn, miissen Wir leider in diesem Jahr 
wieder entbehren. Wir haben statt seiner wenigstens em 
3. Heft Lieder ohne Worte und ein neues . Liederheft, 
Friiulein Julie Jeanrenaud gewidmet, und ergotzen uns an 
Beidem. Denkt Euch, mit * * hatte ich neujich einen or- 
dentlichen Strauss und ich kann sagen, aus Achtung vor 
seinem Kiinstlerthum. Er und die Seinigen sprechen nam- 
lich kein Wort englisch und da der Sohn Concert geben 
sollte, so hatte ich mich als Uebersetzer der Ankiindigun- 
gen, Zettel etc. erboten. Bringt mir aber der gute Con- 
certmeister einen deutschen Aufsatz, der mehr an ein Cafe 
chantant, als einen * *. erinnert und ich weigere mich f 
ihn treu zu ubersetzen, indem ich alle lobenden, auf den 
zehnjahrigen Sohn beziiglichen Epitheta weglassen will. 
Es dauerte lange, bis er einwilligte; aber ich musste sei- 
ner Stellung zu Liebe fest bleiben. Nun muss ich Euch 
aber einen Hauptspass erzahlen. Neulich Abend, als das 
halbe Dutzend Clavierspieler bei uns war und wir einige 
Gaste hatten, entstand eine fatale Pause; Niemand wollte 
zuerst spielen und jeder Aufgeforderte behauptete, der 
oder jener miisse anfangen. Nun hatte freilich mein Mann 
durch sein eigenes Spiel die Zeit ausfullen konnen , doch 
gait es ja, die fremden Kiinstler und.einheimischen Kunst- 
freunde miteinander bekannt zu machen. Was war also- 
zu thun? In meiner Verlegenheit schlug ich vor, die sammt- 
lichen Namen der Herren auf Zettel zu schreihen und in 
einen Hut zu werfen, wenn sie versprechen wollten, je 
nachdem sie herausgezogen wiirden, zu spielen. Das fand 
Beifall, und so hatten wir einen wahren „Assault de Piano." 
Gut, dass wir durch die schone Altstimme von Mrs. Shaw 
und Miss Masson, sowie durch Balfe's Tenor auch einige- 
Vocalmusik produciren konnten." 

„Chopin, der kurze Tage in London zubrachte, war der 
Einzige unter den fremden Kiinstlern, der Niemanden be- 
suchte und auch nicht besucht sein wollte, da jede Unter- 
haltung sein Brustleiden verschlimmerte. Er horte einige- 
Concerte und verschwand." 



— 21 — 



„Habe ich Euch neulich von Clavier spieler n er- 
zahlt'-', sagt ein anderer Brief, „so sollt Ihr heute e.in Kapi- 
tel Clavierm a c h e r bekommen; ich will sie rmr Zugvogel 
dieser Saison nennen , da RaubVogel wohl ein zu starker 
Ausdruck ware. Und doch sehe ich P.'s essigsaures Ge- 
sicht, wenn er bei seinen Besuchen oder in Concerten Mo- 
scheles auf einem Erard oder Clementi hort, und male 
mir aus , wie er bei dem Erard denkt, ,;anch' io spno pit- 
tore", beim Clementi, „das ist ein iiberwundener Stand- 
punkt" , bei den Broadwood's , auf denen Moscheles audi 
mitunter spielt: „wie kann man die einem P. vorziehen?" 
Und G. T der mit Czerny hierher kam, mochte auch alle 
Instrumente horen, alle Fabriken besuchen, findet aber 
jeden Anschlag- zu schwer, jeden Ton zu dumpf, und nur 
seine Fliigel brillant. Auch einen Erfinder fur die Um- 
und Reinstimmung- von Clavieren giebt es wieder. War 
■der vorjahrige ein Crefelder, so ist dieser ein Pariser, Msr. 
le Pere. Aber trotz seiner Versicherung, es sei so leicht, 
■einen Flugel um 1 j i Ton hoher oder tiefer zustimmen, ,jque 
vous le feriez faire par votre domestique, ou votre femme 
■de chambre" wollte sich die Sache doch nicht als prak- ! 
tisch erweisen. Ich konnte noch Manche nennen, aber es 
mochte Euch langweilen. Jeder hat seine eigenen Interes- 
«en, aber Alle stimmen darin iiberein, von meinem armen 
Mann mundliche Empfehlungen und schriftliche Atteste 
zu verlangen, versteht sich lauter Lobpreisungen. „Und 
man hat doch zuerst sein Gewissen", sagt er sehr riehtig: 
„man mochte nicht solch zweideutiges Lob austheilen, wie 

der grosse M r es mitunter gethan hat; die Empfoh- 

lenen entziickt es, aber der Empf anger, wenn er gescheit 
ist , legt sich die auf Schrauben gestellten Phrasen rich- 
tiger aus." 

Die Schroder-Devrient war wieder da;, ihr Fidelio un- 
vergleichlich wie immer, ihre Norma nicht einer Pasta 
■ebenbiirtig; auch konnte sich die deutsche Oper schlech- 
ter Geschafte halber nicht halten. In der englischen ent- 
stand, um alsbald wieder zu verschwinden , „Love in the" 
■city" von W. — Puzzi, der fashionable Hornblaser brachte 



-rr 22 -=- 

eine Opera bufla nach London , in der ireilich der spater 
so beriihmte Ronconi auftrat, die aber an einem schlech— 
ten Damenpersonal litt. 

Das Royal Operahouse Haymarket hatte seine schon 
genannten grossen Sanger; da sie aber bestandig diesel- 
ben ,Puritani und Aehnllches wiederholten , so brachte 
der Atlas einen komischen Artikel „on operatic affairs",, 
behandelt die Direction und Sanger als Uebelthater, lasst 
sie auch durch em juridisches Verhor gehh. So wird z. B. 
die Grisi gefragt : Wie oft hat sie in diesem Jahr son- 
vergin vezzosa (ihre Cavatina aus I Puritani) gesungen? 
Hat sie es Morgens, Mittags und Abends, schlafend und. 
wachend gethan? Und als sie rait Ja antwortet, geht der 
Inquirent weiter : Liebt sie die Musik ? Nicht besonders. 
Warum singt sie sie? Weil sie schon 3 Jahre lang da& 
Publicum iiberrascht und erstaunt und heute noch eben- 
so wie friiher. 1st es ihr nicht lieber zu gefallen als zu. 
erstaunen ? O ja, aber dies Publikum ist nur des Erstau- 
nens fahig, -weil es nicht intelligent ist. Lablache lasst 
man in seinem Verhor aussagen : John Bull liebe ihn nur 
wegen seiner starken Stimme , John Bull wolle nur lau- 
tes Gebriill, wolle auch nur alte bekannte Sachen horen,- 
die seinem Ohr tiichtig eingepaukt seien, das mache jeden> 
guten Sanger todt. Rubini hingegen behauptet: er singe 
gern-wieder und wieder dasselbe. Der Componist, wenn 
er dem Sanger eine Note gebe, bekomme 50 von ihm 
wieder; Bellini, Donizetti und Mercadante seien durch- 
seine und seines Collegen David „broderie" unsterblich 
geworden, durch sie seien Felsenherzen geschmolzen. Und 
Mozart, wird er weiter gefragt ? Er kennt ihn , muss ihh 
auch zuweilen singen, aber man macht mehr Gliick mit 
andern Opern, 

Und das blieb die endgiiltige betriibende Wahrheit 
dieses scherzhaften Artikels: Mozart von den Italienern 
gesungen, hatte nichts Erwarmendes ; Darsteller und Pub^ 
licum blieben lau und nicht einmal die herrlichen Stim- 
men kamen zur Geltung. 

Die Ancient-, damals Antient-Concerts waren im Jahre 



_'j;yr ■'&?£■? 



— 2 3 — 

1776 von einem Earl of Sandwich in's Leben gerufen nnd 
wahrend Moscheles' Aufenthalt in England, also von 1820 — 46 
alternirten sie mit den vierzehntagigen Philharmonischen 
Concerten, je 8 an der Zahl. Ihr Zweck war, die alte und 
alteste Musik, sei sie englisch, italienisch, deutsch oder 
franzosisch zu Gehor zu bringen , sich: auch dabei ganz 
alter Instrumente zu bedienen, die langst in Antiquitaten- 
Cabineten ruhten; ihr Gebrauch ein deutlicher Beleg fur 
die Fortschritte der Neuzeit. So horte man dort eine Viol 
di gamba, Viol d'amore a. A. m. Man horte aber auch 
zuweilen die lauten Bemerkungen des Herzogs von * *. 
„Trotz seiner Liebhaberei fur Musik", sagt Moscheles, 
„legt er sich doch in dieser Beziehung keinen Zwang auf. 
Die Abonnenten kennen das unabanderliche Uebel. Wird 
aber jernals einer derselben von einem Fremden gefragt: 
„what noise is that?" so heisst es einfach; „Oh, it's only the 
Duke", und damit basta. Seine abgerissenen Sentenzen 
machen den Effect von Paukenschlagen , die nicht zur 
Musik stimmen," In diesem Jahre brachte Moscheles dem 
Ancient-Concert die Novitat des D-moll-Concerts v. Bach* 
das wohL nicht anders als mit grossem Enthusiasmus auf- 
genommen werden konnte. Einer der Directoren dieser 
Ancient - Concerts , Lord B. rief die ICiinstler zu einer 
Berathung zusammen, die sich auf das Beethoven-Monu- 
ment in Bonn bezog. Er wollte, dass England einen grossen 
Beitrag dazu liefere, der seinen Fonds aus einer splendi- 
den Auffiihrung Beethoven'scher Compositionen ziehen 
sollte. Die ganze Welt aber war gegen den noblen Lord. 
Ein Theil der Presse, „weil ja die Deutschen nie etwas 
zu den Monumenten beriihmter Englander beigetragen", 
ein anderer, weil man es gerne dem Lord vorwarf, „wie 
er sich gar nicht um deutsche Musik kummere und nur 
die seichteste italienische Hebe." Moscheles erhob in einer 
der Versammlungen seine Stimme „ganz decidirt dagegen", 
wie das Tagebuch sagt, „weil wir schon im Juli sind, und 
dureh den Tod 'des Konigs ohnehin schon manches Unter- 
nehmen . gescheitert ist." Aber er und der ganze ihm bei- 
stimmende Kiinstlerchor ward nicht beachtet und am 20. Juli 



ein Concert vor leeren Banken gegeben. Zum Gliick waren 
: * von einigen Beethoven - Verehrern Ueberzahlungen einge- 
gangen, welche die Kosten deckten. Die hochfahrenden 
Versprechungen aber, die Lord B. dem Bonner Comity 
gemacht, mussten in einem Entschuldigungsbrief an den 
Baron Schlegel verdampfen. 

Die . neunwochentlichen Ferien wurden wieder sehr 
gliicklich mit den Hamburger Verwandten verlebt und 
zwar in Flottbeck, einem der schonsten Punkte an der 
| Elbe. Dort wurden zwei Etuden componirt, dort im Park 
lustwandelnd, entstanden die Vorrede und die charakte- 
(4ft}/ ristischen Bezeichnungen dieser 12 grossen Etuden, die im 
pLaufe des Winters herauskamen. Moscheles schickte die 
. in diesen Etuden enthaltene Fuge in Es an Schumann, mit 
1 dem er viel "correspondirte. Zum Leidwesen der Gatten 
war Mendelssohn in ihrer Abwesenlfeit erst in London, 
■ dann in Birmingham, wo er beim Musikfest seinen Paulus 
zur Auffuhrung brachte; man weiss mit welchem Erfolg. 
— Das Haus Cramer unterhandelte neuerdings wegen der 
Edition der Beethoven'schen Werke und bewilligte Mo- 
scheles z j s Antheil an seinen neuen Compositionen , was 
L-V dieser einem Honorar vdrzog. 

Bei der Riickkehr nach London waren Neukomm, 
Benedict und Thalberg in der herbstlich leeren Stadt und 
diesen , so wie dem Freunde Klingemann stand das Mo- 
scheles'sche Haus stets oHen ; es war wie immer ein musi- 
kalisch belebtes, da der Hausherr fast jede Woche einen 
genussreichen Quartett -Abend gab. Eine Haupt-Beschafti- 
gung blieb aber das Durchspielen aller alten und der alte- 
sten, aller neuen und der neuesten Musik, denn bei Be- 
ginn des Jahres 1838 sollten historische Soireen fur Clavier- 
Musik yon Moscheles gegeben werden, und bei dem Reich- 
thum von Sachen hiess es, Vieles durchgehen, um Einiges 
zu wahlen. 



— 25 — 

1838. 

„Meine Finger sind in gehoriger Ordnung" , erwahnt 
das Tagebuch am i. Januar, „und die Programme fur die 
bevorstehenden 'Soireen gemacht. Ich habe wieder in den 
eingeascherten Schatzen des musikalischen Pompeji ge- 
graben und manches Grossartige an's- Licht der "Welt ge- 
bracht. Beethoven ist gross und wen mochte ich grosser 
nennen? Da aber das Publicum imrner nur ihn, und da- 
zwischen die modernen Effectstiicke hort, so will ich ihm 
zuerst die Componisten vorfiihren, auf deren Schultern 
Beethoven sich zu seinem Adlerfluge emporschwingen 
musste. Darf man doch die Vergangenheit seiner Kunst 
nicht vergessen, wenn man ihr in der Gegenwart huldi- 
gen will; habe ich aber. mit den Altmeistern begonnen, so 
will ich meine Horer allmahlich bis auf unsere Tage fuh- 
ren, dann mdgen sie ihre eigenen, vergleichenden Schliisse 
Ziehen". Nach der zweiten Soiree sagt er: „Der Erfolg 
dieser Soireen beweist doch, dass das Publicum empfang- 
hch fur das Schone ist, dass man nicht ihm zu Liebe dem 
Modegeschmack zu huldigen braucht , um es zu fesseln ; 
es erfreute sich mit mir an den alten Sachen ganz und 
unzerstiickelt , wie ich sie gab , als Dessert die beliebten 
Beethoven'schen Variationen uber ein Handel'sches Thema, 
mit Lindley". Vor uns liegen die Berichte der offentlichen 
Blatter fiber *diese Soireen. Sie enthalten endloses Lob 
fur das Unternehmen. und benutzen es um ihre Anathema 
gegen „den italienischen Schwindel" zu schleudern und 
Moscheles als den Reprasentanten einer hohern Richtung 
hinzustellen. Auch uber die neuen charakteristischen Etii- 
den, deren er einige spielte, ergeheri sie sich in Lobprei- 
sungen. 

„Warum spielte er sie nicht alle zwolf", heisst es? Man 
wiinscht sie sammtlich zu horen, wiederholt zu horen, Mo- 
scheles sollte die Bescheidenheit nicht zu weit treiben. 

„Der Tonangeber in diesen Soireen war der Herzog 
von Cambridge, er verlangte manches zweimal zu horen 
und das Publicum stimmte ihm trotz der schon langen 



— 26 .— 

Programme bei", schreibt die Frau. „Gegen Moscheles ist 
er unendlich liebenswiirdig und fragte nach jeder Soiree: 
Pray, when is the next? J must make a Memorandum 
not to forget. Es giebt in diesem Winter auch Classical- 
Cjuartett-Concerts, Wind-Instrument-Concerts, British-Con- 
certs, genug Musik ohne Ende". Im Februar muss Mosche- 
les als Mitdirector der Philharmonic den zwei Probeaben- 
den fur neue Compositionen beiwohnen , und nennt sie 
„recht unerquicklich. Einige deutsche und einige englische 
Symphonien und Ouverturen nicht lebensfahig ; eine Or- 
chester - Fantasie mit gedrucktem Programm, enthaltend 
Verschworung Emporung und Befreiung, passt als Melo- 
dram in ein Vorstadt-Theater ; eine Symphonie und ein'' 
paar Ouverturen besser , und doch nicht ausgezeichnet, 
keine derselben kam in die Programme der diesjahrigen 
8 Concerte, denn man hielt sich lieber an die classischen 
Meister, um kein Fiasco zu erleben". Dem soeben ver- 
storbenen Ferdinand Ries zu Ehren , der ein „member of 
the Philharmonic Society" war, eroffhete man die diesjah- 
rigen Concerte mit einem Trauermarsch. 

Es gab manche Novitat an Claviercompositionen. Mrs. 
Anderson spielte Mendelssohn's Concert in D-moll und es 
ward , wie sich's gebuhrte , enthusiastisch begriisst ; Mme. 
Dulcken das posthume in F-dur von Hummel, das auch 
gefiel , Moscheles sein pathetique , das ihm trotz grosser 
Theilnahme in Publicum und Presse eine derbe Philippica 
zuzog. Es hatte einem Feuilletonisten missfallen! Und auch 
das riigte er, dass Moscheles in dieser Saison wieder die 
neunte Symphonie dirigirte; denn er parodirte die kleine. 
Ansprache, die Moscheles bei dieser Gelegeriheit an das 
Orchester hielt. Es ist dieser Vorfall nur insofern einer 
Erwahnung werth, als er Moscheles Gelegenheit gab, die 
unerschutterliche Ruhe seines Charakters bei dieser und 
ahnlichen kleinen Unannehmlichkeiten in's Licht zu stellen. 
Uebrigens ging das feindliche Blatt bald unter und die 
neunte Symphonie brachte ihrem Dirigenten erneuten 
Dank und herzliche Anerkennung; mehr als diese belohnte 
ihn das Streben selbst, „im Gegensatz zum Lectionenjoch 



— 27 — 

und der Modetandelei" , zu der er obenan die unvermeid- 
lichen Arrangements fur Schiiler zahlte; wollte ihm aber 
ein Verleger einen Mode t i t e 1 aufdringen , so finden wir 
im Tagebuch Bemerkungen , wie diese : „Er machte mir 
mit seinen Vorschlagen den Kopf lichterloh brennen". 
„Er will mirGesetze iiber Titel vorschreiben, Aenderungen 
machen ohne mich zu fragen, das erlaube ich nicht , dazu 
hat er kein Recht". 

Wer nun. mit utis cincn Blick auf Moscheles' Kunst- 
streben in diesen und den letztveriiossenen Jahren werfen 
will, der wird ihn bemiiht finden, das alte Virtuosen- 
thum mehr und mehr abzustfeifen, solche Stiicke, wie die 
Alexander - Variationen als „verschollen zu erklaren" und 
eine classische Richtung anzustreben ; bei den Londoner Ver- 
haltnissen doppelt miihsam. Diese legten ihm so schwere 
Fesseln an , dass die Frau im Mai schreibt: „Mein Mann 
sagt, es ist weit besser, Ihr gewohnt Euch daran, mit 
meinen Briefen, selbst iiber musikalische Dinge vorlieb zu 
nehmen, denn wir horen ja zusammen und er sagt mir 
genau , wie er iiber Alles denkt , so bekommt Ihr seine 
Meinung unverfalscht, wenn auch aus zweiter Hand, aber 
dafur mit mehr Ausfiihrlichkeit. Er kommt nicht zum 
Schreiben , so lange er ausser seinen eigenen Geschaften 
auch noch der Deus ex Machina sein muss, der fur die 
fremden Kunstler Ehre und Verdienst zurecht zaubern 
soil. Und wo den Verdienst hernehmen, wenn das Ver- 
dienst mangelt? wie bei H.'s Sohn z. B. ! Der Himmel 
behiite unsem Jungen vor so einer Nullitiit und so einem 
Zehren an seines Vaters Namen ! darauf hin gab er Con- 
cert und konnte Einem nur Mitleid einflossen. Wir sind 
wieder reich an Fremden, die gewesene Frl. Belleville, 
jetzt Mme. Oury, ist mit ihrem Mann, dem Geiger hier, 
der Kapellmeister B^ott aus Oldenburg, ein tiichtiger Mu- p" 
siker mit seiner Pianistin-Tochter, dann zwei Polen, einer 
Pianist, der andere Geiger, mit sehr viel weisser Weste 
und Uhrkette und noch mehr Anmassung; zwei brave 
Hannoveraner , der Flotist Heinemeyer und der Cellist 
Hausmann, der Contrabassist Muller, der leider auf seinem 



— 28 — 

Riesen-Brummbass Variationen auf das liebliche „ An Ale- 
xis" spielt, der Oboist Braum und erne ganze .Trompeter- 
Familie Distin; denkt Euch, ein Vater und vier Sonne, 
die concertirend trompeten, das ist doch zu viel des Guten. 
Diese Kunstler sind Alle mehr oder minder tiichtig und 
werden sich bei wiederholten Besuchen unserer Insel ge- 
wiss manches von deren Gold-Staub aneignen, da aber 
die Concurrenz sehr gross ist, so scheint das schnelle 
Gelingen ihrer Unternehmungen, wie sie sich es erwarten, 
eine Unmoglichkeit, und wir sind ihnen gegeniiber oft in 
der unangenehmen Lage, ihnen weniger zu leisten, als sie 
erwarten. Da alle freundschaftlich bei uns ein- und aus- 
geheri, so nenne ich unser Haus das Kiinstler-Kaleidoskop, 
das uns taglich neue Combinationen bringt , bald in grel- 
len, schillernden Farben, bald in sanften, wohlthuenden. 
Es versteht sich , dass Thalberg wieder in der Welt der 
Pianisten oben ansteht. Herz, Rosenhain undDohier haben 
auch ihr Publicum, und gehoren zu den brill anten Sternen 
meines Kaleidoskops ; als dies aber kurzlich. bei einera 
neuen Umschwung Johann Strauss auftauchen liess , da 
war es kein Kaleidoskop mehr, sondern ein Oberon- 
Horn", denn Alles tanzt, muss tanzen, wenn er geigt. 
In den Concerten , die er mit seinem kleinen Orchester 
giebt, thut man es sitzend, in Almacks, diesen fashion able- 
sten aller Subscriptionsballe , hupfen die aristokratischen 
Fiisschen nach seinen Weisen, und auch wir hatten neu- 
lich das Gliick, in einer Soiree danach zu tanzen, wobei 
wir alten Eheleute uns decidirt verjiingten. Er selbst tanzt 
iibrigens „corps et ame" wahrend des Spielens; nicht mit 
den Fiissen, aber mit ,der 'Geige, die bestandig auf und 
nieder geht, wahrend der ganze Mensch jeden guten 
Tacttheil markirt; dabei ist er so ein gemiithlicher Wiener, 
nicht raffinirt gebildet wie ein Weltmann , aber amiisant 
und immer 'heiter; hat man doch der betrubten Exem- 

plare genug Uns erfreut es immer, wenn wir 

auch ekimal eine literarische Beruhmtheit kennen lernen, 
wie z. B. neulich . Alfred de Vigny , den Erzfeind von 
George Sand." 



— 2 g — 

Sir Charles und Lady Morgan waren in Irland sehr 
freundlich gegen Moscheles gewesen. Er hatte mir schon 
viel von ihnen erzahlt, und fiihrte mich neulich bei der 
beriihmten Schriftstellerin ein. Ihre Freundlichkeit und 
Liebenswiirdigkeit gegen mich muss ich wohl auf Rech- 
nung meines Mannes schreiben, da sie ihn und sein -Talent 
aufrichtig verehrt. Ihre Augen spriihen-noch Feuer trotz 
ihrer 60 Jahre, sie muss sehr schon gewesen sein und 
ihre Lebendigkeit ist echt irlandisch". . . . 

Balfe hatte wieder eine neue Oper componirt , „the 
mountain sylph", war und blieb auch popular. Benedict 
brachte seine Oper „the Gipsies warning", Lord Burg- 
hersh, „I1 Torneo" , daneben aber florirte „Lucia di Lam- 
mermoor", florirte Rubini in seinem „sulla tomba", wie 
oft man auch sie und es gehort hatte. Die liebliche Cinti 
mit ihrer Nachtigallenkehle konnte nicht anders als ge- 
fallen, Fanny Elsler, dieser Inbegriff aller Grazie, musste 
Furore machen. Das grosse Ereigniss der Saison aber war 
die Kronung der KLonigin Victoria. 

Der Freund Sir George Smart hatte Moscheles in ein 
Chorhemd gesteckt, um in seinem Chor der Westminster 
Abtei als Basssanger zu fungiren und so das prachtvolle 
Fest mit anzusehen, denn die Billete waren unerschwing- 
lich theuer. 

Das Tagebuch sagt: „Welch ein imposanter Anblick, 
dieser festlich geschfnuckte Tempel mit seinen festlich 
geschmuckten Frauen ! Und nun erst welch' ein Eindruck, 
als die achtzehnjahrige KLonigin im Ornat, umgeben von 
den Grossen ihres Reichs, eintrat: Alles imposant, Alles 
ergreifend, aber am imposantesten der Handel'sche Ghorr 
„Zadok the Priest" und sein „Hallelujah" , ergreifend bis 
zur Riihrung; so auch der Moment, als der ehrwiirdige 
Erzbischof von York die Krone auf das jungfrauliche 
Haupt setzte. Dann aber wie aus einem poetischen Traum 
aufgeruttelt und unsanft in die Alltagswelt zuruckge- 
fiihrt, durch W. K.'s „Coronation Anthem", neu und doch 
alt — fur diesen Actus componirt, aber aus geborgtem 
Material, schulgerecht, doch ganz uninteressant". Die Frau 



— 3Q .— . . . 

schreibt den Verwandten diese Stelle aus dem Tagebuch 
und setzt hinzu: „Ehe Moscheles in die Abtei fuhr, brachte 
er mich mit Tochter und Nichte zu Lady A. "Wir waren 
auf nicht spater 'als neun Uhr Morgens eingeladen, urn 
nicht in's Gedrange zu kommen, und dort waren wir herr- 
lich aufgehoben, Ihr wisst , das Haus liegt in Piccadilly, 
beinahe Constitution-Hill gegeniiber. A.'s hatten eiri am- 
phitbeatralisches Gerust von den drawing- room-Fenstern 
an , bis auf den kleinen Raum vor ihrem Hause bauen 
lassen , der, von einem Eisengitter umgeben , ihn von der 
Strasse trennt. Die Banke dieses Geriistes waren schar- 
lachroth iiberzogen und dort sitzend , sah man links die 
ganze Piccadilly herunter, durch die der Kronungszug 
hin- und zuriickfuhr, rechts in den Park hinein. Natiirlich 
war eine grosse elegante Gesellschaft da , so dass Einem 
die Zeit nicht lang vvurde, und fiir das Leibliche hatte 
Lady A. durch eine kalte Collation gesorgt, der en Vor- 
trefflichkeit Ihr nicht bezweifelt. Kurz nach neun Uhr firig 
es an, in den Strassen zu wogen, das ganze Volk war auf 
den Beinen, gute Mutter mit Babies auf dem Arm, Vater, 
die kleine Jungen emporhielten, schon grossere, die Later- 
nen, Gitter und Pfosten erkletterten, um gut zu sehn, ein 
Llurcheinander , wie Ihr es Euch kaum vorstellen konnt. 
Als aber endlich die Zeit herannahte, wo der Kronungs- 
zUg St. James' Palace verlasseri, also Piccadilly herauf- 
fahren sollte, ward Spalier gebildet; wisst Ihr aber wie? 
Zwei Horseguards ritten Schritt durch die Menschenmasse, 
der sie Zeit liessen , zuriickzuweichen , dann wieder und 
immer wieder , bis sie endlich eine weite Strasse fiir den 
Zug erdffhet hatten. Natiirlich beschreibeh Euch die Zei- 
tungen diesen am besten; nur das muss ich sagen, dass 
die goldne Staatskutsche mit den 8 Isabellen bespannt, 
mittelalterlich prach-tvoll ist, dass die Konigin als acht- 
zehnjahriges junges Madchen hiibsch aussah , dass aber 
die ihr gegeniibersitzende Oberhofmeisterin , die Herzogin 
von Sutherland , eine wahrhaft edle imposante Schonheit 

ist" 

Der August und halbe September waren wieder er- 



holend und genussreich. Erst ein Besuch mit Frau und 
Kindern bei iieben Freunden in Sussex, der Hausherr, 
Geistlicher , „er und die ganze Familie lieb , gut und ge- 
bildet". „Da die Musik doch immer die Hauptsache bleibt", 
schreibt die Frau ; „so sucht mein Mann durch^Orgelspiel 
Ersatz fur das unbedeutende Clavier, spielt die Leute zur 
Kirche binaus und geleitet einen Todten mit Handels 
Trauermarsch zu Grabe". „Was wohl die Pachter, Bauer n 
und Todtongraber von meinem Spiel denkeh, das bekum- 
mert mich", fugt Moscheles hinzu; „jedenfalls diene ich 
den Damen zur Erheiterung , denn sie kleideten mich 
gestern in Mrs. G.'s Staatskleider und das war ein Haupt- 
spass. Ich endete den Abend mit einer improvisirten Arie, 
die ich im hochsten Sopran vortrug und deren Text eine 
Lobrede auf das Lieblingshundchen war", Ein Monat wird 
in Hastings verlebt und Mitte September schreibt Mosche- 
les: „Unsere schonen Feiertage sind zuEnde und das „sweet 
home" wieder behaglich. Aber heute hat derHimmel einen 
Schnupfen und ladet die Menschen zum Ersaufen ein ; 
damit ich der Einladung nicht folge, bleibe ich wie Haydn 
,,an meinem Spinettl". Ich spiele alle neuen Werke der 
vier modernen Heroen Thalberg, Chopin, Henselt, Liszt, 
und finde, dass ihre Haupt-Effecte in den weitgriffigen 
Passagen liegen, welche ihnen durch dea Bau ihrer Hande 
erleichtert werden; ich spanne weniger,.bin auch aus einer 
weniger geschraubten Schule hervorgegangen. Ich kann 
Mozart, Cramer und Hummel bei aller Beethoven -Vereh- 
rung nicht vergessen. Haberr sie nicht manches Edle ge— 
schrieben, womit ich aufgewachsen bin? Jetzt findet die 
neue Manier mehr Anklang, und ich versuche den,Mittel- 
weg zwischen beiden Schulen zu schaffen, indem ich mich 
vor keiner Schwierigkeit furchte, auch die neuen Effecte 
nicht verschmahe , und doch das beste Althergebrachte 
beizubehalten suche. Das Pastoral - Concert , das ich eben 
schreibe, hat die kurzere, modern e Form der drei zusam- 
menhangenden Stiicke, und mehr Lebendigkeit , ja Leich- 
tigkeit wie meine letzten Concerte; ich mochte mich nicht 
in meiner eigenen Manier abschreiben. — Die Lectionen, 



nach denen Ihr fragt, suid in dieser Herbstzeit grade .aus-- 
reichend, urn Backer und Schuhmacherzu bezahlen". 

Eine Notiz aus einem anderen Brief gehort hieher: 
,,Ich empfehle Ihnen eine kleine Brochiire von Ries und 
Wegeler iiber Beethoven, so eben bei Badeker in Coblenz 
erschienen. Sie lasst ganz in das wunderbare Leben und 
Wirken Beethoven's blicken und ich halte A lies darin fur 
authentisch. Nur schade, dass seine letzten Briefe nicht com- 
pletirt sind, indem sie mit denen an Ries schliessen, nach 
welchen seine Correspondent mit mir anfoig. Auch muss ich 
Sie auf die 50. Seite aufmerksam machen , wo Beethoven 
sagt, dass er seine letzte Symphonie mit Choren dem Konig 
von Preussen gewidmet und ihm sein Manuscript geschickt 
habe. Trotzdem habe ich bei alien drei Auffuhrungen der 
neunten Symphonie, welche ich in diesem Jah're dirigirte, 
eine von Beethoven's Hand corrigirte Partitur gehabt, 
und der Titel ist auch von ihm selbst hineingeschrieben. 
Er lautet „Neunte Symphonie, componirt fiir die Philhar- 
monische Gesellschaft in London von Beethoven". 

In einem andern Brief schreibt er: ,.Wir wollen jeden 
Sonnabend Kammermusik machen , wobei auch E. mit- 
wirken soil. Der fleissige Cellist Plausmann wird uns eine 
Stiitze dabei sein. Gleich am ersten Abend spielt E. das 
erste und zweite Stuck des Mozart'schen Es-dur Quin- 
tetts". „Sie hat es in drei Tagen einstudirt", schreibt der 
gliickliche Vater, „und hat viel natiirliche Begabung". 

Er selbst spielt Beethoven's grosse Sonate Op. 102 und 
sagt: „Mit dieser sehr gelehrten Fuge bin ich nicht ganz 
einverstanden ; mir ist Beethoven's Genialitat mehr wertb, 
als seine Gelehrsamkeit". Spater spielt er Schubert's neue 
Trio's in E und B „mit vortrefflicher Factur und schonen 
Gedanken, nur mitunter ein bischen zu gedehnt". 

Einmal sagt das Tagebuch: „Gestern brachte unser 
Sonnabend einige wenig interessante Ensembles, aber 
einerlei, wir miissen alle Novitaten durchgehen; spielen 
wir doch immer die classischen "Werke mit dabei". Es 
gab auch zwei herrliche Mendelssohn - Sonnabende , einen 
fiir den ganzen Paulus, den andern fiir Claviermusik. „Ich 



— 33 — 

habe am Sonnabend mein Pastoral - Concert probirt*", 
schreibt Moscheles; „es gefiel den Freunden, aber es stei- 
gen doch bisweilen Zweifel in mir auf , ob mein jetziges 
Arbeiten nach bestimmten Grundsatzen nicht der Leich- 
tigkeit und Frische schadet, durch die ich mir in meiner 
ersten Jugend so viel Eingang fur meine Compositionen 
verschaffte. Und doch bin ich froh, der musikalischen 
Welt mein ernsteres und tieferes Streben zu zeigen, wie 
auch mein jetziges Gelingen hinter dem Wollen zuriick- 
bleibe". 

Moscheles schrieb in diesem Winter die Etiiden in A, 

6 /'g-Tact und das Lied „Liebesfruhling". Die Beethoven^ 

Edition ging fort und von Mendelssohn's Andante und 

Presto H-dur und -moll, sowie von Liszts neuen Etiiden 

wurden Correcturen gemacht. 

Das Tagebtich sagt : „Ich lehnte die Ehre ab , nach- 
stes Jahr wieder Mitdirector der Philharmonic zu sein, 
denn was kann ein Director unter sieben ausrichten? Ich 
stehe immer vereinzelt mit meinen Neuerungsgeliisten da, 
und am Ende werde ich noch fiir die Missgriffe der An- 
dern verantwortlich gemacht". 

Hummel war gestorben , und Moscheles wurde der 
ehrenvolle Antrag, seine Stelle in Weimar zu bekleiden. 
Er schwankte einen Augenblick, zog aber doch die Frei- 
heit seiner Londoner Stellung den Fesseln eines Hofes 
und Theaters vor , obwohl er den Herrschaften sehr er- 
geben, und auch von ihrer Giite fiir ihn iiberzeugt war. 

Ein Brief der Frau sagt; „Ich habe Euch wieder 
wunderliche Dinge zu erzahlen. Eine Weihnachtsvorstel- 
lung, worin der Nordwind in einem Ballet vorkommt, 
hinterher Braham als Masaniello .und endlich v. Amburgh. 
mit seinen Thieren. Dann von einem Besuch in Hertford- 
shire bei A.'s, die uns einluden, um einer Fuchsjagd bei- 
zuwohnen. Wir folgten in einer offenen Kalesche den 
reitenden Herren, die hier und dort hinsprengten , doch 
konnten wir uns nicht fiir die Sache begeistern- Haus 
und Einrichtung sind splendid, ihre Autographen-Samm- 
lung interessant, und die rothberockten Herren bei Tische 

.Moscheles' Leben. II. "3 



— 34 — 

flatten uns ganz gut gefallen , wenn sie nicht so viel von 
„hounds and horses" erzahlt hatten. Nach Weihnachten rei- 
sen wir mit den Kindern zu Flemings, wo in's neue Jahr 
hinein getanzt wer den ■ soil". . . . 



1839. 

Die Familie Moscheles brachte den frohlichsten Jah- 
resanfang bei den Freunden Fleming auf ihrem Landsitz 
in Hampshire zu. Bei schonem Wetter wurde ausgefah- 
ren und geritten , bei schlechtem getanzt , Charaden auf- 
gefiihrt ; immer aber , und bei jedem Wetter Musik ge- 
macht. Zu den Gasten, die stets ab- und zugingen, gesellte 
sich auch Lord Palmerston. Die Politik hatte ihn und F. 
getrennt, seitdem Letzterer sich zur Wellington'schen Par- 
tei geschlag - en, das Ungliick, das den Lord einiger werther 
Familienglieder beraubte , sie wieder zu einander gefiihrt. 
— Bei der Riickkehr nach Hause gab es bei Moscheles 
kranke Kinder und vielerlei hausliches Ungemach. Die 
ganze unerquickliche Zeit wurde aber bald von der un- 
gewohnlich fruh beginnenden Saison iibernuthet, denn 
Moscheles schreibt schon im Marz. „Es ist alles ganz so, 
wie die andern Jahre und wir miissen mit dem Strom 
schwimmen." 

Der Besuch des Freundes Ferdinand David aus Leip- 
zig war eine herrliche Freude fiir das Moscheles'sche 
Ehepaar. Dieser wurdige Schiiler Spohr's spielte seinen 
Meister gross und edel, seine eignen Bravoursachen mit 
untadelhafter Technik und sein Quartettspiel in den Mori'- 
schen und Blagrove'schen Soireen begeisterte Alles , was 
echten K_unstsinn besass, denn das war vor ihm in Eng- 
land nicht annahernd erreicht worden. David und Mosche- 
les traten im zweiten Philharmonischen Concert zugleich . 
auf, David zum ersten Mai mit einem eignen, Moscheles mit 
seinem neuen Pastoral-Concert. David hatte sich bei die- 
sem ersten Erscheinen schon die ihm gebuhrende hohe 
Stellung errungen , die er spater durch jedes neue Auf- 



— 35 — 

treten befestigte, Moscheles sich der giinstigsten Aufnahme 
seines neuen Concertes zu erfreuen. Von da an wirkten 
beide Kunstler oft zusammen. Bei Sir W. Curtis, dem 
grossen Amateur-Cellisten fur Mad. Dulcken, die in sei- 
nem Salon eine Soiree gab , bei * * * , wo „noch ehe 
unsre Kreutzer-Sonate verhallt war, schon eine Quadrille 
erscholl und endlich am liebsten im eigenen Hause, vor 
und mit andern Kunstlern, denn nur da erquickt und be- 
geistert die Musik". Die Frau schreibt: „Heute soil ich 
Euch berichten, dass Moscheles sein Concert mit David 
zusammen geben will; dieser hatte ihn zwar auch so un- 
terstiitzt, doch zog Moscheles es vor, ihn als Mit-Unter- 
nehmer zu haben, weil er ihm dadurch seine hohe Achtung 
als Kunstler kund geben wollte. Manche Concertgeber 
lassen ihren Saal durch die italienischen Sanger fiillen, 
sie selbst sind nur Nebenpersonen in ihrem kostspieligen 
Concertdrama; Moscheles wollte weder so eine untergeord- 
nete Rolle spielen , noch so ganz seinem eigenen Kunst- 
streben zuwiderhandeln; nun hat er an David einen mach- 
tigen Bundesgenossen in deutscher Schule gefunden und 
das freut ihn doppelt, weil er dadurch seinem Publicum 
zeigt, dass auch er darauf bedacht ist, ihm eine Novitat 
2U bringen , nur eine von gediegenem Werthe". Spater 
schreibt sie: „Dieser Brief ist eine Concert-Depesche. Es 
ist glorreich voriiber, der Saal auch ohne italienische 
Sanger vortrefflich gefiillt , der russische Grossfiirst hatte 
sich zwei Billete holen lassen, Prinz Napoleon war in den 
stalls". Moscheles spielte als neue Composition sein Pasto- 
ral-Concert, Mendelssohn dedicirt, das sehr beifallig auf- 
genommen wurde. 

„Deutsche und franzosische Kunstler" , schreibt Mo- 
scheles, j,letztere mit untadelhaften Handschuhen, treffen 
bei uns mit engiischen Freunden zusammen und die Mu- 
sik bildet eine Verbindungsbriicke zwischen den verschie- 
denen Nationalitaten. Konnte ich nur immer Componisten 
und Verleger verbinden ! Eben jetzt z. B. ist mir's betriibt, 
dass ich die Publication von Bernhard Romberg's Violon- 
cell-Schule nicht vermitteln konnte. Die Modewaaren sei- 

3* 



-■' 36 - 

ner Rivalen sind an der Tagesordnung ,"- doch hat das 
"Werk des tiichtigen Manries gewiss grossen Werth fur 
das Studium des schwierigen Instruments! Was Schwie- 
rigkeiten betrifft, so erstaunte mich Thalberg wieder in 
semen Concerten, er ist ein Jupiter an Kraft und Bravour 
und hat in seinen neuen Etuden alle Herkules-Arbeiten 
der Technik durchgemacht. Mendelssohn, mit dem ich 
iiber alle musikalischen Erscheinungen der Neuzeit corre- 
spondire , theilt meine Ansichf dar iiber. Ihn , wie mich, 
hat Bennett's Ouvertiire zur Waldnymphe wahrhaft er- 
freut, und das Publicum begriisste sie enthusiastisch". 

Dieser Ouvertiire wurde auch in Deutschland so grosser 
Beifall gezollt, dass sie sich bis heute auf den Programmen 
der Gewandhaus- und anderer Concerte erhalten hat. 

In dieser Zeit starb der Geiger Mori, der speculativste 
aUer Kiinstler und Musikhandler, der Erfinder der Monstre- 
Concerte, die man ihm nur zu bald nachahmte, ausserdem 
aber ein so tiichtiger als beliebter Solo- und Quartettspieler. 

Wir kommen nun an keine geringere Personlichkeit 
als die des Prinzen Louis Napoleon, den man friiher wohl 
in Soireen gesehn, dem man aber erst jetzt in kleineren 
Kreisen begegnete. Die Frau schreibt: „Naturlich fanden 
wir es interessant, mit diesem lion der Season in Beriih- 
rung zu kommen; doch war in seiner ganzen Erscheinung 
nichts Aussergewohnliches zu entdecken, es sei denn die 
Kleinheit der Fiisse oder die Grosse des Schnurrbarts. 
Gegen Moscheles erwahnte er verbindlich, wie die Koni- 
gin Hor tense , seine Mutter , sich in friiheren Jahren an 
seinem Spiel erfreut, wie er, der ihn als Knabe gehort, 
den Eindruck nie vergessen konnte; auch mir sagte er 
manches Artige und sagte es Mbsch, ohne dass mir etwas 
Ausgezeichnetes dabei aufgefallen ware; im Ganzen macht 
er in Soireen, wenn er so in einer stillen Ecke dasteht, 
den Eindruck, als wolle er mehr beobachten wie verrathen. 
Das liebe ich nicht." Spater finden wir wieder eine Be- 
gegnung: „Freund Lowenstern hat von seiner Reise um 
die Welt viel Merkwiirdiges mitgebracht und als ich dies 
neugebackene Museum mit den Kindern in Augenschein 



— 37 — ■ 

nehmen wollte, trafen wir Prinz Louis Napoleon dort; 
ausser ihm Niemanden. Er bewunderte wieder recht still, 
priifte die schonen Waffen mit einer Kennermiene und 
war auch wieder sehr verbindlich ; zu einer eigentlichen 
Conversation gab er keinen Anlass". 

In diesem Sommer iat viel die Rede davon, dass 
Moscheles aufhore, 6ffentlich , zu spielen. Noch hat ihm 
das Publicum keinen finstern Blick zugeworfen, es ist 
ihm keine seiner Leistungen misslungen. „Wie schon sich 
im Sonnenschein der Gunst zuriickzuziehn, im vollen 
Bewusstsein der Kraft, Andern das Feld zu iiberlassen, 
uazu solchen Bemerkungen zu entgehn, wie man sie oft 
hort: „Dass Dieser oder Jener noch wunderschon spielt, 
wenn er auch das nicht mehr ist, was er vor zehn Jahren 
war, dass er etwas bequem geworden ist, dass die Phan- 
tasie bei der Improvisation nicht mehr so reich blieb etc- 
Es geht damit, wie mit einer gefeierten Schonheit. Warum 
will sie es immer noch bleiben. Sie ist nicht mehr so schon, 
wie sie war , sie sollte nun der heranwachsenden Jugend 
das Feld raumen. Ich denke an dementi, welcher der 
Kunst und ihren Jiingern einen unverganglichen Schatz 
hinterlassen hat , und der doch nicht mehr spielte, wah- 
rend eine heranwachsende Jugend in der Kunst gedieh, 
well sie seine Mittel, nur etwas verandert, anwendete, um 
eine neue Schule damit aufzubauen. Die Jiinger derselben, 
.wahrend sie sich ihrer als Grundlage bedienen, verachten 
sie prinzipiell , und suchen ihre Starke nur in der Rie- 
sengewalt der eignen Hande; sie schwarmen phantastisch 
siisslich und suchen ihre pikanten Effekte in dem schnell- 
sten Wechsel vom einsaitigen zum rauschenden Pedal, 
oder in Rhythmen und Modulationen, die, wenn nicht ganz 
verpont, doch nur in den seltensten Fallen erlaubt waren. 
Dass ich mich diesen Neuerern nicht anschliesse, ist natiir- 
lich , vieles mochte ich nicht , die Kraft konnte ich nicht 
nachahmen , wenn ich mich auch in meiner Schule noch 
im vollsten Schwunge und nicht alt und entnervt fuhle; in 
meiner Schule kannte man diesen Grad von Kraftauf- 
wand nicht. Je weniger die Welt an meinen executiven 



- 38 - 

Leistungen kimftig Antheil nehmen wird, desto mehr stei- 
gen in mir Lust und Verlangen nach eignem Geschmack 
und_ eigner Ueberzeugung Musik zu pflegen. Wie und was 
ich componiren soil, liegt auch noch unter dem Schleier 
der Zukunft verborgen. Bis jetzt habe ich meine Werke- 
durch eignen Vortrag beim Publicum eingefuhrt. Wird 
die musikalische Welt jetzt auch noch Interesse an ihnen 
nehmen? Nous verrons". 

Im Sommer kommen roanche Plane vaterlicherseits- 
in Briefen vor. Einmal wird gefragt, ob Moscheles bei 
der Ueberhaufung von Lectionen seinen Preis nicht er- 
hohen wolle. Er antwortet auf diese kaufmannische Idee r 
„Ich kann mich zu einem solchen Schritt nicht entschlies- 
sen, denn mit Recht konnte ich der Eigensucht beschul- 
digt werden in einem Lande , dem ich meine jetzige SteL 
lung grosstentheils verdanke." Auch auf einen andem 
Plan , die Familie Moscheles solle sich theilen , Frau und 
Kinder in Hamburg wohnen, der Mann seine Saison in 
London durchmachen und dann wieder zu ihnen kommen r 
geschieht Einspruch, ,,denn getrennt konnen wir nichts 
geniessen". Desto mehr geniesst man zusammen das See- 
bad Boulogne und einen zweimonatlichen Aufenthalt in 
Paris, zum erstenmal ohne die Last offentlicher Concerte- 
und der damit verbundenen Verpflichtungen. Die Jahres- 
zeit erlaubte eben so genussreiche Ausfliige in die Um- 
gegend, als sie zu Concert - Unternehmungen ungunstig 
war ; man hatte sie also grade recht gewahlt. 

Wie aber auch die Denkwurdigkeiten und Kunstschatze 
derWeltstadt die Moscheles'sche Familie in Anspruch neh- 
men, immer sehen wir ihn sich zu den Musikern wenden - r 
ein Brief von ihm zeigt uns, wie ihm sein langstgehegter 
Wunsch Chopin kennen zu lernen, erfiillt werden sollte. 
„Wir leben hier im vollsten Genuss unsrer Freiheit und 
Unabhangigkeit , wozu ich die fast ganzliche Einstellung 
des Lectionisirens obenan rechne. Fraulein Beer, der Nichte 
von Meyerbeer, konnte ich es naturlich nicht abschlagen, 
ebenso wenig der Grafm A., die ich vor 28 Jahren in. 
Wien kannte. Bei Leo's raache ich am liebsten Musik 



— 39 — 

und dort wurde ich zuerst mit Chopin bekannt, der eben 
vom Lande zuriickgekehrt war; ich konnte es kaum er-_ 
war ten. Sein Aussehen ist ganz mit seiner Musik identi- 
ficirt, beide zart und schwarmerisch. Er spielte mir auf 
mein Bitten vor, und jetzt erst verstehe ich seine Musik, 
erklare mir auch die Schwarmerei der Damenwelt. Sein 
ad libitum-Spielen , das bei den Interpreten seiner Musik 
in Tactlosigkeit ausartet , ist bei ihm nur die liebenswur- 
digste Originalitat des Vortfags; die dilettantisch harten' 
Modulationen, iiber die ich nicht hinwegkomme, wenn ich 
seine Sachen spiele, choquiren mich nicht mehr , weil er 
mit seinen zarten Eingern elfenartig leicht dariiber hin- 
gleitet; sein Piano ist so hingehaucht, dass er keines 
kraftigen Forte bedarf, um die gewiinschten Contraste 
hervorzubringen ; so vermisst man nicht die orchesterarti- 
gen Effecte, welche die deutsche Schule von einem Cla^~l 
vierspieler verlangt, sondern lasst sich hinreissen, wie von 
einem Sanger, der wenig bekiimmert um die Begleitung 
ganz seinem Gefiihl folgt ; genug , er ist ein Unicum in _j 
der Clavierspielerwelt. Er behauptet, meine Musik sehr 
zu lieben und jedenfalls kennt er sie genau. Er spielte 
mir Etiiden und sein neuestes Werk „Praludien", ich ihm 
viele meiner Sachen vor." Wer hatte aber geglaubt, dass 
Chopin bei seiner Sentimentalitat auch eine komischeAder 
b'esasse? Und doch finden wir in den wiederholten Tage- 
buchsnotizen iiber das Spielen und "Wiederspielen in Kunst- 
ler- und Dilettantenkreisen auch folgende Notiz : „ Chopin ' 
war lebendig , Iustig , ja iiberaus komisch in seinen Nach- . 
ahmungen vqn Pixis, Liszt und einem bucklichten Clavier- 
liebhaber". Einige Tage spater sagt das Tagebuch: „Heute 
war er wieder' ein ganz andrer Chopin, als das letzte Mai. 
Ich besuchte ihn verabredetermassen mit Ch. und E., . die 
auch ganz in Schwarmerei fur ihn aufgehn und die das 
Praludium As-dur in 6 / s - Tact mit dem stets wiederkehren- 
den Pedal- as ganz besonders ergriff. Nur die Grafin 0. 
aus Petersburg, die uns Kiinstler en bloc anbetet, war 
dort und noch einige Herren. Chopins vortrefflieher Schil- 
ler Gutmann spielte dessen Manuscript-Scherzo in Cis-moll, 



— 4° — 

Chopin selb'st seine Manuscript-Sonate in B-moll mit dem 
Trauermarsch." Am selben Abend findet wieder eine musi- 
kalische Soiree statt, so wie auch am Vorabend eine war 
und am folgenden Abend eine sein wird, und Mosche- 
les spielt sein eignes Trio und Mendelssohn's D-moll-Con- 
cert, das zu seinem Aerger „schlecht verstanden wird", 
Beethoven , Weber , eigne Etuden , seine irlandische Fan- 
tasie und Mozarts Fuge in F-moll mit Cramer, der zur 
Zeit in Paris lebt ; nie aber darf bei diesen musikalischen 
Zusammenkunften die vierhandige Es-dur-Sonate von Mo- 
scheles fehlen. Stephen Heller nennt das Tagebuch „einen 
•interessanten jungen Kimstler und lieben Menschen", „Ber- 
tini's Etuden ausgezeichnet in der Technik , aber gedehnt 
in der Form," — „Thalberg ist hier und wird nach iiber- 
vollen Concerten ebenso gelobt wie getadelt. Wenn aber 
einer der weisen Recensenten so weit geht, ihn mit Van 
Amburgh dem Thierbandiger zu vergleichen, so kann er 
wohl dazu lachen". — Fin Brief von Moscheles sagt: „Ich 
habe nun meine grosse Kiinstler-Tournee beendet, und da- 
bei die verschiedenartigsten Eindriicke gehabt. Berlioz, 
auf den ich sehr begierig war, zeigte sich kalt und theil- 
nahmlos. Auf dem Tisch lag seine kalligraphisch elegante 
Partitur von Romeo und Julie. Ich blatterte darin, aber 
sie ist so complicirt und der Larm , den ich schon beim 
Ansehn horte, so uberwaltigend , dass ich mir noch kein 
Urtheil dariiber zutraue. Nur so viel steht fest, dass neue 
Effecte darin sein miissen. Bei Auber, der mich ausserst 
freundlich empfing, sah ich mit grossem Interesse das 
piano quarre, an dem er seine Opern componirt hat, Aber 
auch seinen Erard'schen Fliigel musste ich probiren, ihm 
und dem hinzugeko mraenen Zimmermann, professeur du 
conservatoire sogar viel vorspielen. Cherubini, sonst eben 
nicht leutselig, war ausserst freundlich. Wir blieben eine 
ganze Stunde in Kunstgesprachen vertieft. Er sagte, dass 
er ausser der Direction 'des Conservatoire gar nichts mehr 
mit Musik zu thun habe; er schreibe keine Note mehr, 
sei nicht stark genug, um musikalische Eindriicke zu ertra- 
gen und zu geniessen. Ich glaube, ich durfte ihm ohne 



-— 41 — . 

Schmeichelei versichern, dass er zu den Wenigen gehore, 
die noch lebend schon Unsterblichkeit gefunden hatten. 
Bei Herz musste .ich den neuen Concertsaal und die In- 
strumente seiner Fabrik bewundern. Peter Pixis war wie 
immer der alte treue Freund, Franck der gediegene 
Deutsche, Heine das genie par excellence. Meinen armen ~~^1 
Lafont sah ich nur im Sarge, als man in der Kirche St. 
Roch das Todtenamt fur ihn hielt. Die Musik war von 
Cherubim, aber ohne Orgelbegleitung, was mir eine Liicke 
zuriickliess. So wie Lafont friiher mit mir gereist war, 
um Concerte zu geben, so hatte er es jetzt mit Herz 
thun wollen. Leider brach die Diligence zusammen und 
der Ungliickliche , der hoch oben auf dem Dache sass, 
ward durch den jahen Fall getodtet. Herz entkam 
gliicklich". 

Die Bekanntschaft des Schriftstellers Aimemartin ge- 
wahrt uns besondere Freude. Sein Werk „sur l'educa- 
tion du genre humain par les meres de famille" war uns 
langst bekannt und wir fanden es ebenso angenehm be- 
lehrend, wie den Autor selbst in seiner Unterhaltung. 
Cremieux ist es auch, aber in andrer "Weise. Als Advo- 
kat spricht er leicht und schon', als Mensch ist er geist- 
reich, Kunst und Kiinstler liebend und sieht diese hier 
wie in Lyon, wo er friiher lebte in seinem Hause, das 
durch seine liebenswiirdige Frau doppelten Reiz hat. Die 
Rachel nennt er seine Adoptivtochter, obgleich ihre Eltern 
noch leben. Die Arme erholt sich eben von einer schwe- 
ren Krankheit und wir Armen werden sie daher nicht zu 
sehn bekommen. Mein gestriges garcon-diner bei Meyer- 
beer war sehr interessant. Halevy, Duponchel, Duprez, 
Habeneck und der Munch ener lntendant Hofrath Kiistner 
waren dort. Habeneck und- ich unterhielten uns bei Tische 
iiber die Concerts du Conservatoire und unsre Philharnio- 
nischen, wie sich zwei Minister verschiedener Staaten zu 
unterhalten pflegen. Von mir wollte er etwas fur Orche- 
ster haben, um es im Januar zu probiren; ich hatte nichts 
mit, musste ihm aber versprech'en , ihm meine Ouvertiire 
zur Jungfrau von Orleans zu schicken. Auf morgen hat 



_ 4^ — ■ 

er sich bei mir eingeladen, um mich spielen zu horen. 
Meyerbeer tritt bei jeder Gelegenheit als mein Freund 
auf. Er sagte laut bei Tische: „Der Einzige, der Beethoven, 
vollkommen spiele, sei ich". 

Natiirlich bringt dieser Pariser Aufenthalt viele Theater- 
berichte und Novitaten, welche mehrfach das Bedenken 
der Frau erregen. „Arnal's Komik" , sagt sie , „ist sehr 
amiisant, aber das Stuck passe minuit so realistisch dar- 
gestellt, dass es an's Unaesthetische streift. Die neue Oper 
la Jacquerie soil von Auber „un opera en re" genannt 
worden sein, weil das D-dur darin vorherrscht." Guido und 
Ginevra von Halevy wird von Moscheles „tuchtige, gut ge- 
schriebene Musik" genannt, aber begeistern kann er sich 
nicht dafiir. Als sie dann noch Robert le Diable gesehn 
und Moscheles vieles darin gelobt und bewundert hatte, 
heisst es in einem Brief der Frau: „Begreift Ihr, dass man 
so Entsetzliches in Musik setzt? — Der Eine die Pest, der 
Andere den Teufel. Ich bin keine Pietistin, aber Orgel- 
spiel und Kirche passen mir nicht fiir's Theater und wenn 
sich die Graber aufthun und die todten Nonnen aufer- 
stehn, bekomme ich eine Gansehaut", — „Und ich" , fiigt 
Moscheles dem Brief hinzii, „wenn so viel Posaunen, Hor- 
ner und Ophicleiden das ubrige Orchester ubertauben 
und mir im Ohr schwirren , wie ich auch immer Meyer- 
beer's grosses Talent achte und ehre. Der Chor war viel 
zu schwach gegen diese Orchestermasaen, die Ausstattung 
bis auf die Nonnenscene nicht meiner Erwartung gemass. 
Mario und die Dorus Gras vortrefflich, die Andern mittel- 
massig. Halevy's Sheriff ist eine geistreiche Ideen-Mosaik, 
die jedoch einen Eindruck von Zerstiickelung macht". Spa- 
ter heisst es: „Was sieht und hort man nicht alles in Paris? 
Wir die Hugenotten zura ersten Mai. Ja, das ist doch ein 
grosses, gewiss sein grosstes Werk und es hat mir impo- 
nirt. Rossini's Barbier von Sevilla mit Pauline Garcia, 
Rubini und Tamburini ist auch nicht zu verachten, denn 
die Meisterschaft der drei Kehlen kann Einem nur Be- 
wunderung entlocken. Duprez ist ein vortrefflich er Tell, 
Bouffe im Gymnase, die Dejazet im Palais Royal, und 



— 43 — 

erst Sanson und die Mars im Theatre francais bieten Ge- 
nusse, die wir mit Euch theilen mochten!" — „Heute be- 
komme ich ein Billet von Graf Perthuis, dem Adjutanten 
des Konigs Louis Philippe, der meineEs-dur-Sonate wieder- 
holt von Chopin und mir gehort hat : er mag bei Hof 
viel dariiber geredet haben, ,,denn man wiinscht sich auch 
dort" , schreibt er , „den hohen Genuss , den er kurzlich 
gehabt". Somit wurden Chopin und Moscheles beide nach 
St. Cloud beschieden. Moscheles schreibt am 30. Oct.: „Ge- 
stern war ein merkwiirdiger Tag; Kalkbrenner kam, urn 
mir die Hand zum Frieden zu reichen, nachdem er mich 
hatte durch eine Mittelsperson fragen lassen , ob ich sie 
annehmen wiirde, was ich bejahte. Er embrassirte (emba- 
rassirte) mich durch ein Capitel Liebe und Verehrung, mit 
grossem Ernst vorgebracht. A Is ich ihm sagte: Heute 
werde ich noch auf einem Instrument aus Ihrer Fabrik 
spielen, ich bin nach St. Cloud befohlen , sprang er iiber- 
rascht von seinem Sitz auf und behauptete, es sei kein 
Moment zu verlieren , er miisse nachsehn , ob das Instru- 
ment in bester Ordnung sei , erzahlte mir auch , dass die 
Herzogin von Orleans durch seinen Unterricht in Spiel 
und Composition herangebildet , gute Musik zu wiirdigen 
verstehe. Um 9 Uhr fuhren Chopin und ich., von P. und 
seiner liebenswiirdigen Frau abgeholt, bei den starksten 
Regengussen hinaus und fiihlten uns um so behaglicher, 
als wir das schimmernde, wohlerleuchtete Schloss betra- 
ten. Es ging durch viele Prunkgemacher in einen Salon 
quarre, wo die konigliche Familie en petit comite ver- 
sammelt war. An einem runden Tisch sass die Konigin 
mit einem eleganten Arbeitskorb vor sich (etwa um mir 
eine Borse zu sticken?), neben ihr Madame Adelaide, die 
Herzogin von Orleans und Hofdamcn. Die hohen Frauen 
waren affables, wie gegen alte Bekannte; die Konigin, 
sowie Madame Adelaide behauptete, sich der Genusse, 
die ich ihnen in den Tuilerien bereitet, noch dankbar zu 
erinnern ; der Konig kam auf mich zu , um dasselbe zu 
wiederholen und meinte, es miissten wohl 15 bis 16 Jahre 
dazwischen liegen, was ich bestatigte. Dabei fiel mir der 



— 44 — 

arrae Comte d'Artois ein , der auch zugegen war. Darin 
fragte die Konigin , ob das Instrument , ein Pleyel , nach 
unsern Wunschen placirt sei, ob wir besondere Beleuch- 
tung gebrauchten, ob die Sitze die richtige Hohe hat- 
ten, und viel Vorsorgliches , wie es sicb sonst fur die 
Biirgerkonigin passte. Chopin spiel te zuerst eine Zusam- 
menstellung von Notturno's und Etuden und wurde wie 
ein Liebling bewundert und gehatschelt. Nachdem auch 
icb alte und neuo Etiidon gespielt und mit demselben Bei- 
fall beehrt worden, setzten wir uns zusammen an's Instru- 
ment — er wieder unten , worauf er immer besteht. Die 
gespannte Aufmerksamkeit des kleinen Kreises bei mei- 
ner Es-dur-Sonate ward nur durch die Ausrufe „divin, de- 
licieux," unterbrochen. Nach dem Andante fliisterte die 
Konigin einer Hofdame zu: „Ne serait-il pas indiscret de le 
leur redemander ?■' was natiirlich einem Wiederholungsbe- 
fehl gleich kam und so spielten wir es noch einmal mit 
gesteigertem abandon. Im Finale uberliessen wir uns einem 
musikalischen Delirium. 

Chopins Begeisterung durch das ganze Stuck hin 
muss , glaub' ich , ziindend f iir die Horer gewesen sein, 
die sich nun in Zwillingslobspruchen iiber uns ergossen. 
Chopin spielte wieder allein mit gleichem Reiz und glei- 
cher Theilnahme wie fruher, dann ich eine Improvisation 
iiber Mozart'sche Siissigkeiten , die in vollem Kraftauf- 
wande mit der Ouvertiire zur Zauberfiote schloss. Bes- 
ser als alle Worte des Lobes , die gekronten Hauptern 
unsereinem gegeniiber so gelaung sind, war wohl das 
aufmerksame Zuhoren des Konigs wahrend des ganzen 
Abends. Chopin und ich waren briiderlich erfreut iiber 
die gegenseitigen Triumphe, die das individuelle Talent 
eines Jeden von uns feierte, von einem a qui mieux mieux, 
kein Anflug. Endlich durften wir hauslich an den gereich- 
ten Erfrischungen Theil nehmen und um n l / 2 Uhr ver- 
liessen wir das Schloss , diesmal nur unter einem Regen 
von Complimenten, denn es war nach dem Unwetter eine 
schone Nacht geworden". Es versteht sich, dass Chopin 
und Moscheles von da an die Doppelsonate fast taglich 



— 45 — 

in musikalischen Kreisen wiederholen mussten, so dass 
man sie zuletzt nur „la sonate" nannte. Kurz darauf wird 
Moscheles unter der Hand die Frage gestellt, ob ihn der 
Konig durch die legion d'honneur oder ein anderes Zei- 
chen seiner Huld fiir das Spielen in St, Cloud belohnen 
solle? Er zieht irgend Etwas dem oft vergebenen Orden 
vor, und bekommt eine kostbare Reise - Chatulle , worin 
,,donne par le Roi Louis Philippe" gravirt ist. 

Nach dem interessanten Pariser Aufenthalt, der sich 
bis spat in den November hinein ausspinnt, giebt es fiir 
die Familie eine gemiithliche und freudebringende Zeit 
in London, weil man sich selbst und einigen Hausfreunden 
lebt. Sonnabends wird wieder Kammermusik gemacht. Er 
arbeitet an der „Methode des methodes", die er mit Fetis 
herausgeben will; die Lieder „Mit Gott" und „Liebeslau- 
schen" entstehen : „Es miissen leider auch ein paar Mode- 
artikel geliefert werden", seufzt das Tagebuch. Als Ant-' 
wort auf die Frage , ob fortgesetzte Clavierstudien unter 
einem Lehrer heilsam seien, wenn ein gewisser Grad von 
Ausbildung erreicht ist, sagt Moscheles: „Wer viel Gutes 
gehort und studirt hat, der sollte keines Lehrers bediirfen, 
um seinen Fleiss anzustacheln. Er sollte eingedenk der 
grossen Vorbilder muthig fortarbeiten , um das Grosste 
zu erreichen, viel mit Begleitung spielen, immer mehr und 
mehr Meisterwerke kennen lernen und mit Ernst in ihre 
Schonheiten eindringen: so wird die schon erlangte Tech- 
nik sich iiber den gewohnlichen Dilettantismus er-heben".. 

Die Leiter der Philharmonischen Concerte beschliessen 
in einer Versammlung, dem Unfug ein grosses Auditorium 
zu den Proben einzulassen, endlich zu steuern; „doch 
gab es eine heftige Debatte", sagt Moscheles im Tage- 
buch, „ehe wir es durchsetzten." 

Ueber den Salomon von Handel heisst es: „Das herr- 
liche Werk konnte durch die zu tief stehende Orgel nicht 
verdorben werden, obwohl jeder neue Einsatz des Orche- 
sters peinlich war. Clara Novello, Philipps und die andern 
Sanger waren vortrefflich". — Immer finden wir Mendels- 
sohn als Schopfer neuer Freuden. Die Frau hat einmal 



- 46 - . 

zu schreiben : ,.Mendelssohn hat nicht nur einen Brief, 
neirt er hat mir darin auch ein neues, natiirlich reizendes 
Lied geschickt, der Text altdeutsch : „Es ist in den Wald 
gesungen". So freundlich und gut wie er, ist-doch keiner. 
Nun wird es viel, zwar nicht in den Wald, aber in's Zim- 
mer gesungen , und jedesmal scheint es hiibscher als zu- 
vor. Wir haben letzte Woche auch zwei neugebaute Or- 
geln von Gray, die eine fur Belfast, die andere fur Exe- 
terhall gehort und Moscheles bewundert die Fertigkeit, 
sowie die sc.hone Improvisationsgabe des Organisten Adams 
gar sehr, der sie ihn horen liess." 

Der Jahresschluss war nicht arm an Scherzen, Chara- 
den u. s. w.; die befreundeten Musiker waren die Trager 
der Hauptrollen: Thalberg am Clavier ist ernst und feier- 
lich, Thalberg in diesem kleinen Kreise zu jeder Thorheit 
bereit. Benedict, der Vielbeschaftigte findet hier Zeit zu 
Verkleidungen. Andre Freunde gesellen sich zu ihnen und 
um die 12. Stunde haben sich das alte und neue Jahr in 
einem Scherzgewande die Hande gereiclit, stille dankbare 
Riihrung und heitere Laune sich in den Gemuthern der 
Gatten vermahlt, um zutrauensvoll den neuen Zeitabschnitt 
mit einander anzutreten. 



1840, 



Der erste Brief, der uns in diesem neuen Jahr vor- 
liegt, ist an die miitterliche Freundin Frau v. Lewinger 
in Wien gerichtet und wir schalten ihn theilweise ein, als 
einen Beweis der Pietat, die Moscheles den Wohlfhatern 
seiner Jugend durch sein ganzes Leben bewahrte. 

London, 8. Januar 1840. 
Liebste Frau v. Lewinger! 
Erlauben Sie, dass Ihr alter Freund Moscheles ein 
wenig mit Ihnen plaudert , dass er Sie fragt , was Sie 
machen und ob Sie ihn noch lieb haben. Ich fiirchte, dass 



— 47 — 

wenn Sie mich nach meinem seltenen Schreiben beurthei- 
len, ich in der Wagschale Ihrer guten Meinung sehr ge- 
sunken bin und hoffe nur die gewohnte Nachsicht bei 
Ihnen zu finden , die immer meine Partei nahm , wenn 
meine Schwachen zu streng beurtheilt und gericbtet wur- 
den. Jetzt stehe ich vor Ihnen als Mann, dessen Jugend- 
fehler Sie vielleicht langst vergessen haben; aber eben 
weil ich als solcher in hausliche Pflichten, in Vaterfreu- 
den und Sorgen verwickelt bin, wahrend ich meine Kunst 
noch immer Hebe und pflege, bin ich ein scblechter Corre- 
spondent geworden, bleibe aber trotzdem eingedenk der 
Liebe und Freundschaft , die Sie mir stets geschenkt 
haben. 

Wahrend Sie sich in Wien mit den modernsten Kiinst- 
lern — Sangern und Clavierspielern — unterhalten, fehlt 
es uns auch hier nicht an Wundern aller Art. Thalberg 
benutzt seine Jugendkraft und sein Talent, um in Gross- 
britannien Lorbern und Guineen zu sammeln. Ich sehe 
ihn viel, wenn er nach London kommt, jetzt aber hat er 
schon sein Abschieds-Concert gegeben und ist nach Schott- 
land gerSist. Es ist mir interessant, die jiingeren Kiinst- 
ler ihre Carriere machen zu sehen , wahrend ich nun an- 
fange, den ruhigeren Zuschauer zu spielen und die Kunst 
zwar mit immer grosserer Liebe, doch mehr privatim zu 
treiben. So habe ich wochentlich einen musikalischen Zir- 
kel von Freunden und Kiinstlern in meinem Hause, wo 
nur gewahlte Musik gemacht wird. Meine alteste Tochter, 
12 Jahre alt , tragt auch ihr Scherflein dazu bei und ent- 
wickelt einen soliden Vortrag auf dem Pianoforte. Es 
freut mich, meinen Kindern eine yielseitige Bildung zu 
geben ohne die Ambition zu haben, dass sie als Wun- 
der-Erscheinungen gelten. Ohnehin wiinsche ich nicht, 
dass sie von der Kunst offentlichen Gebrauch machen." 

Spater heisst es: „Thalberg ist wieder in London, 
will nach Paris und dann nach Amerika. Die Concurrenz 
mit Liszt wird ihm wohl zu lastig und desshalb scheint 
er London kiinftig meiden zu wollen " 

In einem andern Brief wird das Erfreuliche der neuen 



■ - 4 8 - 

Portotaxe besprochen: „Wahrend wir friiher i sh. S d. 
fiir ein Blattchen , gross oder klein , zahlen mussten , be- 
schrankt man jetzt die Zahl der Einlagen nicht, und nur 
das Gewicht bestimmt die Brieftaxe. Die J / 2 Unze kostet 
i sh. 8 d.; i Unze 3 sh. 4 d. Eine grosse Erleichterung." 

Die hauslichen Musikabende dieses Winters, die den 
friiheren gleichen, waxen kaum der Erwahnung werth, 
berichtete nicht die Fran mit besonderer Freude, dass eine 
Sonate mit Horn oder Cello, ihrer Mutter von Ries im 
Jahr 1815 dedicirt, vonMoscheles gespielt ward. Auch eines 
neuen inter essanten Zuhorers wird erwahnt; es ist Sir 
Gardner Wilkinson, der egyptische Reisende, dessen drei- 
bandiges Werk iiber das Land und seine Dynastien als 
belehrend gelesen wird. Im britischen Museum bewundert 
man seine mitgebrachten Antiquitaten. 

In diese Zeit fallt Moscheles' Ernennung zum Piani- 
sten S. K. H. des Prinzen Albert; doch ward er, dem es 
Freude gemacht hatte, diesem musikliebenden Fursten 
kiinstlerisch naher zu treten, nie von ihm zu irgend einer 
Leistung berufen. Der Prinz spielte und componirte, das 
wusste man, aber Moscheles ward weder sein Lehrer noch 
Rathgeber dabei. Wie wir erwahnten , wollte er kaum 
mehr offentlich auftreten, konnte jedoch nicht umhin, einer 
wiederholten Einladnng der Philharmonischen Directoren 
Folge zu leisten, „und feierte einen Triumph in Anwesen- 
heit unsres lieben Vaters", schreibt die Frau. Moscheles 
fiigt hinzu: „Der Antheil, den auch Ihr an dem gestrigen 
Abend nehmt, und die Liebe, mit der Ihr mir alles Gute 
gonnt, macht mich ubergliicklich , nur kann ich mich sol- 
chen Feiertagsgedanken nicht ununterbrochen widmen, 
weil das Heer meiner Schiilerinnen ruft." 

Spater heisst es in einem Brief der Frau: „Wieder 
eine neue Mode, seitdem Liszt in London ist. Die clavier- 
spielenden Concertgeber lassen ihre eigenen Namen auf 
ihren diesjahrigen Concertzetteln in massig grossen schwar- 
zen Lettern drucken, wahrend der of the celebrated pia- 
nist Liszt ellenlang und Samielroth daneben prangt. Be- 
nedict hat ihn in seinem Concert, Mrs. Anderson und 



— 49 — 

Dohler ebenfalls und die ihn nicht haben , setzen auch 
den gtossen rothen Namen hin, daruriter ganz winzig klein 
die "Worte: „with whom an engagement is pending." „Li- 
tolff, Moscheles' friiherer Schiiler, hat in Paris Furore ge- 
raacht , und ist jetzt wahrscheinlich zu 'gleichem Zwecke 
hierhergekommen. Fraulein Lowe gastirt mit gleichem Er- 
folg, Jarret ist ein vortrefflicher, neu importirter Hornist, 
wir sind eben im April, die Saison beginnt, also Musik 
ohne Ende." Ein Brief des Vaters, wenige Tage spater 
in London geschrieben , bewahrheitet am besten cliese 
Aussage : 

,,Unser hiesiges Thun und Treiben ist so, dass ich 
keine Einladung bei den Geschaftsfreunden annehmen, 
keine Parlamentssitzung mit anhoren kann; ich schwelge 
in Musik. Einen Theil des Philharmonic Concert und eine 
deutsche Oper an ein em Abend, die Puritani mit der 
Grisi, Lablache und Rubini am nachstfolgenden; darauf 
Ancient-Concert im Beisein der Konigin, des Prinzen und 
sonstiger Granden und Tags darauf Macready und Helen 
Fawcett im Haymarket, dazwischen Molique und A. bei 
uns, zu classischen Trio's und Sonaten, die Kreutzer-So- 
nate obenan; von den Diners und Soireen sei nur das bei 
Grote (dem Geschichtschreiber) erwahnt, weil es nicht 
nur durch den Hausherrn, sondern auch durch die An- 
wesenheit der Schriftstellerinnen Jameson und Austin be- 
sonders interessant war. Unsere Tour nach Windsor be- 
giinstigte das herrlichste Wetter, so dass sich Kunst und 
Natur vereinigten , um unsere Geniisse zu vervielfaltigen. 
Liszt kommt oft und freundschaftlich in's Haus und wir 
Alle staunen sein transcendentes Spiel an. Ihr kennt es 
schon an unserm Mo'scheles , dass er Jedem Gerechtigkeit 
widerfahren lasst, also auch Liszt, in dem gar Mancher 
einen zu fiirchtenden Rivalen sehen wiirde; nicht er; sie 
sind und bleiben Kunstbriider , wenn auch nach verschie- 
denen Richtungen hin. Fur Litolff ist es fatal, dass er 
mit Liszt zusammentrifft und muss ihm Schaden thun; ein 
Kutter, der von einem Dreimaster in den Grund gebohrt 
wird! — Ihr mxisst mit dem schattenhaften Umriss meiner 

Moscheles' Leben. II. i 



— -5° — 

Erlebnisse vorlieb nehmen; miindlich hoffe ich, ihm durch 
Ausfiillung eine interessantere Farbung zu geben." 

In einem der nachsten Philharmonischen Concerte 
spielt Liszt drei Etiiden von Moscheles „ganz vbrtrefflicb, 
untadelhaft in der Technik", schreibt Moscheles, 7 ,aber 
seine Genialitat hat die Stiicke ganzlich umgewandelt; sie 
sind raehr seine, als meine Etiiden geworden, doch gefal- 
len sie mir, und von_ ihm mochte ich sie nicht anders 
horen. Auch seine Paganini-Etiiden, die ich in seiner Sonn- 
tags-Matinee horte, waren mir ungemein interessant; eine 
Alles schlagende Technik; er macht was er will und 
macht es vortrefflich und die hoch in die Luft geworfe- 
nen Hande kommen nur selten, nur erstaunenswiirdig sel- 
ten — auf eine falsche Taste herunter." „Und auch seine 
hochfliegenden Ideen", fiigt die Frau hinzu, „werden durch 
die ausgebildetste Dialektik stets interessant, wean auch 
mitunter satyrisch gegeben. Die Satyre ist mir oft eine 
verstimmte Taste in unserer Conversation, der Zucker- 
schaum des vortrefflichsten Franzosisch kann mir manche 
Grundsatze nicht annehmbar machen, sie munden meinem 
deutschen Gaum en nicht. Dennoch kommen wir gut zu- 
sammen aus, ich hore ihm gern zu, lasse mich aber nicht 
zu seinen Ansichten bekehren. Wir waren mit ihm in der 
Hope'schen Gemalde-Galerie und hatten Gelegenheit, seine 
Kenntnisse in der Sch wester -Kunst zu bewundern. Sein 
eigenes Concert musste Moscheles leider allein besuchen, 
da ich erkaltet war, und nun, sagt er, sollt Ihr sein Ent- 
ziicken fiber Liszt's Spiel aus zweiter Hand von mir ent- 
gegennehmen — ganz so wie ich es aus seinem Munde em- 
pfing — denn zum Schreiben kommt er nicht. Als Liszt 
mich kurz nachher besuchte, brachte er mir sein Portrait 
mit, seine schriftlichen hommages respectueux darunter; 
fur Moscheles ein Kistchen Cigarren; was aber das beste 
war, er spielte mir den Erlkonig, das Ave Maria und ein 
reizendes ungarisches Stuck. Jetzt will er einen Abstecher 
nach Baden-Baden machen, dann drei Monate mit Cramer die 
englischen Provinzen bereisen (a 500 £ pr. Monat), und sich 
hinterher auf einer Reise nach Petersburg erholen." 



— '51 — 

" Moscheles schreibt: „Nun haben wir aueh von einer 
russischen Episode in unserm tollen Saison-Leben zu be- 
richten; nur soviel daruber, dass Lwoff, mir von Mendels- 
solin empfohlen, ausge2eich.net als Violinspieler, und durch 
und durch musikalisch ist. Ich mache gern Musik mit 
ihm." „Die Zuhorer dabei", schreibt die Frau, „sind ausser 
den Hausfreunden die russische Hofdame Fiirstin L. , ihre 
schone junge Nichte , eine D. und Catherine O,, alle drei 
angenehm und liebenswiirdig. Lwoff gefallt mir doppelt, 
well er die Grafin Rossi (Sonntag) verehrt; sie singt all- 
wochentlich mit vollem Orchester in seinem Hause , sagt 
er." Diese russischen Gaste werden auch in die deutsche 
Oper gefuhrt, die in diesem Jahr vortrefniche Geschafte 
macht. Man sieht Iphigenie und Titus, die Musik stel- 
lenweise bezaubernd. „Unsre Russen sind solche Enthu- 
siasten, dass sie Moscheles gern immerfort am Clavier er- 
halten mochten; sie konnen nicht genug horen." 

Ende Juli schreibt Moscheles: „Schon ist der grosste 
Theil meiner Schulerinnen in alle Gegenden zerstreut und 
ich fange an, mich zu rauspern; hierauf griisse ich Sie 
und danke fur alle Berichte. Gestern kam leider ein Brief 
von Mendelssohn an Charlotte, in welchem er sich.als an- 
gegriffen und geschwacht schildert, und vielleicht, auf 
Anrathen des Arztes das Birminghamer Musikfest aufge- 
ben muss. Es soil sich erst entscheiden , wenn er von 
Schwerin zuriickkommt und wir h of fen noch, eine Hiobs- 
post bleibt aber sein Brief," — Da Mendelssohn keines- 
falls vor dem September envartet "\verden kann, so macht 
man einen Abstecher zu einer befreundeten Familie nahe 
bei Tunbridge, aber auch dort, in landlicher Ruhe wird 
Arbeit vorgenommen. Der Verleger Murray hat Mosche- 
les aufgefordert , seine Beethoven - Erinnerungen zusam- 
menzustellen und bei ihm herauszugeben; so benutzt 
Moscheles diese lectionenfreie Zeit, um die grosse Wie- 
ner Zeit und die Beziehungen mit dem grossen Genius 
zu Papier zu bringen. An seine Schwester schreibt er : 

„Rotherfield, 12. August 40. Heute spreche ich Dir 
von meinem Ich, denn mein zweites Ich und die kleinen 

4* 



■ — 52 . — 

Iche reden fur siph selbst. Also ich geniesse den Anfang 
meiner Feiertage in vollstem Maasse; die reizende Gegend, 
die wir in aller Ungezwungenheit durchwandern , die Lie- 
benswiirdigkeit unsrer Wirthe, das Gliick der Kinder, 
Alles ist herrlich im Gegensatz zu London und dem Ar- 
beitsjoch und meine einzige Unterbrechung im Nichtsthun 
die Beethoven-Skizze " 

Mendelssohn's Unwohlsein bleibt eine Sorge, doch 
wird sie endlich durch einen Brief von ihm gehoben. Er 
darf kommen, er kommt im September, das ist eine 
grosse Freude. Vor seiner Ankunft wird in den Hano- 
ver Square-Rooms bei verschlossenen Thiiren eine Probe 
seines -„Lobgesangs" gehalten. Moscheles schreibt dar- 
iiber: „Die Composition hatte grossen Reiz fur mich, 
aber ich will sie, wie genau ich sie auch kenne, noch ein- 
mal mit Orchester horen, ehe ich Ihnen ausfiihrlich dar- 
iiber schreibe, Obschon Knyvett als Conductor und F. 
Cramer als Vorgeiger engagirt sind, ersuchten sie mich 
doch einstimmig , mich in die Mitte des Orchesters neben 
den Organisten zu setzen und von da aus consultirten sie 
mich uber alle Tempo's; ich gab also eigentlich, wie ein 
General in seinem Zelte die Operationsbefehle, hiitete mich 
jedoch vor dem Ansehen, als wollte ich in das Amt des 
bestellten Conductors greifen. Dennoch sagt die redselige 
Morning - Post , die Probe sei unter meiner und Kny- 
vett's Leitung gehalten worden." Ein anderer Brief von 
Moscheles aus London , 17, September an die Schwage- 
rin sagt: 

„Ich mochte Dir gern viel Interessantes und Hubsches 
sagen , und da ist gleich das Interessanteste Prinz Louis 
Napoleon; ich bedauere ihn um so mehr, als ich ihn per- 
sonlich nur als den hoflichenj feinen, jungen Mann kenne. 
Dass er dergleichen politische Unternehmungen vor hatte, 
sah man ihm freilich nicht an; nun sind sie gescheitert. 
Es stehen noch dunkle Wolken am politischen Horizont, 
aber mir kommen sie jetzt nicht so drohend vor. Ich habe 
mehr als gewohnlich den Zankapfel der Staaten unter. 
sucht; gegen Mohammed Ali finde ich sie, unter uns ge- 



— 53 — - 

sagt, ungerecht Ich glaube nicht, dass die Verbvindeten 
es wegen des blossen Ausschliessens Frankreichs vom 
Tractat zu einem Kriege zwischen diesem. und England 
kommen lassen. Der Continent wird im schlimmsten Falle 
nicht so von Albion abgeschlossen werden, dass_ der Pia- 
nist S. K. H. des Prinzen Albert, den Louis Philippe 
kurzlich beschenkt, nicht ruhig zwischen beiden Landern 
Tiin und her reisen konnte; daher denken wir noch immer 
an unsrc Boulogner Tour. Heute erwarteten wir Mendels- 
sohn, und mit nicht geringer Ungeduld; Sonnabend soil 
er schon in Birmingham Probe halten." 

Am 20. September geht Moscheles mit dem gliicklich 
angekommenen Freunde nach Birmingham; die Frau soil 
ihnen Tags darauf folgen. Moscheles schreibt ihr urn 4 Uhr 
Nachmittags: 

„Wenn Du diese Zeilen liesest, fasse neuen Muth, die 
Reise nach Birmingham anzutreten, denn meine so ange- 
nehm vollbrachte Fahrt ist mir ein sicherer Vorbote, dass 
auch Du sie gliicklich zuriicklegen wirst. "Wir sind unge- 
heuer schnell gefahren und schoh in 47a Stunden ange- 
kommen. ' Meine Unterhaltung mit Mendelssohn war un- 
ausgesetzt lebhaft und interessant, Du oft ihr Gegenstand, 
auch die Gedanken viel bei Dir. Ich installirte mich gleich 
in dem netten Stork-Hotel und ass mit Mendelssohn und 
Ayrton bei Moore (vom Fest - Comite) , dort wohnt Men- 
delssohn. Das Vorhergehende schrieb ich in seinem Schlaf- 
zimmer , von dort wurden wir zusammen zum Essen ge- 
rufen, und jetzt statt meine Siesta zu halten, fahre ich 
fort, um Dir zu sagen', dass heute Abend Chorprobe sein 
soil. Vorher gehe ich mit Mendelssohn in die Musikhalle, 
wo er Orgel spielen will. Ich werde Dich an der hiesigen 
Station empfangen " 

Mendelssohn schreibt: 

„Darf ich meinen Gruss hier einschwarzen und Ihnen 
in Moscheles' Brief sagen , wie lieb , freundlich und gutig 
er auf der Herreise mit mir war, wie mif die Stunden 
verflogen sihd, als waren es Minuten, und wie ich nur 
immer denke, wie macht man's, um fur solche wirkliche 



— 54 — ■ " . ■ . 

Wohlthaten seinen Dank wenigstens auszusprechen? Es 
geht aber ein fur allemal nicht, auch nicht schriftlich, 
aber herzlich desto mehr. — A.uf frohes Wiedersehen 
schon morgen! Und an die Kinder alle meinen besten 
Gruss. 

Stets Ihr 
Felix Mendelssohn-Bartholdy." 

Gleichzeitig schreibt die Frau ihren Verwandten; 

„Unser lieber Mendelssohn, anders kann ich ihn nicht 
nennen, am 18. , um 4 Uhr Nachmittags in London ange- 
kommen, war um 7 Uhr bei uns, brachte seine alteFreund- 
schaft und Herzlichkeit mit , war genial , heiter , gesund, 
genug ein Muster von einem Menschen. Bei Tische und 
den ganzen Abend wurden alle Reminiscenzen fruherer 
gliicklicher Stunden hervorgesucht, dann zog er Mosche- 
les zura Clavier und liess sich alle seine Lieblings-Etiiden 
vorspielen , und .da jede sein Liebling ist und er sich bei 
jeder neu enthusiasmirte , so gehorchte er erst um Mit- 
ternacht meinem dritten Aufruf, doch nun endlich zu 
Bette zu gehen und zu ruhen. Sonn abend zwischen 4 und 
5 Uhr war er wieder da, und da Moscheles zu einem Schil- 
ler gerufen ward, blieben er und ich eine Stunde allein; 
dann spielte er zu seiner grossen Zufriedenheit mit E. 
seine Ouvertiire zur „Fingals Hohle" und liess sich ihre 
Composition vorspielen. Chorley und Klingemann kamen 
zu Tische und Abends genoss Felix der Kleine eine solche 
Balgerei mit seinem grossen Herrn Gevatter, dass das 
ganze Haus davon erzitterte. Wer hatte es geglaubt, dass 
derselbe Mensch, der so mit einem Jungen herumtollte, 
auch so phantasiren konne? Die beiden M. fantasiren nam- 
lich zusammen iiber gegenseitige Themen und wenn ich 
sage, es war herrlich, schon, merkwiirdig, so habe ich es 
doch nicht beschrieben; sieben Jahre lang hatte ich sie 
nicht zusammen spielen gehort, mein Eindruck war: es ist 
so schon, dass es der Miihe werth ist, sieben Jahre darauf 
zu warten. Sonntag um g Uhr war Mendelssohn wieder 
bei uns und die ganze liebe Familie begleitete ihn und 
Papa an die Eisenbahn. Ich blieb den ganzen Sonntag 



■ ■— 55 — 

bei den ■ Kindern und reiste Montag nach Birmingham 
in's Stork- Hotel. Dienstag fruh wanderten wir nach der 
Music Hall und Mendelssohn sass bis zu seinem Orgel- 
spiel bei uns. Er spielte namlich eine Fuge von Bach ganz • 
meisterlich, ausserdem ward „Israel in Egypten" und die 
unvermeidliche miscellaneous selection (vermischte Aus- 
wahl) gegeben, denn Alles musste mitwirken, u. A. aber 
auch Madame Dorus Gras mit ihrer uniibertrefflichen Co- 
loratur und der einzige Lablache. Dieser und die Orgel 
standen einander als Giganten gegeniiber, viele der an- 
dern als Pygmaen. Phillips stand als vortrefflicher Bassist, 
Braham als Wunder da, denn nachdem er uns qft durch 
sein Detoniren und die Unzulanglichkeit seiner Stimme 
missfallen hatte, singt er auf Einmal ganz rein, prachtvoll, 
mit Portamento , genug zum Erstaunen schon. Wie das 
herrliche Werk „Israel in Egypten" in der Music Hall 
mit diesen Massen und dieser Orgel klang, das muss Eure 
Phantasie Euch besser ausmalen, als ich es beschreiben 
kann. Weder Mendelssohn noch wir gingen in's Abend- 
Concert, sondern sassen die Stunden plaudernd beisam- 
men. Er musste viel von seiner Frau erzahlen , die wir ja 
leider noch nicht kennen , und zeigte ihr Bild , das wun- 
derhiibsch ist; wie er sie beschreibt, muss sie ein Engel 
sein." — 

Am 2$. September schreibt Moscheles aus Birmingham : 
„Ich habe durch Mendelssohn's Erscheinen einen neuen 
Lebensgenuss erhalten und er nimmt neben deii theuer- 
sten Familienbanden mein ganzes Ich in Ansprueh. Er 
erscheint mir abwechselnd als Bruder, Sohn, Liebhaber,. 
am meisten aber als lodernder Musik - Enthusiast , der es 
kaum zu ahnen scheint , wie hoch er schon gestiegen 1st. 
Wahrend ihn sein Genie so weit iiber die Alltagswelt 
erhebt, weiss er doch so gut mit ihr zu leben. Wahrend 
Birmingham sich briistete, den Hochbegabten zu besitzen 
und sein neuestes Werk in seinen Hallen aufzufiihren, 
fand er noch Zeit und Lust, unsern Kindern eine Zeich- 
nung von Birmingham zu machen (mit Stahlfeder und 
Dinte). Die Ansicht der Stadt mit ihren Schornsteinen, 



- 56 - - 

Fabriken, ihrer Townhall und dem Dampfwagen,- worin 
er und ich sitzen — Alles ist architektonisch merkwiirdig 
und mit erklarenden "Witzen ausgestattet; ein Andenken 
gliicklicher Stunden, das die Grossen gewiss sorgfaltig 
aufbewahren werden. Als ich ihn an demselben Plauder- 
abend, dessen Charlotte erwahnt, im traulichsten Gesprach 
nach Hause begleitete, wollte er, an seiner Wohnung an- 
gelangt, mich durchaus die zwei engl. Meilen wieder zu- 
ruckfiihren, doch erlaubte ich es ihm nur theilweise. Die 
Kacht war nicht warm und seine eben iiberstandene Krank- 
heit, sowie sein bevorstehendes Dirigiren und Spielen er- 
heischten Ruhe, ermahnte ich. — Gestern friih bot die 
Townhall wieder einen imposanten Anblick durch Fiille, 
Eleganz und die Massen der Chor- und Orchester-Mitglie- 
der; Handel, Fasch, Palestrina, Mo2art wurden durch- und 
hintereinander aufgetischt, Lablache wie immer grossartig. 
Per 2. Theil war Mendelssohn gewidmet; er wurde laut 
und herzlich empfangen, hatte jedoch in seiner Art sich 
zu bedanken , etwas jungenhaft eiliges , als wolle er die 
Sache bescheidenerweise moglichst schnell abmachen. Seine 
Direction des Orchesters erwirkte eine seltene Einheit und 
Precision. Das Werk „Lobgesang" ist eigentlich eine Sym- 
phonie, verbunden mit einer geistlichen Cantate, erstere 
ir.eisterlich gearbeitet, ob streng, feurig, gemiithlich oder 
erhebend. Die darauf folgende Hymne mit Chor ist ganz 
im strengen Styl. Braham sang hierauf sein Recitativ 
mit grossem Pathos, seine Stimme kraftvoll verjungt. Ein 
herrliches Duett fur zwei Soprane folgt und dann erst brechen 
grosse Massen jubelnd bervor. Die Gewalt der Fuge tritt 
triumphirend auf, die Orgel drohnt koniglich, die Pauken, 
doppelt besetzt, markiren den Rhy thmus wie die Pulsschlage 
den aufgeregten Blutlauf. Ein Choral von solcher Wurde 
folgt, dass sich unwillkiklich die grosse Versammlung — 
wie sonst nur beim Hallelujah, von ihren Sitzen erhob. 
Die Fuge des Schlusschors ist pompos; ihr Hauptgedanke 
auf die Worte „Lobet den ,Herrn" derselbe, der sich durch 
das ganze Werk hindurchzieht. Der lauteste Beifall be- 
lohnte den herrlichen Kiinstler. 



■ — 57 — 

Um 3 Uhr Nachmittags, als der Saal geleert war, 
spielte er noch vor einigen Auserwahlten 3 / 4 Stunden lang 
die Orgel , nicht als hatte er heute schon Musik gehort 
oder dirigirt, sondern als finge sein Tag eben an. — Den- 
selben Abend horten wir im Theater erst einen Act der 
gazza ladra von der Caradori und Lablache, dann Men- 
delssohn's G-moll-Concert, von ihm rait sprudelnder Leben- 
digkeit und zarten Intentionen gespielt, endlich in seiner 
Gesellschaft, da er sich zu uns g-esetzt hatte, Lablache mit 
seiner unwiderstehlichen Komik in der prova d'un Opera 
seria. Was doch der musikalische Magen in England an 
einem Tage verdauen kann und muss! 

Heute friih verlassen wir Birmingham, dort aber hat 
mir Charlotte einen Plan ausgeheckt, iiber den Ihr stau- 
nen werdet. Sie beredete mich, Mendelssohn nach Deutsch- 
land zu begleiten, um als guter Sohn meine seit langerer 
Zeit leidende Mutter zu besuchen. Sie hat grosse Sehn- 
sucht nach uns und den Kindern, doch liesse sich die 
weite Reise mit der ganzen Caravane nicht leicht machen, 
sie wird fur mich allein schon kostspielig sein und ich 
denke bei meiner Riickkehr durch verdoppelte Thatigkeit 
mein flottes Leben wieder einzubringen. Die Itinder konn- 
ten wir nur Euch, sonst Niemandem uberlassen, und so 
bringen wir Eheleute der guten Mutter dies Trennungs- 
opfer. Mendelssohn will in London bleiben, bis ich die 
Meinigen in irgend einer Landwohnung installirt habe und 
zur Abreise bereit bin. Ich schreibe Euch vom Conti- 
nent aus." 

Dem Aufenthalt in Birmingham folgen noch gliick- 
liche Stunden mit Mendelssohn in London, und zuletzt 
vereinigen sich die gegenseitigen Freunde zu einem Musik- 
abend im Moscheles'schen Hause. Mendelssohn spielt die 
Partitur des „Lobgesangs" am Clavier durch und nach 
andern Stucken wird wieder vierhandig phantasirt, mit 
einem wunderbaren „Gemisch von Them en und doch so, 
als sei Alles harmonisch im Einklang gedacht. 1 ' _ . 

Es wird beschlossen, dass, als Dritter im Bunde, Chor- 
lej r mit den beiden Freunden nach Deutschland reist. 



- .58 - 

Beim Abschied zeichnet Mendelssohn noch mit der Feder 
ein ganzes Blatt voll Anspielungen auf die Erlebnisse der 
letzten Wochen in's Album . der Frau , Chorley schreibt 
eine Erklarung in Knittelversen darunter, Moscheles einige 
tiefbewegte Abschiedsworte, und urn Mitternacht entfiihrt 
eine Dover-Mailcoach die drei Reisenden. Leider hat aber 
der Wagen vier Platze und ein Ungebetener stort das 
Freundes-Trio. „Er schlaft gut" , sagt Einer , „uberlegen 
wir, was wir mit ihm thun , wenn er aufwacht!" „Ihn 
umbringen , ist das einzige Mittel" , sagt ein Anderer. — 
Der Schlafer regt sich in diesem Augenblicke; natiirlich 
erschraken die Sprecher ob ihres schlechten Witzes und 
Moscheles fallt mit der ihm eigenen Geistesgegenwart 
(auf englisch) mit den Worten ein: „Und dann sagte sie, 
nie wiirde sie diesen Mann heirathen." Ein Satz, der sich 
von da als Sprichwort unter ihnen erhielt. Mendelssohn 
bricht in ein homerisches Lacheri aus, das die beiden An- 
dern ansteckt. "Was mag der noch halb Verschlafene von 
seinen Cumpanen gedacht haben? — 

Als die drei Freunde nach einer fatalen , achtstundi- 
gen Seefahrt in Ostende in Moscheles' erwarmtem Schlaf- 
zimmer sitzen , ist es dessen erstes Geschaft , seiner Frau 
zu schreiben; Chorley fugt freundliche Worte hinzu, Men- 
delssohn macht wieder eine Federzeichmmg — ein schwan- 
kendes Dampfboot auf hochbewegter See und darunter 
die Wortg: Heiss mich nicht reden, heiss mich schweigen. 

Schiller. 

Es giebt Augenblicke im Menschenleben. 

Goethe. 

Here the ship gave a lurch and he grew seasick. 

Byron. 

-Wir sitzen aber alle drei sehr comfortabel um das 
Feuer in Moscheles' Zimraer und gedenken Ihrer. 

Felix Mendelssohn-Bartholdy. 

Die Weiterreise wird in Mendelssohn's Wagen mit 
Postpferden gemacht und Moscheles' nachster Brief an 
die Frau ist aus 



— 59 — 

„Luttich, Sonntag Abend 4. October 1840.. ' 
Hotel du Pavilion anglais. 

Heute friih 7 Uhr, ehe wir Ostende verliessen, iiber- 
gab ich dem Wirthe meinen ersten Brief fur Dich; die 
Post war noch geschlossen , als ich ihn selbst hintragen 
wollte. Unsre Reise ging vortreffiich bei Sonnenschein 
von Statten; ich hatte viele . vertrauliche Gesprache mit 
Mendelssohn; wir haben uns gegenseitig manche Details 
iiber unsere Freier - Zustande mitgetheilt, wo und wie es 
zu unsern Heiraths - Antragen kam und endlich, wie wir. 
Keiner unsere Frau vertauschen mochten. Er rechnet 
sicher darauf , dass ich acht Tage bei ihnen in Leipzig 
bleibe, vielleicht ein eigenes Concert gebe oder nur im 
Abonnements-Concert spiele — ich fasse keinen Entschluss, 
bis ich angekommen bin." 

„Sonntag- Abends 8 Uhr. 

Wir wollten heute Nacht in Aachen schlafen und 
mussen statt dessen hier aUsharren. An Mendelssohn's 
Wagen ist die Achse gebrochen und er untrostlich , be- 
sonders unsertwegen, obgleich wir ihm Muth zusprachen. 
Er erwartete hier Briefe von seiner Frau und da ich lei- 
der keinen fur mich von der meinigen zu holen hatte, er- 
bot ich mich fur ihn an die Post zu laufen , bildete mir 
auch ein — bis ich dorthin kam — es sei fur mich selbst. 
Ich brachte ihm richtig einen Brief, der ihn wieder in 
seine natiirlieh gute Laune versetzte; der Schmidt hatte 
den Wagen fortgenommen, mit dem Versprechen, ihn bald- 
moglichst wiederzubringen ; man servirte uns ein vortreff- 
liches Diner, Chorley schlug vor, einer Champagnerflasche 
den Hals zu brechen, die Gesundheiten der Frau Doctorin 
und Frau Professorin wurden getrunken und nach Tische 
ging ich mit Mendelssohn in's Caffeehaus. Dort lasen wir 
die Abdication des Konigs von Holland zu Gunsten des 
Prinzen von Oranien, Napiers Einnahme von Beyrut, 
wobei es , wie ich fiirchte , schlecht mit dem 7ijahrigen 
Mehemet Ali steht; auch Louis Napoleon's Vertheidi- 
gung von Berry er las ich und jetzt fallen mir die Augen 
zu, ..." 



— 6o — 

- „Aachen, Montag 5. October 1840. 
Hotel zum grossen Monarchen, Abends n Uhr. 

Wir haben uns den. ganzen Tag nicht gesprochen, 
sage ich mir selbst, so muss es doch vor dera Schlafen- 
gehen sein! So geschieht es ja nur zu oft in London. 
Heute Morgen in Liittich habe ich Dir in meinem zwei- 
ten Brief Adieu gesagt und nun schreibe ich Dir meinen 
dritten. . . . Mendelssohn's Wagen wurde erst um 12 Uhr 
fertig, so konnten wir vorher noch einige Kirchen besehen. 
Die Reise ging ganz vergniigt von Statten und obgleich 
uns einige Regenschauer begleiteten, genossen wir doch 
die iippig schone Gegend und sassen traulich und bequem 
beisammen. Um 7 Uhr an der preussischen Grenze ging's 
uns unerwartet gut. „Die Herren haben wohl nichts 
Steuerbares bei sich?" Und auf unser nein: „Fahr' zu 
Postilion." Wir miissen also gentlemanlike ausgesehen 
haben. Um 8 Uhr kamen wir in diesem vortrefflichen 
Gasthof an, ich lief gleich zu Mayer's, wo mich die Frau 
in ihrem neuen schonen Hause mit offnen Armen empfing, 
sie hat sich gut erhalten und spricht so herzlich und ver- 
gniigt wie immer. Im Gasthoi beim Souper mit Mendels- 
sohn und Chorley kamen Wiedersehens-Scenen und Her- 
zensergiessungen verschiedener Art. Erst Ole Bull, der 
gestern mit dem Sanger Eicke hier Concert gegeben hat, 
beide gesellten sich zu uns; dann Mayer, der mich bei- 
nahe in seinen Armen erdruckte. Mendelssohn erfreute 
sich an seiner Herzlichkeit und fand in ihm einen guten 
Bekannten seiner Familie; auch er soupirte mit uns. Dann 
kommt eine lange hagere Gestalt im Don Quixote-Genre, 
die mich umarmt — es war Schindler. Er griisst Mendels- 
sohn, der ihn auch freundlich: ich sah, was er dabei un- 
terdriickte. Nun setzt auch der sich zu uns. 

An Chorley stellte ich Schindler absichtlich nicht vor, 
gab ihm nur einen geheimen Wink, dass er den grossen 
Biographen vor sich habe; diesem sagte ich, der Engen- 
der sei unser gemeinschaftlicher Freund. Nun entstand ein 
Wirbel von Fragen, Erinnerungen an alte Zeiten, leiden- 
schaftliche Ergiessungen iiber die jetzigen Musikzustande 



. — ■ 6i ' — 

und das ganze Musikantentreiben. Ole Bull drohnte dem 
armen Mendelssohn die Ohren voll iiber G. Schilling:, der 
inn in den Jahrbiichern der Musikzeitung heftig angegriffen 
hat — kurz eine Rede verdrangte die andere, als sie kaum 
in's Leben getreten war — wie die Wellen der aufgereg- 
ten See sich jagen und verschlingen — und dabei sass 
Chorley, sein Schnupftuch beissend — und ich sah schon das 
Athenaum diese Scene in drastischen Bildern illustrirend. 
Mendelssohn, Scbindler und ich gingen auf Mayer's Bit- 
ten noch mit zu ihm, wo mit dem geistreichen Schrifts tel- 
ler Louis Lax dann noch das musikalische Gesprach fort- 
gesetzt ward. 

Unser Plan, die heutige Nacht zu durchreisen, wurde 
besprochen und aufgegeben; wir gehen erst morgen friih 
nach Coin. Gott mit Dir und den Kindern und ich mit 
Dir in Gedanken. . . ." 

„Dienstag Abend 6. October 1840, 
An Bord des Dampfers zwischen Coin und Coblenz. 
Urn '/ 2 8 Uhr heute friih, als ich meinen Brief fur Dich 
auf die Post getragen, fuhren wir ab, und nicht wie ge- 
wohnlich iiber Jiilich , sondern iiber Diiren. Die Gegend 
nicht romantisch, viele der schonen Punkte entstellt durch 
die Eisenbahn , die uppigsten Wiesen durchschnitten , die 
Felsen zernagt und durchbohrt. Chorley war etwas unwohl 
und desshalb stiller, die Unterhaltung zwischen Mendels- 
sohn und mir immer lebendig und abwechselnd. 

In Coin (um 3 Uhr) wahlten wir das Hotel Rhein- 
berg, weil Ole Bull und Eicke, wie wir wussten, im kaiser- 
lichen Hof absteigen wiirden; wir wollten gern uns selbst 
iiberlassen bleiben. ..." 

„Frankfurt, Mittwoch Nachts 11 Uhr. 
Wir haben heute die schonste, lieblichste Rheinfahrt 
bis Mainz gemacht, wo wir um 3 Uhr Nachmittags an- 
kamen. Ich wollte noch Manches auf dem Dampfboot 
an diesem Brief schreiben, aber meine Schrift ware zittrig 
und undeutlich geworden , welches ich , wie Du weisst, 
nicht ausstehen kann. Jetzt zittert meine Hand vielleicht 



— 62 — 

auch, dann tst es aber der viele Champagner, den mir 
Freund Lowenstern aufdrang; er gab mir und Chorley ein 
toll-splendides Diner. . . . Jetzt schlagt es 12 Uhr, also 
gute Nacht Dir und den Kindern." 

Zwischen Frankfurt und Leipzig schreibt Moscheles 
nur eilige Zeilen. Der nachste langere Brief an seine Frau 
ist aus 

„Leipzig, Sonnabend 10. October 1840. 
Nachmittags 4 Uhr. 

Seit gestern Nacht um n Uhr hier, konnteich kei- 
nen Moment finden, Dir zu schreiben, und jetzt brennt 
mir der Kopf, wenn ich denke, wie voll mein Herz ist 
und wie wenig Zeit vor Abgang der Post (dabei lasst 
Felix im Nebenzimmer seinen Jungen am Clavier singen). 
An die Mutter will ich auch noch schreiben, ebenso Dei- 
nem Vater antworten, aber Alles eilig. In Mendelssohn's 
nettem Hause bin ich sehr herzlich empfangen worden; 
seine Frau ist voll von Liebreiz, Anspruchslosigkeit und 
kindlichem Sinn, aber fiir mich keine vollkommene Schon- 
heit, weil sie Blondine ist. In Mund und Nase gleicht sie 
der Sonntag. Ihre Art zu sprechen hat eine angenehme 
Schlichtheit, ihr Deutsch ist Frankfurtisch, also nicht rein. 
Sie sagte bei Tische nai'v: „Ich spreche fiir meinen Felix 
zu langsam und er so schnell , dass ich ihn nicht immer' 
verstehe. Heute war Chorley Gast bei Tische; sie ist aber 
so einfach im Wesen, dass sie ofters auf stand, um Schiis- 
seln zu reichen. Ich habe ihr gesagt, wie ich hoffte, dass 
sich zwischen Dir und ihr einst ein freundliches Verhalt- 
niss ankniipfen wiirde , und sie freut sich darauf ; einst- 
weilen bist Du oft der Gegenstand unseres Gesprachs. 

Heute Morgen bei der Probe bin ich von Limburger, 
■ <i'«> Kistner, David, Hartel, Schumann und Frau mit offenen 
Armen empfangen. Alle wollen wissen, ob ich bleiben 
und spielen will, Mendelssohn sagt: ,,nur bleiben, hier blei- 
ben, ein eigenes Concert geben und im Abonnements- 
f Concert spielen;" doch bin ich noch ganz unentschieden.... 
Wenn Du nur gesund und -vergniigt bist! ich nehme mir 
vor, frisch und lebendig zu sein, wie Mendelssohn, der mit 



r 



_ 6 3 — 

seinen Kindern herumspringt. Ich kann Euch nur in Ge- 
danken kiissen, Hebe Kinder, aber wenn ich zuriickkomme, 
will ich Dir, liebe Clara, eine schone Geschichte erzahlen. 
Mendelssohn's grussen herzlich. Abends wollen wir 
viel abwechselnd und zusammen spielen, und nun Adieu 
fiir heute! ..." 

„Leipzig, Montag, 12. October 1840, 11 Uhr Nachts. 
(gestarkt durch Deinen Brief vom 6. d. M.) 

.... Nun em wenig von mir. Gestern Nachmittag 
war ich mit Mendelssohn allein, viel am Clavier; er spielte 
mir einige Nummern vor, die fiir seinen Paulus bestimmt 
waren, die er aber weder aufftihren, noch drucken liess. 
Sie sind vortrefflich, nur etwas dramatischer gehalteff und 
desshalb vielleicht passender als einzelne Stiicke im Con- 
certsaal , wie in Verbindung mit dem Oratorium .gehort 
zu werden. Auch einige „Lieder ohne Worte" im Manuscr. 
spielte er mir, die reizend sind. Um '/ s 2 Uhr gingen wir 
zum Diner zu David's, wo auch die Schwester d'er Cecile, 
Mme. Schunck, mit ihrem Mann war, eine geistreich leben- 
dige Frau. Auch Mme. David war mir eine neue, sehr 
freundliche Bekanntschaft; sie hat sehr feine angenehme 
Manieren. D. spielte uns nach TtSche sein neues Violin- 
Concert in D-dur, welches gewiss uberall Aufsehen erre- 
gen wird; Mendelssohn accompagnirte ; dann musste ich 
phantasiren und machte, hoft' ich, manches Gute. Um I j 1 6 
Uhr eilten wir in den Gewandhaussaal , der schon iiber- 
fullt war. Mendelssohn hatte mich mit aufs Orchester ge- 
nommen, die Directoren nothigten mich hierauf in ihre 
Loge. Der rauschende Beifall, mit dem Mendelssohn em- 
pfangen wurde, war durch die Ausfiihrung der Guvertiire 
zu Euryanthe und Beethovens B-dur-Symphonie mehr als 
gerechtfertigt. Sein Einfluss aufs Orchester gab diesem 
Feuer , Schmelz und Nuancirung , so dass ich in Genuss 
schwelgte. Eine hiibsche neue Sangerin, Dlle. List, gefiel ; 
— uns Musikern aber nicht ganz , weil sie als Schiilerin 
von Bordogni , nur Donizetti und Bellini sang. Der Po- 
saunist Miiller ist der grosste "Virtuose , den ich auf sei- 



- 6 4 :- 

nem Instrument gehort habe. Urn 8 Uhr!! war das Con- 
cert aus, doch leerte sich der Saal langsam, weil es reg- 
nete und in Leipzig - kein Fiaker zu haben ist! So plau- 
derten Mendelssohn's und ich noch eine Weile mitSchuncks 
und endlich gingen wir im Regen nach Hause. Die 
war me Stube und der Thee war en gemuthlich , ebenso 
unsere Unterhaltung am Clavier, wo mir Mendelssohn 
einige seiner letztgedruckten Lieder vorsang, die ich mit- 
bringen werde. Dann sagte er: „Cecile, Du musst es auch 
wagen, Moscheles ein Liedchen vorzusingen und Dir von 
ihm accompagniren zu lassen." Sie machte dieselben Ent- 
schuldigungen, wie gewisse Leute, doch sang sie das alt- 
deutsche Lied 



-— f=f-» — j — ^~r~h!~ c~"" 



und ein paar andere mit kleiner Stimme , jedoch rein in- 
tonirt, auch ein hiibsches Lied von Hensel " 

„Montag Unter den Besuchen, die ich heute machte, 

war mir der bei Schumann's der interessanteste , weil mir 
die Frau eine Bach'sche Fuge vorspielt'e; auch der bei 
Hofrath Rochlitz wurde lang, weil er viel Liebenswiirdi-* 
i ges und Interessantes sprach. — 

Ich hatte eine grosse Abrechnung mit Kistner; dann 
kamen er und Baurath Limburger als Deputirte der Con- 
cert-Direction ; aber ich konnte ihren Antrag Donnerstag 
iiber 8 Tage im Abonnem en ts -Concert zu spielen, wegen 
Zeitmangels nicht annehmen. Ein eigenes Concert gebe ich 
auch nicht und seitdem diese Beschliisse feststehen, berei- 
tet Mendelssohn eine ahnliche Fete im Gewandhaus vor, 
wie er sie Liszt gab." 

„Dienstag Nachts 12 Uhr. Mendelssohn's gaben 
eine Soiree, wo David vortrefflich Quartett spielte, ich mein 
E-dur-Concert und Etiiden. Endlich verlangte Felix meine 
Spasse am Clavier und am Ende phantasirten wir zusam- 
men; ein wiirdiges 'Seitenstuck zu unserer letzten Londo- 
ner Production. Endlich G-u-t-e-Nacht, ich werde schlafen 



'■■"V/- * c .. n ■■■' :W - ■'"' ■ 



- 6 5 - 



trotz der Wassermuhle (Lurgensteins Garten), die die ganze 
Nacht arbeitet." 

Am ii. October giebt Chorley einen langen Bericht 
iiber alle Gastmahler und Soireen der Leipziger Freunde, 
und Mendelssohn fugt hinzu; „Liebe Mrae. Moscheles, noch 
tausend, tausend Dank fiir den Plan, den Sie doch eigent^ 
lich ausgeheckt haben und dem wir jetzt so schone, prach- 
tige Tage zu verdanken haben. "Waren Sie nur selbst da^ 
bei! Denn das ist ein Radicalfehler , den er hat und der 
uns Allen gar zu sehr einleuchtet; ich wollte, ich ware 
darauf bestanden , die Damenkleider selbst mitzunehmen, 
denn wir sind hier sehr froh und heiter zusammen; aber 
ich meine doch , ich sahe es dem Moscheles oft an , wie 
er sich ganz anders wohin sehnt. Wie herrUch hat er 
gestern wieder gespielt und alle Menschen entzuckt. WaU 
ren Sie dagewesen, das ist das alte Lied mit dem da 
Capo. Cecile will Ihnen selbst schreiben. Tausend Griisse 
den Kindern und Ihnen von Ihrem 

Felix Mendelssohn-Bartholdy." 

Moscheles schreibt dazu. .... „Wir haben hier seit 
zwei Tagen das herrlichste Sommerwetter , heissen Son- 
nenschein, wogegen die gelben Herbstblatter sehr abste- 
chen. Wein und Weinlese sollen aber schlecht werden, 
wie ich hore. Auf meinem Zimmer ist eben Mendelssohn's 
Carl — meine tagliche Gesellschaft — wahrend ich mich 
anziehe. Er ist ein herrlicher, lebendiger, gescheuter Junge, 
der mir meine abwesende jiingste Jugend, „Felix und 
Clara" ersetzen hilft Sein musikalisches Ohr ist das feinste, 
welches ich bei einem Kinde je bemerkt habe. Das preus- 
sische Posthorn-Signal singt er, wie folgt, als Duett mit 
seinem Vater : 




Text; da da da da tlu. 



Karl, Fe-lii 




Karl, Fe-Iix, Kar! 
Moscheles' Leben. II. 



t^Vj r^~^?- - >.T<--', : .,: : -■:;, ,rr~ -S;\ '^rv~: NS ^.;.7'> ,...-. - - ' ■■■;■■ ,.-- - .... 

.-.'.' _ "66 — ' " 

„Leipzig, 18. October 1840. 
(Tag - merkwiirdiger Erinnerung.) 

Die Woche meiner Leipziger Feiertage ist zu Ende; 
ehe ich meine Berichte dariiber fortsetze, muss ich iiber 
das Ausbleiben Deines Briefes klagen .... aber ich sage 
mit C. M. v. Weber „wie Gott will" und hoffe, da ich 
verWohnt bin, dass „Er thut wie ich will". Chorley war 
unwohl, musste im Hotel bleiben und Mendelssohn hatte 
die herrliche Idee (aus gutem Herzen entsprungen) , ein 
Hartel'sches Clavier hinzuschicken, worauf wir ihm Schu- 
bert's Symphonie und meine grosse Sonate vorspielten. 
Nun ist Chorley besser und nach Berlin gereist. Mendels- 
sohn und ich hatten wieder herrliche Stunden am Clavier. 
.iy.i^t Gestern waren wir zusammen bei Schumann's, die ihre 
Soiree im eigenen Hausstand gaben. Sie sptelte mein 
Trio und das von Mendelssohn meisterlich schon und 
kraftig; David accompagnirte , zum Schluss musste ich 
noch Etiiden spielen. Fraulein List sang einige Lieder 
( niedlich. 

Am Freitag ein Riesen - Diner bei Kistners 

Abends mit Schleinitz bei Mendelssohn's, meistens am 
Clavier und unter alten und neuen Manuscripten herum- 
gewuhlt. ' Schleinitz singt noch recht schon. Sonnabend 
friih gab ich dem Maler Schramm eine Sitzung, wah- 
rend Mendelssohn die gedruckten Einladungen fur Mon- 
tag adressirte. Natmiich habe ich Album - Blatter zu 
schreiben und fur Mendelssohn's Frau ein Lied, das 
ich zu einem von Chorley fur sie gedichteten Text com- 
ponirte. 

Die Directoren sind wiederholt zu mir gekommen, 
um mich zum Spielen am 22. zu berede.n, Mendelssohn 
that dasselbe, ich blieb standhaft; „moglich", sagte ich, 
„dass ich zum Concert am 29. wieder hier bin , wenn ich 
iiber Leipzig komme." Ich versprach, von Prag aus dar- 
iiber zu schreiben. Auch Dir mochte ich gern meine 
Reiseroute vorlegen: doch muss ich erst meinen Haupt- 
zweck in Prag erreicht haben. Ich will Dich auch nicht 



•■>! iV-r^ji u - : 



- 67 - . 

mit Fragen bestiirmen, denn ich weiss , Du schreibst mir 
A lies , was ich zu wissen wiinsche. und was Dir Ange- 
nehmes begegnet; schone mich aber nicht, wenn Du mir 
was Unangenehmes zu schreiben hast; ich will es stand- 
haft ertragen 

Gestern Abend wurde in Gesellschaft bei David; Men- 
delssohn's Octett vortrefflich gegeben und machte mir 
viele Freude. Ich spielte oder vielmehr probirte mein 
Septett, es ging aber nicht gut, auch hatte ich ein schlech- 
tes Instrument." 

Diese Zeilen begleitete folgendes Einladungsbillet: 



Mrs. Moscheles 
werden zu einer musikalischen Privai - Gesellschaft , Mbntag, 
den ig. d. M., pracis 6 Uhr im Saale des Gewandhanses er- 
gebensl eingeladen von 

Felix Mendetssohn-Bartholdy 
urn dort seinen 42. Psalm mit Orchester und grossem Chor 
zu horen , sowie die Hebrtcien - Ouverture und die zur Jung- 
frau von Orleans. Der Altvater der Clavierspieler (wie ihn 
Fink in der Musikzeitung nennt), Moscheles, wird sein G-moll- 
Concert und das Bach'sche Tripel - Concert mit Madame 
^Schumann und Dr. F. Mendelssohn spielen, auch sollen einige 
characteristische Etiiden gehort werden. 

Um gefallige Vorzeigung dieses Blaties am Eingatig des 
Saales wird gele/en. 

Wenn dies Blatt nicht vorgezeigt wird , soil der Prof. 
Moscheles nach London geschickt werden, um sich den Bei- 
fall zu holen, der hier nur unvollstandig sein kann. 

U. A. w. g. mit urngehender Post. 



Vor seinem Abschied aus Leipzig schreibt Moscheles 
nur wenige Zeilen. Dann langt folgender Brief an: 

„Prag, 21. October 1840. Morgens 10 Uhr. 
(eine Stunde nach der Ankunft.) 

Sonnenschein!! Der Himmel voller Geigen! ich habe 
die Mutter umarmt, ich habe Briider, Schwestern, Schwa- 
ger, Schwagerin, Cousinen umarmt. Das Alles ware nicht 

5* 



— 68 — 

vollstandig gewesen , ware mir nicht Dein Brief vom 10. 
zugleich ubergeben worden. Meine gute Mutter habe ich 
beim Empfang und der Umarmung viel starker und ge- 
fasster gefunden, als ich erwartet hatte — es kommt mir 
vor, als werde sie nur alter, urn seelenstarker und liebens- 
wiirdiger zu werden. Sie ist \vohl bis auf ein wenig Husten, 
den sie in dieser Jahreszeit gewohnlich hat. So wie ihre 
Blicke auf mir Tuhen und mir ihr Lacheln, ihre Lebendig- 
keit Balsam sind, so gewahrt mir Alles doppelten Genuss, 
wenn ich ihr von Dir erzahlen muss, wenn sie mir ihre 
Liebe und Verehrung fur Dich zu erkennen giebt. Sie 
lauft durch vier aneinander stossende Zimmer, um Alles 

fur meinen Comfort zu bereiten Nun noch nach- 

traglich iiber Leipzig und die Reise hieher. Bei der Fete 
im Gewandhaus , die mir Mendelssohn gab , waren 300- 
von ihm geladene Zuhorer, die zu den beiden Seiten der 
drei Hartel'schen Claviere sassen, der Saal herrlich be- 
leuchtet, das Orchester voll, der Chor 140 stark. Es war 
schon zu sehen, wie Mendelssohn und seine anmuthige 
Frau vor Anfang der Musik den Gasten die Honneurs 
machten, "wie sie bei den in der Pause gereichten Er- 
frischungen fur Alle sorgten. Hier das Programm : 

Erster Theil. 
Die zwei Leonoren-Ouvertiiren, mit Eifer und Begeistening vorgetragen. 
Mendelssohn's 42. Psalm. Ein herrliches Werli, die Soli von Mint Frege 

vortreffiich gesungen, 
Hommage i Handel, von Felix und mir, briklerlich begeistert. 

Zweiter Theil. 
Hebriden-OuveTtiire. 
Mein G-moll- Concert. 

Mit Felix' Direction des Orchesters ging Alles vor- 
trefnich , es misslang Nichts , ich spielte begeistert, Chor- 
ley behauptet, besser als jemals zuvor. Der Beifall rau- 
schend. S. Bach's Triple - Concert von Mme. Schumann, 
Felix und mir — wie, kannst Du denken. Zum Schluss 
noch Etiiden von mir, 

Ich werde dringend gebeten-, iiber Leipzig zuriickzu- 



■ . - _ 6g - 

komraen und itn Abonnements - Concert zu spielen;. doch 
iiberlege ich noch und habe nichts versprocaen. Die gute 
Mme. Mendelssohn ' wollte , dass wir schon urn z j x i Uhr 
assen, da ich urn z Uhr abfuhr; aber vor lauter Visiten 
und Reise - Vorbereitungen musste ich immer vom Tisch 
aufstehen und zuletzt die Mehlspeise im Stich lassen; da 
bekam ich meine Portion mit in die Eisenbahn, an die 
mich Felix utid Chorley begleiteten. Wirklich, ihre Gast- 
freundschaft hattc keine Grenzen. 

In Dresden besuchte ich die Schroder -Devrient und 
sie empfing mich mit einem Kusse. Erschrick aber nicht, 
sei nicht eifersiichtig , es war em junger Garde -Officier 
dabei und sie stellte mich vor, als ihren alt en Freund 
Moscheles. Sie fragte mit aller Herzlichkeit nach Dir und 
den Kindem , wollte , ich solle Concert geben und sie 
werde darin singen , lobte mich viel auf Kosten Anderer, 
wollte eine Oper ansetzen an dem Abend, wo ich von 
Prag wieder durchkame — genug, sie war ganz sie selbst. 
Ich verliess sie in Gesellschaft des genannten Offiziers, 
machte noch einige Visiten , und fuhr hinaus in Regen 
und Sturm. Nun kurz Adieu, die Blicke der Mutter schmach- 
ten nach mir. . . . ." 

„Prag, 24. October 1840, Abends. 
.... Heute hatte ich auch den Herzensgenuss, meine 
gute Mutter, die mehrere Wochen nicht aus war, am Arm 
spazieren zu fuhren. Deinen Brief hatte sie mir bei Tische 
unter die Serviette gelegt, . . . Der gemachten und em- 
pfangenen Visiten ist kein Ende; aber ausser der Familie 
nahm ich nur bei Lemel's eine Einladung zum Speisen an 
und fand wie immer die herzlichste Aufnahme. Sogar die 
Mutter gab eine Soiree — nur Verwandte. Natiirlich 
musste ich spielen, zuletzt mit verkehrter Hand, mit der 
Faust, dann Strauss'sche Walzer, weil die Jugend tanzen 
wollte — und unter der Jugend tanzte auch — die Mutter 1 
Eine mir unvergessliche Freude; ich mochte lachen und 
weinen dar fiber. Ich glaube, ich habe sie durch mei- 
nen Besuch verjiingt; Du fuhlst mir nach, was das sagen 



■ — 7 o — 

will. Nun iiber die andern hiesigen Familien-Verhaltnisse ? 
es ist em langes Kapitel. . . ," 

Ein Brief aus Prag vom 28. October 1840 enthalt nur 
Personliches und die Versicherung, dass er alien Concert- 
gebenden Geliisten widerstehe, urn zuriick zu eilen; aber 
am 31. schreibt er ihr: 

„n Uhr Nachts , eine Stunde nach meinem Concert 
fur Wohlthatigkeits-Anstalten, in welchem ich fiinfmal ge- 
rufen ward. 

Wie sonderbar, wunderbar, lenkt Gott unsere Plane, 
oft ganz anders, als wir sie uns erdenken! Nachdem ich 
Dir am 21. iiber mein Nichtspielen geschrieben, den Auf- 
forderungen der Verwandten und Kunstverwandten, ja so- 
gar des Stadthauptmanns Hofrath von Muth widerstan- 
den hatte, entschloss ich mich doch, nicht aus meiner 
Vaterstadt zu scheiden, ohne fiir „eine Wohlthatigkeit" 
gespielt zu haben und der Entsch hiss des 28. ward, wie 
Du siehst, am 31, ausgefiihrt, der Ertrag fur zwei Spitaler. 
Wie mein Herz hoch schlug, als ich die Mutter in eine 
Loge brachte, kann ich nicht beschreiben. Viele Augen. 

des brechend vollen Hauses war en auf sie gerichtet 

Dass Du fiir mein Wohl wachtest, war mir der begeisternde 
Gedanke; denn wie sich Alles hier vereinigt, urn mich 
eine gliickselige Zeit erleben zu lassen, so musste auch 
Dein Brief gerade heute ankommen. 

Die Beschreiburig des Concerts miindlich: ich hatte 
einen' neuen Graf'schen Fliigel von Fr. v. Lemel geliehen 
bekommen, der mir sehr zusagt. Ich habe heute, 1. Nov,,, 
der Gratulationsbesuche fiir meine gestrigen Erfolge zu 
viele, um ruhig schreiben zu konnen. Dionys Weber 
mit seiner Freude und seinem Lobe stent obenan (natiir- 
lich von seinem Standpunkt aus zum Nachtheil aller an- 
dern Claviergrossen). Er hat mir eine Orch ester -Auf- 
fiihrung der Schiller des Conservatoriums gegeben und 
mich in die Bibliothek gefuhrt , in der auf seine Veran- 
lassung eine Marmorbiiste von Mozart aufgestellt, des- 
sen Werke gesammelt werden. Du siehst, er ist seit 
meiner Kindheit seiner Ueberzeugung treu geblieben — " 



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Am 21. Nov. verliess er Prag, am 4. schreibt er aus 

Hof, 11 Uhr Vormittags. . 

„Ueberall auf der Reise, wo ich gezwungen "bin, Halt 
zu machen, ist es mein Vorsatz, mich mit Dir zu unter- 
lialten. Der wichtige Moment des Scheidens aus Prag 
ward vorgestern ilberstanden; er war so gut, so kiinstlich 
vorbereitet, dass er scheinbar leicht vorubergiiig. Ich 
wusste mebrere Sttmden vor der Abfahrt die Mutter so 
zu zerstreue'n, dass sie keinera Trennungsgedanken Raum 
geben konnte. Ich. liess sie mir packen helfen, machte 
dann allerlei Possen und Spasse, sie musste lachen und 
ich unterdriickte die Thranen! Endlich hiess es: ich muss 
fort, eine minutenlange Umarmung offnete die Schleusen 
der Thranen: Auf Wiedersehen! war en meine letzten 
Worte und schon war ich die Treppe binunter. Mir war 
leichter als den Zuriickbleibenden: ich dachte an Dich und 
unser Wiedersehen," 

, .Karlsbad durchwanderte ich eine Stunde bei kost- 
lichem Wetter, in Eger sah ich mir Wallenstein's Be- 
hausung an, wahrend ich auf den Eilwagen wartete." 

Wiirzburg, 5. Nov. „Hier muss ich bis 3 Uhr Nach- 
mittags bleiben und will mir indess Stadt und Kirchen 
ansehen. Das Wetter ist noch kostlich. Meine Reise- 
gesellschaft war gleichgiiltig; selbst Walter Scott hatte 
aus einern Bierbrauer, einem Handlungsdiener und einem 
Zollinspector nicht mehr herausbringen konnen als ich, um 
so ungestorter reichten meine Gedanken zu Dh. Ich lese 
eifrig die Zeitungen; trotz der kriegerischen Wolken, die 
am Horizont stehen, hoffe ich ungestort nach England ge- 
lassen zu werden." ' ^ 

Frankfurt, Freitag Morgens 4 Uhr. Pariser Hof. 
„Meine Reisegesellschaft hierher wieder sehr gleichgiiltig, 
Wagen vortreftlich, Schlaf ditto. Nun wieder vier Stun- 
den in dem 6den Saal des Posthofes auf den Mainzer Eil- 
wagen warten. Deiner Nase gefLele der kalte Tabaks- 
rauch auch nicht; ich habe aber keine, wie Du weisst, und 
rauche selbst. — Gestern gab man die Puritani — auch kein 



— 72 — 

Verlust — morgen geben Lidel imd Regondi Concert. Ich 
weiss nicht, ob ein neuer deutscher politischer Witz in 
Bezug auf Thiers schon nach England gekommen ist. In 
Magdeburg war Illumination zu Ehren ■ des Konigs von 
Preussen, da stellte Einer ein Transparent aus: die eine 
Seite stellt einen Adler in kithnem Fluge vor, die andere 
einen krahenden Hahn und darunter geschrieben : „Ehret 
den Adler und achtet nicht auf des kleinen Thiers Ge- 
schwatz." 

„Im Wagen las ich Deine Briefe wieder durch" .... 

Moscheles schreibt noch einmal von dem Dampfboot 
aus, das ihn von Mainz nach Coin fuhrte. Dann eilt er 
iiber Belgien nach Calais und erreicht am n. November 
London gliicklich und begliickend; die fatale zehnstiindige 
Seereise mit zerbrochener Dampfmaschine ist bald ver- 
schmerzt; schon am ersten Tage harren seiner drei un- 
geduldige Schiilerinnen , den -zweiten schon sieben u. s. f. 
An den Brief, den die Frau im Gefiihl ihrer Freude' iiber 
den gliicklich Heimgekehrten an die Ihrigen schreibt, 
fiigt Moscheles die Worte: ,,Ich geniesse das Gluck meiner 
Heimkehr doppelt, wenn ich mir Eure liebende Theilnahme 
daran denke. Charlotte berichtet Alles fur mich. Es freut 
mich, dass Euch die seltene Kunst-Erscheinimg — Liszt 
— nun auch zu Theil geworden; er ist ein verbindender 
Ring in der Kette der Kunst-Entwickelung und findet 
gewiss bei Euch die Wurdigung seiner ausserordent- 
lichen Eigenschaften; ich habe immer gut mit ihm ge- 

standen Die Kinder finde ich geistig und korper- 

lich sehr entwickelt, jedes Einzelne macht mir in seiner 
Art die grosste Freude." 

Wir ubergehen mancherlei briefliche Schilderungen, 
die sich fast ausschliesslich auf das heitere Familienleben 
beziehen, wenn auch hin und wieder ernste Angelegen- 
heiten den Gegenstand eingehender Correspondenzen bilden. 
Aus einem Briefe Moscheles' citiren wir indessen folgende 
Stelle, die iiber seine damalige Thatigkeit Auskunft giebt: 
,,Gar viele Eisen sind im Feuer. Es soil ein Heft deut- 
scher Lieder bei Kistner herauskommen, die Methode des 



— 73 — 

methodes mit Fetis muss in vierzehn Tagen erscheinen 
,nnd mitten in ihre Correcturen hinein drangen sich die 
■der Beethoven-Biographie, auf deren Herausgabe der Ver- 
leger dringt; dabei werdet Ihr wohl keinen verniinftigen 
Brief erwarten." 

Dazwischen schreibt Mendelssohn noch Reise-Remini- 
.scenzen: 

Liebe Madame Moscheles! 
Jetzt denke ich mir Moscheles wieder bei Ihnen, com- 
fortable an der fireside (deutsch ist das ja gar nicht zu 
sagen) und nun muss ich schreiben und griissen und 
.sagen, wie oft und viel ich mir die jiingst vergangene 
Zeit zuriickrufe, und mit welcher herzlichen Dankbarkeit. 
Nachdem wir uns am Londoner Postoffice trennten, kanien 
noch vergniigte Tage, die haben Ihnen M.'s und Chorley's 
Briefe langst beschrieben, nun aber die ruhige stille Zeit, 
seit Moscheles auf der Eisenbahn, Chorley auf der Schnell- 
post fort sind, die hat nichts Beschreibbares an sich; hat es 
doch das G-luck selbst auch nicht, und wahrlich, ich sollte 
keinen Wunsch aussprechen und haben, wenn ich, wie es 
jetzt geschieht, so mit Frau und Kindern gesund und 
heiter, und neissig beschaftigt bin. Doch that es uns 
Allen sehr leid, den Brief von Moscheles zu erhalten, wo- 
rm er uns sein definitives Ausbleiben meldet. Er war in 
den wenigen Tagen eigentlich ganz wie ein Mitglied der 
Familie geworden, und so empfanden wir Alle sein Scheiden. 
Meine Frau scheint er auch lieb gewonnen zu haben, 
wenigstens ist das meistens wechselseitig und von ihr 
wusste ich's gleich den ersten Tag. Wann wird nur meine 
alte Prophezeiung endlich eintreffen, dass auch Sie meine 
Cecile lieb haben, mit ihr gleich vertraut und heimisch 
sein werden? Nachstes Friihjahr furchte ich nun doch noch 
nicht, und ob Deutschland auf Moscheles einen so gunsti- 
gen Eindruck gemacht hat, dass er sich bald einen neuen 
verschaffen will, ist noch die Frage; doch hoffe ich, er hat 
durchgefuhlt, was uns Allen sehr am Herzen lag, was 
Jeder wohl gern gezeigt und ausgesprochen hatte (ware 



— 74 — 

nur das Zeigen und Aussprechen nicht gerade hier 211 
Lande die schwache Seite) und was er nirgends starker 
als bei uns finden kann : die innigste Verehrung und. 
Liebe zu seiner Person und seiner Kunst, die aufrich- 
tigste Dankbarkeit fur die grossen herrlichen Geniisse, 
die er uns bereitet hat. Das ist noch unser tagliches Ge- 
spriich , und sogar der kleine Car] lasst keinen Tag hin- 
gehen ohne zu fragen: Papa, wie spielt der Onkel Mo- 
scheles? Und dann suche ich's mit den Fausten in Es-dur 
6 /s - Tact nachzuahmen, so gut ich kann; . es kommt aber 

erbarmlich heraus. Nun kommt ein Lied*) 

„Nun will ich aber meiner Frau die Feder uberlassen 
und bios noch meine best en, schonsten Grilsse fiir Emily,. 
Serena und fur Felix und Clara hersetzen; rufen Sie mich 
dem Gedachtniss der lieben Kinder ja zuweilen zuriick. 
An Moscheles ist der Brief mit. Wie ich mich seiner Er- 
folge in Prag gefreut habe, brauche ich nicht erst zu 
sagen; moge er auch an uns zuweilen mit Freundlichkeit 
zuriickdenken und uns auf die Nachricht seiner gluck- 
lichen Ankunft bei ihnen nicht zu lang war ten lassen.. 
Leben Sie wohl, liebe Mme. Moscheles. Stets 

Ihr ergebener 
Felix Mendelssohn-Bartholdy. 



1841. 

Die musikalische Welt war in diesem Winter vielfach. 
durch die Vorgange in der Philharmonischen Gesellschaft 
beunruhigt. Die althergebrachte Sitte hatte manchen in 
die Verwaltung eingeschlichenen Missbrauch geheiligt,, 
weshalb sich die Subscription vielleicht weniger ergiebig 
als in friiheren Jahren erwies. Die Directoren hatten sich 
gegenseitig wieder erwahlt, und Moscheles, der stets auf 
Neuerungen antrug, iibergangen. Doch schon wahrend 



*) Es ist des Hirten Winterlied: „0 Winter, schlimmer Winter'^ 
alle drei Verse auf sellostgezogenem Notensystem aierlich in dea Brief 
hinein geschrieben. 



.■.liii^' 1 S --? % V: >';*''"■■ 



— 75 — ' 



der ersten Halfte der Concerte miissen sie dies bereut 
haben, denn er bekam offentlich und privatira viele An- 
trage, eine Nachwahl, die ihn zum Mitdirector machte, 
verspatet anzunehraen, wetgerte sich jedoch standhaft, 
Nach jedem der Concerte, denen er regelmassig beiwohnte^ 
finden wir Seufzer iiber „das Herunterspielen unserer deut- 
schenKlassiker"; dasOrchester nannte er ein „seelenloses", 
die Clavierconcerte nicht im „richtigen Geist begleitet", 
und als Mendelssohn's Lobgesang aufgefuhrt wird, meint 
er, „so eine Auffiihrung konne er den Philbarmonischen 
nie verzeihen." Die offentlichen Blatter und mit ihnen das 
Publikum schreien nach Novitaten; warum nicht Etwas 
von Berlioz? Auf dem Continent spiele man ihn, weshalb 
nicht in England? So gab man die Ouverture zu den 
„francs juges", die jedoch auf's Ungunstigste aufgenommen 
-wurde. „War das Chaos, das ich horte", sagt das Tage- 
buch, „in der Composition oder in der schlechten Auffiih- 
rung zu suchen? Das kann ich nach einmaligem Horen 
nicht bestimmen." 

Ein andermal heisst es: „Miss' Birch und Phillips 
sangen brav wie immer, die Ouverture zum Beherrscher 
der Geister sturmte daher und wurde brillant aufgenom- 
men. Die Melusine hingegen liess kalt, blieb unverstan- 
den, ziindete vielleicht -nicht, weil ihr der brillante Schluss 
fehlte. Genug, die Unverstandigen undNeider wollenschon 
von Failure sprechen, wahrend wir ihnen zitrnen, ja 
grollen." 

Im vierten Concert erschien Vieuxtemps zum ersten 
Mai als Spieler und Componist und erntete gerechten 
Beifall fiir seine Virtuositat; es traten auch viele Andere 
mit Erfolg auf, dazwischen aber erhoben sich Stimmen, 
welche die neunte Symphonie wiederverlangten und als 
nun Moscheles angetragen ward, diese zu dirigiren, da 
war sein Widerstandsgeist gegen die Directoren iiber- 
wunden , denn er konnte , er wollte es nicht abschlagen, 
dies Riesanwerk auf's Neue zu Gehor zu bringen. „Kann 
ich sie dem Publikum zuganglich macheu, so muss ich es 
auch", sagt das Tagebuch. Und die Frau schreibt: „Ihr 



■ , . — . 7 .6 - 

konnt denken, wie uns der Antrag nach alien vorher- 
gegangeneri abschlagigen Antworteh befremdete; aber 
bald trat alle Personlichkeit in den Hintergrund und aucb 
alle Bescheidenheit, muss ich Euch gegenuber hinzufugen; 
denn das haben wir ja gesehen , dass es hier Niemandem 
als Moscheles gehingen ist , die neunte Symphonie zur 
Geltung zu bringen." .... Wie erfolgreich aber Mosche- 
les' Berniihungen fur die gute Auffuhrung des Meister- 
"werks war en, beweist ein Bench t in der Times vom 4. Mai 
1841 , der uns vorliegt und aus dem wir folgendes aus- 
ziehen. „Kiinstler und Liebhaber gestehen es jetzt gern 
zu, dass Beethoven's neunte Symphonie eben so sehr 
durch. Grosse und Erhabenheit wie durch Einfachheit aus- 
gezeichnet ist. Diese Anerkennung verdanken wir zum 
grossen Theil Moscheles, der sie mit aller Sorgfalt diri- 
girte. Er iibertrifft fast alle unsere Musiker in diesem 
Talent, da er , wenn er den Tactstock schwingt , das Or- 
chester fuhrt, wahrend Andere sich von ihm leiten lassen. 
Nichts konnte diese .Concerte so sehr heben , als Mosche- 
les' permanente Anstellung als Dirigent; er, der stets dem 
Orchester die gehorige Achtung einflosst, wiirde es auch 
stets zu neuen Erfolgen fiihren." 

Im achten Concert war die ganze Aufmerksamkeit 
auf Liszt gerichtet. Wohl entlockte die gleichgiiltig ge- 
spielte Symphonie von Beethoven Moscheles einige Seuf- 
zer, doch das Publikum schien nur auf den Vielbesproche- 
nen zu harren und als er endlich hervortrat, um das Sep- 
tett von Hummel zu spielen, war man auf Ungeheuerliches 
vorbereitet, horte aber nur, wie das Tagebuch sagt, .,das 
bekannte Stiick, mit der vollendetsten Technik, mitunter 
etwas himmelansturmend , im Grunde aber ohne Extra- 
vaganz imd mit vortrefflichem Vortrag; denn darin liegt 
ja das Geprage von Liszts Geist und Genie, dass er voll- 
kommen weiss, wo, vor wem und was er zu'Gehor bringt 
und seine Alles leistenden Fahigkeiten als Mittel zu deh 
verschiedensten Effecten benutzt." 

Wahrend Liszt mit dem Plan umging, eine Professur 
am Conservatorium in Briissel anzunehmen, verbrachte 



- 77 — 

er die Saison in London , spielte viel und errang sicb- 
grossen Beifall , ohne dass es ihm gelungen ware , die 
englische Nation ebenso stiirmisch mit sich fortzureissen, 
wie ihm dies der franzosischen und deutschen gegeniiber 
gegliickt war. Die Rundreise durch die Provinzen, welche 
der Musikhandler Lavenu mit Liszt unternahm, und auf 
welcher der grosse Pianist allein taglich die Concerte fiil- 
len sollte, gelang nicht. So kam Lavenu mit leerer Casse 
nach London zuriick und Liszt war so grossnuithig , ihm 
sein ganzes Honorar zu erlassen, „und erzahlte mir dies 
scherzend" , sagt Moscheles , „indem er ihn einen pauvre 
diable nannte." Liszt spielte in dieser Saison viele seiner 
ultra brillantesten , unerhort schwierigen Stiicke. Ein 
paar Mai liessen er und Moscheles sich zusammen in den 
Preciosa-Variationen horen, wobei das Tagebuch bemerktr 
„Es war mir, als sassen wir zusammen auf dem Pegasus." 
Und als Moscheles ihm seine soeben beendeten F-dur- und 
D-moll-Etuden zeigte, die er fur Mechetti's Beethoven- 
Album geschrieben hatte, spielte Liszt sie, trotzihrer colos- 
salen Schwierigkeiten vortrefflich vom Blatt. Er kam viel, 
oft unaufgefordert in's Moscheles'sche Haus und es waren 
interessante Stunden, die man seiner Kunst und seiner 
geistreichen, oft sprudelnden Unterhaltung verdankte. Er- 
zahlte er: „j'ai joue un duo avec Cramer, j'etais le cham- 
pignon empoisonne et j'avais a c6te de moi mon antidote 
le lait", so lachte man: doch gab es auch ernste Gesprache 
und . in Folge eines derselben iiber weibliche Erziehung 
iiberreichte er der Frau das Werk der Mme. Necker de 
Saussure mit dem Bedeuten: das sei ein herrliches Buch, 
es werde alle ihre Zweifel losen. — 

Die Frau schreibt demnachst: „Liszt hat Moscheles 
den schonsten Stock mit Goldknopf von herrlich getrie- 
bener Arbeit geschenkt. Jetzt ist er auf kurze Zeit nach 
Briissel und desto besser fur ihn , denn wem kann es bei 
dieser Kalte gut gehen? Zugwind und Schnupfen giebts 
umsonst, schliessende Thiiren um keinen Preis. . , . ." 

Ein andermal heisst es: 

„Wie interessant, wie vielbegabt ist die Famine Kemble;: 



- 7« - 

der Vater, der beriih'rate Charles Kemble, so viele Jahre 
hindurch Engfland's Stolz im tragischen Fach; die alteste 
Tochter, Mrs. Butler, als Fanny Kemble nicht minder be- 
riihmt und die jUngste, Adelaide, mit einer herrlichen 
Stimme begabt, die sie mit gleichem Erfolg zum Vortrag 
italienischer Coloratur Oder zur Wiedergabe deutscher, 
inniger Lieder oder altklassiseher Musik verwendet, In 
alien Sprachen ist sie bewandert, so dass man bei den 
respectiven Texten dieltalienerin, Franzosin oder Deutsche 
zu horen glaubt, und ihr musikalisches Gedachtniss ist 
ausgezeichnet Sie pflegt ein kleines Blattchen mit einigen 
Liedertexten in eine Soiree mitzubringen, die Musik weiss 
sie auswendig. Kemble und Mrs. Butler lesen in dem 
hauslichen Kreise Scenen aus Shakespeare'schen Stucken 
Tor. Kein Wunder, dass solche Genusse die gewahltesten, 
gebildetsten Zuhorer anziehen , und dass es uns erfreut, 
auch Moscheles' Leistungen dort anerkannt zu sehen. Neu- 
lich machte sich Kemble den Spass , als er aus „As you 
like it" vorgelesen hatte, mit den Worten zu schliessen: 
„Come let us sing, cousin", worauf Mme. Viardot und Miss 
Kemble den musikalischen Theil der Soiree eroffneten, und 
die anderen Musiker sich anschlossen." 

Ein Concert, das Miss Kemble in der Saison gab, 
ivar brillant und ihr „Erlkonig" mit Liszt's Begleitung 
-\vahrhaft ergreifend. Noch im folgenden Winter sollte sie 
sich durch ihr Auftreten in der Norma, sovvie durch spa.- 
tere Darstellungen den Ruf der grossten Dramatikerin in 
Spiel und Gesang erwerben. Eine wiirdige Kemble! Ihre 
Heirath mit Mr. Sartoris unterbrach allzufriih ihre Biih- 
nenlaufbahn, aber ihre Kunst pflegte sie fort und fort. 
Das Moscheles'sche Ehepaar genoss das unschatzbare Vor- 
recht, sie im eigenen Hause und in dem ganzen Frcundes- 
kreise, in dem sie mit Vorliebe sang, zu horen. Das Haus 
des jungen Paars Sartoris ward bald dem Kemble'schen 
gleich, der Sammelplatz der hochsten Gesellschaft , mit 
der sich die Aristokratie des Wissens und der Kunst 
gern verbruderte. 

Im Mai schreibt die Frau: „Bis jetzt habe ich Euch 



■*■,■?*:?» 



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— 79 ~ 

viel von Liszt erzahlt, aber im Grande genommen geho- 
ren noch viele in mein Saisonbild hinein. David und Vieux- 
temps z. B., die beiden Kiinstler auf der Geige und neben 
ihnen eine nicht unbedeutende Phalanx von Instrumenta- 
listen, welche die Staffage meines Bildes machen. Ein 
Wunderknabe , Michelangelo Russo erstaunt Moscheles 
durch sein Clavierspiel und mehr noch durch seine Auf- 
fassung; er macht Furore, wenn er in Concerten auftritt. 
Leider ist er ganz ohne Schulbildung; wer weiss, ob nicht 
eben deshalb ohne Zukunft"*). 

Unter den Sangerinnen nahm Mme. Viardot mit ihrer 
unendlichen Kunstfertigkeit einen ersten Platz ein. „Sie 
ist Musiker durch und durch", sagt Moscheles, „kennt 
■und versteht die Klassiker, uberwindet jede Schwierigkeit 
moderner Coloratur; man kann mit Recht das franzosische 
„elle cree son role" auf sie anwenden. Ist es doch oft, als 
empfinge sie des Componisten Arbeit als Roh - Material, 
nnd verarbeitete es erst; — als verstande man den Cha- 
rakter , den sie personificiren will , erst durch ihre Dar- 
stellung. Auch Linguistih und Componistin ist sie', und mit 
•einem Wort eine der grossen Erscheinungen unserer Zeit." 
Die Persiani macht zwar das Unglaubliche, aber Moscheles 
sagt mit Recht, „ihre hohe diinne Stimme ist wie der all- 
zudiinne Saitenbezug einer Violine; so erwarmte sie uns 
nicht in ihrer Beatrice di Tenda. Ebensowenig Dlle. L. 
in der Straniera, da sie oft zu hoch intonirte. Mme." Dorus 
Gras ist im Grunde eine zweite Persiani an Organ und 
KLehlfertigkeit, Dlle. Meerti eine tiichtige und sympathische 
Concertsangerin , dabei anspruchslos und Hebenswiirdig. 
Unsere Deutschen, Frau Stockl-Heinefetter , Staudigl und 
Haizinger in Jessonda und der Zauberflote waren ent- 
ziickend." Die Prau schreibt: „Als ich Staudigl, ehe ich 
ihn noch kannte, in einem Morgenconcerte auftreten sah, 
dachte ich: „Ein deutscher Schulmeister!" so wenig poe" 
tisch, kiinstlerisch war die Erscheinung; als ich ihn den 
^Wanderer" singen horte, liefen mir die hellen Thranen 



*) Man horte seitdem nicht wieder von ihra. 



■ — 8d ■— ■•"'"• 

fiber die Backen, das war die rein deutsche gesunde Era- 
pfmdung ohne susslich italienische Seniimentalitat. Jetzt 
hore ieh ihn oft, denn zu unserer grossen Freude kommt 
er viel in's Haus imd bereitet uns und unseren Freunden 
die angenehmsten Stunden. Aber G-utes oder Schlechtes, 
Mittelmassiges oder Ausgezeichnetes , immer bleibt die 
Musik das Element, in dem wir leben und immer bewahr- 
heitet sich das Kinderlied: „And he shall have music 
wherever he goes." 

Wir Ziehen als Beleg dieser Aeusserung so manche- 
Notiz aus dem Tagebuche und finden die gewohnlichen 
musical dinners , bei denen Moscheles fungirte oder zu- 
horte, die erste Auffiihrung von Haydn's Jahreszeiten, von 
Ed. Taylor in's Englische iibersetzt, „zu profan", wie Mo- 
scheles sagt, „und auch die Ausfiihrung nicht edel genug." 
Dahingegen der Judas Maccabaeus und Jephtha in Exe- 
ter-Hall' „ein Trost und eine Starkung fur den armen 
Musiker, der sogar einen Psalm mitanhoren musste; einen 
Psalm, den Niemand loben konnte und doch nicht tadeln 
durfte." Wir finden auch eine grosse Anzahl von Soireen 
verzeichnet: beim Herzog von Cambridge, dem Marquis- 
von Lansdowne und andern Fashionables, wo Musik ge- 
macht, aber wenig verstanden wird. Desto ernster 
studirte der von Benedict und Moscheles neugegrundete 
Singverein. Er hielt allwochentlich Zusammenkiinfte ab, 
urn gute alte und neue Musik zu iiben; die Damen des 
Vereins zeigten Eifer und Ausdauer darin, indem sie gem 
die alten klosterlichen Psalmen der italienischen Schule,. 
und Mendelssohn's Motetten fur das Kloster Trinita del 
Monte iibten; dermannliche Theil des Vereins war schwach 
vertreten und belegte wieder die unbestreitbare Wahrheit, 
dass die Manner Englands der Musik eher abhold als er- 
geben sind. 

Mendelssohn fehlte all' iiberall, aber der Verkehr 
zwischen ihm und Moscheles blieb ein reger und Mosche- 
les schreibt in einem Briefe: „Es ist eine Erquickung fur 
Geist und Herz, dass ich die Correctur des vierten Hef- 
tes „Lieder ohne Worte" zu machen habe. Ich spiele 



— 8i — 

sie und die Variations serieuses wieder und immer wieder, 
jedesmal geniesse ich ihre Schonheiten auf s Neue." Als 
dankbare Erwiderung dieser Sendung schreibt Moscheles 
ihm seine beiden neuen Etuden F - dur und D-moIl ab 
und sagt: „Er wird sie eben so gut vom Blatt lesen wie 
Liszt." 

Die Freunde verlangten gegenseitige, aufrichtige Be-, 
urtheilung solcher zugesandten Werke und erhielten sie 
ungeschminkt. Auch wurden Mendelssohn von Mann oder 
Frau die musikalischen Vorgange Englands mitgetheilt, 
besonders die auf ihn beziiglichen. Unter Anderm hatte 
die Frau ihm von fatalen Vergleichen geschrieben, welche 
eine stets geschaftige Presse zwischen ihm und Spohr 
angestellt hatte, und er erwidert am 14. Marz 1841: 

„Das Einzige, was mir in Ihrem einzig lieben Brief 
leid thut , ist , dass Sie an der sonderbaren Vergleichung 
und an den Hahnenkampfen Antheil genommen haben, 
die, mir unbegreiflicher und sehr bedauerlicher Weise, in 
England zwischen Spohr und mir angefangen worden sind, 
wahrend mir wirklich nicht die geringste Idee zu einer 
solchen Concurrenz und Vergleichung in den Sinn gekom- 
men ist. Sie werden lachen oder ziirnen, dass ich auf 
einen so scherzhaften Streit, so ernsthaft antworte, aber es 
liegt etwas Ernsthaftes da zum Grunde, und durch diese 
fortgesetzte Concurrenz, die, Gott weiss wer aufgebracht 
hat, geschieht nicht Einem von Beiden ein Gefallen, sondern 
jedem ein Schadeii, wie ich glaube; abgesehen, dass ich 
bei einem Meister aus Spohr's Zeit, von Spohr's Bewahrt- 
heit , niemals als Gegenmann auftreten kann und mag; 
dazu hab' ich vor seinem Wesen und seiner Person von 
jeher und schon als Knabe viel zu viel Resp'ect gehabt, 
der sich mit reiferer Einsicht um nichts vermindert hat. 
— Verzeihen Sie mir wie gesagt , den langweiligen Ton 
auf einen so liebenswiirdigen Brief, aber mir fallt alles 
das unwillkiirlich ein, wenn ich an den widerwartigen T. 
denke, und an das ganze Wesen, das er treibt. . . . ." 

Die so eben erschienene biographische Skizze „Das 
Leben Beethoven's" fand Beifall; die erste Auflage war- 

Moscheles' Leben. II. '6 



Sf.:L 



bald vergriffen und derii Vater wird geschrieben, „dass 
die Presse viel Lob spendet", „ja", sagt die Frau^ „es wird 
Moscheles ernstlich gerathen, doch baldmoglichst noch 
etwas Musikalisches zu schreiben." Der Rath musste aber 
wegen Mangels an Zeit — vielleicht auch an Lust — un- 
beachtet bleiben. 

Unter den vielen Schiilern der letzten Jahre erscheint 
unausgesetzt ein Original Mr. B.: „Die Riesengestalt 
wollte Riesenwerke schaffen und Ideen sollten unter der 
Lockenperiicke hervorsprudeln. Er bringt mir einen neu- 
gebackenen Psalm, eine Motette, ein Lied in die Lection 
und ich corrigire, indem ich ein weisses Blatt nehme, 
seinen oft eigenen Text in Musik setze und ihn dann 
frage: „Is not that what you meant to express?" (1st das 
nicht, was Sie sagen wollen?), worauf er stets mit: „Oh 
yes and just so" antwortet. Kiirzlich kam er mit einer 
ganz neuen Marotte. Spohr, Mendelssohn und ich sollen 
ihm Jeder einen Psalm mit Orchester schreiben und er 
zahlt £ 20 per Stuck." Mendelssohn wahlte den dreizehn- 
ten, Moscheles den dreiundneunzigsten , und Mr. B. 
lasst sie mit ausserster Sorgfalt ausstatten. „Kein Papier 
ist -ihm fein, kein Stecher gut genug", klagt die Frau in 
einem Brief; „und so plagt er meinen armen Mann be- 
standig mit .dieser Auflage, wahrend dieser gerade mit 
der zweiten Auflage seiner .Anticipations of Scotland" 
beschaftigt , schon genug mit seinem Stecher zu con- 
feriren hat. Gestern entliefen wir aber unserem B. und 
vergassen ihn und seine Kleinlichkeiten bald, denn wir 
sahen die Rachel in den „Horaces". Wie edel , wie gross 
ist sie in Sprache, Erscheinung und Bewegung; sie flosst 
mir Ehrfurcht ein, und indem ich iiber sie schreibe,- fuhle 
ich die Geringfugigkeit meines Lobes diesem Genie gegen- 
iiber. Besonders merkwurdig blieb mir ihr Steigerungs- 
talent, gewiss eines der wichtigsten Momente in jeder 
JCunstleistung und doch oft darin vermisst. Erst steht sie 
einer Bildsaule gleich, an einen Pfeiler gelehnt und man 
hat Zeit, ihr Profil — seine classische Ruhe und den Fal- 
tenwurf des Costiims zu bewundern; dann als sie die 



- 83 — ' 

Erzahlung des Kampfes mit anbort, begleitet sie diese 
mit ihrera unubertrefflichen Mienenspiel in alien seinen 
Phasen; nun ist sie nicht mehr Bildsaule, sondern ein 
lebendes Wesen, dessen Wiinsche trad Leidenschaften sich 
in seinen Zugen malsn; aber noch fehlt die Sprache; als 
diese wohltonend von ihren Lippen fliesst, ist sie gemes- 
sen wie ein feierlich getragenes Lied; Im Lauf der Rede 
erwarmt sie sich, aus dem gemessenen Tempo wird ein 
bewegtes, zuletzt ein rasches, endlich ein tempo rubato. 
Aber immer bleibt die Stimme klangvoll , die Articula- 
tion deutlich; man verliert keine Sylbe und erst, wenn 
sie aufgehort fuMt man, dass man ihr athemlos ge- 
folgt ist. ..." 

Ende Juli schreibt Moscheles aus Boulogne: „Gestern 
sind wir hier angekommen, und ich sage es mit Stolz 
und Wohlbehagen — ich bin ein freier Mann! Indem ich 
dies schreibe, larmt es unten am Hafen. Ueberall wehen 
Tricolore, Flaggen, man will den Jahrestag von Louis 
Napoleon's fehlgeschlagener Landung feiern; aber dem 
ersten Napoleon alle Ehre> sein Geburtstag am 15. August 
soil mit grossen Feierlichkeiten begangen werden." .... 
Spater schreibt die Frau: „Es wird hier trotz alles See- 
badens und Spazierengehens doch sehr viel musicirt. Ich 
habe mich E. zu Liebe pensionirt, damit nur sie mit 
ihrem Vater spiele." Moscheles fiigt hinzu: „Indem ich 
dies' schreibe, hore ich, wie E. mem ,,Kindermarchen und 
Versohnung" spielt und kann mich nur daruber freuen, 
da sie meinen leisesten Wink uber Vortrag schnell auf- . 
fasst und sich beimLesennichtsFalsch.es einstudiren wird." 
Als die sechsjahrige Tochter am Ende dieses Jahres die 
E-dur-Scala gelernt hat und den Vater damit uberrascht, 
improvisirt dieser Basse in verschiedenen Rhythmen da- 
zU, was sie keineswegs ausser Fassung bringt. „So freue 
ich mich an der Entwickelung der Kinder", schreibt Mo- 
scheles, „weil an mir selbst nicht mehr viel zu'entwickeln 
ist. Eben driicken mich Vorwurfe iiber meine vaterliche 
Selbstliebe , aber Ihr werdet mir diese Schwachheit ver- 
zeihen, da ich nicht weniger empfanglich fur das Gedeihen 

6* 



— 84 •=• 

Eurer Kinder bin." Ein Brief an die Schwagerin sagt: 
„Du fragst, ob Deine Tochter Generalbass lernen sollen? 
Und ich sage ja. Freilich findet sich keine practische An- 
wendung fur das Studium , wejnn es nicht unermiidlich 
und Jahre lang verfolgt wird; doch hilft es, selbst dilet- 
tantisch betrieben, zum besseren Verstandniss guter Com- 
positionen , indem es ihre Structur begreifen lehrt ; ist es 
doch die Grammatik der Tonkunst, also eine unerlass- 
licbe Hiilfe zum tieferen Eindringen in ihr Wesen. Das- 
Lesen eines bezifferten Basses ist nothwendig, wenn man 
alte Musik begleiten will und endlich auch eine Stufe 
zum Partiturlesen. Wahle Dir als Lehrer einen guten 
Theoretiker oder Organisten, vielleicht Schwenke; denn 
"was ich von ihm gesehen habe, lasst mich auf seine- 
Griindlichkeit schliessen . . . ." Fast gleichzeitig schreibt 
er Folgendes an die Wiener Freundin, Frau von Lieben, 
eine geborene Le winger: „Auf Ihre Anfrage wegen des 
Unterrichts Ihrer Kinder sage ich: Sie miissen beim 
Clavierspiel Ihrer Kleinen nur insofern auf die Kraftaus- 
bildung bedacht sein, als die von Natur schwacheren vier- 
ten und fiinften Finger den anderen gleich werden sollen. 
Den Handleiter halte ich fur iiberflussig. Der Schuler 
muss anfanglich dazu angehalten werden, die Arme und 
Hande auf eine natiirliche Weise zu halten — Ellenbogen 
und Handgelenk weder zu hochtragend , noch herabhan- 
gend zu gebrauchen. Ein aufmerksamer Lehrer und gute 
Vorbilder miissen das Beste hinzu thun. Gutes Tacthalten 
und Ausdruck miissen zugleich, doch urn weniges spater f 
entwickelt werden. Variationen und Phantasien iiber Opern- 
thema's passen weniger zur Entwickelung eines eigenthiim- 
lichen Styl's, weil darin das Ohr zu sehr an den bekannten 
Formen hangt. Origfinal-Werke von guten Meistern sind 
niitzlicher. — Aber wenn das Alles mit dem Handleiter geiibt 
werden sollte (wie Kalkbrenner empfiehlt, der sich noch tag- 
lich dessen bedient), so muss das Gefuhl schlafen, wahrend 
die Hand sich bewunderungswiirdig — steif bewegt. 
Was ware aus uns alteren Clavierspielern und aus den 
Thalberg und Liszt geworden, wenn sie sich des Hand- 



- 85 - 

leiters bedient hatten! Die Kunst, stande sie holier? Und 

K.'s Speculation, spickte sie seinen Beutel bis zum 

Platzen? Basta. .... 

Ihr Freund 

L Moscheles. 

P. S. Alle, Gross und Klein, sind gar zu glucklich 
hier, und ware die Jetee nicht mit einer schlechten Musik- 
bande behaftet, ura uns an die Uhvollkommenheit mensch- 
licher Zustande zu erinnern, wir wurden allzu sentimental 
im Anschauen dieses grossen, ewig wechselnden Natur- 
schauspiels. ... 

Moscheles schrieb in diesen Boulogner "Wochen seine 
Tarantella (Emily dedicirt), die Serenade (beide Werke 
mit ihren Arrangements gegen ein Honorar von £ 80 bei 
Chappell verlegt); ferner die Romanesca, aueh zwei sehr 
schwere Etiiden, eine kleine Barcarole in Des-dur, „da- 
mit ich doch weiss , warum ich an der See lebe". , Auch 
arrangirte er Beethoven's Septett zu vier Handen. — 

Das Hauschen in Chester 'Place wieder erreicht, 
finden wir die Ausrufungen des innigsten Dankes gegen 
Gott fur eine so glucklich vollbrachte, genussreiche Reise. 
Der Besuch bei einem jungen Ehepaar ruft bei Mosche- 
les die Bemerkung hervor: „Sie schwelgen in ihremGliick; 
aber bei ihnen sind es noch Flitter n; bei uns schon eine 
hartere im Feuer erprobte Substanz, denn wir sind ein 
gliickliches altes Ehepaar, konnen auch noch jting thun, 
wenn's darauf ankommt, tanzen wie die Rehlein, hiipfen 
wie die Bdcklein , um zwei schlafen gehen, um sieben 
wieder aufstehen und doch den ganzen Tag unsere Ge- 
schafte frisch und kraftig betreiben. Ueber die fortschrei- 
tende Erziehung der Kinder wollen wir aber stets mit 
Ernst wachen und Alles aufbieten, um sie zu einem gliick- 
lichen Resultate zu bringen. Sie miissen auch vor Leuten 
spielen; man kann sie nicht friih genug iiber die Dilettan- 
ten - Blodigkeit hinwegbringen , die so sehr an- Ziererei 
grenzt; man muss sie lehren, nicht an ihr eigenes kleines 
Ich, sondern an die Grosse des vorzutragenden Kunst- 
werks zu denken." 



..; . ■ — '86 — "' " 

Gleich im Herbst "wurden die Singvereins - Uebungen 
mit gewohntem Eifer wieder aufgenommen und durch den 
'Winter hin fortgesetzt. Auch die musikalischen Sonn- 
abende beginnen von Neuem, diesmal abwechselnd im 
Benedict'schen und Moscheles'schen Hause. - Die Frau 
schreibt daruber: „Ich kann Euch diese Abende nicht ge- 
nugruhmen, siebieten die echtesten Kunstgeniisse bei gros- 
ser Einfachheit; kein Wunder, dass Alles heiter und auf- 
geraumt ist und gem zum Beschluss ein Tanzchen macht, 
wozu Moscheies meist spielt 'und Benedict die Figuren in 
Quadrille und Cotillon angiebt." 

Und hier , wo wir, wie so oft schon , von seiner Hei- 
terkeit, seiner Zufriedenheit horen, drangt sich wohl mit 
Recht die Frage auf: War denn dies Leben ein durch- 
aus gliickliches, ungetriibtes? — Hatte diese Familie vor 
alien andern Jdas Vorrecht in ihren Unternehmungen , in 
ihren Gliedern gesegnet zu sein? — — O nein, der Wer- 
.' ; muthstropfen , der bei alien Sterblichen in den Lebens- 

becher traufe'lt, hatte auch hier seine Bitterkeit; aber 
Moscheies' gliickliches Naturell iiberwand diese rasch r 
und hielt" sich an die Siissigkeiten , welche K.unst und 
Beruf ihrn boten. Es drangte sich wohl eine Thrane in 
sein Auge, ' ef loderte wohl in Zorn gegen Ungerechtig- 
keit auf, — aber bald trat Erschopfung ein, er konnte 
ruhen; We'nn auch nicht schlafen, und stand nach schwe- 
ren Momenten gestarkt und stille geworden von seinem 
Sopha auf, kanhte keine durchwachten Nachte, kein Grii^ 
beln iiber Unvermeidliches. Seine Frau pflegte er in schwe- 
ren Momenten durch die AUgewalt seiner Liebe, durch 
sein Motto: „Wie Gott will"! zu beruhigen. 



1842. 

Am i. Januar schreibt Moscheies in sein Tagebuch: 
„Glucklich und zufrieden beginne ich dies Jahr im Kreise 
meiner Frau und unserer vier Kinder und sehe mit Zu- 



'■.■■\- ' -:■■■ ;' _ : 87 ;_. .; /-■-.;■- 

versicht der Ausbildung der . letzteren entgegen. Indent 
ich dies hierher schreibe, komme ich mir- vor wie ein 
Monarch, der bei Eroffnung seiner Kammern feierlich 
ausruft: In unserm Ihnern gedeihen Industrie und Wohl- 
stand etc. etc." ' 

Es wird zu Anfang des Jahres die Bekanntschajt der 
Familie Bunsen erwahnt und spater „das einfach ein- 
nehmehde Wesen beider Ehegatten bei so grosser Be- 
gabung" wiederholt geriihmt... „der gegenseitige Freund 
Neukomm das verbindende Element zwischen beiden Fa- 
milien" '. . . „die interessanten im Bunsen'schen Hause ver- 
lebten Stunden" vielfach besprochen. Schon Ende Januar 
spielt Moscheles dort vor dem Konige von Preussen auf 
einem fur Se. Maj. gewahlten Erard; Neukomm lasst sich 
auf dem orgue expressif horen; „ Alexander v. Humboldt 
und andere beriihmte Landsleute sind in des Konigs Suite, 
Alle an meinen Leistungen freundlich theilnehmend." 

Mit dem Februar beginnt eine Priifungszeit fur die 
Familie Moscheles: — der Scharlach bricht aus. Wir 
denken an Dickens' Worte': they sat together and talked 
of their illnesses (sie sassen zusammen und sprachen von 
ihren Krankheiten), und mochten dem Leser keine solche 
Langeweile aufbiirden, nur muss es hier gesagt sein, dass 
der Arzt es Moscheles als Pflicht auferlegte, sein Haus 
zu verlassen, um nicht etwa die Ansteckung zu seinen 
Schiilern zu tragen, dass er sich Moscheles 5 Weigerung 
mit Hinweis auf sein Gewissen widersetzte, dass auch 
ihm das Gewissen nicht erlaube, Arzt im Hause zu bleiben . 
und dass Moscheles der zartliche Gatte und Vater von 
den Seinigen getrennt blieb, wahrend er so gem geholfen, 
getrostet hatte. Lassen wir ihn selbst in einigen der 107 
Billette sprechen, die vor uns liegen und die er seiner 
Frau — gewohnlich drei an einem Tage — sandte. 

„Von Gottes Giite, von Deiner Seelenstarke erwarte 
ich Alles" oder „ein neuer Sonrienschein verkiindet mir, 
dass er auch Euch segnend bescheinen wird" . , . „Wenn 
Deine Kraft zunimmt, unsere Trennung zu ertragen, will 
ich mir denken, ich sei auf einer Reise, aber auf dem 



— 88 — 

Riickweg begriffen, der Weg. holpricht, die Diligence 
schleppend, sie bleibt audi im Morast steeken, was 
die Nachhausekunft noch verspatet, bis endlich der Con- 
ducteur sagt: „Sie sind auf der letzten Station" und der 
Zollbeamte: „Sie sind expedirt"... Mitunter vergisst er 
auch^sein Trosteramt und fallt aus der Roller „Eine Zelle 
in Newgate konnte nicht so viel Abstossendes fur mich 
haben, als eine Wohnung getrennt von Dir" . . . Ein bes- 
seres Bulletin veranlasst die Worte: „Es wurde mir in den 
Singverein nachgeschickt und in der Freude meines 
Herzens liess ich gleich ein Gloria singen; sage Felix, 
ich werde ein ganzes Fass Wein auf seine Gesundheit 
austrinken, Das Rossini'sche Stabat Mater, auf das wir 
so gespannt waren, ist mir seit unserer Trennung bekannt 
geworden, und jetzt lassen Benedict und ich es im Verein 
studiren. Es ist, wie Du denken kannst, ein Muster von 
Singbarkeit (wenn Du mir den Ausdruck erlaubst), mir 
aber nicht kirchlich genug im Styl, seine einzige Fuge 
unbeholfen. Die Urtheile iiber das Werk klingen sehr 
verschieden; einige stimmen mir bei, aber die Masse er- 
gotzt sich an den einschmeichelnden italienischen Phrasen, 
die auch ich bewundere, ohne sie am rechten Ort zu nnden. 
Nun, die Zeit ist ja hoffentlich nicht allzu fern, wo Du 
wieder.im Verein mitsingen und das Werk kennen lernen 
wirst. ... Lass uns genau verabreden, wann ich Dich am 
Fenster sehen kann; es ist zwar eine Tantalusqual, aber 
wenn ich hinuberschaue und Du nicht da bist, so fiihle 
ich mich, als hatte ich ein richtiges Tempo verfehlt.'" . . . 
Oft sucht er sie auch durch Erzahlungen aus dem 

Bekannten - Kreise zu unterhalten Ich horte B. M. 

«in Stuck eigener Composition spielen, aber es war 
eine Umschreibung von Thalberg und Dohler, also ein 
Abguss vom Abguss" ... In einer Soiree mussten seine 
„Ohren leiden! Rode's Variationen und Weber's Concert- 
stuck, dilettantisch vorgetragen. Endlich entschloss ich 
mich, durch mein eigenes Spiel alle diese Misstone zu ver- 
scheuchen." . . . Von einem sehr kleinen iiberluxuriosen Hause 
■erzahlt er: „Es koramt mir vor wie ein Kind, das sich 



■- 8g - 

den Gala-Rock seines Grossvaters angezogen hat." . . . „Bei 
einem Mittagessen commandirt die Frau vom Hause und 
der Herr giebt Contreordre, die Sonne wieder andere 
und zwei arme unerfahrene Dienstmadchen liefen umher 
wie Schaafe, die sich von ihrer Heerde getrennt und v.on 
Hunden zusammengetrieben sehen" . . . 

„Mit Neukomm hatte ich ein so'nderbares Gesprach. 
Ich spielte ihm meinen Psalm (93.) vor; er sagte oft: schon, 
schon! gut, gut! und erklarte den Chor Nr. 2 fur sein 
liebstes Stuck; so voll Melodie. Ich bat urn Kritik und 
er zeigte mir einige Harmoniegange, die er fiir zu gewagt 
erklarte (ich dachte, wie niitzlich die seinen so gut ge- 
schriebenen, aber oft so monotonen Compositionen sein 
konnten), sagte aber nur; „der unerreichte Beethoven hat 
nochmehr gewagt." Und er: „da folgen Sie einem schlech- 
ten Beispiele" — worauf ich nur bescheiden evasive A.nt- 
wort geben wollte, als uns der junge Bunsen eben zur 
rechten Zeit unterbrach." . . . „Letzten Sonnabend sangen 
wir i6stimmig im Bunsen'schen Familienkreise eine Musik 
von Neukomm, zu der Bunsen einen selbstgeschriebenen 
Commentar hat drucken lassen. Neukomm hat Chorale. 
Miserere von Palestrina und die Liturgie der stillen Woche 
in dieser Musik harmonisirt zusammengestellt (mit Clavier 
oder Orgelbegleitung). Ich sang meinen Bass nur um 
weniges schwacher als Lablache". ... 

Wir iibergehen die Aeusserungen des Schmerzes iiber 
die lebensgefahrliche Krankheit des Sohnes, \iber das 
Darniederliegen der Frau und Tochter, iiber eine Reise 
Beider nach Brighton, die statt der erwiinschten Starkung 
neues Leid bringt; das Maass der Bitterkeit scheint voll 
zu sein, als der harteste Schlag, der Tod von Moscheles' 
Mutter, den Becher uberlaufen macht. 

Moscheles schreibt: „das Ungliick hat mich tief er- 
schuttert. Nie wurde -ein Sohn inniger geliebt, nie hat 
Einer solche Liebe herzlicher erwidert, als ich, Diese 
Liicke muss unausgefiillt bleiben. Aber Gott hat mir Frau 
und Kinder wunderbar behiitet. Ihm sei Dank dafur!" 

Das Versprechen, in York zu spielen, musste noch 



.' . r _- igo : — 

wahrend der Krankheitszeit eingelost werden. „Ich hatte 
in den drei Tagen viel mit meinem Seelenzustand zu 
kampfen," schreib't er, „aber das Publikum merkte es 
nicht. Das Orchester machte mir auch zu schaffen. 
Denke Dir, wie besonders wehmiithig es klang, wo alle 
Secundo-Parten der Blasinstrumente fehlten!... Ich spielte 
auch. irn York-Miinster auf der prachtvollen Orgel (fugirt) 
und erging mich in der Umgegend, um die Ungeduld 
todtzuschlagen, die immer nach. Hause wollte. Eine alte, 
halb zerfallene Statue soil eine old Mother Shiptoti vor- 
stellen, die gewahrsagt habeh soil: London is Lincoln was 
York will be,* den Yorkeim natiirlich sehr schmeichelhaft. 
Auch die Assisen mit dem zweistundigen Verhor dreier 
Morder fesselten mich, denn es war ein inter essanter Fall" 

Nach London zuriickgekehrt , gab es viel mit der 
SpohrVchen Symphonie fur Doppel-Orchester zu thun; Mo- 
scheles sollte sie auf Spohr's ausdriicklichen Wunsch di- 
rigiren und plagte sich viel dabei, da die Philharmonischen 
Directoren ihm nicht in der Aufstellung des Orchesters 
und ahnlichen Dingen beipflichten wollten. 

„Das Werk", sagt Moscheles, „hat all' die grossen 
Eigenschaften, die man an Spohr kennt und liebt: Schone 
thematische Behandlung, geniale Modulationen und vor- 
treffliche Instrumentation; aber den Hauptgedanken fehlt 
es an Neuheit und ich wiinschte mir mehr Episoden und 
Gontraste, da die Einheit so gross ist, dass sie beinahe 
zur Monotonie fahrt. Den Harmoniker mag das befriedi- 
gen, abef das Ohr bekotrimt zu viel gleichbedeutende Ein- 
df ucke; Das Orchester spielte mit Liebe und Eifer, er- 
zielte aber doch nur massigen Beifall". ... 

Nun fingen auch die Continentalkunstler an, das Ei- 
land musikalisch zu bevolkern , und unter diesen tritt 
Anton Rubinstein als Rival von Thalberg auf. „Dieser 
russische Knabe", sagt Moscheles, ,;hat federleichte Finger 
und dabei die Kraft eines Mannes." Aber auch die Ein- 
heimischen regen sich. Blagrove gab Quartett-Soireen, 
Bennett trat mit seinem Sextett in Eis-moll hervor, die 
Royal- Academy of music fuhrte Spohr's „Letztes Gericht" 



m 



_ - 9 i .__ 

auf, offentliche Diners und Privat-Soireen wechselten mit- 
einander ab. Noch wahrend der bosen Krankheitszeit 
hatte Moscheles durch die Vermittelung von Bunsen die 
Erlaubniss bekommen, dem Prinzen Albert seine grosse 
Klavierschule zu dediciren und an einera von ihm selbst 
zur Empfangnahme des Dedications-Exemplares ahheraum- 
ten Tage fand Moscheles sich im Palast eiri. Von dort 
aus schreibt er seiner Frau: . 

„Antichambre Buckingham Palace. Esist */+ nach i Uhr, 
ich sitze seiti2Uhr ganz allein in einem Vorziinmer desPa- 
lastes und gebe meinen Gedanken Audienz, ohne sie so 
lange warten zu lassen, wie der Prinz mich oder ich ineine 
harrenden Schulerinnen. Die Sonne dringt durch die 
Spiegelscheiben und war mt mich von der einen, ein grosses 
Kaminfeuer von der anderen Seite. 1st das nicht ein 
Gaudium? Aber Freiheitl Goldene Freiheit'.l hatte ich 
dich wieder und sasse zu Hause und sahe Dich statt dieser 
kahlen Wande! Zum Gluck fand ich Schreibzeug und 
kann Dir schwarz auf weiss beweisen, dass ich bei alien 
Gelegenheiten an Dich denke — 2 Uhr. Endlich erschien 
Dr. Schenck in meinem Gefangniss und zeigte mir in 
grosster Verlegenheit an, dass ich dem Prinzen, der bei 
meiner Ankunft anderweitig beschaftigt war, durch die 
Vergesslichkeit eines Pagen nicht ziim zweiten Mai ge- 
meldet worden sei. Der Prinz \yerde diese Vernachlassi- 
gung sicher nicht ungeriigt voriibergehen lassen. 5 Uhr. 
Jetzt bin ich wieder in meiner Exil-Wohnung und muss 
Dir das Ende meiner Hof - Geschichte berichten. Der 
Prinz folgte dem Dr. Schenck auf dem Fuss, machte Ent- 
schuldigungen und sagte, wie leid es ihm thate, mir so 
viel Zeit geraubt zu haben. Er war sehr liebenswurdig 
und meine Ungeduld verschwundeh. Ich uberreichte ihm 
die Clavierschule, in der er viel blatterte; er meinte, er 
werde sich wohl an .die leichtesten der Etudeh halten 
miissen, worauf ich natiirlich erwiderte, er habe nur zu 
befehlen, wann ich ihm die schweren vorspielen solle. 
Seine Antwort war freundlich, aber ohne Zeitbestimmung; 
so hat er keinen Wunsch, sie oder mich' zix horen. Ein 



— 92 — 

Page tritt ein: „H. M. the Queen is ready" und der Prinz 
empfiehlt sich eiligst mir und Dr. Schenck, der 'zugegen 
war; auch ich eilte fort zu meinen Lectionen". . . . 

Leider trat mitten in den Wonnemond, in die wechseln- 
den Geniisse der Saison wieder das Ungliick mit ehernem, 
xinerbittlichen Schritt hinein. Hamburg brennt und dort 
wohnen die geliebten Nachsten! — Als man iiber ihre 
Sicherh'eit beruhigt war, trat das Elend der obdachlosen 
Bevolkerung so grell hervor, schien das Scherflein einer 
Privatgabe so gering, dass Moscheies die Idee fasste, ein 
grosses Concert fur die Nothleidenden zu geben; doch wo 
einen freien Tag hernehraen, wo ein Local ohne allzu 
grosse Kosten? Der Ball fur die Spitalfields-weavers, die 
Masse der Concerte traten feindlich entgegen, der italie- 
nische Operndirector noch feindlicher durch den Preis, 
den er auf seinen Saal setzte. Aber Lablache hilft, nicht 
nur er selbst, alle seine Landsleute wo lien, von ihm auf- 
gefordert, mitwirken; alle Deutschen und Englander sind 
bereitwillig. Nun aber zweifelt das Hamburger Comite: 
"Wird Moscheies all ein den Saal fiillen? Will er sich 
Theilhaber an der Unternehmung zugesellen? Er verneint 
es, um freie Hand zu behalten. Die Eintrittskarten gehen 
reissend ab, in der elften Stunde kommt Mendelssohn an; 
das ist ein gutes Omen, denn auch er wird mitwirken; 
nun sind die Billette schon so begehrt, dass man den 
Orchester-Raum zu Sperrsitzen benutzt; die Logen hat der 
Hof inne, zuletzt baut sich ein Geriist von Tischen vor 
der Eingangsthiir des Saales auf fur den Ueberfluss der Zu- 
horer. Es giebt sehr viel Musik, darunter eine Etude in 
F-dur 2 /4 Takt, welch e Moscheies fur diese Gelegenheit 
schrieb, — aber auch sehr viele Guineen. Hier die Zu- 
sammenstellung von Einnahme und Ausgabe: 

Theaterdirector Lumley . ... . £ 50. 

Erfrischungen fur die Kiinstler „ 2. 10. 9. 

Extra-Sitze . . „ 2. 3. 6. 

Polizei „ 1. 8. 6. 

Anschlagbretter und Trager . „ 4. 7. — 



r . . 


. £ 8. 8. — 


. 


• ,, 23- 




120. 14. 9. 


764. 




. ■ 


■ 643. 5. 3. 


764. 


764. 



— 93 — 

Tischler und Tapezierer . 
Ankundigungen . , 



Brutto-Einnahme 
Ueberschuss , 



„Ich erbat mir", sagt Moscheles, „vom Senat 1000 
Mark von dieser Summe, welche ich privatim vertheilte, 
Spater schickte mir die Stadt eine Medaille aus dem ge- 
schmolzenen Erz der Glockenthiirme gepragt , mit den 
darin eingefiigten Worten: Hamburg dankt."... 

Bis zum 10. Juli gab es herrliche Tage mit Mendels- 
sohn und seiner Frau, denn man sah sich oft. Die Fran 
schreibt einmal: „Endlich ist mein sehnlicher Wunsch er- 
fiillt, ich habe die engelschone, -liebliche Cecile kennen 
gelernt. Mendelssohn hatte gariz Recht, wenn er voraus- 
setzte, wir wiirden uns verstehen und lieben lernen; ich 
meinerseits hatte es gar nicht erst zu lernen, denn sie 
sehen und mich zu ihr hingezogen fiihlen war eins." Es 
wurden schone Sonntage mit ihnen bei ihrer Tante Frau 
B. zugebracht, „bei himmlischem Wetter Laufspiele im- 
Garten arrangirt, wobei Mendelssohn's Fiisse sich eben 
so gewandt erwiesen, wie auf dem Orgel-Pedal", schreibt 
die Frau, „Charaden aufgefiihrt, wobei er den Regisseur, 
Moscheles das Orchester reprasentirte. Hiess es dann aber 
„ernst sein und tiichtig Musik machen", dann waren beide 
M's. erst recht in ihrem Element, dann horten wir 
viel Schones und die gewagte Improvisation, die nie 
fehlen darf, pflegt bei solchen Gelegenheiten am Besten 
zu gelingen. Hinterher heisst es wohl: das war aber toll, 
wie Du mir da mitten in das Thema "Deiner ernsten 
As-dur-Etiide, das ich recht sentimental vortragen wollte, 
mein lustiges Scherzo brachtest. Oder: "Wie konnte es 
nur gut gehen? "Wir sind doch heute wieder gar zu iiber- 
miithig gewesen!" — Als Mendelssohn's einige Tage bei 
Moscheles zubringen, sagt ein Brief: „Man kann ihm, dem 
Erregten, Uebersprudelnden nur Gliick wiinschen, dass er 






— gap, _*■■■■■ 

diese sanfte, echt weibliche Natur als Lebensgefahrtin be- 
sitzt; sie erganzen einander vollkommen." Moschel.es sagt: 
„Er spielte mir seine Antigone- Chore vor, sang oder 
brummte dazu und genug, es wurde mir daraus klar, wie 
gross und edel das Werk ist; der Bacchus-Chor im echten 
Geist." 

Man begegnet einander gesellig und musikalisch bei 
Grote's, Kernble's, Benedict's und in anderen Hausern, 
und haben die beiden M's. ' gespielt, so vertritt Miss 
Kemble die Vocalrausik und Mrs. Butler liest Shakespeare. 
„Aber Duprez' franzosische Romanzen wollten da nicht 
hineinpassen." . . . „Bei Alsager spielten wir Beethoven 'sche 
Sonaten und ich glaube, wir spielten heute noch, wenn's 
nach dem Hausherrn ginge.". .. „Die neue A-moll-Sinfonie 
ist wieder eine Perle; die Subscribenten des Philharmonic 
aber auch ganz bereit, sie als solche anzuerkennen und 
erst wir von der Musikergilde!".. . „ Anton Bohrer brachte 

seine talentvolle Tochter, die schon viel leistet." Ganz 

ist ein ausgezeichneter Cellist."... 

In der Julihitze nennt das Tagebuch „die lastige Arbeit 
noch lastiger" und meldet kurz darauf mit Behagen den 
Landaufenthalt bei den Lieben in der Nahe Hamburgs, 
fern von der eingeascherten Stadt, den thurmlosen Kirchen, 
den oden Brandmauern statt derwohlbekanntenHauser."... 
„Aber Gottlob, die Noth ist gestillt, die Obdachlosen 
untergebracht." 

Als die Familie im September schied, war es in Be- 
gleitung einer Nichte, „ein musiltalisches Pflegekind fur 
mich", sagt Moscheles, „das aber auch gem tanzt, so dass 
wir unsern Sonnabend, nachdem wir viel musicirt, ge- 
wohnlich mit einem Tanzchen beschliessen." 

Die deutsche Oper mit Frau Stockl-Heinefetter, Hai- 
zinger und Staudigl bietet grosse Geniisse, doch riigt 
Moscheles es, dass sie ihre Vorstellungen mit Robert der 
Teufel und einem gemis.chten Concert schlossen. „Das ist 
kein wiirdiges Ende," Im Matrimonio segreto gab's zu 
lachen. „Chorley hatte ihn geschickt in's Englische uber- 
tragen; Miss Kemble im Gesang sie selbst, im Spiel die 



■ i :rr iV" : ?*"^iir' : ''*;,T " T V-Rt^ : ^^~" r,-;-V 



— 95; 



wurdige Tochter -ihres Vaters, war von Mrs. Shaw auFs 
Beste unterstiitzt; eine Fidalma, die rait ihrer volltonenden 
Tiefe nie ihren Effect verfehlt, wenn sie als strafende 
Tante den zankenden Nichten nachspottet." 

Die Handelgesellschaft , welcher Moscheles beitrat, 
gab viel ernste Arbeit; sie hatte sich constituirt, urn eine 
verbesserte Auflage der Handel'schen "Werke zu veran- 
stalten; dazu bedurfte es vieler Zusammenkunfte und Be- 
rathungen. Fur die Jugend gab es in der Weihnachts- 
zeit ausser dem strahlenden Weihnachtsbaum auch nocb 
Jullien's neue Promenade-Concerts, „das ganze Driirylane- 
Theater", schreibt die Frau, „in einen Salon • umgestaltet, 
drapirt und mit Blumen geschmiickt, ein bewegliches Pu- 
blikuni im Hut und Mantel unten, wahrend oben in den 
Logen Abendtoiletten glanzen; unten i sh. Entree, oben 
hohere Preise. Nun aber die Hauptsache, die Musik. Sie 
wird auf einer Erhohung von einem guten Orchester ge- 
macht, das Jullien meist mit dem baton dirigirt, zuweilen 
spielt er ein flauto piccolo, das scharf durcbdringt und die 
guten Tacttheile markirt; immer wirft er sich nach Be- 
endigung der Stiicke wie erschopft in einen rothsammetnen 
Sessel, der inmitten der Estrade aufgestellt ist, immer 
zeigt sein Frack eine halbe Meile weisser Weste, aber 
immer auch sind seine Tanzweisen mit ihrer starken 
Wiirze von Trommel, Pauke und Trompete, ein An- 
^iehungsmittel fiir das grosse Publikum, ja es giebt 
keinen Schuljungen, der nicht Jullien's Promenade-Concerts 
in seinen Ferien besuchen miisste." Auch Moscheles muss 
diese Tanzweisen mit anhoren; aber eine ganz andere Art 
von Musik beschaftigt seine Gedanken am Schluss des 
Jahres. „Seitdem ich meiner funfjahrigen Toebter die 
C-dur-Scala in verschiedenen Tactarten begleitete, trage 
ich mich mit der Idee zu einem harmonisirten Scalenwerk. 
Es soil dem ScMler das mechanisch trockene Ueben der 
Tonleitern angenehm machen, seinen Geschmack bilden, 
indem er eine Melodie hort und ihm die unentbehrliche 
Festigkeit im Tact geben. Dies konnte -vielleicht der 
.elavierspielenden Welt nutzlich werden. Je fruher das 



_ t>6 _ 

rein Mechanische in den Hintergrund tritt, desto mehr 
wird das wahrhaft kiinstlerische Element ausgebildet." 



1843. 

Das Scalenwerk war in diesera "Winter Moscheles' 
Hauptarbeit; sein Zweck, „dass der Schiiler mit beiden 
Handen die Tonleiter ube, und dies mit Lust und Liebe" 
ward vollkommen erreicbt. Das Tagebuch sagt: „Ich will 
auch, dass der Lehrer, der das schwere Amt hat, den 
Anf anger die Scalen zu lebren und sie ihn tiben zu horen, 
sich nicht dabei langweile, wie das so oft geschieht; beide 
sollen angenehm beschaftigt sein; der Lehrer, indem er 
seinen eigenen Part liest und auf den des Schiilers achtet, — 
dieser indem er statt der blossen Scala ein rhythmisches 
Stuck, eine Melodie hort, und sich dabei an's Zahlen 
gewohnt." „Ihr glaubt nicht", schreibt die Frau, „mit wel- 
chem Enthusiasmus die Kinder iiber jedes neubeendigte 
Scalen-Stiick herf alien, E. naturlich als Lehrer; sie mus- 
sen A lies spielen, noch ehe die Dinte getrocknet ist, und 
„la danse des fees" bleibt der Liebling." 

Moscheles muss auch wieder zwei Hefte Arrange- 
ments — diesmal iiber Don Pasquale — machen; das ist 
leidige Geschaftssache; aber fur Cramer revidirt er drei 
nach Beethoven's Tode herausgegebene Stiicke zu Fidelio; 
daran hat er grosse Freude. 

„Wir hatten einen langen musikalischen Abend in 
Exeter-Hall", schreibt die Frau. „Zuviel fur den deutschen 
Geschmack; nicht mehr und nicht weniger als: Anthem 
von D, Crotch , Beethoven's Messe in C und den Lobge- 
sang. Wie ist es moglich, dass wir hinterher noch zu 
Mrs. Sartoris gingen, dass Moscheles spielte und Beifall 
erntete, ja, dass wir noch herzlich iiber John Parry lach- 
ten, ohne den es in diesem Winter nun einmal keine Soiree 
giebt. Ich erzahlte Euch schon, wie er allein ein Trio singt : 
jetzt lacht schon Alles , wenn er sich an's Clavier setzt, 
das er vollkommen beherrscht; er singt oft parlando zu 



— .97 '— »' : ■ '■■''■":■ ' v '- '";: ■."'■;'-'.'. '//.'■ 

seinem yortrefnichen Accompagnernent irgend eine Ge- 
schichte — meistens in Versen, die irgend eine Modenarf- 
heit beleuchtet , urn sie unbarmherzig -zu geisseln. Man. 

konnte ihn den musikalischen Moliere unserer Zeit nen- 

* - 

nen" 

Das nachste Mai: „Ich habe Euch wieder iiber emige 
Auftuhrungen in Exeter - Hall zu berichten, wo wir 
Christus am Oelberge in englischer Bearbeitung horten; 
dann aber auch an einerri Abend den Messias, unter ganz 
besondern Umstanden. Clara Novello jmd Mrs. Shaw, die 
vortrefflichen Sangerinnen, rissen das Publikum zu gros- 
sem Enthusiasmus bin; es wollte Alles zweimal hdren. 
Mrs. Shaw zeigte sich willig, Miss Novello nicht; sie wi- 
derstand allem Klatschen, Rufen und sonstigen Beifalls- 
bezeugungen und der Chor ,,why do the Heathen rage", 
welcher eben f olgte, passte vortrefflich zu. dem' ungebuhr- 
lichen Larm , der den grossen Raum erschiitterte. „Miss 
Novello, encore", ertonte es von alien Seiten. Leute stiegen 
auf die Banke, aber Alles umsonst, sie wiederholte nicht. 
Phillips, ,der Bassist , auch ein grosser Liebling des Pub- 
likums, hatte nun eine Arie zu singen und da auch er 
nicht angehort wurde, stand Miss Novello auf und ging 
hinaus, worauf sich Alles beruhigte und Phillips sein 
Stiick endete. Mehrere Nummern folgten ohne Storung, 
bis es endlich an die himmlische Arie kam „Ich weiss, 
dass mein Erloser lebt". Miss Novello trat wieder ein, 
diesrnal in Begleitung eines Comite-Mitgliedes ; das Publi- 
kum sollte angeredet, Miss Novello entschuldigt werden, 
doch gleich erhob sich eine Stimme im Saal mit- dem 
Ausruf: bad temper, und nun begann der Sabbath von 
Neuem. Sie sang also den erhabenen Text und die gross- 
artige Composition unter dem Zischen, Klatschen und 
Schreien der Menge, bis endlich ihr herrlicher Vortrag 
siegte und man schwieg." .... 

In diese Zeit fallt ein Brief von Moscheles an seinen 
Schwiegervater , als Antwort auf die Frage, — wie ihnx 
Berlioz' grosse Symphonie gefallen, die man soeben in 
Hamburg gehort? Er schreibt: „Ich kenne dieses Werk 

Moscheles* Leben. IT. ■ 7 



■'"- .- 98 ~ 

nur im Clavierauszug , konnte daher kein competentes 
Urtheil daruber abgeben, doch werde ich sehwerlich da- 
fur gewonnen werden, weil ich semen Mangel an Melodie, 
E-hythmus, Phraseologie und contrapunctischen Proportio- 
nen zu sehr fuhle. Seine Ouverturen: .francs juges und 
Benvenuto Cellini habe ich mit ganzem Orchester gehort; 
doch konnte mich seine effectreiche Instrumentation nicht 
fur die soeben genannten Mangel entschadigen, besonders 
an Stellen , wo er melodisch neues Poetisches bringen 
mochte und grade in das Verbrauchteste und Prosaischste 
fallt. Uebrigens beweise ich der Welt und meinen Freun- 
den gern, dass ich nicht zopfig am Althergebrachten hange, 
und die neuen Componisten zu schatzen weiss. So spiele 
ich jetzt.viel Chopin, ja ich suche mich darin einzuspielen, 
obgleich es nicht mein Genre ist. Der Clavierspieler Halle 
seit Kurzem in London , spielt Chopin viel und gut. Er 
kommt eben aus Paris und bringt gewiss die richtige 
Tradition dieser Notturnos und Mazurken mit, tragt aber 
auch andere Compositionen- mit Beifall vor." .... 

Wahrend des- Winters und selbst in das Friihjahr 
hinein giebt es viel Musik und manchmal gesellt sich 
ein Tanzchen hinzu. Moscheles schreibt einmal: „E S geht 
noch recht gut mit dem Tanzen, aber die spaten Stunden 
konnten es uns verleiden , wenn wir uns nicht an dem 
Vergniigen unserer jungen Madchen weideten." Die Frau 
meint: „Zur Abwech slung von Tanz und Musik herrscht^ 
hier jetzt die Tableau-Manie;" bei Benedict's, bei Sartoris 
bei uns werden sie ganz vortrefflich gestellt, da die Maler 
Landseer und. Horsley , "der Bildhauer Westmacott und 
Andere hulfreiche Hand leisten. Dabei sind unsere Sub- 
jecte ausgezeichnet : -Mrs. Sartoris als Sybille, z. B. war 
am letzten Sonnabend bei uns wirklich classisch. Sie selbst 
empfangt ausser an ihren Tableaux - Abenden auch noch 
Sonntags und das sind sehr genussreich-musikalische Stun- 
den, obgleich es uns leid thut, dass unsere ruhigen Sonn- 
tag-Abende durch diese unwiderstehlich anziehende Ein- 
ladung nun auch mit in den Saison-Strudel hineingezogen 
werden." Aber auch Klagen sind zuweilen zu verzeicli- 



— 99 — , 

Tien. So notirt Moscheles: „Mit der Handel- Gesellschaft, 
von der ich mir grosse Dinge erwartet hatte, geht 
es schlecht. In den Conferenzen erzeugen personliehe 
Eitelkeiten heftigen Streit statt verniinftiger Debatte, und 
so sind die Zustande unergiebig und unerquicklich." 
Nach einiger Zeit erst sagt das Tagebuch: „Endlich ist 
die Sache zweckentsprechend constituirt und wir beginnen 
mit der Herausgabe von drei Coronation -Anthems. In 
«iner spateren Lieferung werde ich die Edition des Alle- 
gro e Pensieroso Qbernehinen " 

Audi in dieser Saison hat er in der Philharmonischen 
■Gesellschaft wieder die neunte Symphonie zu dirigiren 
und es heisst: „Grosse Miihe, aber ein Hochgenuss." 

Bunsen's veranstalteten ausser so manchen genuss- 
reichen Zusammenkunften im engeren Kreise und dem 
diplomatischen „Empfang" drej grosse musikalische Soireen 
unter Moscheles' Leitung und Mitwirkung , . wobei sich 
jedesmal zwischen sieben- bis achthundert Personen in 
ihren prachtvollen Salons drangten. 

Um diese Zeit findet ein grosses musikalisches Ereig- 
niss statt: „Das Leipziger Conservatorium ist am 10. April 
•durch die erste Schviler - Aufnahme eingeweiht worden. 
Mendelssohn an der Spitze, kann man Grosses von dem 
jungen Institut erwarten. Und dabei spricht er immer da- 
von, mich hinzuzuziehen. Es ■ware ein schoner Beruf , im 
Verein mit ihm zu wirken , das Londoner Lectionenjoch 
und den ganzen Dilettantismus abzuschutteln , um junge 
Kiinstler zu bilden! . . . ." 

Die Fran aber hat "iiber andere , nicht musikalische 
Vorgange zu berichten: „Der Themse-Tunnel, dessen Ge- 
und Misslingen die Welt so lange beschaftigt hat, ist nun 
gliicklich eingeweiht und wir wohnten der Feier um so 
lieber bei, als uns -freundschaftliche Beziehungen an die 
Familie- des Erbauers kniipfen. Es war etwas unheimlieh, 
als man unter dem bestandigen Rauschen der Wasser- 
pumpe in die feuchte Tiefe hinabstieg. Es Hess Eineiri 
keine Illusion, die Themse rollte ihre machtigen Fluthen 
iiber diese schon oft von ihr durchbrochenen Wolbungen 



;.'■■;. — ioo — " 

und wie nah oder wie fern mochfe der Moment sein, wo 

r.; . diese tageshelle Beleuchtung, diese frohen Menschenschaa- 

■ ■ , ren von dem zischenden Element auseinandergesprengt 

* : wurden, fragte sich nieine Einbildungskraft ? Der Jubel- 

ruf, mit dem Sir Isambard Brunei und seine Arbeiter be- 
" , - griisst wurden , als sie von einer Musikbande begleitet, 

durch den Tunnel schritten, war Gottlob die einzige Ant- 
wort auf meine Erage, denn Alles lief gliicklich ab. Nur 
der Herzog von "Wellington , der den Tunnel hatte erofF- 
nen sollen, blieb in der Oberwelt. Seine Aerzte erklarten r 
die feuchte Luft sei schadlich fiir ihn, und so war die 
versammelte Menge um ihren Helden betrogen*)". . . . 

Wollen wir hier andere, wenn auch nicht zur musikali- 
schen "Welt gehdrigen Beriihmtheiten aufzahlen , die Mo- 

" scheles naher traten, so finden wir den schon genanntenr 

Sir Gardner Wilkinson, den egyptischen Reisenden, 
der ein grosses Werk iiber dies feme Land und seine 
, Dynastien herausgab, und das brittische Museum mit 
seinen von dort heimgebrachten Schatzen beschenkter 
' Samael Rogers, den beinahe achtzigjahrigen und doch 

nochso jugendlich lebendigen Dichter, die schon genannten 

' Edwin Landseer und Westmacott, letzterer durch 

lange Jahre hin der treue Freund der P'amilie; Grote, 

; durcb seine Geschichte Griechenlands beriihmt, er und 

seine Frau kunstliebend und beschiitzend; unsern Lands- 
mann Kohl, unsere deutschen Maler Hensel und Win- 
terhalter, die oft Abends im Moscheles'schen Hause- 
Familienportraits zeichneten, wahrend musicirt wurder 
Doyle, den unter den Initialen H. B. beriihmt geworde- 

*) Es sei erwahnt,' dass nicht lange nachher die Familie Brunei eine 
harte Priifung zu ertragen hatte. Der SUeste Solin, der benihmte Ingenieur, 
Erbauer der westlichen Eisenbahn und spater auch des RiesensdrifTs, latte 
im Spiel mit seinem Knaben einen halben Sovereign verschluckt, was 

~'_ lebensgefahrliche Entziindung hcrbeifiihrte, Eine gewagte Operation am- 

Kehlkopf brachte das Geldstfick nicht zu Tage; wohl aber that dies eine- 
von ihm selbst vorgeschriebene Manipulation; er Hess sich auf ein Brett 
schnallen rmd auf den Kopf stellen. Ein dadurch herbeigefiihrter Husten- 
anfall befreite ihn endlich nach qualvollen Wochen von seinem ,,Bttsen- 

'- - freund", wie er scherzend diesen halben Sovereign zu nennen pflegte. 



-."&$ 



— lOI — 

n,en Caricaturen-Zeichner. Auch Rowland Hill, dem die 
Welt die Einfuhrung des Penny-Porto's verdanfct, begeg- 
net man 6fter. „Iramer", sagt Moscheles, „betrachte ich 
4en interessanten hauslichen Kreis als das beste Bildungs- 
xnittel fur unsere Jugend, wesshalb er von mir sehr hoch 
gehalten wird." 

Unter den Musikern war Alex. Dreyschock, der Pianist, 
^ine neue Erscheinung. Moscheles schreibt: „Er ist noch 
Jung in der Kunst, obgleich er die bewundernswertheste 
Technik hat, federleichte Finger und eine linke Hand, die 
erstaunliche Sachen macht. Neue Kunstgenusse stehen mir 
.aber nicht durch ihn bevor, denn er kann zwolf Stiicke 
mit berechneten Knalleffecten spielen, hat aber keinen 
■Styl, keine Eigenthumlichkeit, kann nichts lesen und auch 
keine fremden Compositionen im richtigen Geist vortragen. 
JSTennen wir ihn den Octavenhelden! Hier wird er strenger 
beurtheilt, als in Paris, obwohl der Beifall bei seinen tours 
de force laut ist. Wir stehn im besten Verhaltniss zu ein- 
ander." Gleichzeitig finden wir die Notiz im Tagebuch: 
„D.'s Etiide fiir die linke Hand viel geiibt und iiberwun- 
-den." Eine spatere Notiz sagt: ..Kleine Soiree bei uns. 
D. griff das Instrument zu sehr an und verdrehte dabei 
-die Augen." „Ich muss" , schreibt die Frau , „hier noch 
«ine wahre Anecdote beifugen. D. probirte neulich einige 
der Scalenstiicke mit Moscheles: er spielte zwar die „Schu- 
ler-Partie", irrte sich aber dennoch oft im Tact, worauf 
C mir ganz laut sagte (zum Gluck englisch , was er 
vielleicht nicht verstand): „Mama, hat Herr D. nicht die 
Scalen gelernt?" Ihr konnt Euch mein Entsetzen.uber das 
■enfant terrible denken. Uebrigens hatte ich genug zu 
thun , um auch die altere Jugend im Schach zu halten, 
-da D. mitunter das Clavier schlagt und entweder bei 
sentimentalen Stellen eine Grimasse wie' zum Weinen 
macht, oder nach einem gliickrich ausgefiihrten Octaven- 
rsturm triumphirende Blicke um sich wir ft, .... Sivori 
ist. uns viel sympathischer und als Geiger bewunderungs- 
werth, ja mitunter staunenerregend " 

Sivori gab vier uberfiillte Concerte und erntete be- 



^-102 — - 

sonders fur seinen Carneval de Venise goldene Lorberru 
Dann erschien der Geiger Ernst mit seinem grossen Tort 
und der deutschen Wiedergabe Beethoven'scher Sonaten. 
Diese wird im Tagebuch stets als „grossartig" , als „ein 
wahrer Genuss" besprochen, wahrend Moscheles die „Ele- 
gie zu siisslich sentimental, ja weinerlich, obwohl vortreff- 
lich gespielt" nennt. „Am achtzehnten Juli", sagt das 
Tagebuch, „sollte Ernst einen eclatanten Triumph feiern."^ 
Bunsen und "Viele durch und mit ihm hatten eifrig fiir 
Griindung eines deutschen Hospitals in London gewirkt, 
und als man auch von einem fiir den Zweck zu gebenden 
Concert sprach, waren die deutschen Kiinstler Alle be- 
reit, sich dabei zu betheiligen. „Dort nun", sagt das Tage- 
buch, „zeigte sich Ernst zum ersten Mai in seiner ganzen 
Grosse vor einem englischen Publicum. Er spielte Spohr's- 
Gesangs-Scene, seine Othello- Variationen, etwas von May- 
seder und den Carneval de Venise, und riss durch seine 
hohe Meisterschaft das Publicum zu stiirmischem Bei- 
fall hin." 

Indessen war aber auch der grosste der Geiger, Spohr 
nach London gekommen , und fand als Componist , Diri- 
gent und als ausiiberider Kiinstler die hochste Anerken- 
nung. Seine „Weihe der Tone" wurde unter seiner Leitung- 
im Philharfnonischen Concert gegeben , wo er auch sein 
Concertino spielte, spater veranstaltete die Gesellschaft 
ihm zu Ehren eine Extra- Auffiihrung , welche auch die 
Konigin besuchte. Man gab seinen Macbeth, Mendelssohn's 
Hebriden und die Freischutz-Ouvertiire , Mozart's D-dur- 
Symphonie ganz und die neunte zur Halfte, Alles unter 
Spohr's Leitung, der auch sein Andante und die Polonaise 
in B-dur spielte. Das Publicum lohnte ihm durch rauschen- 
den Beifall, die Directoren durch em. Geschenk. — Auch 
die Sacred harmonic society wollte den Meister durch 
eine Auffuhrung seines „fall of Babylon" in Exeter -Hall 
ehren. „Das Allzutheatralische dieses Werks kam ihm 
vor dem gemischten Publikum dieses grossen Locals gut 
zu Statten", sagt das Tagebuch. ,,Es ergotzte sich an den 
militarischen Trommeln und „den verschiedenen Tanzrhyth- 



— 103 — 

men, die darin vorkommen." Die musikalischen Vereine 
wollten nicht nachstehen, und um Spohr ihre Achtting zu 
beweisen, gab ihm die British Society eine Matinee, worm 
Compositionen ihrer Mitglieder aufgefuhrt wurden, „dar- 
unter ein Violin - Quartett voll von Reminiscenzen aus 
Spohr's eigenen Werken. Wir Kunstler bereiteten ihm ein 
grosses Festmahl in Greenwich; wir war en wohl neunzig 
an der Zahl, assen, tranken, toasteten, und machten Musik. 
Mich setzte man als Dolmetscher an Spohr's Seite und 
ich verdeutschte ihm alle zu seiner Ehre gehaltenen Reden. 
Auch musste ich ihm drei seiner Manuscript-Duette accom- 
pagniren, die er zum Besten gab. Spater in meiner Im- 
provisation versuchte ich ganz„Spohrisch"zu sein und ver- 
arbeitete Themen aus der „Weihe der Tone". Natiirlich 
besprach man dies Festessen in alien Zeitungen , und da- 
bei erwahnte die Morningpost- Moscheles' Mitwirkung: it 
was one of those Fantasias, for which he stands unrival- 
led. — D. spielte auch ein Stuck aus seiner Sonate „mit 
gewohnter tobender Execution". 

Bei Moscheles und in anderen befreundeten HaUsern 
ward Spohr auch durch musikalische Auffiihrungen ge- 
feiert. „Wir. haben 117 Personen geladen' ; , schreibt die 
Frau, „denn wen mochte man bei so einer Gelegenheit 
weglassen?" Von einer Matinee bei Mr. Alsager schreibt 
sie: „Es waren fast nur Kunstler dort und die Musik be-, 
gann mit einem Spohr'schen Doppelquartett. Es ging brav, 
aber Spohr stand oft auf, um die Tempi berichtigend zu 
dirigiren. Dann spielte Moscheles Spohr's Quintett mit 
Blasinstrumenten, ohne Tempo-Veranderung; ja Spohr, der 
doch eben nicht demonstrativ ist, ging nach dem ersten 
Stuck an's Clavier und schiittelte ihm kunstbruderlich die 
Hand. Halle bliitterte um, wa.hr end alle e'inheimischen und 
fremden Clavierspieler und Spielerinnen London's zuhor- 
ten. Spohr's Nonett war ein grosser Genuss! Zu neunund- 
fiinfzig Jahren noch so zu spielen wie er es thut, ist ein 
seltenes Geschenk des Himmels und ich wiinsche es mir 
seiner Zeit fiir meinen Mann " 

„Der Hullah'sche Singverein gab wieder eine grosse 



■ — k>4 ■ — 

Auffuhrung in Exeter-Hall", meldet die Frau, „diesmal in 
Gegenwart des Prinzen Albert und anderer Grossen des 
Reichs und wir horten Moscheles' vierstimmiges Lied 
„Daybreak" von diesen tausend Kehlen sehr brav, wenn 
auch, wie er sagt, etwas schleppend vorgetragen. Es ward 
sturmisch wiederverlangt « . 

Das Tagebuch sagt: „Man erzahlt mir, mein Lied sei 
bei dieser Gelegenheit in einer Zeitung arg mitgenommen 
worden und ich kann nicht umhin, mich dabei an die 
Anekdote von Fohtenelle zu erinnern, der durch sein gan- 
. zes langes Leben hin der Konig des Witzes blieb , und 
den Tausende als den feinsten elegantesten Schriftsteller 
verehrten. Es gab in seinem Hause ein Zimmercben, das 
mir er betrat, das stets fest verschlossen blieb. Als man 
es nach seinem Tode offnete, fand man es bis zur Decke 
mit alien Zeitungen und Schriften angefullt, die gegen 
ihn gesprochen hatten und dabei die No'tiz: „Ich babe 
nie eine Zeile derselben gelesen, habe sie auch nie beant- 
wortet." Das war mir aus der Seele gesprochen," 

Das franzosische Theater mit den Dam en Albert und 
Dejazet, mit Bouffe und Levassor bot manchen Genuss, 
wahrend das Ballet der italienischen Oper in dieser Saison 
durch Fanny Elsler oft anziehender war, als die Oper 
selbst, „obgleich das Orchester unter Costa's Leitung so 
vortrefflich und dabei so discret war, wie man es sich 
nur wiinschen kann." Die ausgezeichnete Sangerin Mme. 
Cinti - Damoreau wurde auch mit Bewunderung gehort; 
Frln. H. Nissen errang sich manche Palme; einheimische 
und fremde Instrumentalisten geben klassische und un- 
klassische Concerte, Soireen und Matineen, und . wir finden 
in einem Brief die Notiz von Moscheles: „Bei blendendem 
Sonnenschein und harrenden Schiilerinnen brachte ich das 
Opfer einer Stunde,' um den Wunderknaben Filtsh in 
seinem Concert zu horen. Er behandelte das Clavier wun- 
derniedlich in einigen Chopin'schen Sachen und meiner 
Serenade, und kann es noch weit bringen." Leider musste 
die vielleicht iiberreizte Constitution einem friihzeitigen 
Tode unterliegen. 



,$ 



— io5 — 

Ein hochst eleganter Ball fur die Polen in Willis' 
rooms wird noch mitgemacht, die in Exeter-Hall aufge- 
stellten Cartons von Raphael bewundert — dann tritt der 
gliickliche Moment ein, wo die Saison beendet, die Familie 
sich zur Abreise nach Boulogne anschicken kann. Von . 
dort schreibt Moscheles kurz nach der Ankunft: „Heute 
befriedige ich meine Ambition, auch einmal den Brief 
anzufangen, denn so gut wird's mir in London nicht. Un- 
ser Schiff Harlequin machte zwar Spriinge wie sein 
Namensvetter bei der Ueberfahrt, doch ist das langst ver- 
gessen. Wir sind hier sehr freundlich empfangen. . . . ." 

Es ware Wiederholung , wollten wir das Gliick der 
Familie in dieser Ferienzeit schildern, ein Jahr gleicht 
darin dem andern ,. nur dass der Mitgenuss der heran- 
wachsenden Kinder die Freude der Eltern erhoht. „Hier 
kann ich mich ihren Studien, ihren Belustigungen wid- 
men", schreibt Moscheles, „sie zeichnen eben so gem wie 
sie Musik machen; eben so war es mit mir in meiner 
Jugend, aber mich fesselte der Beruf, ich musste mich 
ganz der Musik widmen, sollte ihr meine Existenz ver- 
danken , da hatte es bald ein Ende mit dem Zeichnen 
und jetzt kann ich nur die Kleinen mit -meinen Bleistift- 

schnurren unterhalten Eine Tochter schreibt: ,,"Wir 

haben hier kostlichen Unterricht vom Vater, aber er .selbst 
spielt recht viel, gewohnlich vor und mit anderen Kiinst- 
lern, wahrend sich unter den Fenstern eine Zuhorerschaar 
sammelt. Das Etablissement des bains ladet zum Tanz, 
manche der befreundeten Kiinstler zu Concerten — aber 
das "Wetter ist so schon, die Continentalsonne so anziehend, 
dass wir lieber die Abende im Freien zubringen " 

Ein neues Zerwikfniss mit dem Verleger S. in Paris 
macht dem idyllischen Leben ein Ende. Die Nothwendig- 
keit eines Abstechers in die franzosische Hauptstadt stellt 
sich heraus. Dort wird Alles ausgeglichen, die verweigerte 
Zahlung geleistet und dann verlebt man noch' einige 
Wochen mit Freunden und Verwandten. 

Ein Brief sagt: „Der Vetter Heinrich Lehmann ist 
ein beruhmter Maler geworden. Seine Fresken in der 



— io6 -^ 

Eglise St. Mery, seine Ausschmuekung der Chapelle des 
aveugles sind sehr grossartig." Seit dem Beginn seiner 
Laufbahn hatte dieser Kiinstler fast ununterbrbchen fur. 
die Kirchen und Sammlungen des Staates z'u arbeiten; 
sein Bruder Rudolf geniesst gleichfalls den Ruf eines 
ausgezeichneten Malers, er lebte lange Jahre in Rom. 
Moscheles hatte von dem Vater der Kiinstler bei einer 
seiner ersten Kunstreisen in Hamburg gastfreie Auf- 
nahme gefunden und verdankte ihm manche kiinstlerische 
Anregung. „A1 S w i r die Fresken besahen, fahrt Moscheles 
foit, bat man mich, Etwas fur die Blinden zu spielen; 
sie umstanden mich mit einem Enthusiasmus, der mich an- 
regte; sie dankten mir, meine Hande kiissend, mit einer 
Riihrung, die mir eine Thrane in's Auge brachte. Wir 
haben hier in Paris wieder viel gesehen und bewundert, 
mit Meyerbeer , St. Heller , Benedict , Ernst und Halle's 
genruthliche Stunden verlebt, aber auch den jungen Kalk- 
brennei" eine seiner eigenen Compositionen spielen horen (?), 
die ; Arme auf den- Handleiter gestiitzt, wie ein Gicht- 
briichiger." 

Acht Tage spater heisst es: „Man hat mir zugesetzt, 
doch nicht ungehort aus Paris fortzugehen und ich babe 
mich zu einer Matinee bei Erard entschlossen." — Es 
werden vkrhundert Personen dazu geladen. Moscheles 
spielt viel, den Horern nicht genug. Immer wieder muss 
er an's Clavier, mit stets erneutem Beifall. Dennoch lasst 
er sich nicht bereden, eine zweite zu geben. 

Am dritten October heisst es: „Grossen Spass machte 
es mir, Halevy im Gefangniss zu besuchen. Er hatte sich 
irgend Etwas in seinem Dienste als garde national zu 
Schulden kommen lassen und musste achtundvierzig Stun- 
den sitzen, Viele beriihmte Maler miissen schon vor ihm 
dasselbe Schicksal in demselben Local gehabt haben, denn 
phantasiereiche , mitunter excentrische -Gruppen waren an 
die Wande gezeichnet und gemalt. Wir unterhielten uns 
eben so gut „aux haricots" (dies der Spottname des Ge- 
fangnisses), wie wir es in seinem eigenen Hause gethan 
hatten, um so mehr , als seine junge Frau dabei war." 



— 107 — 

Balzac's Drama „Pamela Rigault" und eine Vorstellung 
der noch immer schonen , und doch bis in die Kaiserzeit 
hinein reichenden Dlle. Georges werden als besonders in- 
teressant genannt. Mitte October sind die Reisenden gliick- 
licb in London angelangt und gleich begrusst uns der 
Ausruf im Tagebuch: „Welche Freude mir mein Erard 
und mein Collard machen! Sie sind nicht einmal verstimmt: 
rneine soeben componirte Etude in Cis - moll , 6 / 8 - Tact, 
machte sich gut darauf." 

Der siebenzigjahrige Tenorist Braham giebt noch ein 
Concert und singt uber Erwartung gut, freilich mit viel 
abgeschmackter Colofatur; sein Sohn Charles singt auch, 
der andere, Hamilton Braham hat eine Kraftstimme. Der 
Clavierspieler Buddaeus wird wegen seiner Bravour bei 
Nettigkeit und Selbstruhe gelobt , Mme. Dulcken in den 
Soireen , die sie im eigenen Hause giebt , von Moscheles 
als Accompagneur und Spieler unterstutzt, ihre eigenen 
Leistungen sehr von ihm gewiirdigt. Sein Amt als Be- 
gleiter von Vocalsachen nennt er oft „TJngeduld erregend 
durch schleppende Tempo's." 

Als ein sonst eben nicht freundlich gesinntef Bericht- 
erstatter seinen Tadel (man wusste nicht warum) plotzlich 
in hochfahrende Lobspruche umwandelte, sitzt Moscheles, 
wie gewohnlich bei solchen Gelegenheiten, ruhig schmun- 
zelnd da, wahrend Frau und Kinder mit grosser Lebhaf- 
tigkeit die Sache commentiren, und am Schluss sagt err 
„Ja, Ihr seht, ich bin immer der gliickliche Prinz, meine 
Neider konnen mir Nichts anhaben , miissen also zuletzt 
doch wieder Freunde werden." 

Auch in diesem Winter muss er sich die „langweilig- 
sten Compositionen vorreiten lassen", eine Soiree mit- 
machen, in der obenan „der erste der Haubenstockc sass, 
unausstehliche Dilettanten-Musik war, und ich selbst spielte, 
— aber schlecht." 

Die Frau schreibt, wie man im Hullah'schen Hause 
Mendelssohn's Athalia brav auffuhrt, von Moscheles be- 
gleitet. Ueber Balfe's neue Oper „the Bohemian girl", die 
zum ersten Mai gegeben wird, sagt Moscheles: „Die iiber- 



■ .— io8 — 

raschend schone Ausstattung, die leicht fliessende Musik 
verschaffen ihr eine giinstige Aufhahme. Etwas Originelles 
hat Balfe nicht producirt, obgleich man fuhlt, wie er da- 
nach gesucht hat." Doch was hilfts, ob er sie bewundert 
oder nicht? Er muss doch ein Arrangement der Haupt- 
Themen machen, und der Verleger bittet sogar, es moch- 
ten „two books" werden. 

Von Jullien's Promenade-Concerts kann man nur sagen, 
dass sich in diesem Jahre noch mehr Publikum zusammen- 
drangt, um eine Beethoven'sche Symphonie zwischen Qua- 
drillen, einen Walzer mit obligatem Kettengerassel, Polka's 
und Galopp's mit Cornet a Piston; Janitscharen- Musik, 
kleine, grosse und grosste Trommeln zu horen. Das flauto 
piccolo spielt er noch immer in siegesgewisser Stellung, 
ganz vorn am Orchester, und in dem musikalischen Ton- 
gemalde „Die Zerstorung von Pompeji" von Roch Albert 
giebt es Tonlarm, Krachen, Gebet, Bacchantentanze, Orakel, 
Finsterniss und feuerspeienden Lustre; also grosse Effecte 
fur grosse und kleine Kinder. Jullien weiss seinen Qua- 
drillen-Ohrenkitzel auch mit Witz zu mischen; so will er 
an irgend einem Irish lake ein Echo entdeckt haben, das 
Alles verkehrt wiedergiebt und bringt es bei seinen 
Irish Quadrilles folg'endermassen an: 



i 



£ B= j Ecto; §f=£g= 



Es folgen ahnliche Effecte, uber deren Unglaublich- 
keit und Verschiedenartigkeit der Musiker staunt. 



— log — 

1844. 

Am i. Januar sagt das Tagebuch: „Heute fiel mir 
wieder der Contrast zwischen der Feier dieses Tages in 
Oesterreich .und der Geschaftsthatigkeit Englands auf. 
Hier merkt man keine Auszeichnung, und urn auch Eng- 
lander zu sein, arbeitete ich an dem Clavierauszug von 
Handel's Allegro e Pensieroso fur die Handel-Gesellschaft." 
,,Spater sollte Mendelssohn den Messias iibernehmen, hatte 
aber Bedenken wegen der vermehrten Instrumentation 
von Mozart", sagt das Tagebuch, „und so ward ihm 
„Israel in Egypten" vorgeschlagen." 

In diesen Monat Januar drangen sich schon einige 
fremde ICiinstler, wie der Cellist H. aus Cassel, „ein auf 
Mord . und Todtschlag ausgehender Spieler, dessen Bra- 
vouren zwar durch Kuhnheit frappiren, aber sonst keine 
Wirkung hervorbringen." Auch eine Harfenspielerin 1st 
da „und spielt Bravouren von Parish Alvars." „Der Clavier- 
spieler B. bringt eine ultra-schwierige Fantasie eigener 
Composition, spielt sie nicht nur, sondern will sie mir auch 
dediciren. Ich spreche von fehlendem Schatten und Licht, 
womit ich eigentlich den Mangel an wahrer Musik meine, 
undgenug, ich suchte geschickt auszuweichen." Beschlossen 
wird- der Januar durch eine Vorlesung des Professor T. 
iiber alte Kirchenmusik. „Unbescheidener und unrichtiger- 
weise setzte er der englischen die Krone auf, schimpfte 
auf die italienische <und hielt die deutsche nicht einmal 
einer Erwahnung werth. Das nennt man Einbildung." 

Im Gegensatz zu all' dieser Unbill bot die Schwester- 
kunst grosse Geniisse durch den Besuch von Bildhauer- 
undMalerateliers; auch die wissenschaftlichen Vorlesungen 
in der British Institution wurden, werm moglich, besucht, 
und die deutschen K-lassiker der Jugend durch Lesen mit 
vertheilten Rollen zuganglich gemacht. 

Aber wahrend wir diesen Dingen einen niichtigen 
Moment widmeh, hat sich schon wieder ein musikalisches 
Ereigniss zugetragen. „Der dreizehnjahrige Joachim ist 
nach London gekommen, er bringt einen Empfehlungs- 



— xio i — 

"brief von Mendelssohn, aber sein Talent ist die beste Em- 
pfenning," Gleich wird „eine kleine Musik" fiir ihn ver- 
anstaltet. „Erst", sagt das Tagebuch, „freute ich mien iiber 
ihn und E. zugleich, wie sie Mendelssohn's schones D-moll- 
Trio machten, dann uberraschte mich Joachim's mannliches 
und brillantes Spiel in Variationen von David und Rondo 
von De Beriot. Das ist wieder einmal ein echtes Talent." 

Moscheles ftihrt ihn in's erste Philharmonische Con- 
cert, „darnit er doeh auch hore, wie's in London her- 
geht", aber es geht nicht besonders gut. Die Musiker 
standen kampflustig in Reihe und Glied, griffen auch gut 
an, zur Verfeinerung des Geschmackes im Vortrag von 
Beethoven, Spohr und Weber geschah nichts. Buddaus 
auf dem Klavier, Parish Alvars auf der Harfe liessen ihre 
Bravouren horen, der Gesang war gleicbgiiltig." 

Die Frau schreibt: „Moscheles hat schon lange dar- 
iiber nachgedacht, wie er unseren Madchen etwas „Theorie" 
beibringen konnte, ohne sich und sie zu langweilen und 
hat endlich den Beschluss gefasst, ihnen noch. einige 
Damen zuzugesellen, mit denen er sie gemeinschaftlich 
unterrichtet. Er will die Sache nach Art der franzosischen 
Klassen von Mr. Roche einrichten und hofft durch An- 
stachelung des Ehrgeizes im raschen Antworten der an 
sich trockenen Sache, Leben und Interesse zu verleihen." 
Die eingeborenen Musiker benutzen die Winterszeit zu 
offentlichpn Matineen, ehe der Continentalstrom der Saison 
das Eiland musikalisch iiber fluthet; es fehlt auch nicht an 
offentlichen Diners und sonstigen mit Musik verwebten 
Productionen , bei denen Moscheles bethatigt ist; aber 
auch Sivori und Ernst sind schon da, und mit Letzterem 
zugleich tritt er im zweiten Philharmonischen Concert auf. 
Das Tagebuch sagt: „Ich spielte mein G-moll-Concert mit 
dem Ivraftaufwand der Mannesreife und ward sehr gut 
aufgenommen; ebenso Ernst mit Spohr *s Gesangsscene. 
Seine gigantischen Variationen iiber den „Pirata" riefen 
einen Beifallssturm hervor." 

In der Italienischen Oper hort man die reizend jugend- 
liche Grisi mit Mario, Fornasari und Lablache in den Pu- 



■ : — nI — . , 

ritanern. „So gesungen", sagt das Tagebuch, „gefallt jede 
Musik, mag sie nocli so leicht, ja seicht sein; und die 
Cerito im Ballet war auch unwiderstehlich anziehend, so 
dass wir die spate Stunde vergassen und bis zu Ende 
blieben." Im Drurylane-Theater gab man Benedict's Oper, 
„the Brides of Venice." „Sie hat das "Verdienst einer guten 
Behandlung der Sings timmen und schoneOrchester-Effecte; 
sie ward gut aufgenommen und der Cornponist gerufen; 
die Sanger liessen viel zu wiinschen iibrig." Spater heisst 
es: „Unglaublicli und doch wahri In dem Morgen-Concert 
von Madame Caradori- Allan begleitete ich zweiundzwanzig 
— sage zweiundzwanzig Gesangsstiicke, welche die Concert- 
geberin* die Grisi, Persiani, Lablache Vater und Sohn mit 
Frau, Mrs. Sliaw, Mario, Fornasari, Corelli und Staudigl 
sangen. Und dazu ein Heer von. Instrumentalisten. 
Joachim spielte Ernst's Othello -Phamasie und uberwand sie 
meisterlich. Die neueste Klavier-Importation L. v. Meyer 
donnerte eine eigene Fantasie iiber Lucrezia Borgia her- 
unter, rund, schnell und kraftig, aber wo war die Seele?" 

Die Frau meldet: „Nachdem ieh Obiges fiir Euch aus 
dem Tagebuche copirt, seht Ihr Moscheles im Geiste mu- 
sikalisch brach liegen, aber Ihr irrt. Der Abend brachte 
noch Unglaubliches, denn Moscheles und ich trieben die 
Musik noch fort. Erst in Sivori's Concert, wo wir ihn 
sein Concerto dramatique spielen horten, dann ging's in 
die Quartett- Soiree von Macfarren und Davison, wo Beet- 
hoven's posthumes Cis-moll-Quartett von Ernst gespielt, 
Lieder von Mendelssohn gesungen, aber grosstentheils 
vergriffen wurden. Zum Beschluss zu Mrs. Sartoris. Kein 
"Wunder, dass wir diesmal ihre Musik gleichgiiltig fanden; 
auch zum Anhoren gebraucht man Kraft und die unsrige 
war schon in einem Tonmeer untergegangen." 

Die eine grosse, unvergleichliche.Freude dieser Saison 
blieb Mendelssohn's Anwesenheit. Er dirigirte fiinf Phil- 
harmonische Concerts, hielt aber erst eine Vorprobe neuer 
Orchester-Compositionen , u. A. der Schubert'schen und 
■einer neuen Gade'schen Symphonic „Als Mendelssohn im 
■Orchester erschien", sagt das Tagebuch, „wurde er mit 



. -f 

na — 



Liebe und Enthusiasmus aufgenommen, wie sich's gehort. 
Unter seiner permanenten Leitung miissen sich die Con- 
certe heben. Mich driickten oft die mittelmassigen Auf- 
fiihrungen und doch wollte man keinen permanenten Di- 
rector zu ihrer Verbesserung anstellen; jetzt fiihle ich 
mich befreit. Im ersten Theil hatten wir Mozart's Es-dur- 
Symphonie, C-moll-Concert von Sterndale Bennett, eine sehr 
interessante Composition im Mozart-Styl, sein Spiel be- 
deutend. Gesang zwei Mai Madame Castellan, sehr gut, 
und die Leonoren-Ouverture. Z we iter Theil: Mendels- 
sohn's A-moll-Symphonie. Sie erregte allgemeine Freud e; 
mir bot sie eine interessante Reihenfolge von Geniissen. 
Die Instrumentation ist vortrefflich, pikant, neu." Die 
Musik zum Sommernachtstraum erregte so grosse Be- 
geisterung, dass sie nicht nur im fiinften, sondern auch 
im sechsten Philharmonischen Concert — diesmal im Bei- 
sein des Hofes aufgefiihrt werden musste, und im achten 
ergotzte man sich an der genialen Walpurgisnacht, Nie- 
mand mehr als Moscheles, der das neue Werk schon „im 
Hochgenuss" von Mendelssohn am Clavier gehort hatte. 
Einmal spielt Joachim Beethoven's Violin-Concert meister- 
lich, einmal lasst Mendelssohn das G - dur- Concert des 
Meisters mit seinen eigenen improvisirten Cadenzen horen, 
und ausser den Beethoven'schen Symphonien giebt man noch 
zum ersten Mai eine Suite von Bach. „Welche Geniisse 
haben wir wieder dem herrlichen Freunde zu danken! 
Aber auch das Publikum ist dankbar und die Direction 
mit ihm.'.' Zwischen diesen Philharmonischen Concerten 
gab es die genussreichsten Abende mit ihm und Klinge- 
mann im Moscheles'schen Hause; Alsager giebt Mendels- 
sohn zu Ehren eine Musik, wo sein Quartett und Quintett 
von Joachim vortrefflich gespielt werden; „bei Chorley", 
sagt das Tagebuch, „setzte Mendelssohn der Musik die 
Krone auf, indem er erst einige Lieder ohne Worte, dann 
eine fantasiereiche Improvisation spielte. Zu meiner grossen 
Ueberraschung wahlte er erst das Thema meines G-moll- 
Concerts, dann -einen Takt aus den Pensees fugitives, die 
ich eben mit Ernst gespielt hatte und endlich die Ballade 



— 113 — 

aus Benedict's Oper „the brides of Venice." Es wechselten 
geistreiche Verwickelungen , contrapunktische Satze, don- 
nernde Octaven mit melodischen, Herz und . Gemiith ari- 
greifenden Phrasen." NatSrlich verherrlicht Mendelssohn 
den Geburtstag am 30. Mai, bringt auch einen zweiten 
„rothen Bogen" rnit Randzeichnungen , ahnlich dem in 
1832 beschriebenen, und setzt unter diesen die leider un- 
erfullt gebliebenenWorte: „So Gott will, to be continued." 
Zwei Tage spater hcisst es: „Nach Ayrton's Diner 
mussten Mendelssohn und ich zusammen improvisiren; er 
zwang mich, oben zu sitzen; ich folgte mit dem hochsten 
Interesse seinen Inspirationen, erst iiber eine Melodie im 
englischen Balladenstyl, dann iiber „see the conquering 
hero"; in Alles hinein mischte ich das Scherzo seiner 
A-moll-Symphonie." Hullah lasst seine besten Schiilerinnen 
Mendelssohn's Motetten singen und zum Schluss phantasirt 
der Meister, spater singt der befreundete Kreis, durch die 
Schiiler unterstiitzt, die Walpurgisnacht im Hullah'schen 
Hause, Mendelssohn accompagnirt; „aber die Zuhdrer ver- 
langen stiirmisch eine Wiederholung des Ganzen, und sa 
setzte ich mich an's Clavier, um dem sehr erschopften 
Freunde die Miihe abzunehmen." Es ist unmoglich, alle- 
Familien zu nennen, die sich um ihn bemiihten, in deren 
Hausern er spielte, alle Kiinstler herzuzahlen, die er in 
ihren Concerten unter stiitzte; er spielte wiederholt das 
Bach'sche Tripelconcert, immer mit Moscheles, zuweilen 
mit Madame Dulcken oder Benedict. Mitunter mussten 
die Freunde auch Kreisleriana zusammen ausstehen. „In 
Dulcken's Matinee sassen wir nebeneinander und waren 
iiber die Gehaltlosigkeit der modernen Clavierphantasien 
ganz einverstanden", fiihrt dasTagebuch an, „Mendelssohn 
lachte, als ich behauptete, die Wasserstrome der No ten 
schwemmten alle musikahschen Gedanken weg." „In 
Ayrton's Soiree spielte L. v. M. wieder rollend; das Stuck 
der schonen Pianistin Miss W., die Charles Dickens ein- 
gefiihrt hatte, klang wie ein Blumensalat mit Rosendl und 
Spitzbuben - Essig angemacht. "Weber's Einladung zum 
Tanz, das „Duett" aus Mendelssohn's Eiedern dhne "Worte 

Moscheles' Leben. II. g 



■■■>:--; 



■— ii4 — . 

und die Coda aus Thalberg's Mose waren darin ruckweise 
ineinandergemengt. Zum Schluss spielte ich mit Mendels- 
sohn seine Musik zum Sommernachtstraum, dann phanta- 
sirten wir zusammen recht begeistert." 

„Paulus" wird in Exeter- Hall gegeben , und die 
beiden letzten Tage von Mendelssohn's Anwesenheit in 
London noch sehr genossen: „Fruh hatten wir eine trau- 
liche Unterhaltung, bei der ich ihm seinen Standpunkt 
den Verlegern gegeniiber, recht klar machte; er muss 
ordentliche Honorare verlangen." Ein Brief der Frau er- 
zahlt: „Mendelssohn bleibt der liebenswiirdige Freund bis 
zum Augenblick der Trennung. Er gab vor, er reise 
gleich nach dem 8. Juli, wo er das letzte Philharmonische 
Concert zu dirigiren hatte, verabredete aber mit uns eine 
Zusammenkunft aller gegenseitigen Freunde in unserem 
Hause fiir eben den Nachmittag, so wie eine Soiree bei 
Klingemann fiir den 9. Juli, Wie gern Alle herbeikamen, 
konnt Ihr denken und auch das glaubt Ihr mir, dass die 
Musik ausgezeichnet war. Moscheles' Es-dur-Sonate von 
ihm und Mendelssohn, die Preziosa-Variationen von Beiden, 
die Variations serieuses und der herrliche Gesang der 
Sartoris, das AUes kann ich nicht beschreiben und noch 
weniger das Zusammen-Phantasiren, das im Vorgefiihl der 
Trennung gewiss einzig in seiner Art war. Alle, denen 
dieser Genuss zu Theil wurde, sind dankbar, am dank- 
bar sten ich selbst, denn das sind goldene Stunden!..." 

Das Zusammenfassen von Mendelssohn's Anwesenheit 
hat uns bis in den Juli gefiihrt; doch rmissen wir zum 
Mai und zu Moscheles' Angelegenheiten zuruckkehren. 
Er unternahm ein Concert zusammen mit Ernst, der im 
Concertsaal selbst, von einem, bei ihm chronisch gewor de- 
nen Uebel befallen wurde, dann aber doch noch, obwohl 
rnit unsaglicher Anstrengung spielte. Hinterher liess ihn 
die Krankheit noch Manches schwarzer sehen, als recht 
war, so dass Moscheles in sein Tagebuch schreibt: „Ich 
ziehe mir aus alien diesen Vorfallen die Lehre, mich nie 
wieder auf eine Concert-Association einzulassen." Einige 
Tage spater schreibt die Frau: ..Ernst's Zorn hat sich 



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115 — 



ebenso schnell gelegt, als er entstanden war; der Arme 
ist sehr kranklich und wohl oft iibel berathen. So er- 
.zahlte er mir nach einem Hof-Concert, er habe sein Ho- 
norar von zehn .Guineen als zu gering zuriickgeschickt, 
und ich konnte nicht umhin, zu antworten: „Wie schade, 
alle Kunstler bekommen dieselbe Summe und die Konigin 
wird wohl nie erfahren, dass Site sie ausgeschlagen haben." 
Er g-ab am 5. Juli noch ein Concert, worm Moscheles mit 
ihm die Kreutzer-Sonate von Beethoven spielte, Mendels- 
sohn das Bach'sche Concert. Das Tagebuch sagt: „Als 
Mendelssohn der Miss Dolby den Erlkonig accompagnirt 
hatte, spielte Ernst dasselbe Lied auf seiner Geige — 
wahrhaft ergreifend. Sein Spielen eines Mendelssohn'schen 
Quartetts, seine dramatische Scene, alles war gediegen 
kiinstlerisch." 

Der Sohn des zu fruh heimgegangenen CM. v. Weber 
kam nach London, um die irdischen Reste seines Vaters 
heimzuholen, die in Moorfields Chapel beigesetzt waren. 
Die Maler Magnus und Jacob aus Berlin waren auch ge- 
koramen und ebenso wie die geistreiche Schriftstellerin 
Mrs. Jameson eine angenehme Zugabe des sich stets er- 
weiternden hauslichen Kreises. Ganz unerwartet wiinschte 
auch der in London anwesende Nesselrode bei Moscheles 
eingefiihrt zu werden, was der russische Gesandte Baron 
Brunnow ubernahm. DieFrau schreibt: „Als beideHerren, 
die uns gemeldet waren, eintraten, meinte ich, der Grosse 
mit dem Crachat miisse auch die beriihmte Grosse sein, 
aber umgekehrt; es war der Kleine in dem unscheinbaren 
Anzug ohne Orden, aber mit sehr stechenden Augen. 
Hoiiich und liebenswiirdig war er, wie nur ein russischer 
Staatsminister es sein kann und Moscheles spielte, ich 
weiss nicht wie viel und wie lange. Auch E. musste 
sich produciren und erntete viel Lob und der Refrain 
zwischen den Musikstucken war immer und wieder der 
ausgesprochene Wunsch, uns Alle in Russland zu sehen. 
Auch der Graf Michael Vielhoursky beredet Moscheles 
zu dieser Reise, und alle versprechen goldene. Berge und 
Felsen, aus denen eitel Lorbeer spriesst." 



— n6 — 

..Vielhoursky.", fiigt Moscheles hinzu, „ist einer der 
ersten Amateurs in Petersburg. Er singt russische Lieder 
mit Gefuhl und Lebendigkeit und begleitet sich nicht nur 
diese, sondern auch Stiicke aus einer selbstcomponirten,. 
nationell inter essanten Oper, ganz vortrefflich. Er und 
Nesselrode sind mir freundjich gesinnt und wollen mir 
den Aufenthalt so niitzlich als angenehm machen, falls 
die Grossfiirstin Alexandra sich erholt; denn wenn sie 
stiirbe, so ware fur dies Jahr wenigstens nicht viel in. 
Petersburg zu unternehmen." — — — Sie starb und so 
ward dieser Reiseplan im Entstehen aufgegeben. Spater 
schreibt die Frau: . ..,,Es ist koniisch, dass so ein Mann 
wie Nesselrode sich nicht rauspern darf, ohne dass es in 
die Zeitung kommt, Sogar iiber seinen Besuch bei uns- 
wird geschrieben und erzahlt, wie es Moscheles erstaunt 
und iiberrascht hatte, des grossen Mannes musikalisches 
Verstandniss kennen 2U lernen; dieser, dem Moscheles' 
Ruf bekannt, ware seinerseits nicht astonished aber highly 
delighted gewesen u. s. w. Gewiss hatte die Morning 
Post ein leeres Fleckchen, das sie ausfiillen musste und 
„gossipte" dies." ... 

Moscheles hatte sich an den. Verleger Buxton mit 
Schumann's „Paradies und Peri" gewendet, musste aber 
zu seinem nicht geringen Aerger horen, dass dieser das 
herrliche Werk nicht verlegen wollte. 

Da die Reise nach Petersburg aufgegeben worden 
war, so trat der friihere Wunsch, „das liebe alte Wien 
noch Einmal wiederzusehen", mit doppelter Kraft hervor, 
und es ward nach mancher Berathung beschlossen, sich 
in diesem Herbst mit der alteren Tochter dorthin ?u 
wenden. Es ging iiber Boulogne, das ein Brief „die Vor- 
stadt Londons" nennt, und wo man viele bekannte englische 
Familien und die beriihmtesten Kiinstler wieder fand, sich 
aber vor Concerten hutete, nach Aachen. Dort wird Halt 
gemacht, weil es so viele alte Freunde giebt, die Mosche- 
les wieder horen mochten und die ihn zu einetn Concert 
bereden, und mit Recht, da der glanzende Erfolg nur be- 
gliickend sein konnte. Eine Woche wird den Schonheiten 



— H7 — 

des Rheins mit semen Seitenthalern gewidmet, aber die 
Frau bemerkt: „ Alle Beschreibungen der herrlichen 
Scenerie unterbleiben; wir lassen Byron's Childe Harold 
fiir uns reden. Jetzt sind wir in Frankfurt, Mendelssohn 
in Soden; was kann schoner sein?" Es wurden Besuche 
hiniiber und heriiber gemacht und viel musicirt. „Der 
■soeben in Frankfurt .versammelte Pianisten-Congress ist 
nicht gering", schreibt Moscheles. „Dohler und Leopold 
. von Meyer geben Concerte. Die alteren Freunde Aloys 
-Schmitt, Wilhelm Speyer, Rosenhain und Hiller begegnen 
mir musikalisch, die liebenswiirdige Frau des verstorbenen 
Freundes Ferdinand Ries sah icli gern wieder, Frl. Grau- 
mann singt hiibsch, Dr. Reiss brachte mir seinen begabten 
jungen Sohn, Gutzkow gesellt sicb gern zu uns Musikern 
und ist selbstverstandlich eine angenehme Zugabe zu 
unseren Abenden. Die anderen hiesigen Musiker -habe 
ich Eucb schon genannt und ich kann sagen, sie nehmen 
mich mit offenen Armen auf, behaupten auch, ich nriisse 
Concert geben." . . . Wirklicb kam es den 25. September 
dazu, und da der Messe halber alle Locale vergriffen 
waren, so gab es keinen anderen Saal, als den eigentlich 
zu kleinen Miihlens'schen. Mendelssohn spielte das Hom- 
mage a Handel mit Moscheles, dieser viele Solo's, das 
Publicum bezeigte sich dankbar, und Alles' verhef ganz ' 
nach Wunsch. Lassen wir uns aber durch einen Brief 
der Tochter, am nachsten Tage geschrieben, hinter die 
Coulissen fiihren. Sie erzahlt) „Ich bin die einzige Schreib- 
fahige. Mutter muss leider eine ihrer bosen Migranen 
aushalten, Vater fertigt mit einem halb unterdriickten 
„dass dich das Mauserle", einen Diener der Frau *** ab. 
Diese Dame, die sich nur fiir Dohler und sein Spiel zu 
inter essiren scheint, sagte Vater ganz von Oben herab: 
Wollen Sie uns Karten fur Ihr Concert schicken? Er: 
Gern, aber wie viele? — Nun fur alle ***. Er: Ich habe 
nicht die Ehre, die Zahl der Familienglieder zu kennen 
und bitte daher zu bestimmen. — Nun, schicken Sie zwei 
Dutzend. — Diese Art war schon sehr unangenehtn, eben- 
so ihr Nichterscheinen gesterh Abend, wahrend sie in 



■Vr 2 ' Z" 1 7 



; — us — 

Dohler's Concert den Ton mit Applaus angegeben hatten, 
doch- aber mit ansehen mussten, dass sein Saal halb leer 
blieb. Nach alledem kommt heute ein Diener, zu fragen, 
was Frau *** schuldig sei? — Das war ein bischen zu 
viel fiir meinen geduldigen Vater, er riimmt in einiger 
Aufregung einen Concertzettel vom Tisch und giebt ihn 
dem Diener mit den Worten: „Eine Empfehlung an Frau 
*** und die Preise der Platze waren unten bemerkt", 
worauf der etwas verwundert abzog. Im Zimmer geht's 
ein und aus wie in einem Taubenschlag. Kunstler kommen 
und gehen, um Vater zu seinen gestrigen Erfolgen zu 
gratuliren, darunter ist auch der Violinspieler Boucher, 
der Napoleon I. ahnlich sieht und sehr viel (auf franzosisch} 

spricht, nein schwatzt. Ich versuche taub zu sein Jetzt 

musste ich aber eine Pause machen, denn Mendelssohn 
kam, und fiir den unterbricht man sich gern. Nun , da 
er fort ist, muss ich Euch eine wundervolle Geschichte 
von gestern erzahlen, in welcher er eine Hauptrolle spielt. 
Der Saal war lange vor Anfang des Concerts gedrangt 
voll, und immer kamen noch Menschen; ein kleiner Neben- 
saal ohne Banke stand offen, „Was werden die Frank- 
furter sagen, wenn sie keine Sitze finden", sagt Mendels- 
sohn zu Rosenhain? „Wissen Sie was, wir Beiden wollen 
hingehen und Stiihle miethen, Moscheles darf man so 
kurz vor Anfang des Concerts nichts sagen." Der gute 
Freund Rosenhain ist gleich bereit, die Stiihle sind aber 
nicht so leicht zu bekommen. Endlich in einer kleinen 
Wirthschaft finden sich vier Dutzend. „Sie sollen gleich 
geschickt .werden", sagt Mendelssohn. Aber wer bezahlt? 
fragt der Wirth. „Es ist ja ein grosser Kunstler, — Mo- 
scbeles — der ein Concert giebt, und es wird so voll, es 
fehlt an Stuhlen — das Geld ist Ihnen sicher." — Die 
Herren Kunstler, sagt der vorsichtige Wirth, geben 
manchmal Concert und gehen mit dem Gelde durch, Sie 
mussen mir etwas dran zahlen, Beide leeren ihre Taschen, 
die nicht sehr gefiillt waren, befriedigen aber den Wirth, 
und nun steigen sie in eine Droschke, Mendelssohn setzt 
zwei der Stiihle mit hinein, zwei vorn zum Kutscher und 



^ iig — ■ 

ruft: „Nach dem Miihlens'schen Saal, aber fahreri Sie 
recht schnell." So kommen sie an, die andern vierund- 
vierzig Stuhle hinterher, und das Publicum hat Platz. 
Dennoch sassen Madame Mendelssohn, Mutter und ich 
den ganzen Abend auf zwei Stuhlen. Was Mendelssohn 
aber weit mehr als die Stuhlgeschichte aufregte, war, 
dass Vater in seiner As-dur-Etiide unten das tiefe Bass-C 
zugesetzt hatte. „Damit hast Du mich iiberrascht", sagte 
er, „das ist ein prach tiger Effect, der darf nicht vergessen 
werden, ich will ihn in Madame Moscheles ihr Album 
schreiben." Schnell holte ich es und dann zeichnete er 
noch die Droschke, sich, Rosenhain und die Stuhle hinein, 
aber nur ein halbes Pferd — „das kann ich nicht aus- 
wendig machen", behauptete er."... 

Von Frankfurt ging es nach Darmstadt, wo Mosche- 
les bei Hof spiel te und Concert gab; dann nach Heidel- 
berg, dessen Schonheiten die Eltern mit der Toehter 
durchliefen, nach Cadsruhe, wo sich die alten Freunde 
Haizinger's zu ihnen gesellten, und die Grossherzogin (eine 
Wasa), hochst liebenswiirdtg war. „Sie empfing meine 
Frau und Toehter mit Kussen", sagt das Tagebuch, „ich 
musste ihr viel vorspielen, E. auch und zuletzt spielte sie 
selbst mit dieser aus dem vierhandigen Arrangement des 
Paulus." Moscheles giebt ein Concert im Theater, „der 
hochst interessante Schriftsteller Auerbach" wird in einem 
befreundeten Hause angetrofien, wo er „das.Habermus" 
und andere Gedichte in alemannischer Mundart vorliest. 
Man macht einen Abstecher nach Baden-Baden und dann 
geht's fort nach Stuttgart. Dort sind die Aufforderungen 
zu einem zweiten Concert nach dem ersten sehr dringend, 
aber in Augsburg ist Moscheles schon angekiindigt. Von 
dort her schreibt er seiner Frau nach Stuttgart: 

„Nachts 10 Uhr. Nachdem mein Programm gemacht 
war, ging ich in's Theater, um mich meinen Sangern vor- 
zustellen. Der Director Legler empfing mich mit offenen 
Armen, das schon costiimirte Personal nicht minder. 
• Titus war „clemente", Vitellia lachelte herablassend, Sex- 
tus im Tricot (also gunstiger fiir die Entfernung berech- 



- ■ - — 120 — ■ 

net) naherte sich mir demungeachtet und erinnerte mich 
daran, dass wir uns schon aus Wien kennen. Wer aber 
fallt mir als Chordirector in die Arme? Hummel's' Sohn, 
der mir gleich seine Dienste als Accompagnateur anbot. 
Ueber hiesige Familien und meine gute Aufnahme bei 
ihnen iibermorgen miindlich. O wie schon!..." 

In Stuttgart sind Lindpaintner, Max Bohrer, Pischek, 
Molique, mit denen viel privatim musicirt wird, und die den 
Concerten doppeiten Glanz verleihen; es sind vortreffliche 
Dilettanten dort, und die Aufnahme bei ihnen so herzlich, 
dass man sich am 27. October ungern trennt, um nach 
Munchen zu gehen. — Von dort aus schreibt die Frau r 
„Hier scheint ein langerer Aufenthalt unvermeidlich, denn 
die Ftisse einer Ballet-Tanzerin, der Elsler, stehen Mo- 
scheles' Handen storend entgegen; sie tanzt bis zum 
6. November noch sechs Mai, und absorbirt Orchester 
und Publikum. Spricht aber Moscheles von Abreise ohne 
Concert zu geben, so widersetzt sich Alles; Kapellmeister 
Lachner, Graf Pocci, Graf Seinsheim, Baron Poissl, Grafin 
Me]*ean : alle diese und noch Andere wollen fiir ihn laufen, 
sprechen oder schreiben, um einen friiheren Concerttag, 
als den 9. November zu erlangen." Dennoch musste es 
trotz aller Bemiihungen bei diesem bleiben, aber die 
Zwischenzeit veriliegt blitzschnell im Ansehen der Kunst- 
schatze, im Verkehr mit echten Kunstliebhabern und 
Kiinstlern. Die Bekanntschaft mit Kaulbach, die 
sein Schiiler Asher vermittelt, bietet grosse Gemisse, 
man ist viel in seinem Atelier und Moscheles sitzt ihm 

fur eine Zeichnung „Er kommt wiederholt im Dammer- 

stiindchen, wenn ich meine Finger exercire, in's Hotel", 
schreibt Moscheles, „sitzt, die Hand vor den Augen, neben 
mir und hort zu." Die Frau bcschreibt eine komiscbe 
Aventiire im Kaulbach'schen Atelier: „Esbestehtaus ver- 
schiedenen Raumen. In dem einen, grossten, malt er eben 
sein Jerusalem; es ist beinahe fertig und wir sehen so 
gern zu, wie er, in seinem Pelz dastehend, die letzte Hand 
an das Meisterwerk legt. In einem daranstossenden 
Zimmer steht ein Clavier; gestern, als wir da waren, bat 



— 121 , — 

-er Moscheles Etwas zu spielen; als dieser aber eben recht 
im Zuge ist, wird Kaulbach leise abgerufen; wir horen 
lautes Reden, Moscheles nicht, und erst als Kaulbach und 
Konig Ludwig neben ihm am Klavier stehen, wird er sie 
gewahr. Nun findet die Majestat gleich das rechte Wort: 
„Freut mich, wollte zu einem Kiinstler, finde zwei. Und 
die Damen?" Wir werden vorgestellt und miissen auf 
Befragen des koniglichen Inquirenten frei bekennen, dass 
ich die Mutter, E. die Tochter, dass ich aus Hamburg, 
sie aus London stamme, und was der interessanten Urn- 
stande mehr sind. Natiirlich muss Moscheles spielen und 
■sich lob en lassen und dann verabschiedet sich die Majestat. 
Hinterher erzahlt Kaulbach, wie der Konig es ungern 
sehe, dass er „fur den Preussen arbeite" und ihn deshalb 
heute im Atelier einigermassen zur Rede gestellt habe. 
E. will die Scene gleich von Asher illustrirt haben 
und besitzt nun diese Zeichnung, treffend und wahr." 
Auch Graf Pocci bereichert die Albums der Familie mit 
■semen unnachahmlich schonen Federzeichnungen , und 
Kaulbach schenkt der Frau eine seiner Original-Hand- 
zeichnungen zu Schiller's Raubern, „ein Meisterwerk". 
Man muss die feine Ausfuhrung dieser Zeichnung gesehen 
haben, um zu begreifen, dass die Familie Moscheles sie 
anfanglich fur einen Stahlstich hielt und erst bei genauer 
Besichtigung den Schatz gehorig wiirdigen lernte. Der 
alte, schon sehr erschopfte Moor ruht in einem Lehnstuhl, 
die neben ihm sitzende ,Amalie, ihre Hand liebreich auf 
des Greises Arm gelegt, liest ihm aus der heiligen Schrift 
vor — Franz , getreu nach Schiller's Beschreibung in 
seiner ganzen Widerwartigkeit dargestellt, druckt die 
Hand auf die Thiirklinke. als er sie die Worte aus- 
sprechen hort: Und Jacob trug Leid um seinen Sohn lang-e 
Zeit. — Seine Cainssunde ist in seinen Zugen zu lesen. — 
Zur naheren Erklarung aber ist der Brudermord noch in 
einem an der Zimmerwand hangenden Bilde dargestellt. 
Ja , Kaulbach hat es verstanden , in dieser , Miniatur- 
zeichnung das ganze Elend der unglucklichen Familie 
Moor bildlich zu verwirklichen und seine Phantasie ver- 



r- 122 — 

leiht der des jugendlichen Schiller neuen Reiz und Aus- 
druck.". .. 

Tags nach dem Concert ist das Zimmer uberfullt von 
Gratulanten und an „ ordentliches Schreiben nicht zu 
denken", berichtet die Frau; „nur so viel in aller Kiirze, 
dass der Abend wunderschon war — so schon, dass ich 
ihn um keinen Preis hergeben mochte. Der ganze Hof 
war dort, der Konig circulirte (wie gewohnlich sagt rrian) 
im Zwischenact im Saal, und die jungen Madchen behaup- 
ten, er frage dann oft: wie alt?" und bei seiner Taubheit 
miissten sie laut antworten, worauf es gewohnlich heisst: 
„Und noch keinen Mann!" Aber mehr und ausfuhrlicher 
aus "Wien. . . . Doch ehe sie dahin abreisen, sclireibt Mo- 
scheles an Frau von Lieben: „Das Herz pocht mir, liebe 
Freundin, wenn ich in der nahen Zukunft ein fortgesetztes 
"Wiener Leben sich spiegeln sehe. Mit Gottes Hiilfe 
wollen wir in der Er inner ung an die Bliithenzeit vergan- 
gerter Jahre schwelgen. Bis dahin, wie immer, Ihr alter 
Freund I. Moscheles." 

Von Wien aus wird uns eine Beschreibung der Reise 
gemacht, die uber Salzburg ging, und dann heisst es in 
einem Briefe der Frau: „Wir sind gliicklich hier am 
Stefansplatz gelandet, und der ehrwiirdige alte Thurm 
sieht uns gerade in unsern zweiten Stock hinein. Mosche- 
les ist aus, um Kiinstlervisiten zu erwidern, denn viele 
seiner alten Freunde waren schon beiihm und die Herzen, 
scheint es, fliegen ihm wie friiher entgegen. Diese Reise, 
die eigentlich keine Kunstreise sein sollte, und es doch — 
man weiss selbst nicht wie — geworden ist, hat ihm 
grosse Freude gemacht. Ueberall als Liebling aufgenommen, 
umringt von alten Freunden und neuen Bekannten, erfolg- 
reich in jedcr offentlichen Unternehmung, ist es eine Er- 
quickung fur Geist und Kdrper, sich in der Arena des 
Clavierspieles siegreich herumzutummeln, anstatt ewig in 
London zu schulmeistern; er geniesst das sehr, E. und 
ich vielleicht in erhohtem Grade fur ihn, denn Wenigen 
wird wohl das Gliick zu Theil, so zu reisen, wie wir es 
thun; das empfindenwir dankbar... Umringt, wie Moscheles 



— 123 — 

in Wien lebt, bleibt ihm keine Zeit zum Briefschreiben, 
und wir mochten daher seine kurzen Tagebuchnotizen 
hintereinander folgen lassen, um seine Ansichten iiber das 
Musikwesen Wiens als ein Ganzes aufzustellen. 

„Haydn's Jahreszeiten in der Reitschule. gehort Die 
Hasselt-Barth vortrefflicb." „Statt Beethoven ist jetzt Doni- 
zetti die Sonne der Musikwelt, Mich erwarmt sie ..nicht, 
leuchtet mir auch nicht voran auf neuer Bahn."... „Bei 
Hof war gestern einc Soiree, wo der Professor Wolff aus 
Jena eine Improvisation sprach; aber Musik hatten sie 
auch, namlich Klatke, Kiinstler auf der Mundharmonika, 
und Moreau, Kiinstler auf der Guitarre." . . . „Frau von 
Cibbini ist noch aus der guten alten Zeit iibrig geblieben 
— und erst die Baronin Erdmann, geb. Erdody! Ich Uess 
ihr keine Ruhe, sie musste mir Beethoven's Cis-moll-Sonate 
vorspielen und es ging noch vortrefnich. Das ist eine 
interessante Reliquie des guten Clavierspiels." . . . „Dass 
Frau von Beer, fur die ich als Fraulein Silny mein vier- 
handiges Rondo in A schrieb, es heute mit mir probirte 
und Vortreffliches leistete, war eine scheme ' Jugenderinne- 
rung,"... , Aloys Fuchs besuchte mich, um mir Handel's 
M. S. Cantate con stromenti „Hero und Leander" zu zeigen, 
1707 in Rom fur den Cardinal Ottoboni componirt und im 
Jahre 1834. in Fuchs' Besitz gekommen. Sie fangt an: 

:f =?*—?=£ 

Qual ti ri-veg-go oh Dio. 

, Jaell brachte mir seinen zehnjahrigen Wunderknaben 
Alfred, der schon Ausserordentliches leistet. Er will mein 
Kindermarchen offentlich spielen und ich gab ihm einige 
Anweisung dazu." . . . „Nicolai's Oper „Die Heimkehr der 
Verbannten" gehort. Gut dramatisch, aber zu sehr ita- 
lienisch abgeniitzt." . . . „Saphir's Concert im Josefstadter 
Theater. Heindl begaqn es mit Floten- Variation en iiber 
ein Schweizerlied — Furore — Ich spielte Serenade ohne 
Beifall — Kindermarchen ohne Beifall — Ungarischen 




— 124 — 

Marsch, Beifall und zwei Mai hervorgerufen. Demoiselle 
Neumann und Frau Rettich declamirten. Brume spielte 
Bravouren auf seiner Geige mit Beifall und Wiederholung. 
Saphir gab zum Schluss eine Vorlesung mit Humor und 
"Wortspielen — das Beste, wie er sagt, von der Censur ge- 
strichen — ein Capital, das er sich fiir seine alten Tage 
aufspart." . . . 

„Prume's Oper gehort. Langweiliges Sujet, Musik aus 
verbrauchten italienischen Formen zusammengesetzt; die 
Hauptrolle spielte die abgedroschene Tiroler Cadenz for- 
tissimo vom Chor, den Solosangern und den cornets a piston 
unisono herausgeschrien. Freunde des Componisten liessen 
diese Stellen wiederholen und suchten die Oper vor ihrem 
zweideutigen Schicksal zu retten." . . . „Musikalische Soiree 
bei H. v. V. — Wolff improvisirte in gebundener Rede; 
ich spielte ein paar Etiiden und auf Verlangen das ewige 
Kindermarchen auf einem „Streicher", den der Herr vom 
Hause durch sein Schlagen schon verstimmt hatte. Frau 
Hasselt sang Lieder seiner Composition, ein Flotenspieler 
sauselte und meckerte allerlei Variationen." , . . „Don Juan 
mit Frau Hasselt und Draxler war ein grosser G-enuss." 
„Von alien Diners, diewir hier mitmachen, war dasgestrige 
in Hietzing im Domeyer'sehen Local das Interessanteste ; 
fiir den Gaumenkitzel ist uberall gesorgt, aber hier war 
statt der gewohn lichen Unterhaltung die vor tref niche 
Tanzmusik des jungen Strauss, Walzer, Polka's und Ga- 
lopp's, bei denen Einem das Essen im Leibe tanzte." . . . 

„Randhartinger's osterreichische Lieder mit Zither- 
Begleitung sind nationell pikant." 

„Wohlthatigkeits-Concert im Karnthner Thor-Theater. 
Ueberfiillt, kaiserliche Familie dort. . Publicum warm, era- 
pfanglich fiir Alles. Ouvertiirc zu Cortez; sehr gut aus- 
gefiihrt." „Der liebe alte Freund Dessauer liess mich 
schone Lieder seiner Composition horen; ich musste ihm 
vorspielen,"... „In der Concordia fmde ich viele der alten 
Ludlamisten zu meiner Freude wieder. Castelli, der rriir 
erzahlt, dass er jetzt 1300 Tabaksdosen in seiner Samm- 
lung besitzt, von Vesque, Proch, Marsano, Stern (Geiger), 



— I2 5 — 

Grillparzer, Deihhardstein , ICuffner, Lannoy, Fischhof, 
Prume, Hauser, Randhartinger. Anschiitz declamirte, ich 
phantasirte auf einem „Streicher", Prume spielte. Schone 
Kupferstiche von Stober waren ausgestellt." „Fischhofs 
Besuch bereitete nrir einen hochst interessanten Abend, 
denn er brachte Bach'sche M. S. Concerte, die wir pro- 
birten. £r will mir auch einige von seinen derarjigen 
Schatzen mit nach London geben." „Der Cellist H: * aus 
Miinchen hat viel Bravour, ist aber unpoetisch wie 
Bairisch Bier." „Der gewisse schreiende S. braehte sein 
Wundertochterchen und folterte meine Ohren durch sein 
Peroriren und das Geklimper des.Kindes. Endlich durch 
den Brieftrager erldst." „Wir wollten E. das Local des- 
Redoutensaales zeigen, wo ich Walzer und Menuett zu- 
gleich zu horen pfiegte, da ich den Effect oft scherz- 
weise anrKlavier nachahmte; jetzt giebt es kein solches 
Durcheinander mehr, da man nur im grossen Saal zu 
Strauss' vortrefflicher Musik tanzt."... 

Moscheles giebt in Wien drei Concerte, am 23. No- 
vember, 3. und 17. December, spielt als Novitat sein Pa- 
storal-Concert, die Erinnerungen an Irland, mehr ere der 
charakteristischen Etiiden, und auch Beethoven's Es-dur- 
Concert und As-dur-Sonate, aber auch die alten Alexander- 
Variationen werden wieder verlangt, wie gern er sie auch 
ignorirt hatte. Zu dem Hommage a Handel wirbt er den 
jungen Pauer, „der sie vortrefflich spielt" und ihm grosse 
Freude durch das Eingehen in seine Intentionen macht. 
Der Dr. Bacher ist bei alien Einrichtungen seine re.chte 
Hand, bei alien Schwierigkeiten sein Heifer. Die Frau 
schreibt: „Man lacht, wenn wir von einem dreiwochent- 
lichen Aufenthalt sprechen und nennt die Idee unmoglich. 
Ein Moscheles, der seit 18 Jahren nicht in Wien war, 
kdnnte wohl wie Liszt den Winter hier zubringen. Es ist 
namlich eine Hetzjagd von Concerten — morgen an dem 
einen Tage giebt's deren fiinf, und der erste ganz freie 
Tag, sagt man, sei der 26. December; heute haben wir 
den 16. November. Der Adel halt noch a l'anglaise seine 
Jagden , und eine hier ' anwesende Pester musikalische 



— '' 126 — 

Notabilitat rath Moscheles, dessen Riickkunft abzuwarten, 
indem er einstweilen nach Pest geht und dort spielt. 
Graf M. D., der den Schliissel zu den Hofconcerten fiihrt, 
behauptet, jetzt im Advent ga.be es deren keine, und vor 
Mai fande schwerlich eins statt. Wie Ihr Moscheles kennt, 
nimrat er diese Sachen sehr ruhig, freut sich des iiberaus 
herzlichen Empfanges, den uns der grosse Kreis seiner 
Freunde und Anhanger bereitet, und hat, wie er sagt, 
fur diese, schon den 23. d. M. zu seiner Matinee fest- 
gesetzt." . . . 

E. schreibt Tags nach derselben; „ Es war prachtig, 
^Vater von dem vollen Saal als alten Liebling empfangen 
zu sehen, immer drei Mai gerufen, das Kindermarchen 
wieder verlangt, als er es aber zum zweiten Mai anfangen 
wollte, so heftiger Applaus, dass er seinen armen Riicken 
erst zu einer Menge Complimenteri beugen musste, ehe er 
es, spielen durfte. Zum Schluss der Improvisation iiber 
Beethoven's A-dur-Syniphonie brachte Vater das Liedchen: 
S'giebt nur a Kaiserstadt etc., das war ein Jubel! Die 
gewissen murmelnden Bravo's, die durch den Saal gingen, 
kamen von Herzen und hatten Euch ebenso erfreut, wie 
Mutter und mich. Schon im Saal wurde der 28. fiir das 
zweite Concert festgesetzt, es geht also Schlag auf 
Schlag." .... 

Es wurde nothwendig, dies zweite Concert auf den 
3. December zu verlegen, an dem es, mit womoglich noch 
gesteigertem Beifall stattfand. Auch das dritte Concert 
erlitt einen achttagigen Aufschub, weil der Hof trotz des 
Advents ein Concert fiir Moscheles ansetzte. „Dies ist 
ganz ehrenvoll", schreibt die Frau, „doch durchkreuzt all 1 
der Aufschub unsere Plane unangenehm, und wie ungern 
wir uns von dem neugebackenen Kammer - Virtuosen 
Seiner K. K. Majestat trennen, wir eilen zu Euch und 
den Kindern. Die Theater sind herrlich, von der Burg 
an bis herunter zum Elysium, und' Alle stehen uns durch 
die OKite der Abonnenten offen. Das Haus von Eskeles 
kann ich nicht genug riihmen, denn es ist wie unser 
eigenes; friiher war ich dort Tochter, weil sie Moscheles 



— 127- — ' - 

in seiner Jugend als Sohn behandelt hatten, nun geht die 
Liebe auch auf E. iiber. ... Wir haben einem pracht- 
vollen Toison-Fest beigewohnt, wo zwei ganz junge Erz- 
herzoge, die in blau und weissem Atlas reizend aussahen, 
zu Rittern des goldenen Vliesses geschlagen wurden. Der 
arme kleine schwachliche Kaiser Ferdinand konnte nur 
mit Hulfe seines Kollowrat das grosse alterthiimliche 
Schwert heben und den Jiinglingen die Akkolade geben. 
Die Kaiserliche Familie in Hirer Loge, die Ungarisclie 
Hobelgarde mit Edelsteinen ubersaet, der antike Ritter- 
anzug mit Turban und Mantel merkwurdig, und das Ganze 
hochst imposant." ... 

Am 12. December Tags nach der Abreise von Frau 
und Tocbter schreibt Moscheles iiber seine traurige Stim- 
mung. „ Ich fesselte mich an mein Clavier, um die 
Grillen dieser plotzlichen Trennung zu verscheuchen." 
Ein zweiter Brief desselben Datums um n Uhr Nachts 
sagt: „Du fahrst jetzt in die kalteNacht hinein, ich komme 
eben aus dem Hof-Concert und will mit Dir wachen, um 
Dir dariiber zu berichten, Es fand in dem von Kaiser 
Leopold mit den schonsten florentinischen Mosaikbildern 
geschmiickten Saal statt, auf die der Kerzenglanz magische 
Reflexe warf. Die Gesellschaft war etwa 200 Personen stark, 
vorn auf der ersten Reihe die ganze k. Familie. Alle 
unterhielten sich gemuthlich mit mir,. sagten mir auch 
viel Schones, und die Kaiserin-Wittwe fragte, ob es nicht 
im Jahre 1824 gewesen, wo sie micb in Prag nach einer 
Krankheit gehort, Sie hatte Recht. Die Erzherzogin 
Sophie erinnerte sich meiner am Munchener Hof. Beide 
batten auch von meiner Frau und Tocbter gehort, und 
wie Letztere ein so schones Talent habe. Erzherzog Carl 
gedachte der ihm unter meiner Mitwirkung gebrachten 
Serenaden in Baden, Erzherzog Franz Carl hatte mich oft 
bei und mit seinem Bruder, dem Erzherzog Rudolf ge- 
hort, Mit der Improvisation ware es beinahe schlecht ge- 
gangen. Ich bat die Majestaten um ein Thema und sie 
wahlten etwas aus „Linda di Chamounix" von Donizetti. 
Natiirlich war ich gezwungen, mir das Armuthszeugniss 



— 128 — 

zu geben, dass ich diese „herrlichste aller Opern" merit, 
kenne, worauf man mir unbelesenem alten Zopf denn 
Themen aus Mozart'schen Opern vorschlug. Ich nahm 
„batti, batti"und dasChampagnerlied, dann imHinblick auf 
den Helden Erzherzog Carl, zum Schluss noch „See the 
conquering hero." Der Kaiser sagte: „War das letzte nicht 
der Marsch aus der Vestalin?" worauf ich: „Etwas Aehn- 
liches", und die Kaiserin schnell mit der Frage einfiel: 
„ob ich in "Wien Oder Prag meine Schule gemacht?" Um 
10 1 j x Uhr entfernte sich der Hof, es wurde Eis gereicht, 
und das Confect, das ich dazu nahm, steckte ich fur die 
Kinder ein. — Gute Nacht, denn ich habe viel fur's Con- 

' cert zu thun; wie schon, wenn ich erst einen Brief von 

; Dir bekomme" .... 

Am 13. December schreibt Moscheles: „Gut, dass wir 
uns zu der temporaren Trennung entschlossen haben, 
denn mein hiesiger Aufenthalt spinnt sich neuerdings aus. 
Graf Szechenyi war eben bei mir, um mich fur den 19. 
zur Erzherzogin Sophie und Erzherzog Franz Carl zu be- 
fehlen, bei welchen ich spielen soil. Die Art und Weise, 
wie ich iiber das Handel'sche Thema phantasirt, hatte 
in ihnen den Wunsch erregt, mich iiber Gluck'sche Motive 
improvisiren zu horen. Ausserdem verlangte der Graf 
eine Speisekarte meiner Compositionen als Auswahl fiir 
den Abend, das Kindermarchen als Confect, und schliess- 
lich wurde bestimmt, ich solle Mittwoch Abend zu ihm 
kommen, wo wir eine Probe aller bei Hof zu spielenden 
Stiicke halten wiirden. — Ein komisches Zwiegesprach 
hatte ich mit Graf Moritz D., die Feder eines Hoffmann 
wiirde es Dir besser beschreiben; ich erzahle Dir's nur 
schlichtweg. £r kam, rausperte sich und sagte: „Fiir Ihr 
schones Spiel bei Hofe habe ich Ihnen dieses (ein Roll- 
clien Dukaten) zu iibergeben." Ich nahm es, sagte aber, 
wie mir irgend ein Andenken der hohen Herrschaften 
mehr werth sein wiirde als Geld, worauf er: „Aber was 

' thun's mit so a Man's Nipperl? schau'ns der Pruime kriegt 

auch Geld, aber nit so viel wie Sie — es sein 60 Duk." 

; Ich wiederholte, er wiederholte, endlich sagte ich, wie ich 



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— 129 — , 

auf seine giittge Vermittelung fiir die Erfiillung meines 

Wunsches recline. Die Excellenz wurde weich, verlegen 

undsagte: „Na, geben Sie mir das Geld, ich will sehen 

was zu thun ist, morgen sollen Sie Bescheid haben." — 

Eben, wie ich diesen Brief abschicken will, bringt rair 

schon der Graf drei Diamant-Hemdknopfe und sagt: „Ich 

hoffe, die treffen Ihren Geschmack, sind auch gerade von 

dem Werth des Geldes." Ich bedankte mich hoflichst 

fiiir seine Miihe und die Sache war abgethan." 

„Wieviel ich seit Deiner Abreise wieder mitmachen 

musste, davon imindlich; Du kennst es ja, nur dass jetzt 

iiberall von Euch die Rede ist. .... Ein grosses rausi- 

kalisches Leid hatte ich auszustehen. Mendelssohn's Lob- 

gesang von der Gesellschaft der osterreichischen Musik- 

freunde aufgefiihrt; fiir mich ein Hochgenuss, aber ich 

sass wie auf griinem Rasen von Eisschollen umgeben; 

ich durfte dem Irdischen entriickt,* mit dem Tondichter 

in hoheren Spharen schweben, durch nichts gestdrt, durch. 

kein Handeklatschen abgezogen, denn das Pubhkum sass 

cla in starrem Gleichmuth. Der Choral, das „Huter, ist 

die Nacht bald hin", riihrte mich bis zu Thranen. Tritt 
_ + 

Herr Hoschek, Musiklehrer, zu mir und sagt: „Ist das 
nicht kunstvoll zusammengestoppelte Musik?" Ich war 
wie aus einem Luftballon heruntergestflrzt, verbiss den 
Ingrimm und sagte: „Wie man's nehmen will." Bei'-m 
Schlusschor raumte das Wiener Volkchen schon den'Saal;. 
die Schoberlsuppe rief. Die Wenigen, die blieben, gaben 
so matte Zeichen des Beifalls, dass ich an das Knistern 
eines erloschenden Raminfeuers erinnert ward." . : . . 

Ein Brief vom 17. December sagt: „Vom Concert nach 
Hause kommend, in welchem der Enthusiasmus fiir mich 
aufs hochste stieg, gonne ich mir keinen Moment Ruhe 
und berichte Dir. Das vielmalige Rufen kennst Du, den 
sturmenden Beifall auch, Beides ist hier so gang und gebe, 
dass es keinen Eindruck macht; aber ich weiss nicht, 
warum mich die Demonstrationen des Publikums wahreiid 
meines G-moll-Concertes weich stimmten, so dass ich mir 
selbst Gewalt anthun musste, um kampffahig zu bleiben. 

Jloscheles' Leben. 31. 



— 13° — 

Im „Hommage a Handel" wurden wie in Leipzig schon die 
letzten 20 Tacte durch Beifall iibertont, was mich beson- 
ders fur meinen jungen Compagnon Ernst Pauer freute, 
der eben so bescheiden als tiichtig ist. Die Alexander- 
Variationen kannst Du Dir denken. Nun habe ich noch 
das Hof-Concert, dann kommt die Abreise". . . . 

Aus Prag schreibt Moscheles: „Ich habe gestern in 
Begleitung der Geschwister das Grab meiner Eltern be- 
sucht und mich mehr beruhigt als erschiittert dadurch 
gefiihlt. Ueberhaupt thun rair die ruhigen Tage fern von 
hoffartigen oder faden Besuchen und wissbegierigen Col- 
legen gut. Bei Lemel's bin ich immer gern, da sie mich 
wahrhaft herzlich aufnehrnen; sonst vermeiden wir es, 
Jemandem von meiner Anwesenheit zu sagen. Ein Con- 
cert wurde mich zu viel Zeit kosten , so will ich nur 
meinen armen leidenden Bruder trosten und unterhalten, 
indem ich ihm von meinen letzten Erlebnissen in Wien 

erzahle Nun den Kindern noch ein Wort: Liebe 

iilteste Tochter! Du hast gewiss von Deinem zerstreut 
tollen "Weltleben den Hamburger Verwandten schon ge- 
nug erzahlt und bist eben zu Athem g-ekommen. Jetzt 
sehe ich der Zeit entgegen, wo Du Dicb mehr mit Dir 
selbst beschaftigen und Deinen Geschwistern als Weg- 
weiser auf dem Gebiete der Bildutig dienen wirst! .... 
Du liebe S., wirst das Wiedersehen mit Deiner geliebten . 
Mutter gewiss als einen gliicklichen Wendepunkt " nach 
der Prufungszeit der Entfernung ansehen und es durch 
diese doppelt geniessen. — Lieber F., wenn das optime, 
das der Lehrer unter Deine Arbeit setzte, sich auf Dein 
ganzes Betragen beziebt, wirst Du stets meiner Zufrieden- 
heit, meiner Liebe gewiss sein. Nimm Dir vor, das optime 
durch's Leben als Wahlsptuch zu behalten. — Dic.h, mein 
Kleinchen, hoffe ich als grosses Mamsellchen wiederzu- 
sehen. Nimm Dich nur in Acht, wenn Du mir bei'm 
Wiedersehen um den Hals springst, dass Du mich nicht 
umwirfst. Adieu" 

In Dresden findet Moscheles viele concertgebende 
Kiinstler, wie Dohler, Piatti, Mortier de Fontaine u. A., 



t 

— 131 — : ■ ■ 

kiindigt daher das seinige fiir den 7. Januar an und. geht 
nach Leipzig, wo er am 1. Januar im Gewandhaus-Concert 
spielen soil. Das Wiedersehen mit Hauptmann, David, 
Gade, Joachim, Frau Frege, dem ganzen musikalischen 
Kreis iibt den gewohnten Zauber auf ihn aus. „Das ist 
eine echt kiinstlerische Atmosphare, in der sich's gut 
Musik macht" schreibt er seiner Frau. „Meine Probe ist 
sehr gut ausgefallen, David dirigirte mit dem baton und 
wir hatten nicht ein einziges Mai anzuhalten. Ein Violin- 
spieler, Bazzini, soil hier in der Maurer'schen Concertante 
mit David, Ernst und Joachim grossen Effect gemacht 
haben und eine von Ersterem dazu geschriebene Cadenz 
electrisch gewirkt haben. Gestern iibte ich mich mehrere 
Stunden auf dem Hartel'schen Instrument ein. Abends 
war ich bei David's und zwar allein, da alle von ihm da- 
zu Geladenen an diesem Sylvester-Abend schon versagt 
waren ; darunter der jetzige Concert-Director, der j unge Gade, 
der einen Mozartahnlichen Kopf hat. David spielte mir 
seine M. S. Variationen in G-dur iiber ein eigenes Thema, 
Variationen iiber ein schottisches Lied, Alles pikant; auch 
begleitete ich ihm aus der Parti tur Mendelssohn's neues 
Violin-Concert, fiir ihn geschrieben. Es ist sehr schon, das 
letzte Stuck Mendelssohnisch feenartig hiipfend; der ganze 
Abend war genussreich. Um n Uhr ging ich nach Hause, 
gab m einen Gedanken Audienz und begriisste das neue 
Jahr mit dem Gedanken an Dich und die Unsrigen! — 
Es bedarf aller meiner Thattgkeit, um mir unsere lange 
Trennung ertraglich zu machen, — aber wie gross, wie 
ungetriibt s telle ich mir das Wiederfindeii vor! . . . 



1845. 

Moscheles schreibt an 'seine Frau: 

,, Leipzig, 1. Januar 1845, Morgens 7 Uhr. 
Gliick und Segen zum neuen Jahr! Gestern Nacht 
schrieb ich Dir, heute will ich noch Einiges nachtragen. 

9* 



— I 3 2 — 

Schleinitz sprach mit mir wegen der Annahme einer Stelle 
am Conservatorium , gab mir auch zu gleichem Zweck 
einen Brief an den Minister von Falkenstein in Dresden;, 
ich konnte naturlich, unvorbereitet wie mir die Idee kam, 
nur antworten, wir wiirden seiner Zeit daruber sprechen. 
— Ein Herr Preusser, der statt des kiirzlich verstorbenen 
F. Kistner Concertdirector ist, hat als Vormund von K.'s 
Tochter bestimmt, dass die Musikhandlung nicht verkauft 
werde, und hat alle dabei betheiligten Kiinstler — auch 
mich — ersucht, unsere Beziehungen aufrecnt zu erhalten, 
Es soil ein sehr bliibendes Geschaft sein, 

Abends nach dem Concert. Erst jetzt kann ich fort- 
fahren. Erst kamen Leute zu mir, dann machte ich musi- 
kalische Besuche, probirte mein Trio mit David und Witt- 
mann bei Hartel, horte Bach's herrliche Motette (G-moll 3/,), 
ass bei David mit Gade, Hauptmann und Joachim und 
machte Toilette fur's Gewandhaus- Concert. Saal iibervoll. 

Mendelssohn's ftinfundneunzigster Psalm herrlich. 

Ouvertiire zu Gluck's Iphigenie. 

C-moll-Symphonie Beethoven, vortreffiich mit Piano's. 

Miss Lincoln, die Verwandte von Dilke's, sang zwei 
Mai brav. 

Mein G - moll - Concert sehr gut begleitet und aufge- 
nommen. 

Nach dem Concert bei - David mit Gade , Schleinitz 
u. A " 

Das Tagebuch sagt am 2, Januar: „Besuche der Musi- 
ker empfangen und ihnen vorgespielt. Um 2 Uhr nach 
Dresden, Abends in Dohler's Concert. Er spielte alte 
"Sachen mit Ausnahme einer htibschen Ballade in H-dur. 
Piatti vortreffiich, Wieck, Reissiger , Fiirstenau u. A. ge- 
troffen. Thee bei Kaskels, spater zu Hiller." 
f 3. Januar. „Interessante Besuche gemacht und em- 

pfangen, u. A. Mme. Schroder-Devrient, Wagner, R. Schu- 
1 mann. Um 2 Uhr zuriick nach Leipzig. Concert-Anstalten 
fur den 7. d. M. In der Kammermusik mein Trio gespielt 
mit Wittmann und David. Alle andern Stucke mit An- 
dacht angehoxt und aufgefasst." 



:i--*r 



— i33 — 

Am 4. Januar. „Zuruck nach Dresden. Gutzkow's 
-,,Urbild des Tartuffe" gesehen, und mich kostlich unter- 
halten. Emil Devrient als Moliere ausgezeichnet." 

Am 5. Januar. „Mein Zimmer wurde so voll von 
Besuchenden, wie Du es in Wien kanntest, und da yiele 
Kunstjunger mid manche Wunderkinder darunter waren, 
so ist es gut, dass ich kein Clavier habe. Hiller gab mir 
eine grosse Matinee, bei der alle Kiinstler und Kunstlieb- 
haber zugegen waren; wir spielten meine Es-dur-Sonate, 
ich allein viele Stucke, Alles enthusiastisch aufgenqmmen. 
Abends mit Hiller 's in die neue Marschner'sche Oper „ Adolf 
von Nassau". Sie hat viel Schones in dramatischer Be- 
ziehung, die Instrumentation ist ausgezeichnet, nur in zwei 
Stiicken fand ich unverkennbare Plagiate von Spohr und 
Donizetti. Der Componist wurde zwei Mai gerufen, ob- 
wohl das Publicum gegen Ende zu erkalten schien, Nach 
dem Theater fand ich bei den Freunden G.'b eine grosse- 
Gesellschaft , in welcher Hofrath Carus eine Vorlesung , 
iiber seine Reise nach England als Begleiter des Konigs 
von Sachsen hielt." 

Am 6. Januar. „Lipinsky und Reissiger „steckten" 
■es mir noch zur rechten Zeit, dass sich einige Kapellisten 
wegen Mangels an personlicher Einladung zu meinem 
Concert beleidigt fiihlten und schnell machte ich es gut. 
— Eine traurige Stunde verlebte ich bei Frau von Weber. 
Ich fand sie neuerdings in Thranen urn einen erwachse- 
nen Sohn, der vor Kurzem in ihren Armen starb. Die 
-arme Frau! Ich konnte ihr meine tiefste Theilnahme 
nicht versagen — aber mein Besuch war ihr auch trost- 

lich Jetzt ist es J / 2 2 Uhr Nachts und die Fort- 

setzung folgt, wenn ich ausgeschlafen habe " , 

Am 7. Januar, wieder 11 Uhr Nachts. „Mein heu- 
tiges Concert fiel uber alle Maassen brillant aus; der 
schone Saal des Hotel de Saxe iibervoll, der Hof in 
«iner Loge, Alles was ich spielte, mit Enthusiasmus von 
Publicum und Kapelle applaudirt, ich jedesmal hervorge- 
rufen (gleichbedeutend mit sechs Mai in Wien). Ich spielte 
heute mein G - moll - Concert mit doppelter Leidenschaft, 



— 134 .— ' 

das Kindermarchen wurde sturmisch wiederverlangt. Ich 
improvisirte (dem Ort angemessen) liber Tenorarie und 
Lach-Chor aus dem Freischutz und man sagt, es sei mir 
Alles besonders gut gelungen. Die Kapellisten umringten 
-und ertrankten mich in Lob. Viel Aufselm erregte das 
Bach'sche Triple-Concert, dessen Cadenz sich vortrefflich 
steigerte. Mme. Schumann spielte die von mir componirte, 
darauf improvisirte Hiller die seinige ausgezeich.net schon, 
und ich fiihrte auch improvisirend den Schluss herbei, der 
effectvoll wurde. Die Schroder sang auch ganz begeistert, 
so dass man mir allgemein sagt, es sei eins der schonsten 
Concerte in Wahl und Ausfiihrung gewesen. Bei dem 
Freunde Hiller zum Thee. Und nun auf baldiges gluck- 

liches Wiedersehen " „Morgen babe ich hier noch 

vollauf zu thun, dann einen kurzen Aufenthalt in Leipzig 
und Berlin; dariiber aber morgen aus Leipzig Naheres, 
damit ich mir die Freude Deines Entgegenkommens be-- 

reiten kann " „Noch vergass ich zu berichten, dass 

mich Minister von Falkenstein auf den Brief von Schlei- 
nitz hin ausserst freundlich empfing und mir Alles be- 
statigte, was dieser mir schon uber das Leipziger Conser- 
vatorium gesagt hatte: dass manNichtssehnlicherwiinsche, 
als Mendelssohn's Aeusserung zu bewahrheiten ; er selbst 
wiifde gern Director des Instituts , und mochte , dass ich 
die Leitung des Glavierspiels iibernahme. Bis jetzt, sagte 
die Excellenz, fehle es noch an Mitteln, urn Mendelssohn 
und mir einen geniigenden Gehalt anzubieten. Doch wiir- 
den Beide, Falkenstein und Schleinitz, mich stets im 
Auge behalten, auch den K6nig von ihrem Wunsch in 
Kenntniss setzen , mich auf diesem Posten zu sehen. Ich 
glaube, Beide sind mir wohlgesinnt und so habe ich Aus- 
sicht, wieder ein deutscher Kiinstler zu werden und das 

modische Schulmeistern abzustreifen " 

Der nachste Brief von Moscheles an seine Frau ist 
aus Berlin, 10. Januar 1845, 2 Uhr Nachmittags. 
„Ehe ich Dir uber die hiesigen Zustande berichte, sollst 
Du horen , wie ich meine Zeit zubrachte , seitdem ich Dir 
aus Dresden schrieb. Ich hdrte ein schones Gewandhaus- 



— i35 — 

Concert in Leipzig in der Loge der Directoren, die mir 
sammtlich ihr Bedauern ausdriicken , mich nur im Fluge 
hier zu sehen. Freitag friih spielte ich bei Hartel vor 
einigen Kiinstlern und Freunden die Manuscript - Etiiden, 
die ich bei Kistner zur Herausgabe fur die Mozart-Stif- 
tung lasse. . . . Zur Theaterzeit in Berlin im Hotel du 
Nord und gleich- in die Oper ran Meyerbeer's „Feldlager 
in Schlesien" zu horen. Aus dem Brief von ihm," den ich 
Dir schickte, weisst Du, dass ich mich vorher gemeldet 
hatte; audi fand ich ein Balkonbillet im Hotel vor. Meine 
Ueberraschung uber das magnifike Opernhaus lasst sich 
nicht beschreiben. Dieses und die pikante Musik, Costume, 
Ballete, Decorationen liessen mich nicht zu Athem kom- 
men. Wahrhaft entziickt hat mich Jenny Lind. Sie ist 
einzig in ihrer Art, und eine Arie mit zw'ei concertanten 
Floten vielleicht das Unglaublichste, was man an Bravour 
horen kann; ich muss Dir noch viel dariiber erzahlen. 
Der arme Meyerbeer musste vom Dirigentenpult an's Bett 
seiner Tochter Blanca eilen, der en kranker Zustand sich 
gerade wahrend der Oper bis zur Gefahr gesteigert hatte; 
so konnte ich -ihn nicht mehr sehen. Alle Freunde haben 
mich mit offenen Armen empfangen und Niemand begreift 
mein Davoneilen. Aber der Zeitaufwand fiir ein Concert 
oder das Spielen bei Hof ware enorm, wie ich aus Meyer- 
beer's und Graf Redern's Berichten sehe. Der Konig ist 
nach Strelitz gereist (NB. Rossi's auch), Prinz und Prin- 
zessin von Preussen durch eine achttagige Reihenfolge 
von Ballen und Gesellschaften in Anspruch genommen, 
der Concertsaal fiir's franzosische Theater eingerichtet, ist 
nicht zu haben, der Saal der Singakademie nur nach acht- 
tagigen Vorbereitungen zu • benutzen , der Director des 
Konigsstadter Theaters verreist (vielleicht zu meinem 
Gliick, denn es soil schwer sein, mit ibm fertig zu wer- 
den). Lord Westmoreland und "Witzleben verreist, nur Jenny 
Lind, die herrliche und doch so bescheidene Sangerin hatte 
ich das Gliick, zu Hause zu treffen. Morgen muss ich 
noch, um nicht unhoflich zu sein, ein grosser Diner bei 
Graf Redern mitmachen und dieselbe Nacht geht's fort. . . ." 



' - - 136 - . ■' 

„Meyer beer's Tochter ist in der Besserung; er war liebens- 
wiirdig eingehend in meine Absichten, kann aber an den 
Verhaltnissen und meiner Eile nichts andern. Er unter- 
hielt sich auch mit mir iiber Mendelssohn's schones Ver- 

haltniss ziim Konig ". „Wenn Eisenbalm und Eil- 

wagen ineinander passen , so habe ich das Gliick , Dich 
Dienstag Abend zu umarmen, doch wer kann darauf rech- 
nen? Dein Entgegenkommen ware also unthunlich. ..." 

Nach einem kurzen Aufenthalt in Hamburg kehrt die 
Familie Moscheles nach London zuruck. Von dort aus 
schreibt er: „Die AufKihrungen in Exeter-Hall sind wie- 
der geisterfrischend underhebend; das franzosische Theater 
durch Mile. Plessy, Lemaistre und Mile. Clarisse stets un- 
terhaltend; Mendelssohn's Antigone in Goventgarden trotz 
der Unvollkommenheit der Chore doch genussreich." Auch 
im eigenen Hause \yird Mendelssohn gesungen, derFreund 
Hullah hilft mit seinem Chor, Frl. Schloss und Mrs. Shaw 
sind machtige Stiitzen; man wagt sich sogar an einige 
Stiicke der Matthaus-Passion. 

Sir Henry Bishop wird zum permanenten Conductor 
derPhilharmonischenConcerte erwahlt, Moscheles schreibt : 
„Wie ist es moglich , ihn Bennett vorzuziehen , der doch 
thurmhoch iiber ihm steht? Solche Erlebnisse befestigen 
in mir den Gedanken, mich dereinst nach dem musikali- 
schen Deutschland zuriickzuziehen. Bis es aber dazu kommt, 
halte ich mich in Dankbarkeit an old England. Habe ich 
doch auch in Deutschland meine Widerwartigkeiten! Ich 
darf den inliegenden ArtikeP) wohl dazu rechnen, weil 



*) Der betreffende Aitikel lautet: 

„Mo5cheles hat bei seinem letzten Aufejithalte in Deutschland gerade 
so viel verloren, als er bei seinem ersten gewonnen, namlich 800 s£ Sterl. 
(9600 n. Conv.-M.). Diese Summe hat er theils auf der Reise verausgabt, 
theils bei scMecht besuchten Concerten zugesetzt. Er selbst schreibt an 
etnen Freund in Prag: „Liszt Itostet mich viel. Ich glaubte es niclit, dass 
man jetzt ein anderes Urtheil iiber Pianofortespiel gefasst, als mir meiner 
Zeit zu Ohren lsam. Es ist leider wahr! Ich war in Deutschland, um zu 
erfahren , dass ich seit Liszt rococo geworden. . Zum Gliicli besitze ich so 
viel Geld , dass mich der Verlust niclit genirt , und so viel Talent , dass 
<es fiir England noch immer genug ist. Dass ich in Wien nicht durclige- 



'jTSSTSI'Ty^r^ ?.=. 'T .' ■: 



" — I37 — 

ich weiss, dass er Sie argert. Ich selbst fiihle mich meinen 
Neidern gegeniiber wie ein General, der kleine Wunden nicht _ 
scheut, wenn er nur das Schlachtfeld behauptet. Auch hatte 
ich nicht geantwortet, wenn der Hamburger Correspondent 
■das Gewasch nicht aufgenommen hatte; nun bitte ich Sie, 

ihm Artikel und Entgegnung*) zu schicken " 

Eine tiefe Betriibniss war es, den lieben Freund Neu- 
komm erblinden zu sehen; doch erloste ihn spater eine 
Operation von seiner Unthatigkeit. Gegen Moscheles' 
Bruder erwies sich das Geschick unerbittlicher; er erlag 
seinem chronischen Leiden und geliebt wie er war, schlug 
seinTod denSeinigen erne tiefe Wunde. Moscheles schreibt: 
„Alleswas jetzt meinen Geistund meineZeit nothwendiger- 
weise in Anspruch nimmt, ist von dem Trauergedanken 
an meinen Bruder durchkreuzt und doch fuhlte ich mich 
gestern bei Alsager durch die Gewalt der Kunst iiber 
das Irdische erhoben. Ich musste vier Beethoven'sche So- 
naten und eine Improvisation spielen und war froh, dass 



•drungen, schmerzt mich am Meisten, Dort, wo ich so schon gelebt, hatte 
ich nicht zu sterben gedacht, 1 ' 

*) Hier die Erwiderung; 

London, Miirz 1 845. 

Als mir urastehender Artikel von einera Freunde in Deutschland au- 
rgesandt wurde , hatte ich die Absicht , ihn mit dem Stillschweigen zu 
iibergehen , das ich fiir die wiirdigste Entgegnung auf eine solche Fabri- 
cation halte; da ich jedoch finde , dass er seit seiner Entstehung in einem 
obscuren Blatte auch den Weg in andere Publicationen gefunden hat , so 
■ betrachte ich es als raeine Schuldigkeit, gegen alle die Hofe Deutschlands, 
die mich im vorigen Hetbst und Winter mit so viel Auszeichnung auf- 
genommen, sowie gegen das Publicum der verschiedenen Stadte, in denen 
jnir so reichlicher Beifall gespendet wurde, den Inhalt des ganzen Artikels 
hiermit fiir unwilir zu erklaren. Ich habe im letzten September, October, 
November und December Concerte in Aachen, Frankfurt, Darmstadt, Carls- 
ruhe, Stuttgart, Augsburg, Miinchen, Wien, Dresden tind Leipzig gegeben" 
und dabei eben so trenig Gelegenheit gehabt , mich iiber den Eintrag zu 
beklagen, den mir mein. Freund Liszt gethan haben soil, wie dies vor eini- 
gen Jahren der Fall war , als wir gleichzeitig in London unsere Concerte 
gaben! — Was den Ausfall gegen England betrifft, so ware ich einer solch 
undankbaren Aeusserung gegen das Land, in dem ich seit 22 Jahren An- 
erkennung und Erwerb gefunden, als Mann von Ehre nie fahig, und wieder- 
hole daher meine ganzliche Ableugnung des Umstehenden. I. Moscheles. 



' - i 3 8 - 

meine Kraft in der B-dur-Sonate nicht unterlag. Beim 
.Adagio in Fis-moll war mein Gefiihl am starksten ange- 
regt, aber in der Fuge bedauerte ich so viel extravagante 
Misstone unter den Fingern hervorbringen zu mussen. 
Sie entha.lt mehr Dissonanzen als Consonanzen und mir 
scheint Beethoven darin zu sagen: „Ich will ein Thema 
gelehrt verarbeiten, es mag wohlklingen oder nicht." 

Der Freund, Professor Fischhof in Wien, schickt 
Moscheles das Bach'sche G-moll-Conccrt, in London ganz- 
lich unbekannt, und er spielt es, sowie das in D-dur in 
einer seiner Matineen fiir classische Claviermusik, die wie- 
der grossen Anklang fin den. Auch ljisst er es den Herzog 
von Cambridge auf dessen ausdriicklichen Wunsch im eige- 
nen Hause horen. ,,Dieser kommt, nur von einem Groom 
begleitet, bei uns angeritten", schreibt die Frau, ,,hort mit 
Enthusiasmus dem Spiel zu , ist ausserst liebenswiirdig 
gegen die Kinder. .... Man kann nicht freundlicher fiir 
eine musikalische Stunde danken, wie der Herzog es that; 
er nannte sie eine der genussreichsten , die er seit lange 
verlebt." 

Moscheles wird in dieser Zeit auch zu einem Concert 
nach Buckingham-Palace befohlen und theilt die Ehre mit 
andern Kvinstlern. „Es giebt deren eine Masse in dieser 
Saison", schreibt die Frau, „und wer bekommt die Palme? 
Vieuxtemps ist brav und Sivori ist es auch, aber freilich 
Teresa Milanollo ist erstaunlich. Pischek, Staudigl und 
Oberhoffer streiten auch um den Vorrang, Frl. Schloss. 
und Mile. Meerti miissen einander Concurrenz machen, und 
auf dem Clavier gab's erst ein en Todtschlager; nun sind's 
aber auch schon zwei. Das singende Frankreich ist durch 
die Damen Garcia, Dorus Gras, Bertucat, Hennelle und 
Bochkoltz-Falconi vertreten. Alle sind uns empfohlen; 
denkt Euch das Uebrige. . . ." 

Moscheles schreibt: „Ich horte in der Oper Musik 
von Felicien David, darunter die "Wuste. Sie giebt das 
fremdartig nationelle des Orients pikant wieder. Der 
Marsch der Caravane mit der obligaten Clarinette und 
dem Sonnenaufgang gefielen mir, obgleich alle seine 



?"■->";■; ^R? 



— 139 — 

Gompositionen in der franzosisch leicliten Manier gehal- 
ten sind. Auch eine Quadrillen- und Polka-Oper von Verdi 
fur Singstimmen, Klappentrompeten, Posaunen und grosse 
Trommel habe ichtgehort; sie heisst Ernani. Am nachsten H 
Abend als Contrast im Ancient -Concert, ein Concert von 
Emilio del Cavaliere, 1600 componirt fur Violino francese, 
Chitarra, Teorbo, Arpa, Organo, Violino etc. Die bekannte 
Romanesca aus dem 15. Jahrhundert erinnerte mich an i 
Reifrocke und Puder." 

Sir Henry Bishop hatte die drei ersten Philharmoni- 
schen Concerte dirigirt, die ubrigen funf wurden Mosche- 
les iibertragen, Er redete in der Probe das Orchester 
ungefa.hr so ah: 

„Meine Herren! Indem wir hier zusammen auftreten, 
mochte ich Ihre Leistungen mit den Fingern einer vor- 
treffiich ausgebildeten Clavierspielerhand vergleichen. Wol- 
len Sie mir nun erlauben, die Hand zu sein, welche diese 
Finger in Bewegung setzt, darf ich diese durch alle In- 
spirationen zu beleben suchen, welche mir die Meister 
stets einflossen, und konnen wir uns in diesen Inspiratio- 
nen begegnen, so werden wir Grosses leisten." — Ein 
andermal bei Gelegenheit einer Beethoven'schen Sym- 
phonie theilt er dem Orchester mit, „wie er in Wien 
diese und des Meister s andere grosse Werke als Novi- 
taten gehort und wie er die Traditionen der Tempo's 
bewahre , die Beethoven damals in seiner Direction an- 
gab." Endlich erregt er noch grosse Heiterkeit, indem er 
Beethoven's Action beim Dirigiren nachahmt: das sich 
mehr und mehr Herabneigen bis zum Verschwinden bei 
Piano-Stellen , das allmahliche Erstehen beim Crescendo 
und das sich auf die Zehen Erheben und Aufhvipfen beim 
Fortissimo. 

Doch vergisst Moscheles nicht hinzuzufugen: „So wie 
ich aber den grossen Mann in seinen Werken nicht er- 
reichen kann, so will ich mich huten, seine Action nach- 
zuahmen; bei ihm war es Originalitat , bei mir ware es 
Caricatur." Bei solchen Gelegenheiten driickten die Fidel- 
bogen und die Klappen der Blasinstrumente ihre Zustim- 



. — 14D — 

mung aus und in den Concerten herrschte Zufriedenheit 
und Anerkennung. Im. letzten derselben spielt er das 
Bach'sche D-dur- Concert und freut sich iiber die im Or- 
chester erzielten Piano's. „Mit der Zeit.wollte ich mir die 
braven geschickten Leute schon zu mehr Schatten und 
Licht heranbilden." 

Dann reist Moscheles zum Musikfest nach Bonn und 
schreibt seiner Frau von Coin aus: 

„Das Wetter mumsch, glich meiner Stimmung, denn 
die Trennung hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. 
Meine Philosophie muss helfen, . . . Meyerbeer babe ich 
hier besucht und ihn allein mit Pischek getroffen. Aller- 
seitiges ICiissen war der Anfang , viele Fragen nach 
Dir die Folge, dann Festangelegenheiten. Meyerbeer 
brennen die Haare auf dem Kopf, denn von morgen 
an muss er hier in Coin die Proben der Hofconcerte 
halten. Alle grossen Vocalsachen sollen ohne Orchester, 
'nur mit Clavierbegleitung gegeben werden. Zwischen den 
Proben will Meyerbeer die Auffiihrungen in Bonn mitan- 
horen •' 

Am 10. August kommt er in Bonn an und schreibt 
Nachts n Uhr der Frau: 

„. . . . Im Hotel de l'etoile d'or , dem Sitz aller ge- 
krenten Musikhaupter — braun, grau oder kahl — aller 
periikkirten oder lackirten Schadel, dem Versammlungs- 
orte aller musik-verriickten Damen, alt und jung — aller 
Kunstrichter, aller deutschen und franzosischen Rezensen- 
ten und englischen Reporters , endlich des — vermoge 
seiner furstlichen Gaben, Alles iiber strahlenden Liszt — 
schreibe ich Dir. Kaum angekommen, traf ich Dr. Bacher 
aus Wien, den Abgesandten des dsterreichischen Musik- 
vereins, der mir gleich anbot, sein bestelltes Zimmer.mit 
ihm zu theilen; ein unschatzbarer Freundschaftsdienst, 
denn es sieht in den Strassen aus, wie nach einem gros- 
sen Brande, wo Jeder nur wieder unterzukommen sucht. 
Herren und Damen, darunter viele Englander, mit einem 
Gefolge von Packtragern und Koffern jammern und bet- 
teln um ein Unterkommen in Hotels oder Privathausern, 



— 141 — 

Freunde und Bekannte treffen und begriissen einander, 
bunte Fahnen wehen, es ist ein geschaftiges Gewiihl, Ich 
habe schon Collegen aus aller Herren Lander n gesehen 
und gesprochen, war auch bei Liszt, der mit Sekretaren 
und Ceremonien - Meistern die Hande voll zu thun hatte, ' 
wahrend Chorley still in einer Sopbaecke sass. Liszt 
kiisste mich, sagte mir eilig confus einige freundliche 
Worte, dann sah icb ibn erst im Concertsaal wieder, als 
er der Fleyel und andern Daraen die Honneurs machte. 
Zu 400 Personen speisten. wir an der table d'hote und 
nach 6 Uhr fand das erste Concert unter Spobr's Lei- 
tung in der neuen bretternen Beetboven-Halle statt. Die 
grosse Messe in D-dur gewahrte mir zwar einen Hochge- 
nuss, doch ward er mitunter dadurch getriibt, dass die 
Composition vom achten Kirchenstyl abschweift, daber 
nicht die Einbeit der Farbe hat, die ich an andern Wer- 
ken des Meisters so sehr schatze. Die darauf folgende 
neunte Symphonie wurde fast untadelhaft gegeben, der 
Sopran in den Choren besser nicht nur wie in London, 
sondern besser als icb ihn je gehort. Staudigl unubertrefF- 
lich , die Pauken wie in London nicht reingestimmt. — 
Herr Jager vom Comite gab mir einen Ehrensitz unter 
den Kiinstlern. Liszt, wo er mir begegnet, besonders lie- 
benswiirdig. Ich scbreibe Dir dies nach dem offentlichen 
Souper im Gastbof , um mich fur die Nacht gut zu stim- 
tnen. Einstweilen bleibe ich con amore, languendo, poco 
a poco agitato, ma sempre giusto dein . . . ." 

Aus dem Tagebuch. 

11. August. „Ein neues Dampiboot ward mit vielen 
Ceremonien Beethoven getauft. Der Zudrang zu seiner 
ersten Fahrt mit Unordnung, Gedrange, vielleicht Lebens- 
gefahr verkniipft. Unter Kanonen - Salven machte das 
Schiff, in Begleitung eines andern, die lustige Fahrt nach 
Nonnenwerth, wo ein kaltes Friihstiick bereit stand. Neben 
Spohr und Fischhof vortrefflich placirt. • Taschendiebe 
tbatig, wir verschont." 

12. Augu'st. Von 8 Uhr friih Lebendigkeit in den 



— I45 — ' 

Strassen. Versammlung der Studenten, Ziinfte etc. Unter 
den Ehrengasten auf dem Rathhause gewartet, urn 9 Uhr 
mit ihnen unter grossen Miihseligkeiten in die Miinster- 
kirche. Beethoven's C - dur - Messe , ein erhebender reiner 
Hochgenuss. Vom Miinster auf die Tribunen , die rings 
um das Beethoven -Monument errichtet sind. Bis ^ 1 Uhr 
den brennenden Sonnenstrahlen ausgesetzt; sehr lastig; 
endlich erlost durch die Ankunft der hohen Gaste auf dem 
Balcon des Furstenberg'schen Hauses. Es waren Konig 
und Konigin von Preussen , Queen Victoria und Prinz 
Albert; grosser Hofstaat. Rede und Chor von, Professor 
Breidenstein." „Der Enthullungs-Moment riihrte mich tief 
im Innersten, besonders wegen der grossen Aehnlichkeit 
mit dem "Verewigten, die Hahnel erzielt hat. An der table 
d*h6te im Stern wieder dasselbe Gewiihl, ich neben Bacher, 
Fischhof und Vesque; Liszt und seine Suite an Herren 
und Damen dominirend; Lola Montez unter letztern." Um 
5 Uhr Concert im Saal." 

„Dr. Breidenstein fragte bei mir an, ob ich im morgi- 
gen Concert die Adelaide accompagniren wolle; da Mme. 
Pleyel darin ein Concert spielen sollte , so fand ich es 
meiner Kunstlerehre zuwider, einen geringeren Dienst 
darin zu leisten und schlug es ab." 

13. August. „Letzter Tag des Festes. Liszt's dazu 
componirte Cantate begann. Sie hat manches Wohlge- 
dachte und -gefiihlte , wie z. B. die Einfiihrung des An- 
dante aus dem B-dur-Trio, die angemessen und geschickt 
gemacht ist. Sie hat auch gute Instrumental - Effecte, 
ist aber im Ganzen bruchstiickartig. Stiirmischer Beifall 
und Orchestertuch war sein Lohn. Der Hof kam nach 
der Cantate und sie wurde fur ihn wiederholt. Der Konig 
wahlte dann folgende Stiicke aus dem Program m , die er 
mitanhorte: 

Ouverturen Egmont und Coriolan, die Spohr vortrefF- 
lich dirigirte. Violoncellsolo , Ganz. Weber's Concert- 
stuck — Mme. Pleyel. Arie aus Fidelio — Miss Sabilla 
Novello. Adelaide {schlecht gesungen) — Frl. Kratky. 
Liszt begleitete." 



— 143 — 

„Noch muss ich iiber Liszt sag-en, dass sein Vortrag 
des Beethoven'schen Es-dur-Concerts mich grosstentheils 
befriedigte. Den energischen geistigen Theil des Werks 
kann ich mir nicht besser denken , einiges andere hatte 
ich mir gemiithlicher gewimscht." 

„Als der Hof fort war, wurden noch einige Stucke 
gemacht, andere weggelassen! Um 2 Uhr Festmahl im 
Stern; Zudrang noch grosser als friiher. Mit dem Beginn 
der Toaste gab es cine Reihe von Scenen, die an Roh- 
heit und Ziigellosigkeit mir und jedem Aixwesenden merk- 
wiirdig bleiben werden. Gleich nach des Konigs Gesundheit 
brachte der Improvisator Wolff einen Toast, den er das 
Ivleeblatt nannte; es sollte den Dreiklang reprasentiren: 
der Grundton Spohr , die Terz , die Alles mit Liebe ver- 
bindet, Liszt', die Dominante, die Alles zur schonen Auf- 
losung fiihrt, Professor Breidenstein. Allgemeiner Jubel. 
Spohr bringt die Gesundheit der Konigin von England 
aus, Dr. Wolff die des Professors Hahnel, des Schopfers 
des Monuments, und des Erzgiessers in Burtscheid; Liszt 
die des Prinzen Albert; ' ein Professor mit einer Stentor- 
stimme wird verhohnt, verlacht, man hort nicht, was er 
sagen mochte. Liszt spricht (etwas verwickelt) iiber den 
Gegenstand der Feier, alle Nationen wollen dem Meister 
ihre Verehrung zollen, alle sollen leben, Hollander, Eng- 
ender, Wiener (!!), diehieher wallfahrteten. Chelard erhebt 
sich mit Ungestiim und schreit Liszt zu: „Vous avez oublie 
les Francais." Viele Stimmen brechen wie Meereswogen 
dar iiber herein , einige dafur , andere dagegen. Liszt er- 
langt endlich das Wort, sucht sich reinzuwaschen, scheint 
sich aber immer tiefer in ein Wortlabyrinth zu verstricken, 
bis er den Horerh endlich klar macht, dass er 15 Jahre 
unter den Franzosen gelebt und sie sicher nicht absicht- 
lich hintangesetzt habe. Nun werden die. Parteien noch 
ungestiimer. Viele verlassen ihre Sitze, das Getobe wird 
betaubend und die Damen blass. Das Gastmahl bleibt eine 
-Stunde lang unterbrochen. Dr. Wolff versucht es, auf dem 
Tisch stehend , wieder zu sprechen , wird drei bis vier 
Mai von seinem Platz verwiesen, und verlasst endlich den 



"--;•?- 



- ■ - '44 - 

Saal, das Babel seinem Schicksal iiberlassend. In alien 
Theilen des grossen Locals treten Parteien zusammen und 
durch ihr Toben wusste man nicht mehr, um was es sich 
handelte. Die franzosischen und englischen Journalist en 
mischen sich rait Klagen iiber Vernachlassigungen aller 
Art Seitens des Fest-Comite's in diese Wortschlacht. Als 
der Tumult an Thatlichkeiten grenzt, kommt der Wirth 
auf die gute Idee, die Musikbande aufspielen zu lassen; 
dies ubertont die Schreier, die sich auf den Hof zuruck- 
ziehen; die Kellner serviren wieder, manche Gaste, beson- 
ders Damen, haben den Saal geraumt. Die streitenden 
Gruppen imHof zeigten ihreziigelloseUnverschamtheitund 
lacherliche Selbstsucht. Vivier und einige Franzosen nahmen 
Liszt in ihre Mitte und machten ihm die schmahlichsten 
Vorwiirfe: G. lief .von Partei zu Partei' und schiirte das 
Feuer; Chorley war von einem franzosischen Journalisten 
angegriffen worden. Mr. J. J. wollte in dem englischen 
Gentleman "Wentworth Dilke einen Deutschen sehen, der 
ihn vernachlassigt hatte; ich trat zwischen Beide, um 
wenigstens diese ungerechte Contro verse zu enden. Ueber- 
haupt versuchte ich die geistig Blasirten zu versohnen 
und hielt Leichenreden uber die in Wortschwall Unter- 
gegangenen. Ich selbst blieb schussfrei und neutral; eben- 
so meine Wiener Freunde. Um 6 Uhr Abends verliess ich 
betaubt den Schauplatz des Skandals, der mir in den 
Ohren nachhallte. Zum musikalischen Kaffee bei der Grafin 
Almasy, aber nicht auf dem Festball, sondern lieber dies 
geschrieben und ein paar Stunden mit Fischhof verbracht,, 
der mir seine „Theorie des Transponirens" zeigte. . . ." 

Es giebt ein altes franzosisches Scherzgedicht : „Vous 
m'envoyez le lendemain un billet date de la veille." Etwas 
Aehnliches sollte Moscheles zu Ende des Bonner Musik- 
festes erfahren. Ihm war keine Einladung von Meyerbeer 
Oder Liszt zu den Hofconcerten in Stolzenfels und Coblenz 
gemacht worden, zu denen manche seiner Kujistbruder 
auf circulirenden Listen befohlen wurden; er reiste da- 
her am 14. nach Coin, traf dort mit seiner Familie zusam- 
men, widmete zwei Tage den Schonheiten des Doms und 



— H5 — ■ " 

einigen Freunden. Erst am 17., also nach seiner Abreise, 
erreichte die folgende Sendung Coin: 

„Verehrter Freund! Se. M. der Konig, der erfahren 
hat, dass sie in diesen Gegenden sind, hat befohlen, Sie 
einzuladen , dem Hof - Concerte beizuwohnen , welches der 
Konig in seinem Schlosse zu Coblenz morg-en Abend, 
Sonnabend den 16. giebt. Diesen mir sehr verehrten Auf- 
trag giebt mir diesen Augenblick der Herr Graf von 
Redern im Namen des Ivonigs. Aber es ist Mitternacht, 
das Concert in Stolzenfels ist eben voriiber, und es ist 
daher nicht moglich, Ihnen diese Zeilen vor Sonnabend 
friih nach Coin abzusenden, mogen sie nicht zu spat kom- 
men. Auf jeden Fall werden sie Ihnen ein Zeichen der 
achtungsvollen und freundlichen Erinnerung sein, in wel- 
cher Ihr Name beim Konig steht. Herzliches Lebewohl, 
thedrer Freund. Ihr ganz ergebenster * 

Meyerbeer." 

Herr Lefebre vom Hause Fck in Coin hatte dies 
Billet mit einigen Zeilen des Bedauerns begleitet, da er 
voraussah, dass sie Moscheles nicht rechtzeitig zukommen 
wiirden. Als Moscheles dem Schwiegervater eine Copie 
derselben einschickt, schreibt er dazu: 

„Ich tiberlasse es Ihrem Scharfsinn, das „Warum" 
und „Wieso" dieser Transaction zu ergriinden; warum 
ich nicht schon in Bonn zugleich mit den andern Kiinst- 
lern zu den Hofconcerten geladen wurde? Wieso des 
Konigs Befehl mich nicht rechtzeitig erreichte? Ein konig- 
licher Bote , Sonnabend friih den 16. d. M. von Stolzen- 
fels abgesandt, musste mich schnell in Coin treffen, meint 
man " 

In ihren Genii ssen durch diesen Zwischenfall nicht 
gestort, macht die Familie Moscheles die Rheinfahrt gleich- 
zeitig mit der Prinzessin von Preussen, und geniesst auf 
dem Dampfer erst ihre huldvolle Unterhaltung , dann 
Abends, den herrlichen Effect der fur sie beleuchteten 
Berge und Ruinen, „ein feenhafter Anblick." 

Ein stilles, freundliches Eckchen des Lichtenthals bei 

'Aloachelcs' Lebcn. II. * to 



— I46 

Baden nimmt sie und die Familie Rosenhain auf , „und 
; - es ist kein Ende der Spaziergange, der Pieknicks iri der 

reizenden Umgegend." 
i Felicien David ist in Baden und spielt Moscheles seine 

Es - dur - Symphonie aus der Partitur vor. „Die Musik 
hat viel melodischen Fluss, ist nicht vulgar, auch farben- 
reiche Instrumentation hat sie, nur nicht immer Einheit 
im Styl," 

Aus dem Badischen geht es nach Paris, wo Mosche- 
les seine Sonate symphonique componirt und sie dann 
mit Halle, spater rait seiner Tochter in befreundeten ktinst- 
lerischen Kreisen zu Gehor bringt. Tags vor seiner Ab- 
reise wird er nach St. Cloud befohlen, wo man die auch 
in der Oeffentlichkeit besprochene neue Composition horen 
will. „Am 23. November", sagt das Tagebuch, „mit E. nach 
* St. Cloud, von der koniglichen Familie freundlichst em- 
pfangen. Die Konigin, Mme. Adelaide, die Herzogin von 
/.; Orleans mit ihren Damen und Cavalieren beim Thee, der 

Konig kam aus einer anstossenden Galerie, urn die Sonate 
zu horen, die E. sehr brav spielte; sie musste auch Solo 
spielen; ich phantasirte a la Gretry, des Konigs Lieblings- 
genre. Alles machte den best en Eindruck." So schliesst 
der Pariser Aufenthalt. — Im December erreicht Mosche- 
les ein gewichtiger Brief- von Mendelssohn. „Wird er", 
heisst es darin, „die oft besprochene Uebersiedelungsidee 
wahr machen und am Leipziger Conservatorium mit ihm 
zusammenwirken? Welch' herrliche Fruchte liessen sich 
fur die Kunst und fiir die Freunde von Deiner Annahme 
erwarten! DassDirdas Leben hier zusagen wiirde, bezweifie 
ich keinen Augenblick, da Du das Leben dort so ansiehst, 
wie Du mir sagst. Auch gestehe ich Dir offen, dass Alles, 
was ich von dem dortigen Treiben jetzt hore, was ich 
zum Theil vor ein und ein halb Jahren selbst mitansah, 
' derart ist, dass ich wohl begreife, wie Dir der Aufent- 
halt von Jahr zu Jahr weniger zusagt , wie Du Dich von 
dem ganzen Wesen wegsehnst, . . . ." 

„Nun bitte ich Dich, wenn Du irgend etwas bei der 
ganzen Sache zu beriihren hast, sage es mir, und gieb 



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mir Gelegenheit, in einer Unterhandlung" thatig zu sein f 
■die moglicherweise eine der segensreichsten werden kann, 

die je fiir die hiesige Musik gefuhrt worden sind. . . ." : _' : i 

Moscheles' Annahme ware vielleicht sogleich erfolgt, % 

hatte der vrichtige Schritt nicht reifliche Ueberlegung "> 

erfordert. Er erbittet sich also Bedenkzeit von dem ;' 

Freunde und tauscht berathende Briefe mit dem Schwie- ■) ' 

gervater aus. " ■".-'. 



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S1EBENTER ABSCHN1TT. 

LEIPZIG. 

1846—1870. 



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1846. 

Schon am zweiten Januar erreicht der formliche An- 
trag des Leipziger Conservatoriums London; er ist in den 
freundlichsten Ausdriicken abgefasst und von den Herren 
Dr. Seeburg, Dr. Keil, Preusser und Schleinitz unter- 
zeichnet, und wieder schreibt Mendelssohn, wie „die Aus- 
sicht der Annahme ihm sehr, sehr grosse Freude macht.^ 
Und dann: „Am Tage, wo Du zusagst, trinke ich meinen 
besten Wein und etwas Champagner obenein." Dann fol- 
gen in diesem Briefe eingehende Notizen uber Einnahmen 
und Ausgaben in der neuen Stellung, und zum Schluss 
sagt er wieder: „Der allgemeine Wunsch der Hiesigen, 
und ihre allgemeine Freude bei dem Gedanken Deines 
Kommens ist dock- an und fiir sich etwas Ehrenvolles, 
das freilich in keinera Verhaltniss steht mit der Ehre, die 
Du den Hiesigen durch Deine Uebersiedelung erweisen 
wiirdest; — aber schon ein solches wechselseitiges Verhalt- 
niss ist gut und segensreich und bietet die beste Gewa.hr 
fiir eine frohe Zukunft. Kurz, ich mochte, Du kamest!" — 

Moscheles schreibt dem Schwiegervater am 21. Januar: 
„Die Fortsetzung meiner Leipziger Angelegenheit sehen Sie 
aus den beigelegten Copien der soeben erhaltenen Briefe. Ich 
bin mehr als je geneigt, meine hiesige Stellung aufzugeben.... 
Will man hier der Mann des Publikums sein, so muss man 
viele Concessionen machen und ich mochte weder in kauf- 
mannischen Zwecken componiren, noch da als Lehrer fun- 
giren, wo man meistentheils ohne tieferes Eindringen in 
die Kunst, nur der Mode halber lernt. Natiirlich bespreche 
ich die brennende Frage viel mit meiner Frau und wir 
sind uns ganz einig dariiber , dass wir bei Entbehrung so 



— I 5 2 — • 

/ 

mancher Comforts — die Grossartigkeit werden wir nie 
entbehren — nicht London in Leipzig such en wollen. Finde 
ich dort die kiinstlerische Existenz , die ich mir erwarte, 
so weiss ich gewiss, dass wir — ich obenan und meine 
Charlotte in der Riickwirkung — . vollkommen befriedigt 
sein werden. Bei einer Uebersiedelung wiirde ich auch 
das angenehme Bewusstsein mituehmen in England , da 
wo ich konnte, durch Lectionen, Spiel oder Geldmittel 
ausgeholfen zu haben, auch viele Freunde zuriickzulassen, 
die uns Alle ungern fortziehen sehen und deren Zuneigung 
und Umgang wir in der Feme schmerzlich vermissen 
werden. Dafur kommen wir manchen unserer Verwandten 
um soviel miner; das ist wieder ein Gutes. Vor der Hand 
spreche ich noch nicht von meinem Ruf nach Leipzig, 
iiber dessen Annehmbarkeit in pecuniarer Hinsicht ich 
mit mir erst einig sein muss; bin ich doch Familienvater. 
Halten Sie nur ferner als President Familien-Conseil und 
theilen mir das Protokoll der Sitzung mit; lassen wir uns 
aber keine grauen Haare daruber wachsen; denn was das 
Schicksal auch bringen moge, immer sind meine Charlotte 
und ich ein so gliickliches Paar, dass wir auch in einer 
Hutte zufrieden sein wiirden, immer werden wir versuchen, 
unsere Kinder so gut zu erziehen, dass sie keiner grossen 
Reichthiimer bediirfen, und Ihnen gegeniiber bleibe ich 
heute wie immer, in London wie in Leipzig, Ihr treuer 
Schwiegersohn I. Moscheles. 

Am 24. Januar kommt ein Brief von Mendelssohn, 
der durch seine Berechnungen die Zweifel iiber den pecu- 
niaren Status beseitigt, und am 25. Januar, einem Sonn- 
tag, sagt das Tagebuch: „Heute fasste ich mein Annahme- 
Schreiben an das Directorium des Leipziger Conservato- 
riums ab. — Nun ist der Schritt geschehen." Mendelssohn 
jubelt: „Ich lasse die Hauser roth anstreichen." Noch ehe 
die Neuigkeit die musikalische Welt durchlaufen hatte, 
kam ein Antrag aus Birmingham an Moscheles, das dortige 
grosse Musikfest im September zu dirigiren. Nur Mendels- 
sohn's Elias sollte unter dessen eigener Leitung gegeben 
werden. Nichts konnte fur Moscheles am Schlusse seines 



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" 153 _ — 

Aufenthalts in England ehrenvoller und erwiinschter sein. 
Er schrieb sogleich an Dlle. Lind und Pischek , um lhre 
Mitwirkung fur das Fest zu gewinnen , doeh gelang ihm 
dies nicht. — 

Noch aber ist Moscheles in London; wie seither stets, 
stellen sich wieder die Muhen der Saison ein, auch ihre 
Gaste. Es giebt viel Musik, alte und neue. „Unter andern 
bekamen wir Benedict's neue Oper „the Crusaders" 2U 
Itoren; eine angenehme, oft dramatisch efFectvolle Mu- 
sik mit pomposer Ausstattung. Cramer , Beale & Co. 
verlegen sie und als ich Benedict gestern dort traf, 
sagte er , wie sebr er wiinsche , dass ich etwas uber die 
beliebtesten Balladen schriebe; da sie aber meine Sonate 
symphonique als ein zu grosses und ernstes Werk nicht 
haben wollten,' so dankte ich." 

Moscheles' vier Matineen for classical pianoforte 
Music sind nun auch glorreich iiberstanden und das ist 
fur den "Vielbeschaftigten eine grosse Erleichterung , da 
das Aufsuchen und Wahlen unter den grossen Massen 
alter Musik ein weit schwierigeres Geschaft ist , als das 
Spielen selbst am Concerttage. Merkwiirdig ist der wach- 
sende Einfluss von jullien's Promenade - Concerts. Mme. 
D. sollte dort Beethoven'sche Solo's spielen , lehnte es je- 
doch ab, wahrend Sivori und seine Performances auf einem 
grossen Karren mit Jullien's Concerts in ellenlangen Let- 
tern bezeichnet, Regent Street auf- und abfahrt, und den 
beriihmten Geiger ankimdigt. 

Nicht lange, so beginnen die Sorgen und Muhen des 
Farewell-Concert (Absctueds-Concerts). Moscheles will b'ei 
dieser Gelegenheit dem Publikum zeigen,, dass er seine 
musikalische Laufbahh in England ebenso endet, wie er 
sie begonnen; es soil kein Monstre-Concert mit italieni- 
schen Sangern und einem "Wettkampf von Instrumenta- 
listen sejn ; er will nicht der Mode frohnen. Das Pro- 
gramm soil kurz aber inhaltsvoll werden; die vortreffliche 
Pianistin Mme. Pleyel will gefallig seine Sonate sym- 
phonique mit ihm spielen „und sie thut es mit einer Auf- 
fassung und einer Begeisterung, die mich begliickt", schreibt 



r ■ - -,' ■ '. ■ i. 

. — ' i54 — 

er spater. Den Sanger Pischek hat er engagirt und 
einige andere Freunde unterstiitzen ihn freundschaftlich. 
Er schreibt dem Schwiegervater am 19. Juni: „Der Aus- 
bruch des Enthusiasmus bei und nach meinem jedesmali- 
gen Spielen, das Tiicherwehen , das Cheering — Alles 
auf den Banken stehend, war ergreifend und bei meinen 
scheidenden Biicklingen konnte ich mich der Thranen 
nicht erwehren; dann blieb ich noch eine Stunde_ von 
Freunden und Bekannten umringt; ja brillanter hatte mein 
ofrentlicher Abschied nicht ausfallen kdnnen." 

„Und" , fiigt die Frau hinzu , „es thut wohl zu sehen, 
wie unsere echten Freunde es so passend und wurdig fur 
Moscheles finden, von jetzt an im Verein mit Mendelssohn 
eine offentliche Stelle zu bekleiden und von seinem hie- 
sigen ermudenden Leben auszuruhen." 

In diesen Sommermonaten ist aber noch an keine 
Ruhe zu denken. Die Programme fur das Musikfest in 
Birmingham miissen gemacht werden, er hat in Concerten 
zu accompagniren , zu spielen und bringt wiederholt das 
Bach'sche Concert mit den zwei Floten zu Gehor , das 
durch ihn ein Liebling des Publikums geworden ist. Die 
finishing lessons iiberdauern noch den Juli. Dazwischen 
giebt die Familie eine grosse Abschiedsfete; es sind 217 
Personen anwesend , und Moscheles schreibt dem Vater 
dariiber: 

„Gew6hnlich komme ich jetzt um ein oder zwei Uhr 
zu Bette und danke Gott, dass meine Constitution, die ich 
eisern nennen mdchte , die Tages- und Nach t- Arbeit aus- 
halt. Gestern , oder vielmehr heute um 4 Uhr bei auf- 
gehender Sonne zu Bette gegangen , schreibe ich Ihnen 
jetzt um acht Uhr von unserer gestrigen glanzenden Ab- 
schieds - Soiree. Musik von halb elf bis eins , dann Tanz 
bis drei Uhr; Charlotte und sogar ich Alter mit der Jugend 
unter den raschen Tanzern; doch ist auch sie schon auf 
und sitzt schreibend neben mir , wahrend die Madchen 
. ausschlafen. Heute habe ich sechs Lectionen und um fiinf 
Uhr muss ich im Freemason's Hall sein, um bei einem 
musikalischen Wohlthatigkeits - Diner musikalisch mitzu- 



— I 55."'— - / _ :'| 

wirken; morgen giebt's ausser den Lectionen das ellen- - '. ' r . : . 
lange Concert einer Schiilerin zu dirigiren. . . . ." 

Die Frau giebt viele Details iiber die Abschiedsge- ' -'■.. t 
aellschaft und fiigt hinzu: „Die Zeitungen horeh seit dem _ v 
Concert nicht auf, Moscheles' Lob zu posaunen und den ' ■■'.;; 
Verlust zu beklagen, den die Kunst durch seine Ueber- ■■;■:■; 

siedelung erleidet. Chorley hat ini Athenaum bei dieser f : 

Gelegenheit eine Frage aufgeworfen, die mir die einzig , ; i 

richtige sdheint: „Warum hat die grosse Stadt London . . ■■ -■"% 
dem grossen Kiinstler nicht eine Anstellung geboten, die - ; 1 

ihn eben so sicher und angenehm fesselt , wie es nun die 
small burgher town thut? Das hatte all' ihren Klagen 
iiber seinen Verlust abhelfen konnen " , ~J 

Dieses Jahr sollte nicht nur durch die Uebersiedelung, 
es sollte ein in jeder Beziehung ereignissreiches-werden, ■ ' ; - 
da der Hausfreund , Mr. Roche , urn die alteste Tochter 
anhielt, deren Lehrer er seit mehreren Jahren gewesen 
war. Die Neigung erwies sich als eine gegenseitige; so <~ 
verlobte sich das junge Paar unter den Segenswiinschen ■ •. 

der Eltern und feierte am 10. September seine Hochzeit. 

Moscheles' Tagebuch berichtet, wie Mr. Bartholomew, 
der Uebersetzer des „EHas" die Partitur des ersten Theils 
bringt und „wie sich ihm schon am Clavier die Schonheit 
desselben entwickele; immer mehr und mehr in den vor- 
bereitenden Proben." Am 10. August ist die erste Probe 
unter Mendelssohn's Leitung im Moscheles'schen Hause. 
Dieser folgen zwei Orchesterproben in den Hanover-Square- ■ 

rooms unter gleichem Entziicken der kleinen Hdrerschaar, 
„aber die Sangerinnen machen Mendelssohn zii schaffen." .". 

Die Arie liegt nicht -gut in der Stimme, heisst es, er soil 
sie transponiren. Er widersteht hoflichst, aber mir theilt 
er seine Herzensmeirruiig „iiber "so ein ' Ansinnen" unge- 
schminkt mit, sagt Moscheles. Nun geheri Alle nach Bir- 
mingham, Moscheles halt sogleich eine Probe, ist aber am : . 
n'achsten Tage so unwohl , dass Mendelssohn ihn in einer 
Abend- Vor probe vertreten muss; wieder hergestellt, kann 
er die erste Morgenproduction, die „Sch6pfung l " dirigiren. 
Hierauf folgen einige Stiicke aus Rossini's Stabat Mater. 



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■ ;- i56 - 

mit den Damen G-risi, Bassano und Sigr. Mario, Darauf ehi 
gemischtes englisch-italienisches Programm (dreistiindig 
von elf bis zwei Uhr); „das befriedigte das Publikum voll- 
kommen. Abends hatte ich noch Proben verschiedener 
Stiicke". .Die Frau meldet: „Wir flogen in drei Stunden 
hierher und gingen sogleich in die Town Hall. Dies noble 
Gebaude sieht liber alle Bescbreibung schon und grossartig 
aus, und als ich meinen Mann auf diesem prachtvollen 
Orchester mit Entbusiasmus empfangen sah , ergriff es 
mich tief und freudig. Nacli der Probe las er noch in 
seinen Partituren, ich half Mr. Bartholomew bei der Cor- 
rectur des Textes, Alles bis gegen ein Uhr Nachts. Das 
Fest soil ein besonders ergiebiges werden , wie der unge- 
wohnlich starke Verkauf der Sperrsitze beweist. . . . Mo- 
scheles wird bier zerrissen und findet wohl kaum Zeit, 
urn selbst zu grussen." 

„Und doch will ich sie finden" , setzt er hinzu , „bis 
ich spater ausfuhrlicber berichte." Am folgenden Tage 
schrieb er: ,,26. August. — Mendelssohn feierte bei der 
beutigen AufFiibrung seines Eli as den grossten Triumph! 
Nacb meiner Meinung hat diesWerk noch regere Schwung- 
kraft, noch mehr dramatische Mannigfaltigkeit — aber 
im reinsten • Oratorienstyl — als der Paulus, und stellt 
ihn auf erne noch hohere Stufe." Die Frau schreibt er- 
ganzend : , Ja , Mendelssohn's Triumph bei der gestrigen 
Auffiihrung war etwas ganz Unglaubliches , Unerhortes. 
Ich glaube, elf Nummern mussten wiederholt werden und 
zwar unter Klatschen und Beifallssturm , wahrend sonst 
alles Applaudiren bei diesen Musikfesten streng verpont 
ist. Soil etwas wiederholt werden , so erhebt sich der 
President des Fest - Comite's und winkt mit seinein Pro- 
gramm dem Director 2U — das ist das Zeichen. Diesmal 
aber war Alles so hingerissen, dass man dem Beifall keine 
Fesseln anlegen konnte, und es ging larmend her, wie im 
Parterre eines Theaters. Staudigl war ein herrlicher Elias, 
der Bassist Phillips vortrefflich und an den Leistungen 
der beiden Miss Williams hatte Mendelssohn besonderes 
Gefallen. Nach dem Elias giebts in derselben Morning- 



w?vv ~;t- ™*? 



— J 57 — 

performance wieder Arien aus Mozarts Davide penitente, 
Abramo von Cimarosa und Handels Coronation- Anthem, 
die Moscheles zu dirigiren hatte. Das Abend-Concert, auch 
unter seiner Leitung, brachte Beethoven's A-dur-Sym- 
phonie -und Ouverture von Spohr , „an denen das Publi- 
kum weniger Gefallen fand", sagt das Tagebuch, „als an 
englischen Glees und Songs, ,die wieder verlangt wurden; 
der Gesang .der anwesenden Englander, Italiener und un- 
seres deutschen Staudigl, so wie die „Recollections of lie- 
land", die ich spielte, erregten grosse Zufriedenheit." Der 
27. August brachte Morgens den Messias unter Moscheles' 
Leitung. „Der Veteran Braham", sagt das Tagebuch, „er- 
oftnete ihn mit den Ruinen seiner Stimme, Staudigl er- 
hob das Gauze." 

„Im Abend-Concert gab's Ouverture zu Preciosa, ver- 
schiedene Gesangstiicke, mein „Hommage a Handel" mit 
Mendelssohn und seine Musik zum Sommernachtstraum." 

,,'Am 28. August eine gewaltige Mischung, aber nur 
so wollte man es. Erster Theil: Mehuls Ouverture zu 
Joseph; mein dreiundneunzigster Psalm fur Soli, Chor und 
Orchester: das Kyrie, Gloria, Sanctus und Benedictus aus 
Beethoven's D-dur-Messe; das Hallelujah aus Christus am 
Oelberge. Dann unbedeutendes Orgelspiel, Hymne an die 
Gottheit von Spohr, wieder verschiedene Gesangstiicke 
und ein Anthem von Handel. Dabei ereignete sich fol- 
gende Episode. Die Stimmen eines kleinen, in den Text- 
biichern gedruckten Recitativs waren nicht bei der Hand. 
Eine grosse Verlegenheit. Mendelssohn half aus, indem er 
in einem Nebensaale, wahrend die vorhergehenden Stiicke 
des Concerts gemacht wurden, das Recitativ componirte, 
instruments te und die Stimmen copirte; diese wurden dann 
— die Dinte nur halb' getrocknet — ohne Probe von dem 
Orchester vortrefflich gespielt und das Publikum merkte 
Nichts. So macht's ein Mendelssohn." . 

Am 29. August schreibt die Frau von London aus: 
„Gestern um vier Uhr endete ein Tactschlag unseres Mo- 
scheles das grosse Birminghamer Musikfest, das in der 
Meinung aller Anwesenden eins der brillantesten und 



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schonsten war. Auch hat das Comite meinem Mann seine 
ganze Zufriedenheit in den schmeichelhaftesten Ausdriicken 
zu erkennen gegeben. Moscheles' kurzes , aber zur Zeit 
doch beangstigendes Unwohlsein war die einzige Fatalitat: 
nur zeigte es uns Mendelssohn wieder im schonsten Licht." 
„Ja", fiigt Moscheles hinzu, „ seine Theilnahme war bruder- 
lich, seine oftmaligen Besuche, wahrend die ganze Welt 
ihn gerne gehabt hatte, se*ine Aufmerksamkeiten fur mich, 
wahrend er so Grosses vorhatte, waren off ruhrend. Als 
er aus der Vorprobe kam , die er statt meiner dirigirt 
hatte, schien er sehr erschopft, Charlotte reichte ihm ein 
Glas Champagner und der Effect war magisch; es hatte 
ihn neu belebt. Jetzt sind die musikalischen Geschafte 
beseitigt, aber wieviel ander& stehen uns bevor. . . ." Es 
sind hauptsachlich die Uebersiedelungs - Geschafte; denn 
am 15. September verlasst die Familie das Haus , in welt 
chem sie sechszehn gliickliche Jahre verlebt hatte. Alle 
Raume werden noch einmal und mit nassen Augen durch- 
wandert. Hier sind die beiden jiingsten Kinder geboren, 
dort ist das Zimmer , wo allmorgentlich an ihrer Bildung 
gearbeitet, ihreSpielegeleitetwurden; hier sind die sorgen- 
vollen Krankheitsnachte an ihren Betten durchwacht, dort 
die Genesungsfeste, die Geburtstage frohlich und daukbar 
gefeiert. Manches Werk, das noch lebensfahig, entstand 
da unten im Studirzimmer des Meisters , ging hinaus in 
die Welt und brachte seinem Schopfer Ehre; sein Fleiss, 
sein unermiidliches Streben gab ihm die Mittel an die 
Hand, der Familie in diesen Raumen die angenehmste 
Existenz zu bereiten. . . . 

In Frankfurt geniesst man das Gluck, die hinreissende 
Jenny Lind zu horen. Dann geht die Reise weiter und 
man schwelgt in den Schonheiten des Rheins. 

Die Eisenbahn ging 1846 noch nicht bis Leipzig, sie 
komraen also am 21. October auf der Poststatibn in Leipzig 
an. „Dort", sagt das Tagebuch, „kam uns Felix Mendels- 
sohn nicht nur freundlich, sondern mit warmer Theilnahme 
entgegen. Wie ein Kurier, den man vorausschickt , um 
die nothigen Einrichtungen zu treffen, hatte er Alles fur 



ra^:!^ j^r$'~vT i^ri ;r - ■■ z : --^ :'^ : ' v^ ^- ~y-^- *-f~m^:. j^?^-m 

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' v / - I59 '-- ' .' -""■ ' "V"3§ 

unseren Empfang vorbereitet. Wir rriussten seinen Wagen ;v? 

besteigen, der uns nach dem grossen Blumenberg fuhrte, ^ 

Dort hatte er uns Zimmer gemiethet, dorthin kam seine ^ 

Erau und Beide waren eifrig benvuht , unsere temporare .£ 

Einrichtung bestens zu leiten." ■ '■$ 

Am 36. October schreibt Moscheles den Verwandten: . ■; 

„Meine Theuren! Der neue, wahrscheinlich letzte Ab- ~~l 

schnitt meiner Kunst- und Lebens - Lauf bahn nimmt Euer 
Aller Theilnahme so sehr in Ansprucb, dass ich Euch "_ -■'-. 
insgesammt dariiber berichten mochte. Er bat 'unter Got- -\% 
tes Beistand, unter- den besten Auspizien stattgefunden, ": 

und wer ist die Triebfeder unserer Zu